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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
"Strafsache gegen Mulka u.a.", 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

141. Verhandlungstag, 5.3.1965

 

Vernehmung des Zeugen Mykola Klymyšyn

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Detroit.

 

Vorsitzender Richter:

In Detroit. Und sind von Beruf?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich bin von Beruf ein Zeichner in Amerika. Ich bin Doktor der Philosophie in ukrainischer Literatur. Aber das kann ich jetzt nicht brauchen, denn ich bin nicht in der Ukraine.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind zur Zeit technischer Zeichner, oder?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie sind von der Verteidigung benannt worden. Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie waren ebenfalls im Lager Auschwitz.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl, ich war dort vom 8.8.42 bis 19.12.44.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich wurde in Schitomir in der Ukraine, zirka 60 Kilometer von Kiew, verhaftet.

 

Vorsitzender Richter:

Westlich von Kiew, ja. Und warum sind Sie verhaftet worden?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Kann ich das breiter sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, es würde uns nur interessieren, ob aus politischen Gründen oder aus rassischen oder sonstigen Gründen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Aus politischen Gründen, denn ich stand der Gruppe sehr nahe, welche den freien ukrainischen Staat erklärt und die ukrainische demokratische Regierung gebildet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also aus politischen Gründen sind Sie verhaftet worden und kamen am 8.8.42 nach Auschwitz.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wo haben Sie denn gearbeitet im Lager Auschwitz?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Im Lager Auschwitz habe ich zuerst im Kleberkommando gearbeitet. Das war ein Kommando, welches die Aufgabe gehabt hat, an den Blöcken, welche sehr mit Läusen und Flöhen gefüllt waren, die Fenster und Türen zuzukleben, für die Vergasung vorzubereiten und zu desinfizieren. Es waren ungefähr dreieinhalb Wochen.

Danach habe ich bei der Beseitigung der Baracken gearbeitet. Denn das Konzentrationslager Auschwitz war, bevor ich gekommen war, so gebaut, daß die hohen, zweistöckigen Häuser mit den einstöckigen Baracken vermischt waren. Nachdem die das [unverständlich] haben, haben sie die Baracken rausgeschmissen. Und dabei habe ich zirka vier oder fünf Wochen gearbeitet.

Nachdem vergast war, und das Gas ging raus, habe ich diese Blöcke saubergemacht. In der Zeit war ich dem sogenannten Stubendienst zugeteilt. Aber wir haben die Blöcke vorbereitet für die Leute, für die Häftlinge, welche dort reinziehen sollten. Wir sollten die Fußböden und Wände waschen und dann die Betten bringen, Strohsäcke laden. Es dauerte auch, ich kann es nicht sagen, drei Wochen.

Und nach dieser Arbeit wurde ich im Steinbruch eingesetzt. Aber von diesem Kommando bin ich entlaufen. Und ich habe in dieses Kommando, welches saubergemacht hat, mich

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Geschmuggelt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Das waren nur zwei Tage, daß ich die Steine gebrochen habe und fünf Kilometer aus dem Lager mit dem Karren hinausgefahren bin und damit die noch nicht gebrochenen Steine eingeführt habe. Das war sehr schwere Arbeit, und ich bin entlaufen. Das gelang mir, und ich habe in diesem Saubermachenkommando gearbeitet. [...] Aus diesem Kommando wurde ich auf Block 7a überführt. Und ich war dort drei [+ Tage], keine ganze Woche. Und dann wurde ich dem Straßenreinigerkommando zugeteilt. Es war schon, nachdem die Ukrainer, politische Häftlinge, in ein anderes, gemeinsames Kommando aufgeteilt wurden. Und ich arbeitete bis zum späten Herbst in diesem Kommando.

Danach wurde ich in die Kartoffelschälerei überführt. Aber dort konnte ich nicht arbeiten, denn den ganzen Tag sollte ich in Wasser arbeiten. Meine Hände waren geschwollen, und ich meldete mich zu der schwereren Arbeit, die Kartoffeln zu tragen. Eines Tages, als ich eine Trage mit Kartoffeln getragen habe, habe ich den Unterscharführer Stark gesehen. Er war in der Stube und hat nachgeguckt und hat die Häftlinge gefragt: "Wer ist der Mann?" Und er zeigte auf mich. Die sagten ihm, ich sei Ukrainer. Und er hat mir gesagt, das hinzuschmeißen, rief mich zu sich und [fragte], was ich von Beruf bin. Ich sagte: "Ich bin Student." Und er fragte mich, ob ich Deutsch spräche. Da habe ich jawohl gesagt. Und er hat mich gefragt, ob ich Schreiben und Maschineschreiben kann, Deutsch. Ich habe auch jawohl gesagt.

Dann hat er mich rasieren lassen, waschen lassen, hat mir saubere Kleidung gegeben und hat mich in die Schreibstube des Aufnahmekommandos eingeführt. Es war leichte Arbeit.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es war ungefähr an den ersten Tagen des 43. Jahres.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 43?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Die Sache war nämlich die: Die haben viele Ukrainer, die von der Arbeit in Deutschland weggelaufen sind, alle im Konzentrationslager dafür eingesetzt. Und die kamen, und sie konnten sich nicht gut verständigen, wenn sie vernommen wurden, wenn sie als Zugänge kamen. Und in diesem Aufnahmekommando brauchten sie Ukrainer, die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Sprache beherrschten.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Und das waren ich und Vitošyns'ky, welcher hier schon als Zeuge war.

Ich habe noch etwas zu sagen [zu der Angelegenheit], daß mein Chef Stark dort immer solche Leute eingeführt hat, von welchen er dachte, sie sind nicht vorbereitet, dieses Schicksal zu ertragen. Zum Beispiel hat er einen kleinen polnischen Häftling, Janek Klimek, ins Kommando genommen, denn er war noch nicht ganz 15 Jahre alt. Er hat ihm die kleinen Zettel mit Nummern vorzubereiten gegeben, welche den Häftlingen gegeben wurden, wenn die neu gekommen sind. Auch hat er einen 17jährigen Holländer mit seinem Bruder - die beiden waren Söhne des holländischen Oberst - in dieses Kommando eingeführt.

Ich wollte auch sagen - ich meine, der Unterscharführer Stark ist hier zwischen den Angeklagten. Als er der Front zugeteilt wurde, sagte er uns - ich habe das persönlich gehört -, daß er froh und glücklich ist, daß er von Auschwitz weggeht. Er wollte aber besser an die Westfront, nicht an die Ostfront gehen. Das ist alles, was ich für den Angeklagten Stark sagen wollte.

Nun, von dem Dylewski habe ich gehört, er befindet sich hier. Und ich wollte sagen, daß Stark mich mit dem Dylewski bekannt gemacht hat. Er war dort damals Unterscharführer. Wie ich jetzt weiß, ist er Diplomingenieur. Und er war als Student in Danzig. Er war befreundet mit den ukrainischen Studenten, die dort studierten. Und er hat einige Sätze mit mir gesprochen. Nach diesem Gespräch hat er mir gesagt: "Wenn Sie einmal Schwierigkeiten haben, sagen Sie Ihrem Chef, daß er sich mit mir in Verbindung stellt."

Es waren seit dieser Zeit ungefähr acht oder mehr Monate vergangen, und es ist ein Transport aus dem Gefängnis in Lwów, das zu deutsch Lemberg genannt wird, gekommen. Es waren mehr als 150 Leute. Die waren so ausgehungert, sie sind in Birkenau eingetroffen. Birkenau und das Konzentrationslager Auschwitz I, das war ein großer Unterschied in den Umständen, in den Lebensverhältnissen. Und ich bin zum Diplomingenieur Dylewski gegangen und habe ihn gefragt, ob er denen helfen kann. "Um Gottes willen", sagte er, "ich dachte, du wirst kommen, um dir alleine zu helfen. Und du kommst, um für"

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

150.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

"So viele Leute um Hilfe zu fragen. Ich weiß nicht, ob ich helfen kann, aber ich werde es versuchen."

In den nächsten Tagen habe ich erfahren, daß diese Leute von Birkenau nach Auschwitz I verlegt wurden. Die waren einige Tage in Block 11, und dann wurden sie in Block 17 eingetragen. Und auf dem Block war geschrieben: Quarantäne. Die sollten nicht zur Arbeit gehen.

Und daß die nicht gleich zur Arbeit gegangen sind, ich meine, das hat ihnen das Leben gerettet. Denn so, wie die aussahen zu der Zeit, wenn die gleich zur Arbeit gegangen wären

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie hätten nicht überlebt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Ich wollte auch sagen, daß ich hierher komme, um der Gerechtigkeit zu dienen. Ich wurde von Deutschen von der Gestapo am Anfang meiner Verhaftung so geprügelt, daß ich vier Tage bewußtlos gelegen habe. Ich war vier Tage dort, das habe ich festgestellt, weil der SS-Mann, das war ein Gestapo-Mann, als ich mich rührte, gekommen ist und sagte: "Es war hier vor drei Tagen ein Mann, welcher nach dir gefragt hat." Ich sage: "Wieso drei Tage? Bin ich hier schon so lange?" "Ja", sagt er, "du bist hier schon vier Tage, und du hast kein Zeichen des Lebens"

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gegeben.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Gegeben. Da konnte ich nicht gehen, denn alles, was geprügelt worden war, war wie ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Brett.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja. Ich konnte keinen Schritt machen. Und in Schitomir war ich einige Wochen, dann in Lemberg, dann in Montelupich. Und dann wurde ich nach Auschwitz überführt.

Ich wollte sagen, daß die ukrainischen politischen Häftlinge, die ins Konzentrationslager Auschwitz gekommen sind, in zwei größeren Transporten gekommen waren. Der erste Transport war am 20. Juli [+ 1942]. Am 22. Juli kam Oleksa Bandera. Und dann, am 8.8., sind mit mir noch 23 Leute gekommen. Von diesem ersten Transport sind 13 gestorben. Es waren 24, und 13 von denen sind gestorben. Und aus meinem Transporte sind drei gestorben. Oleksa Bandera konnte mich nicht erkennen, als ich gekommen bin. Er war schon so geschlagen, daß er mich nicht erkennen konnte. Ich bin ihm begegnet in dem Lager. Wir wurden geführt, und ich habe ihn gefragt: "Oleksa, du erkennst mich?" "Wer bist du?" Und er war schon so schmal, die Lippen geschwollen und schwarz. Hier hatte er einen blauen Fleck vom Schlagen. Und er war fast nicht geistig anwesend. Aber ich konnte nicht länger mit ihm sprechen. Ich wurde geführt.

Am nächsten Tag habe ich erfahren, er sei schon im Krankenbau. Ich habe gehört, daß Vasyl Bandera und Oleksa Bandera, die Brüder des Stepan Bandera, bei den Polen geschlagen wurden und deswegen gestorben sind. Ich habe gehört, daß es in dem Kommando [geschehen] ist, welches der Oberkapo Kral geführt hat. Er hat mit diesem Kommando auf Block 1 und 2 gearbeitet, um diese Blöcke zu bauen. Das war das Kommando Neubau, meine ich. Das ist alles, was ich sagen wollte. [Pause]

Und in der ukrainischen Zeitung habe ich gelesen, daß die Zeugen sagen, daß die aus Block 10 nach Block 11 gesehen haben, daß Dylewski jemanden erschossen hat. Ich wollte Ihnen sagen, daß es meiner Meinung nach unmöglich ist. Denn auf den Fenstern war die Abdeckung, und durch das Fenster konnten sie nur nach oben sehen. Auf diesem Block waren die Frauen. Und niemand von den Männern, Häftlingen, konnte dorthin kommen ohne den SS-Mann. Es ist bestimmt so, niemand konnte dort sein.

Wenn er mit dem SS-Mann gekommen und wenn es nicht ein bedecktes Fenster gewesen wäre, hätte er einen Blick werfen und etwas auf dem Hofe sehen können. Aber wenn er sagt, daß er durch ein Loch geschaut hat - das war in Anwesenheit des SS-Manns unmöglich.

Weiter wollte ich sagen, daß wir alle SS-Männer, ob die Gemeine oder Unterscharführer oder Scharführer waren, nur nach den Familiennamen [kannten]. Und ich habe den Diplomingenieur Dylewski mehr als acht Monate gekannt. Ich habe niemals gehört, daß er den Namen Klaus hat. Seinen Namen Klaus habe ich erst gelesen, als sein Rechtsanwalt, ich meine, Strube, Straube...

 

Vorsitzender Richter:

Steinacker.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, es war der andere. Fünf Jahre oder vier Jahre vordem hat er einen anderen Rechtsanwalt gehabt. Ich erinnere mich nicht, Strube oder Straube oder... Sprecher (nicht identifiziert):

Aus Kassel.

 

Staatsanwalt Vogel:

War das damals noch der Herr Isele?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte schön?

 

Staatsanwalt Vogel:

War das noch der Herr Isele?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Wahrscheinlich.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Schmidt-Leichner?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, nein. Strube oder Straube.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Strube.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Strube, ja. Er hat nach mir gesucht. Und er hat an den ukrainischen [Pause] Verlag geschrieben, ob die einen Mann kennen, welcher in der ukrainischen Bandera-Gruppe als Ältester war. Und die haben mir diesen Brief nach

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Detroit geschickt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Detroit geschickt. Und erst dann habe ich erfahren, daß Dylewski Klaus heißt. Niemand hat die SS-Männer nach den ersten Namen [gekannt], nur nach Familiennamen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn das Gegenteil behauptet?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn behauptet, daß es anders gewesen sei?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe von meinen Kameraden in diesem ukrainischen Verlag, die ich besucht habe, erfahren, daß jemand sagt, er hörte, daß "Klaus" jemanden erschossen hat. Ich wollte sagen, daß in Auschwitz zwei SS-Männer waren: ein Clausen und ein Clauss, welcher keine gute Aussprache gehabt hat. Er hat Klausch (!) gesagt, und wir haben ihn Clauss genannt. Das ist alles, was ich sagen wollte.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie etwas davon gehört oder erlebt, daß der Angeklagte Dylewski sich beteiligt hat an Erschießungen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, das habe ich niemals gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe das nur in ukrainischen Zeitungen gelesen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber in Ihrer Zeit in Auschwitz haben Sie davon nichts gehört?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Niemals.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie hat sich denn Dylewski den übrigen Gefangenen, auch den Nichtukrainern gegenüber verhalten?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Er wurde sehr seltsam (!) in dem Lager zwischen den Drähten gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen sagen, er war eine Ausnahme?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Er war im Büro. Er arbeitete

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat gesagt "seltsam".

 

Staatsanwalt Vogel:

Selten.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, selten.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Selten, ja. Er wurde einige Male in dem Lager gesehen. Größtenteils hat er in der Politischen Abteilung hinter den Drähten gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, ich möchte noch einmal zurückkommen auf den Tod der Gebrüder Bandera. Sie haben uns gesagt, daß Oleksa Bandera am 22.7. mit 24 anderen gekommen ist und daß von diesen 24 13 gestorben sind.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Vasyl Bandera war am 20.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, ich meine jetzt Oleksa.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Oleksa war am 22.

 

Vorsitzender Richter:

Am 22.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, er war alleine.

 

Vorsitzender Richter:

Am 22. ist er gekommen, allein.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Transport von 24 Leuten, von denen 13 gestorben sind, wann ist der gekommen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Am 20. Juli.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war dabei?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Dabei war Bandera, Vasyl.

 

Vorsitzender Richter:

Da war der Vasyl dabei?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Der jüngere Bruder.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Stepan?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Stepan war niemals in Auschwitz. Er war in Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind am 8.8. hingekommen. Am 8. August sind Sie dort hingekommen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Und da war also Oleksa seit dem 22.7. dort.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Und ich habe ihn einmal gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Sie ihn gesehen hatten, war er, so, wie Sie es uns geschildert haben, zerschlagen und wie geistesabwesend, sagten Sie, nicht? Sie sagten, Oleksa Bandera war bei einem Baukommando - Sie glaubten, Kommando Neubau hätte es geheißen - unter dem Kral tätig.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Ich habe das niemals gesehen. Ich habe es von meinen Freunden gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und welche Freunde waren das, die Ihnen das gesagt haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Alle von dem ersten Transport. Denn als wir gekommen sind, war Vasyl Bandera schon im Krankenbau, und wir haben keinen Zutritt dort gehabt. Und Oleksa Bandera, meine ich, ging am zweiten oder dritten Tag, nachdem wir im Lager eingetroffen waren, auf den Krankenbau. Ich habe ihn nur einmal gesehen. Beide sind später verstorben.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie damals, also nicht jetzt neuerdings durch Zeitungen, sondern damals im Lager Auschwitz etwas davon erfahren, wie die beiden Brüder Bandera ums Leben gekommen sind?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie soll das gewesen sein?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Die haben ihm immer die schwerste Arbeit gegeben. Und wenn er gefallen ist, haben sie ihn geprügelt und mit Füßen getreten.

Aber wie es war, weiß ich nicht. Ich kann es nicht sagen, ich kann es nicht behaupten.

 

Vorsitzender Richter:

Und dieser Kral, den Sie nannten, war das ein Kapo?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ein Oberkapo.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Oberkapo.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wußten Sie das damals schon?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Die Kameraden haben mir ihn ganz genau gezeigt. Ich habe ihn sehr oft gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie ihn von früher schon, den Kral?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, nein. Wir haben immer gedacht, er ist ein Reichsdeutscher. Er hat niemals Polnisch gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal, ist die ukrainische Gruppe oder sind die ukrainischen Gruppen irgendwie besser gestellt gewesen als die anderen Häftlinge?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wenn wir besser gestellt gewesen wären, dann wären von den 24 Leuten nicht 13 gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie dann in der Folgezeit von der Politischen Abteilung irgendwelche Bevorzugungen, Vorteile?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, nur in diesem Falle, den ich Ihnen vorgestellt habe. Daß die in Birkenau sein sollten, und auf meine Bitte wurden sie mit Hilfe des Unterscharführers Dylewski überführt und unter Quarantäne gestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Wurden von diesen Ukrainern irgendwelche als Spitzel eingesetzt? Wissen Sie, was das ist, ein Spitzel?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein. Ich kann das unter Schwur sagen, daß die ukrainischen politischen Häftlinge das niemals gemacht haben. Wir waren die, die gegen die Deutschen waren.

Ich habe hier ein Buch, welches ich Sie bitten möchte, in die Akten [aufzunehmen]. Denn dort ist sehr genau [+ beschrieben], wie wir gearbeitet haben. Wir haben der deutschen Regierung, der damaligen deutschen Regierung, die Frage gestellt, ob sie unsere Freunde oder Feinde sind. Wir haben den freien ukrainischen Staat erklärt, und die haben uns verhaftet. Und auf diesem Wege haben sie uns gezeigt, sie sind unsere Feinde.

Und von dieser Zeit an haben wir die Waffen gesammelt, welche die Russen [+ zurück]gelassen haben. Wir haben uns für den Austritt mit Waffen vorbereitet. Und so lang, wie ich im Frieden war, habe ich persönlich mit meinen Leuten - ich habe unter meiner Führung 3.000 Leute gehabt -, wir haben die Waffen gesammelt und in den Wäldern versteckt. Und in der Zeit, als ich schon im Konzentrationslager war, sind die ukrainischen Nationalisten mit Waffen aufgetreten als die Armee der aufständischen ukrainischen - der Name ist UPA, Ukrainische Partisanenarmee.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war schon 1942 in Schitomir?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

42 haben sie angefangen in den Wäldern in Wolhynien. Es ist die Nordseite der Ukraine. Die Ukrainer haben viele Hoffnungen gehabt, daß die Deutschen, die deutsche Regierung, unsere Freiheitsbestrebungen verstehen werden und unseren freien Staat, welchen wir erklären werden, anerkennen. Aber sie haben ihn nicht anerkannt. Und von dem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Zeitpunkt ab.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

An den ersten Tagen im Juli 1941 haben wir schon den Krieg begonnen. Es war, wie ich gesagt habe, nicht gleich mit Waffen. Wir haben Waffen gesammelt, denn wir bereiteten uns vor. Und ich meine, im Sommer 42 waren schon in Wolhynien einige Gruppen unserer unterirdischen Armee tätig. Wir wollten so lange [warten], wie es möglich war, um uns besser vorzubereiten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gut. Sind noch Fragen an den Zeugen? Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Zeuge, kennen Sie den Professor Mircuk?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Professor Mircuk?

 

Richter Hotz:

Ja.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es sind zwei Namen

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Petro.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Petro Mircuk ist mir bekannt. Er war im Konzentrationslager. Er kam mit dem ersten Transport.

 

Richter Hotz:

Er hat hier als Zeuge - das will ich Ihnen vorhalten - ausgesagt, daß Oleksa Bandera zwei Tage nach Vasyl angekommen ist und sofort von dem Oberkapo Kral empfangen worden ist. Der hat ihn gefragt, ob er der andere Bandera sei, und Oleksa Bandera sei dann sehr bald, nach wenigen Tagen bereits, im Krankenbau abgeliefert worden und aus diesem Krankenbau nicht wieder entlassen worden. Nach der Schilderung dieses Zeugen könnten Sie am 8. August Oleksa Bandera gar nicht mehr gesehen haben.

 

Vorsitzender Richter:

[unverständlich]

 

Richter Hotz:

Ja, erst Vasyl am 20., und Oleksa zwei Tage später.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe gesagt, daß ich Vasyl Bandera nicht gesehen habe.

 

Richter Hotz:

Nein, nein

 

Zeuge Mykola Klymyšyn [unterbricht]:

Den Oleksa Bandera habe ich gesehen. Und einen Tag, nachdem ich ihn gesehen hatte, am nächsten Morgen, ist er in den Krankenbau gegangen.

Ich [weiß] das sehr gut. Dieses Bild steht noch jetzt vor mir, denn er war mein sehr guter Freund. Er saß mit mir auf demselben Zimmer im Montelupich-Gefängnis. Und nach der kurzen Zeit war er schon so geworden, wie ich es Ihnen beschrieben habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Er war schon so geworden, wie ich es Ihnen beschrieben habe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Richter Hotz:

Also ich kann Ihnen mal vorlesen oder vorhalten, w as dieser Professor Mircuk hier gesagt hat: "Nach zwei Tagen kam [Oleksa] Bandera. Vasyl Bandera war schon tot. Doktor [Oleksa] Bandera kam in dasselbe Kommando. Kral sagte zu ihm: ›Dein Bruder ist schon tot, du wirst auch noch drankommen.‹ Das hat er nach dem Appell gesagt, als die Arbeitskommandos zusammengestellt wurden. Er rief laut: ›Wo ist der zweite Bandera?‹ Der Oberkapo Kral und der Kapo Poczulski haben gesagt zu ihm: ›Versuche nicht zu entkommen. Dein Bruder ist schon erledigt, heute kommst du an die Reihe.‹ Doktor [Oleksa] Bandera wurde ebenso wie sein Bruder geschlagen. Er wurde dann auf den Schubkarren gelegt und abends in den HKB von Häftlingen gebracht, in den Häftlingskrankenbau. Ich habe ihn nachher nicht mehr gesehen, am nächsten Tage habe ich gehört, daß er ebenfalls schon tot sei."

Nach dieser Schilderung und der darin enthaltenen zeitlichen Reihenfolge wäre es nicht möglich, daß Sie am 8. August [Oleksa] Bandera noch gesehen hätten. Aber Sie sind sich sicher, daß Sie ihn gesehen haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja, das ist richtig. Es ist möglich, daß er die Zahl der Tage vergessen hat. Denn wir wußten sehr oft nicht, was für ein Tag es ist.

 

Richter Hotz:

Dann etwas anderes: Sind Sie sicher, daß Sie im Januar, also Anfang 1943, von dem Angeklagten Stark in die Aufnahmeabteilung geholt worden sind?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ungefähr in dieser Zeit. Das war Anfang des [+ Jahres] 43.

 

Richter Hotz:

Kann es nicht schon Dezember 42 gewesen sein? Vor Weihnachten 1942?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es kann sein, es kann sein. Aber das war in dem Zeitraum von den Feiertagen.

 

Richter Hotz:

Wissen Sie, wie lange der Angeklagte Stark in dieser Aufnahmeabteilung Ihr unmittelbarer Vorgesetzter gewesen ist?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nicht zu lange. Ich kann nicht sagen, ob er drei Monate oder sogar nicht drei Monate mein unmittelbarer Chef gewesen ist.

 

Richter Hotz:

Haben Sie einmal davon gehört, daß der Angeklagte Stark während dieser Zeit Studienurlaub gehabt hat?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wir konnten nur bemerken, daß er nicht jeden Tag in das Kommando kam. Aber es ist sehr [+ wohl] möglich, daß er längere Zeit nicht anwesend war. Ich [weiß] das nicht.

 

Richter Hotz:

Nach dem, was wir bisher zu dieser Frage gehört haben, ist der Angeklagte Stark am 1. Dezember 1942 bereits von Auschwitz weggegangen, um im Reichsgebiet zu studieren, und erst 1943 ganz kurz nach Auschwitz zurückgekehrt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Das ist möglich. Ich [weiß es] nicht, denn er ist nicht jeden Tag in dem Büro gewesen.

 

Richter Hotz:

Aber er ist dann gar nicht mehr praktisch als Ihr Chef in Erscheinung getreten. Nachdem er zum Studienurlaub weggefahren war, kam er gar nicht zurück, um dort noch Dienst zu machen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Verzeihen Sie bitte, Herr Beisitzer, aber Sie stellen das so fest. Bitte, können Sie das nicht [+ so formulieren]: "Er soll [+ nicht mehr in Erscheinung getreten sein] ", das ist seine Einlassung. Denn sonst wird der Zeuge so unsicher.

 

Richter Hotz:

Herr Rechtsanwalt Raabe, ich habe gesagt: Nach dem, was wir bisher hier festgestellt haben, ist es so gewesen. Vielleicht ist Ihnen das entgangen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich weiß, daß ich sehr

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Außerdem haben wir doch die Studienbücher verlesen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich weiß, daß ich sehr kurz mit dem Stark gearbeitet habe.

 

Richter Hotz:

Sehr kurz?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja, sehr kurz. Ich bin sicher, es war sehr kurz. Wenn ich "drei Monate" gesagt habe, war das...

 

Vorsitzender Richter:

Höchstens?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Höchstens, ja.

 

Richter Hotz:

Können die Söhne dieses holländischen Obersten Beckman geheißen haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Beck [Beckman], Robert, und Beck [Beckman], Hans, meine ich. Aber diese Namen kann ich Ihnen nicht sicher sagen. Robert war der jüngere.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten des Gerichts noch Fragen? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Welche Häftlingsnummer hatten Sie?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

57.340.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

57.340. Danke.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Zeuge, Sie erwähnten vorhin diesen Transport aus Lemberg, für dessen Angehörige Sie sich eingesetzt haben und die dann von Dylewski auch unterstützt wurden, denen er geholfen hat. Handelte es sich dabei auch um einen Ukrainer-Transport? Oder weshalb haben Sie sich gerade für diesen Transport so eingesetzt?

 

Vorsitzender Richter:

Hat der Zeuge gesagt. Es wären ungefähr 120 bis 150 Ukrainer [+ gewesen].

 

Staatsanwalt Vogel:

Ach so, ich hatte nur "Personen" verstanden, deshalb hatte ich - ja?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Das waren nur Ukrainer, politische Häftlinge, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu der Bandera-Bewegung verhaftet wurden. Und die waren von dem Gefängnis in Lemberg nach Auschwitz-Birkenau gekommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hatte denn der Angeklagte Dylewski damals die Möglichkeit, sich derart für einen Transport einzusetzen, daß der offenbar entgegen der ursprünglichen Bestimmung von Birkenau nach Auschwitz verlegt worden ist?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat. Aber in den ersten Worten hat er gesagt, er glaubt nicht, daß er mir helfen kann. Denn wenn ich für einen gebeten hätte, das ginge schon. Aber für solche, er sagte: "Ich zweifle, aber ich werde es versuchen." So hat er mir gesagt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben vorhin erwähnt, daß Sie in ukrainischen Zeitschriften den Prozeßverlauf verfolgt haben. Wann haben Sie sich denn entschlossen, sich als Zeuge zu melden?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Als Zeuge?

 

Staatsanwalt Vogel:

Und an wen hatten Sie sich gewandt?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe Verbindung mit dem Rechtsanwalt Straube gehabt. Das ist schon gut vier Jahre [+ her].

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, das haben Sie ja schon erwähnt. Haben Sie sich später nie mehr als Zeuge angeboten, zur Verfügung gestellt?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Der Familie und dem Herrn Dylewski habe ich einen Brief geschrieben: Ich bin [bereit, für] ihn als Zeuge zu kommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nach diesem Vorfall von vor vier Jahren, also in der Zwischenzeit?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Als der Prozeß angefangen hat, habe ich den Brief bekommen mit der Frage, ob ich als Zeuge nach Deutschland kommen wolle. Dazu habe ich ja gesagt. Und ich war [bereit] hierherzukommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wann sind Sie denn rübergekommen? Sie hatten vorhin gesagt, Sie haben am 25. Februar Geburtstag. Wo haben Sie denn in diesem Jahr Ihren Geburtstag gefeiert?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

In diesem Jahr war ich in Rom. Dort war ein ukrainischer Kardinal, welcher aus russischen Konzentrationslagern nach 18 Jahren entlassen wurde. Und er wurde jetzt als Kardinal [eingesetzt]. Das war eine große Zeremonie in Rom. Und ich habe diese Gelegenheit ausgenutzt, daß das Gericht mich am 5. hierher ruft. Ich habe zugezahlt und bin nach Rom gefahren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie erwähnten diesen Kardinal, diesen neu ernannten. Gab es in der Gruppe, in der Bandera-Gruppe, auch einen ukrainischen Geistlichen in Auschwitz im Lager?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Es waren drei Geistliche. - Priest Kowalszky, Juri.

 

Staatsanwalt Vogel:

Na, Sie brauchen die Namen nicht im einzelnen zu nennen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja, drei. Domansky und Klemczak, - priest Klemczak.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist Ihnen etwas davon noch bekannt oder in Erinnerung, daß ein ukrainischer Häftling im Block 11 eine Funktion ausgeübt hat? [Pause] Ein Arzt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Als Arzt, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie sich noch an dessen Namen erinnern?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich werde es Ihnen später sagen, wenn ich

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Im Augenblick ist er Ihnen nicht

 

Zeuge Mykola Klymyšyn [unterbricht]:

Im Augenblick ist es unmöglich.

 

Staatsanwalt Vogel:

Würden Sie sich bitte mal dieses Bild ansehen, ob Sie den Mann, der darauf abgebildet ist, erkennen können?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein. [Pause] Diesen Mann kann ich... Sehr ähnlich war im Gefängnis in Heilig Kreuz Koch

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, es soll sich um einen ehemaligen SS-Angehörigen von Auschwitz handeln.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

[Pause] Wenn er in anderer Kleidung wäre, es ist möglich, daß es [...] der Dylewski ist. Aber es ist sehr nahe, was ich sagen kann...

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie hatten vorhin den Namen

 

Zeuge Mykola Klymyšyn [unterbricht]:

Ich habe SS-Männer nur mit der Mütze gesehen und in der Kleidung so

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sie hatten vorhin den Namen des SS-Unterscharführers Clauss genannt. Ist er das?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe Clauss niemals gesehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ach so, Sie haben nur den Namen [+ gekannt].

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe nur den Namen gehört.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich möchte das Bild gleichwohl dem Gericht überreichen. Es handelt sich um eine Fotografie des SS-Unterscharführers Otto Clauss, geboren am 16.1.1903 in Lauffen am Neckar. Vielleicht kann der Angeklagte Stark sich das Bild nachher noch mal ansehen.1 [Pause]

Dann noch eine letzte Frage. Sie hatten vorhin von sich aus schon verschiedene Einzelfragen aufgeworfen und beantwortet, die auch in dem Beweisantrag des Verteidigers enthalten sind. Hatten Sie sich vorher mit irgend jemand darüber unterhalten, was Sie hier als Zeuge bekunden sollen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe gestern mit dem Herrn Rechtsanwalt gesprochen. Ich habe ihm [einen Besuch] gemacht und ihn gefragt, wo und wie ich mich hier [einfinden] kann und wie ich kommen kann. Und er hat mir gesagt, was das Schwerste in der Frage des Herrn Dylewski ist.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Das Schwerste?

 

Staatsanwalt Vogel:

Das Schwerwiegendste in den Vorwürfen offenbar, ja?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja. Die schwersten Vorwürfe.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das hat er Ihnen gesagt, und deshalb konnten Sie heute so prompt antworten?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

In welchem Verlag ist dieses Buch erschienen, das Sie dem Gericht überreichen wollen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es ist in München [+ erschienen]. Aber es ist

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Bei dem Doktor Vintonjak?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nein?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es ist die Gesamtarbeit verschiedener Leute, die in der Bandera-Bewegung tätig sind. Aber es [gibt] in den United States ein Buch, welches sehr auf historischem Wege beschreibt. Er hat die Dokumente aus Bonn, aus London, aus Paris und aus Washington gehabt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Er heißt Armstrong. Er hat

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Gut. Es ist in deutscher Sprache erschienen? Deshalb hatte ich gefragt, ob das ein deutscher Verlag ist.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Dieses ist in deutscher Sprache und das andere in englischer Sprache [+ erschienen].

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist Ihnen der Name des ukrainischen Arztes inzwischen wieder in Erinnerung gekommen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Noch nicht, noch nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Danke, das genügt dann.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

In diesem Buche steht mein Name, was ich gemacht habe, und in dem anderen Buch auch.

 

Richter Hotz:

Herr Klymyšyn, ich habe eine Frage jetzt noch. Sie sagten eben, daß Sie den Unterscharführer Clauss selbst von Auschwitz her gar nicht gekannt haben.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Vordem.

 

Richter Hotz:

Von Auschwitz her. Damals im Lager haben Sie den nie gesehen, den Unterscharführer Clauss?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, nein, Clauss

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Sie sagten aber vorhin, dieser Mann habe seinen Namen so komisch ausgesprochen: "Klausch". Woher wissen Sie das?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja, das war zwischen den Häftlingen.

 

Richter Hotz:

Zwischen den Häftlingen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja. Dieser Name ist mir eingefallen, und ich habe ihn so ausgesprochen gehört: "Klausch". Und die haben gesagt, daß er es so ausspricht.

 

Richter Hotz:

Also diese Einzelheit wissen Sie noch von einem Mann, den Sie selbst gar nicht gekannt haben? [Pause] Diese Einzelheit, diese Besonderheit ist Ihnen in Erinnerung geblieben von einem Manne, den Sie gar nicht gekannt haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja, ja. Nein, ich habe ihn nicht gekannt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich habe doch noch eine Frage. Hatten Sie jemals mit dem Leichenträgerkommando zu tun?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Staatsanwalt Vogel:

Mit den Leichenträgern?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nein?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Niemals, ich habe [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, ich wollte nur fragen: Sie wissen also auch nicht, wie innerhalb dieses Kommandos einzelne SS-Angehörige, insbesondere beispielsweise Dylewski, genannt oder gerufen worden sind?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, danke schön.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich habe sehr oft die Wagen mit den Leichen gesehen. Es war verboten, die Mütze abzunehmen, wenn die vorbeigingen. Aber die Häftlinge machten das doch. Denn wenn die Wagen an uns [vorbeigefahren] sind, haben wir die Mützen [abgenommen.]

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, wann genau oder wann ungefähr sind Sie denn zur Politischen Abteilung zur Aufnahmeabteilung gekommen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Diesen Tag kann ich nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Den Monat bitte.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Den Monat werden [+ Sie doch wissen]. Das war doch eine sehr starke Verbesserung Ihrer Tätigkeit im Lager.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich kann das nicht sagen. Es könnte sogar am Anfang des Dezembers gewesen sein. Denn ich weiß, daß es war, als ich schon im - warten Sie. Es war sicher Anfang Dezember, es könnte sein. Aber ich kann es nicht sagen. Ich kann nicht sagen, wann genau ich in dieses Kommando gekommen bin.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben uns vorhin gesagt, Sie nehmen an, daß Sie etwa drei Monate unter Stark gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Längstens, sagte er.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es könnte das höchste sein, was ich sagen kann. Aber ob es so viel war, kann ich jetzt nicht sagen. Denn ich weiß, daß ich schwören soll.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Können es auch nur wenige Wochen gewesen sein?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es könnte auch sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Können es auch nur wenige Tage gewesen sein?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, einige Tage waren es nicht. Es waren einige Wochen. Ja. Das waren wenigstens drei Wochen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sagen Sie, Sie haben vorhin ein Urteil über Herrn Dylewski abgegeben. War Dylewski denn zu irgendeinem Zeitpunkt Ihr direkter Vorgesetzter?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Mein Vorgesetzter?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es ist möglich, daß er es war, aber davon habe ich nicht gewußt. Denn nach dem Stark habe ich unter der Aufsicht des SS-Manns Hofer gearbeitet. Es war schon Hofer. Das habe ich jetzt erinnert. Nach dem Stark war Hofer. Er war in der Zeit noch nicht Unterscharführer. Er wurde befördert, nachdem er in unserem Kommando gearbeitet hat.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wie oft hatten Sie denn überhaupt in dieser Zeit mit Dylewski zu tun?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Vier- oder fünfmal habe ich ihn gesehen. Drei- oder viermal habe ich mit ihm gesprochen. Er hat mit mir sehr selten...

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, also ungefähr drei- bis vier- bis fünfmal haben Sie mit ihm gesprochen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Gesprochen. Gesehen habe ich ihn, es kann sein, mehrmals. Aber nicht mehr als sieben-, achtmal.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Insgesamt?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben vorhin gesagt, die Ukrainer hätten keine bessere Behandlung im Lager gehabt als die anderen Häftlinge. Ich nehme an, also auch keine bessere Behandlung als die polnischen und die jüdischen Häftlinge. Wollen Sie das ernsthaft aufrechterhalten?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl, das wollte ich sagen. Außer dem, daß wir abgetrennt wurden von den Polen, war gar nichts anderes an Bevorzugung gewesen für unsere Gruppe, die sogenannte Bandera-Gruppe. Wir haben nur eine gemeinsame Stube gehabt. Die Stube und das Arbeitskommando, dort waren nur Ukrainer. Aber nachdem schon im [+ Jahr] 44 einige von diesen Leuten, die Verbindungen gehabt haben, sich bessere Kommandos verschafft haben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist es nicht so, daß die ganzen Mitglieder der Bandera-Gruppe in gute Positionen im Lager gekommen sind?

 

Verteidiger Steinacker:

Ich widerspreche dieser Frage in dieser Form. Das ist eine Suggestivfrage: "Ist es nicht so?"

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, in welchen Arbeitsstellungen haben die Mitglieder Ihrer Gruppe im Lager gearbeitet?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wir haben

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Es waren ja dann nur noch 13, wie Sie vorhin sagten, nicht wahr?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Von den 24 waren es doch

 

Zeuge Mykola Klymyšyn [unterbricht]:

13 sind gestorben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut, dann waren es noch elf. Oder wie viele waren sonst von der Bandera-Gruppe im Lager?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es waren zwei Transporte, vergessen Sie das nicht. Und von dem ersten Transport sind 13 verstorben. Und aus der anderen Gruppe, welche später gekommen ist, sind drei gestorben. Und wir waren circa 30.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

30 Mann. Und Sie waren gemeinsam untergebracht?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann wußten Sie durch die gemeinsame Unterbringung, in welchen einzelnen Kommandos Ihre Kameraden gearbeitet haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl, das wußte ich. Denn ich war Ältester der Gruppe.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann waren Sie besonders gut unterrichtet. Und in welchen Kommandos haben Ihre Kameraden gearbeitet?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wir haben in der SS-Küche zwei Leute gehabt, im Schlachthaus einige Leute gehabt. Wir haben in der Bekleidungskammer einige gehabt. Wir haben in der Wäscherei einige gehabt, wir haben

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ich glaube, das genügt. Danke schön. Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wir haben nie eine führende

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rolle gespielt.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Stelle gehabt. Wir haben immer über uns einen Vorarbeiter oder den Blockführer oder den Kapo gehabt. Unsere Leute haben niemals als Kapo gearbeitet oder was.

Die Ukrainer waren in der Zahl, ich meine, die erste Gruppe nach den Juden. Es waren so viele Ukrainer im Konzentrationslager, aber die wurden als Polen oder als Russen betrachtet. Die wollten uns nicht als Nationalität, nur nach der Staatsangehörigkeit behandeln. Und die haben uns gezwungen, "P", das heißt Pole, oder "R", das heißt Russe, auf dem Winkel zu tragen.

Ich wollte sagen, daß die sogenannten Muselmänner meistens Ukrainer waren. Aber die haben "R" oder "P" getragen. Und wenn jemand die Statistik machen wollte, und wir konnten seinen Geburtsort wissen, es waren sehr viele Ukrainer. Und das weiß man nicht. Denn die haben nach uns die Spuren...

 

Vorsitzender Richter:

Vernichtet.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Das ist richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, hatten Sie noch was zu fragen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ich habe noch was zu fragen. Und zwar, Herr Zeuge, waren Sie einmal in Block 10?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich war einmal in Block 10, als die Frauen gekommen sind, und ich sollte die Aufnahme machen. Ich war mit dem SS-Mann Hofer [+ dort]. Ich habe diese Frauen gesehen. Und ich habe gesehen, daß die Fenster bedeckt waren.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie lange waren Sie denn etwa zeitmäßig [+ dort]? Waren Sie eine Stunde darin oder eine halbe Stunde?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, nein, es war höchstens eine halbe Stunde. Aber der Hofer war hier, und ich habe hier die Personalien von zwei oder drei Frauen aufgenommen, und wir gingen hinaus.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sie saßen also die ganze Zeit an einem Tisch, und der Hofer hat da mit Ihnen gearbeitet, ja?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sind Sie sonst noch jemals auf diesem Block 10 gewesen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, niemals, niemals. [Pause] Ich brauchte nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

War das im Parterre oder im ersten Stock?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es war im ersten Stock, wo ich gewesen bin dieses eine Mal.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sie sagten eben, daß Sie gearbeitet haben mit Hofer, und dann sind Sie gleich wieder weggegangen. Hatten Sie dabei Zeit, sich etwa nah an die Fenster heranzustellen und an den Fenstern entlangzugehen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, ich habe das nicht gemacht. Es war verboten. Er hat mich eingeführt. Er hat mit mir die ganze Zeit [+ dort] gesessen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Sie haben also die ganze Zeit gesessen und waren nicht an den Fenstern. Danke schön.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser? Herr Rechtsanwalt Steinacker? Die übrigen Herren Verteidiger? Die Angeklagten? Dylewski, wollten Sie noch etwas sagen dazu? Nein. Auch die übrigen - Klehr, ja.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Präsident, ich hätte an den Zeugen zwei Fragen zu stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, können Sie sich daran erinnern, wie lange Sie bei diesem Klebekommando waren, diesem Desinfektionskommando?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Angeklagter Klehr:

Können Sie sich vielleicht daran erinnern, wie lange Sie bei diesem Kommando waren, wo Sie die Blöcke verklebt haben zum Vergasen? Wie lange waren Sie dabei?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es waren mehr als drei Wochen, denn wir haben so gearbeitet, um das [+ so lange] hinauszuziehen wie möglich.

 

Angeklagter Klehr:

Sind Ihnen dann vielleicht noch ehemalige Häftlinge bekannt von dem Kommando? Ein gewisser Farber, ist Ihnen das ein Begriff, der Name Farber?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Farber?

 

Angeklagter Klehr:

Ja.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Oh, wir haben die Häftlinge nach Namen nicht [gekannt.] Wir haben sie nach Nummern [gekannt.]

 

Angeklagter Klehr:

Und die SS-Männer, die das Gas ausgelegt haben in dem Block, sind Ihnen da Namen bekannt?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Angeklagter Klehr:

Von den SS-Männern, die das Gas ausgestreut haben, ist Ihnen da ein Name bekannt?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Wir haben die nicht gesehen, denn die waren in Gasmasken. Dann haben sie das gemacht. Und alle Häftlinge sind weg von dem. Es [bestand Todesgefahr.] Und die haben uns weggeführt, wenn das vergast war.

Und diese Vergasung dauerte eine Woche. Denn an einem Tage haben sie vergast, später haben sie die Fenster und Türen aufgemacht, damit das Gas weggeht. Und nachdem schon in der Mitte frische Luft war, dann konnten wir reingehen und diese Blöcke säubern.

Und in dieser Zeit, die diese Vergasung dauerte, arbeitete ich im Steinbruchkommando. Und das habe ich schon gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie kennen keine SS-Männer mehr, die bei der Vergasung tätig waren?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein, aber das war diese Vergasung, das war Desinfizierung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, das ist uns klar.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich kenne diese SS-Männer nicht. Wir haben [+ sie] nicht gesehen.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, mich erinnern Sie sich auch nicht gesehen zu haben?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Bitte?

 

Angeklagter Klehr:

Mich erinnern Sie sich auch nicht gesehen zu haben? Bei dieser Vergasung, meine ich, bei diesem Verklebungs-, Vergasungskommando?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Es ist möglich, aber wir haben schon gute 42 Jahre... Ich habe mich geändert noch

 

Angeklagter Klehr [unterbricht]:

Ja. Ich verstehe das, wollte nur [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Namen Klehr mal gehört?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Klehr?

 

Vorsitzender Richter:

Klehr.

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Nein. Nein.

 

Angeklagter Klehr:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Wenn keine Fragen mehr sind?

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören? Können Sie schwören?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Jawohl. Ich möchte noch...

 

Vorsitzender Richter:

Wollten Sie noch was hinzufügen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ich wollte [hinzufügen,] daß ich hierhergekommen bin, wie ich gesagt habe, um der Gerechtigkeit zu dienen. Und ich bin [bereit,] das, was ich gesagt habe, mit dem Eid...

 

Vorsitzender Richter:

Zu bekräftigen?

 

Zeuge Mykola Klymyšyn:

Ja.

 

- Schnitt -

 

Verteidiger Laternser:

[+ Was den Beweisantrag] anlangt, den der Nebenklägervertreter Doktor Kaul auf Vernehmung des Doktor Ambros gestellt hat, so ist das Beweisthema, das er in das Wissen dieses Zeugen gestellt hat, nicht für die Entscheidung dieses Prozesses von Erheblichkeit. Es müßte sich aus diesem Beweisthema ergeben, daß dieser Zeuge zu irgendeiner der hier angeklagten oder der hier angeschuldigten Taten irgend etwas aussagen kann. Das hat noch nicht einmal Doktor Kaul behauptet. Und infolgedessen muß dieser Beweisantrag abgelehnt werden.2

Was nun den weiteren Beweisantrag anlangt, und zwar auf Vernehmung des Kollegen Eggert, so handelt es sich dabei um einen Beweisantrag3, der eigentlich die gesamte Verteidigung betrifft, und zwar aus folgenden Gründen: Es scheint hier nicht bei allen Prozeßbeteiligten bekannt zu sein, daß es Pflicht eines jeden Verteidigers ist, [+ daß er], bevor er namens eines von ihm verteidigten Angeklagten einen Beweisantrag stellt, den in Frage kommenden Zeugen entweder schriftlich oder mündlich befragt, was er zu dem in Frage kommenden Beweisthema überhaupt aussagen kann.

Hier wird es bisweilen so hingestellt - und zwar ergab sich das aus den Ausführungen des Kollegen Ormond, der anscheinend die Pflichten des Verteidigers nicht in vollkommenem Umfange kennt -, daß schon die Tatsache allein, daß ein Verteidiger einen Zeugen aufsucht und mit ihm spricht, eine Standeswidrigkeit sei oder ein Verstoß gegen die Regeln, die für Verteidiger gelten.

Ich muß mit allem Nachdruck erklären, daß es die Pflicht eines Verteidigers ist, bevor er einen Beweisantrag stellt - es wird leider gegen diesen Grundsatz häufig verstoßen -, sich zunächst zu orientieren, ob dieser Antrag, wenn er ihn stellt, auch im Interesse des Angeklagten ist. Denn ein Verteidiger darf nur einen Antrag stellen, der das Interesse des von ihm vertretenen Angeklagten auch wahrnimmt.

Das zunächst allgemein. Es darf also selbstverständlich ein Verteidiger mit Zeugen sprechen. In einem Prozeß, in dem doch Staatsanwaltschaft und Verteidigung gleichgeordnet sind mit dem Gericht, wo die Staatsanwaltschaft das doch in fast jedem Falle tut, müssen das selbstverständlich auch die Verteidiger dürfen. Und diejenigen Verteidiger, die das nicht genügend tun, die erfüllen nicht ganz ihre Pflicht als Verteidiger.

Nun der Beweisantrag, den der Nebenklägervertreter Doktor Kaul gestellt hat. Das ist zum Teil sogar ein unzulässiger Beweisantrag, insoweit er nämlich behauptet, der Kollege Eggert habe die Zeugin im Hotel aufgesucht - das darf er selbstverständlich - und habe sie beeinflußt. Das Behaupten, sie beeinflußt zu haben, ist ein Urteil, das allein kein Beweisthema ergibt. Sondern ein Beweisthema ergäbe sich erst dann, wenn Tatsachen angeführt werden, aus denen sich ergibt, daß eine solche Beeinflussung stattgefunden hat.

Ich finde, diese aus der Luft gegriffene Behauptung des Doktor Kaul, Herr Doktor Eggert habe beeinflußt, ohne Einzelheiten dafür anzuführen, ist tatsächlich das, als was es der Kollege Stolting bezeichnet hat, nämlich eine ausgemachte Unverschämtheit.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Vorsitzender, darf ich dazu folgendes sagen: Der Antrag auf Vernehmung der Zeugin Barbara Groß-Pozimska ist bereits von den Anwälten Doktor Stolting II und Eggert am 25.11.64 gestellt worden.4 Es bestand also nicht der mindeste Anlaß für einen der beiden Herren, die Zeugin am Tag vor ihrer Vernehmung im Schwurgericht in Frankfurt aufzusuchen. Der Sachverhalt ist also völlig anders gelagert, als er eben von Herrn Doktor Laternser vorgetragen worden ist.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich versage es mir, auf diese Dinge einzugehen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, ich glaube, die Antwort ist von hinten schon gegeben worden.

Das, was nun der Kollege Ormond vorgetragen hat - daß keine Notwendigkeit dafür bestanden habe, am Tage vor der Vernehmung mit der Zeugin noch mal zu sprechen -, ist auch eine Behauptung, die aus der Luft gegriffen ist. Die Frage, ob eine Notwendigkeit für eine wiederholte Besprechung besteht, liegt allein in der Entscheidung des Verteidigers - für den Fall, daß sich in der Zwischenzeit im Laufe der Hauptverhandlung etwas ergeben haben sollte, über das der Verteidiger zum Beispiel die am nächsten Tage zu vernehmende Zeugin befragen will. Dann kann er das selbstverständlich tun.

Der Verteidiger kann mit jedem Zeugen sprechen, zu jeder Zeit, zu der sich der Zeuge darauf einläßt, egal ob Entlastungszeuge oder Belastungszeuge. Das darf er jederzeit tun, ohne daß nachteilige Schlüsse gezogen werden. Er darf nur eines nicht tun: Er darf keinen Zeugen beeinflussen. Das ist die einzige Grenze.

Wenn zum Beispiel also dieses Beweisthema gestellt worden ist, Doktor Eggert habe beeinflußt, so ist das tatsächlich ein Beweisthema, was keines ist. Denn dafür müssen die Tatsachen angeführt werden, aus denen der Schluß gerechtfertigt ist, Doktor Eggert habe beeinflußt. Das ist etwas, was völlig außer dem Rahmen des Möglichen ist, daß der Kollege Eggert, den wir alle sehr schätzen, irgendeine Einflußnahme auf irgendeinen Zeugen ausgeübt haben könnte. Das kann nur in der Phantasie des Nebenklägervertreters Doktor Kaul entstehen, dem sich leider in dieser Richtung sogar der Kollege Ormond angeschlossen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte nun, die Zeugen hereinzurufen.

 

Verteidiger Schallock:

Ja, ich wollte auch noch was sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Was möchten Sie?

 

Verteidiger Schallock:

Ich möchte auch etwas dazu sagen, wenn Sie erlauben.

Es handelt sich hier nicht um die Person eines bestimmten Verteidigers, wie er auch immer heißen mag, sondern wie Herr Kollege Laternser zutreffend sagt, um eine grundsätzliche Frage, eine grundsätzliche Frage, die nicht ernst genug behandelt werden kann. Es ist undenkbar, daß die Verteidigung insoweit beschränkt wird, daß jedesmal - und das kann jedesmal behauptet werden -, wenn ein Zeuge etwas Günstiges aussagt, geltend gemacht wird, dieser Zeuge ist beeinflußt worden. Denn daß der Anwalt, der Verteidiger berechtigt ist, mit den Zeugen zu sprechen, und verpflichtet ist, das dürfte ja feststehen.

Sicher ist, daß er sie nicht beeinflussen darf. Aber woher weiß man denn, ob er beeinflußt? Einfach aus einer günstigen Aussage zu schließen, der Zeuge ist beeinflußt, ist absolut fehlerhaft. Und ein Verteidiger und ein Anwalt kann nicht genug unterstreichen, daß es das primitivste Recht und die absolute Pflicht des Verteidigers ist, sich mit den Zeugen in Verbindung zu setzen, die Zeugen zu befragen, was sie von dem Vorfall wissen. Das darf nicht als anrüchig angesehen werden. Denn wenn es das wäre, wenn es das würde, so würde eine Verteidigung überhaupt sinnlos sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich bitte, die Zeugen hereinzurufen. [Pause] Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, ich hatte in der letzten Sitzung ein Bild überreicht

 

- Schnitt -

 

 

 

 

1. Vgl. Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 05.03.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 109.

2. Vgl. Beweisantrag von Nebenklagevertreter Kaul vom 08.03.1965, Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 08.03.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 109.

3. Beweisantrag von Nebenklagevertreter Kaul vom 08.03.1965, Anlage 3 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 08.03.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 109.

4. Vgl. Beweisantrag der Verteidiger Stolting II und Eggert vom 25.11.1964, Anlage 3 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 26.11.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 104.

 

 
 
 
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