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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

120. Verhandlungstag, 10.12.1964

 

Vernehmung des Zeugen Karl Kilp

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage] auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kilp, kannten Sie oder kennen Sie den Angeklagten Boger?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen ihn nicht?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein. Also dem Namen nach nicht, und höchstens...

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie denn mal im Konzentrationslager Auschwitz?

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wann denn?

 

Zeuge Karl Kilp:

Das war im Frühjahr 44. Also genau den Tag kann ich...

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr 44. Wie lange waren Sie denn dort etwa?

 

Zeuge Karl Kilp:

Höchstens eine halbe Stunde.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so. Und was haben Sie denn dort gemacht?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ich war beim Polizeiwachbataillon in Mülhausen im Elsaß. Und von dort habe ich den Auftrag bekommen, beziehungsweise noch vier oder fünf Kollegen, nach Paris zu fahren, von Paris wurden wir raustransportiert nach Drancy. Und in Drancy, dort haben wir, die Papiere sind fertig gewesen, einen Transport übernehmen müssen. Und mit dem Transport haben wir dann nach Auschwitz fahren müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben das Recht, Herr Zeuge, die Aussage zu verweigern, wenn Sie sich selbst der Gefahr einer strafgerichtlichen Verfolgung aussetzen würden. Ist Ihnen das klargeworden?

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind also ins Lager gekommen. Wie lang waren Sie dort? Eine halbe Stunde, sagten Sie.

 

Zeuge Karl Kilp:

Höchstens.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie da in dieser Zeit gemacht?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ja, im Lager, da ist der Zug reingefahren an die Rampe. Dort wurden die Häftlinge auf der Rampe aufgestellt, die Stückzahl gezählt, und dann kam der Transportführer wieder. Dann die Bescheinigung, oder was es war, die wir zurückgeben mußten in...

 

Vorsitzender Richter:

Und dann sind Sie wieder raus?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ja, es hat keine halbe Stunde, vielleicht eine Viertelstunde gedauert.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei dieser Gelegenheit haben Sie Boger nicht kennengelernt?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ich habe keinen einzelnen mit Namen kennengelernt. Ich habe sogar einen auf der Rampe, da kann ich mich genau entsinnen, da wollte ich auch – naseweis halt – [unverständlich] und wollte den Mann fragen, was geschieht. Und jetzt hat er mir schon gar nicht antworten können, oder ich habe ihn wenigstens nicht verstehen können. Und dann habe ich es unterlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie wußten nicht, was Auschwitz war?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wußten auch gar nicht, welches Schicksal die Leute hatten, die Sie da hingebracht hatten?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und da wollten Sie sich erkundigen und haben einen gefragt und haben von dem aber keine Auskunft bekommen oder konnten ihn nicht verstehen.

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann sind Sie also wieder abgereist.

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie denn den Boger gekannt von früher her vielleicht? Sie sind doch auch aus der Gegend von Heilbronn, nicht?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ja, ich bin selber von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sind selber von Heilbronn. Haben Sie ihn dort vielleicht her gekannt als Polizeibeamten, nicht?

 

Zeuge Karl Kilp:

Also Boger, ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ist Ihnen kein Begriff.

 

Zeuge Karl Kilp:

Es tut mir leid.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, waren Sie einmal in Dresden? Bei einer

 

Zeuge Karl Kilp [unterbricht]:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Dann habe ich keine

 

Zeuge Karl Kilp [unterbricht]:

Das kann höchstens mein Bruder gewesen sein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Aha. Und wo ist Ihr Bruder?

 

Zeuge Karl Kilp:

In Oberkessach.

 

Verteidiger Aschenauer:

Können Sie die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Heißt der Ernst mit Vornamen?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein, Josef.

 

Vorsitzender Richter:

Josef. Hat der mal in Binswangen gewohnt?

 

Zeuge Karl Kilp:

Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht. Also, ich glaube

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Können Sie mir mal die Anschrift von Ihrem Bruder geben?

 

Zeuge Karl Kilp:

Josef Kilp, Gipsermeister, Oberkessach, Kreis Künzelsau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [...]

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke. Keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, auf die Beeidigung kann verzichtet werden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe noch eine Frage an den Zeugen, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, wie Sie sagten, das war Anfang 43, als Sie da mit diesem

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

[unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler:

Anfang 44.

 

Zeuge Karl Kilp:

44.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann habe ich Sie falsch verstanden. Wo haben Sie denn diese Bescheinigung von, wie Sie sagten, der Stückzahl der Leute da abliefern müssen dann? In Drancy, oder wo?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein, wieder beim Standort in der Stärkerstraße in Mülhausen. Und von dort aus ist es wieder zum BdO nach Straßburg geschickt worden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nach Straßburg.

 

Zeuge Karl Kilp:

Wo wir auch den Auftrag herbekommen haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und Transportführer waren Sie selbst nicht.

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wer war denn das? Wer war denn der Transportführer?

 

Zeuge Karl Kilp:

Horter.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das einer von der Polizei?

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Oder vom SD?

 

Zeuge Karl Kilp:

Nein, von der Polizei, auch von der gleichen Kompanie. Es hat eine Kompanie sein sollen, es war aber

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Haben Sie noch eine Erinnerung daran, ob der Transport an irgendeiner Stelle in der Nähe von Auschwitz von SS-Leuten dort aus Auschwitz übernommen wurde, ehe er auf die Rampe kam? [Pause] Daran können Sie sich nicht erinnern.

 

Zeuge Karl Kilp:

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke, ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen. Herr Rechtsanwalt Strodt.

 

Nebenklagevertreter Strodt:

Auf welcher Rampe ist der Herr Zeuge damals angekommen? War das innerhalb oder außerhalb des Lagers?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ja, das war innerhalb.

 

Nebenklagevertreter Strodt:

Sind Sie durch ein Tor gekommen?

 

Zeuge Karl Kilp:

Ja, ich weiß nicht, ist das noch ein Bretterschuppen gewesen oder...

 

Vorsitzender Richter:

Waren auf beiden Seiten Blocks und Baracken von der Rampe, wo Sie da drauf waren? Waren da links und rechts Baracken davon?

 

Zeuge Karl Kilp:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Na ja, das ist die Rampe in Birkenau. Ist gar kein Zweifel.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Aschenauer, Sie haben keine Fragen mehr. Der Angeklagte Boger.

 

Angeklagter Boger:

Es handelt sich vermutlich um den Bruder von dem Zeugen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, Sie kennen den

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Der mein Zugführer war in Dresden und dann auch an der Front vor Leningrad. Er hat Ähnlichkeit mit ihm.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Staatsanwalt, halten Sie Ihre Frage für so wichtig, daß wir den Zeugen beeidigen müssen?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich halte Sie insofern für wichtig, als der Zeuge sagt, daß Anfang 1944 die Transporte in Birkenau eingetroffen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Werden zur Beeidigung Anträge gestellt von irgendeiner Seite? Wir wollen ihn beeidigen. Ich sehe keinen Hinderungsgrund. Herr Zeuge

 

– Schnitt –

 

 

 

 
 
 
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