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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

66. Verhandlungstag, 16.7.1964

 

Vernehmung des Zeugen Jerzy Kanal

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband aufnehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kanal, Sie sollen hier als Zeuge vernommen werden. Ich muß Sie deshalb meiner Pflicht gemäß auf die Bedeutung und die Wichtigkeit des Eides aufmerksam machen und Sie vor den Strafen des Meineids verwarnen. Halten Sie sich in allen Teilen unbedingt an die Wahrheit. Ihr Eid bezieht sich auch auf die Angaben über Ihre Person. Sollten Sie uns etwas sagen müssen, was Sie nicht mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben, dann fügen Sie uns jeweils bitte hinzu, daß Sie diese Angaben nur von Hörensagen machen können. Haben Sie das mitbekommen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Kanal, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Jerzy. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Kanal. Sie sind wie alt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

42 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

42 Jahre alt. Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf Kaufmann?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Kanal, Sie sind in Polen geboren und sind mit Ihren Eltern 1922 nach Warschau gezogen, haben dort Volksschule und Gymnasium besucht.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Kriegsausbruch kamen Sie in das Ghetto von Warschau und kamen 1943 nach Majdanek, stimmt das?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Majdanek sind Sie nach Auschwitz gebracht worden, und zwar in das Nebenlager Birkenau.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das bitte schön?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das war im Juli 43, [...] Anfang Juli.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang Juli. Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Bis circa Oktober 44.

 

Vorsitzender Richter:

Und was ist dann geschehen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Dann bin ich auf Transport gegangen nach

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nach Oranienburg.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nach Oranienburg, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann waren Sie noch in weiteren Lagern und sind dann schließlich befreit worden.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, Herr Kanal, Sie waren in Auschwitz wo beschäftigt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich habe auf verschiedenen Kommandos gearbeitet. Und zwar anfangs, als ich kam, da hatte ich kein festes Kommando. Ich hatte ja fast jeden Tag woanders gearbeitet. Dann – Moment, ich weiß nicht, ob ich die Reihenfolge von den Kommandos [richtig] sagen kann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, das ist nicht so wichtig. In der Hauptsache waren Sie doch wohl im Pritschenbau tätig?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Pritschenbau und Kläranlage. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Der Pritschenbau gehörte zur Zimmerei?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Zimmerei. [...] Unterkommando der Zimmerei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und die Kläranlage, das werden wohl Erdarbeiten gewesen sein?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, Planierungsarbeiten und so was.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja. Wo waren Sie denn untergebracht in dieser Zeit?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Die größte Zeit war ich im Block 22 untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Im Block 22 in Birkenau.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, wie der Unterabschnitt dieses Lagers hieß?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

BIIb. [...]

 

Vorsitzender Richter:

BIIb. Und auf welchem Block waren Sie da?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Block 22, den größten Teil.

 

Vorsitzender Richter:

22, ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Größtenteils. Ich war auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wer war da Ihr Blockführer?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

[Pause] Das kann ich nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben im Jahr 1960 bei Ihrer polizeilichen Vernehmung 1 gesagt, es wäre Baretzki gewesen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, einer der Blockführer, ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einer der Blockführer.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Einer der Blockführer, ja.

 

Vorsitzender Richter:

War Baretzki?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

War Baretzki, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wie lange der ungefähr dort war?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Der war, glaube ich, die ganze Zeit da, als ich da war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind ja doch sicher nicht mehrere Blockführer gleichzeitig tätig gewesen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ach doch, im Lager waren mehrere Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, im Lager, aber ich meine bei Ihrem Block 22.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ach so, das weiß ich nicht. Wie lange er da war, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Aber er war jedenfalls auch von Ihrem Block 22 mindestens zeitweise der Blockführer.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein, das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Er hat bei uns auf alle Fälle den Appell abgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat bei Ihnen Appell abgenommen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben bei Ihrer früheren Vernehmung gesagt: »Mein Blockführer auf Block 22 war der SS-Rotten- oder Unterscharführer Baretzki.« 2 Das wollen Sie heute einschränken, indem Sie sagen: Er hat jedenfalls bei uns Appelle abgenommen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, ich sagte es in diesem Sinne, nicht daß er der alleinige Blockführer da war. Von allen Blockführern, die da waren, kann ich mich an den Baretzki genau entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Genau entsinnen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich war ja auch auf anderen Blöcken untergebracht. Und ob er auf Block 22 den Appell abgenommen hat oder während ich in den anderen Blöcken war, weiß ich nicht mehr genau. An ihn kann ich mich genau entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Genau entsinnen, ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Der Name ist mir hängengeblieben, [...] und ich würde ihn wahrscheinlich auch erkennen, wenn ich ihn sehe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie bitte, was können Sie uns von Baretzki sagen? Wieso ist er Ihnen so genau in Erinnerung geblieben im Gegensatz zu den anderen Blockführern?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Der war – [+ ich weiß nicht], wie ich das bezeichnen soll – ein bißchen wild. Ich meine, so [impulsiv] war er. Immer sehr laut gesprochen, kurze Sätze und so, und dann auch die Häftlinge sehr viel geschlagen, und ich selber habe von ihm vielmals Schläge bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Womit hat er denn geschlagen? Mit einem

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Mit den Händen, mit den Füßen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Händen, Füßen getreten und

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Getreten und geschlagen und so.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie waren denn seine Schläge? Hatten die eine besondere Wirkung, ich meine, hat er einfach Ohrfeigen verteilt, oder hat er besonders gewaltsam zugeschlagen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ach, wie ich mich entsinnen kann, wie es gerade kam.

 

Vorsitzender Richter:

Wie es gerade kam. Haben Sie auch einmal festgestellt, daß Häftlinge bei dieser Gelegenheit totgeschlagen worden sind?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Direkt totgeschlagen habe ich nicht festgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Aber vielleicht an den weiteren Folgen, an den Folgen des

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie aber nicht?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Daß sie zusammengebrochen sind und so, das habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Daß sie zusammengebrochen sind und auf dem Boden gelegen haben.

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Ja, das habe ich gesehen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie etwas davon gehört oder gesehen gar, daß er eine besondere Art des Schlagens gehabt hat?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er zum Beispiel den Leuten hinten ins Genick geschlagen hat?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, das kann ich nicht sagen, kann ich mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Da können Sie sich nicht entsinnen. Wissen Sie etwas davon, daß Baretzki bei der Rampe tätig war oder daß der Baretzki geholfen hat bei Verladungen von Häftlingen, die zum Krematorium gebracht werden sollten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, das habe ich selber gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie gesehen? Schildern Sie uns das bitte mal.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Es waren doch von Zeit zu Zeit Selektionen im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Im Lager, ja. Und da wurden die Häftlinge ausgesucht, die ins Krematorium gehen sollten, in die Gaskammer.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ging denn das vor sich?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das war im Lager, da mußten alle antreten, und wir mußten uns bis zur Hälfte ausziehen. Und dann sind einige SS-Leute reingekommen, darunter auch ein Arzt, manchmal war es Mengele, manchmal ein anderer, und die Leute sind da eben vorbeigegangen und...

 

Vorsitzender Richter:

Die haben dann ausgesucht.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Der berühmte Finger, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Und die Leute, die ausgesucht wurden, da wurden die Nummern aufgenommen, und die wurden in einen Extrablock verbracht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, welcher das war? Na, wenn Sie es nicht wissen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Kann ich nicht genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie nicht genau sagen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Kann ich nicht genau sagen. Und dann, entweder die folgende Nacht darauf oder am nächsten Tag, wurden die auf Lastwagen verladen und in die Gaskammer abgeführt. Und als die auf die Lastwagen aufgeladen wurden, war da eine besondere, stärkere Bewachung dabei, damit die Leute auch gehen, unter Kolbenschlägen und dem ganzen Tamtam. Und darunter war Baretzki auch, unter den SS-Leuten, die die Leute auf die Wagen raufgejagt haben und so, da war Baretzki auch.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie auch einen Häftling namens Bednarek gekannt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie ihn kennengelernt, und was wissen Sie von ihm?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich habe ihn kennengelernt im Lager Birkenau. Der war der Blockälteste von SK.

 

Vorsitzender Richter:

Der Blockälteste der Strafkompanie?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Des Strafkommandos.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, in welchem Block die untergebracht waren?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich glaube 11, 13. 3

 

Vorsitzender Richter:

11 und 13.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Oder nur 11 oder nur 13.

 

Vorsitzender Richter:

Oder nur 11 oder nur 13.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Es war in der Mitte des Lagers auf der linken Seite vom Tor.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mal gesagt, 8 und 11 4

 

Zeuge Jerzy Kanał:

8 habe ich gesagt, weil ich glaube, daß er vorher im alten Lager in Block 8 war.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie das?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das habe ich wahrscheinlich da gehört. Ich kam noch im alten Lager an. Aber das war schon leer. Da war nur so ein Aufnahmekommando. Wir waren da, ich weiß nicht, vielleicht ein oder zwei Tage, vielleicht drei Tage. Und dann wurden wir ins neue Lager versetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Birkenau.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das alte Lager war ja auch in Birkenau. War ja BI, die andere Seite, wo nachher das Frauenlager reinkam.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, jetzt weiß ich, was Sie meinen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Unter altem Lager verstehen Sie das, was nachher das Frauenlager wurde.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das Frauenlager, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, was wissen

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Das auf der gegenüberliegenden Seite, BI.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wissen Sie von Bednarek?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich weiß, daß er ein sehr gefürchteter Mann im Lager war. Wenn er grade an der Tür stand vom Block, da haben sich die Häftlinge nicht getraut durchzugehen. Und ich selber war nicht im SK. Und im Block war ich auch nicht und kann nicht aussagen, was ich gesehen habe. Alles, was ich nur über ihn aussagen kann, ist, was ich gehört habe, daß sein Block da sehr schlecht war und er sehr viel geschlagen hat. Dann habe ich ihn auch öfters im Lager gesehen, insbesondere hat er Sportveranstaltungen gemacht, Fußballspiele und so was.

 

Vorsitzender Richter:

Was, Fußballspiele?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, hat er veranstaltet, Sportveranstaltungen. Fußballspieler hat er von Mannschaften genommen. Daran kann ich mich auch entsinnen. Und er war im allgemeinen sehr, sehr grob zu den Häftlingen und hat die geschlagen, die ihm in die Nähe gekommen sind, im Wege gestanden sind und so weiter. Das habe ich selber gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal gesehen, daß die Häftlinge Fußball gespielt haben?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, habe ich. Und ich kann mich ganz genau entsinnen, es war eine Mannschaft von älteren Häftlingen gegen eine ungarische Mannschaft, die aus Ungarn gekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Also im allgemeinen kennen wir hier das Wort »Sportmachen« unter einem ganz anderen Begriff. Nämlich »Sportmachen« war nach unserer bisherigen Kenntnis ein Unternehmen, das nur dazu diente, die Menschen eben völlig zu entkräften und zu erledigen, nicht etwa, um im wirklichen Sinne des Wortes Sport sie zu erfreuen oder sie zu kräftigen. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, daß Häftlinge bei diesem Ernährungszustand den Wunsch gehabt hätten, Fußballspiele zu betreiben.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Also das habe ich selber gesehen. Der Bednarek war wahrscheinlich ein Fußballbegeisterter oder was. Und die eine Mannschaft, die war aus älteren Häftlingen, die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und die andere aus jüngeren.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ziemlich gut ernährt waren und sich auch so ein Sportspiel leisten konnten. Die andere Mannschaft war aus Ungarn, die neuen Häftlinge, die da gekommen sind aus Ungarn. Heute ist es auch so, daß in Ungarn gute Fußballspieler sind. Und da hat er, ich weiß nicht nach welchen Gesichtspunkten, ausgesucht und hat eine Mannschaft zusammengestellt. Ich kann mich noch entsinnen, daß die Zuschauer, die da waren, mir auch gesagt haben, das ist ja klar, daß die anderen verlieren müßten, sonst würden die totgeschlagen. Ich kann mich jetzt ans Resultat, an den Ausgang des Spieles nicht mehr entsinnen. Aber die waren auch nicht so kräftig und hatten nicht die Kondition und die Kraft.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn selbst gesehen, daß er Häftlinge mißhandelt hat?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er mit ihnen gemacht?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Geschlagen. Mit der Hand oder mit einem Werkzeug?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ach, das weiß ich nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Haben Sie selbst erlebt oder haben Sie gehört, daß dabei auch Menschen gestorben sind?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Gehört habe ich es, gesehen nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gehört haben Sie. Gesehen nicht.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar bei diesen Sportveranstaltungen oder

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Nein, nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Überhaupt.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Überhaupt. Bei dieser Sportveranstaltung, wo ich ihn gesehen habe, oder wenn er ins Lager rauskam, stand er vor der Tür von seinem Block. Wenn da jemand vorbeikam, der ihm nicht gefallen hat oder irgendwie im Wege gestanden ist und so, da hat er eben zugeschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gesehen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das habe ich gesehen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber daß jemand von ihm totgeschlagen worden ist, das haben Sie nur gehört.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Habe ich nicht gesehen, nur gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. [...] Ja. Sie haben vorhin gesagt, Sie wären in dem Lager BIIb gewesen. Nach unserer bisherigen Kenntnis der Dinge handelt es sich bei BIIb um das sogenannte Theresienstädter Lager, nicht um dieses andere Männerlager.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das Theresienstädter Lager war meines Erachtens nach das e- oder f-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, d war das

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Moment, c waren die Frauen, die nachher aus Ungarn gekommen sind, die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

E war das Zigeunerlager.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das Zigeunerlager war von der rechten Seite vor dem Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Männerlager?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, zwischen Männerlager und Krankenhaus, wie ich mich entsinnen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das wäre also b.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, da ist oben e, ja. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Das stimmt ja, zwischen dem Männerlager BIId und dem Krankenbau BIIf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, ich hatte b

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, dann müßte

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Ja, ich dachte, a fing an beim Zigeunerlager. Dann vielleicht war es BIId.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Und das c war auf alle Fälle das gegenüberliegende Lager, das Lager von den Frauen, die aus Ungarn gekommen sind, Ungarn und aus Lodz, damals aus Polen.

 

Richter Hotz:

Herr Kanal, ich habe eine Frage. Herr Kanal, von hier, von vorn.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ach so, Verzeihung.

 

Richter Hotz:

Haben Sie in Majdanek einen SS-Führer namens Höcker kennengelernt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Kann ich mich nicht entsinnen.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Herr Kanal, haben Sie auch Gelegenheit gehabt, Selektionen auf der Rampe zu beobachten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, bitte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Würden Sie erst mal schildern, was Sie da feststellen und beobachten konnten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, das war später, als der Gleisanschluß fertig wurde und die Transporte bis an das Krematorium reingekommen sind, zwischen Krematorium I und II war der Gleisanschluß, der da rangekommen ist. Die Rampe ging bis zum Krematorium. Und ich habe da ganz in der Nähe gearbeitet, da die Kläranlage hinter dem Krematorium I und dem Frauenlager war. Das Frauenlager ging – wie soll ich sagen, da hat das Krematorium geendet, hier habe ich gearbeitet – ein bißchen höher rauf.

 

Staatsanwalt Vogel:

Darf ich mal unterbrechen? Würden Sie hier auf der Karte mal versuchen, ob Sie feststellen können, wo das ist. Ist das hier links? Hier ist der Lagereingang, die Rampe, und da oben links sind so Klärkessel eingezeichnet. Ist das die? [...] Das war Abschnitt BI, ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

– Schnitt –

 

Zeuge Jerzy Kanał:

quer des Krematoriums, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Sie hatten die Möglichkeit, die Ankunft der Transporte auf der Rampe zu beobachten und auch den Weg, den Abtransport der Häftlinge zu den Gaskammern. [...]

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, das hatte ich.

 

Staatsanwalt Vogel:

Würden Sie bitte dem Gericht schildern, wie bei der Ankunft eines Transports eine Selektion abgelaufen ist und was dann aus den Häftlingen wurde, wie die zu den Gaskammern gebracht wurden?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Also wenn die Transporte angekommen sind – ich weiß nicht, wie das ging, ob die sofort ausgeladen wurden. Ich glaube, nicht immer sofort, weil ich hatte manchmal die Möglichkeit, mit den Leuten in den Waggons zu sprechen. [Mit denen,] die da waren, hatte ich manchmal die Möglichkeit zu sprechen. Also demzufolge war die Ausladung der Transporte nicht immer sofort nach der Ankunft. Und dann, als die Häftlinge ausgeladen wurden, [Pause] kam immer eine größere Abordnung von SS-Leuten. Ich glaube, daß auch einige prominente Häftlinge dabei waren bei der Ausladung. Und dann ging die Selektion vor sich, daß die Leute vorbeigingen und eben rechts, links, das ging meistens auch mit Schlägen [vor sich], und viel Krach war dabei. Insbesondere die Transporte, die aus Ungarn kamen, die wußten nicht genau, was mit ihnen passieren wird. Aber es gab auch Transporte, die das schon vorher wußten, was da vorkommt. Und ich selber habe mal erlebt, daß zufällig eine Gruppe, die ins Lager ausgesucht wurde, vorbeiging. Und das war, glaube ich, ein Transport aus Polen, aus welcher Stadt genau kann ich mich nicht mehr entsinnen. Der Weg war zwischen den beiden Krematorien, und da war ein Mädel. Ich stand an der Seite, dann sagte sie noch zu mir, zeigte mit dem Finger auf die beiden Seiten, das sind die zwei Fabriken, wohin wir gehen. Also demzufolge [gab es] verschiedene Transporte, die wußten, was da ist, was da vorkommt. Und die gingen nicht so freiwillig. Na, eben, man mußte sie antreiben und schlagen und so weiter. Dann kamen die Selektionen vor. [...] Die Leute, die ins Lager ausgesucht wurden, die wurden extra, ich glaube, in Fünferreihen, aufgestellt oder was, das weiß ich nicht mehr genau. Und die wurden in die »Sauna« geführt. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, gingen diese Häftlinge zu Fuß in die »Sauna«? [...]

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich glaube, ja. Ich glaube, die gingen zu Fuß in die »Sauna«.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und die Häftlinge, die vergast werden sollten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Die Häftlinge, die vergast werden sollten, [Pause] da habe ich beides gesehen. Ich habe gesehen, wie die auf Lastwagen ankamen in den Krematorien. Die wurden vor den Krematorien ausgeladen. Ich habe auch gesehen, daß die zu Fuß reinkamen. Es ist möglich, daß, wenn die mit den Lastwagen kamen, die Rampe noch nicht fertig war. Das weiß ich aber nicht mehr so genau. Vielleicht auch wenn die Rampe fertig war, kamen die vielleicht auch mit Lastwagen. Es war nicht sehr weit, die Selektion fand vorne statt, meistens vorne, das heißt so ungefähr in der Höhe, wo der Gang war zwischen Lager c und d und dem Männerlager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Da, glaube ich, da fanden die meisten Selektionen statt, da war der...

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Jedenfalls die Häftlinge, die mit Lkws von der Rampe weggebracht wurden, die gingen immer zu den Gaskammern. Sie sagten, die anderen gingen zu Fuß in die »Sauna«.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich habe zu Fuß gehen sehen auch, ja. [...] Ob die immer [+ zu Fuß gegangen sind], weiß ich nicht. Ich meine, ich habe ja nicht allen Selektionen beigewohnt. Und nicht immer habe ich darauf geachtet. Ich meine, es war eine alltägliche Sache.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, haben Sie feststellen können, welche einzelnen SS-Angehörigen bei den Selektionen die Entscheidung darüber getroffen haben, welche Häftlinge ins Lager aufgenommen werden sollten und welche Häftlinge zu den Krematorien, zu den Gaskammern gebracht werden sollten?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Na ja, vor allem Mengele war da. Und dann waren noch verschiedene Lagerärzte. Aber an die Namen kann ich mich nicht mehr genau entsinnen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wurde die Entscheidung in erster Linie von Ärzten getroffen? Oder auch von anderen SS-Führern?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das ist mir auch schwer zu sagen. Ich meine, ich wußte nicht genau, wer Arzt war und wer nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Haben Sie auch SS-Angehörige bei den Selektionen auf der Rampe gesehen, die Ihnen bekannt waren? Aus anderem Zusammenhang, also beispielsweise den Angeklagten Baretzki?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Habe ich auch gesehen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und welche Tätigkeit hatte der dort?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Na, ich weiß ihm [keine] besondere Tätigkeit zuzuschreiben. Er war ein Bewacher, er war dabei, es war immer eine größere Anzahl SS-Leute bei den Selektionen angekommen, insbesondere bei den Rampenselektionen. Und seine Aufgabe, weiß ich nicht, ob die war zu schlagen oder zu bewachen oder was. Er hat wahrscheinlich beides gemacht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Bei den Lagerselektionen haben Sie erwähnt, daß auch Baretzki dabei war, wenn die Häftlinge auf Lkws verladen und zu den Gaskammern transportiert wurden. Können Sie sich in etwa noch erinnern, wie oft Baretzki bei solchen Lagerselektionen oder beim Abtransport der Häftlinge beteiligt war?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Na, ich nehme an, bei jeder Selektion.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, wie oft kam es zu Lagerselektionen? Gab es da gewisse Zeitabstände, einmal im Monat, öfter oder weniger oft?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das weiß ich nicht, das glaube ich nicht, daß das eine Regelmäßigkeit hatte. Das kann ich nicht sagen. Ich war da ungefähr anderthalb Jahre und bin durch mehrere Selektionen gegangen. Um eine Zahl zu nennen, sagen wir mal, vielleicht zehn. Vielleicht auch nur acht. [...] Genau weiß ich nicht, auf alle Fälle mehrere Selektionen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Mindestens acht. Kann man von dieser Zahl ausgehen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

So ungefähr, ja, eine ganze Anzahl Selektionen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und bei jeder dieser Selektionen war der Angeklagte Baretzki bei dem Abtransport der Häftlinge beteiligt. Sie sagen, er war jedesmal dabei.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

So denke ich.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich meine, vielleicht war er auch mal nicht dabei. Damals habe ich nicht darauf geachtet, ob Baretzki dabei ist oder nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es wäre eine Ausnahme gewesen, wenn er nicht

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Wenn er nicht dabeigewesen wäre. Es waren ja mehrere Blockführer, vielleicht alle Blockführer waren da, um die Sache...

 

Staatsanwalt Vogel:

In ihrem eigenen Lagerabschnitt konnten Sie das vielleicht feststellen, wie viele Häftlinge im Durchschnitt vielleicht selektiert, ausgewählt [+ wurden] zur Vergasung.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das ist schwer zu sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Waren das nur vereinzelte, die

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Nein, eine ganze Menge, eine ganze Menge. [...] Es ging wahrscheinlich nicht nur nach dem, wer arbeitsfähig ist oder nicht. Eine Zahl mußte es sein, und eben bis die Zahl voll war, hat man ja genommen. Ich kann mich sogar entsinnen, [...] es waren Zeiten, das kann vielleicht, na, so Ende 43 gewesen sein, daß die immer schärfer wurden, die Selektionen. Das heißt auch, das ist vorgekommen, daß man äußerlich ganz gesunde Leute mitgenommen hat.

 

Staatsanwalt Vogel:

Da wurde die Zahl der Opfer noch größer.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nehme ich an.

 

Staatsanwalt Vogel:

Waren es 100 oder 200?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Sie meinen, bei jeder Selektion?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Es waren einige Lastwagen auf alle Fälle.

 

Staatsanwalt Vogel:

Einige Lastwagen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja. Und der Block wurde ziemlich voll.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Eine Frage. Herr Zeuge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie schilderten hier die Transportselektionen, also von denen, die angekommen sind, und sagten dabei, Sie hätten auch schon mit den Ankommenden gesprochen, bevor sie ausgeladen wurden.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wie war das möglich?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Wie ich schon sagte, ich habe da ganz in der Nähe gearbeitet, ganz in der Nähe der Rampe.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich kann mich nicht genau entsinnen, aber ich nehme an, daß die [Transporte] bis zur Ausladung keine Sonderbewachung hatten, keine zusätzliche Sonderbewachung, daß man die Häftlinge nicht reinließ. Und da ist es schon ab und zu vorgekommen, daß ich mich mit den Leuten unterhalten habe. [...] Ich kann mich sogar an einzelne Fälle ganz genau entsinnen. [...]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Die Türen der Güterwagen blieben doch geschlossen, bis ausgeladen wurde?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, die waren geschlossen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und Sie haben dann durch die Ritzen gesprochen, oder?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Durch die Ritzen, und vielleicht war auch mal eine Tür auf, daran kann ich mich nicht mehr entsinnen. [...] Auf alle Fälle [erinnere ich mich] genau an einzelne Fälle, daß ich mit den Häftlingen da gesprochen habe.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Daran können Sie sich nicht erinnern, wie lange die noch so gestanden haben, bis sie ausgeladen wurden?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Oh, das weiß ich nicht. Nein, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wie viele Menschen in den einzelnen Waggons waren, können Sie uns auch nicht sagen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein, eine genaue Zahl kann ich nicht angeben.

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Nicht genau.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich meine, die Waggons waren ziemlich voll.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen sie, wissen Sie, wer hier angeklagt ist? Im einzelnen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein. Ich kenne nicht alle Namen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wenn der Herr Vorsitzende Ihnen es gestattet, würden Sie sich einmal die einzelnen Angeklagten ansehen, um festzustellen, ob Sie irgend jemanden erkennen, der bei diesen Selektionen mitgewirkt hat?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? Da hinten sind noch eine Reihe weiterer Angeklagter. [Pause] Haben Sie jemand erkannt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich glaube ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Da habe ich links den Herrn Bednarek erkannt, den mit der Brille da, Nummer 24.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

24?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nummer 24. [Pause] Dann habe ich Nummer 12 erkannt, Herrn Baretzki.

 

Vorsitzender Richter:

Baretzki.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja. Dann Nummer 4. Da weiß ich nicht den Namen. Auf alle Fälle ist mir das Gesicht bestimmt bekannt. Ich weiß nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie im Lager jemanden von der Politischen Abteilung gekannt?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Entschuldigung, darf ich kurz zu Nummer 4 fragen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie kennen den Namen nicht, aber Sie wollen sagen, daß Sie ihn bei den Selektionen gesehen haben.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein, das Gesicht erst mal ist mir bekannt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Entschuldigung, ich hatte Sie gefragt, Herr Zeuge

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Ja, bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie mögen sich die Angeklagten anschauen, ich weiß, das ist nicht einfach. Wir sprachen nur von den Selektionen und nicht

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Ach so, von den Selektionen ist nur Herr Baretzki, den ich erkannt habe.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Vorsitzender Richter:

Nur den Herrn Baretzki. Ja, und den Herrn Nummer 4 5 glauben Sie auch zu kennen?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Das Gesicht habe ich bestimmt gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das Gesicht. Haben Sie jemand von der Politischen Abteilung gekannt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ist schon möglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie den Angeklagten Boger gekannt?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Also der Name, ja, ist mir...

 

Vorsitzender Richter:

Ein Begriff.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Jetzt ist er mir bekannt, aber von früher ist der Name mir nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Boger ist Ihnen von früher her nicht bekannt.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sage ich Ihnen, daß es sich bei dem Angeklagten – Nummer 4, sagten Sie – um den Angeklagten Boger handelt. Den haben Sie aber im Lager nicht gekannt.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Den Namen Boger nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Den Namen Boger nicht.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja. [...] Aber das Gesicht ist mir bestimmt bekannt. Ich weiß nicht, es ist vielleicht möglich, daß ich ihn jetzt von der Presse kenne oder was. Ist vielleicht möglich. Kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind keine Fragen mehr?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Gerhardt:

Eine Frage hätte ich. Herr Zeuge, auf die Frage des Herrn Staatsanwaltes nach der Anzahl der Fälle, in denen Sie den Angeklagten Baretzki bei dem Verladen auf die Lkws gesehen haben wollen, da sagten Sie erst, »ich weiß nicht, ich meine, vielleicht, ich denke«, und nannten dann eine Zahl von acht bis zehn. Stimmt wohl, Herr Staatsanwalt, ja? Und daraufhin sagte

 

Zeuge Jerzy Kanał [unterbricht]:

Die Zahl acht bis zehn waren Selektionen, die ich selber mitgemacht habe.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ach, die Sie selbst mitgemacht haben.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

So. Sie haben nämlich dann weiter gesagt: »Damals habe ich nicht darauf geachtet.« Das klärt sich jetzt ja auf, wenn Sie sagen, das sind nur die Fälle, die Sie selbst mitgemacht haben. Jetzt meine Frage: Wie viele Fälle wissen Sie denn, wo der Baretzki dabei war?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich sagte schon vorhin, er war wahrscheinlich bei allen Fällen da.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ja, das »wahrscheinlich« reicht uns möglicherweise nicht aus. Ich möchte wissen, in wie vielen Fällen Sie ihn eigens gesehen haben und was Sie heute noch auf Ihren Eid nehmen können. [...]

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ich kann auf Eid nehmen, daß ich ihn bei Selektionen gesehen habe. Die Anzahl

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Wissen Sie nicht. Gut danke, keine Fragen.

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Brauche ich nicht auf Eid zu nehmen. [...] Ich weiß, daß [+ ich ihn] mehrere Male [+ gesehen habe], aber ich...

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Erklärungen abzugeben von Angeklagten? Nein. Fragen auch nicht mehr zu stellen? Wegen der Beeidigung werden Anträge gestellt? Nein. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beeiden?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

Ja, bitte. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie den Eid in der religiösen Form oder in der bürgerlichen Form schwören?

 

Zeuge Jerzy Kanał:

In der bürgerlichen Form.

 

Vorsitzender Richter:

Bürgerlichen.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Polizeiliche Vernehmung vom 07.09.1960 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 37, Bl. 6.492.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 07.09.1960 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 37, Bl. 6.492.

3. Im sogenannten Männerlager BIId in Birkenau.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 07.09.1960 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 37, Bl. 6.492R.

5. Angeklagter Boger.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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