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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

100. Verhandlungstag, 15.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Max Kasner

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß] ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zwecke der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Max Kasner. Wie alt bitte?

 

Zeuge Max Kasner:

Geboren am 19.8.1914 in Teplitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und da dürften Sie jetzt wie alt sein?

 

Zeuge Max Kasner:

Jetzt im August war ich 50 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. 50 Jahre alt. Sie sind geschieden?

 

Zeuge Max Kasner:

Geschieden.

 

Vorsitzender Richter:

Beamter von Beruf?

 

Zeuge Max Kasner:

Verkaufsbeamter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie wohnen in Teplitz?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich wohne in Teplitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nehmen Sie ins Protokoll auf: Herr Jarolim erscheint unter Bezugnahme auf den bereits von ihm geleisteten Eid. Stimmt das, Herr Jarolim?

Dolmetscher Jarolim:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also, Herr Kasner, Sie sind benannt worden von der Verteidigung dafür, daß der Angeklagte Klehr im Jahre 1943 abgelöst worden sei, erst von Scherpe, dann von Nierzwicki. Und deshalb wollen wir mit Ihnen zunächst einmal besprechen, wann Sie in Auschwitz gewesen sind. Wann sind Sie denn hingekommen?

 

Zeuge Max Kasner:

Herr Vorsitzender, wenn ich eine kleine Erklärung abgeben darf. Ich bin am 12. Mai 1939 in Prag von der Gestapo verhaftet worden. Ich habe die Lager Dachau, Buchenwald [+ durchlaufen], und im Oktober 1942 bin ich dann nach Auschwitz gekommen. Ich war anfangs im Stammlager auf der Quarantäne, bin dann ins Außenlager nach Buna gekommen, in die Buna-Werke, sozusagen als »Muselmann«, wie wir es damals nannten, zurück, Ende Jänner/Feber kann das gewesen sein, 1943. Habe zwei Selektionen in Buna und in Auschwitz im Stammlager mitgemacht, bin im Stammlager dann im Krankenbau auf Block 28 als Pfleger in der Ambulanz angekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann?

 

Zeuge Max Kasner:

Das kann im Frühjahr 1943 gewesen sein. Ich schätze Ende März/April.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] März/April 1943, ja?

 

Zeuge Max Kasner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort geblieben bis?

 

Zeuge Max Kasner:

Bin dorten geblieben bis zum Juli 1943. Bin als Krankenpfleger in das neue Lager mit einem gewesenen Freund von mir, den ich damals kennengelernt hatte, Herrn Doktor Orlik, der zur Zeit in Kanada lebt. Mit dem war ich im Außenlager Janina bis zum Schluß, bis zum 18. Jänner 1945.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie waren als Pfleger im Block 28 vom März/April 43 bis zum 1. Juli 43.

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie vorher schon in dem Krankenblock?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich bin als Patient auf Block 28 gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das?

 

Zeuge Max Kasner:

Das war im Februar nach der Selektion. Da möchte ich einen ganz kurzen Fall berichten, wenn es Sie interessiert. An diesem Tag waren wir, ungefähr 50 oder 60 Mann, von Buna als »Muselmänner«, im Hemd bekleidet, nur mit Holzschuhen, in diesen Sanitätswagen nach Auschwitz gebracht worden. Diese Nummer 68.385, die ich hier am Arm habe, die hatte man uns mit Tintenstift auf die Brust gemalt. Aber ich war in Buna bei Professor Doktor Epstein im Krankenbau gelegen. Ich hatte eine Gelbsucht und hatte das Glück, bei der Selektion am Block 28 von allen, die mit mir an diesem Tag gleichzeitig nach dem Stammlager zurückkamen, als einziger diesen Transport zu überleben.

Ich möchte da einen kurzen Vorfall schildern: Als wir in die Ambulanz auf Block 28 kamen, war der SS-Arzt Doktor Entress anwesend. Alle meine Vorgänger, die zum Großteil schwer krank oder einfach schon arbeitsunfähig waren, die sind durch einen Fingerzeig durch die Tür wieder hinausmarschiert. Wir waren alle nackt. Und ich weiß nicht, durch einen eigentümlichen Impuls stand ich vor dem SS-Arzt stramm, so wie es uns die Lagerleitung immer während der Zeit im Lager auferlegt hat. Auch er reichte den Finger zur Tür, und ich fühlte, ich weiß nicht, wie das war. Ich bin in strammer Haltung zur Tür weitergegangen. Und da hörte ich einen Befehl: »Halt, bleiben Sie stehen, bleiben Sie in der Ecke!« Und da hörte ich die wenigen Worte: »Der Mann kann ja noch arbeiten.« Dieser Moment hat mir das Leben gerettet.

Ich habe dann vom polnischen Schreiber, der unten, ebenerdig war, meine Karte bekommen und bin auf den Empfangssaal, wo wir ursprünglich untergebracht waren, zurück. Auf dem Saal bin ich als einziger übriggeblieben. Der polnische Pfleger, der dort anwesend war, sagte mir: »Sieh durch das Fenster, in einer Weile wirst du ein Theater sehen, wie du es noch nicht kennst.« Und richtig, es dauerte nicht lang – schätzungsweise eine Stunde –, da flogen die Leichen meiner gewesenen Kameraden im hohen Bogen auf den Wagen.

Am selben Tag wurde ich auf Saal 15 zu Doktor Korn, der heute in der Tschechoslowakei noch lebt, verlegt. Verblieb dort im Krankenbau ungefähr sechs bis sieben Wochen. Bei Selektionen wurde ich auf dem Klosett versteckt. Und nur durch einen glücklichen Zufall auf die Zureden meiner gewesenen Kameraden [+ verlegt]. Ich kann mich erinnern an Paul Reichel, der heute nicht mehr lebt, der mit mir Dachau und Buchenwald mitgemacht hat, übrigens ein Deutscher. Der hatte vorgesprochen beim Blockältesten, das war ein Bver. Und ich wurde als Pfleger auf die Ambulanz auf Block 28 aufgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Zeuge, nun würde es uns interessieren: Haben Sie während Ihrer Zeit in Auschwitz den Angeklagten Klehr kennengelernt?

 

Zeuge Max Kasner:

In Auschwitz direkt nicht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wann und wo haben Sie ihn denn sonst kennengelernt? [...]

 

Zeuge Max Kasner:

Im Außenlager in Janina.

 

Vorsitzender Richter:

Im Außenlager in Janina. Und dort sind Sie am 1. Juli 1943 hingekommen?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich weiß nicht, ich schrieb im Protokoll: 1. Juli 1943.1 Ich müßte heute lügen, ob es der 1. oder der 2.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun ja, sagen wir, Anfang

 

Zeuge Max Kasner [unterbricht]:

Es war, kurz und gut, Anfang Juli 1943.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang Juli 43.

 

Zeuge Max Kasner:

Als das Lager neu eröffnet wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie dorthin kamen, war da Klehr schon dort?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein, nein, nein, war nicht dorten.

 

Vorsitzender Richter:

Er war nicht dort.

 

Zeuge Max Kasner:

Unser SDG im Lager Janina war SS-Unterscharführer Hans Nierzwicki.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Kasner:

Der SDG unter anderem im Stammlager war, denn dorten waren mehrere. Und Nierzwicki war der erste SDG in Janina.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann kam Klehr?

 

Zeuge Max Kasner:

Klehr kam zu gewissen Anlässen. Ich weiß heute nicht mehr, wann es war. Es war im Jahre 1944. Und da erinnere ich mich an einen schönen Tag. Das war im Sommer, wir hatten einen freien Tag. Da kam eines Nachmittags, so schätzungsweise gegen fünf Uhr, eine Autokolonne gefahren. Das Lager Janina liegt in einer kleinen Talsenke, möchte ich sagen, ungefähr zehn Minuten von der Kohlengrube entfernt. Da sahen wir oben auf der Straße eine Autokolonne nahen. Es dauerte nicht lange, da mußte das ganze Lager antreten. Wir wußten nicht wozu. Und in dieser Autokolonne waren mehrere SS-Männer. Ich habe sie nicht alle gekannt. Einige kannte ich vom SS-Revier, weil ich dorten manchmal zu tun hatte. Unter anderem auch Klehr.

 

Vorsitzender Richter:

Und was taten die?

 

Zeuge Max Kasner:

Das Lager war angetreten, und dann begann die Selektion. An diesem Tage waren es meiner Schätzung nach ungefähr 300 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Die ausgesondert wurden?

 

Zeuge Max Kasner:

Die ausgesondert wurden. Denn die Kohlengrube Janina, die den IG Farben angehört hat, die war furchtbar.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah mit den 300 Männern, die ausgesondert wurden?

 

Zeuge Max Kasner:

Die wurden in den nächsten Tagen – ich weiß nicht, war es am nächsten oder übernächsten Tag – in große Lastwagen verladen. Es kamen von Auschwitz große Lastwagen. Und die wurden sämtlich ins Gas gebracht. Das haben wir von dem Posten in wenigen Tagen schon erfahren, weil die SS-Posten – selbstverständlich auch die andere SS – zu uns zur zahnärztlichen Behandlung und auch zur ärztlichen Behandlung in den Krankenbau gekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wieso kannten Sie Klehr damals, als der da ankam?

 

Zeuge Max Kasner:

Wie soll ich Ihnen das sagen, er war allgemein bekannt. Den kannten wir alle. Schon in Auschwitz habe ich den Namen Klehr gekannt. Und es war auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Den Namen?

 

Zeuge Max Kasner:

Den Namen. Ich habe mit ihm nie etwas persönlich zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Und das Gesicht von Klehr, hatten Sie das früher auch schon gesehen?

 

Zeuge Max Kasner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Zeuge Max Kasner:

Vielleicht in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es nicht?

 

Zeuge Max Kasner:

Zu der Zeit vielleicht in Auschwitz. Ich müßte heute

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie haben aber, als Sie im Krankenbau waren – das war ja immerhin ab Februar als Patient und nachher, März/April, als Pfleger – ihn nicht dort gesehen?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich müßte heute lügen. Ich kann mich nicht besinnen.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Block waren Sie denn Pfleger?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich war auf Block 28 in der Ambulanz ebenerdig, rechts.

 

Vorsitzender Richter:

In demselben Block, wo Sie auch als Patient gelegen haben?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie also nach 20 und 21 so gut wie nicht gekommen sind?

 

Zeuge Max Kasner:

Auf 21 habe ich auf dem Pflegersaal geschlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie geschlafen?

 

Zeuge Max Kasner:

Im ersten Stock habe ich geschlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie können sich nicht erinnern, mit Klehr zusammengekommen zu sein.

Herr Rechtsanwalt Göllner, Sie hatten den Zeugen benannt.

 

Verteidiger Göllner:

[Pause] Herr Zeuge, kennen Sie auch den Angeklagten Scherpe?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Nur Nierzwicki und Klehr?

 

Zeuge Max Kasner:

Nierzwicki, Klehr.

 

Verteidiger Göllner:

Selektionen im Stammlager haben Sie eine mitgemacht, haben Sie gesagt, und eine in Janina.

 

Zeuge Max Kasner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So habe ich den Zeugen nicht verstanden, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Göllner:

Sondern?

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe ihn [+ so] verstanden, daß er bei Selektionen versteckt worden sei. Daraus habe ich entnommen, daß es mehrere gewesen sind in Auschwitz.

 

Zeuge Max Kasner:

Ich habe selbst nur die in Buna mitgemacht. Und im Stammlager auf Block 28, die habe ich persönlich mitgemacht. Da war ich als Kranker.

 

Vorsitzender Richter:

Nach der Ankunft als Kranker.

 

Zeuge Max Kasner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann sagten Sie doch vorhin: Im übrigen habe ich Glück gehabt, denn ich bin versteckt worden auf der Toilette – wenn ich nicht irre –, wenn Selektionen waren. Also müßten

 

Zeuge Max Kasner [unterbricht]:

Ja. Ich habe keine Selektionen anders noch mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Mitgemacht, das heißt: Sie waren also selbst nicht dabei, aber während Ihrer Zeit fanden solche statt.

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

So wird es also gewesen sein, Herr Rechtsanwalt Göllner.

 

Verteidiger Göllner:

Ja. Herr Zeuge, kannten Sie Nierzwicki schon vom Stammlager her? War er als SDG dort in Block 21 oder 28 tätig gewesen, bevor Sie nach Janina kamen?

 

Zeuge Max Kasner [unterbricht]:

Jawohl, ich kannte ihn, er war auf Block 28.

 

Verteidiger Göllner:

Allein?

 

Zeuge Max Kasner:

Ja, zu der Zeit, soweit ich mich erinnern kann, war er allein. Weil er für die Ambulanz zuständig war. Er hatte den Schimpfnamen »Napoleon«.

 

Verteidiger Göllner:

Was haben Sie beobachtet, was Nierzwicki dort gemacht hat?

 

Zeuge Max Kasner:

Das kann ich Ihnen ganz kurz schildern. Ich war als Pfleger auf der Ambulanz, und eines Tages – das war wohl das erste Mal – kam er in die Ambulanz, bestellte ungefähr acht oder zehn Häftlinge, unter anderem auch mich. Wir wurden kommandiert, wir mußten hinter dem Block antreten. Dort war ein großer Wagen, ein Lastwagen, selbstverständlich so ein Pferdegespann. Wir mußten den Wagen ziehen, wurden auf den Hof zwischen Block 10 und 11 kommandiert. Und da möchte ich einen kurzen Vorfall respektive zwei schildern, wenn ich es darf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Rechtsanwalt

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Nein, ist nicht erforderlich.

 

Vorsitzender Richter:

Gehört das nicht dazu?

 

Verteidiger Göllner:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Göllner:

Ich wollte eben nur allgemein wissen, was er über die Tätigkeit von Nierzwicki im Stammlager beobachtet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

Neben Nierzwicki haben Sie im Stammlager Klehr nicht gesehen? [...]

 

Vorsitzender Richter:

Der Zeuge hat gesagt, er hat Klehr im Stammlager nach seiner heutigen Erinnerung überhaupt wohl nicht gesehen.

 

Verteidiger Göllner:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Er kann sich nicht drauf erinnern. Sind noch Fragen zu stellen? Bitte schön, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen Sie, Herr Zeuge, wie lange haben Sie in Buna gearbeitet?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich habe in Buna seit Ende Oktober 1942 bis Februar 1943 gearbeitet.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Als was haben Sie da gearbeitet?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich war bei der Zementtransportkolonne in den Buna-Werken.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie haben also bis zu der Zeit gearbeitet, wo Sie selektioniert wurden?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl. Bis ich erkrankt bin.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wer hat in Buna selektioniert?

 

Zeuge Max Kasner:

Das kann ich Ihnen heute nicht mehr sagen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie schilderten uns doch, Herr Zeuge, daß Sie also nur im Hemde waren, daß Ihnen die Nummer auf die Brust geschrieben wurde und daß Sie in diesem Zustand nach dem Stammlager, nach Block 28, gebracht wurden.

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wer hat das veranlaßt?

 

Zeuge Max Kasner:

Das war ein SS-Mann. Oder waren es andere, mehrere? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Haben Sie mehrere Selektionen in Buna erlebt?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein, nur die eine.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nur die eine.

 

Zeuge Max Kasner:

Ich selbst persönlich.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie begannen gerade davon, von Janina, von der Arbeit in den Kohlengruben zu sprechen. Würden Sie da fortfahren, was Sie uns da sagen wollten? Sie äußerten sich über die Arbeit in den Kohlengruben in Janina.

 

Zeuge Max Kasner:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Was wissen Sie davon?

 

Zeuge Max Kasner:

Das kann ich Ihnen sagen. Die Kohlengrube Janina war ungefähr 400 Meter unter der Erde. Die Verhältnisse im Lager waren anfangs sehr schlecht, weil das Lager vorher ein englisches Kriegsgefangenenlager war. Zu der Zeit hat es noch keinen elektrischen Stacheldraht gegeben, die Posten umstellten das Lager. Selbst das Austreten war mit Lebensgefahr verbunden. Und im Kohlengrubenbergwerk selbst waren vor allem Leute eingesetzt, die nie im Leben eine Kohlengrube gesehen hatten. Die nie im Leben unter Tage eine derartig schwere Arbeit vollbrachten. Die an den gefährlichsten und häßlichsten Stellen dieser Kohlengrube eingesetzt waren. Sie müssen verstehen, dorten waren Polen als Zivilarbeiter. Und unsere Häftlinge setzte man an den Stellen ein, wo es zum Teil im Wasser war. Wo es zum Großteil Stellen gegeben hat, wo sie auf dem Bauche kriechend im Wasser ungefähr acht oder zehn Stunden arbeiten mußten. Da gab es Unfälle am laufenden Band. Bitte, wenn ich das schildern darf, da hat es einen Fall gegeben, und den habe ich in meinem Protokoll angeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul, legen Sie Wert auf diese Schilderung?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich würde, ich würde.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hat mit keinem der Angeklagten etwas zu tun.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aber sie hat mit der Gesamtsituation in Auschwitz doch zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, wenn Sie das wollen. Bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wenn Sie sich kurz fassen würden, Herr Zeuge.

 

Zeuge Max Kasner:

Ein Mann wurde von der Kohlenkette, von der Transportkette, derart verletzt, daß er den Fuß einfach bis zum Oberteil zerrissen hatte. Ich fuhr in der Nacht ein mit vier Kameraden unter SS-Begleitung. Wir brachten den Mann ins Lager. Wir führten mit Doktor Orlik gemeinsam – er und ich – die Amputation durch. Und der Patient überlebte alles.

Nach ungefähr fünf Tagen stellte sich Nierzwicki bei uns im Krankenbau ein mit dem Befehl: »Bereiten Sie mir den Patienten für halb zehn abends im Vorzimmer auf.« Wir waren anwesend, und der Nierzwicki machte in unserer Anwesenheit – Orliks und mir – mit dem Phenol Injektionen vor uns fertig. Das dauerte wenige Sekunden.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wurde auch in Janina selektioniert?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von wem?

 

Zeuge Max Kasner:

Von der SS, aber nicht von der Lager-SS, sondern von Auschwitz.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von der Auschwitz-SS?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Kamen diese Phenolmorde häufiger vor in Janina?

 

Zeuge Max Kasner:

In Janina gab es noch andere.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Habe ich Sie recht verstanden

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Frage. Die hat mit dem Eröffnungsbeschluß nichts zu tun.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Habe ich Sie recht verstanden, daß

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich widerspreche dieser Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Janina war ein Bergwerk der IG Farben?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich danke Ihnen schön.

 

Verteidiger Laternser:

Ich widerspreche, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, erledigt.

 

Verteidiger Naumann:

Ich habe noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Naumann:

Herr Zeuge, war Nierzwicki in den Monaten März und April 1943 noch auf Block 28 tätig?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Verteidiger Naumann:

Ja, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das in Janina im Sommer 1944 das einzige Mal, daß Sie Klehr bei einer Selektion beobachtet haben, oder ist er später nochmals gekommen?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich möchte Ihnen darauf antworten, es war ungefähr zwei- oder dreimal.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das später?

 

Zeuge Max Kasner:

Das war in gewissen Abständen später.

 

Staatsanwalt Kügler:

Jedenfalls im Sommer 1944?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es richtig, daß bei dieser Selektion, die Sie uns vorhin geschildert haben, bei der 300 Häftlinge selektiert wurden, auch der Doktor Mengele dabei war?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es richtig, daß bei dieser Selektion ein reichsdeutscher Kapo selektiert wurde?

 

Zeuge Max Kasner:

An den Fall kann ich mich sehr gut erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Erzählen Sie bitte kurz, was da geschah.

 

Zeuge Max Kasner:

Dieser Kapo war bei uns im Krankenbau gelegen. Er hatte Tbc, wurde mit ausgesucht, wurde mit selektiert, wurde in die Gaskammer gebracht. Wie wir es dann nachher erfahren haben – und das kann ich sagen, von der SS direkt erfahren haben –, ist der Kapo mit in die Gaskammer gebracht worden. Er war Deutscher, er war Bver, da half ihm keine Kapo-Binde. Er mußte mit hinein.

Und dann kam das, was ich anführte. Doktor Orlik sollte die Todesurkunde ausstellen: Herzschlag oder etwas dergleichen. Da gab es ein langes Hin und Her zwischen dem Oberscharführer Ludwig und Orlik. Aber Ludwig hatte den Auftrag aus Auschwitz, entweder vom Standortarzt Doktor Wirths oder von Mengele, ich weiß es nicht. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern, ob die Todesursache so oder so ausgestellt wurde. Das weiß ich nicht mehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie den Schein, auf dem die Todesursache ausgestellt wurde, gesehen?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Ich widerspreche dieser Frage. Die hat nichts mit dem Eröffnungsbeschluß zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also das verstehe ich nicht, und das werde ich eingehend begründen, warum ich diese Frage stelle. Das ist in meinen Augen ganz klar. Der Zeuge hat hier gesagt, es sind damals 300 Leute selektiert worden – der Klehr war dabei, er hat ihn gesehen –, und es ist ihm von SS-Posten erzählt worden, daß die Leute vergast worden seien.

Nun ist hier die Frage zu klären, ob Klehr mitverantwortlich, im Sinne des Eröffnungsbeschlusses, bei dieser Selektion mitgewirkt hat. Und es ist auch zu klären, welche Beweismittel dafür da sind, ob die Leute tatsächlich umgekommen sind. Wenn der Zeuge hier hinsichtlich einer bestimmten Person – nämlich eines reichsdeutschen Kapos – Angaben darüber machen kann, daß er möglicherweise selbst gesehen hat, daß die Sterbeurkunde nach dieser Selektion ausgestellt worden ist, so halte ich das doch für sehr, sehr wesentlich. Wenn dieser reichsdeutsche Kapo mit dieser Gruppe von 300 Leuten weggegangen ist, und es kann festgestellt werden, daß er umgekommen ist, dann gehört das meines Erachtens mit zum Sachverhalt, der vom Eröffnungsbeschluß erfaßt wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Noch eine Frage?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich wollte diese Frage stellen, ob der Zeuge...

 

Vorsitzender Richter:

Die Sterbeurkunde gesehen hat.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die Sterbeurkunde gesehen hat.

 

Zeuge Max Kasner:

Ich glaube, ich habe sie nicht gesehen. Ich weiß es bestimmt heute nicht mehr. Ich weiß, daß sie ausgestellt wurde. Ich weiß, daß der Kapo ins Gas gekommen ist. Das weiß ich ganz positiv.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Haben Sie gesehen, in welcher Form sich Klehr an dieser Selektion beteiligt hat, oder hat das nur der Arzt Doktor Mengele gemacht?

 

Zeuge Max Kasner:

In welcher Form er sich beteiligt hat, das kann ich Ihnen heute nicht mehr sagen. Er war mit im Stab gestanden, der die Selektion durchgeführt hat. Wer den Fingerzeig, wer die Karten, weil die Kartothekkarten vom Lagerschreiber vorgelegt wurden, das

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja. Sie können also darüber keine Einzelheiten angeben, wie Klehr sich benommen hat bei dieser Selektion. Sie wissen nur, wenn ich Sie recht verstehe, daß er mit dabeigestanden hat.

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun sagten Sie, Sie haben ihn später noch einmal beobachtet bei zwei weiteren Selektionen, bei denen er auch dabei war.

 

Zeuge Max Kasner:

Das war das gleiche.

 

Staatsanwalt Kügler:

Es war das gleiche. Sie haben also nicht im einzelnen sehen können, ob er Karten in Empfang genommen hat oder ob er Leute mit ausgesucht hat?

 

Zeuge Max Kasner:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke, keine Frage.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Kasner, Sie haben vorhin erwähnt, daß Sie gelegentlich in den Hof zwischen Block 10 und 11 geholt wurden. Geschah das zum Abtransport von Leichen erschossener Häftlinge?

 

Zeuge Max Kasner:

Darf ich bitte darauf antworten?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Max Kasner:

Das erste Mal, als ich auf den Hof 10 und 11 kam, da waren wir ungefähr acht oder zehn Mann. Wir zogen den Wagen hin. Ich habe nie in meinem Leben vorher eine Leiche angefaßt, ich habe nie in meinem Leben eine Leiche gesehen. Und als uns das Tor geöffnet wurde, da sah ich ungefähr 300 Mann auf der linken Seite des Hofes liegen.

Ich möchte mich kurz damit befassen: Wir bekamen am Hof eine Armschlinge, die unseren Unterarm, unsere Hand erfaßte, und mit der anderen Schlinge mußten wir je einen Mann durch den Sand zum Wagen ziehen. Zu viert haben wir die Leichen aufgeladen. Und ich hatte gleich das Glück am ersten Tage, auf den Wagen mit einem anderen Kollegen hinauf zu müssen. Ich kann Ihnen nicht schildern, wie furchtbar es ist, auf Leichen zu treten, auf Leichen herumzumarschieren sozusagen, und so viel wie möglich so zu ordnen, daß der Wagen dementsprechend voll war.

Nach unserer Arbeit, bis wir es vollgeladen hatten – zu dieser Stunde war strengste Lagersperre angeordnet –, fuhren wir den Wagen ins Krematorium I. Auf die gleiche Weise mußten wir abladen: zwei Mann auf den Wagen. Dort war mit Wasser gespritzter Zementboden. Und auf die gleiche Weise transportierten wir diese 300 – es war in mehreren Wägen, soviel ich weiß, wir sind mehrmals gefahren, zweimal oder dreimal, solange es ging –, die Toten in den Saal zu den Öfen.

Aber das Schlimmste, was ich in Auschwitz je erlebt habe – und das möchte ich hier ganz besonders betonen –, das war wieder an einem Tag, als man uns rief. Wir waren damals nur ungefähr acht Mann. Als uns das Tor zwischen Block 10 und 11 geöffnet wurde, da bot sich uns ein Anblick, den ich nie in meinem Leben vergessen werde. Wieder auf der linken Seite lagen ungefähr 70 tote Frauen. Und ich möchte hier behaupten, das war ein ganz ausgesuchtes, schönes Menschenmaterial. Noch schön im Tode. Aber ein Grauen war hier zu sehen, das nur vielleicht Kannibalen fertigbrachten: Diese Frauen hatten am Körper die Brüste abgeschnitten und an sämtlichen Weichteilen des ganzen Körpers, am Hinterteil, an den Schenkeln, in großen und tiefen Schnitten das Fleisch herausgeschnitten.

Der Hof zwischen Block 10 und 11 geht nach der linken Seite zur Kanalisation etwas schräg ab. Diese Kanalisation verstopfte sich mit Blut. Und Sie müssen sich vorstellen, wir als Pfleger waren weiß eingekleidet, wir wateten weit über die Fußknöchel im Blut. Und nach dieser Arbeit und nach dieser Abladearbeit sahen wir aus wie Fleischhauer. Ich kann Ihnen nicht schildern, wie wir an diesem Tage – und ich sehe es heute noch vor Augen – fertig waren.

Ich kann Ihnen sagen, ich habe in Auschwitz großen Hunger mitgemacht, ich habe Buchenwald überlebt in großen Hungerszeiten. Aber an diesem Abend, an diesem Tage war ich wirklich fertig, fertig mit meinen Nerven, und konnte nicht mehr ein Stückchen Brot essen. Ich hatte den Hals wie jetzt momentan. Als ich meine Erinnerung niederschrieb, da war ich wohl fertig mit den Nerven. Ich kann Ihnen nicht das Grauen schildern, was diese Bestien damals vollbracht haben. Was diese Bestien uns damals angetan haben. Und daß man uns Häftlinge zu solchen Schandarbeiten brachte. Es läßt sich schwer schildern, was damals los war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Kasner, ist Ihnen etwas davon bekannt... Oder wünschen Sie eine kurze Unterbrechung?

 

Zeuge Max Kasner:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Fragen Sie weiter.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist Ihnen etwas davon bekannt, ob an diesen Frauen oder mit dem Fleisch dieser Frauen medizinische Experimente durchgeführt worden sind?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich kann Ihnen darauf antworten. Diese Frauen waren durchwegs von Block 10. Auf Block 10, der Ihnen gut bekannt ist aus den vorherigen Zeugenaussagen, wie ich es aus der Presse bei uns ersehen habe. Ich selbst war einmal auf Block 10, als wir eine Frau von dorten herausholten, die ausdrücklich zum Verband auf Block 28 kam. Ich kann den Fall nicht weiter schildern, ich will den Block 10 nicht schildern, weil ich die Details nicht kenne. Ich weiß, was dorten los war. Das hörte ich nur von anderen Häftlingen. Aber eines weiß ich, daß diese Frauen vom Block 10 waren. Und wie wir hörten, dieses Fleisch – wie ich nachträglich feststellte, ich habe mit niemanden gesprochen, bitte, das möchte ich betonen – wurde nach Birkenau oder nach Rajsko, wie das hieß, ins Laboratorium2 gebracht. Das weiß ich, darauf bestehe ich.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Kasner, wer hat Ihnen den Befehl erteilt, zum Abtransport der Leichen in den Hof zwischen Block 10 und 11 zu gehen?

 

Zeuge Max Kasner:

Den Befehl erhielten wir von Nierzwicki.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also von dem SDG.

 

Zeuge Max Kasner:

Vom SDG Nierzwicki. Und dann möchte ich betonen: Bei diesen Transporten und als Aufsichtsorgane, als SS-Männer, die uns am Hof dorten bewachten und die uns mit den Worten antrieben: »Los, los!« und denen alles viel zu langsam ging, da war unter anderem auch der Bunkermeister von Block 11, Schlage, und da war unter anderem auch Boger. Das weiß ich genau.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie diese beiden Leute damals?

 

Zeuge Max Kasner:

Ich kannte Schlage auf Block 11, weil ich einmal auf Block 11 einen Mann aus dem Keller mit einem anderen Häftling, einem anderen Pfleger, holte, der 75 Stockhiebe bekam, den wir zur Ambulanz brachten und der das ganz Gesäß aufgerissen hatte. Da war kein Fleisch, keine Haut mehr vorhanden. Der Mann war zerschlagen.

Wir brachten ihn dann wieder zurück, wie er geendet hat, weiß ich nicht mehr. Nur weiß ich eins: Schlage hat uns den Block 11 aufgemacht. Rechts, wenn man reinkam, war die Blockführerstube. Er war allgemein bekannt. Wie er hieß, das wußten wir auf Block 28, auf Block 21. Das war für uns Pfleger kein Geheimnis. Und Boger war für uns auch kein Geheimnis.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie sich noch erinnern, ob Boger und Schlage, wenn Sie in den Hof kamen, noch ein Gewehr trugen? Die Erschießung war jedenfalls abgeschlossen, als Sie hinkamen?

 

Zeuge Max Kasner:

Die Erschießung war abgeschlossen. [...] Ich will betonen, ich war nicht bei den Erschießungen. Ich habe die Erschießungen nicht mitgemacht. Ich habe nur Leichen aufgeladen. Und das habe ich einige Male mitgemacht. Ich kann sagen, ich war auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 ungefähr sechs, acht Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war nach dem April 1943?

 

Zeuge Max Kasner:

Das war nach dem April bis zu der Zeit, bevor ich das Stammlager verließ.

 

Vorsitzender Richter:

Wo Sie ausschieden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke, ich habe keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten des Gerichts noch Fragen zu stellen? Nein. Von seiten der Nebenklage auch nicht. Die Verteidigung hat auch keine Fragen mehr. Ach, der Angeklagte Klehr, ja, bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich wollte nur eine kurze Erklärung abgeben. Ich war nicht im Lager Janina. Ich habe gar nicht gewußt, daß der Nierzwicki im Lager Janina war. Ich wußte wohl, daß der Nierzwicki im Stammlager war, aber in Janina war ich nie gewesen und habe nie Selektionen durchgeführt. Und ich war von Ende 43 in dem Nebenlager Gleiwitz eingeteilt. Ich hatte dann keine Verbindung mehr als SDG in die anderen Nebenlager. In Gleiwitz hatte ich drei Lager, und andere Lager hatte ich nicht und bin auch mit keinem Lagerarzt in anderen Lagern rumgefahren. Mehr habe ich nicht zu sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gehört, was der Angeklagte

 

Zeuge Max Kasner [unterbricht]:

Ich habe gehört. Ich möchte da widersprechen. Bei uns war unter anderen auch Moll.

 

Vorsitzender Richter:

Moll.

 

Zeuge Max Kasner:

SS-Oberscharführer Moll. Bei uns war unter anderen auch SS-Oberscharführer oder Unterscharführer Büning, alle SDGs. Bei uns haben sich sämtliche SDGs abgewechselt. Nicht in der Funktion als SDG, aber Janina haben alle besucht, auch Klehr, darauf bestehe ich bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Werden bezüglich der Beeidigung des Zeugen Anträge gestellt? Wenn nicht: Herr Zeuge, können Sie das mit gutem Gewissen beschwören, was Sie gesagt haben?

 

Zeuge Max Kasner:

Jawohl.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 26.09.1961 in Teplitz, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 59, Bl. 10.982.

2. Hygiene-Institut der Waffen-SS und Polizei.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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