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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

128. Verhandlungstag, 15.1.1965

 

Vernehmung des Zeugen Karl Hundhausen

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage] auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Professor, es dreht sich hier darum, daß Sie einem Gespräch beigewohnt haben sollen, das zwischen dem jetzigen polnischen Ministerpräsidenten Cyrankiewicz und dem Herrn Berthold Beitz1 stattgefunden hat.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dieses Gespräch war wo und wann?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Dieses Gespräch fand statt gegen Ende Januar – ich habe das genaue Datum ja in meiner Erklärung abgegeben – 1961 im Gebäude des Ministerpräsidenten in einem großen Sitzungssaal.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo haben Sie diese Erklärung abgegeben, Herr Professor? Darf ich die mal haben?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Am 23. Januar 61.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Wann war das?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

23. Januar

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

23. Januar 61. Und bei diesem Gespräch war außer Ihnen noch wer anwesend?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Es waren anwesend Herr Beitz, der Vizeminister Modrzewski und ein Dolmetscher, dessen Namen ich nicht weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie saßen?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Ich saß links vom Ministerpräsidenten, Herr Beitz saß rechts von ihm. Links von mir saß Minister Modrzewski, und zwischen Modrzewski und Beitz saß der Dolmetscher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, ich will auf den Inhalt des Gesprächs im allgemeinen nicht eingehen und auch nicht auf den Gegenstand des Gesprächs. Das werden wohl Dinge gewesen sein, die außerhalb dieses Prozesses liegen.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Ja, vollkommen außerhalb.

 

Vorsitzender Richter:

Vollkommen außerhalb liegen. Da wollen wir nicht näher danach fragen.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Das Gespräch hat, wie ich, glaube ich, gesagt habe, über zwei Stunden gedauert. Ich habe mir während des Gesprächs mit Genehmigung des Ministerpräsidenten Notizen gemacht. Deswegen weiß ich auch Uhrzeiten, Daten und Einzelheiten so genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dieses Gespräch drehte sich also um Dinge, die mit diesem Prozeß nichts zu tun hatten.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Absolut nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Nun, wie kam denn die Sprache dann schließlich doch auf die Vorgänge in Auschwitz? Oder kam sie darauf? Wollen Sie mal erzählen.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Herr Vorsitzender, wenn Sie sich vorstellen, daß der Ministerpräsident rechts von mir saß, Herr Beitz saß mir etwa gegenüber. Herr Beitz zog aus der Tasche ein Schreiben, gab das dem Ministerpräsidenten und sagte: »Würden Sie das einmal lesen.« Dann faltete er den Brief auf und las ihn, und ich sah, daß auf diesem Brief ein Paßfoto offenbar aufgeheftet war. Und der Ministerpräsident las das Schreiben, er sprach ein paar Worte in Polnisch – ich verstehe kein Wort Polnisch – zu Herrn Modrzewski, und aus diesen Bemerkungen glaubte ich entnehmen zu können, daß das Schreiben in polnischer Sprache abgefaßt war.

Dann fragte Herr Beitz: »Kennen Sie den Mann?« Dann sagte er – ich hatte den Eindruck, daß der Ministerpräsident sehr, sehr ernst war: Ja, er kenne ihn. Dann fragte Herr Beitz: »Stimmt das, was er schreibt?« Dann sagte der Ministerpräsident: »Ja, Einzelheiten«... so etwa, ich weiß nicht mehr genau, ob er sagte: »Ich habe keine zwei Töchter, sondern zwei Söhne«, oder: »Ich habe keine zwei Söhne, sondern zwei Töchter.« Und dann fragte Herr Beitz: »Stimmt denn das, was der Mann hier sagt?« Dann sagte der Ministerpräsident: »Ja, das stimmt. Er hätte mich töten können, das hat er aber nicht getan. Er hätte mit mir machen können, was er wollte.«

Ich habe diese Sätze nicht aus dem Gedächtnis verloren. Ich bin selbst 1958 einmal, als ich einen Vortrag in Krakau zu halten hatte, am Vormittage des Vortrages in Auschwitz gewesen, und ich wußte aus einer Reihe von Begegnungen, daß der Ministerpräsident jahrelang in Auschwitz gesessen hatte. Ich hatte den Eindruck, daß sich das, was in dem Brief stand, auf Auschwitz bezog. Und ich sah es dem Mann an, daß alles das, was er erlebt hat, [für ihn] noch mal sichtbar wurde. Und da machte er noch so eine Bemerkung: »No, daß ich jetzt hier sitze als Ministerpräsident, das ist eigentlich die Folge davon, daß mir damals nichts passiert ist.«

 

Vorsitzender Richter:

Das Wort Auschwitz fiel nicht in dieser Besprechung?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Es fiel weder das Wort Auschwitz noch der Name desjenigen, für den der Brief geschrieben war. Ich habe den Namen jetzt erst gehört, als mich ein Rechtsanwalt der Firma Krupp fragte, ob ich mich an die Sache erinnern könnte. Ich hätte den Namen behalten, Herr Vorsitzender, denn der erste Leiter der polnischen Handelsmission in Deutschland, der hieß auch Dylewski. Ich hätte den Namen nie vergessen.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie ihn gewußt hätten.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Wenn er damals gefallen wäre, wäre mir das durch die Namensgleichheit nicht aus dem Gedächtnis gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Der Name fiel nicht, es fiel nicht [+ das Wort] Auschwitz. Aber ich hatte das Gefühl, daß es mit diesen Dingen zusammenhängt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war ein Gefühl, das sich nicht auf irgendwelche hier anzugebenden Tatsachen gestützt hat. Sie können also nicht sagen, ich habe dieses Gefühl aus den und den Tatsachen heraus gehabt.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern es war eine rein gefühlsmäßige Angelegenheit.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Weil der Ministerpräsident so darauf reagierte, glaubten Sie, daß es sich hier um eine Erinnerung an Auschwitz gehandelt habe. So war es, ja?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Ja. Und dann erklärte der Ministerpräsident, daß er bereit wäre, eine entsprechende Erklärung – offenbar wie sie in dem Schreiben gefordert wurde, das weiß ich nicht – vor einem deutschen oder für ein deutsches Gericht abzugeben. Das ist alles, was ich zu der Sache weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Sind noch Fragen? Von seiten des Gerichts sind keine Fragen mehr? Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke, ich habe keine Fragen. Aber ich wäre dankbar, wenn ich vielleicht Gelegenheit bekommen könnte, diese Erklärung2 mir auch mal anzusehen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe, Doktor Kaul? Doktor Laternser? Bitte schön.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe nur eine Frage. Herr Professor, Sie sagten, daß Ministerpräsident Cyrankiewicz geäußert habe, daß ihm nichts passiert sei. War denn irgendeine Beschuldigung zu entnehmen, die er damit meinte?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Nein.

 

Verteidiger Laternser:

Die gegen ihn damals erhoben worden war?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Herr Rechtsanwalt, ich habe ja gesagt, daß der Ministerpräsident – und das habe ich in der Erklärung ja wörtlich zitiert – gesagt hat: »Der Mann hätte mich töten können. Der hätte alles mit mir machen können, was er wollte. Das ist nicht der Fall gewesen.« Das habe ich wörtlich zitiert. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Schwebte denn etwas gegen ihn, weil er hätte fliehen wollen oder so irgend etwas?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Das habe ich erst aus den Presseberichten gesehen, daß so etwas offenbar aus der Verhandlung, als das hier dem Gericht vorgetragen wurde, daß das erst... Das ist nicht gesprochen worden.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Reiners.

 

Verteidiger Reiners:

Eine Frage, Herr Professor: Wie hieß der Rechtsanwalt der Firma Krupp, mit dem Sie gesprochen hatten?

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Notar – na, wie heißt er?

 

Vorsitzender Richter:

Na, ich kann Ihnen helfen.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Alter Kollege von mir.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Schürmann.

 

Zeuge Karl Hundhausen:

Rechtsanwalt Schürmann. Schürmann rief mich an und fragte mich, ob ich mich daran erinnere, und dann habe

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Berthold Beitz war seit 1953 Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns.

2. Vgl. die Erklärung des Zeugen Hundhausen vom 29.10.1964, Anlage 6 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 15.10.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 106.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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