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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

88. Verhandlungstag, 11.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Christoph Herpel

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Personalien: Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Christoph.

 

Vorsitzender Richter:

Christoph Herpel.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Herpel.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

59.

 

Vorsitzender Richter:

59 Jahre alt.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Verheiratet?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Von Beruf?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Regierungsamtmann.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Christoph Herpel:

In Seeheim an der Bergstraße.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst, Herr Herpel, eine kurze Erinnerung an Ihren Lebenslauf, bis Sie nach Auschwitz kamen. Sie sind in Bickenbach aufgewachsen, haben zunächst die Volksschule besucht, das Gymnasium bis zur mittleren Reife, sind dann in die Finanzbeamtenlaufbahn gegangen und sind schließlich bei der Brandversicherungskammer in Hessen gewesen, haben sich verheiratet, kamen 1933 zur NSDAP und gingen auch damals zur SA.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben aber keine Funktion in der Partei gehabt.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren zuletzt Oberscharführer bei der SA.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Der Allgemeinen SS haben Sie nicht angehört?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie haben sich dann freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Ja, stimmt das?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wann?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das war im Februar 40.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben mal gesagt, im Mai 1940, aber

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Bin ich eingezogen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Da sind Sie eingezogen worden. Aha. Warum haben Sie sich damals zur Waffen-SS gemeldet?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich war bei den sogenannten weißen Jahrgängen und hatte vorher den SA-Sturm in Bickenbach geführt. Die Unterführer, die wurden im August damals oder im Juli eingezogen zur Wehrmacht für einen Kurzlehrgang. Und als dann der Krieg ausbrach, da wollte ich mir nicht nachsagen lassen: Ja, jetzt sind die Unterführer weg, und er sitzt zu Hause. Innerhalb der Partei wurde damals ein Aufruf verlesen, wonach sich all diejenigen, die sich körperlich dazu in der Lage fühlen, freiwillig zur SS melden sollten. Da habe ich mich auch gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind dann auch ausgebildet worden, kamen zum 4. SS-Infanterieregiment in Prag. Stimmt das?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden nach Ihrer Ausbildungszeit wo eingesetzt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Wir waren zuerst in Prag. Da bekamen wir die Grundausbildung. Dann kamen wir nach Holland zur Küstenwache. Und von Holland aus kamen wir dann nach Polen. Von Polen fuhren wir, als der Rußlandfeldzug ausbrach, rauf nach Memel und haben uns dann durch das Baltikum durchgekämpft bis an den Ladoga-See. Und da waren wir bei der Einschließungsfront von Leningrad. Das war bis zum Dezember 41. Dann wurde unsere Einheit da rausgezogen, kam nach Krakau. Und da wurden die älteren Jahrgänge kurz auf Weihnachtsurlaub geschickt. Da war ich auch dabei. Und als ich zu Hause ankam, da kam schon wieder ein Telegramm: »Sofort zur Truppe zurück!« Als ich hinkam, da war die Einheit schon mit Flugzeugen zur Front weggeflogen. Ich kam also zu spät und bekam dann einen Marschbefehl nach Neuengamme bei Hamburg.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war in Hamburg?

 

Zeuge Christoph Herpel:

In Hamburg war das KZ Neuengamme.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das war Januar 42 bis ungefähr Ende März 42. Und da wurde eine Gruppe zusammengestellt für das Volkswagenwerk, Spezialhäftlinge, also Spezialisten, Maurer und so weiter und so fort. Und da war ich dann bei der sogenannten Wachmannschaft. Es war nur ein kleines Kommando. Wir wurden ins Volkswagenwerk verlegt. Und das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was hatten Sie damals für einen Dienstrang?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Da war ich Rottenführer.

 

Vorsitzender Richter:

Rottenführer. Nun, und dann waren Sie also dort in diesem Volkswagenwerk etwa bis zum Herbst 42?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann kamen Sie auf den Truppenübungsplatz?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Truppenübungsplatz Dębica.

 

Vorsitzender Richter:

Dębica.

 

Zeuge Christoph Herpel:

In Polen.

 

Vorsitzender Richter:

In Polen. Und wurden dann zu einer neuen Fronteinheit zusammengestellt

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kamen aber nicht an die Front, sondern landeten Anfang 43 in Auschwitz. Stimmt das?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ende 43.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Sie haben bei Ihrer Vernehmung vor dem Herrn Staatsanwalt Vogel am 17.2.61 gesagt: Anfang 43.1 Aber das ist nicht

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Ja, ja, stimmt, Anfang 43.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 43, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Kamen Sie nach Auschwitz und blieben hier bis?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nee, nee, es war Ende 43 gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ende 43?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ende 43, so um November rum. [Pause] 42, 43, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im März 42 kamen Sie nach dem Volkswagenwerk?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie gesagt, im Herbst 42

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Bis 42.

 

Vorsitzender Richter:

Zu dem Truppenübungsplatz in Dębica

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Truppenübungsplatz in Dębica .

 

Vorsitzender Richter:

Dort wurde eine neue Einheit zusammengestellt.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die kam aber nicht an die Front, sondern Anfang 43 kamen Sie nach Auschwitz. Ich könnte mir nicht denken, daß Sie ein ganzes Jahr gebraucht haben, um

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Anfangs,,ja, es war doch – ja, stimmt, es war Anfang 43.

 

Vorsitzender Richter:

Gell? Anfang 43. Da kamen Sie nach Auschwitz, und zwar blieben Sie dort bis wann?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Bis zur Auflösung.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zur Auflösung, und zwar im Januar 45.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Januar 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wann sind Sie befördert worden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das war [Pause] im April 44.

 

Vorsitzender Richter:

44. Und zwar wurden Sie damals Unterscharführer.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Unterscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie für eine Tätigkeit in Auschwitz gehabt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

In Auschwitz war ich bei der sogenannten Schreibstube auf der Kommandantur und habe dort die Militärpapiere geführt: Stammrollen, Überweisungen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nur von SS-Angehörigen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nur von SS-Angehörigen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Militärpapiere dort geführt auf der Schreibstube.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war denn die Schreibstube untergebracht?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die Schreibstube war im sogenannten Kommandanturbau untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und zwar wo war der?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Und zwar gegenüber von der Villa von Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das waren drei Bauten. Der erste war der Kommandanturbau, der zweite war die Standortverwaltung, und der dritte war der Standortarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und in dem ersten Bau waren Sie untergebracht und

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Im ersten Stock.

 

Vorsitzender Richter:

Im ersten Stock. Und welche Zimmer waren da noch da oben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das war also ein Längsbau. Wenn man die Treppe hochkam, ging ein Flur links und ein Flur rechts. Den Flur links war an der linken Seite das Kommandantenzimmer, gegenüber das Adjutantenzimmer. Dann kam das Zimmer des ersten Schreibers, dann kam das Zimmer des Stabsscharführers, und dann kam das Zimmer, in dem ich war, die Personalabteilung. Und nachher kam die Paßstelle.

 

Vorsitzender Richter:

Hm. Nun sagen Sie, waren diese Zimmer auch gekennzeichnet? Waren da irgendwelche Schilder angebracht oder Hinweise, wer da drin saß?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, also in unserem Zimmer, soviel ich mich entsinnen kann, war nichts gewesen. Es war eben bekannt, daß die Aufteilung so war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also ich weiß es ja nicht, ich war ja nicht dabei. Es hat sich nur hier schon darüber eine Differenz ergeben. Es gibt Leute, die behaupten, daß diese Zimmer gekennzeichnet waren, beschildert waren, daß da ein besonderes Schild dran war. Und andere Zeugen sagen wiederum, es sei nichts dran gewesen.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Mit Bestimmtheit kann ich das nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht. Wissen Sie, ob an dem Zimmer des Adjutanten irgendwas Besonderes dran war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Gar nichts. Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie waren also dort beschäftigt, sagten Sie, mit den Militärpapieren der SS-Angehörigen.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn damals Adjutant?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Adjutant war, als ich hinkam, Herr Mulka, nachher Baumgärtner. Und der Name des nächsten Adjutanten ist mir entfallen, nachher Herr Höcker.

 

Vorsitzender Richter:

Höcker. [Pause] Sie sagten, Sie kamen Anfang 43 nach Auschwitz. Wann war das ungefähr Anfang 43?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das muß so im Februar gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Im Februar. Wie lang damals Mulka noch dort war, wissen Sie das noch ungefähr oder

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Na, das kann so ungefähr bis Spätsommer gewesen sein, also um die Sommerzeit.

 

Vorsitzender Richter:

In der Sommerzeit? Hm. Also Herr Mulka selbst behauptet, er sei bis März dort gewesen.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Also ich habe ihn noch kurz kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn kennengelernt. Und da Sie im Februar hingekommen sind, muß er damals noch dort gewesen sein.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Er war noch dort, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das sagt er ja selbst. Aber wie lange er dort war, haben Sie da eine bestimmte Erinnerung?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, das kann ich nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das können Sie nicht mehr bestimmt sagen. [Pause] Können Sie sich noch entsinnen, wie Mulka damals weggekommen ist von dem Lager Auschwitz?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr. Wissen Sie etwas davon, daß er damals festgenommen worden ist?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er verhaftet worden ist? Daß er abtransportiert worden ist?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er sich bei Ihnen verabschiedet?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. [Pause] Hat man damals etwas darüber gesprochen, daß Mulka irgendwie in Ungnade gefallen sei oder daß ein Verfahren gegen ihn lief oder so etwas ähnliches?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, wenn ich das jetzt höre, kann ich mich so dunkel erinnern, daß da mal was gesprochen worden ist. Aber so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im einzelnen wissen Sie nichts mehr. Hm. Und den Adjutanten Höcker haben Sie auch noch kennengelernt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Hm. Nun sagen Sie mal, hatten Sie außer Ihren Militärpapieren auch noch andere Dinge zu machen? Hatten Sie zum Beispiel auch zu schreiben für den Adjutanten oder für den Spieß oder für sonst jemanden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Hatten Sie gar keine Aufgabe, als nur diese Militärpapiere in Ordnung zu bringen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Militärpapiere, Stärkemeldungen, alles, was auf der Schreibstube so vorkam.

 

Vorsitzender Richter:

Hm. Wissen Sie, wo die Fahrbereitschaft hingehörte? Wem sie unterstand?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die Fahrbereitschaft unterstand auch der Kommandantur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und wieso wissen Sie das?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, weil ich die Akten von allen Angehörigen des Kommandanturstabes geführt habe. Und dazu gehörte auch die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Gehörte auch die Fahrbereitschaft. Auch die Urlaubsscheine wurden dort ausgestellt, nicht?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Urlaubsscheine auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und von wem wurden die denn unterschrieben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, wir haben sie ausgefertigt und haben sie reingegeben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wem?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Beim Adjutanten.

 

Vorsitzender Richter:

Dem Adjutanten. Und der hat sie unterschrieben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, ich nehme das an.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wer hat denn die Stärkemeldungen weitergegeben, und wer hat denn den Schriftverkehr mit dem Wirtschafts-Verwaltungshauptamt geführt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, offiziell war das Aufgabe des Kommandanten gewesen, der die Stärkemeldungen zu unterschreiben hatte. Ob aber auch der Adjutant unterschrieben hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Also Sie haben damals gesagt bei Ihrer Vernehmung: »Über den Adjutanten lief auch der gesamte Schriftverkehr mit dem Wirtschafts-Verwaltungshauptamt.« In Klammern: »Stärkemeldungen p.p.«2

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, die haben wir reingegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob der Adjutant auch die Fahrbefehle unterschrieben hat für die Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und während Sie dort waren, das war also immerhin von Anfang 43 bis zum Ende, haben Sie da gewußt, daß dort Leute vergast und verbrannt wurden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, es ging das Gerücht, kontrollieren konnte man es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das Gerücht ging. Und Sie haben das Gerücht nicht geglaubt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Tja, es war so eine Sache. Man konnte es glauben, konnte es nicht glauben. Ich habe mir gesagt, das ist eben ein großes Lager, und da gibt es einen natürlichen Abgang, und ein Friedhof war nicht da. Und es war selbstverständlich, daß dann die Toten irgendwie weggeschafft werden mußten. Da nahm ich an, daß die verbrannt würden. Es hieß, es sind Krematorien da. Und da war ich der Annahme, daß sie dort verbrannt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie haben bei Ihrer Vernehmung ausgesagt: »Ich möchte in dem Zusammenhang erwähnen, daß ich in den zwei Jahren meines Aufenthalts in Auschwitz nichts davon erfahren und gemerkt habe, daß dort Häftlinge vergast wurden.«3 Wollen Sie das heute auch sagen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich habe nichts gemerkt davon, weil ich es nicht kontrollieren konnte. Ich sage aber, es ging so das Gerücht herum, es werden Häftlinge verbrannt.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, Sie selbst sind in Krakau vor Gericht gestellt worden?4

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was hat man Ihnen vorgeworfen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Man konnte mir nichts vorwerfen. Wir wurden verschiedentlich vor Häftlinge gestellt, ehemalige polnische Häftlinge, die im KZ Auschwitz waren. Und die haben dann genau festgestellt, wo man war und so weiter, ob irgend etwas vorliegt gegen den Betreffenden. Und gegen mich lag nichts vor. Nach dem polnischen Gesetz wurde ich verurteilt mit der Mindeststrafe von drei Jahren wegen Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Strafe haben Sie voll verbüßt.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die habe ich voll verbüßt.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind 1950 wieder nach Deutschland gekommen.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wie Sie weggekommen sind von Auschwitz, da waren Sie kurz zuvor im Urlaub, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Sie aus dem

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Im Urlaub eigentlich nicht, sondern ich hatte einen Auftrag, in Höchst im Odenwald Fahrradbereifungen zu holen.

 

Vorsitzender Richter:

Hm. Na ja, das war damals so, weil der Urlaub verboten war. Und als Sie dann zurückkehrten, war das Lager bereits geräumt.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wen haben Sie denn dort noch vorgefunden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Da war so ein Nachkommando da, Herr Höcker war noch dagewesen und noch einige von der Kommandantur, Herr Mania. Und der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie den Angeklagten Kaduk gekannt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, so von Ansehen.

 

Vorsitzender Richter:

War der auch dabei?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Der war damals nicht dabei. Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Das Gericht? Keine Frage mehr. Die Staatsanwaltschaft.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Herpel, Sie haben den Adjutanten Mulka zwar nicht mehr lange gekannt, aber haben Sie irgendeine Erinnerung noch daran, ob er öfters krank war oder kränklich war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, das kann ich auch nicht sagen. Also solange ich dort war

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sie haben da keine

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

War er im Dienst gewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Solange Sie dort waren, war er im Dienst gewesen. Nun habe ich noch eine Frage, die Ihnen sicherlich etwas ausgefallen erscheinen wird, aber die Sache spielt hier eine gewisse Rolle. Können Sie sich daran erinnern, ob dem Kommandanten oder dem Adjutanten Essen gebracht wurde? Also, wollen wir mal sagen, Sachen, die so in der gewöhnlichen Verpflegung nicht mit drin waren, von irgendeinem Außenkommando, daß das dort bei Ihnen abgeliefert wurde?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein. Also bei mir wurde nichts abgegeben. Ich habe das auch nie festgestellt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Insbesondere denke ich hier an Fische.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wissen, es gab ein Nebenlager Harmense. Ist Ihnen das...

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, wenn ich das jetzt höre, Harmense

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wissen Sie, daß dort Fische gezogen wurden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich kenne nur den Namen Harmense.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Sie können sich jedenfalls daran nicht erinnern.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich wußte, daß es Fischteiche gibt dort, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ja. Also Ihre Schreibstube war jedenfalls durch eine Tür mit dem Zimmer des Adjutanten verbunden. Habe ich Sie da richtig verstanden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Mit der Tür des Adjutanten

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Da waren noch zwei Zimmer dazwischen, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Zimmer dazwischen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wo lag denn genau an diesem Gebäude das Zimmer des Adjutanten?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Gegenüber von dem Zimmer des Kommandanten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und das Zimmer des Kommandanten? Also, wir haben da vorne eine Karte, wenn Sie sich das mal ansehen wollen, Herr Herpel.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ganz da hinten, ja. Gehen Sie ruhig mal hin. Schauen sie, ob Sie das Kommandanturgebäude, in dem Ihre Schreibstube war, wiederfinden können. Sehen Sie den schwarzen Pfeil? Das ist das Tor mit »Arbeit macht frei«, ja.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das ist der Eingang.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Oben links in der Ecke ist die Villa von Höß.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Da oben, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ganz oben fließt die Soła.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja. Und das war der Kommandanturbau, das der Bau der Standortverwaltung, das der Bau des Standortarztes.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und wo war nun Ihre Schreibstube?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Hier war das Zimmer des Kommandanten, hier das Zimmer des Adjutanten, und dann kam das Vorzimmer des Adjutanten, dann kam das Zimmer des Stabsscharführers. Und dann kam mein Zimmer, in dem ich war. Und dann kam die sogenannte Paßstelle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich erinnern, ob das Zimmer des Adjutanten – das lag also an der Ecke – zwei Fenster hatte, ein Fenster zur Soła hin und ein Fenster oder zwei Fenster zum Lager hin?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das hatte ein Fenster zur Soła und ein Fenster zum Lage r.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ein Fenster zum Lager hin. Danke schön. [Pause] Nun, Herr Herpel, die Transporte, die zur Tötung nach Auschwitz geschickt worden sind, die sind, wie wir wissen, durch Fernschreiben angekündigt worden. Und über die Behandlung der Sache ist auch durch Fernschreiben berichtet worden. Wo war denn die Fernschreibstelle?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die Fernschreibstelle war oben in dem Dachgeschoß.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dieses Gebäudes?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Dieses Gebäudes.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im Dachgeschoß?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und können Sie sich noch an den Leiter dieser Fernschreibstelle erinnern, insbesondere an seinen Namen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, den Namen habe ich vergessen, aber so...

 

Staatsanwalt Kügler:

Da war ein Leiter?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ein Leiter, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

War der während der ganzen Zeit dort, während derer Sie auch da waren, oder haben die gewechselt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Der war längere Zeit dagewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Der war längere Zeit da. Nun, ist Ihnen etwas darüber während Ihrer Tätigkeit in die Hände gekommen, also solche Fernschreiben? Sind die über Ihren Schreibtisch gewandert?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie etwas davon, welchen Weg die genommen haben, diese Fernschreiben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, mit Bestimmtheit nicht, weil ich nichts damit zu tun hatte, aber ich nehme an, daß die ins Adjutantenzimmer gegangen sind.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie nehmen an, daß die ins Adjutantenzimmer gegangen sind. Ist Ihnen entweder aus persönlichem Erlebnis oder vom Hören und Sagen etwas darüber in Erinnerung, ob der Adjutant bei Eintreffen eines solchen Transportes die verschiedenen mit der Abwicklung des Transports beschäftigten Abteilungen unterrichtet hat? Also wir wissen, daß zum Beispiel das Gepäck vereinnahmt wurde, daß die Ärzte rausmußten, daß die Sanitäter rausmußten, die das Gas einwarfen, und so weiter. Die Politische Abteilung war da beschäftigt. Ist Ihnen darüber etwas bekannt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen nichts bekannt. Danke schön, ich habe dann keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin gesagt, daß Sie die Stärkemeldungen unter anderem zu bearbeiten hatten. Sind das die Stärkemeldungen nur von Auschwitz I gewesen oder von allen drei Lagern?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich selbst hatte die Stärkemeldungen von Auschwitz I, und mein Mitarbeiter, der hatte die Stärkemeldungen von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Würden Sie ins Mikrofon sprechen, Herr Zeuge, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja. Also ich selbst hatte die Stärkemeldungen von Auschwitz I, vom Kommandanturstab. Und meine Mitarbeiter, die hatten die Stärkemeldungen von den Wachmannschaften, also nur von Auschwitz I. Und Monowitz, die hatten ja eine eigene Kommandantur. Da war der Kommandant Schwarz gewesen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Und sind die Stärkemeldungen von diesen drei Lagern, Birkenau, Monowitz und Stammlager, bei Ihnen zusammengelaufen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sind die dann von Ihnen aus weitergegeben worden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, von mir nicht. Ich habe nur, also

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ich meine jetzt nicht von Ihnen groß, sondern von der Kommandantur aus. Von

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Im ganzen? Das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Da wissen Sie nicht drüber Bescheid. Herr Zeuge, Sie haben vorhin gesagt, das Vergasen der Häftlinge, darüber seien nur Gerüchte bekannt gewesen. Waren da nicht auch Gerüche, und zwar so stark, daß sie einem wirklich nicht entgehen konnten? Von verbranntem Menschenfleisch.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, wir hatten auf der Kommandantur als Hilfskräfte noch drei Schreiberinnen, das waren jüdische Häftlinge gewesen. Und die haben ab und zu mal gesagt: »Gestern abend haben wieder Verbrennungen stattgefunden, man hat das riechen können« und so weiter. Also ich muß selbst sagen, es hat manchmal gerochen. Aber daß man da sagen könnte, so und so... Bei uns, wo unsere Baracken waren, war auch die Fleischerei gewesen, die Schlachterei, will ich mal sagen. Und da waren mehrere Schlachttiere aufgetrieben worden, zum Beispiel Kühe und so weiter. Die wurden geschlachtet. Und der Abfall, die Hörner, Hufe und so weiter, die wurden da auf einen Haufen gelegt und wurden auch verbrannt. Und das hat natürlich auch gerochen nach Horn. Ich habe dann immer angenommen: Ja, wenn es da riecht, das wird das Horn sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, wenn Sie nachts ins Quartier zurückgekommen sind, wenn Sie aus waren oder Urlaub hatten oder dergleichen oder Stadturlaub, haben Sie dann nicht die Flammen rauslodern sehen in den Nachthimmel hinaus von den Krematorien?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nichts gesehen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke, keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie sagten auf die Frage des Herrn Vorsitzenden, wie lange Mulka etwa da war, zunächst mal: etwa Spätsommer. Und dann präzisierten Sie auf Sommer. Und dann sagten Sie, Sie wüßten nicht genau. Mal eine Frage: Ihr erstes Wort »Spätsommer«, wie würden Sie das präzisieren? Ist das August, ist das September, oder ist das Juli? Was verstehen Sie unter Spätsommer

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Nein, ich habe so angenommen, so August rum.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sie nehmen an, daß Mulka etwa bis August da war?

 

Vorsitzender Richter:

Moment jetzt.

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Mit Bestimmtheit kann ich es nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben den Zeugen gefragt: Wie präzisieren Sie Ihren Ausdruck »Spätsommer«?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Spätso-

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daraufhin hat der Zeuge geantwortet: »So um August herum.«

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Damit hat der Zeuge nicht gesagt, Mulka war bis zum Spätsommer dort. Sondern er hat nur gesagt

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Doch, verzeihen Sie, Herr Vor-

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich präzisiere den Ausdruck Spätsommer mit August.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Ich glaube, ich habe den Zeugen richtig verstanden, aber ich frage gerne noch mal: Meinen Sie also, daß Mulka etwa bis August da war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich kann das nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich weiß nur, als ich hinkam, war Mulka noch Adjutant gewesen. Wie lang er war, weiß ich nicht. Ich kann mich nur entsinnen, daß er kürzere Zeit noch Adjutant war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Und meinen Sie, etwa bis zum Spätsommer?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Da kann ich mich nicht genau festlegen. Das kann auch Juli gewesen, es kann auch Juni gewesen sein. Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Nein, es kommt gar nicht drauf an, ich weiß, daß Sie sich nicht genau festlegen können, Herr Zeuge. Ihres Erinnerns heute sagen Sie, also Spätsommer und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, Herr Rechtsanwalt

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Nein, ich sage

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sind im Irrtum. Der Zeuge hat auf meine Frage vorhin gesagt: »Soviel ich weiß, war es so kurze Zeit später.« Dann habe ich gesagt: »Sie haben früher einmal gesagt, im Spätsommer.« Und da hat er gesagt: »Ja, es kann auch früher gewesen sein, ich weiß es nicht mehr genau.«

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann habe ich ihm vorgehalten, Mulka selbst würde sagen: »Im März.« Und daraufhin hat er gesagt: »Ja, so genau kann ich mich nicht festlegen. «

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Kann ich das nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

So war seine Aussage.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Tja, also ich stimme da nicht mit Ihnen überein, Herr Vorsitzender. Er hat zunächst gesagt: »Spätsommer«. Und

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Ich kann mich nicht genau entsinnen, wie lang er da war. Ich kann nur so viel sagen: Als ich hinkam, war Mulka noch Adjutant gewesen. Und daß er nachher kurz darauf wegkam. Kurz darauf, ja, das kann zwei Monate gewesen sein, es können drei Monate gewesen sein. Das weiß ich nicht mehr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Die Verteidigung? Herr Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, Sie sprachen vorhin von Stärkemeldungen. Auf wen bezogen sich diese Stärkemeldungen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Bitte?

 

Verteidiger Stolting II:

Auf wen bezogen sich diese Stärkemeldungen?

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage ist beantwortet.

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Auf die SS-Angehörigen des Kommandanturstabes.

 

Verteidiger Stolting II:

Da habe ich es überhört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

[Pause] Waren die Lager, als Sie hinkamen, noch in einer Hand, oder waren Sie, als Sie hinkamen, bereits getrennt, nämlich Stammlager, Birkenau und Monowitz?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Als ich hinkam, gab es drei Lager. Das war Auschwitz I, das sogenannte Stammlager, Auschwitz II, das war Birkenau, und Lager III war Monowitz gewesen. [...] Und da gab es auch schon verschiedene Kommandanten. Als ich in Monowitz war, da war auch ein Kommandant gewesen. Das war

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Wissen Sie etwas darüber, ob der Kommandant von Birkenau und der Kommandant von Monowitz dem Kommandanten des Stammlagers unterstanden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das weiß ich jetzt nicht, aber soviel ich mich entsinnen kann, haben die von sich aus die Lager verwaltet.

 

Verteidiger Stolting II:

Hm.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ist möglich, daß der Höß oder die späteren Kommandanten so gewissermaßen die Oberaufsicht hatten. Das kann ich ja mit Bestimmtheit nicht sagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie sagten zu Beginn Ihrer Vernehmung: »Die Fahrbereitschaft hat der Kommandantur unterstanden.«

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Meinen Sie unter dem befehlsmäßigen Unterstehen nur die Urlaubsbetreuung, die personelle Zuweisung der einzelnen Angehörigen der Fahrbereitschaft, oder meinen Sie auch, daß die Fahrbereitschaft Einzelanweisungen von der Kommandantur bekommen hat, so zum Beispiel soundso viele Lkws abzustellen, wenn ein Transport kommt, und so weiter?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das weiß ich jetzt nicht. Ich weiß nur, daß die Fahrbereitschaft auch einen eigenen Leiter hatte. Das war der Untersturmführer Wiegand. Und ob die jetzt da Befehle bekommen haben von der Kommandantur oder ob die Wiegand selbst ausgestellt hat, das entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Verteidiger Stolting II:

Hm. Wissen Sie, was für eine Stellung die Politische Abteilung innerhalb der Gesamtverwaltung Auschwitz gehabt hat?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, speziell ist mir darüber nichts bekannt. Ich weiß nur, daß es eine Politische Abteilung gab. Und welche Befugnis diese jetzt hatte? Ich wußte nur, daß dort das sogenannte Standesamt geführt wurde, also die Sterbefälle registriert wurden. Aber Näheres weiß ich darüber nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Unterstand die Politische Abteilung dem Kommandanten?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Zu der Kommandantur gehörten die Adjutantur, die Abteilung II, das war eben die Politische Abteilung, Abteilung III, Schutzhaftlager, Abteilung IV – ursprünglich gehörte die dazu, das war die Standortverwaltung, die wurde nachher auch selbständig – und der Standortarzt, das war die Abteilung V. Und die Landwirtschaft, die war auch selbständig gewesen.

 

Verteidiger Stolting II:

Sprechen Sie nur von der disziplinären Unterstellung der Angehörigen der Politischen Abteilung unter den Kommandanten oder auch von der fachlichen Unterstellung?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nur von der personellen Seite aus.

 

Verteidiger Stolting II:

Nur von der personellen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie einmal gesehen oder erlebt, daß der Kommandant oder der Adjutant eine unmittelbare fachliche Anweisung an die Politische Abteilung gegeben hat?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, nicht gehört, auch nicht gesehen.

 

Verteidiger Stolting II:

Konnte er das nach Ihrer Auffassung?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das glaube ich nicht. Der Kommandant war ja der erste Mann sozusagen über das ganze Lager.

 

Verteidiger Stolting II:

Woher bekam die Politische Abteilung ihre fachlichen Anweisungen? Haben Sie darüber Feststellungen

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie nicht?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

[Pause] Waren Sie mal an der Rampe gewesen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Bitte?

 

Verteidiger Stolting II:

Ob Sie mal an der Rampe waren.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Entschuldigen Sie, ich höre Sie nicht.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ob Sie einmal an der Rampe waren.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Wo? An der?

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was die Rampe ist?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Eine Rampe weiß ich, was das ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und da will der Herr Rechtsanwalt wissen, ob Sie einmal dort gewesen seien.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Waren Sie einmal im Lager Birkenau?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein. Ich bin einmal hingekommen. Dort war die sogenannte Entlausungsanstalt. Die war aber nicht im Lager, sondern in der Nähe des Lagers. Und wenn man auf Urlaub gefahren ist, mußte man dorthin zur Entlausung.

 

Verteidiger Stolting II:

Also im Lager Birkenau sind Sie nie gewesen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nicht. Wir SS-Angehörigen hatten keinen Zutritt zu dem Lager.

 

Verteidiger Stolting II:

Ich habe keine Frage mehr, danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich habe doch noch eine Frage. Herr Zeuge, wir haben hier eine Karte von Birkenau. Könnten Sie uns mal zeigen, wo Ihrer Erinnerung nach die Entlausungsanstalt war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das war ungefähr eine halbe Stunde weg gewesen. Den Weg, den kann ich heute nicht mehr beschreiben. Es ging kreuz und quer über Feldwege weg. Also wenn ich hier auf der Karte zeigen soll

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Die Entlausungsanstalt war eine halbe Stunde weg vom Lager?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, so ungefähr war der Weg. Man hatte ungefähr eine halbe Stunde zu laufen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und wann waren Sie etwa dieses eine Mal in Birkenau?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, [Pause] als ich mal auf Urlaub fuhr. Wann das genau war, weiß ich heute auch nicht mehr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na, welches Jahr?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich bin im Jahr einmal in Urlaub gefahren.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

In welchem Jahr?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, das wird gewesen sein auf Weihnachten 43.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und Sie bleiben auch jetzt, nachdem Sie uns gesagt haben, daß Sie sehr nahe bei den größten Krematorien waren, die es im Gesamtbereich Auschwitz gab, weiter dabei: Sie wissen nichts von Vergasungen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein. Ich sage Ihnen ja

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso? Ich verstehe nicht, wieso

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Ich sage Ihnen ja, daß, daß gerüchteweise, gerüchteweise

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso wissen Sie, daß er sehr nahe an diesem größten Krematorium war? Davon habe ich bisher nichts gehört.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Er war ganz in der Nähe von

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Eine halbe Stunde fort vom Lager Auschwitz. Das hat er gesagt. Wieso wissen Sie, daß er ganz in der Nähe des Krematoriums war?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja nun, also eine halbe Stunde fort. Erstens glaube ich dem Zeugen das nicht und zweitens, und [Unruhe im Gerichtssaal]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Meine Herren, ich bitte, nicht zu lachen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und zweitens bin ich der Ansicht, daß dieser Weg höchstwahrscheinlich auch über das Lager geführt haben muss.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das mag Ihre Ansicht sein. Der Zeuge hat es jedenfalls nicht gesagt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja, erst den Rechtsanwalt Erhard. Ergänzungsrichter, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, führten Sie die Personalakten nur von den Unterführern und Mannschaften oder auch von den Führern?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nur von den Unterführern und Mannschaften, von Offizieren nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die Akten der Führer, wo wurden die geführt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich nehme an vom Adjutanten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Vom Adjutanten, nehmen Sie an. Und von den Ärzten, also von der Sanitätsabteilung, wie es da hieß, da waren ja auch Unterführer.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und diese Akten führten Sie auch?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Anfänglich, nachher nicht mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sondern wo wurden die geführt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Beim Standortarzt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Beim Standortarzt selbst? Der war also selbständig insoweit, auch personell?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die Akten der Unterführer der Politischen Abteilung, hatten Sie die bei sich, oder waren die auch woanders?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die waren bei uns.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die waren bei Ihnen?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wenn nun ein neuer Unterführer zur Politischen Abteilung kam, wo bekamen Sie die Akten her? Von der Geheimen Staatspolizei oder von der militärischen Dienststelle?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, das waren auch SS-Angehörige. Die kamen von irgendeinem Truppenteil oder von einem anderen Lager.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das waren doch nicht alles gewöhnliche SS-Angehörige. Erinnern Sie sich mal dran, daß manche das Zeichen SD auf dem Arm hatten.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Vom SD hatten wir keine Papiere.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatten Sie keine Papiere?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Also SD-Angehörige wurden bei uns nicht geführt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie hatten aber im Lager SD-Angehörige.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Die sind ab und zu mal da rumgelaufen. Ob die jetzt ständig dazugehört haben, das weiß ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Leute, die von der Kriminalpolizei kamen. Ist Ihnen der Name Boger ein Begriff?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Boger, der gehörte zu uns.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Wo wurden dessen Personalakten geführt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Wurden bei uns geführt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die wurden bei Ihnen geführt?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Verteidiger Erhard:

Herr Zeuge, erinnern Sie sich, daß Sie einen Mitangeklagten in Krakau namens Albrecht gekannt haben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Hat er Ihnen gesagt, was er im Lager Auschwitz für eine Funktion hatte?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein, darüber wurde nicht gesprochen. Ich wußte, daß er zur Politischen Abteilung gehörte.

 

Verteidiger Erhard:

Er gehörte zur Politischen Abteilung. Was wissen Sie über ihn?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Er ist gestorben.

 

Verteidiger Erhard:

Der ist gestorben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Und was haben Sie während seiner Haft in Polen beobachtet?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Er hat einen Nervenzusammenbruch bekommen. Also er war, etwas allgemein ausgesprochen, übergeschnappt.

 

Verteidiger Erhard:

Er ist übergeschnappt. Und dann haben Sie nachher von seinem Tod gehört?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

Wissen Sie das sicher?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Eines Tages hieß es: »Albrecht ist gestorben.«

 

Verteidiger Erhard:

Haben Sie zwei SS-Angehörige gekannt, die bei der Politischen Abteilung waren und beide Albrecht geheißen haben?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich kann mich nur auf den einen entsinnen.

 

Verteidiger Erhard:

Der soll nämlich noch leben.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja. Bitte?

 

Verteidiger Erhard:

Der soll noch leben.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Glaube ich kaum.

 

Verteidiger Erhard:

Sie glauben kaum. Danke.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Also ich weiß, daß er während meiner Haftzeit in Polen sehr runtergekommen war, also sowohl geistig als auch körperlich.

 

Verteidiger Erhard:

Sie haben damals gesagt, im Jahre 1961: Albrecht, »er war mit mir in polnischer Haft und wurde dort geisteskrank«.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Verteidiger Erhard:

»Über seinen späteren Verbleib ist mir nichts bekannt.«5 Haben Sie denn nach Ihrer Vernehmung etwas von Albrecht noch gehört?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nach der Vernehmung nicht mehr.

 

Verteidiger Erhard:

Aber Sie erinnern sich sicher, daß er damals, wie Sie in polnischer Haft mit ihm waren, praktisch geisteskrank war? Nach Ihrer Meinung mindestens.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, ja.

 

Verteidiger Erhard:

Danke.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das stand fest.

 

Verteidiger Erhard:

Danke.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Herr Zeuge, können Sie sich erinnern, ob der Herr Mulka damals eine Brille trug?

 

Zeuge Christoph Herpel:

[Pause] Soviel ich mich entsinnen kann, nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nicht. Herr Vorsitzender, darf ich den Zeugen bitten, daß er auf einem Plan6 einzeichnet, wie die Zimmer verteilt waren im ersten Stock?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte. Würden Sie mir noch mal die Nummer verraten vom Herrn Albrecht? [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn das also die Soła sein soll und da das Haus von Höß, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier das Lager, da der Kommandant, da der Adjutant.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja. Da war die Treppe, nicht. Eingang. Kommandant. Dann war hier das Vorzimmer des Kommandanten.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Dann war hier

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Schreiben Sie gerade mal »Vorzimmer«.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Vorzimmer. Dann war hier Stabsscharführer, dann war hier Personalabteilung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Da saßen Sie?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Bitte?

 

Staatsanwalt Kügler:

Saßen Sie in diesem Zimmer?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Da saß ich, ja, hier. Ja, das ist etwas breiter, hier war das noch die Kartenstelle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Kartenstelle?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Kartenstelle oder Paßstelle.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und was war hier noch?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Hier war die Gerichtsabteilung. Und hier war die Bibliothek.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aha. Die Bücherei. Und der Spieß saß hier, ja?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Der Spieß saß hier.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Herr Zeuge, ich hätte noch folgende Frage, was den Albrecht betrifft. Wissen Sie, wie er mit Vornamen hieß?

 

Zeuge Christoph Herpel:

[Pause] Karl?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Karl?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ich kann mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Können sich nicht entsinnen. Wissen Sie, ob er verheiratet war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Mit Bestimmtheit kann ich es auch nicht sagen. Ich nehme es an. Er war ungefähr in meinem Alter.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrem Alter etwa.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Kräftige Statur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, wo er geboren war, was er für ein Landsmann war?

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Ja, in Ostdeutschland geboren. Ich glaube, daß er Schlesier war, Schlesier oder Pommer, so was ähnliches.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, welche Schulen er besucht hat?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie sich mal mit ihm unterhalten?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, während der Gefangenschaft haben wir mal zusammen gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, hat er Ihnen mal erzählt, daß er mal Lehrer werden wollte?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, jetzt kann ich mich entsinnen. Ich glaube, er war sogar Lehrer.

 

Vorsitzender Richter:

Hm. Und hat er Ihnen mal erzählt, ob er bei der polnischen Wehrmacht als Infanterist mal in Lemberg gedient hat?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er nichts davon gesagt. [Pause] Wissen Sie, ob er Mitglied der NSDAP war?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

War er denn bei den Totenkopfverbänden? Muß ja gewesen sein, nicht. In Auschwitz waren ja nur Angehörige des Totenkopfverbandes.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, man hat das so bezeichnet, als Totenkopfverbände. Das stimmt nicht ganz, nicht. Denn in Auschwitz, das waren alles Angehörige der Waffen-SS, die sogar von den Fronteinheiten bei Verwundung oder Krankheit abgestellt wurden. Sie kamen da vorübergehend zur Wachmannschaft, bis sie wieder voll einsatzfähig waren. Also es kamen da von den Fronteinheiten, auch von sonstigen Einheiten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ist der Albrecht mit Ihnen zusammen weggegangen von Auschwitz? [Pause] Sind sie zusammen weg?

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Nein, der war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

War nicht dabei. Wissen Sie, wieso er eigentlich nach Polen damals, nach Krakau, gekommen ist in das Gefängnis?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat er denn damals bekommen? Oder ist er überhaupt abgeurteilt worden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Er ist abgeurteilt worden, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was er bekommen

 

Zeuge Christoph Herpel [unterbricht]:

Das weiß ich nicht.7

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. [Pause] Wie der Herr Rechtsanwalt Erhard Ihnen mit Recht vorgehalten hat, haben Sie bei Ihrer früheren Vernehmung gesagt, Sie hätten von dem Schicksal des Albrecht nichts mehr gehört. Heute wollten Sie sich zu der Überzeugung bekennen, er sei gestorben.

 

Zeuge Christoph Herpel:

Ja, etliche, die damals mit in der Gefangenschaft waren, sind gestorben. Und ich kann also nicht mit Bestimmtheit sagen, ist er gestorben, ist er nicht gestorben. Ich weiß nur, daß er sowohl körperlich als auch geistig sehr heruntergekommen war. Und...

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was er bei der Politischen Abteilung getan hat?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Ich habe dann keine Frage mehr.

 

Richter Perseke:

Mit der Skizze, die der Staatsanwalt

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Noch eine Frage [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Moment, Herr Staatsanwalt. Eins möchte ich zunächst noch sagen. Sie haben sich eben von dem Herrn Zeugen eine Skizze anfertigen lassen. Ich bitte, die Skizze als Bestandteil zum Protokoll dem Gericht zu übergeben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Herr Vorsitzender, darf ich das noch einen Moment behalten, damit ich mir eine Abschrift der Skizze fertigen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich übergebe sie dann. Herr Herpel, ich habe noch eine Frage: Die Personalakten der Leute von Birkenau und Monowitz, sind die auch bei Ihnen geführt worden?

 

Zeuge Christoph Herpel:

Nein. Die wurden bei den dortigen Kommandanturen geführt.

 

Vorsitzender Richter:

So. Herr Raabe, Sie wollten noch eine Frage an wen stellen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

An Herrn Breitwieser.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Breitwieser, kennen Sie diese Entlausungsanstalt, von der der Zeuge vorhin gesprochen hat?

 

Angeklagter Breitwieser:

Das war die »Sauna« in Birkenau, in der die Bekleidung der SS entwest wurde, bevor sie in Urlaub fuhr. Gleichzeitig wurde da gebadet.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und wo war das? Können Sie das

 

Angeklagter Breitwieser [unterbricht]:

In der Nähe der Truppenunterkunft.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie weit war das etwa von den Krematorien entfernt?

 

Angeklagter Breitwieser:

In Birkenau kenne ich mich schlecht aus, aber soviel ich weiß, war es nach diesem Plan rechts ab vor dem Lager noch.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Rechts ab.

 

Angeklagter Breitwieser:

Also so, wie Sie jetzt stehen, an dieser Stelle etwas rechts.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Und können Sie das in etwa angeben in Hundert? War das ein halber Kilometer?

 

Angeklagter Breitwieser:

Nein, entfernungsmäßig kann ich das nicht beschreiben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Konnte man von dort aus das Lager noch sehen?

 

Angeklagter Breitwieser:

Ich glaube nicht. Denn meiner Meinung nach lag die Truppenunterkunft eben zwischen »Sauna« und zwischen dem Lager.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

So. Sind noch Fragen zu stellen von seiten der Verteidigung? Von seiten der Angeklagten? Sind Erklärungen abzugeben von seiten der Angeklagten? Wenn nicht – danke schön –, dann bitte ich Anträge zu stellen bezüglich der Beeidigung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich beantrage, den Zeugen zu beeidigen.

 

Vorsitzender Richter:

Andere Anträge? Nicht vorhanden. Das Gericht wird dann beschließen8

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 17.02.1961 in Darmstadt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.873.

2. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 17.02.1961 in Darmstadt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.874.

3. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 17.02.1961 in Darmstadt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.874.

4. Vgl. Aleksander Lasik: Die Verfolgung, Verurteilung und Bestrafung der Mitglieder der SS-Truppe des KL Auschwitz. Verfahren, Fragen zu Schuld und Verantwortung, in: Hefte von Auschwitz 21, 2000, S. 263.

5. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 17.02.1961 in Darmstadt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.877.

6. Vgl. Anlage 1 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 11.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102.

7. Vgl. Aleksander Lasik: Die Verfolgung, Verurteilung und Bestrafung der Mitglieder der SS-Truppe des KL Auschwitz. Verfahren, Fragen zu Schuld und Verantwortung, in: Hefte von Auschwitz 21, 2000, S. 263. Lasik zufolge wurde Bruno Albrecht zu einer Haftstrafe von 7 Jahren verurteilt.

8. Der Zeuge Herpel wurde auf seine Aussage vereidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 11.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 681.

 

 
 
 
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