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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
"Strafsache gegen Mulka u.a.", 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

85. Verhandlungstag, 3.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Nathan Jakubowitz

 

Vorsitzender Richter:

Herr Jakubowitz, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nathan.

 

Vorsitzender Richter:

Nathan Jakubowitz. Wie sprechen Sie Ihren Namen aus?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Vorname oder Nachname?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, der Nachname.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jakubowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Jakubowitz. [...] Sie sind wie alt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

65, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

65 Jahre alt sind Sie, von Beruf Friseur.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Friseurmeister.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wohnen zur Zeit in?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Antwerpen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verwandt oder verschwägert mit den Angeklagten? Nein.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Gott sei Dank nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Jakubowitz, wir wollen ganz kurz Ihren Lebenslauf rekapitulieren bis zu dem Augenblick, als Sie nach Auschwitz gekommen sind.

Sie haben Ihre Jugendzeit in Widawa verlebt, haben dann das Friseurgewerbe erlernt und waren dort nach der Schulentlassung auch als Friseur tätig, bis Sie dann während des polnisch-russischen Krieges 1918/19 nach Deutschland, und zwar nach Berlin, geflüchtet sind.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In Berlin haben Sie wieder als Friseur gearbeitet, sind bei dem Kapp-Putsch nach Wuppertal-Elberfeld geflohen, haben dann dort zunächst als Friseurgehilfe gearbeitet und sich später selbständig gemacht. Im Jahre 1933 sind Sie wegen Ihrer rassischen Zugehörigkeit nach Belgien geflüchtet.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann damals in Wuppertal Ihren Besitz zurückgelassen, haben in Belgien wieder neu angefangen, haben sich dort auch wieder selbständig gemacht und sind dann bei dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Frankreich geflohen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Auch in Frankreich kamen dann die deutschen Truppen hin. Sie sind wieder nach Belgien gegangen, haben dort Gelegenheitsarbeiten gemacht, wurden im Jahr 42 zur Organisation Todt1 dienstverpflichtet und kamen nach Bologna.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In Bologna waren Sie in dem Lager Todt als Lagerfriseur tätig, sind dann im August 42 mit einem Kommando des Lagers nach Belgien, nach Antwerpen, zum Einkauf gefahren, wurden dort bei einer Razzia verhaftet und trotz des Widerspruchs Ihres Lagerkommandanten von der Gestapo verhaftet und abtransportiert, und zwar sofort nach Auschwitz.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind dann in Auschwitz angekommen etwa am 12. August 1942

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Das war ein Irrtum. Das war September.

 

Vorsitzender Richter:

Im September 1942 und sind geblieben bis zum 21.1.45.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Bis zur Räumung des Lagers.

 

Vorsitzender Richter:

Ich dachte, am 18. Januar wäre das Lager geräumt worden?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, wir waren die letzten. Die Blockältesten mit den Lagerfriseuren, mit den Lagerältesten, die alle sind mit dem letzten Abtransport gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bei diesem Abtransport mußten Sie zunächst anderthalb Tage zu Fuß gehen, wurden dann transportiert mit einem Güterwagen und sind zunächst nach Mauthausen gekommen. Wie viele Menschen waren es in diesem Transport?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das waren immer so ungefähr 2.000, meistenteils, so was, so 1.500.

 

Vorsitzender Richter:

1.500 bis 2.000. Und als Sie nach Mauthausen kamen, wie viele waren Sie da noch?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Da sind wir angekommen mit 800.

 

Vorsitzender Richter:

Mit 800 Mann.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war mit den übrigen Leuten geschehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Auf dem [Todesmarsch] sind sie alle erschossen, ermordet worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie das gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Mit meinen eigenen Augen, Herr Präsident. Die haben Holzschuhe getragen, und da war grade der große Winter, die Kälte, in dem Schnee sind sie klebengeblieben, unter den Füßen, konnten nicht gehen. Hinter uns ist ein SS-Kommando gegangen, und wir haben immer gehört hinknallen, hinschießen. Meine Freunde auch alle. Ich als Lagerfriseur, ich habe das Glück gehabt, und ein Paar gute Schuhe habe ich gehabt. Und das war meine Rettung, sonst wäre ich nicht [mehr da].

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich noch entsinnen auf bestimmte Leute, die sich damals bei dem Erschießen beteiligt haben? Das können Sie nicht.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Jakubowitz, wollen wir uns einmal näher mit Ihrem Aufenthalt in Auschwitz befassen. Sie sind im September 42 hingekommen. Wie groß etwa war Ihr Transport, der damals hinkam?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Circa 2.000.

 

Vorsitzender Richter:

Etwa 2.000. Und dieser Transport kam vermutlich mit der Eisenbahn dorthin.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo wurden Sie ausgeladen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

An der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

An der Rampe. Was verstehen Sie unter der Rampe?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe es jetzt gehört. Es war an der Station vor der Gaskammer, an der Rampe da, wo wir aussteigen mußten.

Ich will grade hier anmerken, Herr Präsident, ich bin nicht hierher gekommen, um Rache zu nehmen oder aus Haß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich bin hierher gekommen, die Wahrheit zu sagen, was ich gesehen habe. Und die Presse und die Welt soll wissen, was da geschehen ist in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Darauf wollte ich nur aufmerksam machen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Jakubowitz, zunächst einmal: Ich weiß nicht, ob im September 1942 schon die Rampe in Birkenau in Betrieb war. Soviel wir bisher festgestellt haben, wurden die Menschen damals vor dem Lager Birkenau ausgeladen, weil diese Rampe, die hinaufführte nach den Gaskammern, damals noch nicht in Betrieb war.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das weiß ich nicht, ob es so gewesen ist. Ich weiß nur, sie haben uns rangiert vor Auschwitz [unverständlich], und so sind wir reingefahren in das Lager. Ob das vor der Rampe war oder ob das ein Kilometer vor der Gaskammer war, das kann ich nicht sagen. Wir sind ausgestiegen alle, und wir haben da die Pakete, die Lebensmittel, alles liegenlassen müssen und sind getrieben worden. Es mußten sich Frauen extra, Kinder extra und Männer extra aufstellen. Und wir sind durchgegangen durch diese Kontrolle, rechts und links.

Und ich bin doch so ein bißchen klug gewesen. Ich habe immer gesagt: Sie denken da, die Herren Mörder, Sie [wüßten] alles. Ich wußte auch alles. Ich habe gesagt, ein paar Jahre jünger bin ich, immer zehn Jahre jünger. Na ja, kannst du noch gut arbeiten, ja. Bin ich rechts und links gegangen. Von dem ganzen Transport sind in Auschwitz ungefähr noch 300, 200 Männer angekommen. Und die anderen hat man auf die Lastwagen genommen. Ich wußte noch gar nicht, was da passiert ist. Ich wußte nicht, daß da Gaskammern sind, sie werden da verbrannt werden.

Noch bevor [+ wir] reinkamen nach Auschwitz, da haben sie diesen Zug auf ein anderes Gleis geleitet. Gerade guck ich raus - es waren keine Viehwagen, es waren, Gott sei Dank

 

Vorsitzender Richter:

Personenwagen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, da steht ein Pole da, ein Beamter, steht auf dem Brett von dem Zug und sagt zu mir auf Polnisch - ich verstehe auch Polnisch: "Gib alles her, was du hast, man nimmt euch doch alles weg. Und sage deinen Freunden allen, daß du jünger bist, als du bist. Gib nicht krank an, gib dich jünger an." Das alles wußte ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat der Bahnbeamte Ihnen gesagt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, mir persönlich. Hoffentlich wird er das lesen, daß ich das hier erklärt habe, derselbe. Ich weiß nicht, wer das ist, nicht.

Und da habe ich mir ein bißchen an den Kopf geschlagen, sagte ich: Ach so ist das, das wußte ich nicht. Ich habe alles vergessen, ich habe an mich gedacht und habe gleich gesagt - ich war 45 damals oder 44, 98 geboren -, habe ich gesagt: "Jawohl, ich bin 35. Ich bin ein Spezialist, Friseur." Und da haben sie mich auf die rechte Seite gelassen. So bin ich losgekommen von den mörderischen Händen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nachträglich einen dieser Männer, die damals bei den Selektionen mitgewirkt haben, erkannt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Wo? Auf der Rampe da?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, Herr Präsident, es waren mehrere da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es waren mehrere da. Ich wollte nur wissen, ob Sie vielleicht nachher einen dieser Leute wiedererkannt hätten, die damals dort gewesen sind.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, Herr Präsident, es ist schon 22 Jahre her. Sie wissen doch, wenn ich wollte, daß es nicht so...

 

Vorsitzender Richter:

Es hätte ja möglich sein können, nicht.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Es sind andere Leute da, die uns erklärt haben, sie wüßten es noch.

Nun, Herr Zeuge, Sie sind gekommen, Sie haben dann die übliche Prozedur mitgemacht mit dem Haareschneiden und Rasieren und Waschen und so weiter. Und sagen Sie bitte, wo wurden Sie dann eingeteilt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, Herr Präsident, das werde ich Ihnen kurz und bündig erklären.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich bin auf den Quarantäneblock gekommen. Das ist Block 8a.

 

Vorsitzender Richter:

8a.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja. Und da war grade kein Friseur da, war ein so alter Mann. Und ich konnte Polnisch sprechen. Da habe ich mich da gemeldet. Weil ich wußte, wenn ich auf Außenkommando gehen muß, da bin ich fertig, sitze ich nicht mehr hier. Und ich habe da angefangen zu arbeiten, alles gemacht und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Als Blockfriseur?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Da war ein guter Blockältester. Er heißt Kazubek, mein Blockältester, der ist in Schlesien. Und ich habe gut dann bedient, ich habe alles getan, was ich konnte. Und so bin ich in dem Block geblieben. Und da war ich Blockfriseur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und dann bin ich dagewesen und habe kennengelernt die [unverständlich] ich muß sagen, sadistischen Mörder. Weil ich das gesehen habe mit meinen eigenen Augen, da kann mir keiner was sagen. Wenn einer ein Mörder ist, muß ich sagen, das war ein Mörder.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, da wollen wir mal drüber

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Und ich bin da zwei Jahre gewesen, also ich habe da lange gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Als Blockfriseur.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja. Und dann bin ich Lagerfriseur geworden.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Lagerfriseur hatten Sie welche Aufgabe?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Die Häftlinge, wie viele waren das da, in Auschwitz? 20.000, 15.000, nicht wahr, ich habe Kommando gehabt. Und da habe ich diese, nur die Häftlinge, bedienen müssen. Also jeden Samstag, Sonntag mußte ich mit meinen - ich habe 40 Friseure gehabt um die Blocks herum oder 30, ich kann mich nicht mehr erinnern, und die haben da gearbeitet, rasiert und Haare geschnitten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, das haben Sie nun wohl nicht selbst gemacht, sondern Sie haben

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Ich habe mitgearbeitet, die erste Zeit, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben mitgearbeitet. Und hatten außerdem für die Sauberkeit des Lagers zu sorgen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Nein, Pardon, das war der Lagerkapo. Ich hatte nur zu sorgen für Sauberkeit wegen des Haareschneidens und Rasierens, und es sollte kein Ungeziefer auf den Häftlingen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Na, da hatte doch vermutlich jeder Häftling Ungeziefer.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, da war ich aber derjenige, Herr Präsident, will ich hier feierlich erklären: Ich war der Retter von Auschwitz von einer Katastrophe von Typhus. Das war folgendes: Es war in Birkenau eine Typhusepidemie ausgebrochen. Da hat man die Blocks geschlossen genommen zum Vergasen.

Da bin ich zu meinem Lagerältesten hingegangen, meinem Kollegen Rechtsanwalt Doktor Dürmayer. Der war hier auch als Zeuge, der Wiener Advokat. Das ist mein Freund, ich habe mit dem zusammengearbeitet. Ich habe gesagt: "Hans, was machen wir hier? Wir müssen hier sehen, Auschwitz zu retten." Sage ich: "Ich habe einen Vorschlag. Ich habe es in 24 Stunden gelöst, die Frage." Sagt er: "Was willst du?" "Wenn ich von der [...] Kantine 5.000 Zigaretten kriegen kann, dann gibt es keine Läuse mehr in Auschwitz." Hat er gesagt: "Ich werde mit dem Lagerkommandanten sprechen" oder mit dem Lagerführer, ich weiß nicht, ich habe mich immer rausgehalten.

Und ich habe sie bekommen. Da habe ich den Befehl gegeben: Heute abend Lagersperre, Läuseappell! Herr Präsident, für jede Laus eine Zigarette.

 

Vorsitzender Richter:

Für jede Laus?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Für jede Laus eine Zigarette.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben aber vermutlich 5.000 Zigaretten nicht gereicht.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja. Und dann habe ich gesehen, das geht nicht mehr, das war eine [unverständlich]. Da habe ich gesagt, für alle fünf Läuse eine Zigarette. Und es war alles gelöst. Dann habe ich angegeben, daß auf dem Revier von den Sanitätern - Sonntagmorgen haben die immer diesen Läuseappell gemacht - eine Meldung eingegangen ist: Auschwitz frei von Läusen! Da bin ich damals nachher Lagerfriseur geworden.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Ich möchte Sie dann weiter fragen: Sie haben in dieser Zeit auch den Angeklagten Kaduk kennengelernt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat Kaduk für einen Ruf gehabt im Lager?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Genauso wie Iwan der Schreckliche vom zaristischen Rußland.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie, wann haben Sie Kaduk zum letzten Mal gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Bei der Räumung des Lagers habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wie ich gehört habe, ist er mit dem letzten Zug nach Mauthausen gegangen. Weil ich habe mit meinen Kameraden gesprochen, die am Leben geblieben sind. Sie haben mir erzählt von den Greueltaten von Kaduk von Mauthausen, einem Nebenlager von Mauthausen. Das habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Sie selbst haben ihn in Mauthausen nicht gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie nämlich bei Ihrer Vernehmung ausgesagt haben: "Zuletzt habe ich Kaduk im KL Mauthausen gesehen, und zwar im Lager III."

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das ist ein Irrtum. Ich habe nur gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Nun, was haben Sie mit Kaduk in dem Lager Auschwitz erlebt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, Herr Präsident, wenn ich Ihnen alles erklären muß, [dauert das mindestens] drei bis sechs Monate. Aber ich will hier kurz und bündig erklären und die reine Wahrheit sagen. Es ist schon 22 Jahre her. Nur schade ist, Herr Präsident, es wäre für mich leichter gewesen, wenn diese Bande heute noch die Blutuniform getragen hätte. Da könnte ich besser, leichter alles aussagen, können Sie sicher sein.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wann haben Sie den Kaduk zum erstenmal gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich glaube, das war Ende November 42.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei welcher Gelegenheit?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Bei der Appellabnahme. Er war damals noch kein...

 

Vorsitzender Richter:

Rapportführer.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Er war ein halber Rapportführer.

 

Vorsitzender Richter:

Blockältester.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, er hat überall seine Nase reingesteckt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie meinen, Ende November 42 und bei den Appellen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie: Hatten Sie ihn von anderen Häftlingen gezeigt bekommen und gesagt bekommen, das ist der Kaduk? Oder wie sind Sie auf seinen Namen gekommen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das werde ich Ihnen sagen, Herr Präsident. Das Lager hat gelebt - ich meine, wir sind da draußen gewesen in den Blocks und spazierengegangen. Sobald wir gehört haben, Kaduk kommt, war es genau wie wenn eine Katze kommt und sie würde Mäuse fangen. Alle sind sie in die Löcher reingelaufen. Und ich wußte doch erst gar nichts. Da sagen sie: "Jawohl, vor dem Mann, vor dem Mörder, muß man sich hüten. Das ist furchtbar, furchtbar, furchtbar." Ich war erst ein paar Tage da.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben erst von anderen Häftlingen den Kaduk bezeichnet bekommen und haben gesagt bekommen: "Das ist der Kaduk, vor dem muß man sich hüten."

Nun, haben Sie dann auch selbst erlebt und gesehen, zum Beispiel bei den Appellen, daß da Leute, die nicht angetreten waren, von ihm aufgescheucht worden sind oder so etwas Ähnliches?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Nachher bin ich ein bißchen warm geworden in dem Lager, ich habe schon gekannt die [unverständlich]. Der Kaduk - ich möchte ihn nicht angucken, ich spreche nur zu Ihnen, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Der Kaduk. Erlauben Sie mir zu sagen, ich will mich nicht aufregen, ich werde in Ruhe hier sprechen, ich bin in guten Händen hier am Hohen Gericht. Ich möchte, da ich das erlebt habe, hier feierlich erklären: Kaduk - also das war sein Hobby, er mußte Menschen töten. Sonst wäre das gar nichts für ihn gewesen. Er hat zum Beispiel, wenn er ins Lager reingekommen ist, seine Pistole rausgenommen und hat geschossen, entweder auf Häftlinge oder in die Luft, er mußte die Kugeln leermachen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

So habe ich mich immer versteckt vor Kaduk, und das war mein Glück, Herr Präsident. Hätte er gewußt, daß ich als Jude in Auschwitz so einen großen Posten hatte, würde ich nicht hier vor dem Hohen Gericht sitzen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn nicht selbst rasiert?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, das kommt noch, Herr Präsident. Das kommt alles noch.

Und ich habe mich immer versteckt. Bei jedem Transport, der nach Auschwitz gekommen ist, haben sie mich gerufen, weil ich der Friseur vom Quarantäneblock war. Da bin ich überall gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie heißt der Block?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Quarantäneblock. 8a.

 

Vorsitzender Richter:

8a, ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und ich habe Kaduk dann immer da gesehen, aber ich habe mich immer versteckt. Ich wollte mich nicht sehen lassen. Ich wußte, wenn ich mich dem viel bekanntmache, da bin ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dann kann es schlecht ausgehen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Dann kann es schlecht ausfallen. Da bin ich überzeugt, hundert Prozent, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, können Sie sich entsinnen, daß von diesem Block, wo Sie waren, öfter Leute geholt worden sind zum Ausladen von Kartoffeln und ähnlichen Dingen aus den Eisenbahnwaggons?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Da war ich mit dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie mit dabei.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Aber ich war mit meinem Blockältesten, habe mich geschützt, in dem Waggon drin, die Kartoffeln ausladen. Ich war nicht auf dem Kommando, herum auf den Feldern.

Da habe ich Kaduk nicht gesehen. Da hat man nicht vor Kaduk Angst gehabt. Es war so: Die sind da totgeschlagen worden, sehr viele, nicht von Kaduk, [+ sondern] von den Kapos - meistenteils von den Kapos mit den grünen Winkeln, das waren die Berufsverbrecher. Die Kapos mit den roten Winkeln, das waren unsere Kameraden.

Beim Nachhausegehen, ins Lager rein, hat es immer viele Verletzte gegeben, Geschlagene, das Blut ist noch so von ihnen abgeronnen. Da sind sie nach Auschwitz hereingekommen in unseren Block. Weil das Kommando war ein Hilfskommando, das war noch von den

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Neuankömmlingen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Neu Angekommenen, und es [kam zum] Quarantäneblock. Die haben noch kein Kommando gehabt. Wo es ein Loch zu stopfen gab, hat man die genommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und da sie in der ersten Zeit nicht wußten - es waren viele Holländer, Belgier, meistenteils von [unverständlich] -, hat man sie [oft zerschlagen] gebracht. Und da mußten wir sie zum Appellzählen bringen, man hat sie hingelegt in den Flur, beim Eingang. Unten war Block 8, und oben war Block 8a. Beim Zählen, beim Appell, ist Kaduk reingekommen und sagte: "Was ist da los?" Er hat den Appell abgenommen, er war damals noch Blockführer, auch von uns. Und er hat diese

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Menschen, die da lagen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, die Namen habe ich angegeben. Aber ich möchte Sie bitten, sie geheimzuhalten wegen der Familien von Antwerpen, von Belgien.

 

- Schnitt -

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

gebracht zum Revier, Block 28. Und da habe ich sie nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Also es war nicht so, daß diese Leute von der Arbeit so erschöpft waren, daß sie deshalb in den Blocks liegengeblieben waren, sondern sie waren so mißhandelt, daß sie aus diesen Gründen nicht gehen konnten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie haben dann die beiden Leute, von denen Sie eben gesprochen haben, selbst noch in Block 28 abgeliefert. In welchem Zustand befanden die sich denn?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Halbtot. Sie erkannten mich nicht. Ich habe den Namen gerufen, weil ich war doch von einer Stadt. Sie waren schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht mehr ansprechbar.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, nein, nein. Wir haben sie tragen müssen. Ich war mit einem Stubendienst von Block 8a da.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie bei solchen Gelegenheiten auch gesehen, daß Kaduk Leute auf der Stelle getötet hat?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein. Das ist auf ganz andere Art gewesen. Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Dann erzählen Sie mal die ganz andere Art.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Zum Beispiel: Man hat einmal einen gehenkt, einen slowakischen Juden. Ich glaube, der ist geflüchtet gewesen. Der hat in dem Block 11, in dem Bunkerblock, gesessen. Dann hat man ihn zum Hängen geführt. Da mußten wir Häftlinge manches Mal nach dem Appell stehenbleiben, daß alle zugucken. Und wie ich gehört habe, da war in Block 11 einer namens Jakob - ich habe ihn öfters auch bedient, ich bin in Block 11 auch reingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Der sogenannte Bunker-Jakob.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja. Ich bin überall reingekommen, ich [kannte mich überall aus] wie in meinem eigenen Haus. Und es scheint, er hat etwas an der Schnur zum Hängen gemacht. [+ Sie ist] nicht so stark gewesen, weil nachher beim Hängen - der Kaduk hat ihn gehängt - ist die Schnur abgefallen, mitten im Hängen. Da ist Kaduk hingegangen - das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen - und hat einen Stock gehabt, ich glaube, es war ein Ochsenschwanz-Stock, und hat den geschlagen. Und dann hat er sich mit den Füßen mit dem Stock auf die Kehle gestellt. Ich konnte nicht von weitem sehen, wie weit die Zunge rausgegangen ist. Aber ich konnte es sehen, ich habe ein paar Meter weiter gestanden.

Und dann haben sie den nachher noch in Block 11 gebracht, in den Bunker-Block. So wie Jakob mir gesagt hat, hat er da einen "Gnadenschuß" bekommen. Dann war alles [vorbei].

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, das wollen wir uns jetzt mal ein bißchen näher ansehen. Also zunächst haben Sie uns gesprochen von diesen beiden Bekannten aus Antwerpen, deren Namen Sie nicht nennen wollen. Und bei denen wollen wir mal einen Augenblick stehenbleiben.

Sie haben uns eben geschildert: Diese beiden Leute waren bei der Arbeit zerschlagen worden, sie waren zurückgebracht worden, lagen in dem Flur. Kaduk hat sie antreiben wollen, hinaus zum Appell zu gehen. Er hat sie geschlagen und getreten, daß sie bewegungslos und bewußtlos da liegenblieben. Sie haben sie dann in das Revier gebracht und haben nichts mehr von ihnen gehört. So war Ihre Aussage heute vormittag.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie bei dem Herrn Staatsanwalt vernommen worden sind, war Ihre Aussage doch erheblich anders. Ich mache Ihnen einen Vorhalt aus Blatt 5.620, aus Ihrer Vernehmung vom 23. Mai 1960.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Dort haben Sie gesagt, Sie hätten mit eigenen Augen gesehen, daß er, nämlich Kaduk, einen Stock mit einer eisernen Spitze gehabt hätte, so eine Art Bergsteigerstock. Den habe er diesen Leuten über den Hals gelegt, sich dann daraufgestellt und so lange oben auf diesem Stock geschaukelt, bis den Häftlingen die Zunge aus dem Mund kam und diese tot gewesen seien. Zwischendurch hätte er versucht, die bewußtlosen Häftlinge durch Überschütten mit Wasser wieder zu sich zu bringen.

Und Sie haben dann weiter gesagt: "Unter den von Kaduk auf diese Weise ermordeten Häftlingen befanden sich zwei Bekannte von mir aus Antwerpen." Sie nannten dann die Namen, haben gebeten, die Namen nicht zu veröffentlichen, und sind dann weiter fortgefahren: Der eine von diesen habe Ihnen noch einen Siegelring gegeben und Sie gebeten, diesen Ring der Familie als Andenken abzuliefern. Es wäre Ihnen das aber nicht möglich gewesen, Sie hätten den Ring dem Blockältesten geben müssen. Und Sie hätten die Leichen dieser Häftlinge zusammen mit den Stubendiensten in den Leichenkeller im Block 28 bringen müssen.

Also nach dieser Darstellung waren die Leute doch tot.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Bitte, dieser Vorhalt ist aber nicht ganz präzis gewesen. Denn er hat früher gesagt, auf Seite 9, daß er ihm den Siegelring abgenommen hat. Nicht, daß ihm der Mann, dessen Namen er nicht nennen will, ihm den gegeben hat, sondern daß er ihm den abgenommen hat. Ich wollte nur darauf hinweisen, weil das natürlich ein erheblicher Unterschied wäre.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn er ihn ihm angenommen hat, dann bedeutet das, daß der Mann schon tot war und daß er dann dem Toten den Ring vom Finger genommen hat. Wie Sie wünschen. Das macht die Sache noch etwas deutlicher.

Also wenn Sie dem Toten den Ring abgenommen haben, dann war der ja ganz bestimmt tot. Denn wäre er nicht tot gewesen, hätte er Ihnen ja, wie ich das vorhin ausgedrückt habe, den Ring geben können. Und nun haben Sie uns aber heute erzählt, der wäre gar nicht tot gewesen, sondern Sie hätten ihn, wenn auch bewußtlos oder schwer zugerichtet, immerhin noch in den Block 28 ins Revier getragen.

Was ist denn nun richtig? Waren die Leute tot, oder waren sie nicht tot?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Da will ich antworten, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Tot damals - er war, wie sagt man das, weg. Also er war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bewußtlos.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Bewußtlos. Da habe ich nicht untersucht, ob er tot war [+ oder] ob er bewußtlos war. Die Augen waren geschlossen, und er hat nicht mehr zu uns gesprochen. Und den Ring habe ich abgenommen. Wieso habe ich den Ring abgenommen? Er war schon ein paar Tage da. Und ich habe den Ring abgenommen, weil... Eigentlich mag ich hier [+ darauf] aufmerksam machen, daß jedem Häftling, bevor er ins Lager reingekommen ist, alles abgenommen worden ist. Aber gerade der hat einen breiten Siegelring gehabt. Es ist ihm gelungen, so reinzukommen - nackt ist er zu uns in den Block gekommen, der hat sich ausgezogen da in Auschwitz -, mit dem Ring. Also es war ein Zufall. Und den Ring habe ich genommen, und ich habe ihn dem Blockältesten abgegeben. Ich glaube, er hat ihn weitergegeben, das weiß ich nicht.

Aber was Sie sagen, Herr Präsident, wegen dem Stock, das kann alles möglich sein. Das, was ich jetzt noch sage, füge ich noch hinzu, was da passiert ist. Sie müssen wissen, es ist schon viele Jahre her, als ich damals die Erklärung abgegeben habe. Und was ich da abgegeben habe, ist alles wahr. Das, was ich jetzt sage, ist nur noch [zusätzlich]. Es kann sein, daß ich einmal gesagt habe, daß ich jetzt sage, mit dem Stock. Aber wenn ich damals gesagt habe, mit dem Stock, ist es hundert Prozent wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Damals haben Sie gesagt, dem Häftling hätte die Zunge aus dem Mund gehängt und er sei tot gewesen. Dann kam er ja nicht mehr in das Revier. Und Sie haben deshalb auch ganz folgerichtig am Schluß gesagt, daß Sie dann die Getöteten mit den [...] Stubendiensten als Leichen in den Leichenkeller, Block 28, hätten bringen müssen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also meine Frage: Entweder die Leute haben noch gelebt und Sie haben sie ins Revier gebracht oder in den Krankenbau, oder die Leute waren tot, und dann haben Sie sie in den Leichenkeller gebracht. Was ist nun richtig?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, die waren alle schwer verwundet und alle bewußtlos. Die kommen alle da in den Keller, in den Leichenkeller, rein. Nicht allein Tote, auch [halbtot] Geschlagene, Schwerverletzte, alles kommt da rein, in Block 28. Und wir konnten das nicht so feststellen. Für mich, [+ nach dem], was ich gesehen habe, da war meine Meinung, die waren tot. Weil ich habe sie nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, haben Sie denn die Leute nun in den Leichenkeller oder ins Revier gebracht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

In den Keller runter.

 

Vorsitzender Richter:

In den Keller haben Sie sie gebracht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, alle. Weil die waren nicht mehr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auch die beiden Leute aus Antwerpen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, die zwei Leute. Sie waren nicht mehr fähig, sie ins Revier zu bringen, das war keine Hilfe mehr für die.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber hören Sie mal, Herr Zeuge. Sie waren doch selbst Häftling dort.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und es bestand, wie Sie uns heute sagen, nicht unbedingte Klarheit darüber, ob die Leute noch lebten oder sie nicht lebten. Jetzt überlegen Sie sich mal bitte, die Leute hätten noch gelebt und Sie hätten sie bereits in den Leichenkeller gebracht. Wäre das nicht furchtbar, daß diese Leute unter Umständen in dem Leichenkeller, noch lebend, verbrannt oder sonstwie unter die Erde gebracht worden wären, und die Leute hätten in Wirklichkeit noch gelebt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, das ist unmöglich. Die Leute hätten niemals mehr gelebt, die waren schon tot. Wenn sie auch nicht ganz - vielleicht haben sie noch ein bißchen geatmet

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber solange ein Mensch atmet, bringt man ihn doch nicht in den Leichenkeller! Ich meine, wenn das eine Anordnung gewesen wäre von irgendeinem Sadisten, dann wäre das wieder was anderes. Aber Sie als Häftling haben doch ein Interesse daran, den Mithäftling so lange wie möglich unter den Lebenden zu erhalten, und wenn er auch nur die Möglichkeit hat, noch zu atmen, ihn dann so lange zu retten zu versuchen, als das möglich ist. Das Leben dieser Leute war doch genauso kostbar wie Ihr Leben!

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, wir sprechen jetzt hier von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das war keine Gerechtigkeit da. Wir haben sogar Leute, die noch halb gelebt haben, auch da in den Keller gebracht. Herr Präsident, ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat man Ihnen denn befohlen, diese Leute in den Leichenkeller zu bringen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

So. Und wer hat Ihnen das befohlen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Der Doktor, der Dienst gehabt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben die Leute nicht direkt in den Leichenkeller, sondern erst zu dem Doktor gebracht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Der Doktor hat gesagt... Na sicher, ich darf das nicht, ich muß warten, was der Doktor anordnet.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sie also doch erst ins Revier gebracht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ins Revier, jawohl. Erst kommt alles ins Revier, und dann kann der Doktor feststellen, was los ist.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hat der Doktor Sie in den Leichenkeller geschickt mit den Leuten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber dann verstehe ich nicht, daß Sie vorhin gesagt haben, Sie haben die Leute ins Revier gebracht und dann nichts mehr von Ihnen gehört. Sie konnten ja doch gar nichts von Ihnen hören, wenn der Doktor gesagt hat, die Leute sind tot, bringen Sie die in den Leichenkeller. Da konnten Sie doch gar nichts mehr von Ihnen hören. Da wußten Sie doch effektiv: Diese Leute sind tot.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Hundert Prozent, Herr Doktor, Herr Präsident. Aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also da konnten Sie doch nicht von Ihnen hören.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, aber ich bin kein Doktor, ich kann nicht feststellen, ob er schon ganz tot ist, ob er noch ein bißchen atmet. Jedenfalls wir haben da nix zu sagen, wir müssen die hinbringen, hinlegen. Er hat gesagt: "Bring sie runter in den Keller!" Weiter habe ich niemals gehört, niemals gesehen. Meine Überzeugung ist, wir sind direkt mit den Handwagen, weil es sind noch mehr gewesen... Draufgeschmissen auf den Wagen und gebracht in die Gaskammer, wollen wir sagen, in den [Verbrennungsofen].

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das öfter gesehen, daß der Kaduk das mit dem Stock gemacht hat, mit der eisernen Spitze?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Mit der eisernen Spitze, wenn ich das gesagt habe - das ist etwas, woran ich mich jetzt [+ nicht] erinnern kann. Das muß ein Irrtum sein. Der hat einen Stock mit einem, wie sagt man, Ochsenschwanz gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Einen Ochsenziemer nennt man das.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Wenn Kaduk einen Stock mit eiserner Spitze haben mußte, dann mußte speziell eine Fabrik dasein und eben die Stöcke liefern, weil er hat sie kaputtgeschlagen auf den Köpfen der Häftlinge. So viele Stöcke gibt es nicht, [wer soll so viele Stöcke liefern]. Der hat einen Stock gehabt, der auf längere Zeit richtig war.

 

Vorsitzender Richter:

Also einen Ochsenziemer?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie sich jetzt aber auf einen Ochsenziemer auf beide Seiten draufstellen - der Ochsenziemer ist ja nicht so starr wie ein Stock, sondern der ist ja flexibel. Wenn Sie sich also da draufstellen, dann wird sich dieser Ochsenziemer vermutlich biegen, und Sie werden runterfallen. Bei einem Stock ist das was anderes. Der Stock ist starr, der bleibt. Und wenn das Gewicht beiderseits verteilt ist, können Sie sich da draufstellen. Also mir scheint das nicht so ganz klar zu sein.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich möchte, Herr Präsident, die Sache klarstellen. Ein Ochsenschwanz, der Stock ist [+ zum] Schlagen und Töten. Weil stellen Sie sich vor, Herr Präsident, wenn der Stock so groß ist, und er legt das auf den Hals, da stellt er sich nicht hier und hier auf die Ecke hin. Er stellt sich hier vor dem Hals hin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

So ein Stückchen noch. Und da kommt die Zunge so weit sie wollen raus. Also er muß sich nicht auf die Ecke stellen, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Aber trotzdem, auf einen Ochsenziemer können Sie sich nach meinem Dafürhalten nicht draufstellen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Er hat genug getötet mit dem Ochsenschwanz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Ja, ja, ja. Das ist seine Spezialität gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Wir wollen jetzt mal das Instrument beiseite lassen. Haben Sie denn gesehen, daß er, außer diesen beiden Fällen von Ihren Bekannten aus Antwerpen, auch in anderen Fällen auf diese Weise Menschen getötet hat?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

In Selektionen, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich meine jetzt erst einmal dieses Töten mit dem Stock oder Ochsenziemer, quer über den Hals legen und sich draufstellen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das kann ich nicht mehr erinnern. Das weiß ich nicht. Ich meine, das war, wenn ich das ausgesagt habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben gesagt: "Dies habe ich mit eigenen Augen gesehen. Eine besondere Methode von ihm war, zusammengeschlagenen Häftlingen einen Stock mit einer eisernen Spitze, es war eine Art Bergsteigerstock, über den Hals zu legen und sich so lange draufzustellen, bis dem Häftling die Zunge aus dem Hals kam und dieser tot war. Zwischendurch hat er versucht, bewußtlose Häftlinge durch Überschütten mit Wasser wieder zu sich zu bringen. Auf diese Weise hat Kaduk Dutzende von Häftlingen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, ermordet."

Heute sagen Sie: Ich kann mich nicht mehr darauf erinnern.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, ich kann mich doch erinnern, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt können Sie sich darauf erinnern.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Sie müssen das gut verstehen. Sie müssen wissen, es ist schon 22 Jahre her. Auf was für eine Art er das gemacht hat, ob das ein Holzstock mit einer Spitze war, ob das ein Ochsenschwanzstock war, da kann ich mich jetzt hier nicht so darauf einlassen. Jedenfalls habe ich gesehen - als Friseur war ich drei Jahre lang von morgens bis abends in dem Lager drin -, was er da getrieben, gemacht hat. Er hat Dutzende Häftlinge zusammengeschlagen. Ob es ein Stock oder ein Ochsenschwanzstock war, da kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Meine Meinung war, und ich kann mich erinnern, das war ein Ochsenschwanzstock. Ob er mal einen anderen Stock gehabt hat, da kann ich nicht ja oder nein sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt kommt es mir mal gar nicht auf die Art des Stocks an. Sondern es kommt mir darauf an, daß Sie uns eben auf meine Frage, ob Sie öfter gesehen hätten, daß er sich in einer Art Schaukel auf den Hals des Häftlings gestellt habe, gesagt haben: Nein, da können Sie sich nicht darauf erinnern. Und hier bei Ihrer Aussage sagen Sie soeben, Dutzende von Malen hätten Sie das gesehen und selbst erlebt, mit eigenen Augen gesehen, daß er Dutzende von Häftlingen auf diese Art, nämlich mit dieser Schaukel auf dem Hals, so lange gedrückt hätte, bis denen die Zunge aus dem Hals gekommen wäre und die Leute tot gewesen wären. Das hätten Sie Dutzende Male gesehen. Und heute morgen sagen Sie: Nein.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich sage nicht nein. Herr Präsident, ich sage noch einmal: Wenn ich dort die Erklärung abgegeben habe, ist es richtig, meine Erklärung ist richtig. Schade ist nur: Es hätte ein paar Jahre nach der Geschichte sein müssen, da wäre alles leichter gewesen. Hätten da gerade die Männer die Blutuniformen getragen, da wäre es leichter gewesen, alles auszusagen. Aber was ich erklärt habe, kann ich schwören. Das alles ist wahr. Im Gegenteil, Herr Präsident, das ist nur ein kleiner Teil, was ich da gesehen habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also haben Sie jetzt gesehen, daß er Dutzende von Häftlingen mit dem Stock über dem Hals totgedrückt hat, oder haben Sie es nicht gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Ich kann mich nicht an alles genau erinnern, aber das war wahr, was ich da erzählt habe, was ich da gesehen habe. Jawohl, Herr Präsident. Habe ich gesagt, ich habe das nicht gesehen, dann ist es vielleicht nach den Jahren, weil ich mich immer an was anderes erinnere. Aber wenn ich das bei dem Protokoll ausgesagt habe, das war wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ich will Ihnen etwas sagen. Daß Sie in Auschwitz die schrecklichsten Dinge gesehen und erlebt haben, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann, das glaube ich Ihnen. Uns geht es hier in diesem Prozeß darum, festzustellen, was der einzelne von diesen Angeklagten hier persönlich getan hat. Denn die Leute sind wegen Mordes angeklagt, und das Gericht muß, wenn es zu einer Verurteilung kommen sollte, jedem einzelnen jeden Mord nachweisen. Wir können nicht einfach sagen: Weil in Auschwitz soviel Unrecht passiert ist und soviel Grauenhaftes passiert ist, deshalb ist jeder ein Mörder. Das kann das Gericht nicht sagen. Sondern das Gericht muß nach den Vorschriften dieses Gesetzes nachprüfen: Wann und wen hast du ermordet? Ja?

Wenn Sie deshalb diese Dinge erlebt und gesehen haben im einzelnen, dann müssen Sie es uns sagen. Wenn Sie sich nicht mehr darauf erinnern können oder wenn Sie sagen: Ich kann aus dem großen Rahmen dieses Schauerlichen, was ich dort erlebt habe, Einzelheiten heute nicht mehr sagen, dann müssen Sie uns das auch sagen. Denn wir müssen ja feststellen, ob die einzelne Tat passiert und wahr ist. Verstehen Sie das?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Jetzt wollen wir zu einem anderen Fall kommen. Können Sie sich entsinnen, daß in Höhe von Zimmer 4 auf dem Block 8a von Kaduk ein großer, starker holländischer Jude ermorden worden ist?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was war da gewesen? Zunächst: Wissen Sie, wer der Blockälteste in 8a war?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Kazubek.

 

Vorsitzender Richter:

Kazubek.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, von Oberschlesien.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der war nicht in 8, sondern in 8a?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

8a. Oben, Quarantäneblock.

 

Vorsitzender Richter:

Und da soll sich vor dem Zimmer 4 einmal etwas abgespielt haben. Wollen Sie uns das mal erzählen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Das war auch ein neu hergekommener Häftling, das war, glaube ich, ein Holländer. Ein ganz großer, junger, starker Mann. Es scheint, er hat sich ein bißchen gewehrt. Kaduk hat das nicht in Zimmer 4 gemacht; auf dem Gang, im Flur, hat er ihn kaputtgeschlagen. Er hat so lange geschlagen, bis der Mann keinen Atem mehr hatte. Wir haben ihn noch ein paarmal mit Wasser überschüttet, so und so, und dann haben wir ihn weggebracht. Der Mann war k. o. geschlagen. War doch Kaduk. Es scheint, er hat etwas gegen ihn gesagt oder hat sich gegen etwas gestellt, das kann ich nicht mehr sagen. Jedenfalls hat er grade den großen Mann, einen Riesen, den hat er fertiggemacht. Mit meinen eigenen Augen gesehen, Herr Präsident.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er ihn totgeschlagen? Oder hat er auch

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Tot, da kann ich nicht sagen, man hat ihn weggebracht. Habe ich gesagt, tot, ist er tot gewesen. Aber jetzt kann ich mich nicht erinnern, was ich damals erklärt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben damals gesagt: "Auch diesen toten Häftling habe ich in"

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Revier.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, "in den Leichenkeller von Block 28 gebracht".

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Zuerst im Revier, Block 28. Dann kriegten wir Befehl, in den Leichenkeller. Ich konnte das alleine nicht machen. Das mußte der Doktor anordnen, der Dienst gehabt hat. Er hat das festgestellt. Und wenn er das festgestellt hat, nicht wahr, daß [+ er] in den Leichenkeller [+ soll], da war er schon tot.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, Herr Zeuge, haben Sie Kaduk auch öfter am Tor stehen sehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn da gesehen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Da haben ich drei Jahre lang Kaduk am Tor stehen sehen, Herr Präsident. Über tausend Tage. Ich war immer im Lager drin, von früh bis abends. Er ist gestanden und hat untersucht.

 

Vorsitzender Richter:

Gefilzt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Augenblick. [Pause] Und hat die Häftlinge untersucht. Er stand in der Mitte, und da sind die Kommandos reingegangen. Die Kommandos mußten hereingehen nach dem Marsch von der Musik. Da war eine große Kapelle. Und wenn er [+ etwas bei] jemandem gefunden hat - er hat gefunden Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln, was sie gehabt haben, sie haben was "organisiert"-, hat er sie zur Seite genommen und hat sie auf die Seite gestellt.

Jedesmal sind da auch Verletzte, halbtot Geschlagene reingekommen. Da mußten die Kommandos diese auf den Bahren tragen, auch nach dem Marsch. Da war er so gemein. Da hat er mit seinen langen Bluthänden unter den Toten und den Verletzten gesucht, vielleicht hat er eine Zwiebel oder eine Tomate wegzunehmen. Das hat er nicht geglaubt. Also wissen Sie, was für ein Mensch [+ er war] mit seinen Gedanken, was er gemacht hat.

Und dann hat er die anderen nachher genommen und hat sie zerschlagen. Die Menschen, die er zerschlagen hat, die sind alle nicht wieder hereingekommen. Er muß sie nicht totgeschlagen haben. Aber ob er die Leber oder die Lunge oder das Herz [zerschlagen] hat - wer unter seine Hand gekommen ist, der ist lebend nicht mehr rausgekommen. Das habe ich drei Jahre gesehen mit meinen Augen, ich war drin. Drei Jahre, das ist eine lange Zeit.

Herr Präsident, Sie müssen eines wissen, das wird Ihnen sehr gut [im Gedächtnis bleiben]: Wenn ein Matrose eine Weltreise macht auf einem Schiff und bleibt drei Jahre auf dem Wasser, muß der Matrose doch den Kapitän kennen. Ich habe ihn erkannt, ich war drei Jahre unter seinen Befehlen. Aber ich habe mich versteckt, ich habe ihn nicht sehen lassen, wer ich bin. Ich wußte, wenn er wissen würde, wer ich bin, da würde ich als Jude nicht hier vor dem Hohen Gericht sitzen und könnte alles erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie, Sie haben vorhin das Wort Selektion gebraucht.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie davon?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe gerade heute früh, als ich in meinem Hotel aufgestanden bin, hier in der Zeitung gelesen, in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von gestern oder heute, daß der Herr Bundespräsident und der Herr Reichskanzler Wünsche für das Fest am jüdischen Feiertag geschickt haben. Und durch dieses Lesen habe ich mich erinnert, daß gerade der Kaduk, wenn er was machen wollte, immer an den hohen Feiertagen die Selektion gemacht hat. Ob es das Versöhnungsfest, das Fest des Friedens oder Neujahr war.

Und einmal hat er - jetzt habe ich mich erinnert, ich kann noch in zehn Jahren immer noch wissen, was da passiert ist -, einmal hat er eine Selektion gemacht, das war gerade an den hohen Feiertagen. Ich meine, vielleicht, wenn Sie es noch wissen, haben die anderen Zeugen das auch gesagt. Da hat er eine Selektion gemacht in der Alten Wäscherei im Block 3, zwischen 2 und 3, auf der anderen Seite von den Drähten vom Tor. Er war da mit einem Blockführer. Und er hat 150 - ungefähr, kann ich nur sagen - Häftlinge ausgesucht zur Vergasung. Und gerade per Zufall, Herr Präsident, waren da meine zwei besten Freunde, [+ der eine] namens Horowitz von Antwerpen und mein Freund von meiner Heimatstadt, Schicker, ich habe ihn 25 Jahre nicht gesehen. Er ist zu mir gekommen und hat mir das erzählt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Horowitz?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Horowitz, jawohl. Und der andere heißt Schicker. Und er hat mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der andere heißt Schicker? Mit dem Nachnamen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nachname, ja. Schicker.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, er hieß Kowalski?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, ich habe niemals Kowalski angegeben. Ist kein Pole gewesen. Nein, nein. [...] Kolawski, ja. Kolawski und Schicker. Drei waren das. Drei.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe nur zwei angegeben. Kolawski, ja. Der Kolawski war von Elberfeld, in Deutschland ist er geboren. Ja, ja. Stimmt, Herr Präsident. Und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war mit dem?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Die waren ein bißchen schmächtig, die waren nicht so stark. Aber sie waren gesund, haben auf einem Kommando gearbeitet. Sie sind zu mir gekommen, haben gesagt: "Hör mal, Nathan, so ist die Sache. Kaduk war da und hat uns ausgesucht zum Vergasen. Wir müssen morgen antreten." Sage ich: "Was?" "Er hat gefunden, daß wir zu mager sind." Und er sagt zu mir noch - woran ich mich jetzt erinnere, [+ das hatte] ich nicht angegeben: "Bei dieser Aussuchung war noch ein Rabbiner da, auch ausgesucht zum Vergasen." Ich kann Ihnen noch die Stadt sagen und alles, von wo er herkommt. Zufällig, ich habe mich erkundigt.

Und es war sehr schlecht, ich konnte nichts machen. Da habe ich sie eingeladen einen Tag früher, zu mir zu kommen, eine Henkersmahlzeit zu machen. Und damals waren gerade die Transporte von Ungarn gekommen. Und da haben sie noch viel mitgebracht, Fett, mit Gänsen, ich weiß nicht was alles. Ich habe noch Kartoffeln "organisiert". Wir haben schön gegessen da einen Tag früher, und sie sind dann in ihre Blocks gegangen, sie sind nicht mehr arbeiten gegangen. Und er hat mich gebeten, ich soll der Frau alles sagen. Zufällig lebt die Frau von Horowitz noch, in Frankreich, in Paris. Ich habe alles mitgeteilt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Frau von Horowitz?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, die lebt in Paris.

 

Vorsitzender Richter:

Ich dachte, die Frau von Kolawski würde dort noch leben?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Die Frau von Kolawski, die lebt in Antwerpen auch, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Auch noch.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Habe ich auch gesagt. Wenn Sie sich erinnern, habe ich gesagt, sicher, die lebt in Antwerpen. Und das habe ich denen erzählt. Und ich glaube, daß die das damals auch gleich angegeben haben bei der Wiedergutmachung, so was. Ich weiß, ich habe damals auch mein Zeugnis da [+ abgegeben].

Und ich habe sie den Tag wirklich nicht gesehen. Ob sie am zweiten oder dritten Tag [abgeholt wurden], das weiß ich nicht. Jedenfalls sind die von den Bluthänden von Kaduk zum Tode geführt worden, zu der Selektion. Er hat noch mehrere gemacht, aber da kann ich nicht genau alles nachweisen. Ich will darauf zurückkommen: Mit meinen Augen... Wenn Sie mir hier das Bild vom Block zeigen, werde ich Ihnen sagen, wie Kaduk eine Selektion gemacht hat, genau die Zimmer, die Tür und alles.

 

Vorsitzender Richter:

Na, dann zeigen Sie mal. Zeigen Sie es mal an der Karte.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Block 8a. [unverständlich] Hier ist 8a.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, sehen Sie alles gut?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und hier ist [+ Block] 9, das ist der Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz recht.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und hier am Block 8a, hier an der Seite war ein Fenster raus von Block 8a. Wir konnten das Krankenhaus in Block 9 sehen. Das war ein Gang von vielleicht zwei Metern, ein Durchgang. Und weiter ist der Block 9 gestanden.

Und einmal hören wir: "Lagersperre!" Und wir gucken oben herunter mit dem Schreiber, es war gefährlich. Da sehe ich, wie Kaduk vor dem Block 9 steht, vor dem Krankenhaus, und Häftlinge heraustreibt, Kranke, also nicht in Uniform, nur in...

 

Vorsitzender Richter:

Nachthemden.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nachthemden. Pyjamas. Sie waren verbunden, die Hände, die Füße, alles. Von anderen Blocks konnte man das nicht beobachten. Nur gerade wir, der Block 8a, weil unser Fenster, ein Fenster nur, vorne war. An der Seite war das Fenster raus auf Block 9. Und wir haben gesehen, wie er steht mit einem Blockführer, und jeder, der herausgeht, kriegt eine Portion Brot. Zum Baden. Aber wir wußten das. Und es standen zwei Lastautos da, und es stand sein Motorrad da, mit einem Nebenwagen am Motorrad. Er hat immer in dem Motorrad drin gesessen.

Und er hat sie rausgetrieben, wie viele ungefähr, ob 200 oder so, kann ich nicht sagen. Aber ich weiß, daß die zwei Lastautos voll waren. Ich verstehe Hebräisch. Sie haben geschrien. Manche, die raufgingen, haben geweint. Sie wußten, sie gehen in den Tod. Sie haben geschrien: "Wir wollen arbeiten! Sie führen uns in die Gaskammer, sie haben uns [unverständlich] Brot gegeben, haben wir weggeschmissen." Sie haben auf Hebräisch geschrien: "Israel!" Das heißt: Lieber Gott, hilf uns! Aber der Gott... "Wir wollen leben! Wir wollen arbeiten!"

Und Kaduk mit seiner Pistole hat immer geguckt, ob er jemand sieht. Er konnte uns nicht sehen, aber ich und der Schreiber und der Blockälteste haben das gesehen. Schade, daß Sie das nicht zu Protokoll nehmen und den Blockältesten, Kazubek, der wohnt in Oberschlesien... Und der Schreiber wohnt in Polen, in Kelsk, Staszek heißt er. Wir waren die Zeugen davon. So ist Kaduk damit abgereist, mit zwei Wagen voll. Es waren keine "Muselmänner". Einer hatte die Hand verbunden, einer hatte den Kopf verbunden. Und das war es.

Herr Präsident, wo nur ein Loch war, zu töten, das kann ich Ihnen sagen - Kaduk kann nicht sagen: Friseur, komm' mal her, seh' mal, wie ich jemand totschieße. Da kann er mich nicht rufen. Wo etwas zu morden war, da war Kaduk. Glauben Sie mir sicher, ich bin der Zeuge, ich habe das erlebt, ich habe das gesehen. Man muß es nicht nachweisen bis zu dem letzten Moment. Der hat immer, immer, immer [+ getötet]. Der war der Mörder.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Um noch mal zu dieser Selektion zu kommen, bei der Horowitz und Kolawski ausgesondert worden sind: Sie sagten, diese Selektion sei an einem hohen jüdischen Feiertag gewesen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jetzt sage ich das. Das muß nicht die Selektion gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das weiß ich nicht. Ich weiß, man hat gesagt, Kaduk hat immer ausgesucht zum Morden auf Selektionen nur an den großen jüdischen Feiertagen. Gerade, Herr Präsident, an dem Tag, an dem die Juden gefastet haben damals, Versöhnungsfest. Daran kann ich mich jetzt erinnern, da kann ich tausendmal einen Eid abgeben. Ob das damals aber so war, nach 22 Jahren kann ich Ihnen das nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das denn ungefähr, als Horowitz und Kolawski ausgesucht worden sind? Wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das eine Mal war im Sommer, es war im Frühling. Jedenfalls war es nicht im Winter. Das kann ich noch erinnern. Aber wann und wie und wo, daß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und in welchem Jahr?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das kann ich nicht sagen, ich weiß nicht. Ich glaube, ich kann das nicht, ich möchte das nicht hier sagen, ob es war in 43 oder in 44. Die zwei, das weiß ich, aber wann, das ist unmöglich, Herr Präsident. Da müssen Sie, ich bitte Sie, mich entlasten von solchen Fragen, weil ich kann die nicht mehr...

 

Vorsitzender Richter:

1943 oder 44.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie meinen, nicht im Winter?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, nicht im Winter, nach meinem Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dieser Selektion, waren Sie da auch dabei?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie nicht dabei. Das haben Sie nur erzählt bekommen von dem Horowitz?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das wußten wir. Das wußten wir im ganzen Lager, das wußte ich auch. Wenn ich dabei war, hat er gesagt: "Komm mal her!" So ein Russe. Wissen Sie, er war genauso wie ein Hundefänger. Hunde gefangen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Habe ich Sie recht verstanden, wenn Sie sagten, daß diese Selektion in der Alten Wäscherei stattgefunden habe?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Was? Ja, das sei der Block von denen da gewesen. Immer so rausgerufen: "Dort vor seinem Block!" Da oben ist der Block, wo sie gewesen seien. Es war Block 4 oder 5.

 

Vorsitzender Richter:

4 oder 5.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

5. Aber jedenfalls mußten sie immer da antreten.

 

Vorsitzender Richter:

Da antreten.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer mußte denn da antreten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nur diese, die er ausgesucht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Und als er sie ausgesucht hat?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Hat er die anderen weggeschickt, zurück, und die sind geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die sind geblieben. Und wer mußte denn da antreten? Alle Leute aus dem Lager?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Alle Leute, wollen wir sagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Oder nur die Juden oder nur Kranke oder was

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Alle Leute aus dem Lager mußten

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Nein. Da kommen nur Juden in Frage. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nur Juden mußten da antreten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, nur Juden.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum mußten Sie da nicht antreten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Weil ich nicht da war in dem [+ Block]. Nicht das ganze Lager, nur der Block.

 

Vorsitzender Richter:

Nur der Block?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Aber sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Also nur der Block.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Es war auch einmal ein Befehl, daß alle Juden einmal antreten mußten, das weiß ich, wegen Selektionen. Aber ich war so klug, ich war klüger als die Mörder. Ich habe mich schön da gehalten in dem Block bei meinem Blockältesten.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, Sie hatten zufällig Fleckfieber und konnten deshalb nicht raus.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das werde ich Ihnen erzählen, was gekommen ist. Das kommt jetzt weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Jedenfalls, Sie sagen, bei dieser Selektion, bei der Horowitz und Kolawski selektiert wurden, mußten die Leute antreten von dem Block, in dem diese beiden gewohnt haben.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie selbst waren bei dieser Selektion nicht dabei.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es nur erzählt bekommen von Horowitz.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Der ist zu mir gekommen in meinen Block herein. Und da habe ich ein Essen gemacht, ein Abschiedsessen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat es Ihnen erzählt. Hat er Ihnen auch erzählt, ob damals der Kaduk allein gewesen ist oder ob noch andere bei ihm waren oder ob ein Arzt dabei war oder ob diese Selektion von irgendeiner anderen Seite angeordnet worden war?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, darauf werde ich Ihnen sofort Antwort geben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Er war alleine mit einem Blockführer. Er hat niemals einen Doktor oder einen Lagerkommandanten nötig gehabt. Er war der Herrscher da. Er hat gemacht, was er wollte. Ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam, Hohes Gericht, daß er alles auf seine eigene Rechnung gemacht hat. Er hat keine Befehle bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Weil er hat manche Sachen gemacht, was es niemals gewesen war. Da mußte er schon 1.000 Befehle bekommen haben. Er hat alles alleine gemacht ohne Befehle, weil

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das hat sich herausgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso hat sich das herausgestellt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Wenn er Lust gehabt hat gerade, hat schlecht geschlafen und hat sich gerade etwas geärgert, hat er gesagt: "Ich gehe mal ein paar Juden kaputtmachen." Wen, das spielte keine Rolle. Ich habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wissen Sie das? Haben Sie das gehört oder

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Werde ich Ihnen sagen, wieso. Ja, werde ich Ihnen sagen. Ich habe gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe gehört - weil ich habe das noch nicht zugegeben da in dem Protokoll -, ich habe gehört, daß die Höheren, wie kann man sagen, der Lagerführer oder Lagerkommandant, manches Mal Angst gehabt haben vor ihm. Der Mann, der war da drei Jahre. Er hat getan, was er wollte.

Ich habe gehört von dem Rapportführer Hertwig, daß einmal ein Bombardement war, das war 44 in Auschwitz - nicht in Auschwitz, nur neben Auschwitz. Damals waren so viele SS-Leute getroffen worden, die Blocks und auch Häftlinge da. Das ist neben Auschwitz gewesen, vielleicht zwei Kilometer, das Bombardement. Die Herren sind ins Lager reingekommen. Sie haben sich bei uns im Lager versteckt. Und sie haben gemeint, daß das Lager nicht bombardiert wird. Und es ist wirklich nicht bombardiert worden, nur die SS-Blocks da, die neben den anderen standen. Da bin ich in Block 3 gewesen. In Block 3 war ein Schmied. Sie wissen, was ein Schmied ist? Der Eisen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Schmied.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, da unten im Keller für das Lager. Das war ein bißchen zementiert. Da ist der Rapportführer Hertwig gekommen, ein großer junger Mann, Mensch, zwei Sterne, also Rapportführer. Und er ist da unten gewesen. Ich habe nicht mit ihm gesprochen, ich bin aber dabeigewesen, wie einer gesagt hat: "Herr Rapportführer, Kaduk ist da." Sagt er: "Lassen Sie mich in Ruhe. Ich will nichts von ihm wissen. Sagen Sie gar nicht, daß ich hier bin." Also bitte schön, ein erster Rapportführer! Das habe ich mit meinen Ohren gehört. Als wollte keiner von diesem Mörder wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun habe ich Sie gefragt, wieso Sie wissen, daß bei dieser Selektion, als Horowitz und Kolawski zum Tode ausgewählt worden sind, außer dem Kaduk sonst niemand da war.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Soviel ich weiß, haben Sie gesagt, es sei noch ein Blockführer dabeigewesen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, ja. Blockführer nimmt er immer mit. Alleine tut er das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer der Blockführer war?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. Und wieso wissen Sie, daß diese beiden alleine diese Selektion ausgeübt haben?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Woher ich weiß?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich bin doch im Lager gewesen. Sie haben doch gesagt: "Kaduk war da." Man hat mir doch erzählt [+ von] Kaduk. Ich wollte mich da sehen lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Also hat Horowitz Ihnen erzählt, Kaduk war allein da.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Mit einem Blockführer.

 

Vorsitzender Richter:

Mit einem Blockführer.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Kaduk. Der Name Kaduk heißt doch "Teufel", das wissen Sie doch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nicht etwa, daß ein Arzt noch dabei war oder sonst

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Den hätte ich hereinkommen sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, Sie konnten doch nichts sehen. Sie waren doch gar nicht dabei.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Pardon, Herr Präsident, den hätte ich ins Lager hereinkommen sehen. Das hätte man schon gewußt, ob ein Obersturmführer oder so was von den Ärzten reinkommt. Hätte man schon gewußt, da im Lager erzählt: Da waren auch Ärzte. Nein, es war keiner da, Kaduk allein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und hat Kaduk mehrere dieser Selektionen durchgeführt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das kann ich Ihnen jetzt genau [+ nicht sagen]. Ich weiß noch von zwei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Wenn er hat weitergemacht mehrere, das habe ich gehört im Lager, daß Kaduk da war. Weil ich bin immer zusammengekommen mit den Prominenten: mit dem Lagerkapo, mit dem Lagerältesten, mit den Blockältesten. Aber nur im Vertrauen mit den roten Winkeln. Das waren unsere Kameraden, die Politischen. Und bei den grünen Winkeln, da mußte man aufpassen, mit denen hat man niemals etwas zu tun gehabt. Das waren Berufsverbrecher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie bitte folgendes: Sie haben uns dann eben erzählt, wie er aus Block 9 etwa 150 Häftlinge im Nachthemd herausgetrieben, auf Lastwagen verladen habe. Er sei selbst mit einem Motorrad hinter dem Lastwagen hergefahren.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, er ist gesessen in dem...

 

Vorsitzender Richter:

Beiwagen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Beiwagen. Und der Blockführer - ich habe sie fahren gesehen - ist auf dem Motorrad gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und sagen Sie: Wieso wissen Sie, daß diese Leute vergast worden sind?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das habe ich doch nachher gehört. Das ist doch keine Frage, Herr Präsident, daß ich das hier noch auseinanderlegen soll. Das ist doch zu tausend Prozent so gewesen. Ich habe nachher gehört da in dem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Tausend Prozent sind ein bißchen zu viel. Uns würden hundert genügen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, aber so weit ist das, das sind tausend, nach meiner Meinung.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge, haben Sie es hinterher erfahren?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, in Block 9, sicher, daß die alle

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und von wem?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Von dem Blockältesten, von dem Friseur da, von den Doktoren, daß diese alle von Kaduk zum Vergasen ausgesucht worden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und daß sie vergast worden sind, haben Sie das auch gehört?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Aber sicher. Sie sind nicht mehr zurückgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind nicht mehr zurückgekommen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

War das das einzige, was Sie gehört haben? Oder haben Sie gehört, daß sie vergast worden sind?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Vergast worden sind, gleich auf diese

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben mal ausgesagt: "Später habe ich dann von dem Schreiber vom HKB erfahren, daß diese Leute vergast worden sind."2

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Sicher. Jawohl, jawohl, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun möchte ich eigentlich zunächst eine kleine Pause einlegen, und zwar bis um viertel nach zehn.

 

- Schnitt -

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk auch einmal rasiert hätten. Das interessiert mich insofern, als ich daraus den Schluß ziehen könnte, daß Sie also den Kaduk wirklich nicht verwechseln konnten mit einem anderen. Wie war das mit dem Rasieren?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das war in 44, im Sommer, sicher. Es scheint, daß das SS-Kommando von den Friseuren - die hatten ihren Platz außerhalb des Lagers, nebenan, bei der Politischen Abteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und die, scheint es, sind auf Außenkommando gewesen, sind weggegangen. Und einmal kommt der Schreiber. Er sagt: "Friseur, Lagerfriseur, du mußt kommen, Kaduk rasieren." Sage ich: "Was, ich Kaduk rasieren? Wie kommt das auf einmal? Ich bin doch Jude." "Nee, nee, komm, weil du bist so." Also so war das.

Ich komme herein in Block 24, da steht Kaduk. Und ich stelle mich gleich hin. Sage ich: "Nummer 64.000 soundso viel meldet sich zur Stelle, Herr Rapportführer." "Bist Jude?" "Jawohl." "Komm, du wirst mich rasieren!" "Gut." Und nimmt die Pistole heraus und legt sie auf den Tisch. "Du verdammter Jude", sagt er, "wenn du mir nur ein klein bißchen wo einen Schnitt gibst, wenn ich Blut sehe, da kriegst du von mir einen Genickschuß." Na, das war seine Spezialität. Und ich habe mich verabschiedet. Ich wollte noch leben bleiben, ich war schon 44. Ich habe mich von meiner Familie verabschiedet, also innerlich, Herr Präsident, und von allen.

Ich habe eine Tasche gehabt mit verschiedenen Rasiermessern. Und ich habe [+ mir] gesagt, jetzt ist mein Ende, weil ich war zu nervös, aufgeregt. Da habe ich so ein breites Messer rausgenommen, und ich habe angefangen zu rasieren - ich muß lachen jetzt dabei, weil ich hier sitze. Warum habe ich ein breites Messer genommen? Ich habe mir gesagt: Wenn ich sehe, daß Kaduk Blut auf der Backe hat oder an der Kehle, da schneide ich ihm selbst die ganze Kehle durch. Das war mir ganz egal, ich war [sowieso] tot. Und ich habe schon auf die Pistole geguckt, mir einen Genickschuß zu geben. Ich wußte doch, ich wäre [sowieso] tot. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich wäre damals der Held geblieben, und es wären Tausende Menschen, Häftlinge, Freunde, noch leben geblieben. Also der liebe Gott hat das so gewollt, und ich habe Kaduk wunderbar rasiert. Und ich bin noch dem Tode entrissen, also befreit worden.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie wissen auf jeden Fall genau, wer Kaduk war, und es besteht gar keine Möglichkeit, daß Sie sich in seiner Person irren.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, wenn ich drei Jahre mit meinem Vorgesetzten sitze. Ich sehe ihn doch jeden Tag ein paar Mal. Er ist reingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben dann auch irgendwann einmal eine Exekution miterlebt, bei der Leute aufgehängt worden sind.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das war, kann ich mich erinnern, ein Tag vor Weihnachten. Ich glaube, 44. Da waren Polen und zwei Österreicher aufgehängt worden. Da bin ich nicht alleine dagewesen. Es sind noch mehr Häftlinge dagewesen, haben alles gesehen. Da habe ich mich gewundert, Herr Präsident. Da wollte der Kaduk sehen, ob sie wirklich tot sind.

Ja, da will ich noch unterbrechen. Bevor er sie gehängt hat... Er war immer mit dabei. Ob er sie allein gehängt hat, kann ich mich nicht erinnern, aber er war mit dabeigewesen bei dem Überfall. Und sie haben auf Polnisch gerufen: "Leben soll Polen, leben sollen sie alle! Nieder mit dem Faschismus! Nieder mit Hitler!" Und der Österreicher, der Wiener, hat geheißen - wie hat er noch geheißen, ich meine den Namen - Hans. So ein Schreiber, ein Schreiber von Block 4. Nachher war er in Block 4 übergesiedelt, ein Jahr später.

 

Vorsitzender Richter:

Hieß er vielleicht Rudi Friemel?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Rudi, glaube ich, heißt er, ja. Ein Schreiber von Block 4. Das war mein Schreiber. Ich habe nachher darin mit dem gewohnt. Und hat geschrien: "Leben soll", ich meine, "die Republik! Nieder mit Hitler! Nieder mit den Nazis!" So. Es ist sehr mörderisch zugegangen, ich kann es nicht anders sagen. Und [+ Kaduk] wollte sehen, ob sie noch leben. Hat er jeden [einzelnen]- mit meinen Augen [+ habe ich es gesehen], Herr Präsident - gezogen mit den Füßen, daß sie richtig noch mehr die Zunge heraus...

 

Vorsitzender Richter:

Gehängt waren, ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das habe ich gesehen, nicht wahr. Dann sind sie noch hängengeblieben. Dann mußte man noch durchmarschieren und [sie noch ansehen]. Weil ich bin immer vorne gestanden, ich war immer da. Das habe ich gesehen.3

 

Vorsitzender Richter:

Als die nun schrien: "Es lebe Polen!", was hat er denn da gemacht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Na ja. Er ist nicht ruhig stehengeblieben. Er hat vielleicht, ich meine, mit seinen Händen beigetan, zu schlagen. Das ist hundert Prozent sicher. Aber

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie hatten mal gesagt, er hätte ihnen mehrmals auf den Kopf geschlagen, so daß das Blut gespritzt wäre.4

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das ist hundert Prozent sicher, Herr Präsident. Ich meine, Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich hier noch nachträglich was sage, was nicht in meinem Protokoll steht. Aber das ist sicher. Er wollte sicher sein, daß sie tot sind.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dort auch den Angeklagten Hofmann gekannt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was hat er für einen Dienstgrad gehabt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Obersturmführer.

 

Vorsitzender Richter:

Obersturmführer.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Vom Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Wann haben Sie den kennengelernt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe ihn nicht kennengelernt, ich habe ihn nur gesehen. Ich habe ihn damals gesehen - darf ich ein bißchen leiser sprechen, Herr Präsident?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich bin nicht aufgeregt, bin ich gar nicht. Ich spreche sehr zur Sache, weil ich mir sicher bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe ihn damals auftauchen sehen, als der Lagerkommandant Liebehenschel nach Berlin abberufen worden ist. Da ist er der Herrscher geworden mit Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Lager I?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

In dem Hauptlager Auschwitz. Ja, in dem Hauptlager. Das war so: Ich war damals noch nicht Lagerfriseur. Das war, glaube ich, in 43 oder 44, ich weiß nicht, wann das war. Weil ich bin erst 44 Lagerfriseur geworden. [...] Aber es war meine selbe Arbeit gewesen. Auf einmal ist im Quarantäneblock 8a, da kommen doch jeden Tag Transporte an, ein Scharlach ausgebrochen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Zwei zu drei Menschen sind die Neuen reingekommen. Da ist der Obersturmführer gekommen, der Doktor - wer das war, weiß ich nicht -, und hat den Befehl gegeben, daß wir sechs Wochen geschlossen drinbleiben müssen. Allein der Blockälteste mit dem Schreiber ist draußen gewesen, die haben extra ein Zimmer gehabt. Und die haben uns Proviant und so gebracht. Doch in dieser Zeit, als ich gesessen bin, ist ein Appell gewesen: Lagersperre. Das war, als die Kommandos herausgegangen sind zu der Arbeit, ist nachher ein Appell von dem inneren Kommando, von dem Lagerkommando, [+ durchgeführt] worden. Hofmann hat den Befehl gegeben - da war Kaduk mit dabei: Alle Juden, nur Juden, antreten, die im Lager beschäftigt sind. Blockfriseure, Stubendienste, Schreiber, Bekleidungskammer, Küche, alles. Das waren vielleicht 150, 180, ich kann nicht wissen, die sind angetreten.

 

Vorsitzender Richter:

Wo?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Auf dem Platz in Auschwitz vor der Küche.

 

Vorsitzender Richter:

Vor der Küche.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Ich war nicht dabei. Aber das alles, was ich jetzt hier erzähle, das hat mir nachher, als er reinkam, der Blockälteste mit dem Schreiber vorgelegt. "Du hast Glück gehabt. Du bist leben geblieben."

Und sie kommen zu laufen, raus, ohne Frage, mit Frage, sie wußten nicht, was der Befehl war. Und er sagt folgendes: "Ihr verdammten Schweinehunde, ihr Judenlümmel, was denkt ihr eigentlich? Der Führer hat euch hierher geschickt, ihr sollt euch vollfressen? Ihr kommt ins Himmelkommando." Das waren die Worte, die der Hofmann, der Lagerführer, zu diesem Kommando gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und das hat Ihnen der Kazubek nachher erzählt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, der Schreiber mir. Mußte doch erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und: "Rechts um, Marsch!" Weil die Blockältesten sind alle auf Appell gewesen, nur die von Blocks, wo Juden beschäftigt gewesen sind. Nicht alle Blockältesten, nur die. Und ich war doch da Jude. Und die haben gesehen, wie draußen vor dem Tor "Arbeit macht frei" steht, gesehen, wie SS mit Hunden, mit den Bluthunden, mit den Schäferhunden... Und die haben gesagt: "Ihr kommt ins Himmelkommando!" Das hat noch der Hofmann nachher gesprochen: "Denkt ihr, der Führer hat euch so hergeschickt? Ihr kommt ins Himmelkommando! Marsch, weg!"

Da sind sie gegangen in das Waldkommando, Strafkommando. Ich glaube, das ist bei Birkenau, ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern, wo das war. Und innerhalb von 24 Stunden, Herr Präsident, Hohes Gericht, sind die - sie waren vollgegessen, die Jungs, sie waren stark, sie sind im Lager gewesen - aufgefressen worden von den Hunden und erschossen worden. Und ich als einziger Jude, Stubendienste, Blockfriseur von Auschwitz, bin leben geblieben.

Wieso ist das gekommen? Ich habe mich nachher erkundigt bei dem Lagerältesten, bei den Alten. Die haben das nachher erzählt. Es ist keiner mehr übriggeblieben, sie sind alle vernichtet worden. Beweis ist gewesen, daß diese Häftlinge nicht mehr zurückgekommen sind. Die sind in kein anderes Lager gegangen. Sie sind halb angezogen, halb nackt gegangen, verstehen Sie, sie mußten keine Pakete mitnehmen. Sie mußten [nichts einpacken]. Sonst, wenn einer auf ein anderes Kommando geht, muß er seine Sachen mitnehmen. Und seit damals habe ich meine Kollegen, meine Freunde nicht mehr gesehen. Und ich bin im Block drin geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie, konnten Sie auch einmal Hofmann beim Ausmarsch der Arbeitskommandos beobachten?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Das kann ich nicht mehr erinnern. Ich habe ihn nur gesehen, ja, auf dem Appell. Aber sonst habe ich [+ ihn] nicht gesehen. Ich habe nur Kaduk gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, daß einmal am Tor etwa 400 bis 500 Juden ausgesondert worden sind, die nach Block 2a gekommen sind?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl, Herr Präsident. Es ist genauso, wie wenn ich das jetzt mitgemacht und gesehen hätte. Das ist mir im Gedächtnis geblieben, in meinen Gedanken.

 

Vorsitzender Richter:

Wo standen Sie denn damals?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Immer vorm Tor. Ich stand überall. Bei den Kommandos, ich habe mal gesprochen mit dem Kamerad, mal mit dem Kamerad. Der Hofmann hat den Kapos einen Befehl gegeben, daß von jedem Kommando soundso viel Juden mußten rausgehen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ausgesondert werden.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Rausgehen, ja. Weil wir kriegen neue Marchandise, neue Ware, es kommt neue. Wenn Sie ein Geschäft haben, verkaufen etwas, muß man immer neue Ware da [+ haben]. Da habe ich auch gesehen, was ich da nicht gesagt habe, in dem Protokoll. Da kann ich mich jetzt erinnern. Da habe ich gesehen, wie Kaduk zugegangen ist und hat mit dem Stock, den er so gehabt hat, gezeigt: "Raus! Raus! Raus!" Immer weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht Hofmann?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Hofmann [hat den Kapos den Befehl gegeben], daß die raus sollen, soundso viele Juden. Kaduk war dabei. Das war ein Kompagnongeschäft. Was der Lagerführer gesagt hat, hat Kaduk vielleicht nicht mit eingestimmt. Und [+ zu dem], was Kaduk gesagt hat, hat der Lagerführer immer gesagt: "Jawohl. Jawohl." So einer war der Herrscher von Auschwitz. Und man hat sie reingeführt nach Block 2a, Herr Präsident.

Hören Sie, was ich jetzt hier erkläre, Herr Präsident?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Oben in dem Söller sind sie gesessen, und man durfte nichts, gar nichts essen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo sind sie gesessen?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Oben am Söller, heißt das.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, auf dem Boden. Auf dem Dachboden, ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Da oben, ja. Und alles gesunde junge Menschen. Man durfte [+ ihnen] gar nichts beigeben, nichts zu essen geben. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Kaduk sich am Tag ein paarmal da bei diesem Block 2 gedreht hat, geguckt, ob jemand da rauf kommt, ob jemand geht. Trotzdem, Herr Präsident, haben wir unser Leben [+ darauf] eingestellt und haben manches Mal Essen raufgeschoben. Aber ganz wenig. Auf einmal, nach zwei, drei Tagen, wußte man, daß Liebehenschel kommt, der Lagerkommandant kommt. Der Lagerälteste, der wußte das, der war doch der Chef von dem. Er hat mir doch gesagt: "Sag einmal, hoffentlich wird das gut klappen, der Kommandant kommt."

Und wirklich wahr, Liebehenschel ist gekommen, zurück von Berlin. Da war ein Appell, ein Lagerappell, nicht ein Appell von den Kommandos, Lager. Da mußte der Lagerälteste seinen Rapport abgeben: Soundso viele Häftlinge, soundso viele Kranke liegen noch in den Blocks. Hat er gesagt: "Noch circa 500, 400 Häftlinge oben in Block 2." Sagt der: "Was ist los?" Sagt er: "Hofmann, Kaduk, also Hofmann, der Lagerführer, hat sie ausgesucht zum Vergasen." Und das war der Fall, sagt er: "Antreten! Sollen runterkommen in der Reihe!"

Herr Präsident, ich kann hier feierlich erklären, hier in diesem heiligen Saal, Hohes Gericht, daß ich meine Kameraden nicht mehr erkannt habe. Sie waren nicht mehr schwarz, nein, sie waren weiß, grau und mager. Die waren, ich kann hier nicht alles... Ich möchte hier gerne weinen, aber ich kann das nicht. Die waren so zugerichtet, sie haben gewußt, sie gehen sterben. Sie waren beschmutzt von dem, was sie unter sich gemacht hatten. Und sie dachten, daß sie jetzt gerufen werden zum Vergasen. Sie haben geschrien: "Wir sind unschuldig! Wir wollen leben! Wir arbeiten, wir haben nichts gemacht!"

Sie wußten nicht, daß sie befreit werden. Liebehenschel hat sie angeguckt und hat zu dem Lagerältesten gesagt: "Diese Häftlinge kriegen zwei Tage Rüste und doppelte Portionen." Und diese Häftlinge haben sich [umarmt], sie haben sich geküßt. Sie wußten nicht, sind wir verrückt geworden. Sie haben geweint, sie sind auch zurück in ihren Block gegangen. Und sie durften wieder zurück in ihre Kommandos. Das habe ich gesehen, wie Liebehenschel Hofmann gerufen hat und mit ihm was gesprochen hat. Zwei Tage später, ich kann mich nicht erinnern, [oder] drei Tage, ist Hofmann aus Auschwitz verschwunden. Er hat ihn versetzt nach Flossenbürg oder nach Dachau. Das war das. Ende, Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das ungefähr?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Herr Präsident, das ist für mich eine schwere Aufgabe. Ich kann Ihnen das nicht mehr sagen, wirklich wahr, wann das war. Fragen Sie bitte vielleicht den Angeklagten. Er wird Ihnen vielleicht genau sagen, wann das war - wenn er die Wahrheit sagen wird.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Und wo Kaduk hingekommen ist, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Nein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wo Hofmann damals hingekommen ist, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, man hat mir im Lager erzählt, Hofmann ist versetzt worden. Also er ist versetzt worden in ein kleineres Lager, das habe ich gehört. [Nach Flossenbürg] oder nach Dachau, glaube ich. Ich weiß nicht, wohin. Aber ich habe mich nachher erkundigt, ich weiß nicht, ich habe nicht gefragt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Hat das Gericht noch Fragen? Die Staatsanwaltschaft? Keine Fragen. Herr Rechtsanwalt Ormond, Raabe?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung? Keine Fragen. Bitte schön, Herr Doktor Staiger.

 

Verteidiger Staiger:

Ich habe nur eine Frage, Herr Zeuge. Sind Sie dem Angeklagten Kaduk gegenübergestellt worden?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Verteidiger Staiger:

Haben Sie Kaduk sofort wiedererkannt?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Angeklagter Kaduk:

Nein.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich will Antworten geben. Fragen Sie mich die Frage, dann will ich antworten.

 

Verteidiger Staiger:

Ich muß Ihnen dann den Vorhalt machen...

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja? Darf ich antworten?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Moment mal, warten Sie mal, was er sagt.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja.

 

Verteidiger Staiger:

Auf Blatt 5.619. Ausweislich des Protokolls5 bei Ihrer damaligen Vernehmung haben Sie Kaduk nicht sofort wiedererkannt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Also es ist richtig, daß hier im Protokoll drinsteht, daß der Zeuge Kaduk am 23.5.1960 gegen elf Uhr Ihnen gegenübergestellt worden ist. Und dann heißt es weiter: "Der Zeuge hat Kaduk nicht sofort wiedererkannt." Stimmt das?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Darf ich antworten, Herr Präsident?

 

Vorsitzender Richter:

Ja bitte schön.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Als ich hierher nach Frankfurt gekommen bin, um wegen dieser Sache von Hofmann [auszusagen], hat man mir gesagt, daß Kaduk da ist. Sage ich: "Das ist unmöglich." Ich bin dessen gewahr geworden beim Obergeneralstaatsanwalt Doktor Bauer. Sage ich: "Das ist unmöglich, das [gibt es nicht], daß Kaduk noch lebt."

So haben wir [geredet]. "Ja", sage ich, "ich habe noch eine Bitte: Ich möchte Kaduk sehen." Der Staatsanwalt hat mir das bewilligt. Ich bin hingefahren mit zwei Inspektoren ins Gefängnis. Na, Sie wissen doch, nach so vielen Jahren. Ich habe mir den Kaduk angeguckt und gesagt: "Ja, ist er es, ist er es nicht? Moment. Aber wenn ich ihn richtig erkennen soll, muß ich seine Hände sehen, seine langen Mörderhände." Hat der Inspektor gesagt: "Zeigen Sie mal die Hände." Da habe ich laut gerufen: "Jawohl, das ist Kaduk! An den Händen erkenne ich Kaduk." Das war es. Ich habe nicht gesagt, daß ich Kaduk nicht kenne. Das ist nicht wahr, daß ich es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Sie haben damals etwas anderes gesagt.

 

Verteidiger Staiger:

Noch eine Frage.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

"Im Laufe der Unterhaltung erklärte der Zeuge jedoch, daß er Kaduk an seinem Sprechen und seinen Bewegungen einwandfrei wiedererkenne." Von Händen ist da nichts im Protokoll.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja. Ich habe aber da "die Hände" gesagt. Das Sprechen, selbstverständlich. Wenn man einen 20 Jahre nicht sieht, Herr Präsident, dann kann man doch im Moment nicht sagen: Es ist derselbe von vor 20 Jahren. Aber ich habe ihn erkannt an seinen Schlachthänden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Und dann nachher auch seine Sprache, selbstverständlich, und alles. Und dann habe ich mich mit dem unterhalten, Herr Präsident. Darf ich das auch hinzufügen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Sage ich: "Kaduk, du weißt doch noch, wenn ich dich in dem Block 24 rasiert habe." "Du, Jude? Du hast mich nicht rasiert." Sage ich: "Jawohl, ich werde hier [unverständlich] so, so, so und so." Gibt er mir folgende Antwort: "Du hättest mir den Hals durchschneiden müssen. Ein für allemal wäre ich tot gewesen, wäre alles für mich erledigt. Warum bin ich Idiot hierher gekommen von Rußland, vom Osten? Warum habe ich das gemacht? Ich habe selbst schuld daran, was ich gemacht habe."

Ich habe ihm geantwortet: "Wenn die russische Justiz und die polnische gewußt hätten, daß du der echte Kaduk bist", da wäre schon kein Gramm von seinem Gewicht mehr dagewesen. Und dann habe ich gesagt: "Mörder." Hat er auf den Tisch geklopft und gesagt: "Ich verbitte mir, Mörder zu sagen." Dann hat mir der Inspektor gesagt: "Monsieur Jakubowitz, ich bitte Sie, er ist noch nicht bestraft worden, Sie haben kein Recht, Mörder zu sagen." Da habe ich ihn "die Figur" gerufen. Weil die haben im Lager auch gerufen: "Figuren", "zehn Figuren", "20 Figuren". Und da habe ich noch gesagt: "Ich darf ihn doch Figur rufen?" "Ja", sagt er, "das dürfen Sie." Das war mein ganzes...

 

Verteidiger Staiger:

Keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen die Angeklagten noch eine Erklärung abgeben? Hofmann?

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, der Zeuge gibt hier an, daß während der Abwesenheit von Kommandant Liebehenschel, als er sich nach Berlin begeben hat, daß ich während dieser Abwesenheit Herrscher mit Kaduk im Lager war. Während der Abwesenheit von Kommandant Liebehenschel war stellvertretender Kommandant Hauptsturmführer Zoller. Ich habe meinen Dienst genauso weiter versehen wie vorher. Eine Selektion während der Abwesenheit von Kommandant Liebehenschel fand nicht statt, wie der Zeuge angibt von Block 8. [+ Es] fand keine statt. Die Angaben sind unwahr. Weiter möchte ich betonen...

 

Vorsitzender Richter:

Nein, er hat ja auch nicht behauptet, daß diese Selektion auf Block 8a stattgefunden habe. Sondern er hat gesagt, aus sämtlichen Arbeitskommandos sind etwa 200 Juden herausgeholt worden, die dann nach Block 2a kamen.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, auch das nicht. Weiter möchte ich erwähnen, mit diesem Kommando im Block 2a: Diese Selektion - da hat eine Selektion stattgefunden, und zwar handelte es sich da um 400 bis 500 Gefangene. Liebehenschel, damals Kommandant, und ich damals als 1. Schutzhaftlagerführer haben die Sache besprochen. Liebehenschel begab sich aufgrund unserer Aussprache - Liebehenschel und ich alleine - nach Berlin, um diese Selektion, diese Vergasung, zu unterbinden. Liebehenschel kam mit dem Bescheid zurück: "Hofmann, diese werden nicht vergast. Die kommen zurück ins Lager." Und nicht, wie der Zeuge angibt, vergast. Das ist unwahr, was uns der Zeuge hier angibt.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Moment.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ich habe nicht gesagt: vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, einen Augenblick mal. Das ist doch gar nicht klar, was Sie hier sagen. Denn daß die Leute zunächst einmal ausgesondert worden sind, daß eine Selektion stattgefunden hat, das geben Sie ja eben selbst zu.

 

Angeklagter Hofmann:

Das gebe ich zu, jawohl. Die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und zu welchem Zweck sollte denn die Selektion stattfinden?

 

Angeklagter Hofmann:

Das ist mir unbekannt. Das war ein Befehl von Berlin. Und Liebehenschel begab sich...

 

Vorsitzender Richter:

Das ist Ihnen unbekannt? Sie sagen doch eben: "Liebehenschel kam zurück und hat gesagt: Diese Leute werden nicht vergast."

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Folglich muß doch anscheinend vorher die Absicht bestanden haben, sie zu vergasen.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, jawohl, das wollte ich eben erwähnen.

 

Vorsitzender Richter:

Schön.

 

Angeklagter Hofmann:

Die Selektion fand vorher statt. Und auf Befehl von Liebehenschel, Liebehenschel gab mir Bescheid, die Häftlinge auf Block 2a zusammenzuziehen, und: "Ich fahre inzwischen nach Berlin und werde die Sache regeln." Liebehenschel kam zurück mit dem Bescheid, daß sie nicht vergast werden. Die kommen wieder zurück ins Lager. Ja. Und die wurden nicht vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also das ist mir nicht ganz klar. Wenn es so gewesen wäre, hätte doch der Liebehenschel mit der Selektion warten können, bis überhaupt die Sache geklärt war. Was sollen denn erst die Leute ausgesondert und eingesperrt werden, gesondert untergebracht werden, und dann fährt Liebehenschel nach Berlin und erreicht, daß sie nicht vergast werden sollen. Das beißt sich doch. Da braucht er sie doch erst gar nicht zu selektieren.

 

Angeklagter Hofmann:

Das stimmt wohl. Aber der Befehl war eben dagewesen, die zu selektieren. Aber aufgrund dieser Aussprache von Liebehenschel und mir haben wir das, hat Liebehenschel das dann unterbunden. Wir sind dann nochmals nach Berlin gefahren und haben das unterbunden.

 

Vorsitzender Richter:

Andere Befehle sind auch nicht durchgeführt worden in Auschwitz, nicht? Na ja. Also Sie sagen jedenfalls, Sie haben die Selektion nicht angeordnet.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, das ist unwahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja aber der Herr Liebehenschel war doch Kommandant, nicht.

 

Angeklagter Hofmann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Der Kommandant hat ja niemals selbst eine Selektion durchgeführt, sondern der hat doch höchstens - höchstens - den Befehl gegeben. Durchgeführt wurden diese Sachen doch innerhalb des Lagers, also unter Aufsicht und Anweisung des Lagerführers. Sie waren doch damals verantwortlicher Lagerführer. Haben Sie denn wenigstens diesen Befehl gegeben, daß selektiert werden soll?

 

Angeklagter Hofmann:

Nein. Während der Zeit von Mitte November 43 bis 15. Mai 44, als Liebehenschel Kommandant war und ich war 1. Schutzhaftlagerführer in Auschwitz I, im Stammlager, fand eine Selektion statt, und zwar im Januar. Und diese Selektion mußte auf Befehl von Berlin durchgeführt werden, unter Anwesenheit der Ärzte. Und sonst fand während der Zeit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was geschah mit den Leuten, die damals selektiert wurden?

 

Angeklagter Hofmann:

Wie die Zeugen angegeben haben, auch Zeugen angegeben haben, Wörl und sonst verschiedene noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wenn die auf Befehl von Berlin durchgeführt werden mußte, wer hat denn im Lager die Anweisung dazu gegeben?

 

Angeklagter Hofmann:

Die Anweisung kam vom Kommandant beziehungsweise vom Standortarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn nachher diese Anweisung des Kommandanten im Lager durchgeführt?

 

Angeklagter Hofmann:

Die Ärzte. Vom Arzt wurde die durchgeführt, die Selektion. Das war eine reine Selektion vom Arzt, vom Lagerarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie hatten da gar nichts damit zu tun?

 

Angeklagter Hofmann:

Ich hatte lediglich die Personalien zu erstellen. Ich mußte ja wissen, wer das Lager verläßt. Sonst war meine Aufgabe keine.

 

Vorsitzender Richter:

Schön, haben Sie sonst noch

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Und versetzt wurde ich nicht, wie er sagte, anschließend. Warum? Weil ich vom Block 2a diese Selektion - also sozusagen wurde ich nicht deswegen versetzt. Sondern ich wurde am 15. Mai 44 mit Liebehenschel als Kommandant, gemeinsam wurden wir beide versetzt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich habe eine Frage an den Angeklagten Hofmann. Sie sagten eben, während der Abwesenheit von Liebehenschel sei Zoller zuständig gewesen.

 

Angeklagter Hofmann:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Für was war der denn da zuständig?

 

Angeklagter Hofmann:

Als stellvertretender Lagerkommandant.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und was war denn der Zoller?

 

Angeklagter Hofmann:

Zoller war damals Hauptsturmführer, Adjutant.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der war Adjutant.

 

Angeklagter Hofmann:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun haben wir doch hier immer gehört, daß die Adjutanten mit dem Lager überhaupt nichts zu tun hatten.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Staatsanwalt, das habe ich schon hier im Laufe des Prozesses klargelegt. Laut Dienstvorschrift von der Amtsgruppe D6 war Kommandant der erste Mann und jeweils der 1. Schutzhaftlagerführer Stellvertreter des Kommandanten. Da bei Liebehenschel Zoller Hauptsturmführer war und Adjutant und ich 1. Schutzhaftlagerführer und nur Obersturmführer, war das ein Ausnahmefall. Da hat Liebehenschel auch seinen Adjutanten, Hauptsturmführer, als stellvertretenden Kommandanten eingesetzt. Sonst war es überall nur der 1. Schutzhaftlagerführer. Das war hier ein Ausnahmefall.

 

Vorsitzender Richter:

So. Dann nehmen Sie wieder Platz. Sie wollten noch etwas sagen.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, ich wollte noch [+ etwas] hinzufügen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Die Sache, Hohes Gericht, Herr Präsident, da ist mir etwas nicht klar. Das ist unmöglich, weil der Lagerkommandant Liebehenschel hat nicht gewußt, wer da oben in Block 2a sitzt. Er ist dessen erst gewahr geworden, als der Lagerälteste, Advokat Doktor Dürmayer, mitgeteilt hat, [soundso viele Häftlinge sind dort]. Sagt er: "Wer ist denn oben? Was für Häftlinge sind da, sind das ›Muselmänner‹?" Sagt er: "Nein, die sind rausgezogen vom Lager." Also von den Kommandos.

Das ist mir im Kopf geblieben. Ich möchte weinen, aber ich will das nicht, weil ich das gesehen habe damals, die Rettung, genau wie aus einer Kohlengrube. Man rettet sie aus den Kohlenminen, sie sind am Leben geblieben. Und dann hat, als alles in Ordnung war - wie ich erklärt habe, zwei Tage Schonung und Urlaub -, hat der Lagerkommandant Liebehenschel den Lagerführer Hofmann gerufen und hat mit dem was gesprochen. Nachher ist es zu Ohren gekommen, weil man hat ihn den dritten Tag nicht mehr gesehen, daß der Lagerkommandant Hofmann zur Strafe in ein kleineres Lager versetzt hat.

Ich möchte hier noch hinzufügen, was das vielleicht auch für das Hohe Gericht wert ist. Nach meiner Meinung - ich meine, ich muß sie Mörder rufen, weil sie auch lebenslang verurteilt... Hofmann hat sehr viel Geld, Millionenwerte in Brillanten, in Gold. Er war der Herrscher davon. Und ich möchte Sie bitten, das Gericht soll die Sache untersuchen, [wo] das alles geblieben ist.

Von dem Lager "Kanada" hat er damals mir bekannten Frauen [die Anordnung erteilt]. Da sind ganze Berge voll mit Schuhen gelegen. Die Schuhe mußten untersucht und die Sohlen abgerissen werden. Und da ist - haben mir meine Freunde, sie leben noch heute in Antwerpen, erzählt - ein ganzes Vermögen rausgekommen, Millionen, Dollars, in verschiedenen Valuten. Und alles wurde abgegeben dort beim Lagerführer Hofmann. Kaduk war zu dumm dazu, so klug ist er nicht gewesen.

Und so, wie ich es gehört habe, ist der Hofmann zwölf Jahre untergetaucht, also versteckt worden. Ich sage: Das Männeke, der Mann, der hat was geschaffen, der hat Millionen und Millionen in seinem Besitz. Ob er es hat, ob die Familie es hat, das weiß ich nicht. Ich bitte das Hohe Gericht, die Sache zu untersuchen.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, ich möchte zu diesen Angaben des Zeugen noch Näheres angeben. Wo, ich frage jetzt den Zeugen, wo ist das Vermögen, was ich da unterschlagen habe? Wo war ich versteckt? Ich war von 45 in der Gemeinde achteinhalb Jahre überall unter meinem Namen polizeilich gemeldet, wie sich das gehört. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

So

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Ich finde tatsächlich, Herr Vorsitzender, wenn man das hört von Zeugen, diese Lügen! Man kann sie greifen, kann man sie.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also wir wollen uns hier gegenseitig

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Ich bitte, das zu überprüfen, Herr Vorsitzender, der Staatsanwaltschaft zu übergeben, wo ich das Vermögen habe, was ich da unterschlagen habe in Auschwitz. Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Darf ich antworten, Herr [+ Präsident]? Bitte erlauben Sie mir, noch einmal [auf der Stelle] zu antworten.

 

Vorsitzender Richter:

Es hat ja keinen Zweck.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es ja auch nicht, wo es ist.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Ja, aber ich möchte ihm antworten. Lügen, nicht wahr, dann will ich, [damit laß ich mir nicht kommen].

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie wissen

 

Zeuge Nathan Jakubowitz [unterbricht]:

Darf ich, Herr Präsident

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja. Es hat ja nun keinen Zweck mehr.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Er weiß doch, daß er gelernt hat als Nationalsozialist, der Führer hat gesagt: "Ihr dürft nicht lügen, ihr müßt immer die Wahrheit sagen." Warum lügt er jetzt das?

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Angeklagter Hofmann:

Da sind die Lügen nicht so groß, wie Sie sie hier vorbringen, Herr Zeuge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ruhig jetzt. Jetzt nehmen Sie Platz. [...] Nehmen Sie jetzt Platz. Kaduk, wollen Sie noch etwas sagen?

 

Angeklagter Kaduk:

Keine Erklärung, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Erklärung. Werden zu der Beeidigung des Zeugen Anträge gestellt? Dann muß der Zeuge beeidigt werden.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen als wahr bei Gott dem Allmächtigen beschwören?

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl. Darf ich den Hut haben?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Nathan Jakubowitz:

Jawohl.

 

- Schnitt -

 

 

 

1. Die Organisation Todt (OT) wurde 1938 für den Bau von militärischen Anlagen gegründet. Während des Zweiten Weltkriegs setzte man die Organisation Todt u. a. für Bauvorhaben in den besetzten Gebieten ein. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 629.

2. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 24.05.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.622.

3. Am 30.12.1944 wurden fünf Häftlinge wegen Fluchtvorbereitungen gehängt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 953 f.

4. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 24.05.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.623.

5. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 23.05.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 33, Bl. 5.619.

6. Amtsgruppe D im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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