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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

146. Verhandlungstag, 26.3.1965

 

Vernehmung des Zeugen Herbert Hofmann

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden], daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Dagegen habe ich nichts einzuwenden.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Hofmann, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Herbert.

 

Vorsitzender Richter:

Herbert Helmut?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Helmut, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

54.

 

Vorsitzender Richter:

54 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Arbeiter, Strumpfwirker von Beruf.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wohnen in?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Zur Zeit in Waldkirch.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, das weiß ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was wissen Sie?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ich kenne die Angeklagten nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht, wer angeklagt ist, oder kennen Sie

 

Zeuge Herbert Hofmann [unterbricht]:

Ja, »Mulka und andere« stand in meinen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dann will ich Ihnen die Namen vorlesen: Mulka, Höcker, Boger, Stark, Dylewski, Broad, Schoberth, Schlage, Hofmann, Kaduk, Baretzki, Breitwieser, Doktor Lucas, Doktor Frank, Doktor Schatz, Doktor Capesius, Klehr, Scherpe, Hantl und Bednarek. Kennen Sie diese Leute?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ist mir keiner bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Keiner bekannt. Sie sind also mit ihnen nicht verwandt und nicht verschwägert, denn Sie müssen ja schließlich wissen, wie Ihre Verwandten und Verschwägerten heißen.

Nun, Herr Zeuge, sind Sie Wachtmeister im 3. Polizeibataillon 320 gewesen?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war dieses Polizeibataillon?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das war im Osten eingesetzt, drei Jahre ungefähr. Im Osteinsatz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wo ungefähr?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Einmal hier, einmal da, nicht. Im Südabschnitt.

 

Vorsitzender Richter:

Im Südabschnitt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, einmal lagen wir in Rovno. Und bevor wir nach Rovno kamen, sind wir in Richtung Tarnopol runter nach Süden in Marsch gesetzt worden. Wir sollten nach Tiflis. Und da ist aber dann ein Stoppbefehl gekommen. In Proskurow haben wir 14 Tage halt gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie denn dort gemacht? Was hatte denn Ihr Polizeibataillon für eine Aufgabe?

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Aktionen, wenn es recht ist?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, der Kompaniechef hat da eine Bekanntgabe verlesen, wonach [+ wir] also zu einer »Judenaktion« ausrücken [+ sollten].

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie sich darunter vorgestellt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Na ja, er hat ja auch ganz durchblicken lassen, daß sie wohl erschossen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Daß sie erschossen wurden?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war in Proskurow?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das war in Proskurow.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie dann auch ausgezogen?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, das Bataillon rückte aus nach Kamieniec-Podolski. Das lag südlich von dort. Ich bin nicht mit ausgerückt. Ich habe den Kompaniechef gebeten, zurückbleiben zu dürfen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß der Kompaniechef?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Scharway.

 

Vorsitzender Richter:

Scharway?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was sagte der Kompaniechef?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ich habe ihm vor allen Dingen gesagt, daß ich das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Ich kann nicht auf wehrlose Menschen schießen, finde es auch unsoldatisch. Es verstößt gegen die Haager Landkriegsordnung. Er möchte mir dazu keinen Befehl geben.

 

Vorsitzender Richter:

Die Haager Landkriegsordnung ist Ihnen also bekannt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, die wurde uns mal in der Belehrung mit so gesagt, und während der Ausbildung wurde uns das gesagt, daß man auf wehrlose Menschen nicht schießen soll, in Bezug auf die Gefangennahme und so, wenn man Gefangene macht, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Daß man auf wehrlose Menschen nicht schießen sollte, ist Ihnen in der Instruktionsstunde gesagt worden?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Sie das dem Kompaniechef gesagt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, das habe ich ihm unter vier Augen gesagt. Und dann sagte er: »Es ist gut, Hofmann.« Und dann hat er mich entlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie nicht mitmarschiert?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und haben Sie irgendwelche nachteiligen Folgen dadurch gehabt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, das kann ich nicht so beurteilen, aber Vorteile auf keinen Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Was meinen Sie, bitte?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Vorteile auf keinen Fall. Aber so kann ich das nicht beurteilen.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft? Herr Rechtsanwalt Ormond, Raabe, Doktor Kaul? Verteidigung?

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, lebt Ihr Kompaniechef noch?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das kann ich schlecht beurteilen. Ich bin zwar vernommen worden und

 

Verteidiger Göllner [unterbricht]:

In welchem Zusammenhang sind Sie vernommen worden?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Zu dieser Sache, zum Bataillon eben.

 

Verteidiger Göllner:

Wo war denn das?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das war, wo ich wohne, in meinem Heimatort.

 

Verteidiger Göllner:

Von der Polizei oder vom Gericht?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Die Leute waren vom Niederrhein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, am Niederrhein gibt es auch Polizei und Gericht oder Staatsanwaltschaften. Hat man Ihnen nicht gesagt, wer Sie da vernehmen wollte?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das hat man mir nicht gesagt, wer das ist. Sie kommen vom Niederrhein, sie kommen in dieser Angelegenheit. Es hing mit Ludwigsburg zusammen, die Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Da meinen Sie, sie wären von Ludwigsburg gewesen?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Nein, ich glaube nicht. Er sagte, sie sind vom Niederrhein.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Niederrhein.

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Dortmund oder?

 

Vorsitzender Richter:

Dortmund. Na ja. Also Sie sind vernommen worden, und zwar wegen des Bataillons?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Wegen des Bataillons, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie aber nicht erfahren, ob der Kompaniechef Scharway noch lebt?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Im Verlaufe der Vernehmung hat mir einer gesagt, ob ich wüßte, daß er sich erschossen hätte. Da sagte ich, das ist mir nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Verteidiger Göllner:

Aha. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, können Sie uns sagen, ob Sie da als Beschuldigter oder als Zeuge vernommen werden sollten?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, das kann ich jetzt nicht sagen. Die haben über alles gefragt, über die Angelegenheit, was wir gemacht haben, die Einsätze, wo wir waren und was so passiert ist in bezug auf das Bataillon.

 

Verteidiger Eggert:

In bezug auf das Bataillon? Und sind Sie dann auch gefragt worden, ob Sie selbst bei solchen Sachen mitgemacht haben, und haben deshalb die Antwort gegeben wie heute auch?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Ja, ich bin auch gefragt worden, was meine Aufgabe war oder was ich getan habe, was ich gemacht habe. Ich habe ja nur sagen können, daß ich mich nicht identisch mit dieser Sache erklärt habe. Ich habe das verabscheut, nicht.

 

Verteidiger Eggert:

Danke schön.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dieser Zeuge wurde damals auch als Zeuge vernommen von der Kripo. Das war wohl in dem Verfahren gegen Wiemer und andere wegen Mordes, Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Von seiten der Angeklagten keine Fragen mehr zu stellen, keine Erklärungen mehr abzugeben.

 

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Herbert Hofmann:

Das kann ich, ja.

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
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