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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

137. Verhandlungstag, 18.2.1965

 

Fortsetzung der Vernehmung der Zeugin Elise Heinisch-Utner

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen] zur Stützung des Gedächtnisses [+ des Gerichts]?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Ich halte Ihnen dann weiterhin vor. Mulka soll weiter gesagt haben: »Für die Vernichtung in den Gaskammern sei aus den Reihen der Häftlinge ein ›Sonderkommando‹ gebildet. Wenn die Häftlinge einige Zeit bei diesem ›Sonderkommando‹ tätig gewesen seien, fielen sie selbst der Vergasung anheim. Für die Tätigkeit bei dem ›Sonderkommando‹, das die Häftlinge in den Vergasungsraum brachte und auch die Vergasung durchzuführen hatte, sei eine Zeit von vier bis sechs Wochen vorgesehen. Danach finde dann die Vergasung der ›Sonderkommando‹-Angehörigen statt. Er hat sich nicht darüber geäußert, in welcher Weise er persönlich mit den Vernichtungsaktionen zu tun hatte.«1

So. Das ist Ihnen in der letzten Sitzung von mir schon einmal vorgehalten worden. Daraufhin hatten Sie erklärt: »Ich habe das nicht gesagt. Die Vernehmung hat acht bis neun Stunden gedauert« und so weiter, was ich Ihnen vorhin schon einmal gesagt habe. Sie hatten also behauptet, Mulka hätte das nicht gesagt, und der Untersuchungsrichter habe es trotzdem ins Protokoll aufgenommen. Wollen Sie uns darüber etwas sagen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, ich konnte mich darauf nicht erinnern, sagen wir so. In Abrede will ich überhaupt nichts stellen, denn ich bin damals, wie gesagt, acht bis neun Stunden vernommen worden. Ich war vollkommen durchgedreht.

Aber es ist doch durchaus möglich, daß es wahr ist. Wenn ich es damals gesagt habe, stimmt es auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es denn richtig, daß die

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Ich kann mich nicht erinnern, ich konnte mich damals nicht erinnern

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Daß die Vernehmung um 13 Uhr unterbrochen wurde und um 14.15 Uhr fortgesetzt wurde?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, bitte, ich habe damals nicht Buch darüber geführt. Ich weiß nur, daß Herr Doktor Müller hereinkam und sagte, er müßte sich jetzt verabschieden, er könnte nicht länger warten.

Und dann wurde die Vernehmung abgebrochen, und ich bin herauf in das Restaurant im Gericht gegangen und habe dort versucht, etwas zu essen. Es war aber nicht möglich, nachdem ich eine Gallendiät halten muß. Es war nichts da, was ich essen durfte. Ich habe mich auf eine Tasse Tee beschränken müssen. Also ich hatte damit nicht die Unwahrheit gesagt, daß ich nichts gegessen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie wollen heute sagen, es ist Ihnen nicht mehr erinnerlich, daß Sie das damals ausgesagt haben, oder?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, daß ich das damals ausgesagt habe, das ist mir schon erinnerlich, beim letztenmal.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das ist Ihnen erinnerlich?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Doch. Aber ich kann es nicht in Abrede stellen, daß ich das beim Untersuchungsrichter gesagt habe. Es ist durchaus möglich – im Verlaufe dieser langen Vernehmung. Es ist sehr viel damals besprochen worden.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber wenn es möglich wäre, hätten Sie es sich dann aus den Fingern gesogen, oder hat Ihnen Mulka das tatsächlich gesagt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, aus den Fingern habe ich mir das bestimmt nicht gesogen.

 

Vorsitzender Richter:

Also hat Ihnen Mulka das damals gesagt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Wir haben damals in dieser einen Stunde sehr, sehr viel über diese Dinge gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Heinisch-Utner, es ist doch so. Diese Dinge von dem sogenannten Sonderkommando, das a) die Leute in unterirdische Gaskammern bringt, wo dann Gas hineingebracht wird, wo die Leute vergast werden, wo sie von dem »Sonderkommando« herausgeholt werden, woraufhin das »Sonderkommando« nach sechs Wochen ebenfalls umgebracht und getötet wird, die sind doch eigentlich so gravierend, daß ich mir vorstellen könnte, daß Sie vorher derartige Dinge noch nie in Ihrem Leben gehört haben, nicht?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Wir haben in Auschwitz gelebt, aber wir wußten von den Vorgängen im Lager nur ahnungsweise. Also Positives haben wir alle nicht gewußt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber diese Dinge wußten Sie bestimmt im einzelnen nicht.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Denn die konnte ja nur der wissen, der persönlich dabei zugegen war. Und nun sagen Sie hier dem Untersuchungsrichter, der Mulka hätte Ihnen das erzählt. Ich könnte mir vorstellen, daß man das gar nicht vergißt, wenn einem jemand so etwas erzählt hat.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich konnte mich bei der Vernehmung neulich nicht darauf erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Gut. Sind noch Fragen zu stellen an die Zeugin von seiten des Gerichts?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Bitte, darf ich noch etwas erwähnen?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Frau Zeugin.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich hatte das das letzte Mal vergessen zu sagen. Die Hauptvergasungen – also daß uns das selbst in Auschwitz damals nicht mehr verborgen blieb – waren 1944 in der Karwoche. Ich erinnere mich, ich glaube, es war der Aschermittwoch dieser Karwoche, kam eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also in der Karwoche gibt es keinen Aschermittwoch

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

44.

 

Vorsitzender Richter:

In der Karwoche gibt es einen Gründonnerstag und einen Karfreitag, aber einen Aschermittwoch gibt es ein andermal.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das war 44, [...] in Auschwitz noch, da kam meine polnische Hausangestellte zu mir, sehr aufgeregt, und sagte: »Bitte, Frau, kommen. In Lager große Feuer.« Ich bin ins Schlafzimmer gegangen – das Fenster ging auf das Lagergelände hinaus –, da sah ich ein Fanal gegen den Himmel leuchten. Das war kein normaler Brand, das war kein Barackenbrand.

Im gleichen Haus unten wohnte ein Polizeioffizier Bold. Ich ging hinunter, der rief seinerseits an, denn wir waren wirklich etwas besorgt. Wenn unten im Lager etwa eine Revolte ausbrechen würde – wir waren verhältnismäßig wenig Deutsche in Auschwitz, also man hätte uns nicht verschont. Er rief an, und man sagte, die Sache hätte ihre Richtigkeit, hätte ihre Ordnung, wir sollen uns darüber keine Gedanken machen. Wir wußten nicht, um was es sich handelt.

Am nächsten Tag kam ein SS-Mann aus dem Lager – der Name ist mir entfallen, ich weiß nur, er war aus Gablonz, er war Sudetendeutscher – zu mir in Behandlung. Ich kannte den Mann und fragte ihn in Gegenwart meines polnischen Personals, was das gestern für ein Brand im Lager war. Er sagte: »Das war ein Kartoffelfeuer.« Ich habe ihm gesagt: »Das ist unmöglich.« Wenn er das ganze Kartoffelkraut aus Oberschlesien auf einen Haufen wirft, ist das nie ein solches Feuer. Er gab mir dann nur ein Zeichen, ich sollte vor den Polen nicht weiterfragen.

Ich habe ihn dann nachher zu einem Likör in mein Herrenzimmer eingeladen und unter vier Augen gefragt. Da sagte er: »Wir haben Juden verbrannt.« Ich sage: »Das ist doch nicht möglich. Doch nicht im Freien?« »Doch.« Er sagte: »Gestern haben Sie ein Feuer gesehen, heute wahrscheinlich zwei, morgen vielleicht drei. Es sind die ganzen Juden aus Ungarn, aus Rumänien, die wohl vergast werden.« Er sagte mir, Kinder hätte man lebend hineingeworfen in das Feuer. Man hätte riesige Scheiterhaufen errichtet, mit Teer und brennbarem Material versehen und Fettabzugsrinnen darum gegraben.

Und am Abend waren tatsächlich zwei Feuer. Ich glaube, das war dann der Gründonnerstag. Wir hatten in dieser Nacht Fliegeralarm. Und die Polen, die immer weitaus besser als wir orientiert waren, sagten, daß Engländer dagewesen wären und Kränze in die Feuer geworfen hätten. Es wurden keine Bomben in dieser Nacht geworfen. Das hatte ich neulich vergessen zu erwähnen, also daß

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was? Die Engländer wären dagewesen und hätten was gemacht?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Kränze in diese Feuer geworfen.

 

Vorsitzender Richter:

Kränze ins Feuer geworfen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Kränze, ja. [Pause] Also das war in der Karwoche 1944. Ich weiß nicht, ob das hier bekannt ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wer hat Ihnen das erzählt mit diesen Gräben, wo die Leichen verbrannt wurden?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das hat mir dieser SS-Mann gesagt. Den Namen dieses Mannes weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Der aus dem Lager kam?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Der aus dem Lager kam zu mir zur Behandlung, ja. Er hatte mit diesen Verbrennungen auch nichts zu tun und hat sich auch innerlich davon weit distanziert. Er war einer der Bewacher im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Staatsanwaltschaft, sind noch Fragen zu stellen? Herr Staatsanwalt Kügler? Nein. Herr Rechtsanwalt Raabe, Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul? Von seiten der Verteidigung? Keine Fragen mehr zu stellen, keine Erklärungen mehr von seiten der Angeklagten abzugeben.

Frau Zeugin, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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