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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

125. Verhandlungstag, 8.1.1965

 

Vernehmung des Zeugen Josef Kilb

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause]

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich kenne Herrn Boger aus Rußland, und zwar vom Frühjahr 42.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie ihn da gesehen?

 

Zeuge Josef Kilb:

Wir waren gemeinsam beim Angriff am Wolchow.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr neunzehnhundert

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

42.

 

Vorsitzender Richter:

42 am Wolchow.

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welcher Einheit waren Sie damals?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich war beim Polizeibataillon. Polizeipionierbataillon.

 

Vorsitzender Richter:

Polizeipionierbataillon.

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nummer? Welche Nummer hatte das

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Feldpostnummer 07537

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, ich meine die Einheitsnummer, von welchem Regiment und von welchem

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Polizeipionierbataillon.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst hat es keine Nummer gehabt?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Feldpostnummer?

 

Zeuge Josef Kilb:

07537, glaube ich, haben wir gehabt. 07537.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wie lange waren Sie mit Boger zusammen?

 

Zeuge Josef Kilb:

Das kann ich Ihnen nicht mehr genau sagen. Also ich kam im Juni 1941. Einen Moment bitte. Doch, vom Juni 41 bis April 42 war ich in Rußland. Und ich kann mich noch genau erinnern, am Wolchow, und zwar damals, als der Kessel zugemacht wurde an der Rollbahn Schudowow-Nowgorod, war Herr Boger mit uns eingesetzt. Ich kann es nicht beeiden, aber ich glaube, Boger war damals in einem Bewährungszug, den ich auch stellenweise geführt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Dienstrang hatten Sie damals?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich habe den Dienstrang eines Unteroffiziers gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Eines Unteroffiziers.

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Boger?

 

Zeuge Josef Kilb:

Boger? Ein gewöhnlicher Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Also das war Unterscharführer, was Sie waren?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja, zu dieser Zeit noch Unteroffizier.

 

Vorsitzender Richter:

Zu dieser Zeit noch Unteroffizier.

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Warum war Boger in einer Bewährungseinheit?

 

Zeuge Josef Kilb:

Das weiß ich nicht. Der Name Boger sowie Heber und Reich waren mir bekannt, weil sie aus unmittelbarer Nähe von mir waren, also in der Gegend von Stuttgart. Reich war von Stuttgart, Heber, glaube ich, von Reutlingen und Boger, glaube ich, in der Gegend von Tübingen. Das weiß ich nicht mehr genau. Und das waren meine Nähesten von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von zu Hause.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja, von zu Hause. Und deshalb sind mir diese Namen noch bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und das hieß damals noch nicht SS- und Polizeibataillon?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern nur noch Polizeibataillon.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja, Polizeipionierbataillon.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Pionierbataillon. Nun, was ist mit dem Boger dann geschehen? Wissen Sie das?

 

Zeuge Josef Kilb:

Also im April 42 kam ich raus, und zwar wegen Rheuma, ich konnte mich nicht mehr bewegen. Da kam ich raus. Ob Boger vorher rauskam, das weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall habe ich Boger nochmals beim SS-Pionier- und Ersatzbataillon I in Dresden getroffen. Und das war, als ich im August 42 dorthin kam.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und was war er da?

 

Zeuge Josef Kilb:

Das kann ich Ihnen wirklich nicht mehr sagen. [Pause] Bestimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Was für einen Dienstgrad er hatte, meinte ich.

 

Zeuge Josef Kilb:

Das weiß ich nicht mehr. Hatte er seinen alten Dienstgrad wieder?

 

Vorsitzender Richter:

Was war der alte Dienstgrad?

 

Zeuge Josef Kilb:

Soviel mir noch weitläufig bekannt war, glaube ich, Hauptmann. Oder Oberleutnant, das weiß ich nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso wissen Sie, daß er früher einen anderen Dienstgrad gehabt hat?

 

Zeuge Josef Kilb:

Weil es geheißen hat, der Bewährungszug, da sind lauter Degradierte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das glaube ich. Aber wieso wissen Sie, daß er grade den Dienstgrad eines Oberleutnants oder Hauptmanns hatte?

 

Zeuge Josef Kilb:

Wenn ich mich noch so weitläufig entsinnen kann, wir haben doch, wenn wir beieinander waren, über manches gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Zeuge Josef Kilb:

Und da ist mir noch so weitläufig bekannt, daß er entweder Oberleutnant oder Hauptmann war.

 

Vorsitzender Richter:

Und er hat kein Wort davon gesagt, weshalb er da degradiert worden war?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein. Ich habe auch nicht gefragt, und zwar aus dem einfachen Grunde: Jeder, der degradiert war, würde mir ja nicht die hundertprozentige Wahrheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das ist sicher, ja.

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Drum habe ich auch nicht nachgefragt nach dem wirklichen Grund. Es kann möglich sein, daß er vielleicht zu mir gesagt hat, wegen diesem und jenem. Aber ich kann mich wirklich an nichts mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Dann trafen Sie ihn im August 42. Und wann oder wie lange haben Sie ihn da gesehen, wissen Sie das noch?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein, im August 42, weiß ich, bin ich nochmals mit ihm ausgegangen in Dresden, oder vielleicht ein paarmal, das kann ich nicht mehr genau [+ sagen]. Aber auf jeden Fall bin ich mit ihm in Dresden noch ausgegangen. Und meine Frau kam dann im September 42 nach Dresden, und dann habe ich Boger nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Überhaupt nicht mehr?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht zu Hause auf Besuch oder so?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gar nicht mehr gesehen.

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein, von diesem Zeitpunkt ab.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr gesehen. Herr Rechtsanwalt Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Das Gericht? Die Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Kilb, können Sie sich nicht erinnern, zu welcher größeren Einheit dieses Pionierbataillon gehörte, von dem Sie erzählt haben eben? Sie sagten, es gehörte nicht zu einer SS- und Polizeidivision.

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein, wir waren

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Aber es war doch nicht völlig selbständig, es muß doch irgend jemand unterstellt gewesen sein.

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Wir waren eine selbständige Einheit der Polizei.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nur der Polizei?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nur der Polizei. Also unsere Einheit hat Polizeipionierbataillon geheißen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gehörte das zu den Verbänden des SS-Generals von dem Bach-Zelewski, oder wissen Sie da nichts drüber?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein. Ist mir nichts bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wem waren Sie denn unterstellt?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich selbst war ja als Pionier ausgebildet, auch in meiner aktiven Dienstzeit. Und drum war ich beim Pionierbataillon und habe die Ausbildung des Pioniers als Sturmpionier.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Sie verstehen mich falsch. Wem war denn Ihr Bataillon unterstellt? Das möchte, glaube ich, der Herr Staatsanwalt wissen.

 

Zeuge Josef Kilb:

Das kann ich Ihnen nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie müssen doch in irgendeinem Verband gekämpft haben. Waren Sie einer Division unterstellt oder einer Armee oder was?

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Nein, soviel mir bekannt ist, ist das Polizeipionierbataillon der Infanterie unterstellt worden, und zwar in Pionierzügen. [Pause] Mehr ist mir nicht bekannt.

 

Staatsanwalt Vogel:

War Ihre Einheit, also dieses Bataillon, im normalen Kriegseinsatz in der Hauptkampflinie eingesetzt oder in Partisanenbekämpfung oder irgend so etwas?

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Nein, wir sind in der Hauptkampflinie eingesetzt gewesen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja?

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl. Ich selbst als Gruppenführer und als Zugführer wurde immer bei einem Angriff einer Infanteriekompanie als Pionierzug zugeteilt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagten, Boger gehörte zu einem Bewährungszug. Das verstehe ich nicht ganz. Also war das der Teil einer Bewährungseinheit, der Ihrem Bataillon zugeteilt war, oder war das ein Zug Ihres Bataillons, der als Bewährungseinheit im kleinen gelten sollte? Oder wie ist das zu verstehen?

 

Zeuge Josef Kilb:

Dieser Bewährungszug wurde uns im Einsatz zugeteilt, nicht jeder Kompanie, sondern im ganzen Bataillon war der Bewährungszug. Für das ganze Bataillon. Und der Bewährungszug wurde für jeden Angriff herangezogen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also dieser Bewährungszug war nicht irgendeiner Kompanie angegliedert

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sondern unmittelbar dem Bataillon oder dem Bataillonsstab unterstellt.

 

Zeuge Josef Kilb:

Nur unterstellt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und gehörte im übrigen zu Ihrer Einheit.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja. Ob sie zu unserer Einheit direkt gehörten, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ihr Zugführer gefallen ist, und dann wurden wir bei dem Angriff damals... – da hat es dann geheißen: »Kilb, Sie müssen zu dem Angriff den Bewährungszug führen.« Und da habe ich Herrn Boger und Herrn Heber und Herrn Reich das erste Mal kennengelernt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagten dann, nach September 42 hätten Sie Herrn Boger nicht mehr gesehen. Haben Sie noch irgend etwas von ihm gehört, wo er dann hingekommen ist, oder über sein weiteres Schicksal?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein, das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen und habe auch nichts mehr gehört.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie selbst sind auch über den September hinaus noch in Dresden geblieben?

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl, ich kam von Dresden aus nochmals ins Lazarett nach Prag und

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Wann war das?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich kam ins Lazarett nach Prag im Januar 43 bis Februar 43.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, und von September 42 bis Januar 43 waren Sie noch in Dresden.

 

Zeuge Josef Kilb [unterbricht]:

War ich noch in Dresden, jawohl.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und dann haben Sie aber Herrn Boger nicht mehr gesehen.

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren Sie zu irgendeiner Zeit bei der SS-Pionierschule?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist Ihnen ein Pionierführer der SS Mulka damals bekannt gewesen?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe. Doktor Kaul. Herr Rechtsanwalt Aschenauer, Sie wollten vorhin noch etwas sagen, ich habe Sie nicht verstanden.

 

Verteidiger Aschenauer:

Das Pionierbataillon unterstand dem 38. AK General Herzog.

 

Vorsitzender Richter:

Dem Armeekorps direkt?

 

Verteidiger Aschenauer:

Dem Armeekorps, im Rahmen des Armeekorps wurde es eingesetzt, und das 38. AK lag nördlich von Nowgorod, also von Ilmensee aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Denn das war dieses Wolchow-Korps. Und hier war das Bataillon.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst von der Verteidigung keine Fragen mehr. Die Angeklagten? Boger, wollten Sie noch was sagen?

 

Angeklagter Boger:

Der Herr Kilb wird sich zeitlich etwas täuschen. Wir waren später, nach September, auch noch ab und zu mal zusammengekommen. Wir waren beim Bataillon wohl beieinander, aber nicht in der gleichen Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat ja eben gesagt, er hätte Sie zum letzten Mal getroffen im August 1942 in Dresden.

 

Angeklagter Boger:

Da sind wir wieder zusammengetroffen. Im Juni wurde ich vom Reservelazarett in Friedrichroda entlassen, war dann drei Wochen im Genesungsurlaub und kam dann nach Dresden zurück. Nun war ich ja bei der 5. Kompanie, die lag nicht im Bataillonsrevier, in der Kaserne, sondern die lag unten in der Hellerhof-Schule. Und erst nach Wochen, viele Wochen später, ich war da bereits eingesetzt im Pionierdepot der Kompanie oben, trafen wir dann zufällig wieder zusammen. Das kann im August ungefähr gewesen sein. Aber dann sind wir öfters zusammengekommen, und ich bin überzeugt, daß wir – fast bis zu meinem Abgang von Dresden nach Auschwitz – ab und zu zusammengetroffen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt es denn, was der Zeuge sagt, daß Sie damals im Mannschaftsgrad gewesen seien?

 

Angeklagter Boger:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in Dresden, was hatten Sie da für einen Dienstgrad?

 

Angeklagter Boger:

In Dresden war ich, wie ich zurückkam vom Genesungsurlaub, immer noch Pionier. Und im Oktober, es war wahrscheinlich gegen Ende Oktober, wurde mir rückwirkend wieder mein militärischer Dienstgrad, Feldwebel, also der Oberscharführer der Waffen-SS, zugebilligt. Und als solcher kam ich dann ja auch nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sind Sie dann im Dienstgrad nicht mehr aufgestiegen?

 

Angeklagter Boger:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht.

 

Angeklagter Boger:

Ich bin am 10. Mai, das Datum ist mir erinnerlich, 10. Mai 37, nach einer Übung beim Regiment 14 zum Feldwebel der Reserve und Reserveoffiziersanwärter in Konstanz befördert worden. Und diesen Dienstgrad habe ich gehabt bis zum Schluß des Krieges.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist es denn richtig, daß Sie vorher den Dienstgrad eines Oberleutnants oder Hauptmanns gehabt hatten?

 

Angeklagter Boger:

Nein, da täuscht er sich, und zwar deswegen: Ich war ja bei der Allgemeinen SS Hauptsturmführer, und daher wird der Irrtum herrühren.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ah, aha.

 

Angeklagter Boger:

Und dann verwechselt er mich mit Reich. Reich war im Rang eines Hauptmanns, eines Polizeihauptmanns, und war bei diesem Bewährungszug. Dieser Bewährungszug war der Bewährungszug der Polizei und gehörte – wie er schon richtig sagte – zum SS-Polizeipionierbataillon. Und dieses Bataillon gehörte zur Polizeidivision.

Also in diesem Bewährungszug waren nur Polizisten. Und so kam es ja auch, daß Heber, der mit mir als Vertreter in Ostrołęka war, und Reich, den ich von früher her schon kannte, der Hauptmann bei dem 1. oder 2. Polizeiregiment in Frankreich war und dort wegen militärischen Ungehorsams degradiert und auch vor ein Kriegsgericht gestellt wurde und zu diesem Bewährungszug kam.

Der Reich ist am Tag, wie ich verwundet wurde, ein paar Stunden nachher gefallen, und sein Bruder, der auf der anderen Seite der Rollbahn am Wolchow war, ist zwei oder drei Tage später als Sturmbannführer der Waffen-SS gefallen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann nehmen Sie Platz.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie hieß dieser andere da? Heger, habe ich das richtig verstanden?

 

Angeklagter Boger:

Heber.

 

Vorsitzender Richter:

Heber.

 

Staatsanwalt Vogel:

Heber. Wissen Sie etwas [+ darüber], was aus dem geworden ist nach dem Krieg, Herr Kilb?

 

Zeuge Josef Kilb:

Nein. Heber hat, nachdem ich rauskam oder, ich glaube, in Dresden war, bei meiner Einheit einmal nachgefragt, daß ich ihm beeiden soll, daß er bei mir verwundet wurde, beim Bewährungszug.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das war noch während des Krieges?

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie zufällig den Vornamen?

 

Angeklagter Boger:

Hugo.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hugo?

 

Zeuge Josef Kilb:

Hugo, jawohl.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hugo Heber.

 

Angeklagter Boger:

Aus Tübingen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Kann uns der

 

– Schnitt –

 

Staatsanwalt Vogel:

Ihr Vertreter?

 

Angeklagter Boger:

Ja, er war mein Vertreter. Ich nehme an, daß er gefallen ist. Heber kam von Dresden weg, wie unsere Versetzung kam, für mich nach Auschwitz und für Heber nach Radolfzell. Und Heber sollte in Radolfzell, er war ja damals erst Gefreiter, also Sturmmann, zu einem Führerlehrgang kommen. Und er kam auch dorthin, und er wurde sofort in Marsch gesetzt. Das war in den ersten Dezembertagen. Da aber ich über das Bataillon

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Na ja, also das

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Ja, es ist jetzt vielleicht wichtig, noch dazu zu sagen. Ich habe über das Bataillon

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, wichtiger erscheint mir folgende Frage. Der war Ihr Vertreter in Ostrołęka.

 

Angeklagter Boger:

In Ostrołęka, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist er im Zusammenhang mit Ihrer Sache auch zu dieser Einheit gekommen?

 

Angeklagter Boger:

Ja, genauso. Wir waren unseren Weg zusammen gegangen bis auch über Kutno. Was für mich zutrifft bis zur Bewährungseinheit und bis Anfang Dezember 1942, trifft genauso auch für Hugo Heber zu. Dort trennten

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Der ist also aus denselben Gründen dorthin gekommen wie Sie?

 

Angeklagter Boger:

Genau.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut.

 

Angeklagter Boger:

Und der ging dann von Dresden aus Anfang Dezember nach Radolfzell in einen Führerlehrgang. Und da ich mich gemeldet hatte für einen [unverständlich] Meisterlehrgang, um die technische Führerlaufbahn einzuschlagen, da lief ein Gesuch, daher kam es dann, daß ich nicht sofort in Marsch gesetzt wurde. Da hat die Kompanie erst wieder rückgefragt, und dadurch kam es, daß ich erst Mitte Dezember, nachdem das abgelehnt wurde auf die Rückfrage, von Dresden nach Auschwitz in Marsch gesetzt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Richter Hotz:

Eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Kilb, Sie hörten eben, daß der Angeklagte Boger gesagt hat, er sei im Oktober wieder Oberscharführer geworden der Waffen-SS. Haben Sie ihn in dieser Eigenschaft gesehen? Erinnern Sie sich jetzt, nachdem er das sagt, daß er vielleicht doch wieder irgendeinen Dienstgrad erreicht hatte und Sie ihn als solchen gesehen haben?

 

Zeuge Josef Kilb:

Darf ich Herrn Boger mal fragen, ob er sich noch entsinnen kann, was für ein Tag das war, wo wir in der Dresdner Heide waren?

 

Angeklagter Boger:

Das war während des Besuches von deiner Frau.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ja.

 

Angeklagter Boger:

Ja, das war schon im Herbst. Da war meine Frau ja auch da, um diese Zeit.

 

Zeuge Josef Kilb:

War das im September, oder war das im Oktober?

 

Angeklagter Boger:

Also ich kann das mit Gewißheit auch nicht sagen.

 

Zeuge Josef Kilb:

Ich kann mich wirklich nicht mehr entsinnen, auch meine Frau kann sich nicht mehr entsinnen, wann das war. Auf jeden Fall weiß ich, daß ich im August 42 nach Dresden kam, bis April 43 in Dresden war.

 

– Schnitt –

 

Zeuge Josef Kilb:

Da habe ich Sie getroffen, und zwar gleich anfangs, wo ich dort war. Es kann möglich sein, wie Sie gesagt haben, daß wir öfters zusammenkamen. Aber in der Zwischenzeit, es sind 22 Jahre, und da kann ich mich nicht mehr an alles entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn keine Fragen mehr sind: Können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Josef Kilb:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann den Eid zu leisten. Ich spreche Ihnen zunächst den Eid vor: Sie schwören bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß sie nach bestem

 

– Schnitt –

 

 

 

 
 
 
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