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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

62. Verhandlungstag, 6.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Rudolf Kauer

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kauer, sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussagen auf ein Tonband nehmen zur Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das stelle ich Ihnen anheim, wie Sie wollen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Kauer, Sie sollen hier als Zeuge vernommen werden. Ich mache Sie deshalb auf die Bedeutung und die Wichtigkeit des Eides aufmerksam und verwarne Sie vor den Strafen des Meineids. Sie dürfen uns nur die reine Wahrheit sagen und nur das sagen, was Sie persönlich gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben. Wenn Sie uns etwas sagen wollen, was Sie nicht selbst gesehen und gehört haben, dann müssen Sie uns das ebenfalls ausdrücklich sagen, daß Sie diese Wissenschaft nur vom Hörensagen haben. Haben Sie das verstanden?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie dürfen nichts verschweigen von dem, was Sie wissen. Aber das, was Sie sagen, muß auch der unbedingten Wahrheit entsprechen. Ich muß Sie ausdrücklich deshalb nochmals insbesondere vor den Strafen des Meineids verwarnen, weise Sie aber auch darauf hin, daß jede falsche Aussage vor Gericht strafbar ist, selbst wenn Sie nicht vereidigt werden sollten. Herr Kauer, Sie heißen mit Vornamen Rudolf?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

62 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Salach.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind von Beruf?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Bauingenieur.

 

Vorsitzender Richter:

Seit wann sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Seit 60.

 

Vorsitzender Richter:

Warum haben Sie im Jahr 61 gesagt, Sie seien

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Oder vielmehr 61 – jetzt weiß ich nicht genau –, also, dann ist es 61.

 

Vorsitzender Richter:

Denn bei Ihrer Vernehmung am 4. Januar 61 haben Sie sich noch als ledig ausgegeben.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da war ich noch ledig, ach so.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Kauer, Sie haben zunächst die Volksschule besucht, anschließend die obere Realschule und haben dort das Matur abgelegt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann studiert an der Technischen Hochschule in Prag.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, was haben Sie studiert?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Bauingenieur.

 

Vorsitzender Richter:

Hoch- und Tiefbau?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Hoch- und Tiefbau, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie beim tschechischen Heer gedient.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

18 Monate.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben dann bis 28 in Frankreich als Bauingenieur gearbeitet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann waren Sie vorübergehend drei Jahre in der Tschechoslowakei und sind dann wieder nach Frankreich gegangen.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nun erzählen Sie mal, wie Sie nach Dresden kamen und wie es zu Ihrer Verhaftung gekommen ist.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, ich bin von einem Herrn erkannt worden, und der hat gewußt, daß ich da...

 

Vorsitzender Richter:

Wie kamen Sie nach Dresden? Sie haben doch in Frankreich gearbeitet bis 33?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ich bin dann im Januar 33 zurückgekommen nach Aussig, und dann bin ich im Oktober nach Dresden gefahren, da wollte ich jemanden abholen und nach der Tschechoslowakei bringen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollten jemanden abholen und nach der Tschechoslowakei bringen. War das der Führer der Sudetendeutschen Bewegung?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Der, der mich verraten hat.

 

Vorsitzender Richter:

Der hat Sie verraten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum mußten Sie den Betreffenden nach der Tschechoslowakei bringen? Konnte er nicht alleine hinfahren?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das konnte er kaum, denn damals waren die Grenzen so hermetisch abgeschlossen, daß es kaum möglich war. Bei mir war jedenfalls eine Möglichkeit gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei dieser Gelegenheit sind Sie verraten worden und sind zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Strafe haben Sie auch verbüßt bis 39 in Waldheim.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann in verschiedenen Konzentrationslagern gewesen, Sachsenhausen, Neuengamme.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Am 16. Mai 1941.

 

Vorsitzender Richter:

Am 16. Mai oder 16. September?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

16. Mai 1941.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer Vernehmung im Jahr 61 gesagt, das wäre am 16. September gewesen. [...] Ach, ich bitte um Entschuldigung, jawohl. »Wo ich bis zum 16.9.44 blieb.«1 Richtig, jawohl, so war es. Also von Mai 41 bis September 44. [...]

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann kamen Sie noch nach Leitmeritz und sind dort geflohen.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nun erzählen Sie bitte mal, wie Sie nach Auschwitz kamen. Wo sind Sie da eingeteilt worden, und wo haben Sie Ihre Unterkunft gehabt? Und was haben Sie gearbeitet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ich bin mit einem Sammeltransport von Neuengamme nach Auschwitz gekommen. Erst waren wir von Neuengamme aus nur drei – das waren der Ulbricht, der Maschke und ich –, weil wir in diesem Lager irgendwelche Unstimmigkeiten mit dieser SS wegen Verbindungen nach außen hatten, und da hat man uns nach Auschwitz abgeschoben. Jedoch im Verlauf des Transportes, da sind dann in Breslau und in Kattowitz noch mehrere hinzugekommen, [...] so daß die Zahl des Transports auf ungefähr 16 bis 20 anstieg. Und wurden dann vom Bahnhof nach dem Lager gebracht, und wir drei von Neuengamme mußten beim Tor im Sachsengruß stehenbleiben, wohingegen die anderen zur Aufnahme geführt wurden. Und schon da entwickelte sich [+ etwas] auf Block 24 mit diesen Berufsverbrechern, die dort gewesen sind, wo sie uns zuriefen: »Ihr drei, ihr verreckt schneller, als ihr glaubt!« Nun, das war nichts Neues, da ich mit dieser Sorte von Leuten schon dauernd zu tun gehabt hatte, in Sachsenhausen als auch in Neuengamme. Denn alle Unbilden, die im Lager mir zugestoßen sind, sind nur von dieser Sorte Leute gekommen. Daß ich dann natürlich mit dieser SS auf diese Art und Weise zusammenhagelte, daß man mich räderte und geschunden hat, das ist nur auf Verrat dieser Leute zurückzuführen. Die Leute in Uniform, die habe ich gekannt, das waren meine Gegner. Ich war auf diese Leute vorbereitet, schon seit langem, schon seit 33. Aber die, die eine andere Uniform trugen, auf die war ich leider nicht vorbereitet. Und so ist es mir in Sachsenhausen gegangen, daß ich aus der SK nicht herauskam, und in Neuengamme, daß man mit mir »Sport« machte, den praktisch kein Mensch aushalten konnte: Ich allein, mit zwölf SS-Leuten, das hat etwas bedeutet. Ich glaube, der Angeklagte Hofmann wird mir das bestätigen können, was ich da ausgehalten habe. Ich bin nicht als Ankläger gegen den Herrn Hofmann hier, er soll es nur bestätigen, daß das, was ich hier sage, wahr ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie kamen also nach Auschwitz und wurden in welchem Block untergebracht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Zuerst in einem ganz primitiven Block, im Block 3. Da schliefen wir in einem Raum ungefähr von sieben Meter Länge auf vier Meter Breite, ungefähr 60 Personen, wie die Heringe.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange waren Sie da drin?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da war ich nicht lange drin. Am nächsten Tag wurde ich einem Kommando zugeteilt, nach DAW. Und da fängt gleich dieser Kapo, ein gewisser Arno Böhm, an, wieder zu schikanieren und zu hetzen und so weiter. Und ich habe ihn gleich aufmerksam gemacht, daß er dabei den Kürzeren ziehen wird, denn bevor ich verrecke, verreckt er mit. Das hat ein Unterscharführer von der SS gehört, und das war zufällig ein Unterscharführer von der Bauleitung. Der wurde auf mich aufmerksam und hat mich da beiseite genommen, fragte mich, von woher ich bin, was ich bin und so weiter. Dann sagte er: »Es ist in Ordnung«, hat dem Kapo gesagt, er nimmt mich mit, und hat mich dann mitgenommen und hat mich da zum Arbeitseinsatz geführt. Und ich wurde am nächsten Tag der Bauleitung zugeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo wurden Sie da untergebracht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Dann war ich auf Block 13. Aber da war ich auch nicht lange, weil dann arbeitete ich auf der Bauleitung. Und dann kam ich auf Block 15, weil inzwischen diese Blocks dann gebaut wurden und so weit fertig waren, daß sie beziehbar waren, wenigstens die Untergeschosse. Und dann viel später, vielleicht ein halbes Jahr später, bekam ich ein Einzelzimmer auf Block 1.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Einzelzimmer?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, es hört sich wie eine Begünstigung hier an, aber die SS-Offiziere hatten Angst gehabt vor Infektionskrankheiten. Und da ich viel mit diesen Leuten zusammen war, so war es selbstverständlich, daß die keine Ansteckungsgefahr von seiten so eines Häftlings haben wollten. Und dann haben sie eben das veranlaßt.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war der Block 1?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ist eine Karte hier?

 

Vorsitzender Richter:

Da hinten ist die Karte vom Stammlager.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

[Pause] Hier.

 

Vorsitzender Richter:

Da oben.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und zwar war das Zimmer hier im Dach, das war oberhalb der Treppe. Da war das Zimmer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dann kommen Sie mal wieder vor. [Pause] Und was hatten Sie da zu tun, wie Sie nun bei der Bauleitung tätig waren?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Planungsarbeiten. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Planungsarbeiten. Wo wurden die ausgeführt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Im Baubüro. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Im Baubüro. Und wo war das Baubüro?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

[Pause] Nun, das war [unverständlich] wenn man hier herausging, beim Krematorium vorbei, unweit hier, ungefähr in dieser Richtung.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie da hingeführt, ins Baubüro?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Hingeführt hat mich niemand, weil ich mußte mit dem Kommando antreten.

 

Vorsitzender Richter:

Sie mußten mit dem Kommando antreten, und das Kommando wurde doch dann abgeführt, nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Wie abgeführt?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es wurde doch rübergeführt nach dem Baubüro.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, und da war ein Läufer vom Baubüro, ein gewisser Rottenführer Steiner, der übernahm die Anzahl der Gefangenen vom Baubüro. Wir waren damals 16, der Kapo von diesem Kommando hieß Plaskura.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie, konnten Sie sich auch frei bewegen im Lager?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Viel später, nicht sofort.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das ungefähr?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, so ein Jahr später.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Jahr später. Das muß also im Jahr 42 gewesen sein?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das kann auch schon einige Monate früher gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und erzählen Sie mal, wie Sie sich da frei bewegen konnten im Lager?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, ich bekam einen Passierschein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was stand da drauf, etwa?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, wenn ich zum Beispiel nach dem Lager Birkenau zu gehen hatte wegen Bauarbeiten oder sonst irgendwohin zu Vermessungsarbeiten, da stand es eben drauf. Soweit es in der Postenkette gewesen ist, konnte ich mich schon frei bewegen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also, Sie sagen: »innerhalb der Postenkette«. Meinen Sie da die Große oder die Kleine Postenkette?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, die Große Postenkette.

 

Vorsitzender Richter:

Die Große Postenkette.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Zum Beispiel nach Harmense hinaus oder nach Budy, soweit die Postenkette stand. Oder angenommen bis nach Łęki hinunter, da konnte ich frei gehen. Es war mir auch gestattet in dieser Beziehung, weil diese Po stenkette schnitt, durch die Bahnlinie bedingt, in zwei Teile.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Also wenn ich dann nach Birkenau zu gehen hatte, so war es mir möglich, daß von dem alten Lager gewissermaßen und dann von Birkenau, wo dieser Schnitt durch die Bahnlinie war, daß ich diese 30 Meter ohne Aufsicht gehen konnte, weil die Posten doch das sehen konnten, wenn ich über den Bahnübergang drüberging, daß ich wieder in die andere Postenkette hineinschleuse.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und bekamen Sie diesen Ausweis von Fall zu Fall, oder bekamen Sie diesen Ausweis ein für alle Mal?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Erst bekam ich ihn von Fall zu Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Von Fall zu Fall?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nur wenn Sie dort etwas zu tun hatten, bekamen Sie einen solchen Ausweis.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und konnten Sie denn in dem Lager, also innerhalb der Großen Postenkette, ohne Ausweis herumgehen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Innerhalb der Großen Postenkette? Ohne Ausweis? [...] Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht. Und innerhalb der Kleinen Postenkette?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, da brauchte man ja keinen Ausweis.

 

Vorsitzender Richter:

Da brauchte man keinen Ausweis?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da war man ja im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Da war man im Lager. Nun, wie lange waren Sie in dieser Bauabteilung?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da war ich bis 43, Anfang 43.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 43. Und dann?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Wurde ich dem Kommando Politische Abteilung zugeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Von Anfang 43. Und wie lange blieben Sie dort?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Bis 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Sie weggingen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein, bis Mai, dann bekam ich iL. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt iL?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

»Im Lager.« Ich durfte in keinem Außenkommando mehr beschäftigt werden. Ich mußte mich im Lager [aufhalten].

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was bedeutete das? Und warum bekamen Sie das?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das ist mir ein Rätsel, das hätte ich gern selbst erforscht.

 

Vorsitzender Richter:

Am 16.9.44 sind Sie weggekommen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie also etwa ein halbes Jahr nicht mehr bei der Politischen Abteilung waren?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das war von Mai 44 bis September 44.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was taten Sie in dieser Zeit?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da baute ich ein Schwimmbad.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Im Lager selbst.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Vom Mai 44 bis zum September 44.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum kamen Sie dann weg?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das weiß ich auch nicht. Ich wurde fünf Minuten vor Abgang des Transportes von der Straße weggeholt und mit eingereiht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun wollen wir zunächst einmal anfangen bei Ihrer Tätigkeit vom Mai 41 bis zum Mai 44.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt, in dieser Zeit waren Sie bei der Bauabteilung.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl. Aber auch nicht ganz bei der Bauabteilung, da wurde ich schon zeitweise auch bei der Politischen Abteilung beschäftigt.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum und wann?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das war wegen den Fluchten, weil Fluchtpläne angefertigt werden mußten, Skizzen, also Tatortbestände.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und da wurde ich je nach Bedarf von der Politischen Abteilung geholt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und von wann ab war das ungefähr?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, das war schon Ende 1941.

 

Vorsitzender Richter:

So früh schon?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt erzählen Sie mal, wenn Sie da geholt wurden, wo Sie da hingeführt wurden und was Sie dann dabei erlebt haben.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, beim ersten Mal fuhr der Untersturmführer Wosnitza mit mir.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, der führte mich in diese Sache ein, wie das nun zu handhaben ist. Und da wurde dieser Tatort, wo dieser erschossene Flüchtling eben lag und wie die Postenkette stand, wo das Arbeitskommando arbeitete, das mußte auf einer Skizze genau eingezeichnet werden, und auch die Schußrichtung mußte festgelegt werden. Nun, wie man das eben bei der Kriminalpolizei heute auch handhabt, wo ein Tatbestand eben außerhalb festgelegt werden muß. Und wenn zum Beispiel auch ein SS-Mann dabei zu Schaden kam, daß er erschlagen wurde oder sonst irgendwie betäubt oder irgendwie eben [unschädlich] gemacht wurde, um die Flucht [nicht zu verhindern], dann mußte auch die Lage des SS-Mannes [+ festgestellt werden]. Und dann wurde das auch fotografiert vom Erkennungsdienst, vom Lager aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Vom Lager aus. Zu diesem Zweck wurden Sie vermutlich zunächst an den Tatort selbst geführt.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ja, da wurde ich selbst hingeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Ihre Skizze, die haben Sie doch woanders angefertigt. Wo war denn das?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Erst im Baubüro.

 

Vorsitzender Richter:

Das war im Baubüro.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Die habe ich dort angefertigt und habe auch die Pausen machen lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und dann kam es zu Divergenzen zwischen der Bauleitung und der Politischen Abteilung wegen dieser Skizzen, wer das Papier bezahlt. Die waren in dieser Beziehung kleinlicher, administrativer. Jetzt wollte keiner diese Kosten tragen. Es gab dauernd Schwierigkeiten deshalb.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und deshalb kamen Sie dann im Jahr 44

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Nein, 43 wurde ich deshalb dann in die Politische Abteilung gänzlich übernommen.

 

Vorsitzender Richter:

Im Mai 43.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Anfang 43.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 43 in die Politische Abteilung.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Aber wiederum hat die Bauleitung sich ausbedungen, daß ich von Zeit zu Zeit, wenn dringende Planungen da sind, daß ich wieder auf der Bauleitung arbeite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, das war so ein Wechselgeschäft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo haben Sie dann gearbeitet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Wie?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie kamen zur Politischen Abteilung.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Zur Politischen Abteilung, da war ich doch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wo haben Sie Ihre Pläne angefertigt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, auf der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Hatten Sie da einen eigenen Raum, wo Sie das tun konnten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Den bekamen Sie zugewiesen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, wo war dieser Raum? War der in einer Baracke oder in einem festen Haus?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das war in einer Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

In einer Baracke. Und wo stand die Baracke?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, die stand gegenüber von der Administration, also vom Verwaltungsgebäude, das Mittelgebäude zwischen Politischer Abteilung und SS-Revier, längs nach oben zum Krematorium I.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Krematorium I zu. Nun, hatten Sie diesen Raum schon, wie Sie noch bei dem Baubüro waren?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, auch da war ich schon da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie ging das nun vor sich? Wenn Sie also zum Beispiel an dem Tatort Ihre Notizen sich gemacht hatten, dann haben Sie sich auf die Politische Abteilung begeben und haben dort in dem Raum, der Ihnen zugewiesen war, die Zeichnung gemacht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie dann auch bei Vernehmungen zugegen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein. Da war ich nicht zuständig dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie nicht zugegen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben also lediglich nach dem, was Sie an Ort und Stelle

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Was ich am Ort gesehen habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gesehen hatten, haben Sie Ihre Skizze gemacht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Die Skizze gemacht und habe sie dort vorgelegt. Und dann der betreffende Sachbearbeiter, das war der Oberscharführer Dylewski, manchmal auch der Boger oder der Broad, je nachdem. Oder Wosnitza, auch Lachmann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also wer gerade diese Flucht bearbeitete?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Aber in der Hauptsache war der Oberscharführer Dylewski dafür zuständig.

 

Vorsitzender Richter:

Für Fluchten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, wenn Sie nun Ihre Skizze gemacht hatten, dann haben Sie die Skizze vermutlich dem Angeklagten Dylewski abgeliefert?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie dann noch mit der Sache zu tun?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Dann hatte ich praktisch nichts mehr zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts mehr zu tun. Nun, waren denn täglich derartige Fluchten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, sie waren zahlreich, fast täglich.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatten Sie zwischendurch zu tun?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Dann wurde ich bei Statistiken beschäftigt.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Statistiken. Und worüber wurden diese Statistiken geführt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, über Eingänge, über Transporte, über die Anzahl der Transporte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hatten Sie während Ihrer Tätigkeit bei der Politischen Abteilung die Möglichkeit, das Lager auch noch so zu begehen wie vorher?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Noch viel besser.

 

Vorsitzender Richter:

Warum?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Dann bekam ich überhaupt freien Lauf. Dann bekam ich einen permanenten Schein, daß ich mich innerhalb der Großen Postenkette bewegen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Einen permanenten Schein?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und wer hat Ihnen diesen Schein ausgeliefert?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Von der Lagerführung aus.

 

Vorsitzender Richter:

Lagerführung aus. Wissen Sie noch, wer ihn unterschrieben hatte?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Der Hauptsturmführer Aumeier.

 

Vorsitzender Richter:

Aumeier. Nun, sind Sie mit diesem Schein auch öfter durchs Lager gegangen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Durch welches? Es gab ja mehrere Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also innerhalb der Großen Postenkette.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ich habe ihn gar nicht mehr zeigen brauchen, weil mich sowieso alle kannten.

 

Vorsitzender Richter:

Alle kannten Sie. Nun, wenn Sie auch, will ich mal sagen, das Recht hatten, sich da zu bewegen, so mußten Sie doch meistens oder sicherlich einen Grund auch haben, sich da zu bewegen. Also Sie konnten ja nicht einfach spazierengehen da drin.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, der Grund, der war immer vorhanden.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und wenn keiner war, da hat man sich einen gesucht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ich mir vorstellen. Und worin bestand dieser Grund hauptsächlich?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Am Baubüro in Vermessungsarbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und [Pause] um nach dem Fortschritt der Arbeiten zu schauen, weil ich ja an diesen Diagrammen zu arbeiten und das prozentual festzustellen hatte, wie weit der Baufortschritt ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sagen Sie, wie Sie nachher bei der Politischen Abteilung waren, da sagten Sie uns, hätten Sie hauptsächlich mit dem Angeklagten Dylewski gearbeitet.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, was hat denn der Angeklagte Dylewski so im allgemeinen für einen Ruf gehabt, und was hat er denn für eine Rolle gespielt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, er war harmlos.

 

Vorsitzender Richter:

Er war harmlos?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind am 10. Oktober 1962

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Augenblick, ich möchte jetzt mal zu dieser Vernehmung2 eins sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das ist alles nicht zutreffend.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich? Warum und wieso und was ist nicht

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Na, ich hatte ein bißchen was getrunken, und da habe ich da etwas erzählt, was ich heute nicht verantworten könnte. Ich will heute bei der Wahrheit bleiben. Es ist zwecklos, auf diese Vernehmung zurückzukommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein, das ist gar nicht zwecklos, sondern das ist sehr wichtig für uns.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Sie stimmt nicht, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Sie stimmt nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Sie stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben zunächst einmal gesagt: »Dylewski war ein Totschläger.«3

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das mag sein, aber er war es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich habe selbst gesehen, wie er die Leute zusammengeschlagen hat.«4

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Viele Zeugen haben etwas gesehen, was ich heute beweisen kann, daß es nicht möglich ist.

 

Vorsitzender Richter:

Danach frage ich Sie nicht, sondern ich frage Sie danach

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ja, ich habe es nicht gesehen, Herr Vorsitzender, wenn ich Ihnen jetzt sage, daß diese Aussagen wertlos sind!

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja, Herr Kauer, so einfach geht es aber nun nicht.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na gut, dann bestrafen Sie mich dafür, für eine falsche Aussage, ich nehme es auch auf mich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, ja. Sie sagen, das hat nicht gestimmt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn inzwischen mit jemandem gesprochen, oder hat jemand versucht, Sie umzustimmen oder Ihnen klarzumachen, daß Sie nichts gesehen haben

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, mich kann niemand umstimmen. Ich habe einen dicken Kopf in dieser Beziehung. Ich habe vielleicht Klarheit gewollt über verschiedene Sachen, ich brauche die. Ich habe sie nicht erlangt. Es ist mißlungen.

 

Vorsitzender Richter:

Klarheit über verschiedene Sachen. Über was für Sachen wollten Sie Klarheit?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, mein Gott, ich arbeite ja auch an einer Sache.

 

Vorsitzender Richter:

Sie arbeiten an einer Sache?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

An welcher Sache?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich? An einem Bericht oder an einem Buch oder was?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, es soll ein Buch werden, aber ich weiß nicht, ob ich es dann herausgebe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jedenfalls, ich bin jetzt noch unsicher in dieser Beziehung. Weil ich nichts Genaues weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und warum haben Sie den Angeklagten Dylewski bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter so belastet, zu Unrecht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ich habe ihn zu Unrecht belastet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja und warum?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, ich habe Ihnen gesagt, ich war ein bißchen beschickert, und da habe ich da ein bißchen was drauflosgeschwatzt.

 

Vorsitzender Richter:

Na, also Sie waren sicherlich nicht so betrunken, daß Sie nicht gewußt haben, was Sie uns gesagt haben

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

So betrunken war ich auch nicht, das sage ich auch.

 

Vorsitzender Richter:

Denn das hätte ja der Untersuchungsrichter ohne weiteres feststellen müssen. Aber wenn Sie nun sagen: »Es ist nicht wahr«

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ja, es ist nicht wahr, Herr Vorsitzender! Glauben Sie mir, daß es nicht wahr ist.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, schön, dann möchte ich gerne von Ihnen wissen, warum Sie sich gerade ausgerechnet den Angeklagten Dylewski herausgegriffen haben, um ihn so zu belasten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, ich würde auch die anderen ebenso herausgreifen, nur keine Sorge. Ich habe mit diesen Leuten zusammenleben müssen, ich weiß, was los ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie haben weiterhin vorhin den Namen Boger genannt.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, das stimmt auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt auch nicht. Was stimmt denn nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ich sage Ihnen, die ganze Vernehmung stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie wissen vielleicht gar nicht mehr, was Sie im einzelnen gesagt haben? Was

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Doch, ich weiß es ganz genau, was ich gesagt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn der Boger für ein Mann? Was hatte der denn für einen Ruf?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, er hatte im Lager einen sehr schlechten Ruf.

 

Vorsitzender Richter:

Er hatte einen sehr schlechten Ruf?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, sehr schlechten.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, glauben Sie denn, ich hatte einen viel besseren Ruf, weil ich bei der Politischen Abteilung gewesen bin? Der war genauso schlecht.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Ruf?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, meiner auch. Aber ohne

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun, sagen Sie mal, sind Sie dauernd betrunken? Denn am 4. Januar 1961 – das war also anderthalb Jahre vorher –, da sind Sie vernommen worden von der Sonderkommission bei der Staatsanwaltschaft, und zwar durch den Kriminalmeister Ihring5.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Herr Vorsitzender, ich erkläre Ihnen jetzt, daß ich diese Aussagen bedauere, und ich nehme sie zurück. Die beruhen nicht auf den Tatsachen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ich bin heute vorm Schwurgericht, ich muß heute alles unter Eid nehmen, unter Umständen, und ich muß bei der Wahrheit bleiben. Ich habe diese Leute damals aufmerksam gemacht, Sie sollen mir etwas Zeit lassen, ich werde Ihnen genaue Sachen bringen. Ich habe mich auch darum bemüht, ich habe ein paarmal die Staatsanwaltschaft angerufen und so weiter, es ist nichts geschehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also das war zunächst einmal im Januar 61.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na ja, nun.

 

Vorsitzender Richter:

Vorhalt aus 7.494 und das aus 13.776. Also zunächst im Jahr 1961, da haben Sie gesagt: »Boger war Oberscharführer und Vernehmungsbeamter in der Politischen Abteilung«.6 Das stimmt ja doch wohl, nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das muß stimmen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sehen Sie. »Er hatte sein Zimmer schräg gegenüber von dem Zimmer, das mir für meine Arbeiten zur Verfügung gestellt wurde.«7 Stimmt das auch?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt auch. »Ich habe mehrmals beobachten können, daß Boger Häftlinge bei der Vernehmung schwer mißhandelte und daß auch Häftlinge tot aus seinem Zimmer getragen wurden.«8

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das habe ich wohl gesagt, aber es stimmt nicht!

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

»Diese Häftlinge hatte er während der Vernehmung totgeschlagen.« Das stimmt also nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

»Die Leichen wurden sofort in das kleine Krematorium getragen und verbrannt. Nach meiner Schätzung können es im Laufe der Jahre 20 bis 30 Häftlinge gewesen sein, die von Boger erschlagen oder anderweitig getötet wurden.«9

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, dann war ich ein dusseliger Hund, daß ich das gesagt habe.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich konnte auch immer die Schreie der mißhandelten Häftlinge während ihrer Vernehmung hören.«10 Stimmt das auch nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein, das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben keine Schreie gehört von Häftlingen, wenn Boger Häftlinge vernommen hat?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, also Schreie habe ich schon gehört, aber...

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also das scheint doch in etwa zu stimmen. Haben Sie auch einmal gesehen, daß Boger jemanden geschlagen hat?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Auch das habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch das haben Sie gesehen? Womit hat er sie denn geschlagen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Es kommt drauf an. Mit der Hand, oder wenn er etwas zur Hand hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, was hatte er denn meistens zur Hand, wenn er geschlagen hat?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, es war ein Knüppel.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Knüppel? Haben Sie auch mal gesehen, daß er einen Ochsenziemer in der Hand hatte?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie dann

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Augenblick. Um das gleich zu berichtigen: Es muß einer vorhanden gewesen sein, weil der Herr Boger suchte mal einen, und der war versteckt. Diese Dounia11, diese Frau, die da zu Schreibarbeiten dagewesen ist, die scheint ihn da hinter einen Schrank gesteckt zu haben. Aber ob er vorhanden gewesen ist, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben aber

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, der Zeuge beruft sich darauf, daß er bei seinen weiteren früheren Vernehmungen beschickert oder angetrunken gewesen sei, er macht mir auch heute nicht einen ausgesprochen nüchternen Eindruck, vielleicht kann er sich noch mal dazu äußern, was er heute schon an Alkohol zu sich genommen hat? Wenn er schon so eine Art Gewohnheitstrinker ist, ist dieser Gedanke nicht ganz fernliegend.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein, Herr Staatsanwalt

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie denn heute getrunken?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Heute? In Göppingen eine Tasse Kaffee und ein Glas Bier.

 

Vorsitzender Richter:

Mehr nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

So. Nun wollen wir mal weiterfragen hier. Sie haben also bei Ihrer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter gesagt, der Boger hätte einen Ochsenziemer gehabt, mit dem er so lange auf die Häftlinge eingeschlagen hätte, bis sie tot liegengeblieben seien.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das war Lagergespräch gewesen. Ich habe mich dem eben angeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben gesagt, Sie hätten bei solchen Vorfällen häufig im Vernehmungszimmer dabeigestanden?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, einmal, nicht so häufig.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Bei harmlosen Vernehmungen wohl, aber bei einer war ich dabeigestanden, wo es ein bißchen tragisch zuging.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, dieser Häftling hat das auch ehrlich verdient. Das kann ich schon heute sagen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und warum ging es tragisch zu, und warum hatte er es verdient?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Auf einem Kommando, draußen, war da so ein junger Pole. Und es war schlechtes Wetter gewesen, und da hatten die Kapos sich einen Ofen aufgestellt, und da durften jeweils die Häftlinge gegen ein gewisses Entgelt sich zu diesem Ofen hinstellen für eine Weile.

 

Vorsitzender Richter:

Die Häftlinge gegen ein gewisses Entgelt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja. Nun, das haben die Kapos einkassiert, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo hatten die Häftlinge das Geld her?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, sie hatten Geld. Manche hatten Geld, manche hatten eben keins, und der Betreffende hatte eben kein Geld gehabt, hatte aber einen Goldzahn, und der wurde ihm mit einer Bauzange gezogen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und der betreffende Häftling ist dann an Kiefergeschwüren gestorben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und der betreffende Pole wurde zur Verantwortung gezogen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie war diese Verantwortung?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, der wurde ganz mächtig durchgeprügelt.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem? Von Boger?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Von Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar womit?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, mein Gott, dem haben sie einen Schemel ins Kreuz geschlagen und ihn dann mit verschiedenen anderen Sachen traktiert, dann ist er unglücklicherweise ein bißchen gefallen, und dann haben sie ihn weggebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben sie ihn weggebracht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja. Aber Boger hat ihn nicht erschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso kamen Sie dazu, bei dieser Vernehmung dabeizusein? Hier drehte es sich doch nicht um eine Flucht, wo Sie Pläne auszuarbeiten hatten?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Wieso ich dazukam? Na, ich bin dagestanden. Doch, es handelte sich vorher schon um Fluchten.

 

Vorsitzender Richter:

So, da haben Sie dagestanden, und das hat der Boger sich so ohne weiteres gefallen lassen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, vielleicht hat er es gar nicht gemerkt. Der hat die Frau hinausgeschickt, mich hat er stehenlassen. Ich weiß ja nicht, warum.

 

Vorsitzender Richter:

So. Haben Sie einmal erlebt, daß eine Polin vernommen worden ist? Von etwa 23 bis 24 Jahren.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

[Pause] Ja, da sind viele Leute vernommen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, diese Vernehmung von der Polin müßte Ihnen aber doch wohl noch sehr in Erinnerung sein, denn Sie haben sich damals über ein Ding insbesondere – mit Recht – aufgeregt.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

[Pause] Unzutreffend.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gesagt: »Ich schätze, sie war 23 oder 24 Jahre alt.« 13.776. Nein, Vorhalt: »Meines Wissens stammte sie aus Krakau. Sie war eine Intellektuelle. Besonders entsetzte es mich, daß er ihr mit dem Ochsenziemer über die Brust schlug. Die linke Brust wurde teilweise abgerissen und hing herunter.«12

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn man das einmal gesehen hat, Herr Zeuge, dann kann man das nie vergessen und nicht erklären mit den Worten: »Es sind viele Leute geschlagen worden!« Das

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Jawohl. Das ist erzählt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann weiterhin gesagt: »Es hatte sich in dem Vernehmungsraum eine große Blutlache gebildet. Als die Polin schon auf dem Boden lag, drehte er den Ochsenziemer um und schlug mit dem starken Griff auf ihren Schädel.«13

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Herr Vorsitzender, das ist nicht zutreffend. Da habe ich eben gelogen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nehmen Sie bitte ins Protokoll auf: »Der Zeuge erklärte auf Vorhalt aus Blatt 13.776, Absatz 3: ›Was ich hier ausgesagt habe, ist nicht zutreffend: Da habe ich eben gelogen.‹ «14 Sie haben weiterhin gesagt, daß

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, darf ich bitten, den Zeugen auch noch nach 5515 zu belehren? Ich glaube, das ist noch nicht geschehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich habe bisher keine Veranlassung gehabt, denn er selbst hat ja nicht behauptet, daß er sich irgendwie da dran beteiligt gehabt hätte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, aber ich glaube, unter Umständen ist ja auch die falsche Anschuldigung drinnen, und unter Umständen müßte man...

 

Vorsitzender Richter:

Wird das von 55 ergriffen, Herr Rechtsanwalt? Ich glaube nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich glaube schon.

 

Richter Hotz:

Wissen, daß es falsch ist und in der Absicht, zu Unrecht zu belasten: Dann könnte es von 55 erfaßt sein. In diesem Fall.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Vorsitzender, bei dieser Sachlage, die sich heute hier offenbart hat, rege ich an, auf die weitere Vernehmung des Zeugen Kauer zu verzichten. Da ist ja doch nichts Brauchbares zu erwarten.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, »jeder Zeuge kann die Auskunft auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung ihm selbst oder einem der im § 52 bezeichneten Angehörigen die Gefahr strafgerichtlicher Verfolgung zuziehen würde«.16

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eben.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, aber das gilt nach meiner Meinung nur für eine Aussage dieses Verfahren betreffend, aber nicht allgemein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, da müssen wir im Moment vorsichtig sein. Also erforderlich ist die Gefahr der Verfolgung wegen einer früheren, vor der Aussage begangenen Tat, und das wäre ja unter Umständen damals die falsche Anschuldigung nach 16417.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich möchte eines klarstellen, damit hier keine Mißverständnisse entstehen. Ich stehe nicht auf dem Standpunkt, daß das damals eine falsche Anschuldigung war. Aber wenn wir die Aussage verwerten wollen, müßte die Belehrung durchgeführt werden, deshalb meine ich das nur.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Tja. Also wollen wir mal den Zeugen belehren nach § 55 der Strafprozeßordnung. Da steht drin, daß Sie die Auskunft auf solche Fragen verweigern können, deren Beantwortung Ihnen selbst oder Ihren Angehörigen die Gefahr strafgerichtlicher Verfolgung zuziehen würde.

Ja, Sie haben dann weiterhin geschildert, wie ein ein Jahre altes Kind aus einem Judentransport mit dem Schädel gegen einen Baumstamm geschlagen worden ist. Stimmt das auch nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das stimmt auch nicht, das ist ja schon mehrfach erzählt worden.

 

Vorsitzender Richter:

»Er hatte das Kind deshalb an den Baum geschlagen, weil es geschrien hatte.«18 Stimmt also nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie Broad gekannt, ja?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, habe ich gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wie verhielt der sich denn?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ruhig.

 

Vorsitzender Richter:

Ruhig. Waren Sie da mal Augenzeuge einer Tötungshandlung?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben aber auch da gesagt: »Ich habe persönlich gesehen, wie er Häftlinge mißhandelt hat.«19

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da habe ich auch gelogen. Ich habe Ihnen ja gesagt, die ganzen Vernehmungen von vorher sind eben nicht wahr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorhalt zu 13.777, Absatz 1: »Auch bezüglich des Angeklagten Broad habe ich gelogen «20

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ich bedauere es sehr, aber es stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Tja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ich muß heute bei der Wahrheit bleiben.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, daß das hier um Mord geht

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ja, ich weiß, daß es um Mord geht.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß diese Leute hier auf der Anklagebank sitzen, weil ihnen vorgeworfen wird, gemordet zu haben?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ich weiß das. Dessen bin ich mir bewußt, ich weiß auch, wie viele Tote es gewesen sind, ich habe sie alle gesehen. Mir reicht es. Ich kann nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Aber anscheinend hat es doch dazu gereicht, die Leute falsch zu beschuldigen.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Leider. Es tut mir leid.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie bei Klehr festgestellt? [Pause] Haben Sie ihn

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Na, ich habe gehört, daß er »abgespritzt« hat.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gehört, daß er »abgespritzt« hat?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und ich habe aber auch gehört, daß andere auch »abgespritzt« haben.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gewußt, wo das geschah?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, auf Block 20 oder 28.

 

Vorsitzender Richter:

28, ja? Und haben Sie einmal dort etwas mit eigenen Augen gesehen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, wie man Leute hereingeführt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie auch in einem Nebenraum des »Abspritzungszimmers«,21 wie Sie sich ausgedrückt haben?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, da gab es keine Nebenräume. Man konnte nur bis zu dem Vorhang kommen, weiter nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie nicht hinter dem Vorhang?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben damals gesagt: »Aufgrund meiner Tätigkeit beim Baubüro hatte ich Zutritt zu sämtlichen Baulichkeiten.«22

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, aber wohl kaum dort, wo »abgespritzt« wurde, denn da hätte meine Ausrede nicht genügt.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von Scherpe?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gemeint, er hätte bei Lagerselektionen mitgewirkt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, bei Lagerselektionen. Wissen Sie, das ist eine Sache, ja. Da haben so viele mitgewirkt, Häftlinge, SS-Leute und so weiter, was heißt hier Selektion?

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann noch einmal von Dylewski gesagt: »Er war ein Totschläger.«

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, er war keiner.

 

Vorsitzender Richter:

»Es fällt mir jetzt ein, daß ich selbst gesehen habe, wie er die Leute zusammengeschlagen hat.«23

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Der Herr Dylewski, der hat sich in dieser Beziehung bestimmt nicht exponiert. Und das kann ich Ihnen gleich sagen, daß wohl kaum ein Häftling, kaum einer, wahrheitsgemäß sagen könnte, daß einer von der Politischen Abteilung irgendwie jemanden totgeschossen oder totgeschlagen hat oder sonst dergleichen. Sie erzählen wohl viel. Sie tun gerade so, als ob die Politische Abteilung eine Kurpromenade gewesen wäre, sie war es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wer erzählt das, daß das eine Kurpromenade gewesen sei? Habe ich hier

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Na, die erzählen das so, das muß man beinahe so auffassen.

 

Vorsitzender Richter:

Wo sind Sie denn heute beschäftigt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da oben im Schwarzwald habe ich eine Bauleitung.

 

Vorsitzender Richter:

Bauleitung. Bei einer Baufirma?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie wohnen in Salach, nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ich wohne in Salach.

 

Vorsitzender Richter:

Kreis Göppingen.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dort den Apotheker Capesius kennengelernt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein, keineswegs.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nicht. Ich habe an den Zeugen keine Frage mehr. Das Gericht? Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich habe nur eine Frage. Herr Kauer, Sie sagten vorhin, dieser Gesinnungswandel, der zu den neuen Aussagen heute vor dem Schwurgericht geführt hat, sei nicht durch äußere Einflüsse herbeigeführt worden, es hätte Sie also niemand dazu überredet, heute anders auszusagen als früher. Was war nun das Motiv, daß Sie früher etwas Falsches gesagt haben und heute die Angeklagten nicht mehr belasten wollen? Haben Sie etwa befürchtet, daß von den Angeklagten Ihnen zum Vorwurf gemacht würde oder gemacht werden könnte, daß Sie als Spitzel gearbeitet haben für die Politische Abteilung?

 

Richter Perseke:

[unverständlich] 62, unerheblich.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das könnten sie nie. Das ist gänzlich ausgeschlossen. Gänzlich ausgeschlossen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Da sind Sie ganz sicher?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Herr Staatsanwalt, hören Sie auf

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nein, ich verstehe nicht, es geht doch hier um Mord!

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja eben, weil es um Mord geht!

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, wie können Sie denn die Leute im Vorverfahren beschuldigen und dann hierher kommen und sagen: »Es tut mir leid, aber ich habe eben damals gelogen.« So geht es doch auch nicht!

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Es ist aus einer gewissen Haßanwallung eben mal gekommen, ich bedauere es heute. Ich muß heute bei der Wahrheit bleiben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sind sich darüber im klaren, daß auch Ihre frühere Aussage zu einer Strafverfolgung führt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Gut, dann strafen Sie mich! Bitte, ich bin das gewohnt. Leid tut mir nur meine Frau. Gut, bestrafen Sie mich. Aber ich spreche heute die Wahrheit.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, haben Sie Wiedergutmachungsansprüche gestellt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das habe ich, aber ich habe nichts bekommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sind Sie im Zuge der Verfolgung der Wiedergutmachungsansprüche durch Sie bestraft worden?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

War da ein Verfahren eingeleitet?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, es war eins, wegen Betrug sogar.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und warum haben Sie nichts bekommen, obwohl Sie doch im KZ waren?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Es wurde abgelehnt mit der Begründung, daß ich kein politischer Häftling gewesen wäre.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren aber doch wegen Landesverrats verurteilt worden.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, ich habe sogar einen Schutzhaftbefehl hier.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ist das vielleicht der Grund, warum Sie sich um 180 Grad querstellen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Mir ist jedenfalls keine Gerechtigkeit [+ zuteil] geworden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, glauben Sie denn, wenn Sie keine Wiedergutmachungsansprüche bekommen, dann sei das ein Grund dafür

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ich will ja gar nichts haben, ich bin doch gar nicht angewiesen auf die paar lumpigen Groschen. Ich habe genug Geld.

 

Staatsanwalt Vogel:

Na, beantragt hatten Sie es ja jedenfalls.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das war in einer Zeit, da war ich irrsinnig, sonst hätte ich das nie gemacht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Was verdienen Sie zur Zeit, Herr Zeuge? [...]

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ungefähr 2.100 Mark. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Netto oder brutto?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Netto, netto.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und das ist bei einer Baufirma im Schwarzwald? Wären Sie bereit, den Namen dieser Firma zu sagen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Nicht?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Was hat die Firma mit dem Auschwitz-Prozeß zu tun?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na, das ist völlig klar, aber es ginge nur um die Einkommensverhältnisse dieses Zeugen. [Pause] Ja, ich habe dann keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Von seiten der Verteidigung?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja. Herr Zeuge, ist Ihnen etwas darüber bekannt, nach welchen Grundsätzen die ankommenden Transporte auf der Rampe ins Lager überführt oder zur Vergasung bestimmt worden sind?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Im großen und ganzen – also im allgemeinen, diese Aktionen, die vom Reichssicherheitshauptamt eingeleitet waren – waren ja sämtliche Transporte für die Vernichtung bestimmt. Aus diesen Transporten wurden jeweils dann so viele rausgesucht, um die Lücken aufzufüllen, so, wie jeweils auch Platz im Lager gewesen ist, um die Arbeitskommandos wieder aufzufüllen, weil die Sterblichkeit ziemlich groß gewesen ist, und so selektierte man immer so an die 200, 300, auch 400, manchmal auch einen ganzen Transport. Es gingen jedoch auch Transporte ohne jede Selektion in die Kammern, wo niemand dabeistand als die SS, die gerade das eben leitete.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Kauer, woher wissen Sie das, daß vom Reichssicherheitshauptamt die Anordnung bestand, daß die grundsätzlich zu vernichten waren? Zusatzfrage: Haben Sie etwa solche Fernschreiben oder so etwas Ähnliches gesehen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, das habe ich gesehen und gelesen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen? Bei der Anfertigung von Fluchtplänen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Bitte?

 

Verteidiger Steinacker:

Nein, er hat ja gesagt vorhin, er war auch mit der Statistik beschäftigt in der Politischen Abteilung, über Transporte, deshalb frage ich ihn danach.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jeweils die Transportvoransagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da haben Sie als Häftling Geheime Kommandosachen gelesen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Geheim?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, die waren doch nicht geheim.

 

Vorsitzender Richter:

Na, was denn sonst?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, so geheim war das nicht. Was kann man da noch verheimlichen, wenn man das Augenscheinlichste sieht, wie viele Leute da umgebracht werden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, Herr Rechtsanwalt, fahren Sie [fort], ich habe kein Interesse mehr an diesem Zeugen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, na, Herr Kauer, so geht es ja nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es ist ja doch alles nicht wahr.

 

Verteidiger Steinacker:

Wenn Sie sagen, Sie wissen darüber Bescheid, und sagen auf der anderen Seite, Sie hätten das gelesen, so geheim wäre das nicht. Haben Sie denn wirklich so was gelesen? Sie hören doch, der Vorsitzende und

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ich sage Ihnen ja, die Transportzettel kamen, es waren soundso viele angemeldet, die hatte ich aufzuschreiben, und das wurde dann in den Statistiken geführt.

 

Verteidiger Steinacker:

Ach so, Sie schließen das aus den Statistiken, wie viele ins Lager gekommen sind und wie viele der Transport insgesamt gehabt hat. Daraus schließen Sie, welche dann vergast worden sind?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Herr Verteidiger, Sie verstehen mich falsch in dieser Beziehung. Bevor ein Transport nach Auschwitz kam, angenommen, er kam von Drancy oder Westerbork oder sonst dergleichen woher, dann kam vorher ein Transportschein, daß soundso viele am Soundsovielten von dort und dort weggefahren wären und voraussichtlich um die und die Zeit in Auschwitz ankommen.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Und wenn sie dann angekommen sind, dann war es jeweils meine Sache, die Zahlen abzuschreiben, wie viele da drauf gewesen sind, wie viele aus diesem Transport herausselektiert wurden, und dann war die Sache für mich erledigt.

 

Verteidiger Steinacker:

Das war Ihre Aufgabe? Und aus diesem Grund haben Sie nach Ihrer Darstellung Kenntnis?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, habe ich Kenntnis, sogar eine sehr genaue Kenntnis.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja bitte, dann berichten Sie dem Gericht darüber. Es interessiert uns nämlich alle, jedenfalls mich interessiert es, nach welchen Grundsätzen das vor sich ging.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Die ersten Transporte wurden ja total vergast. Das waren diese vier Transporte von Sosnowitz, und dann kam auf einmal eine Anordnung von Obergruppenführer Pohl, da war ich damals sogar noch auf der Bauleitung. Und dann wurde auf der Bauleitung in dieser Beziehung darüber beraten, daß man aus diesen Transporten jeweils noch soundso viele herausnimmt, um Arbeitskräfte zu bekommen. Dann wurde das erweitert, auch für die Rüstung und für andere Arbeiten wie für die Buna- Werke, daß jeweils eben aus diesen Transporten soundso viele herausgenommen werden. Die Transporte waren von Grund auf, von allem Anfang an zur Vernichtung bestimmt. Es arbeiteten zwei Instanzen, eine verlangte hohe Totenzahlen, die andere verlangte hohe Zahlen von Arbeitern. Man konnte das nie richtig vereinen. Es war sehr schwer gewesen.

 

Verteidiger Steinacker:

Noch eine andere Frage: Ist Ihnen der ehemalige Oberkapo Kral bekannt?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Tja. Er war mir bekannt, leider nicht von der günstigen Seite.

 

Verteidiger Steinacker:

Wieso?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nun, er war ja beim Neubau-Kommando, und er wurde ein paarmal vom Bauleiter Bischoff verwarnt, er soll sich mäßigen in seinem Kommando.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, in welcher Beziehung mäßigen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, es ging sehr übel zu in diesem Kommando. Kral galt ja damals als Volksdeutscher, er schimpfte sich ja »Krall«.

 

Verteidiger Steinacker:

Damals galt er als Volksdeutscher?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja. Er war ja kein Pole. Und dann ist er ja entlassen worden. Ja, also die Leute, die in Auschwitz entlassen wurden! Ich habe nichts gesehen, ich habe nicht gesehen, daß er jemanden totgeschlagen hat.

 

Verteidiger Steinacker:

Aber was haben Sie gesehen?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Aber er hat offensichtlich da doch Sachen erzählt, die nicht zutreffen.

 

Verteidiger Steinacker:

Erzählt? Was heißt »erzählt«? Hier erzählt, vor dem Gericht, meinen Sie, oder was Sie in der

 

Zeuge Rudolf Kauer [unterbricht]:

Ja, ich habe es in der Zeitung gelesen.

 

Verteidiger Steinacker:

Aber Einzelheiten wissen Sie nicht? Über ihn?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Na, von wegen Wassergruben, also in dem Ding da. Da waren im Lager bestimmt keine.

 

Verteidiger Steinacker:

Bitte?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Wegen Wassergruben und solchen Sachen, da waren doch im Lager gar keine gewesen.

 

Verteidiger Steinacker:

Wie, im Lager waren keine Wassergruben?

 

Vorsitzender Richter:

Ach, er hat gelesen, daß da bei Kral jemand ins Wasser gestoßen worden sein soll.

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Nein, von Wassergruben redet er.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sagt er, es gab kein Wasser.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ja, es ist doch da irgendwie eine Rede gewesen, daß man da Häftlinge ertränkt hätte. Aber doch nicht im Stammlager, da gab es doch gar kein Wasser.

 

Verteidiger Steinacker:

Gab es keine Wassergruben, sagen Sie.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Ach, das ist unmöglich, weil der Wasserstand viel zu tief gewesen ist.

 

Verteidiger Steinacker:

Der Wasserstand oder der Wasserspiegel?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Der Wasserspiegel, der Wasserspiegel. Der Grundwasserspiegel war viel zu tief.

 

Verteidiger Steinacker:

Dann gab es also keine Gruben da drin?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Hören Sie mal, ich habe da ein Schwimmbad gebaut. Wir sind über dreieinhalb Meter runtergegangen, sind auf kein Wasser gekommen. Als das Schwimmbad gefüllt wurde, ist es uns weggesackt wie nichts. So wie ein Schwamm aufgesaugt. Wo kann sich da in diesem Bereich überhaupt Wasser halten? Das war ja gänzlich unmöglich.

 

Verteidiger Steinacker:

Jedenfalls Sie sagen, es gab keine Baugruben mit Wasser?

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Nein, das gab es nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Danke.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Da waren genügend Kiesgruben gewesen, und überall war kein Wasser drin. Man hat da halt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das hat doch keinen Zweck.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Das war ja alles Angeschwemmtes. Das war ja Kies, Sand und so weiter.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Vorsitzender, ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß es an sich keinen Zweck hat, diesen Zeugen zu fragen. Und ich glaube, es wird dem Kollegen Steinacker nicht entgangen sein, daß wir alle zu diesem Eindruck gekommen waren und uns auch an ein gewisses stillschweigendes – möchte fast sagen: Gentlemen's Agreement gehalten haben. Aber der Kollege Steinacker hat es für nötig befunden, nunmehr ausführlich noch einige Sachfragen zu stellen, und siehe da, plötzlich weiß der Zeuge doch ziemlich präzise Dinge. Und der Zeuge hat auch früher sehr präzis gewußt, einzelne Angeklagte zu belasten, und zwar mit Einzelheiten, die sehr schwer zu erfinden sind. Der Zeuge hat uns nun heute gesagt, er sei betrunken gewesen bei dieser Vernehmung. Und ich glaube, der Zeuge kann sich doch nicht erlauben, in dieser Weise hier mit dem Gericht oder überhaupt mit der Justiz umzuspringen. Und ich beantrage daher, den Untersuchungsrichter Doktor Düx als Zeugen darüber zu hören, ob der Zeuge bei seiner Vernehmung am 10. Oktober 1962 betrunken war, und werde das gleich noch schriftlich vorlegen. Ich möchte anregen, den Zeugen nicht zu entlassen. Ich halte es für durchaus möglich, daß Herr Doktor Düx mit einem Dienstwagen in sehr kurzer Zeit hier vor dem Schwurgericht erscheinen könnte.

 

Verteidiger Gerhardt:

Der Antrag ist zurückzuweisen, da es sich um einen Beweisermittlungsantrag handelt. Der Antrag müßte also anders formuliert werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Antrag geht dahin, den Doktor Düx darüber zu befragen, ob und in welcher Weise, ob glaubhaft oder nicht glaubhaft, der Zeuge diese Aussage bei ihm gemacht hat. Dieser Antrag ist durchaus zulässig. [...]

 

Verteidiger Heymann:

Herr Vorsitzender, das würde aber nichts an der Tatsache ändern, daß auch nach Vernehmung des Herrn Düx und wenn er das Beweisthema bestätigen würde, der Zeuge heute erklärt: »Alles war falsch.«

 

Vorsitzender Richter:

Das steht fest.

 

Verteidiger Heymann:

Es wäre sowieso sinnlos.

 

Vorsitzender Richter:

Das steht fest. Wenn wir aber den Doktor Düx vernehmen, und der Herr Doktor Düx bestätigt uns, daß er das damals gesagt hat, dann muß das Gericht prüfen, welche der beiden Aussagen es für glaubhaft hält, nämlich die damalige oder die heutige.

 

Verteidiger Heymann:

Oder die Staatsanwaltschaft einschreiten.

 

Vorsitzender Richter:

Die Staatsanwaltschaft muß sowieso einschreiten. Aber im Gesetz steht, erst nach Beendigung dieses Verfahrens. Bitte schön.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich darf darauf aufmerksam machen, daß der Zeuge ja erklärt hat auf die Frage von Herrn Staatsanwalt Vogel, was er für ein Motiv hatte, er habe sich damals von Haßaufwallungen leiten lassen. Damit wäre ja bereits ausreichend dokumentiert, aus welchen Gründen seine Aussage entstanden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Aus welchen Motiven.

 

Verteidiger Steinacker:

Aus welchen Motiven.

 

Vorsitzender Richter:

Warum er aber gerade den Herrn Dylewski so gehaßt hat und warum er gerade den Herrn Boger so gehaßt hat und die anderen, die hier sitzen, nicht so sehr gehaßt hat, das hat er nicht gesagt.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, weil er in der Politischen Abteilung war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dabei sagt er doch heute, die Politische Abteilung, die war durchaus nicht so, daß man sie heute alle

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Wie ihr Ruf. Alle über einen Kamm scheren sollte, richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, alle böse behandeln soll. Nein, nicht alle über einen Kamm scheren.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein, den Ausdruck hat er nicht benutzt.

 

Vorsitzender Richter:

Oder daß überhaupt hier Böses passiert ist. So. Es sind keine Fragen mehr zu stellen. Wir werden uns über die Anträge schlüssig machen, treten jetzt in die Mittagspause ein und werden um halb zwei, also um 13.30 Uhr, hier weiterverhandeln. Sie werden um halb zwei noch mal hier sein.

 

Zeuge Rudolf Kauer:

Jawohl.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.492.

Richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.770-13.779.

2. Richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.770-13.779.

3. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.778.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.778.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.492-7.501.

6. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.494.

7. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.494.

8. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.494.

9. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.494.

10. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 04.01.1961 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 43, Bl. 7.494

11. Dounia Wasserstrom.

12. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.776.

13. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.776.

14. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 06.07.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 100, Bl. 475.

15. StPO § 55: »1. Jeder Zeuge kann die Auskunft auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung ihm selbst oder einem der in § 52 Abs. 1 bezeichneten Angehörigen die Gefahr zuziehen würde, wegen einer Straftat oder einer Ordnungswidrigkeit verfolgt zu werden. 2. Der Zeuge ist über sein Recht zur Verweigerung der Auskunft zu belehren.«.

16. StPO § 55, Abs. 1.

17. StGB § 164: »1. Wer einen anderen bei einer Behörde oder einem zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Beamten oder militärischen Vorgesetzten oder öffentlich wider besseres Wissen einer strafbaren Handlung oder der Verletzung einer Amts- oder Dienstpflicht in der Absicht verdächtigt, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen, wird wegen falscher Anschuldigung mit Gefängnis nicht unter einem Monat bestraft. 2. Ebenso wird bestraft, wer in gleicher Absicht bei einer der im Absatz 1 bezeichneten Stellen oder öffentlich über einen anderen wider besseres Wissen eine sonstige Behauptung tatsächlicher Art aufstellt, die geeignet ist, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen. 3. Ist die Tat in der Absicht begangen, sich oder einem Dritten einen Vorteil zu verschaffen, so ist die Strafe Gefängnis nicht unter drei Monaten. 4. Neben der Strafe kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. 5. Ist die falsche Anschuldigung (Absätze 1, 2) nicht wider besseres Wissen, aber vorsätzlich oder leichtfertig begangen. so ist die Strafe Gefängnis bis zu einem Jahre oder Geldstrafe. 6. Solange ein infolge der gemachten Anzeige eingeleitetes Verfahren anhängig ist, soll mit dem Verfahren und mit der Entscheidung über die falsche Anschuldigung innegehalten werden.«.

18. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.777.

19. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.777.

20. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 06.07.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 100, Bl. 475.

21. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.777.

22. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.777.

23. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.10.1962 in Göppingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 73, Bl. 13.778.

 

 
 
 
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