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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

83. Verhandlungstag, 28.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Heinz Herrmann

 

Vorsitzender Richter:

Heinz Herrmann. Sie sind wie alt?

 

– Schnitt –

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Oktober 1942 angekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Am 28. Oktober. Und zu welcher Tageszeit?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

In der Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

In der Nacht sind Sie angekommen.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das heißt, wir sind während des Tages angekommen, wurden aber während der Nacht, am Abend, also am Spätabend auswaggoniert.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie auswaggoniert worden?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Auf einem Nebengleis des Auschwitzer Bahnhofes.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Herrmann, sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Herrmann, Sie sagten, in der Nähe oder auf einem Nebengleis des Auschwitzer Bahnhofs sind Sie ausgeladen worden.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob dieses Nebengleis ganz in der Nähe des Lagertors endete?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein, es endete nicht in der Nähe des Lagertors. Wir mußten noch ungefähr, ich nehme an, eine halbe Stunde marschieren, bevor wir ins Lager kamen.

 

Vorsitzender Richter:

War das vielleicht so eine Art Güterbahnhof?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Bitte? Ein Güterbahnhof, vor dem Hauptbau in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann marschiert. Und wie groß war Ihr Transport etwa?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Der Transport, der ins Stammlager eingeliefert wurde – von wo meinen Sie bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine zunächst, wie groß war der Transport, der in Auschwitz angekommen ist aus Theresienstadt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

1.500 etwa, um die 1.500 Menschen herum.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr. Und fand da eine Selektion statt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Gleich am Bahnhof fand eine Selektion statt. Und wir wurden, ungefähr um die 200 Mann herum, nach Auschwitz dann gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Restlichen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Die Restlichen wurden, so wie wir später gehört haben, vergast.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn diese Selektion vorgenommen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Diese Selektion wurde vorgenommen durch einige SS-Ärzte, darunter Doktor Mengele. Und es waren sehr viele SS-Leute dabei. Es waren auch Häftlinge dabei, die halt nicht die Selektion [unverständlich], aber die bei dem Ausladen der Waggons anwesend waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie kannten ja damals keinen Menschen. Sie kannten auch den Doktor Mengele nicht.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein. Ich habe ihn später kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn später kennengelernt und haben sich zurückerinnert

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ich habe mich zurückerinnert, ja.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daß derjenige auch auf der Rampe war oder auf diesem Gleis war, als da ausgeladen worden ist.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja. Ich hatte damals eine Verletzung an der Hand und wollte mich von meinem Vater nicht trennen. Und da hat er mich gefragt, was ich auf der Hand habe, es war eine Schnittwunde. Und deshalb ist mir der Mann im Gedächtnis geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ist es mit Ihren Eltern gewesen? Sind die auch mit zu Ihnen ins Lager gekommen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein, nein. Auch mein Vater und meine Mutter nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Nun, Herr Zeuge, haben Sie sonst noch jemanden erkannt von diesen SS-Leuten, die bei der Rampe waren?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sie sind dann ins Lager eingewiesen worden, und ich nehme an, daß Sie dort dann erst irgendwie durch eine Brause gingen und andere Kleider bekamen und die Haare abgenommen wurden. Und Sie kamen dann wohin, wo wurden Sie untergebracht?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich war einige Tage, zwei, drei Tage, auf Block Nummer 6, als Quarantäneblock. Von dort wurde ich nach Buna gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Buna.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Mit dem kompletten Transport, Theresienstädter Transport.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem kompletten Theresienstädter Transport. Moment, Herr Zeuge. Da muß ich jetzt zunächst mal fragen: Sie hatten uns doch grade gesagt, sie waren aus Theresienstadt gekommen, waren am Bahnhof selektiert worden, 250 Mann etwa gingen ins Lager.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, also diese 250.

 

Vorsitzender Richter:

Diese 250 sind komplett nach Buna gekommen.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Sind komplett nach Buna gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie lange haben Sie dort etwa gearbeitet?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

In Buna war ich ungefähr bis Anfang Februar 1943, hatte dann eine Verletzung und wurde auf den Krankenbau nach Auschwitz zurückgebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Was war das für eine Verletzung?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das war eine Fingerverletzung beim Kohlenabladen. Und man mußte eine Fingeroperation durchführen, weil das abgefroren war.

 

Vorsitzender Richter:

Und da sind Sie nach Auschwitz gekommen in den Krankenbau?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

In den Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar war das, wie Sie eben sagten, etwa...

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Anfang Februar 1943.

 

Vorsitzender Richter:

In welchen Krankenbau sind Sie denn da gekommen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich bin eingeliefert worden auf Block 28 und bin dann einige Wochen auf Block 21 gelegen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Können Sie sich aus dieser Zeit noch an einen Sanitätsdienstgrad erinnern, der dort tätig war?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein, ich kann mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nicht erinnern. Sie waren dann in Block 21, wurden dort auch operiert.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Auf Block 28 wurde ich operiert.

 

Vorsitzender Richter:

Auf Block 28. Ja. Und nach Ihrer Entlassung sind Sie Installateur geworden?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nach meiner Entlassung bin ich Installateur geworden. Da war noch eine Zwischenperiode. Ich bin erst in ein Kommando [+ gekommen], das mit Grabarbeiten [+ beschäftigt war]. Wasserleitungsstelle, Wasserversorgung hat das Kommando geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Da war ich ganz kurze Zeit. Ich war damals sehr schwach und konnte nicht durchhalten, bin wieder auf eine kurze Zeit auf den Krankenbau [+ gekommen], aber auf ganz kurze. Und von dort hat man mich dann in das Installationskommando, die SS, diese Bauleitung...

 

Vorsitzender Richter:

Da wohnten Sie auf welchem Block?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Auf Block 15.

 

Vorsitzender Richter:

Oder 14a?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

15a. 15, 15a. Teilweise 15, teilweise 15a.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie nämlich bei Ihrer Vernehmung in Haifa gesagt haben, es wäre 14a gewesen.1

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein. Das ist ein Irrtum. 15, 15a.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Augenblick, ich will grade mal das Original sehen. [Pause] Na, es spielt ja auch keine Rolle. Also Sie sagen heute 15a. Und als Sie nun Installateur waren, da wurden Sie wo zur Arbeit eingesetzt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Da wurde ich bei verschiedenen Arbeiten, Bauarbeiten, eingesetzt. Ich war nicht in der Verwaltung, sondern in der Bauleitung und bei verschiedenen Außenarbeiten eingesetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie in dieser Zeit auch den Angeklagten Kaduk kennengelernt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, den habe ich kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Den haben Sie kennengelernt. Und bitte sagen Sie uns, wann Sie ihn kennengelernt haben und bei welcher Gelegenheit und wieso Sie Näheres von ihm wissen.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe den Angeklagten Kaduk nicht durch meine Arbeit kennengelernt, sondern durch die Tatsache, daß ich im Lager war und daß er im Lager bekannt war und als Blockführer und später Rapportführer eben allen Häftlingen bekannt war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben Sie von ihm insbesondere erlebt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe von ihm insbesondere... Er war in der Zeit [+ da], nachdem der Lagerkommandant Höß abgelöst worden wurde von Liebehenschel.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Im Sommer 43 muß das gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, im Sommer 43 muß das gewesen sein. Von diesem Kommandanten wurden Vergasungen im Lager, Selektionen im Lager abgeschafft. Eines Abends beim Abendappell wurde uns Juden plötzlich wieder der Auftrag erteilt von dem Blockältesten, nach dem Appell stehenzubleiben. Wir wurden in die Alte Wäscherei, Block Nummer 2, gebracht. Und das Ganze muß meiner Ansicht nach im Winter 43/44 gewesen sein, weil es war sehr kalt. Wir mußten uns entkleiden, und eine Selektion wurde durchgeführt von den beiden Rapportführern Kaduk und Clausen, die beide ziemlich angeheitert waren. Der eine, der Clausen, [hatte], so wie ich mich erinnern kann, [eine] Schnapsflasche in der Hand.

 

Vorsitzender Richter:

Der Clausen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Der Clausen. Der Kaduk mit einem Spazierstock, den er umgekehrt gehalten hat. Und wir mußten an ihm vorbeimarschieren, natürlich nackt, und die Leute wurden von den beiden herausgezogen. Der Kaduk hat die Leute mit dem umgekehrten Spazierstock beim Hals herausgezogen aus der Reihe. Nebenan stand ein Pult, wo ein Schreiber gesessen ist. Und er hat die Nummern notiert der Leute, die selektiert wurden. Wir, die nicht selektiert wurden, konnten von vorn wieder heraus. Die, die selektiert wurden, mußten durch den Hintereingang auf die sogenannte Lagerallee und kamen dann... ich weiß nicht, was dann weiter mit denen war. Sie kamen dann scheinbar in einen Quarantäneblock.

Dann gingen verschiedene Gerüchte herum im Lager, daß die Leute ziemlich lange, ungefähr drei, vier Tage, im Lager waren oder noch länger. Es ging ein Gerücht herum, daß sie nicht vergast worden sind. Ich weiß auch nicht mehr Genaues. Ich weiß nur, daß bei mir im Kommando ein junger Bursch gearbeitet hat, dessen Vater damals selektiert wurde und der den Vater im Lager nicht mehr gesehen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ob er ihn überhaupt noch mal gesehen hat

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. Also Sie sagen jedenfalls, es war im Winter 43/44. Sie mußten nach dem Abendappell in der Alten Wäscherei sich einfinden, mußten dort nackt durch die Wäscherei durchgehen. Clausen und Kaduk waren zugegen, beide sortierten Leute aus. Und Sie haben gesehen das mit dem Stock

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ja, sicher, sicher. Das ist mir im Gedächtnis geblieben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie er mit dem umgekehrten Stock die Leute herauszog.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das ist ein ewiger Eindruck geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War ein Arzt dabei?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Es war kein Arzt dabei. Es war kein Offizier dabei, es waren nur wir. Diese Selektion wurde dann bei uns auch Rapportführerselektion genannt, weil sie eben nur von den beiden Rapportführern durchgeführt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie bitte, was waren das für Leute, die da herausgeholt wurden?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Schwache Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Schwache Leute?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Schwache Leute, die in deren Augen arbeitsunfähig waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ich frage das deshalb, weil Kaduk immer und immer wieder behauptet, er hätte nur bei einer Selektion teilgenommen, wo Leute ausgewählt worden seien, die auf Transport gehen sollten für ein anderes Lager als Arbeiter.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Davon weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sagen, es waren ausgesprochen schwache Leute?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Schwache Leute, ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun sagen Sie bitte, waren auch aus Ihrem Block Leute dabei, die da ausgesucht worden sind?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das kann ich nicht wissen. Da kann ich mich nicht erinnern, ob von meinem Block Leute dabei waren, da kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, daß, wie gesagt, ein Bursch in meinem Kommando war – ein junger Bursch, ungefähr in meinem Alter muß er gewesen sein –, dessen Vater damals selektiert wurde und der den Vater nicht mehr gesehen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich frage nämlich deshalb, weil wir heute vormittag einen Zeugen gehört haben, der uns gesagt hat, nach dieser Selektion seien die Ausgesuchten und die Nichtausgesuchten gemeinsam hinten aus dieser Baracke wieder rausgegangen und in ihre Wohnblocks gegangen. Erst am nächsten Tag hätten sie dann gefehlt.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Ich kann mich erinnern, wir sind von vorn herausgegangen, und die anderen von hinten, wurden aufgestellt in Reihen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

So ist mir das in Erinnerung geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, sind Sie auch einmal mit einem Transport nach Warschau gekommen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein, ich bin mit keinem Transport nach Warschau gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ein Doktor Weinstein.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Doktor Robert Weinstein.

 

Vorsitzender Richter:

Was wissen Sie von dem?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Dieser Doktor Robert Weinstein war ein Landsmann von mir aus derselben Stadt, den ich dort kannte. Und der arbeitete in der Werkhalle Union als Nachtpförtner. Diese Arbeitskommandos waren mehr oder weniger transportgeschützt. Und eines Tages am Abend wurde ein Transport zusammengestellt, man sagte, es war ein für Aufräumungsarbeiten im Ghetto Warschau zusammengestellter Transport. Die Leute, die in diese Transporte eingeteilt wurden, wurden vom Blockältesten während des Appells verlesen. Dieser Mann wurde nicht bei dem Appell verlesen. Er wurde nachher von Kaduk vom Block geholt und in den Transport hereingesteckt. Er war nicht in dem Transport drin. Leute von diesen wirtschaftlich wichtigen Kommandos wurden normalerweise nicht in Transporte eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Also dieser Doktor Weinstein war nicht verlesen worden.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist dann von Kaduk...

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ist dann heraus[+ geholt worden]. Das, bitte, hat er mir erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat Weinstein Ihnen erzählt.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Erzählt. Der Transport ist noch ziemlich lange am Abend im Lager gestanden, bevor er abtransportiert wurde. Und ich hatte Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Das war auf der Hauptstraße

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Lagerstraße.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Lagerstraße, wo auch unser Block gelegen ist und ich mit ihm die Möglichkeit hatte zu sprechen. Es war damals keine Lagersperre, als der Transport abgegangen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte, war Kaduk mehrfach betrunken?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

War fast immer betrunken.

 

Vorsitzender Richter:

War fast immer betrunken.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Oder stark angeheitert.

 

Vorsitzender Richter:

Galt er im Lager als besonders grausam?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, daß er zu den grausamsten Leuten des Lagers gehört hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und sagen Sie bitte, hat er auch viele Leute gemeldet?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, es waren oft Meldungen von ihm, die auch leider sehr oft tragische Folgen gehabt haben. Und da habe ich auch einen besonderen Fall, der mir in Erinnerung geblieben ist. Da habe ich damals in der neuen »Sauna« gearbeitet, auch bei Installationsarbeiten. Und da wurden Frauen von den Frauenblocks während des Tages, während der Arbeitszeit, zur Entlausung gebracht oder zum Baden gebracht. Und ein junger Bursche, ein slowakischer Jude, den ich gut kannte, hat dort unter den Leuten seine Schwester erblickt. Und hat natürlich irgendeine Möglichkeit gesucht, mit der Schwester zu sprechen. Er wurde dabei von Kaduk erwischt und auf der Stelle sehr schrecklich verprügelt und mit den Füßen gestoßen, mit den Fäusten geschlagen. Kam zur Meldung und – da erinnere ich mich nicht, ob es am selben Tag war oder am nächsten Tag war – bekam er als Strafe 25...

 

Vorsitzender Richter:

Stockhiebe.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Stockhiebe am Appellplatz. Während des Appells, also öffentlich auf den entblößten Körper. Und er wurde dabei so verletzt, daß er einige Tage darauf verschieden ist im Krankenbau. Und das habe ich wieder von einem gemeinsamen Freund gehört, der Hilfspfleger im Krankenbau war und der mir das gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, diese Prügel wurden verabreicht, wie Sie eben sagten, auf dem Appellplatz?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Auschwitz I. Wo war der Appellplatz?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Vor der Küche.

 

Vorsitzender Richter:

Stand da auch ein »Bock«?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Der »Bock« wurde hingebracht zu diesen Anlässen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war diese Prügelei?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Diese spezielle, meinen Sie?

 

Vorsitzender Richter:

Diese da, ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Da muß ich ein bißchen nachdenken, wann das war. [Pause] Das kann nur gewesen sein im – also nicht früher als im Frühjahr 44.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich frage Sie deshalb so genau, weil uns Kaduk erst heute vormittag erklärt hat, dieser »Bock« habe im Block 11 gestanden, die Prügelstrafen seien im Block 11 vollstreckt worden, und es sei gar nicht möglich, daß ein Häftling da zugesehen habe.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das ist nicht richtig. Es waren auch öffentliche Prügelstrafen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Es stimmt zwar, daß Prügelstrafen auch auf dem 10. Block, auf dem 11. Block verabreicht wurden. Ich selbst habe dort einmal eine solche Strafe bekommen. Aber es gab auch öffentliche Verprügelungen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie auch einmal bemerkt, daß Kaduk verschiedene Leute auf eigene Faust in das Notizbuch schrieb?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, jeden Menschen, den er erwischt hat und den er zur Meldung gebracht hat, hat er in sein Notizbuch reingeschrieben. Er hat ein Notizbuch gehabt und natürlich die Nummern in dem Notizbuch behalten. Und die Leute waren dann nicht mehr sicher vor ihm, nachher.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, als Sie dann wegkamen von Auschwitz, wie viele Menschen befanden sich da in dem Zug, dem Sie angehört haben?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

In dem Zug, dem ich angehört habe, befanden sich ungefähr an die 5.000 Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Bitte, das weiß ich vom Hörensagen, ich habe die Leute nicht gezählt. Aber so habe ich gehört, es waren 5.000 Leute.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [...] [Pause] Wo und wann sind Sie vom Lager Auschwitz wegmarschiert?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Wir sind am 18. Januar 1945 in den Abendstunden von Auschwitz abmarschiert. Und zwar wurden die Transporte am Abend zusammengestellt, und in der Nacht sind wir abmarschiert.

 

Vorsitzender Richter:

Da ist bei der Abschrift ein Schreibfehler unterlaufen. Auf Blatt 12.540 muß es statt 500 5.000 Menschen heißen. Im Original steht auch 5.000.2 Ja. Wann war das noch mal? Im Januar 45, ja?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Am 18. Jänner 1945 am Abend.

 

Vorsitzender Richter:

Am 18. Januar am Abend sind Sie wegmarschiert. Und Sie schätzen, daß es ungefähr 5.000 Menschen waren.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie in Fünferreihen marschiert?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich glaube, in Fünferreihen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Fünferreihen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden Sie von SS-Posten bewacht?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, es war ungefähr neben jeder zehnten, zwölften, 15. – ich kann mich nicht genau erinnern – Reihe von beiden Seiten je ein Posten.

 

Vorsitzender Richter:

Sind die zu Fuß gegangen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Zu Fuß gegangen, mitgegangen, ja. Und außerdem wurde der ganze Transport, dieser ganze Marsch – der sich schrecklich langsam fortbewegt hat, nachdem es so eine lange Kolonne war und die Leute nicht so in körperlicher Verfassung waren – ständig von Leuten auch abpatrouilliert.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie bei dieser Gelegenheit auch Kaduk gesehen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe auch Kaduk gesehen bei dieser Gelegenheit, ja. Und ich habe auch gesehen, wie er und auch andere Leute die, die nicht weitermarschieren konnten, erschossen haben und in den Straßengraben geworfen haben.

 

Vorsitzender Richter:

War Kaduk damals zu Fuß oder mit einem Fahrzeug?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Entweder mit einem Motorrad oder mit einem Wagen, ich weiß nicht. Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber es haben außer ihm auch noch viele andere Leute diese Transporte überwacht und...

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, sind Sie in diesem Zug ziemlich weit vorn oder ziemlich weit [hinten] gegangen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Wir sind als letzte Kolonne gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Als letzte Kolonne?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Als letzte Kolonne gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

So daß Sie also auch besonders gut eigentlich beobachten konnten, was mit denen geschah, die nicht weiterkonnten.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja, ja, ja. Ich konnte es sehr gut beobachten. Ich war damals in einer ziemlich guten körperlichen Verfassung und konnte das Ganze gut überblicken und übersehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben mit eigenen Augen gesehen, wie Kaduk

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ich habe mit eigenen... Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Leute erschossen hat, die nicht weitergehen konnten?

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Er bestreitet das. Er sagt, er wäre überhaupt nicht bei diesem Zug dabeigewesen. Wissen Sie, wie lange Kaduk diesen Zug begleitet hat, ob er bis nach Groß-Rosen mitgegangen ist, oder?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das weiß ich nicht. Wir sind im ganzen nur zwei Nächte marschiert.

 

Vorsitzender Richter:

Zwei Nächte marschiert.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Dann sind wir einwaggoniert worden an irgendeinem Ort. Ich glaube, wir sind maximal zwischen 35 und 40 Kilometer marschiert. Weil sich das sehr langsam gezogen hat, der Marsch. Einwaggoniert worden und nach Groß-Rosen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Tja. Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Sind von seiten des Gerichts noch Fragen zu stellen? Nein. Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Zeuge, haben Sie eine Vorstellung, wie viele Häftlinge von Kaduk auf diesem Marsch erschossen wurden?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe keine Vorstellung. Es sind so viele erschossen worden, es sind so viele am Weg liegengeblieben, ich kann keine...

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich an sich an einen Fall noch genau erinnern? Also genau erinnern, damit meine ich, wenn Sie in Ihrer Erinnerung sehen, daß es Kaduk gewesen ist und daß es ein bestimmter Häftling war.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich kann mich an einen bestimmten Häftling nicht erinnern. Ich kann mich erinnern, daß es der Kaduk war. Ich kann mich an einen bestimmten Häftling nicht erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Mit bestimmtem Häftling meine ich nicht, daß Sie etwa seinen Namen kennen, sondern daß Sie auseinanderhalten können: Da, weiß ich, hat Kaduk einen Häftling erschossen, und da waren es andere, die geschossen haben.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Daran kann ich mich erinnern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Daran können Sie sich erinnern.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sind es mehr als zwei gewesen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie glauben es, ja?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Bitte?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie glauben, es waren mehr als zwei Häftlinge?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich glaube, es waren mehr als zwei. Es waren sicher mehr als zwei. Aber, wie gesagt, es sind so viele erschossen worden, daß man nicht

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ja, eine Zahl

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Sich auf Zahlen festlegen kann.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sagten, daß Sie am 28. Oktober 1942 nach Auschwitz gekommen sind und daß auf der Rampe dort eine Selektion stattgefunden hat. Sind die für die Gaskammer Bestimmten mit Lastkraftwagen

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Mit Lastkraftwagen abgeführt worden. Und zwar wurden die Frauen sofort, ohne selektiert worden zu sein, auf Lastwagen gebracht. Und die Männer wurden dann selektiert und erst nachher auf Lastwagen verladen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Soll das heißen, daß die Frauen, gleich, wie alt sie waren...

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Es wurden sämtliche Frauen auf Lastwagen verladen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sämtliche Frauen. Ja. Haben Sie noch eine Vorstellung, wie viele Lastwagen das waren?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Keine Vorstellung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da können Sie nichts sagen. Danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen, danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Herr Rechtsanwalt Doktor Jugl.

Verteidiger Jugl:

Herr Zeuge, können Sie sagen, bei dieser Selektion in der Alten Wäscherei, wie viele damals selektiert wurden? Ungefähr.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich glaube, 100, 150 Leute.

Verteidiger Jugl:

Und ob diese Leute dann umgekommen sind, das wissen Sie nicht? Sie wissen nur, daß das Gerücht war, die kämen woanders hin?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe nicht verstanden. Bitte?

Verteidiger Jugl:

Ob diese Leute tatsächlich umgekommen sind, das können Sie nicht mit Bestimmtheit sagen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich habe nur den Fall genannt, wo dieser junge Mann seinen Vater nicht mehr gesehen hat, der bei dieser Selektion selektiert wurde.

Verteidiger Jugl:

Dann habe ich eine andere Frage. Die Sache mit dem Doktor Weinstein.

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ja.

Verteidiger Jugl:

Wohin war dieser Transport bestimmt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Es war zu Aufräumungsarbeiten nach Warschau als Straftransport, oder so irgendwie wurde das genannt. Ich kann mich nicht genau erinnern.

Verteidiger Jugl:

Also jedenfalls nicht zur Vernichtung?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Nein. Als Straftransport wurde das betrachtet.

Verteidiger Jugl:

Ich habe keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Werden noch Erklärungen abgegeben? Moment. Ja, noch eine Frage?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, welche Häftlingsnummer hatten Sie?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

71.114.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

71.114. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Kaduk.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Direktor, ich möchte nur erwähnen, ich persönlich habe nicht entschieden in Auschwitz über Leben und Tod. Das ist nicht wahr. Die Selektion, die habe ich schon heute vormittag angegeben. Das war eine Selektion, die ich persönlich und auch Clausen nicht durchgeführt haben. Das hat ein Arzt durchgeführt, und erst der Untersturmführer oder Obersturmführer war das gewesen, die haben die Selektion durchgeführt. Ich persönlich und Clausen haben keine Selektion durchgeführt.

Zweitens: Der Jude Weinstein, zu dem Einsatz, wo er weggekommen ist zum Transport, das war ich nicht gewesen. Wir Blockführer und Rapportführer, wir hatten mit dem Einsatz der Juden oder mit Arbeitskräften gar nichts zu tun gehabt. Dazu war der Arbeitseinsatzführer bestimmt gewesen, und zwar der Oberscharführer Fries war gewesen, der Oberscharführer Emmerich war gewesen, der Unterscharführer Schoppe war gewesen und der Unterscharführer Müller. Die haben die Häftlinge zur Arbeit eingesetzt. Die Blockführer und Rapportführer haben die Häftlinge nicht zum Arbeitseinsatz eingesetzt, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Zeuge hat ja gesagt, nicht Sie haben diesen Einsatz verfaßt, der da vorgelesen worden ist, sondern das haben die Blockältesten verfaßt. Und da war dieser Weinstein nicht drauf. Und nachher hat der Weinstein diesem Zeugen erzählt, Sie hätten dafür gesorgt, daß er auch mit nach Warschau kommen sollte.

Das heißt also, Sie haben an und für sich den Arbeitseinsatz nicht geregelt. Aber, so der Zeuge, Sie haben dafür gesorgt, daß der Weinstein noch zusätzlich da angehängt worden ist.

 

Angeklagter Kaduk:

Da war ich nicht zuständig gewesen, Herr Direktor. Da war der Arbeitseinsatz gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Kaduk, zuständig und nicht zuständig! [...] Es war damals viel zu machen, wenn man wollte.

 

Angeklagter Kaduk:

Da war ich ja nicht dabeigewesen, sagen wir mal. Das war der Arbeitseinsatz gewesen. Ich konnte dem Arbeitseinsatz keine Vorschriften machen, und der konnte mir als Rapportführer auch keine machen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorschriften. Von Vorschriften ist hier gar nicht die Rede.

 

Angeklagter Kaduk:

Ich durfte gar keine Häftlinge einsetzen, Herr Direktor. Ich persönlich nicht, auch die Blockführer durften keine Häftlinge einsetzen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Dann nehmen Sie wieder Platz.

 

Angeklagter Kaduk:

Jetzt möchte ich wieder zurückkommen, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Kaduk:

Der Zeuge hat behauptet, ich wäre auf den Evakuierungsmarsch nach Groß-Rosen. Ich habe den Evakuierungsmarsch nach Groß-Rosen nicht mitgemacht. Ich bin erst am 19. und am 20. nach Auschwitz gekommen, da war das Lager evakuiert.

Und zweitens möchte ich darauf hinweisen, der Zeuge Toch, der hat mich ja belastet, ich hätte am 19. oder am 20. Januar 1945 in Auschwitz an der Küche einen Häftling Ackermann erschossen. Da konnte ich ja letzten Endes nicht gewesen [+ sein]. Ich war auf dem Transport gewesen nachher nach Mauthausen.

 

Vorsitzender Richter:

Tja.

 

Angeklagter Kaduk:

Das ist ja unmöglich. Es war nur ein Kaduk gewesen, und das war ich nur in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, bleiben Sie dabei, daß auf dem Rückmarsch von Auschwitz Kaduk dabei war und daß Sie gesehen haben, daß er Menschen erschossen hat?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich bleibe dabei. Der Kaduk hat unseren Transport zusammengestellt. Das ist eine Lüge, wenn er sagt, er war am 18. nicht in Auschwitz. Er ist von Block zu Block gegangen, hat die Leute in den Transport heruntergeschickt, die noch auf dem Block waren. Er war im Lager. Er hat mich selbst in die Reihe reingestellt, wo ich hingehört habe. Wir sind kommandoweise ausmarschiert aus dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat Sie selbst noch in die Reihe eingestellt?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Er hat mich selbst in die Reihe eingestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Am 18. Januar?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Am 18. Januar, mich und meinen Freund Rudolf Steiner aus Wien. Wir sind nebeneinander gegangen bei dem Ausmarsch, bei der Evakuierung.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Direktor, ich bleibe dabei. Ich habe den Marsch nach Groß-Rosen nicht mitgemacht. Und ich habe den Marsch gemacht nach Mauthausen. Und wenn ich den Marsch nach

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ich habe

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Nach Groß-Rosen gemacht hätte, dann konnte ich ja nicht am 19. oder 20. den Häftling Ackermann erschossen haben im Lager. So was gibt es [unverständlich]

 

Zeuge Heinz Herrmann [unterbricht]:

Ich habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich habe den Zeugen extra gefragt, wie lange Sie bei dem Transport dabeigeblieben wären. Da hat der Zeuge gesagt: »Das kann ich nicht sagen. Das weiß ich nicht.«

 

Angeklagter Kaduk:

Ich hatte Marschbefehl nach Mauthausen. Und in Mauthausen habe ich mich gemeldet, und ich war bis zum Schluß in Mauthausen gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Gut.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eine Frage noch an den Angeklagten Kaduk.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Kaduk:

Bitte sehr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Kaduk, können Sie uns etwas sagen über die Anweisungen, die damals von der Kommandantur für die Abwicklung dieser Evakuierungsmärsche gegeben worden sind?

 

Angeklagter Kaduk:

Mir ist nichts bekannt. Ich habe meine Befehle von meinen Vorgesetzten prompt ausgeführt, die ich bekam von meinem Schutzhaftlager[+ führer], die habe ich ausgeführt. Ich habe keine Befehle von der Kommandantur bekommen. Ich unterstand dem Lagerkommandanten oder, sagen wir, dem Schutzhaftlagerführer. Und das war damals gewesen der Obersturmführer Hössler. Der zweite war gewesen Sell, und der dritte war gewesen Josten. Ich habe keine Befehle bekommen von der Kommandantur.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, gut, Herr Kaduk. Was hat Ihnen denn die Schutzhaftlagerführung für Befehle für den Evakuierungsmarsch gegeben?

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Rechtsanwalt, es ist eine andere Frage, ob Sie mir glauben. Ich war bei der Evakuierung ab 18. Januar 1945 nicht in Auschwitz gewesen. Ich habe Ihnen gesagt, am 19., 20. kam ich zurück. Ich bleibe bei der Sache, und ich habe keinen Marsch nach Groß-Rosen gemacht. Ich habe mich abgesetzt nach Mauthausen, weil ich [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, gut. Unterstellt, das, was Sie gesagt haben, ist richtig – haben Sie aber gehört, was andere Leute, die die Evakuierungsmärsche begleiten mußten, Ihre Kameraden, was die für Anweisungen bekommen hatten? Gab es Anweisungen, die Schwachen, die nicht mehr gehen konnten, zu erschießen?

 

Angeklagter Kaduk:

Ich habe keine Anweisung gehabt, und ich habe auch keinen erschossen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich habe Sie gefragt, ob Sie gehört haben, daß andere solche

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Nicht gehört. Ich habe mich an die Schutzhaftlagerführung gehalten, die Befehle, die ich vom Schutzhaftlager bekam. Was mit den anderen Kompanien gewesen war, weiß ich nicht. Ich war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Also dann nehmen Sie bitte wieder Platz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich hatte den Eindruck, daß der Herr Herrmann, glaube ich, noch etwas sagen wollte.

 

Vorsitzender Richter:

Wollten Sie noch etwas sagen?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Ich habe nicht behauptet, daß der Kaduk den Marsch nach Groß-Rosen mitgemacht hat. Es war mit einem Fahrzeug keine Angelegenheit, den ganzen Transport binnen einer Stunde abzufahren. Man konnte immer wieder nach Auschwitz zurückkommen. Man konnte ohne weiteres am 18. noch in Auschwitz wieder zurück sein. Man konnte auch am 19. noch in Auschwitz zurück sein, wenn man mit einem motorisierten Fahrzeug den Transport kontrollieren wollte und überblicken wollte. Ich habe ihn in Groß-Rosen, bei der Einlieferung in Groß-Rosen nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gesehen.

 

Angeklagter Kaduk:

Ich habe keinen Personenwagen gehabt, ich habe auch kein Motorrad gehabt. Ich hatte ein neues Fahrrad, Wehrmachtsfahrrad, Nummer 227. Mit dem Fahrrad bin ich in Auschwitz rumgefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, keine Erklärungen mehr abzugeben sind, Herr Zeuge, müssen Sie das, was Sie gesagt haben, beeiden. Können Sie das mit gutem Gewissen tun?

 

Zeuge Heinz Herrmann:

Das kann ich mit gutem Gewissen tun.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 12.04.1962 in Haifa, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 67, Bl. 12.538.

2. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 12.04.1962 in Haifa, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 67, Bl. 12.536 u. 12.540.

 

 
 
 
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