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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

103. Verhandlungstag, 22.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Walter Hennings

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit] einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ich bin damit einverstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Bitte schön.

 

Zeuge Walter Hennings:

Ohne daß ich auf das Jahr mich noch beziehen kann, ich glaube, im Jahre 1940 war ich als Rechtsbetreuer des Deutschen Fichtebundes in Hamburg uk gestellt und lernte durch den Direktor des Deutschen Fichtebundes, einen Herrn Theodor Kessemeier, mit dem ich sehr eng befreundet war, Herrn Mulka kennen. Das kann aber auch kurz vor Beginn des letzten Krieges gewesen sein. Ich kann mich auf das Jahr nicht festlegen, nur meine ich, daß es in der Zeit gewesen ist, als ich beim Deutschen Fichtebund in einer Art

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was ist das für ein Bund?

 

Richter Hotz:

Fichtebund. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Fichtebund.

 

Zeuge Walter Hennings:

Deutscher Fichtebund e. V.

 

Vorsitzender Richter:

So. Ja, bitte schön.

 

Zeuge Walter Hennings:

Herr Kessemeier war ebenso wie Herr Mulka Freikorpskämpfer, und als Freikorpskämpfer wurde Herr Mulka von Herrn Kessemeier bei mir eingeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Hennings:

Es ergab sich aufgrund der Unterhaltung, die wir dann führten, daß Herr Mulka sehr daran interessiert war, ein unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, etwa im Jahr 1921/22, gegen ihn ergangenes Urteil aus der Welt zu schaffen. In diesem Urteil war er neben einer Freiheitsstrafe auch mit einer Ehrenstrafe belegt worden, mehrjährigem Ehrverlust.

Darum hat er sich nicht gekümmert, in der Meinung, daß er recht gehandelt hätte, bis nach [unverständlich] er verschiedene Kurse mitgemacht hatte, ich meine, zum Oberleutnant befördert worden war und jetzt aus der Wehrmacht entlassen wurde mit Rücksicht auf die gegen ihn erkannte Ehrenstrafe. Diese Ehrenstrafe wollte er aus der Welt haben und wandte sich deswegen, wie gesagt, durch Vermittlung von Herrn Theodor Kessemeier an mich, mit der Bitte, doch alles zu versuchen, was in der Richtung möglich wäre.

Ich selbst bin, wenn Sie wollen, Herr Präsident, alter Nationalsozialist, 1931 Mitglied der Partei geworden. Und er glaubte wohl, daß ich nach 1933 Möglichkeiten hätte, die sich außerhalb einer Wiederaufnahme des Verfahrens von damals für ihn ergaben in dem Ziel, das er anstrebte, mit der Rehabilitierung, nämlich nach wie vor im Rang eines Oberleutnants und mit der Berechtigung zum Tragen seiner Tapferkeitsauszeichnung aus dem Ersten Weltkriege rehabilitiert zu werden.

Ich habe damals mit dem Beauftragten des damaligen Reichsministers Seldte in der Abwicklung der Stahlhelm-Angelegenheiten – das erfuhr ich also, daß er beim Stahlhelm aktiv gewesen war – verhandelt, und es ergab sich über diese Verhandlungen nur eine einzige Chance für Herrn Mulka auf dem rein verwaltungsmäßigen Gebiet. Er würde, wenn er als einfacher Mann zur Wehrmacht zurückkommen würde – als solcher stand er unter Wehrüberwachung – in Kürze wieder zum Oberleutnant befördert werden. Das lehnte Mulka ab. Mulka sagte: »Das will ich nicht. Das ist ja der Vollzug der Ehrenstrafe.« Die andere Möglichkeit, ein Wiederaufnahmeverfahren durchzuführen, ist exerziert worden. Ich glaube, bis zur Beschwerde ans hanseatische Oberlandesgericht, aber mit negativem Erfolg. Es waren keine neuen Tatsachen gegeben. Das war von vornherein eine Tatsache, die hingenommen werden mußte. Wir sahen eine mögliche Chance für das Wiederaufnahmeverfahren in der Tatsache, daß in der Zwischenzeit der Umbruch 1933 durchgeführt worden war. Die Empfehlung des Stabsführers, des damaligen Arbeitsministers Seldte, ging also dahin, mit dem Wiederaufnahmeverfahren den Versuch zu machen. Der mißlang.

Jetzt – wenn ich dieses Thema einmal abschließen darf – wurde ich selber am 5. März 1941 aus dieser uk-Stellung beim Deutschen Fichte-Bund zur Waffen-SS einberufen, nach Berlin, und zwar zum Chef des Ergänzungsamts der Waffen-SS. Das Ergänzungsamt der Waffen-SS ist ein Amt im Verbande des SS-Hauptamts. Das SS-Hauptamt ist ein Hauptamt, das koordiniert war, ich glaube, mit zwölf anderen Hauptämtern, darunter, ihm gleichgeordnet, aber ohne daß eine funktionelle Verbindung zwischen ihnen bestand, das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unter dem Obergruppenführer Pohl und das Reichssicherheitshauptamt. Die beiden spielen vielleicht hier die einzige Rolle. Ich glaube, damals unter seinem Chef Heydrich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Zeuge, wir wollen von Ihnen etwas über Mulka hören.

 

Zeuge Walter Hennings:

Gewiß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was wissen Sie von Mulka?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ich weiß von Mulka, daß ich nunmehr zu meinem Chef, den ich früher verteidigt hatte, hinging und sagte: »Du, hör mal zu«– wir duzten uns auch, ich war sein persönlicher Referent, – »ich habe einen schrecklichen, auch für mich, in meinen Augen, recht tragischen Fall.« Dann erzählte ich ihm diese Sache, auch die Zusammenhänge über die Verurteilung von Mulka zu einer Gefängnisstrafe und dieser Ehrverluststrafe. »Kann denn der nicht zur Waffen-SS überstellt werden?«

Mein Chef war sehr dagegen, weil Mulka als Stahlhelmer die ganze Gleichschaltung persönlich nicht mitgemacht hatte, was ich ihm auch sagte. Außerdem war er gegen den Stahlhelm eingestellt, aus Hamburger – wenn Sie wollen, Herr Präsident – Kampferlebnissen. Dennoch hat er, als ich ihm sagte, Mulka sei Pionieroffizier – soweit ich es weiß, ich bin nicht dabeigewesen –, Verbindung mit dem Heerespersonalamt aufgenommen, damit man das nicht vor den Kopf stieße, und erklärt, es wäre die Absicht, Herrn Mulka als Obersturmführer, gleich Oberleutnant der Waffen-SS, in die Waffen-SS zu übernehmen. Ob vom Heerespersonalamt dagegen Bedenken wären.

Solche Bedenken bestanden nicht, und ich bin also der Meinung, daß über diese Aktion Herr Mulka jetzt unter Staatszwang zur Waffen-SS übernommen worden ist. Herr Mulka – soweit ich mich erinnern kann – wußte von meiner Aktion, die ich jetzt gleich, nachdem ich in Berlin angekommen war, bei Jürs durchführte, nichts. Mir ist nicht unbekannt, daß Mulka sich dahin einläßt, er sei als Freiwilliger zur Waffen-SS gekommen. Ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, also Sie wollen uns sagen, daß Sie in Wirklichkeit derjenige gewesen sind, der ihm diesen Weg ermöglicht hat, und daß er auf diese Weise zur SS gekommen ist. Nun, was wissen Sie von seiner Einstellung dazu oder von seinem Verhalten gegen die SS oder gegen die Partei, oder wie das hier gemeint ist von seiten

 

Zeuge Walter Hennings [unterbricht]:

Weder zur Partei noch zur SS hatte Mulka irgendeine Einstellung. Sondern er war Soldat, Offizier. Und sowohl in seinen wie auch in meinen Augen war die Waffen-SS in dieser Zeit nichts anderes als ein vierter Wehrmachtsteil. Also ihm war es sehr recht – wie sich nachher ergab –, daß er zur Waffen-SS eingezogen wurde. Ihm kam es darauf an, mit der Einberufung zur Waffen-SS als tapferer Offizier des Ersten Weltkrieges – mit hohen Tapferkeitsauszeichnungen bedachter Offizier – rehabilitiert zu sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Müller, ist noch eine Frage?

 

Verteidiger Müller:

Ja. Herr Rechtsanwalt Hennings, mir liegt hier der Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens vor vom 30. Dezember 37. In diesem Antrag, der mehrere Seiten umfaßt, sind Formulierungen enthalten, die dafür sprechen könnten, daß Mulka damals nationalsozialistischer Überzeugung war. Ist dieser Antrag ausschließlich Ihre Formulierung, oder hat bei dieser Formulierung der Angeklagte Mulka mitgewirkt?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ich kenne also die Antragsschrift nicht, aber ich glaube, daß diese Antragsschrift diktiert worden ist in diesem Tenor, den Herr Doktor Müller mir vorhält. Ich, wie gesagt, erfahre heute überhaupt erst davon, daß eine solche Antragsschrift vorliegt. Sonst hätte ich sie gern noch mal gelesen. Man begegnet sich ganz gern noch mal nach einigen zwanzig Jahren wieder. Und ich halte mich davon überzeugt, daß diese Formulierung, die weiter nichts ist als die Empfehlung für Herrn Mulka, für seine Einstellung gar nichts zu bedeuten hat.

 

Verteidiger Müller:

Wenn Sie damals gefragt worden wären, ob Mulka Nationalsozialist war oder nicht, wie würde die Antwort von Ihnen damals gelautet haben?

 

Zeuge Walter Hennings [unterbricht]:

Nein, alles andere als Nationalsozialist.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, Herr Zeuge, Herr Zeuge. Wollen Sie das wirklich sagen?

 

Zeuge Walter Hennings:

Genau.

 

Verteidiger Müller:

Und wie würden Sie ihn einstufen politisch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, aber erlauben Sie mal, Sie haben auf der einen Seite dafür gesorgt, daß der Mulka zur SS kam. Und dann hätten Sie gesagt, aber ein Nationalsozialist ist er nicht. Ich meine...

 

Zeuge Walter Hennings:

Darf ich Ihnen die Erklärung dazu geben. Ich habe Jürs in diesem Zusammenhang erklärt, daß ich persönlich für Herrn Mulka als Patrioten jegliche Personalbürgschaft übernehme.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Walter Hennings:

Weil dieser Widerstand kam: »Der ist doch kein Nationalsozialist.« Er war kein Nationalsozialist, das, was man heute unter

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, aber das hat Sie der Rechtsanwalt Müller nicht gefragt. Sondern er hat Sie gefragt, ob Sie damals auf die Frage, ob er ein Nationalsozialist gewesen sei, die Frage mit Nein beantwortet hätten, nämlich nicht in Ihrem Herzkämmerchen, sondern gegenüber einem Fragenden, also zum Beispiel einer SS-Dienststelle gegenüber.

 

Zeuge Walter Hennings:

Herr Präsident, ich hätte es nicht nur, ich habe es. Ich kannte ja die Eindrücke von Jürs, was der unter Nationalsozialist verstand. Ich habe das dem Jürs gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Na. Schön.

 

Verteidiger Müller:

Haben Sie den Angeklagten Mulka nach 1943 gesehen, und haben Sie erfahren, daß er neuerlich in damals strafrechtlich relevante Konflikte kam? Und können Sie darüber etwas sagen?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ich habe ihn vor 1943 gesehen, und zwar auf einer Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg. Die Dienststelle, bei der ich war 1942, war das SS-Hauptamt. Und ich diente dem Chef dieses Hauptamts, dem General der Waffen-SS Berger, als Gerichtsoffizier. Er war mein Gerichtsherr. Auf der Fahrt von Berlin nach Hamburg oder umgekehrt, das weiß ich nicht, bin ich um diese Jahreszeit im Jahr 1942 Herrn Mulka im Zuge begegnet. Und

 

Verteidiger Müller [unterbricht]:

Entschuldigen Sie, 42 oder 43?

 

Zeuge Walter Hennings:

42.

 

Verteidiger Müller:

Das wäre also Oktober 1942?

 

Zeuge Walter Hennings:

September, Oktober 42.

 

Vorsitzender Richter:

Im Zuge begegnet. Wo kam er her, wo fuhr er hin?

 

Zeuge Walter Hennings:

Nach meiner Erinnerung: »Mensch, wie siehst denn du aus?« Wir duzten uns, Mulka und ich. »Wie siehst denn du aus? Was ist denn mit dir los? Ja, was machst du?« So ging das Gespräch also wohl los. Ich meine, er hätte mir damals gesagt, entweder er sei aus einem Sanatorium gekommen, oder er würde in ein Sanatorium gehen müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das?

 

Zeuge Walter Hennings:

Im Herbst 1942.

 

Vorsitzender Richter:

Im Herbst 1942. Wissen Sie ein näheres Datum?

 

Zeuge Walter Hennings:

Darüber weiß ich Näheres nicht. [...]

 

Verteidiger Müller:

Wußten Sie, welche Dienststelle er damals hatte, bei welchem Kommando er Dienst tat?

 

Zeuge Walter Hennings:

Also ich bin auf ihn zugegangen und habe gesagt: »Sind Sie Mulka?« So

 

Verteidiger Müller [unterbricht]:

Herr Zeuge, ich will es kurz fassen: Hat er

 

Zeuge Walter Hennings [unterbricht]:

Trostlos sah der Mulka aus. »Sind Sie Mulka?« Ja, der wäre er. »Walter, du, was machst du?« Und nun teilte mir Mulka mit, ob ich, der ich ja Wesentliches dazu beigetragen hatte, daß er zur Waffen- SS kam, nun nicht dafür Sorge tragen könnte, daß er da, wo er jetzt wäre, wegkäme. Ich sage: »Wo bist du denn, daß du da weg strebst?« Ich wußte nur, daß er irgendwo zu einem Pionierersatzbataillon zur Ausbildung gekommen war. »Darüber kann ich dir nichts sagen.« Ich sage: »Um Gottes Willen, ich kann ja nicht zum Jürs gehen und sagen, du möchtest da, wo du bist, weg, aber da, wo du bist, darüber könntest du mir nichts sagen.«

 

Verteidiger Müller:

Und hat er dann was gesagt, wo er war?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ja. Er machte die Pause, Herr Präsident, die ich eben machte, und sagte: »Nein, das kann ich dir nicht sagen.«[Pause] Nein, er fügte noch was hinzu: »Wenn es nicht anders ist, dann muß ich darauf verzichten, daß du dich verwendest dafür. Das wäre für mich der Tod.«

 

Verteidiger Müller:

Das habe ich nicht verstanden. Was wäre für

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Das wäre für mich der Tod«, wenn er ihm sagen würde, wo er wäre, und das würde dann oben bekannt. Er hat es nicht gesagt.

 

Zeuge Walter Hennings:

Hat es nicht gesagt. Ich bin also zu Jürs gegangen und habe [+ es] ihm gesagt. Also mit dem Augenblick, wo der Einberufungsvorgang beendet ist, werden die Männer, die einberufen worden sind, vom SS-Hauptamt, Ergänzungsamt der Waffen-SS, überstellt zum Führungshauptamt. Dann weiß man nicht mehr, was mit denen wird. Jürs mußte sich also, um zu erfahren, wo ist der Mulka nun eigentlich, an das Führungshauptamt unter dem Gruppenführer Jüttner wenden. Er fragte mich natürlich: »Wo ist der Mulka?« »Ja, also das hat er mir gesagt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.« »Ja, soll ich denn jetzt etwa zum Jüttner hin laufen und beim Jüttner fragen, wo kann ich den Mulka kriegen? Außerdem, ich habe schon genug Nackenschläge davon gehabt, daß du dich für ihn verbürgt hast. Deswegen habe ich ihn doch zur Waffen-SS geholt.« Das war die Antwort von Jürs.

 

Verteidiger Müller:

Herr Doktor Hennings, hat der Angeklagte Mulka Ihnen bei irgendeiner Gelegenheit zu erkennen gegeben, daß er in einer Dienststelle sich befindet, wo er todunglücklich ist, wo er

 

Zeuge Walter Hennings [unterbricht]:

Todunglücklich.

 

Verteidiger Müller:

Hat er Ihnen das gesagt?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ja, ja. Todunglücklich.

 

Verteidiger Müller:

Im Zug?

 

Zeuge Walter Hennings:

Im Zuge.

 

Verteidiger Müller:

Im September/Oktober-1942-Gespräch?

 

Zeuge Walter Hennings:

Im Herbst 1942, wohl September, Oktober.

 

Verteidiger Müller:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Eine Frage, Herr Zeuge. Was war denn Zweck und Ziel des Fichte-Bunds?

 

Zeuge Walter Hennings:

Zweck und Ziel des Fichte-Bundes war die Aufklärung des Auslandes über Versailles. Das erste Flugblatt, das vom Fichte-Bund ans Ausland ging, datiert meines Wissens aus dem Jahr 1919, und zwar aus der Frühzeit des Jahres 1919, und endete mit der dann regelmäßig wiederkehrenden Formel: »Versailles muß fallen.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke.

 

Zeuge Walter Hennings:

Nach 1933

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wir wollen sonst nicht näher auf diese Organisation eingehen. Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie haben uns eben gesagt, bei Ihrem Chef im SS-Hauptamt hätten Sie betont, daß Mulka kein Nationalsozialist sei. Können Sie mir bitte das psychologische Motiv für diese Handlungsweise sagen beziehungsweise erklären? Sie als alter Nationalsozialist, wie Sie sich eben bezeichnet haben, wollten beim SS-Hauptamt einen Mann unterbringen, der in einer schwierigen Situation war. Nun haben Sie den Leuten gleich gesagt, das ist kein Nationalsozialist. Können Sie mir bitte sagen, aus welchem Grunde?

 

Zeuge Walter Hennings:

Ich habe niemals über diese Frage der Einstellung von Herrn Mulka bei der Waffen-SS mit dem Chef des SS-Hauptamts gesprochen

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Mit Ihrem Chef aber

 

Zeuge Walter Hennings [unterbricht]:

Sondern mit dem Chef des Ergänzungsamts der Waffen-SS, mit dem ich mich duzte. Ich hatte in der Zeit vor 1933 ihn und seine Männer verteidigt. Wir standen in einem sehr engen Verhältnis zueinander. Ich kannte seine Einstellung zum Stahlhelm und wußte, daß Herr Mulka Erz-Stahlhelmer war. Auf die Frage: »Was ist denn Mulka seiner Einstellung nach?« habe ich ihm gesagt: »Na ja, in deinem Sinne bestimmt kein Nationalsozialist, sondern Stahlhelmer. Aber ich garantiere dir persönlich für seine Qualität als Patriot.«

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, aber mußten Sie nicht befürchten, daß das für ihn eine Erschwernis ist? Das war doch ein Mann, der in einer komplizierten Situation war, der nun wieder neu versuchen wollte, sich in seiner Soldatenlaufbahn angeblich heraufzudienen oder weiterzumachen. Und da haben Sie den Leuten gleich auf die Nase gebunden, daß er kein Nationalsozialist ist?

 

Zeuge Walter Hennings:

Genau so. Nicht deswegen, weil er sich heraufdienen wollte, sondern deswegen, weil ich der Meinung war: In der Zwischenzeit war die Situation ja doch im Krieg so geworden, daß ein Mann wie Robert Mulka nicht einfach dasitzen konnte und die Hände falten konnte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Was hat denn Ihr Chef dann drauf gesagt? Er hat gesagt: Aha, der ist kein Nationalsozialist, und ich nehme ihn trotzdem. Oder wie?

 

Zeuge Walter Hennings:

Was er gesagt hat, weiß ich nicht. Was er getan hat: Er hat sich also, da Mulka Pionieroffizier war – das kann ich nicht sagen, ich bin nicht dabeigewesen –, mit dem Führungshauptamt in Verbindung gesetzt für einen Pionieroffizier Mulka, der im Freicorps gewesen sei, der kein Nationalsozialist sei, wohl aber ein Patriot sei. Dafür verbürge sich sein persönlicher Referent. Der würde gern diesem Schicksal entgehen, beim Heer als einfacher Soldat zu dienen, und er möchte in seinem Dienstrang – er hat hohe Tapferkeitsauszeichnungen – als Obersturmführer der Waffen-SS, Oberleutnant, möchte er gern wieder eingestellt werden. So denke ich mir das.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ich mir auch. Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Fragen mehr sind, Herr Zeuge, können Sie das mit gutem Gewissen beschwören?

 

– Schnitt –

 

 

 

 
 
 
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