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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

72. Verhandlungstag, 31.7.1964

 

Vernehmung der Zeugin Raya Kagan

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie sind, wie Sie eben sagten, am 24. Juni 42 nach Auschwitz gekommen. Und Sie sind dort geblieben bis?

 

Zeugin Raya Kagan:

18. Jänner 45.

 

Vorsitzender Richter:

Waren bei diesem Transport auch Männer, oder waren es nur Frauen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Doch, der ganze Transport hat 1.000 Leute gezählt. Diese wurden mit uns zusammen an der Station Drancy1 einwaggoniert, und wir sind zusammen mit denen nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Das wußte ich überhaupt nicht, ob es nach Auschwitz ist. Dann später erfuhr ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das haben Sie später erfahren.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns vielleicht sagen, wo Sie in Auschwitz ausgeladen worden sind aus den Waggons?

 

Zeugin Raya Kagan:

Es war weder eine Station noch die Rampe. Die Rampe wurde später gebaut. Es war irgendwo im Feld. Und dort wurden wir mit Gewehr über den Köpfen von SS-Leuten aus dem Waggon getrieben. Es war hoch, und wir mußten sehr hoch springen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wenn Sie sagen, die Rampe war noch nicht fertiggestellt, meinen Sie da diese Rampe, die in Birkenau später in Betrieb war?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wurden also auf freiem Felde ausgeladen, und zwar vermutlich in der Nähe des Lagers Auschwitz I.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die Frauen, die mit Ihnen zusammen angekommen sind, sind die sämtlich ins Lager gekommen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Es war ein kleine Gruppe.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, glaube ich, 70 Personen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, 67.

 

Vorsitzender Richter:

Oder 67, ja. Ungefähr. Haben Sie Kenntnis davon, wie viele von diesen Frauen am Leben geblieben sind?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl, vier.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten uns eben, die Frauen sind zunächst aussortiert worden, und nur die gesündesten und kräftigsten sind ausgewählt worden.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und die jüngsten.

 

Vorsitzender Richter:

Und die jüngsten. Wissen Sie, ob diese Frauen zu bestimmten Arbeiten herangezogen worden sind oder warum man das gemacht hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich verstehe die Frage nicht.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy pani jest wiadomym, dlaczego własnie z tego punktu widzenia dokonana była wybiórka już wtedy?

 

Zeugin Raya Kagan:

Skąd?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Do jakiej pracy one były przeznaczone?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nic nie wiem. — Es wurde uns nicht gemeldet, warum die Selektion vorgenommen wurde. Wir wußten überhaupt nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Sie jedenfalls sind wohin gekommen, nachdem Sie aus den Waggons ausgestiegen waren?

 

Zeugin Raya Kagan:

Wir wurden in das Frauenlager geführt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war in Auschwitz I.

 

Vorsitzender Richter:

Und in welchem Block?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war vorher in einer Baracke, weil es war das Frauenlager. Das waren zehn Blocks, die wurden vom Männerlager getrennt. Es war schon damals bumsvoll, so wurden wir in einer Baracke untergebracht zwischen den Blocks. Und dann, einige Tage später, als ich ins Standesamt aufgenommen wurde, wurde ich in einen Block versetzt. Das war Block 4.

 

Vorsitzender Richter:

Block 4?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ursprünglich waren Sie also in einer Baracke und nicht in Block 10?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Wissen Sie, ob die anderen Frauen in den Block 10 gekommen sind?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, von meinem Transport nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Von Ihrem Transport nicht.

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, wir waren alle in derselben Baracke untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, mit welchen Arbeiten die anderen Frauen beschäftigt waren?

 

Zeugin Raya Kagan:

Selbstverständlich. Wir waren vier.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war das? Können Sie uns die Namen mal nennen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Das war meine Freundin Henny Bolotin, die jetzt noch lebt, in Paris. Und das waren zwei junge deutsche Jüdinnen, die gleich, nach einer sehr kurzen Zeit, zu [+ unserem] Bedauern nach Birkenau zurückgeschickt wurden, in ein schreckliches Kommando eingesetzt [+ wurden] und gleich danach tot [+ waren].

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie jedenfalls wurden eingesetzt, wie Sie eben sagten, bei dem Standesamt. Dieses Standesamt gehörte zur Politischen Abteilung?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dort wenige Tage nach Ihrem Eintreffen mit der Arbeit begonnen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Am 26. Juni, haben Sie mal gesagt.

 

Zeugin Raya Kagan:

Am 26., ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das stimmt.

 

Zeugin Raya Kagan:

Den ersten Tag habe ich Außenarbeit gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatten Sie für Arbeiten zu verrichten dort?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also ich war Aktenbearbeiterin.

 

Vorsitzender Richter:

Und was versteht man darunter?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jedermann weiß, was Standesamt bedeutet. Es hat drei Funktionen: Geburten, Heiraten und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Todesfälle.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Also dieses Standesamt in Auschwitz war selbstverständlich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Fast nur für Todesfälle bestimmt.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Obzwar ich auch an einige Fälle von Geburten mich erinnere – sehr wenige, und das waren nur Arier. Also sagen wir, bis 20 Fälle. Die wurden eingeschrieben in das Geburtsbuch. Aber was mit den Jüdinnen, die in Auschwitz entbunden [+ haben, war] – ich könnte einen Fall [+ schildern] von meiner Freundin, Slowakin, sehr junge Frau, die schwanger ins Lager gekommen ist mit dem slowakischen Transport Ende Sommers 42. Und dann allmählich wurde es erkennbar, daß sie schwanger ist, und sie wurde von der Aufseherin Franz nach Birkenau geschickt vor der Entbindung. Nach der Entbindung habe ich sie zufällig in Auschwitz getroffen. Sie war sehr blaß, abgemagert, aber sie war glücklich, weil sie das Baby hatte. Einige Wochen später wurde sie [zusammen mit] dem Baby ins Krematorium transportiert.

Die zweite Tätigkeit des Standesamts, das sind Heiraten. In Auschwitz ist eine Heirat vorgekommen, nämlich im Februar 1944. Das war der Reichsdeutsche Rudi Friemel. Der hatte seine spanische Frau heiraten müssen nach dem deutschen Gesetz.2 Und dieser arme Friemel wurde Ende 44 gehängt.3

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie hatten also insbesondere Todesfälle zu bearbeiten.

 

Zeugin Raya Kagan:

Eben.

 

Vorsitzender Richter:

Und was mußten Sie da tun?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also ich bekam die Akten. Ich bekam die Akten von der Registratur, und die Akten waren voll. Das heißt, es waren dort Korrespondenz und verschiedene Berichte und verschiedene Anzeigen, eventuelle Strafen, alles mögliche. Die Akten der Deutschen waren voll und sehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Korrekt.

 

Zeugin Raya Kagan:

Korrekt. Die Akten der anderen – also für Russen stand ein Stempel: »vereinfachtes Verfahren«. Bei den Polen stand sehr oft: »Rückkehr unerwünscht«. Und bei den Juden war ein armes Blatt mit den Personalien, das war alles. Das alles habe ich bekommen mit einer Todesmeldung. In der Todesmeldung stand der Name des Verstorbenen, sein Vorname, Geburtsort und so weiter und eine Krankheit.

Und dann später, aus der Praxis, habe ich sehr vieles verstehen können: daß die ganzen Krankheiten überhaupt nicht der Wahrheit entsprachen und die Todesmeldungen der Wahrheit nicht entsprachen, daß das Ganze gefälscht wurde. Es wurde gefälscht der Ort, wo der Häftling verstorben ist. Immer wurde »Kasernenstraße« geschrieben. Und sehr oft war es in dem Schmutz von Birkenau, wo er verstorben oder krepiert ist, wie im Lager gesagt wurde. Auch das Datum war willkürlich. Und die Hauptsache, die Krankheit: Das war eine Art von Listen, wo die Krankheiten aufgezeichnet wurden. Und aufs Geratewohl stand eine Krankheit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wurde herausgegriffen, ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, wer hat diese Todesmeldungen unterschrieben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ärzte.

 

Vorsitzender Richter:

Ärzte?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren das SS-Ärzte, oder waren das

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sogenannte Lagerärzte oder Häftlingsärzte?

 

Zeugin Raya Kagan:

SS-Ärzte.

 

Vorsitzender Richter:

SS-Ärzte. Und Sie haben dann aufgrund dieser Todesmeldungen was getan?

 

Zeugin Raya Kagan:

Einen Moment, darf ich noch [etwas hinzufügen]?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Es waren Kategorien: Häftlinge, die überhaupt nicht eines normalen Todes verstorben sind, waren »auf der Flucht« erschossen worden. Da stand auf dem Zettel: »Auf der Flucht erschossen«, oben. Und es war bei uns gang und gäbe, das heißt, es war so, daß wir in diesem Fall »Herzschlag« schreiben mußten. So daß ich genau wußte, wenn ein Häftling eingeliefert wurde und er erschossen wurde, stand im Todesbuch »Herzschlag«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wieso wußten Sie das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, das war bekannt, weil ich nie dieses »Auf der Flucht erschossen« schrieb.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Statt »Auf der Flucht erschossen«, schrieb ich »Herzschlag«.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wieso wußten Sie, daß er »auf der Flucht« erschossen worden war?

 

Zeugin Raya Kagan:

Auf dem Zettel wurde es aber vermerkt.

 

Vorsitzender Richter:

War das dieser Todesschein?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Das ist mir noch nicht ganz klar. Dieser Todesschein hat doch den Namen, die Geburtsstunde oder den Geburtstag dieses Betreffenden und den Todestag und den Todesort [+ verzeichnet].

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und außerdem die Todesursache?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

War diese Todesursache mit »Herzschlag« bereits ausgefüllt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Oben am Blatt, ganz oben, stand: »Auf der Flucht erschossen«.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Todesursache war nicht angegeben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein. Und dann schrieb ich als Todesursache »Herzschlag«.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nicht auf diesem Zettel, sondern ins

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Dieser Zettel war unwichtig.

 

Vorsitzender Richter:

Der war unwichtig.

 

Zeugin Raya Kagan:

Weil wir dann Anlagen machten, zusammen. Von den Zetteln, von allen Personalien mußte ich ein Blatt ausfüllen, und dieses Blatt war dann maßgebend.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie wußten auf diese Art und Weise, daß es sich hier um sogenannte Erschießungen auf der Flucht gehandelt hat, während Sie in Wirklichkeit nachher als Herzschlagtod bezeichnet wurden.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie in anderen Fällen, daß die Todesursache nicht übereinstimmte mit der Wahrheit?

 

Zeugin Raya Kagan:

Es ist allgemein bekannt, daß verschiedene Krankheiten, zum Beispiel Fleckfieber, im Lager gang und gäbe waren. Es war fast nie als

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Todesursache angegeben.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ursache angegeben. Es war etwas anderes [+ angegeben]: Kachexie und Lungenentzündung und so weiter. Also das [machte mich] auch stutzig: Warum wurde Fleckfieber nie [+ angegeben] – oder sehr, sehr selten?

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns ungefähr sagen, wie viele solche Fluchterschießungen im Laufe eines Jahres ungefähr bei Ihnen...

 

Zeugin Raya Kagan:

Es ist mir schwer zu sagen selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen schwer zu sagen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Aber es waren sehr viele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, sehr viele – geht das in die Hunderte, oder geht das in die Zehner?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, es geht in die Hunderte.

 

Vorsitzender Richter:

In die Hunderte.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In einem Jahr?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, Frau Zeugin, sind Sie zu einem besonderen Stillschweigen dort verpflichtet worden?

 

Zeugin Raya Kagan:

Oh ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeugin Raya Kagan:

Als wir vier in das Standesamt geführt wurden, wurden wir durch den Untersturmführer Maximilian Grabner aufgenommen. Das war der...

 

Vorsitzender Richter:

Chef.

 

Zeugin Raya Kagan:

Chef. Und der hat uns scharf angeschaut und gesagt: »Ja, hier müssen Sie schweigen, sogar zwischeneinander. Kein Wort von der Arbeit sprechen. Und nicht nur das, sondern sogar das Mienenspiel könnte Sie verraten. Also passen Sie auf, wir werden mit euch kein Erbarmen haben.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hat er auch gesagt, was für den Fall geschehen würde, wenn dieses Stillschweigen gebrochen würde?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, das war ganz klar, was geschehen wird.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Er brauchte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat das nicht näher zu sagen brauchen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Seine Stimme und diese drohenden Augen, das war ganz genügend.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind im Block 4 gewesen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bis wann?

 

Zeugin Raya Kagan:

Im Block 4 bis zur Evakuierung vom Frauenlager, das heißt Anfang August 42.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also ganz kurz. Am 24. Juni kamen Sie hin, nach zwei Monaten ist das Frauenlager

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Nach Birkenau gezogen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Birkenau gezogen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind Sie nur einige Tage geblieben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Es waren aber 700 Jahre für mich.

 

Vorsitzender Richter:

Es war ein furchtbarer Aufenthalt. Und dann sind Sie aber dort wieder herausgezogen worden. Das hat uns schon eine andere Zeugin einmal...

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, es war ganz plötzlich. Die SS haben Angst bekommen, daß wir Sie anstecken könnten.

 

Vorsitzender Richter:

Mit der Epidemie und Krankheiten.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Und diese Heldenhaften hatten auch Angst um ihr Leben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da sind Sie dann in das Stabsgebäude gekommen, in den Keller, und haben dort die andere Zeit gewohnt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dieses Stabsgebäude befand sich außerhalb der Lagerumzäunung?

 

Zeugin Raya Kagan:

Aber innerhalb der Großen Postenkette.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es so gewesen, daß diese Gebäude sich unmittelbar an der Lagerumzäunung befanden, nur eine Straße dazwischen war?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein. Es war eine Biegung, eine zweite Biegung um

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Würden Sie es uns vielleicht einmal da vorne an der Karte zeigen? An dieser Karte hinten.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie mal hingehen würden. Dieser schwarze Pfeil links unten bedeutet den Eingang zu dem Lager.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Pani będzie łaskawa d o, do tego

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Das war das Tor, das »Arbeit macht frei« hieß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und von dort sind wir neben der Fahrbereitschaft gegangen. Das wäre so und so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, zeigen Sie es bitte mal an der Karte. [...] Bitte? Es ist nicht mehr drauf.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, also es wäre so. Ich sehe nicht genau diesen Weg hier, aber es war die Fahrbereitschaft und nach der Fahrbereitschaft, sagen wir, hier, nein, das wäre hier, diese Straße. Hier sieht man nicht diese Straße, wo wir gegangen sind, überhaupt nicht. Also so und so. Und hier wäre das Stabsgebäude. Es war gegenüber dem TWL.

 

Vorsitzender Richter:

Des Krematoriums?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Das war ein großes Gebäude, wo auch Häftlinge gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also das ist uns bisher anders geschildert worden

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Einen Moment.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich sehe, daß das Krematorium hier überhaupt ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. W enn Sie sich vielleicht orientieren würden. Oben fließt die Soła.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und südlich von der Soła war das Lager.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sehen Sie oben links im Eck ein Häuschen. Das soll das Haus von dem Kommandanten Höß

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, ja, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Gewesen sein.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und das war unsere Baracke.

 

Vorsitzender Richter:

Und hier war das Krematorium.

 

Zeugin Raya Kagan:

Daneben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da war Ihre Baracke?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, also wir sind hier gegangen. So.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und war in dieser Baracke nur die Politische Abteilung untergebracht oder auch der übrige Stab des Lagers?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, in dieser Baracke war nur die Politische Abteilung und das Standesamt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war der Stab des Lagers, die Kommandantur, untergebracht?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Die Kommandantur war gegenüber dem Kommandantenhaus.

 

Vorsitzender Richter:

Das erste oben? Ja?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So. Dann bitte treten Sie wieder zurück. [Pause]

Nun, Frau Zeugin, wie ist es denn mit den Menschen gewesen, die mit einem Transport ankamen, aber gar nicht ins Lager aufgenommen wurden, sondern die sofort der Vergasung zugeführt wurden? Wurden die auch im Standesamt irgendwie geführt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nie.

 

Vorsitzender Richter:

Nie?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also über diese Menschen bestand gar keine zuverlässige Mitteilung über ihren Tod?

 

Zeugin Raya Kagan:

Bei uns nein.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihnen nicht. Wissen noch, wie viele Todesfälle Sie in einem Jahr registriert haben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das erste Jahr, erinnere ich mich, ungefähr 47.000 bis 50.000.

 

Vorsitzender Richter:

47.000 bis 50.000. Das war im Jahr 42.

 

Zeugin Raya Kagan:

42.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war damals der Leiter Ihrer Dienststelle?

 

Zeugin Raya Kagan:

Der Standesamtbeamte war Quakernack.

 

Vorsitzender Richter:

War das ein SS-Oberscharführer?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und der kam aber dann im Herbst 43 weg

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist durch wen ersetzt worden?

 

Zeugin Raya Kagan:

Durch Kristan, Bernhard Kristan.

 

Vorsitzender Richter:

Kristan, ja. Ein junger Mensch noch?

 

Zeugin Raya Kagan:

Oh, sehr jung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch mit den anderen Angehörigen der Politischen Abteilung zu arbeiten gehabt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich mit wem noch?

 

Zeugin Raya Kagan:

Außer Kristan und Quakernack war [+ da] Schoberth, Hans Schoberth. Es waren zwei Ältere, Lorenczyk und Wietschorek. Es war Frank, Gustav Frank, vorhanden. Dann waren kleinere Grade [+ und solche] überhaupt ohne [+ Dienstgrad], die Posten waren. Otto Schmidt.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, ob Schoberth damals einen Dienstgrad hatte? [...]

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Vorher Rottenführer, dann Scharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Rottenführer, dann Scharführer.

 

Zeugin Raya Kagan:

Oberscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Oberscharführer nachher.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sagen Sie, kannten Sie noch andere Mitglieder der Politischen Abteilung? Zum Beispiel Boger?

 

Zeugin Raya Kagan:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Broad?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dylewski?

 

Zeugin Raya Kagan:

Vom Aussehen nur.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Sehen nur.

 

Zeugin Raya Kagan:

Vom Sehen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Stark?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Kirschner.

 

Vorsitzender Richter:

Kirschner.

 

Zeugin Raya Kagan:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Wosnitza.

 

Vorsitzender Richter:

Wosnitza.

 

Zeugin Raya Kagan:

Lachmann.

 

Vorsitzender Richter:

Lachmann. Und kannten Sie eventuell auch Stark?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, dem Namen nach, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nur dem Namen nach?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich würde ihn vielleicht auch erkennen. Ich weiß nicht. Ich erinnere mich jetzt nicht, wie er ausschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Sie entsinnen sich im Augenblick nicht. Nun Frau Zeugin, was können Sie uns sagen zum Beispiel von der Tätigkeit Schoberths? Was hat denn Schoberth dort zu tun gehabt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Er sollte mein Vorgesetzter werden. Er mußte die Arbeit von dieser Abteilung Aktenbearbeitung kontrollieren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War das nicht Quakernack?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, Quakernack persönlich nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, Quakernack wäre doch Ihr Vorgesetzter gewesen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Selbstverständlich, aber die Kontrollarbeit wurde von kleineren Graden [ausgeführt].

 

Vorsitzender Richter:

Und was verstehe ich unter der Kontrollarbeit?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, er mußte schauen, ob alles pünktlich von mir bearbeitet ist, zum Beispiel.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, Quakernack führte nur das gesamte Büro, wenn ich mal so

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen darf. Und Schoberth war dafür eingesetzt, dafür zu sorgen, daß Sie richtig arbeiteten.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Er war Ihnen also näher vorgesetzt als Quakernack?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte denn Schoberth sonst noch zu tun?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich wußte vom Kapo, daß er sich informieren ließ, wie ich arbeite. Und weil der Kapo bestätigt hat, daß er sich auf mich verlassen hat, hat er mir die ganze Arbeit überlassen, hat es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer war damals der Kapo?

 

Zeugin Raya Kagan:

Kleofas Krupka.

 

Vorsitzender Richter:

Krupka. Nun, er hat sich also auf Sie verlassen und hat Sie, ich will mal sagen, nicht näher geprüft und überprüft.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn sonst noch gemacht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Wie jeder SS-Angehörige der Politischen Abteilung mußte er an der Rampe teilnehmen.

 

Vorsitzender Richter:

An der Rampe teilnehmen, wenn die Transporte kamen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, und mithelfen bei Selektionen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Haben Sie das auch mal gesehen

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder haben Sie nur gewußt, daß die Leute eingeteilt waren?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ich habe es gewußt. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch erfahren, wie diese Einteilung vor sich ging und wer diese Einteilung vorgenommen hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich glaube, mir wurde das gesagt, daß der Spieß von dem Vorgesetzten von der SS in der Politischen Abteilung die Listen gemacht hatte. Und es war eine Liste, eine Namensliste mit denen, die den Dienst haben mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie die Listen einmal gesehen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nicht gesehen. Aber Sie wußten, daß alle Mitglieder der Politischen Abteilung je nach Einteilung mit Dienst auf der Rampe hatten?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wodurch haben Sie das erfahren?

 

Zeugin Raya Kagan:

Vom Hören erstens. Und dann habe ich einmal gesehen, wie der Schoberth – einige Male, aber dieses Mal, das ich beschreiben will, ist sehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ihnen besonders in Erinnerung geblieben.

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Im Gedächtnis geblieben. Also es war früh, wir haben sehr früh zu arbeiten angefangen. Und er ist in das Standesamt gekommen. Er war rot, mit blutunterlaufenen Augen, ganz wild das Aussehen, mit einem Gewehr, mit schmutzigen Kleidern. Und er ging mit schweren Tritten. Man spürte es, daß er nach einer Selektion kam. Und dann kam er in sein Zimmer und hat sich wie ein Sack in seinen Sessel gesetzt. Er hat sogar die Tür nicht zugemacht, so daß wir alle ihn beobachten konnten.

 

Vorsitzender Richter:

Und daraus haben Sie geschlossen, daß er bei einer Selektion tätig war?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist an und für sich ungewöhnlich, daß er ein Gewehr trug. Denn die Leute, die bei der Selektion

 

Zeugin Raya Kagan:

Eben.

 

Vorsitzender Richter:

Mitgewirkt haben, die hatten kein Gewehr getragen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, aber er hatte ein Gewehr. Ich erinnere mich genau.

 

Vorsitzender Richter:

Vielleicht kam er von einer anderen wenig schönen Tätigkeit, daß er nicht gerade von der Rampe kam, daß er vielleicht

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

In nehme an, daß in der Nacht nicht Erschießungen stattgefunden haben.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Das glauben Sie nicht.

 

Zeugin Raya Kagan:

Vielleicht – nein, es kommt mir so vor, daß es eher Selektion war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wären eher Selektionen gewesen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber, wie gesagt, gesehen haben Sie ihn dort nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Das konnte ich ja doch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht. Und Sie haben auch nicht etwa von Kameradinnen gehört, daß er dort auf der Rampe selektiert hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Meine Kameradinnen durften auch nicht auf die Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, daß die es vielleicht wieder von anderer Seite gehört hätten?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und welche Aufgabe er hatte und insbesondere, was er getan hat, ob er selbst Einteilungen vorgenommen hat, wer in das Gas geschickt werden sollte und wer nicht, all das wissen Sie wohl nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, aber ich könnte es mir vorstellen. Weil die SS[+ -Männer], die in der Politischen gearbeitet haben, waren die Vorgesetzten von der Wachmannschaft, und ich nehme an, daß sie tätig bei der Selektion teilnahmen, das heißt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also wir haben bisher immer gehört, daß Ärzte diese Selektion vorgenommen haben.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl, aber auch die SS dort dabei standen und geholfen [+ haben]. Auch ist mir bekannt, daß Schoberth sehr bereit war, bei Schlägen mitzuhelfen. Also wenn gefoltert wurde oder so, wurde er geholt, oder [+ er ist] alleine gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Bei den Vernehmungen in der Politischen Abteilung?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Bei den Vernehmungen, ja. Ich war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nicht dabei. Nun sagen Sie bitte, gegenüber oder in der Nähe Ihrer Baracke stand das sogenannte Alte Krematorium.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie da einmal erlebt, daß dort Menschen getötet worden sind? Und was haben Sie gesehen und erlebt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich habe nicht einmal gesehen, wie Transporte gekommen sind. Ich saß nämlich in der Baracke [an einem] Ort, von wo aus ich den kleinen Garten sehen konnte, zwischen der Baracke und dem Kommandantenhaus. Dort waren Transporte, die zu Fuß gekommen sind vom Schlagbaum – neben dem Kommandantenhaus war ein Schlagbaum – oder mit Lastkraftwagen. Und die wurden dort für einige Minuten [stehengelassen], so daß wir die Transporte genau sehen konnten. Und die Transporte wurden 42, wo das Kleine Krematorium noch tätig war, zum Krematorium geführt. Unsere SS-Männer haben [sie begleitet], und dort haben sich furchtbare Szenen abgespielt.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns noch Namen nennen von SS-Männern, die dabei beteiligt waren?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also vom Standesamt Quakernack, Kristan und andere, die dabei waren, die Dienst hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Auch Schoberth?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme an, auch Schoberth. Ich habe ihn nicht gesehen, aber ich nehme es an.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben ihn nicht gesehen, Sie nehmen es an.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Leute wurden dann von dem Schlagbaum ins Krematorium geführt, sagten Sie?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl. Oder später nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Oder später nach Birkenau. Der Schlagbaum war doch vermutlich aufgestellt zwischen der äußeren und der inneren Postenkette, oder wie war das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war dort, wo das Haus vom Kommandanten steht. Dort war der Schlagbaum.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo ging denn der Weg hinter dem Schlagbaum weiter? Ging der ins Lager?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, ins Freie.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun kamen doch die Leute vom Freien, nicht. Die kamen doch von außerhalb mit Lastwagen oder zu Fuß und sind dann durch den Schlagbaum durchgegangen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen sie denn dann hin?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also sie kamen ins Lager hinein.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Lager hinein.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das meine ich, nicht. Nun war das Krematorium aber doch außerhalb des Lagers.

 

Zeugin Raya Kagan:

Mit Lager meine ich den Lagerbereich, nicht das Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und so konnte ich ja verschiedene Transporte [+ beobachten]. Ich habe auch Zigeuner gesehen, einen ganzen Transport von Zigeunern, die nach dem Krematorium geführt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Alten Krematorium?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nach dem Alten Krematorium, ja. Ich war auf dem Weg von der Kommandantur, wo wir gearbeitet haben in der kleinen Baracke. Und so habe ich einen Transport von Zigeunern beobachtet mit Kindern und Frauen, Männern, alles.

 

Vorsitzender Richter:

Und die wurden nach dem Kleinen Krematorium geführt?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und verschwanden dort hinter dem Tor und der Mauer?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Und verschwanden dort, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was nun mit den Leuten geschehen ist, das konnten Sie wohl nicht beobachten?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, aber den Rauch und die Flamme, die habe ich alleine gesehen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von den Verbrennungen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber wie sie getötet worden sind, das wissen Sie nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also ob Sie erschossen worden sind, ob sie vergast worden sind, oder?

 

Zeugin Raya Kagan:

Solange das Krematorium tätig war, bis Jänner 43, wurden sie vergast.4 Wenn es kleine Transporte waren und wenn es schade um das Gas war, wurden sie erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, wer sich daran beteiligt hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, ich habe die Namen genannt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben sie gesagt. Quakernack oder Kristan

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, und auch von der Politischen Abteilung, auch Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie Boger gesehen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich habe einmal Boger mit einem Kindertransport gesehen. Mir war es so schwer, daß ich in der Aussage steckengeblieben bin. Aber ich möchte es jetzt vielleicht erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja bitte schön.

 

Zeugin Raya Kagan:

Also es ist ein Kindertransport gekommen. Und die Kinder wurden ausgeladen, auch dort.

 

Vorsitzender Richter:

Am Schlagbaum?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, das war ein bißchen näher zu uns, direkt vor meinen Fenstern. Und dann kam Boger gelaufen mit diesen Beinen. Und er hat zu schreien angefangen, und die wurden wieder geladen und weggeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Wieder auf die Lastwagen draufgeladen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Und dann habe ich verschiedene... Es wurden Ghettoräumungen vorgenommen, und die Leute von der Umgebung kamen zu Fuß. Es waren schauderhafte Szenen, die ich gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und sagen Sie bitte, wo fuhren die Lastwagen hin, auf die die Kinder wieder geladen wurden?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme an, sie fuhren ins Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte, in das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ins Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war doch unmittelbar neben Ihrer Baracke. Das konnten Sie

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, aber das war 43. Da war das Krematorium schon stillgelegt.

 

Vorsitzender Richter:

Und da meinen Sie, in das große Krematorium in Birkenau?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Aber jedenfalls an diesem Ort, wo Sie sich befunden haben und wo Sie sehen konnten, da wurden die Kinder nicht umgebracht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme an, daß nicht, weil wenn sie im Kleinen Krematorium umgebracht werden sollten, wozu sie auf den Wagen zurück

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wagen laden, ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Man könnte sie doch zu Fuß führen. Das waren, weiß ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ein paar Meter.

 

Zeugin Raya Kagan:

100 Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie, haben Sie gesehen, daß bei diesem Auf- und Abladen ein Kind getötet worden ist?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Vielleicht war es dort, wo mein Fenster mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Endete.

 

Zeugin Raya Kagan:

Mein Fenster mir nicht die Sicht gelassen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Die Sicht freigelassen hat, ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] Wasserstrom.

 

Vorsitzender Richter:

Kannten Sie die Zeugin Wasserstrom?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, sie war die Dolmetscherin.

 

Vorsitzender Richter:

Arbeitete die auch in Ihrer Baracke?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Ich war Ihre Gehilfin. Das heißt, weil wir dieselben Sprachen beherrschen, also wenn sie zuviel Arbeit hatte, wurde ich geholt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat Ihnen die Zeugin Wasserstrom einmal einen besonderen Vorfall erzählt, den sie mit angesehen hätte, wegen eines Kindes?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, von Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was war denn das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ah, das war etwas Schreckliches.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie das bitte.

 

Zeugin Raya Kagan:

Also sie hat den Boger gesehen, wie er das Kind lebend an der Wand zerschlagen hat, und das Kind hat einen Apfel gehabt. Und er hat diesen Apfel genommen. Und dann später hat sie gesehen, wie er den Apfel gegessen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Wann hat Ihnen das die Zeugin Wasserstrom erzählt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Später. Als wir uns getroffen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr das Jahr.

 

Zeugin Raya Kagan:

Das könnte nach dem Krieg gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Krieg?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, wir haben uns in Paris getroffen.

 

Vorsitzender Richter:

Kann es gewesen sein 46 bis 48?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl. Ich war 47 in Paris.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren 47 in Paris?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und damals hat Ihnen die Frau Wasserstrom das erzählt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Sie sagte mir auch, daß sie verschiedene Störungen hatte. Weil sie wollte doch ein Kind bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Frau Zeugin, dieser Vorfall ist natürlich, wie Sie sich vorstellen können, außerordentlich gravierend. Und wir möchten nichts unversucht lassen, hier die Wahrheit wirklich zu erforschen. Die Zeugin Wasserstrom hat uns diesen Vorfall hier erzählt. Sie hat aber bisher über diesen Vorfall nichts erzählt. Sie hat in keinem ihrer Bücher, sie hat in keiner sonstigen Aufzeichnung etwas davon gesagt. Sie hat insbesondere auch diesen Vorfall nicht erzählt, als sie in Paris von der deutschen Botschaft dort vernommen worden ist. Und deshalb kommt es uns sehr darauf an, ob Ihnen diese Zeugin Wasserstrom diesen Vorfall tatsächlich, im Jahre 1947 etwa, also zwischen 46 und 48, erzählt hat.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist ganz bestimmt wahr?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, Frau Zeugin, haben Sie den Angeklagten Broad gekannt, sagten Sie vorhin.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von ihm?

 

Zeugin Raya Kagan:

Broad gehörte zur Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

[Pause] Das ist ein Wesen, das uns sonderbar vorgekommen. Ein intelligenter, junger Mann, der musikliebend war. Ich habe alleine an einem Samstagnachmittag ein Bach-Konzert gehört von ihm, Akkordeon spielen. Das heißt, er hat mich nicht gerufen. Ich war hinter der Tür.

 

Vorsitzender Richter:

Worauf hat er es gespielt, auf dem Akkordeon?

 

Zeugin Raya Kagan:

Akkordeon, ja. Und er selber war grausam, hat geschlagen. Ich weiß von meiner Kollegin Regina Lebensfeld, die seine Schreiberin war, verschiedenes.

 

Richter Perseke:

Wie hieß die?

 

Zeugin Raya Kagan:

Regina Lebensfeld. Sie heißt jetzt Steinberg.

 

Vorsitzender Richter:

Steinberg.

 

Zeugin Raya Kagan:

Wohnt auch in Israel.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie hatten bei Ihrer Vernehmung in Frankfurt am 8. Dezember 1959 gesagt: »Gelegentlich arbeitete ich auch als Dolmetscherin für den SS-Rottenführer Broad. Er war nach meiner Auffassung einer der intelligentesten Angehörigen der Politischen Abteilung. Broad war raffiniert und schlau und führte sehr geschickte Vernehmungen. In meiner Gegenwart hat er keine Häftlinge bei den Vernehmungen mißhandelt.«

 

Zeugin Raya Kagan:

Mißhandelt, das heißt: gefoltert.

 

Vorsitzender Richter:

»Er hat nur gelegentlich Ohrfeigen oder auch Fußtritte gegeben.«

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Das ja.

 

Vorsitzender Richter:

»Vernehmungen durch Broad waren für die Häftlinge sehr gefährlich, weil er gewissermaßen auf die sanfte Tour zum gleichen Ergebnis kam, das heißt, er brachte die Vernommenen meistens zu einem Geständnis.«5

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist also doch nun gewissermaßen eine Diskrepanz, nicht, wenn Sie auf der einen Seite sagen, er ging auf die sanfte Tour [+ vor], das heißt, er hat es

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Nein, das war alles sehr schlau.

 

Vorsitzender Richter:

Schlau?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, sehr schlau. Aber auf der anderen Seite waren bei uns Schläge und Ohrfeigen, Fußtritte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

An der Tagesordnung.

 

Zeugin Raya Kagan:

Weniger als Folter. Verstehen Sie mich?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Gerade deshalb

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Deswegen sage ich, daß derselbe, der musizieren konnte, der intelligent war, der hat sich nicht gescheut, den Häftlingen gegenüber brutal zu sein.

 

Vorsitzender Richter:

Indem er ihnen Ohrfeigen und Fußtritte gab?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber gefoltert hat er sie nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nicht in meiner Gegenwart.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht in Ihrer Gegenwart.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie davon etwas gehört?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, das könnte ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Könnten Sie nicht sagen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Ich will nur zugeben, daß er mich angehalten hat, daß ich ihm russischen Unterricht gebe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Nun, warum schließlich nicht.

 

Zeugin Raya Kagan:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Warum nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, warum nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich habe ihm, glaube ich, zwei Stunden gegeben. Aber es war überhaupt nicht möglich, da ich doch andere Arbeit habe. Und dann war es mir sonderbar, daß ein SSler Russisch lernen will.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Frau Zeugin, das war der Angeklagte Broad.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich wollte noch vielleicht diese Sache von der Regina Lebensfeld erwähnen. Es war in Birkenau, als sie nach Birkenau gingen. Und sie hat mir von einem Fall, von einem halbwüchsigen, jüdischen Knaben erzählt, der wurde von einem Posten vor Broad vorgeführt. Er sollte vergast werden. Und das Kind, ein Halbwüchsiger, er wußte davon. Und er hat den Broad angefleht, ihm die Hände gezeigt und gesagt: »Lassen Sie mich am Leben, ich kann doch arbeiten!« Und der Broad hat gesagt: »Weg mit dem!«

 

Vorsitzender Richter:

Wer hatte denn diese Vergasung angeordnet, wissen Sie das?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war sicher eine Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Selektion.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, waren Sie auch bei Vernehmungen zugegen? Sie sagten eben, bei Broad wären Sie zugegen gewesen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie auch bei Boger bei Vernehmungen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Gott sei Dank.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie überhaupt bei Vernehmungen außer bei Broad?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei wem denn noch?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich war bei Vernehmungen bei Federsel – das war ein SS-Mann, der 44 bei uns Fluchtversuche bearbeitete – sehr häufig. Und dann habe ich mit bei der Gestapo gedolmetscht.

 

Vorsitzender Richter:

Das waren Leute, die nicht im Lager waren, sondern die von außerhalb kamen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Sehr richtig, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo kamen die her?

 

Zeugin Raya Kagan:

Sie kamen von der Gestapo Kattowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Kattowitz.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, dort war ein gewisser Doktor Mildner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und davon möchte ich sprechen, wenn es mir erlaubt ist. Vom Standgericht zum Beispiel.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeugin Raya Kagan:

Weil dieselbe Gestapostelle hat bei uns, in unserer Baracke, Standgerichte gemacht. Und wir waren dabei, das heißt, das war Zimmer an Zimmer. Und wir wußten, daß es ein Standgericht sein wird, weil man ein grünes Tuch gebracht hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf den Tisch gelegt hat.

 

Zeugin Raya Kagan:

Auf den Tisch gelegt hat, ja. Und dann wurden die Leute [einzeln] hineingerufen. Das war Herbst und Winter 42. Es standen lange Reihen, ganze Dörfer, bei unseren Fenstern. Wir konnten nicht atmen, wir konnten nicht essen, wir konnten nichts. Wir durften uns nicht bewegen, so haben uns die SS-Leute gesagt. Es war schauderhaft. Und dann sind die Leute hineingekommen, und ich hörte ein paar Fragen, Personalien, die Leute sind heraus. Dann später haben wir Todesbescheinigungen bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Bei diesem Standgericht waren nur diese Leute beteiligt, die von Kattowitz kamen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme an, daß auch unsere SS-Leute [zugegen] waren. Ich weiß, daß der Kristan sehr damit beschäftigt war.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sonstige Vernehmungen noch mitgemacht außer denen, die Broad geführt hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeugin Raya Kagan:

Bei der Gestapo.

 

Vorsitzender Richter:

Das sagten Sie. Von denen, die aus Kattowitz kamen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Bei Broch.

 

Vorsitzender Richter:

Broch.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und sonst noch?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was können Sie uns von Boger sagen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also das war der Schrecken von Auschwitz. [Pause] Wir haben uns gewundert, wie kann so ein Wesen überhaupt Wesen genannt werden. Ich war bei den Vernehmungen nicht [zugegen]. Aber ich wußte genau, was vorgekommen ist, da ein Teil von unseren Frauen in der kleinen Baracke gearbeitet hat, wo die Vernehmungen stattgefunden haben.

Und einmal bin ich in die kleine Baracke gekommen, es war Anfang März 43. Ein kalter Wind [+ wehte]. Neben der Baracke waren Nußbäume. Die Nußbäume wollte der Höß dort haben, damit er nicht die Baracke sieht. Sie war unästhetisch. Sie mit den armen Häftlingen. Längs der Baracke standen Häftlinge, und ich habe gleich bemerkt, das sind Häftlinge aus dem Bunker. Sie waren in Holzpantinen, fast nackt. Sie waren blau vor Kälte. Und als ich mich der Baracke näherte, hörte ich schreckliches Geschrei: »Oh Jesu, oh Jesu, Gnade, Gnade!« Und als ich hineingekommen bin, hat sich die Tür plötzlich geöffnet, und ein Körper ist mir fast vor die Füße gefallen. In diesem Moment habe ich das Zimmer und die »Schaukel« gesehen. Die Frauen von meiner Abteilung, die mich gehen sehen, haben die Tür schnell geöffnet und mich hineingezogen, weil sie so schreckliche

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Angst hatten.

 

Zeugin Raya Kagan:

Angst hatten, daß er mich an Ort und Stelle erschießt. Unbeschreiblich.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben in das Zimmer gesehen und haben dort die sogenannte Schaukel gesehen. Und der Mensch, der da aus dem Zimmer geworfen wurde, war der tot?

 

Zeugin Raya Kagan:

Oh, er war in so einem Zustand, daß er nicht leben konnte. Sogar wenn er im Moment nicht tot war.

 

Vorsitzender Richter:

War er blutüberströmt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war ein Fetzen. Ein Fetzen. Das war ein Sack, kein Mensch.

 

Vorsitzender Richter:

Und sahen Sie in diesem Zimmer Boger stehen bei dieser »Schaukel«, oder wieso bringen Sie diesen Vorfall mit Boger in Beziehung?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Ihn persönlich habe ich im Moment nicht gesehen, die Tür ließ mir die Möglichkeit, die »Schaukel« zu sehen und diesen Körper. Alles konnte ich nicht sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja, und wie bringen Sie nun diesen Vorfall zusammen mit der Person Bogers?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, das war bekannt, daß das Bogers Zimmer ist.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Bogers Zimmer?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, diese »Schaukel« hätte in einem Raum für sich gestanden?

 

Zeugin Raya Kagan:

Es war verschieden. Es war in einem Raum, es war daneben auch eine gewisse Zeit in der kleinen Baracke. Neben den Zimmern vom Standesamt.

 

Vorsitzender Richter:

War dieser Raum mit der »Schaukel«?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war Bogers Zimmer?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war Boger, das heißt, Boger hatte ein Zimmer in der Kommandantur. Aber dort war auch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ach so.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Also er hatte sein Zimmer in der Kommandantur.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in der Baracke stand die »Schaukel«.

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Die »Schaukel«.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum bringen Sie nun diesen Raum mit dem Boger unbedingt in Verbindung? Haben denn die

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Na ja, weil dort die Folter

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorgenommen wurde.

 

Zeugin Raya Kagan:

Vorgenommen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Und war denn das Boger allein, der das tat? Oder haben sich die anderen

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Es waren einige, die ihm geholfen haben.

 

Vorsitzender Richter:

Die ihm geholfen haben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich meine, waren auch andere Angehörige der Politischen Abteilung, die ja auch Vernehmungen zu machen hatten, wie zum Beispiel Broad oder Grabner und so weiter, Lachmann, die sich auch dieser Folter bedienten?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das kann ich annehmen, ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber bei Boger wissen Sie es bestimmt?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Bei Boger weiß ich es mit ganzer Bestimmtheit.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum wissen Sie es bei Boger mit Bestimmtheit?

 

Zeugin Raya Kagan:

Weil meine Kolleginnen, die in der Schreibstube von der Politischen gearbeitet haben – das war ein Zimmer mit einer gemeinsamen Wand –, sie haben zwei kleine Löcher in der Wand gehabt, und sie haben ihn gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ihn gesehen, wie er die Leute gefoltert hat auf dieser »Schaukel«?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja, ja. Und dieses Geschrei, das konnte einen doch verrückt machen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gesehen, daß dieser Mann nachher weggetragen worden ist?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Da sah ich mehr nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sonst gesehen, daß Leute weggetragen worden sind?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, ich arbeitete nicht in dieser Baracke. Ich war in der Kommandantur.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben einmal gesagt, »bei seinen Vernehmungen hat er Häftlinge derart mißhandelt, daß sie blutüberströmt weggetragen werden mußten, weil sie ohnmächtig waren oder nicht mehr allein gehen konnten«.6

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sich das erzählen lassen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Aber diesen Fall

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben das selbst nicht beobachtet?

 

Zeugin Raya Kagan:

Diesen Fall habe ich alleine mit meinen eigenen Augen gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber diese Schreie dieser mißhandelten Opfer, die haben Sie selbst gehört?

 

Zeugin Raya Kagan:

Gehört. Alleine, selbst gehört. Das war ein Pole.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war dieser eine Fall, den Sie uns

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Dieser eine Fall. Und noch und noch.

 

Vorsitzender Richter:

Und noch und noch.

 

Zeugin Raya Kagan:

Weil es war doch dort immer.

 

Vorsitzender Richter:

War doch immer.

 

Zeugin Raya Kagan:

Die ganze Baracke war voll. Ich wollte noch [hinzufügen], daß die Schreiberin von Boger, die Frau Maryla Rosenthal, eine lange Zeit meine Schlafnachbarin war. Die hatte so eine wilde Angst vor Boger, daß sie mich fast jede Nacht gefragt hat: »Spreche ich aus dem Schlaf?«

 

Vorsitzender Richter:

Aus lauter Angst, sie könnte im Schlaf etwas verraten?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, erzählen Sie uns bitte von Ihrer Freundin Lilli Tofler.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Also das war unsere erste Kapo in der Politischen Abteilung, eine junge Slowakin. Die wurde einige Zeit später durch eine andere Slowakin als Kapo [ersetzt]. Und weil sie Angst hatte, daß sie es hier in der Politischen sehr schlecht haben wird, hat sie sich bemüht, in ein anderes Kommando zu kommen. Und es ist ihr gelungen, und sie wurde nach Rajsko verschickt.

Herbst 43 kam plötzlich eine Kollegin von uns – von der Politischen Abteilung, von der Kommandantur – und hat uns mit Angst erzählt, daß etwas Schreckliches vorgekommen ist. Im Gang in der Kommandantur wurde ein Brief vorgefunden, und der Brief war an einen Polen. Und jetzt sucht man, wer den Brief geschrieben hat. Also Wosnitza hat uns Papier gegeben und unsere...

 

Vorsitzender Richter:

Handschrift.

 

Zeugin Raya Kagan:

Handschrift

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Geprüft.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und es waren auch solche Naiven [unter] uns, die dachten, daß er sich eine Schreiberin aussuchen will. In Wahrheit wollte er wissen, ob es jemand von unserem Kommando war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Dann später hat sich herausgestellt, daß es Lilli Tofler war. Diesen Brief habe ich alleine gelesen, weil ich doch als erste die Akten bekommen habe. Und in diesen Akten war der Brief vorhanden. Und der Brief war ganz...

 

Vorsitzender Richter:

Was stand denn in dem Brief?

 

Zeugin Raya Kagan:

Also sie schrieb an einen Polen: »Lieber Janek, ich bin beunruhigt, weil ich dich nicht an der gewöhnlichen Stelle gesehen habe, ob dir nichts zugestoßen ist. Im Lager gehen verschiedene Gerüchte herum.« Und dann dieser Satz: »Nachdem ich so viel hier erlebt habe, wie könnte ich noch weiter in der Freiheit leben.« So was, »erlebt und gesehen«. Also das war für den Kommandanten zuviel, und er wollte ein Exempel statuieren.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kommandant?

 

Zeugin Raya Kagan:

So hat man uns gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Aber die Sache hat der Boger bearbeitet und nicht der Kommandant. Und es lag in der Macht von Boger, alles, was ihm [beliebte], zu tun in dieser Hinsicht. Er konnte die Sache auch klein machen, weil sie eben klein war. Aber sie wurde erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das haben Sie gehört?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das habe ich gehört, ja. Das habe ich gehört. Daswurde sehr kategorisch im Lager erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie da gehört von dieser Erschießung von der Lilli [+ Tofler]?

 

Zeugin Raya Kagan:

Von der Erschießung. Daß sie in dem Bunker, wo sie gesessen hat, erschossen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war im Block 11?

 

Zeugin Raya Kagan:

In Block 11, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch Einzelheiten über diese Erschießung gehört?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gehört. Wissen Sie, wer diese Erschießung angeordnet hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wer die Erschießung angeordnet hat, wer das befohlen hat, daß sie erschossen wurde.

 

Zeugin Raya Kagan:

Diese Erschießung war sehr sonderbar, weil sie doch [innerhalb] des Blocks 11 vorgenommen wurde. Also wenn Erschießungen vorkamen, waren die an der Schwarzen Wand.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Warum wurde sie im Block 11 erschossen?

 

Vorsitzender Richter:

Also man erzählte Ihnen, sie sei nicht an der Schwarzen Wand, sondern im Block selbst erschossen worden?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer Ihnen das damals erzählt hat, wissen Sie nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, ich erinnere mich nicht. [...] Daß es Boger gemacht hat, habe ich Ihnen gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Das wurde Ihnen erzählt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, ja. Ja. Daß er selber sie erschossen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Aber haben Sie aus den Akten, die Sie ja nachher zugeleitet bekamen, irgend etwas feststellen können, was darauf hindeutet, daß Boger sie erschossen hat?7

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, das steht doch nicht [+ darin].

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Ich meine, es könnte ja vielleicht drinstehen: »Wurde heute laut Befehl vom soundsovielten erschossen«oder so irgend etwas.

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Das stand nicht [+ darin].

 

Vorsitzender Richter:

Was stand denn als Todesursache darin?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das stand nicht [+ darin].

 

Vorsitzender Richter:

Gar nichts?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde dann hineingeschrieben?

 

Zeugin Raya Kagan:

»Herzschlag«.

 

Vorsitzender Richter:

»Herzschlag«. [Pause] Nun, wissen Sie noch etwas über das Kommando der Kartoffelschäler?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie davon?

 

Zeugin Raya Kagan:

Im Herbst 43 hatte mir Maryla, dieselbe Maryla Rosenthal, erzählt auf mein Drängen [+ hin] – weil ich wußte, daß etwas vor sich geht. Ich habe gesehen, daß Leute vernommen wurden und so weiter. Und da habe ich sie gebeten, mir das zu erzählen. Und ausnahmsweise hat sie mir das erzählt. Und sie hat gesagt, daß es schauderhaft vor sich geht. Es ist die polnische Aristokratie, die in diesem Kommando untergebracht war, verschiedene andere polnische Persönli chkeiten, der Adjutant des Marschalls Piłsudski, der ohne Hand war. Es waren verschiedene Persönlichkeiten vom polnischen Flugwesen und so weiter. Graf Maurycy Potocki, alles sehr bekannte Namen. Und die wurden sogar nicht provoziert. Man hat sie beschuldi gt, daß sie einen Aufstand beabsichtigen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und deswegen wurden sie vernommen, und dann später habe ich die Todesbescheinigungen bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie bitte, Sie haben auch den Vorfall mit der Mala Zimetbaum erlebt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns das auch noch kurz schildern?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das war Spätsommer 44.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Jahr?

 

Zeugin Raya Kagan:

44. August 44. [...] Also Mala Zimetbaum habe ich seit 42 gekannt. Das war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, diese junge Frau. Weil sie einen guten Posten hatte, und im [Gegensatz] zu den anderen, die diese Macht ausübten, war sie gut, mitleidig, hat immer allen geholfen und [wurde] so wie ein Engel angeschaut. [Ihr war sehr bewußt], was die Lage der Juden im Lager bedeutet. Und bei uns wurde [+ darüber] gesprochen, daß ihre Flucht mit einem Polen, der Edek hieß, keine normale Flucht war.8 Sie war eine Läuferin bei der Aufseherin Drechsler, die die Selektionen vorgenommen hat. Ich erzähle jetzt mit einem Vorbehalt

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Daß das vielleicht eine Legende ist. Auf jeden Fall wurde es gesagt, daß es der Mala gelungen ist, die Listen herauszuholen und sie mitzunehmen, damit sie der Welt über die Lage im Auschwitzer Lager erzählen kann.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Kunde geben könnte, ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Also nachdem sie geflitzt ist – und ich saß doch neben dem Zimmer, wo die Ferngespräche geführt wurden –, habe ich genau gehört, wie man an alle Kripo- und Stapoleitstellen an alle Grenzen Meldungen gegeben hat, daß man sie...

 

Vorsitzender Richter:

Festnehmen solle.

 

Zeugin Raya Kagan:

Festnimmt. Und tatsächlich, nach zwei Wochen – wir haben diese zwei Wochen in so einem Schrecken gelebt –, nach diesen zwei Wochen wurde uns bekannt, daß leider die beiden festgenommen wurden. Sie kamen ins Lager zurück. Der Edek wurde von Boger gefoltert und in Birkenau aufgehängt.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Mala Zimetbaum?

 

Zeugin Raya Kagan:

Und die Mala selber kam auch zu uns, in die kleine Baracke. Und dann habe ich mit ihr sprechen können. Und sie war stolz und ruhig. Und wie man sie gefragt hat: »Wie geht es dir, Mala?« hat sie gesagt: »Mir geht es immer wohl«, obgleich sie wußte, was ihr Ende sein wird.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie auch, wie sie zu Tode gekommen ist?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nun, ich war doch nicht dabei. Das war in Birkenau. Es war Generalappell.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Man wollte ein Spektakel [daraus] machen. Also sie wurde vorgeführt. Und sie hat die Möglichkeit gehabt, eine Rasierklinge in den Ärmel hineinzustecken. Und sie hat sich die Pulsadern geöffnet. Jetzt – das ist vielleicht wieder nur Legende – ist ein SS-Mann Ritter9 an sie [herangekommen] und wollte die Klinge herausnehmen. Dann hat sie mit der verbluteten Hand ihm ins Gesicht geschlagen und gesagt: »Ich werde als Heldin sterben, du verreckst wie ein Hund.« Dann später wurde sie fast totgeschlagen. Und sie lag in einem Vorraum, in einem Waschraum von einem Block, bis zur Dämmerung und wurde später auf einem Karren, noch lebend, ins Krematorium gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie wissen nicht mehr, wer das gewesen ist, der sie damals so mißhandelt hat?

 

Zeugin Raya Kagan:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Wer sie damals mißhandelt hat, wissen Sie noch, wer das war?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Kto ja był?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Stiwitz?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich glaube, Stiwitz war schon nicht dabei. Ritter war der...

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben den Vorfall nicht selbst erlebt, sondern nur erzählt bekommen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Frau Zeugin, Sie haben einmal bei Ihrer richterlichen Vernehmung gesagt: »Nur bei mir sind die Personalakten geschäftlich durchgelaufen, außerdem natürlich beim Kapo. Ich habe aus diesen Akten dann im Einzelnen feststellen können, ob und von wem der verstorbene Häftling jeweils vor seinem Tode vernommen worden ist.«10

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das stimmt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie da viele Todesfälle, die vorher von Boger vernommen worden sind?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, genug.

 

Vorsitzender Richter:

Genug?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, genug.

 

Vorsitzender Richter:

Soll ich mir da vorstellen, daß es vielleicht zehn waren oder 100, oder?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, das ist mir schwer zu sagen. Sagen wir, einige zehn Fälle, so.

 

Vorsitzender Richter:

Einige zehn Fälle.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und das waren Fälle, wo aus den Akten klar hervorging, daß Boger die Leute vernommen hatte

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo Sie später die Todesbescheinigungen bekamen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Eben.

 

Vorsitzender Richter:

Und was stand als Todesursache da jeweils dabei?

 

Zeugin Raya Kagan:

Todesschlag, wenn es eine Exekution war.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte? Herzschlag?

 

Zeugin Raya Kagan:

Pardon, Herzschlag.

 

Vorsitzender Richter:

Herzschlag. [Pause] Tja, ich habe keine Frage mehr an die Zeugin. Ich würde vorschlagen, daß wir die Fragen vielleicht jetzt noch stellen und dann den Termin für heute beenden. Oder soll ich erst eine Mittagspause einlegen?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Fragen stellen, jetzt gerade.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind von seiten des Gerichts noch Fragen zu stellen? Moment, der Herr Sachverständige11, haben Sie noch Fragen? Nein. Herr Staatsanwalt Wiese?

 

Staatsanwalt Wiese:

Frau Zeugin, Sie erzählten vorhin von den Standgerichten, die im Lager stattfanden unter Vorsitz von Doktor Mildner. Wissen Sie, was mit diesen Leuten geworden ist? Sie sagten, ganze Dörfer seien dort angerückt zur Verurteilung.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, selbstverständlich.

 

Staatsanwalt Wiese:

Bitte berichten Sie.

 

Zeugin Raya Kagan:

Sie wurden liquidiert.

 

Staatsanwalt Wiese:

Wo?

 

Zeugin Raya Kagan:

Dann, wenn es größere Transporte waren, könnte es im Kleinen Krematorium gewesen sein, oder aber bei der Schwarzen Wand.

 

Staatsanwalt Wiese:

Wissen Sie, ob Angehörige der Politischen Abteilung bei diesen Erschießungen zugegen waren? Oder war es ein besonderes Exekutionskommando?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Es war kein besonderes Exekutionskommando. Wir wußten genau, daß zum Beispiel Palitzsch diese Erschießungen an der Schwarzen Wand vorgenommen hat. Und auch unsere SS-Männer. Und dann in den Krematorien

 

– Schnitt –

 

Zeugin Raya Kagan:

SS-Leute an der Rampe sein müßten.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja, von der Politischen Abteilung.

 

Zeugin Raya Kagan:

Verschiedene Häftlinge, die polnischen Häftlinge zum Beispiel.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Da darf ich Ihnen Blatt 3.150 vorhalten. Sie haben bei Ihrer Vernehmung durch meinen Kollegen Vogel gesagt, Sie hätten auch aus Gesprächen der SS-Angehörigen untereinander12 diesen Schluß gezogen. Ist das richtig?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, das auch.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Frau Zeugin, es ist gerade eben davon gesprochen worden, von den Gesprächen der Angehörigen der Politischen Abteilung untereinander. Können Sie in Verbindung mit Ihrem unmittelbaren Vorgesetzten Kristan da irgend etwas Näheres erzählen, wenn die Leute von dem Rampendienst zurückkamen, was sich da ereignet hat und worüber gesprochen wurde?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich habe...

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy z rozmowy, pani mowiła, że pani dowiadywała się z rozmowy między sobą prowadzili SS-Manni. Czy może odnośnie, czy w związku z jakąś rozmową z pani przełożonym Kristanem, może pani się jakiś szczegółów dowiedziała odnośnie tego, co się działo

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Nie, od Kristana nie.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Nein.

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Vielleicht kann ich das noch einmal verdeutlichen. Sie haben früher erzählt, wenn der Kristan zurückkam von Exekutionen oder aber vom Rampendienst, in welcher Stimmung er sich befand.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das hatten Sie vielleicht verwechselt, Herr Rechtsanwalt Ormond. Die Zeugin hat etwas von Schoberth erzählt. Von Schoberth hat Sie erzählt.

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Aber auch von Kristan.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Heute nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich meine

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ich kann auch von Kristan sehr viel erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Kristan ist ja hier nicht angeklagt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nein, aber um die allgemeine Stimmung dort wiederzugeben.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine, es würde uns interessieren, wenn sie uns vielleicht sagen könnte, ob bei diesen Besprechungen nach solchem Rampendienst gesprochen worden wäre darüber, wer dort war und was dort gemacht worden ist.

 

Zeugin Raya Kagan:

Das könnte ich nicht genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das können Sie nicht.

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Aber ich weiß genau, weil ich es alleine erlebt habe, wie Kristan die weißen Handschuhe angezogen hat, um piff, paff zu machen, so hieß es bei uns. Und es war fast täglich, in gewissen Abschnitten war es fast täglich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daß er weggegangen ist, um Leute zu erschießen?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Daß er weggegangen ist in das Kleine Krematorium oder zum Schießen, und dann ist er vergnügt zurückgekommen und hat ein Buch von Poesien gelesen. Ich weiß es, weil ich Eintritt in sein Zimmer hatte. Ich mußte seine Pflanzen...

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Begießen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Begießen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und deswegen weiß ich es genau.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Herr Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Sie haben früher einmal gesagt, daß er wenn er von solchen Exekutionen zurückkam, freudig erregt und im Wohlgefühl zurückgekommen sei.

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, sehr wohl. Sehr wohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Er hatte mit Ihnen zu arbeiten, weil er Ihr Vorgesetzter beim Standesamt gewesen war.

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist es richtig, daß seine Abneigung gegen die Jüdinnen, die dort gearbeitet haben, so groß war, daß er...

 

Zeugin Raya Kagan:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Vielleicht erzählen Sie das dem Gericht ganz kurz.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja. Also

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, Herr Rechtsanwalt, an sich ist die Persönlichkeit des Herrn Kristan für uns nicht

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Nein, aber es zeigt doch die Atmosphäre, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Also ich meine, der Kristan scheint doch offensichtlich ein

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ich möchte aber im allgemeinen sagen, daß diese Beziehung zu uns – wir waren die Verpesteten, wir waren Frauen, wir waren Jüdinnen. Also man durfte nicht das Zimmer betreten und die Klinke anrühren. Mit dem Ellenbogen hat er das angerührt und so weiter. Die anderen waren vielleicht nicht so zimperlich wie der. Aber im allgemeinen war die Beziehung unter jeder Kritik, voller Verachtung. Obgleich, mich persönlich hat niemand von den SS geduzt. Aber alle anderen haben sie nicht nur geduzt, sondern auch geschlagen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also uns ist zum Beispiel erzählt worden von einer Zeugin, die mit Boger zusammengearbeitet hat, daß Boger ihr zum Beispiel mittags sein Mittagessen überlassen hätte, um ihr auf diese Art und Weise etwas zukommen zu lassen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja, jawohl, das ist die Maryla.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Sie ist noch jetzt unter dem Eindruck von der Angst, die er ihr einflößt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das mag ja schon sein, aber ich wollte nur damit sagen

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Na ja, er hat sie auch in der Nacht geholt, damit sie in der Nacht für ihn Dienst macht, Maryla. Ich erinnere mich genau, wie er mit seinem Rad gekommen ist, und er mußte sie in der Nacht hinausholen. Na, mußte er ihr auch etwas dazu geben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Und sie war eine gute Kraft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Raya Kagan:

Das ist natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, Frau Zeugin, Sie haben vorhin als Mitglied der Politischen Abteilung den Broch erwähnt.

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, mußte er ihr etwas dazugeben auch, und sie war eine gute Kraft, das ist natürlich.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Frau Zeugin, Sie haben vorhin als Mitglied der Politischen Abteilung den Broch erwähnt. Konnte man Broch mit Broad irgendwie verwechseln?

 

Zeugin Raya Kagan:

Überhaupt nicht. Der Broad, der war wie eine dünne Spinne, lang und hager, der Broch wie ein Bär. Ich weiß es genau, weil ich bei Broch was erlebt habe, was Schreckliches bei den Vernehmungen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Eine weitere Frage, Frau Zeugin: Sie haben uns vorhin erzählt, daß bei den Totenscheinen, auf denen oben gestanden hat: »Auf der Flucht erschossen«, dann von Ihnen reingeschrieben wurde als Todesursache: »Herzschlag.« Wer hat diese Anordnung gegeben?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme an, der Lagerarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Lagerarzt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Die Todesmeldungen kamen vom Lazarett.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Lazarett?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme es an, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist mir auch aufgefallen. In allen anderen Fällen hat man doch von dem Häftlingskrankenbau aus bereits eine falsche Todesursache eingefügt gehabt, wie Sie ja auch festgestellt haben, nicht?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum hat man gerade in diesen Fällen das nicht getan?

 

Zeugin Raya Kagan:

Vielleicht wollten sie eine Evidenz haben, weil sie doch [selbst] auch wußten, daß »Herzschlag« »Auf der Flucht erschossen« bedeutet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und?

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, vielleicht – das weiß ich nicht. Auf jeden Fall erinnere ich mich sehr genau, daß oben stand: »Auf der Flucht erschossen.«

 

Vorsitzender Richter:

Oder kamen diese Scheine vielleicht nicht aus dem Häftlingskrankenbau und waren deshalb nicht mit einer Todesursache ausgestellt?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein, das waren gewöhnliche Todesbescheinigungen.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen die auch vom Häftlingskrankenbau?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich nehme es an.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer hat Sie denn eingewiesen in diese Dinge? Der Kapo, der weibliche? Oder haben Sie Instruktionen von Quakernack oder von wem bekommen, wie solche Dinge auszufüllen sind?

 

Zeugin Raya Kagan:

Quakernack hat den Befehl gegeben, und der Kapo hat es weitergeleitet. Darf ich noch etwas über das Standesamt erzählen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeugin Raya Kagan:

Also, es sind 43 plötzlich zwei Briefe von zwei Standesämtern gekommen, von zwei entlegenen Ortschaften in Thüringen und in Oldenburg. In der einen war eine Anfrage: »Wie kommt es, daß eine kleine Stadt wie Auschwitz so viele Tote führt?« Die zweite war eine andere Anfrage, genau dasselbe: »Wie kommt es«, aber mit der Annahme, daß dieses Standesamt von Oldenburg schrieb: »Ich nehme an, daß ihr die laufenden Nummern von«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

1870 führt.

 

Zeugin Raya Kagan:

»1870 behaltet«, weil anders könnte man es nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorstellen

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ausdenken. Und der Beweis, daß nur zwei Leute stutzig wurden, scheint zu bezeugen, daß die anderen wußten, was Auschwitz bedeutet.

 

Vorsitzender Richter:

Das weiß ich nicht. Ja, bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, Sie haben uns vorhin erzählt, daß Broad zwar nicht gefoltert, aber geschlagen hat.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Können Sie in dieser Beziehung irgend etwas über Dylewski sagen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein. Ich war

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Die Frage ist beantwortet, ich widerspreche. Die Frage ist beantwortet, die Zeugin hat gesagt, sie kenne Dylewski nur vom Sehen. [...]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Sie sagte eben nein.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich habe nein gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Dem Namen nach, hat sie gesagt.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ja, dem Namen nach, jawohl.

 

Zeugin Raya Kagan:

Na, ich kenne ihn vom Sehen sehr gut. Aber ich habe nie mit ihm zusammengearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können auch nichts von ihm sagen?

 

Zeugin Raya Kagan:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dann meine letzte Frage: Sie hatten das vorhin angedeutet, wie der Herr Vorsitzende Sie über die Dounia Wasserstrom gefragt hat. Hat die hinterher irgendwelche Komplexe oder Störungen bekommen wegen dieses Vorfalls mit dem Kind? [...] Sie hatten doch da gerade angefangen, etwas zu sagen, leise zum Vorsitzenden hin: »Die hat ja dann wegen dieses Kindes«... Sie haben aber das

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja, nun, sie hatte verschiedene Störungen, weil sie selbst ein Kind haben wollte. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat sie Ihnen von diesem Vorfall berichtet? Hängt das mit diesem entsetzlichen Erlebnis zusammen?

 

Zeugin Raya Kagan [unterbricht]:

Ja. Na ja. Eben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Aha. Das war alles. Danke schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr...

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Keine Frage.

 

Verteidiger Laternser:

Keine Fragen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich habe eine einzige Frage: Steht die Zeugin mit Dounia Wasserstrom heute noch in Verbindung?

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich stehe mit allen meinen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Leidensgenossen in Verbindung.

 

Zeugin Raya Kagan:

Leidensgenossinnen in Verbindung. Aber mit der Dounia weniger als mit anderen, weil sie in Mexiko wohnt und ich in Israel.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke. Genügt mir.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst werden keine Fragen mehr gewünscht? Die Angeklagten? Boger?

 

Angeklagter Boger:

Nein, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Keine. Broad?

 

Angeklagter Broad:

Nein, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Dylewski? Schoberth? [Pause] Schoberth, wie war das? Sie hören, daß die Zeugin sagt, Sie seien offensichtlich auch bei der Rampe tätig gewesen.

 

Angeklagter Schoberth:

Ich habe das bereits schon geschildert, Herr Vorsitzender, wie die Sache zustande gekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen also darauf nicht mehr eingehen?

 

Angeklagter Schoberth:

Nein, vorläufig nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Werden sonst noch Anträge gestellt, insbesondere zur Beeidigung der Zeugin? Dann ist die Zeugin zu beeidigen.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ich

 

– Schnitt –

 

Zeugin Raya Kagan:

Als Resultat aus diesen zwei Briefen wurde vom Standesbeamten beschlossen, daß man eine geheime Numerierung führen muß. Und diese geheime Numerierung wurde eingeführt: daß alle 180 Personen als eine geführt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Warum gerade 180?

 

Zeugin Raya Kagan:

Das weiß ich nicht. [...] Ich weiß nur, daß diese Ziffer genannt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Um ähnliche Anfragen in Zukunft auszuschließen, vermutlich.

 

Zeugin Raya Kagan:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, können Sie das, was Sie uns

 

– Schnitt –

 

 

 

 

 

 

 

1. Sammel- und Internierungslager in der Pariser Vorstadt Drancy. Vgl. zum RSHA-Transport Czech, Kalendarium, S. 234.

2. Der Häftling Rudolf Friemel heiratete am 18.03.1944 Margarita Ferrer Rey. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 740 f.

3. Am 30.12.1944 wurde Friemel zusammen mit vier anderen Häftlingen wegen Fluchtversuchs gehängt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 953 f.

4. Das Kleine Krematorium war bis Juli 1943 in Betrieb. Vgl. Auschwitz 1940-1945, Bd. III, S. 157.

5. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 09.12.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 19, Bl. 3.152.

6. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 09.12.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 19, Bl. 3.155.

7. Lilli Tofler wurde am 21.09.1943 in Block 11 erschossen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 604 f.

8. Am 24.06.1944 floh Mala Zimetbaum zusammen mit Edek Galiński aus Auschwitz, am 06.07.1944 wurden sie gefaßt, ins Lager zurückgebracht, zum Tode verurteilt und gehängt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 805, sowie Lorenz Sichelschmidt: Mala. Ein Leben und eine Liebe in Auschwitz. Mit einem Geleitwort von Arno Lustiger. Bremen 1995.

9. In der Darstellung von Wiesław Kielar ist es SS- Unterscharführer Adolf Taube, der versucht, ihren Selbstmord gewaltsam zu verhindern. Vgl. Wiesław Kielar: Edek und Mala, in: Hefte von Auschwitz 5, 1962, S. 121-132.

10. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.12.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 19, Bl. 3.162R.

11. Sachverständiger Karl Luff, Professor für gerichtliche Medizin, Johann Wolfgang Goethe-Universität.

12. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 09.12.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 19, Bl. 3.150.

 

 
 
 
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