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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

103. Verhandlungstag, 22.10.1964

 

Vernehmung der Zeugin Elise Heinisch-Utner

 

Vorsitzender Richter:

Darf ich Sie zunächst fragen, ob Sie einverstanden sind, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Sie wollten gerade etwas sagen.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich hatte eine Gelegenheit abgewartet, zu Höß hinzukommen, ohne daß es auffiel. Ich wollte mir meinen Widersacher ansehen und ihn eigentlich fragen, was er gegen mich hätte. Und da kam mir ein Zufall zu Hilfe. Es kam ein Anruf – allerdings in meiner Abwesenheit –, den hat mein polnischer Assistent entgegengenommen. Ich glaube, es handelte sich darum, daß ich Angehörige von SS-Leuten behandeln sollte. Und meine Ablehnung wollte ich Herrn Höß persönlich bringen und nahm die Gelegenheit wahr, Herrn Höß bei dieser Gelegenheit kennenzulernen. Und ich rief unten im Lager an und wurde an einem Tag hinunter bestellt, am Vormittag, und wurde dann durch Herrn Mulka empfangen. Herr Höß war damals abwesend. Herr Mulka sagte mir das auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und bei dieser Gelegenheit haben Sie sich mit dem Angeklagten Mulka unterhalten, und es ist Ihnen aufgefallen, daß er in seiner Art sich unterschied von den übrigen SS-Leuten, mit denen Sie bisher zu tun gehabt hatten.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, wesentlich.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wollen Sie uns diese Unterredung einmal schildern?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja. Das war im Mai 42. Den Tag weiß ich nicht mehr genau. Ich kam herein, sah Herrn Mulka, stutzte. Er machte einen vornehmen Eindruck gegenüber den anderen SS-Offizieren, die ich da gesehen hatte, die mehr Rabauken waren. Und mein Gedanke war: Mann, wie bist du zur SS gekommen? Als wenn er hätte Gedanken lesen können, sagte er mir: »Sie wundern sich. Ich bin nur durch einen Zufall zur SS gekommen.« Und meine Gegenfrage war: »Warum betonen Sie das?« Und da sagte er mir wörtlich: »Weil es keine Ehre ist, diese Uniform zu tragen.« Ich sagte ihm, wenn er das jedem sagt, der hier zur Tür hereinkommt, wird er vermutlich diese Uniform nicht mehr lange tragen brauchen. Er sagte: »Nein, ich weiß, wem ich das sage.« Ich sage: »Gewiß, als Judenweib bin ich Ihres Vertrauens würdig.«

Und ich habe dann, nachdem ich wußte, daß ich mit Herrn Mulka offen sprechen konnte, ihm auch meine Sorgen vorgetragen betreffs der Geheimen Staatspolizei. Und er gab mir damals den Rat, mich an Gauleiter Bracht zu wenden. Das habe ich dann getan, und dieser Rat war ein sehr guter Rat, zumindest für den Augenblick.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was hat Ihnen denn nun der Angeklagte Mulka bei dieser Unterredung gesagt über seine Einstellung, die er zu der SS und zu dem ganzen damaligen Regime hatte?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich hatte den Eindruck, daß Herr Mulka sehr unglücklich über seine Position im Lager war. Das hat er auch ausgedrückt, indem er mir sagte, er ist der einzige, wohlgemerkt der einzige SS-Offizier im Lager, der die Möglichkeit in Betracht zieht, daß wir diesen Krieg verlieren könnten. Und er kann Nächte nicht schlafen, wenn er denkt, daß alleine das Unrecht, das in diesem einen Lager geschieht, eines Tages das deutsche Volk zu büßen bekäme.

Und ich sagte ihm, er könnte sich ja doch sicher verändern, er könnte sich an die Front melden. Er sagte mir darauf, er hätte diesen Gedanken hundertmal erwogen und immer wieder verworfen. Es waren seine Worte, die ich jetzt wörtlich wiederhole: »Solange diese armen Schweine es hier aushalten, muß einer bei ihnen aushalten, der Befehle abschwächen kann, nicht ausführen und ihnen so helfen. Denn wenn es dem Kommandanten nach ginge, wäre alles noch viel furchtbarer.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Und wissen Sie auch, ob später einmal ein Strafverfahren gegen den Angeklagten Mulka eingeleitet worden ist?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das war ungefähr ein Jahr später. Also 1943 – ich weiß nicht mehr genau den Monat, es war sicherlich im Frühjahr – bekam ich einen Anruf in meiner Praxis von der Gestapo-Innenstelle des Lagers Auschwitz. Und wenn ich von Gestapo hörte, fror mich immer ein wenig, denn ich hatte wirklich sehr böse Erfahrungen damit gemacht. Und man beorderte mich hinunter zu einer Vernehmung. Ich hatte aber das Wartezimmer voller Patienten, ich konnte im Augenblick nicht weg und bat die Herren, denen ja ein Wagen zur Verfügung stand, wenn die Sache derartig dringend ist, zu mir in die Wohnung heraufzukommen. Und das hatte man dann getan. Da kamen ein Hauptsturmführer und zwei andere SS-Leute, die im Mannschaftsrang waren. Der Hauptsturmführer führte die Vernehmung, fuhr mich sehr scharf von Anfang an an und sagte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war in Auschwitz?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das war in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in der Stadt, nicht im Lager?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

In der Stadt, nicht im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Die erste Unterredung mit Herrn Mulka war im Lager, in der Kommandantur, die zweite in meiner Wohnung in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Und er fuhr mich an und sagte: »Sie kennen Mulka.« Bitte, aus dieser Sache weiß ich überhaupt, daß es sich um Herrn Mulka handelt. Denn ich wußte wohl, daß er der Adjutant von Höß war, mit dem ich gesprochen hatte, mir war aber der Name nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wußten Sie das?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Weil er sich als Adjutant vorgestellt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie an der Zimmertür kein Schild gelesen, was darauf hindeutete?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein. Nein. »Kommandantur« stand da, aber ein Namensschild habe ich nicht gesehen. Außerdem war es eine Doppeltür, soweit ich mich erinnern kann. Und von diesem Raum ging noch eine zweite Tür ab in das Zimmer des Kommandanten, nehme ich an. Beide Türen waren gepolstert, soweit ich mich erinnere. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Und dieser Hauptsturmführer fuhr mich da sehr scharf an und sagte: »Sie kennen Mulka.« Ich sagte: »Nein, ich kenne keinen Herrn dieses Namens.« Da sagte er: »Sie kennen den Adjutanten von Höß.« Ich soll keine Ausflüchte gebrauchen, ich soll nicht lügen. »Sie kennen ihn.« Ich sage: »Wenn Sie mir gleich gesagt hätten, daß es sich um den Adjutanten von Höß handelt, dann hätte ich Ihnen ja gesagt. Aber aus einer kurzen und belanglosen Unterredung folgern zu können, daß man einen Menschen kennt, wäre eine vage Behauptung.« Er sagte, ich sollte keine Wortklaubereien machen, also ich kenne ihn. »Ja.« Warum ich hingekommen bin.

Ich habe ihm das erklärt, und er sagte mir, ich soll ihm über den Inhalt dieser Unterredung, die ich mit Herrn Mulka hatte, Bescheid geben. Ich habe ihm gesagt: »Ich kann mich darauf nicht erinnern. Belanglose Gespräche pflegt man sich nicht zu merken.« Er sagte, belangloses Gespräch wäre gut. Dann wollte er meinem Gedächtnis nachhelfen. Da nahm er aus seiner Aktentasche dann eine Mappe heraus und las mir den Beginn der Unterhaltung Wort für Wort vor, die ich mit Herrn Mulka hatte. Meine Worte: »Warum betonen Sie das?« Die seinen: »Weil es keine Ehre ist, diese Uniform zu tragen.«

Und ich habe ihm gesagt: »Ich kann mich auf das nicht mehr erinnern. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Herr Mulka so unvorsichtig gewesen wäre, so etwas zu äußern. Wenn er das gesagt haben sollte, dann hat er wohl damit ausdrücken wollen, daß sich die SS in Auschwitz nicht so betragen hat, wie es der Elitetruppe des Führers zukommt.« Denn außerhalb Auschwitz hat man vielleicht weniger davon erfahren, aber wir in Auschwitz selbst, wir wußten, daß da Erschießungen und Schlägereien und ganz üble Sachen an der Tagesordnung waren. Zum Leidwesen des ersten Bürgermeisters1, der letzten Endes auch später nach Oranienburg kam, weil er Stellung dagegen bezogen hatte.

Jedenfalls konnte ich mich bei dieser Vernehmung, die auch wiederum circa zwei Stunden dauerte, an nichts erinnern. Das heißt, ich wollte mich an nichts erinnern. Dieser Hauptsturmführer, der die Unterredung führte, kam am nächsten Tag privat in meine Wohnung mit einem Strauß Blumen und sagte, er wollte mir eigentlich nur meine Anerkennung ausdrücken für die Haltung, die ich den Tag vorher bewahrt hätte. Ich habe ihm gesagt: »Schade um das Geld«, denn auch die Blumen würden meinem Gedächtnis nicht auf die Beine helfen. Er kam dann, ich glaube, drei- oder viermal in meine Wohnung, einmal mit Zigaretten, einmal mit Likör. Und bei dieser Gelegenheit sagte er mir, daß die NSV-Schwester des Lagers eine der Widersacher von Herrn Mulka war zu jener Zeit. [...] Also die auch diese Sache mit ins Rollen gebracht hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Und als er das letztemal bei mir war, hatte ich das Radio eingeschaltet. Und es waren damals schon, 43, die ersten Rückzüge, die wir hatten. Ich weiß nicht mehr, war es Moskau oder war es Stalingrad. Und da sagte dieser Hauptsturmführer zu mir: »Nun ja, wir haben uns totgesiegt.« Daraufhin sagte ich ihm nur: »Ich sage so: Und wenn ein Jahr später mich die Gestapo fragen würde, was Sie heute gesagt haben, was sollte ich dann wohl sagen?« Da hat er [+ etwas zu] mir gesagt, das war kein Kompliment, und ich bin ihn losgewesen. Er ist auch nicht mehr gekommen.

Bitte, aus dieser Sache weiß ich überhaupt, daß es sich um Herrn Mulka handelte. Ich hätte mich jetzt gar nicht melden können, denn der Name Mulka hätte mir bis dahin nichts gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Frau Zeugin, Sie haben in einem Brief, den Sie an den Verteidiger geschrieben haben, wörtlich geschrieben, Mulka hätte gesagt: »Andere wiederum haben ausländische Sender gehört, haben politische Witze erzählt oder haben einen Nachbarn oder Freunde, die dafür sorgten, daß sie hier sind. 90 Prozent der Häftlinge seien denunziert worden und wissen nicht, warum sie hier sind. Sie werden einfach von der Gestapo verhaftet und ohne ordentliches Gerichtsverfahren ins Lager überstellt.« 2

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er gesagt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann weiter: »Mulka erzählte einige furchtbare Einzelheiten und betonte, was ihn das alles bedrücke, wie unglücklich er sei, nicht helfen zu können und zusehen zu müssen, wie das alles geschehe.« 3

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja. Ich erinnere mich, es war dann Mittag, das Fenster war auf, es wurden unten Frauen, ich nehme an, zum Essen geführt. Herr Mulka stand am Fenster und sagte: »Sehen Sie sich das an. Der Großteil dieser Frauen sind politische Häftlinge. Der Kapo ist eine Kindesmörderin.« Also das Widerliche des Systems wollte er mir aufzeigen, daß man eigentlich Verbrecher als Aufpasser über verhältnismäßig doch anständige Leute gesetzt hat. Das hat ihn alles sehr angewidert, und er war sehr bedrückt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was hat er Ihnen denn für furchtbare Einzelheiten erzählt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Bitte, es waren für uns keine Neuigkeiten, denn wir wußten, daß in Auschwitz die Gasöfen bestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, was? Hat er von Gasöfen gesprochen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nicht direkt, sondern er sagte nur: »Die Leute kommen hin und erwarten ein Bad, und das Giftgas kommt.«

 

Vorsitzender Richter:

Die Leute kommen hin, erwarten ein Bad, und das Giftgas kommt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, daß sie dann in einen Raum geführt werden und vergast werden. Also ich meine, das war nichts Neues für uns.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er Ihnen erzählt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das hat er im Verlaufe dieser Stunde auch erwähnt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war doch an für sich recht unvorsichtig.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, es war wohl unvorsichtig, aber ich war genauso unvorsichtig in meiner Unterhaltung. Und ich glaube, es konnte uns beiden nicht sehr viel geschehen aus diesem Grund.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er denn nicht vorher zu Ihnen gesagt gehabt, er befürchte, daß man eine Abhöranlage vielleicht bei ihm eingebaut habe.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja. Herr Mulka sagte mir, daß er der einzige, und wohlgemerkt der einzige SS-Offizier im Lager ist – eben wie ich vorhin schon betonte –, der die Möglichkeit in Betracht zieht, daß wir diesen Krieg verlieren. Und er muß wohl mal im Kasino irgendwie einen dieser Gedanken laut werden lassen haben. Und er war mißliebig geworden. Und er sagte mir auch: »Es ist durchaus möglich, daß man mir hier eine Abhöranlage eingebaut hat, daß unser Gespräch aufgenommen wird.« Denn zu dieser Zeit muß er schon Schwierigkeiten mit dem Kommandanten gehabt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und Sie sagen doch, nachher bei Ihrer Vernehmung hat man Ihnen ganze Sätze aus dieser Unterhaltung vorgehalten.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Aus unserer Unterhaltung vorgehalten. Die Türen waren beide gepolstert. Es konnte kein Ton nach außen dringen. Deswegen war ich bei dieser zweiten Vernehmung durch die Gestapo äußerst vorsichtig und habe mich nicht darauf verlegt, etwas abzustreiten, sondern ich habe gesagt, ich könnte mich nicht erinnern. Denn es war wortgetreu der Anfang unserer Unterredung. Später allerdings wußten sie nicht mehr Bescheid. Also muß die Mechanik nicht mehr funktioniert haben.

Und man hatte mir auch damals gesagt, daß ich meine Aussage vor dem SS-Ehrengericht in Berlin wahrscheinlich wiederholen müsse. Ich habe ihnen gesagt, daß ich als Judenweib dort wahrscheinlich eine außerordentliche Zierde abgeben würde. Ich glaube, das war aber nur eine leere Drohung, denn ich habe nie eine Vorladung bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob Mulka damals verhaftet worden war oder?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das weiß ich nicht. Ich nahm nur an, daß Herr Mulka gar nicht mehr am Leben ist. Denn ein Bekannter – ich war mit seiner Frau befreundet –, ein Apotheker Krömer aus Oppeln, der im Lager als Apotheker fungierte, ist auch »gestorben worden«. Hatte zwar ein großes Begräbnis in Oppeln mit Salutschüssen der SS und so weiter, aber das wollte nichts besagen. Also wir wußten, daß er auch durch Mißliebigkeit beseitigt worden ist. Und ich glaubte, daß Herr Mulka damals auch in diese Welle mit hineingekommen war, also ich vermute

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was wissen Sie von dem Tod dieses Apothekers Krömer?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich weiß nichts Näheres darüber, nur das, was ich gehört habe in Oppeln.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war das?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Daß er erschossen worden wäre. Er wäre beim SS-Ehrengericht in Berlin verurteilt worden, wäre erschossen worden, und man hätte ihm eine sehr große Show bei seinem Begräbnis geliefert, ein SS-Ehrenbegräbnis mit Salutschüssen und so weiter. Und in Wirklichkeit war er umgelegt worden.

Und ich glaubte, daß Herr Mulka eben auch damals dieser Säuberungswelle zum Opfer gefallen wäre, und war sehr überrascht, als ich im Österreichischen Rundfunk im Dezember 1960 hörte – das war eine Falschmeldung teilweise –, daß der ehemalige Kommandant des Lagers Auschwitz, Robert Mulka, in der Nähe von Hamburg als Holzfäller verhaftet worden wäre.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das war

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Das hat nicht gestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat auf Baer zugetroffen.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Und ich habe am Nachmittag mich bei der Gendarmerie gemeldet und habe gebeten, daß ich zu dieser Sache eine Aussage machen möchte, habe das aber auch richtig gestellt, daß er nie Kommandant, sondern Adjutant war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und von den Einzelheiten, die er Ihnen da erzählt hat über diese Lage, die ihn so sehr bedrückt hat, da haben Sie uns gesagt, er hat zum Beispiel erzählt, die Leute würden angeblich zum Duschen geführt und in Wirklichkeit käme dann das Gas und sie würden vergast. Hat er sonst noch Dinge erzählt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Na ja, wenn ich mich recht erinnere, nannte er damals eine Tagesquote von 200 bis 250 Vergasungen täglich. [...] 200 bis 250, die durch die Schornsteine gegangen sind, wie wir es nannten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war 42?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das war im Mai 42.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er Ihnen sonst noch Dinge erzählt von Erschießungen oder wie diese Leute da zu Tode kämen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, davon hat er nicht gesprochen, davon habe ich einige Dinge selbst gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso? Sie waren doch im Lager gar nicht drin.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, ich war nicht im Lager, aber das Auschwitzer Lager, das reichte noch weiter, möchte ich sagen. Das Lagergelände war ja riesig groß. Das umfaßte vielleicht zehn mal zwanzig Kilometer. Und auch Häuser, die innerhalb des Lagers waren, waren bewohnt. Und ich muß sagen, die SS war ja auch im Ort. Also durch die Polen – ich hatte nur polnisches Personal –, da hat man wieder etwas mehr gehört von diesen Dingen. Also wir wußten alle Bescheid und durften nichts wissen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herr Rechtsanwalt Müller, Sie haben die Zeugin benannt.

 

Verteidiger Müller:

Ich habe keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt? Das Gericht?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, Sie hatten sich doch an sich verabredet gehabt bei dem Kommandanten selbst und waren wahrscheinlich – ich nehme es wenigstens an – mit einer gewissen Einstellung hingegangen, was Sie dem Kommandanten sagen wollten?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja. Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und zwar dem, der maßgebend zu entscheiden hatte, ob Sie nun die SS-Angehörigen behandeln sollten oder nicht.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das stand bei mir fest, daß ich sie nicht behandle. Ich wollte damit nichts zu tun haben.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, das wollten Sie ihm sagen.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nun war der doch maßgebend. Nun trafen Sie nur auf den Adjutanten. Hat Herr Mulka Ihnen denn gesagt, daß er in Vertretung des Kommandanten berechtigt sei, mit Ihnen zu verhandeln?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das hat er nicht gesagt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hat er nicht gesagt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, daß er berechtigt sei, hat er mir nicht gesagt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, und da hätten Sie ja nachher noch mal zu Höß gehen müssen. Warum sind Sie denn nicht noch mal zu Höß gegangen? Wieso war aufgrund dieses Gespräches, das Sie mit Herrn Mulka geführt hatten, die Angelegenheit für Sie erledigt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, die Angelegenheit war für mich nicht erledigt, denn ich habe Herrn Mulka dann von meinen eigenen Sorgen gesprochen, weil ich wußte aus dem Gespräch, daß ich mit Herrn Mulka reden konnte. Denn diese Menschen waren ja in dieser Zeit äußerst selten. Daß man wirklich reden konnte, ohne Angst zu haben, denunziert zu werden. Nicht wahr?

Und ich habe ihm dann von meinen eigenen Sorgen gesprochen, denn die Geheime Staatspolizei hatte mir schwer zugesetzt. Und ich mußte einen Ausweg aus dieser Sackgasse finden. Und da hatte ich ihm das vorgetragen, und da hatte er mir den Rat gegeben, mich an Gauleiter Bracht zu wenden. Und Bracht hatte das Ganze von mir wenigstens vorläufig abwenden können.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Auch das, weswegen Sie mit Höß sprechen wollten?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, ich hatte nur gehört, daß er einer meiner Widersacher in Auschwitz war

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, und blieb das im Raum, wurde das nie erledigt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das wurde dann nicht mehr erledigt, ich glaube, auf meine Interventionen hin, die ich dann unternommen hatte, wie gesagt, bei Gauleiter Bracht und beim Kreisleiter und beim Landrat in Bielitz, die Auftrag von Bracht hatten, mich vor dem Zugriff zumindest zu behüten, wenn auch nicht zu beschützen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was hat nun Mulka gesagt, was Sie mit Höß machen sollten?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Von Höß hatten wir dann später gar nicht mehr gesprochen. Ich muß sagen, mir war es sehr lieb, daß Höß nicht da war und daß ich mit Herrn Mulka sprechen konnte. Denn diesen Rat hätte ich von Höß bestimmt nicht bekommen, zu Gauleiter Bracht zu gehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie wurden gleich zum Adjutanten gebracht, nachdem Höß nicht da war?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich hatte mich ja vorher telefonisch angemeldet.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Bei Höß angemeldet.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Bei Höß angemeldet, nicht mit ihm selbst, vielleicht hatte ich auch damals mit Herrn Mulka gesprochen. Das weiß ich nicht. Und wurde für einen bestimmten Tag – es kann sein, daß es ein Mittwoch war – gegen elf Uhr hinbestellt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wer hat Sie dann zu Mulka geführt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich bin in die Kommandantur gegangen, das war vorher eine Schreibstube. Da mußte ich erst eine Weile warten, dann wurde ich

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und dann sagten Sie, Sie wollten zu Höß?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, nein, ich sagte: »Ich bin herbestellt worden.«

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sagten Sie auch, zu wem Sie bestellt waren?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das weiß ich nicht mehr. Das kann ich nicht sagen. Jedenfalls, Herr Mulka hatte mir dann betont, daß der Kommandant abwesend wäre.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ah, Sie wurden dann zu Mulka geführt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich wurde zu Herrn Mulka geführt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Hat Ihnen der Angeklagte Mulka unter anderem auch erzählt, daß die Häftlinge aus Verzweiflung ab und zu in den elektrischen Zaun laufen würden?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, davon hatte er mir nichts gesagt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und hat er Ihnen erzählt von eigenmächtigen Handlungen der Bewachungsmannschaften oder der Blockführer oder der Leute, die dort was zu sagen hatten im Lager?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, in dieser Form war es nicht ausgedrückt, sondern er sagte mir nur, daß ihn das ganze Widerliche des Systems so anwidert. In dieser Form hatte er es ausgedrückt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagten Sie am Schluß Ihres Schreibens: »Mulka hat seinen Posten dazu benutzt, um Häftlingen ihr schweres Los zu erleichtern.« 4 Wieso wissen Sie das, und was wissen Sie darüber?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich meine, das weiß ich ja aus seinem Gespräch. Er sagte mir ja doch: »Solange diese armen Schweine es hier aushalten, muß es einer bei Ihnen aushalten, der Befehle abschwächt oder nicht ausführt. Wenn es dem Kommandanten nach ginge, wäre alles noch viel furchtbarer.« Ich meine, aus dem entnehme ich ja doch, daß er geholfen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben also keine Anhaltspunkte dafür, daß und was er tatsächlich getan hat?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, aber ich meine, er hätte mich ja für mein Gespräch, das ich mit ihm geführt habe – man war ja damals bei solchen Gesprächen, auch mit hohen Persönlichkeiten, nicht sicher – damals ebensogut denunzieren können.

 

Vorsitzender Richter:

Na eben.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das hat er ja nicht getan.

 

Vorsitzender Richter:

Aber auch umgekehrt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich weiß nicht, ob man mir damals sehr viel Glauben geschenkt hätte. Denn ich war ein schwarzes Schaf im Sinne des Nationalsozialismus.

 

Vorsitzender Richter:

Na, aber wenn das so war, daß man ihn damals schon bespitzelte, und Sie haben ja selbst seinerzeit erlebt, daß Sie nachher vernommen worden sind von der Gestapo.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich habe das Gespräch heute, nach 22 Jahren, noch genau in Erinnerung. Aber die SS hätte mich in Stücke hacken können, ich hätte ihnen nichts gesagt. Meine Erfahrungen, die waren nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind noch Fragen von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Frau Zeugin, Sie haben früher einmal gesagt, der Angeklagte Mulka hätte Ihnen nicht nur gesagt, es seien 250 Häftlinge pro Tag

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

200 bis 250, habe ich gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Man hätte unterirdische Gaskammern angelegt.5 Ist das richtig? Unterirdische Gaskammern.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Auf das Wort unterirdisch kann ich mich nicht festlegen. Das weiß ich nicht. Aber von Gaskammern war die Rede, und daß die Leute Wasser erwarten, ein Bad erwarten, und Giftgas kommt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er Ihnen etwas über ein »Sonderkommando« berichtet, was da tätig sei in den Gaskammern?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dann hat er Ihnen auch nichts darüber berichtet, daß dieses »Sonderkommando« in regelmäßigen Abständen von vier Wochen vergast würde?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das habe ich erst nach dem Krieg in Berichten gelesen. Davon hatte Herr Mulka nichts erzählt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, dann möchte ich Ihnen doch nun einmal folgendes vorhalten. Sie sind am 28. September 1961 von dem Untersuchungsrichter vernommen worden. Ich halte vor die Stelle auf Blatt 10.139 der Akten. Dort haben Sie gesagt: »Er erklärte mir, daß die damalige Quote der vergasten Häftlinge bei etwa 250 pro Tag läge. Er sagte, man habe unterirdische Gaskammern angelegt. Die Leute würden nackt hineingetrieben unter dem Vorwand, sie sollten gebadet werden. Durch das Rohrleitungssystem ströme aber Gas ein. Für die Vernichtung in den Gaskammern sei aus den Reihen der Häftlinge ein ›Sonderkommando‹ gebildet. Das hat«

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Herr Doktor, das

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Moment. Moment, bitte

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Habe ich nicht gesagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Moment, bitte. Moment, bitte. »Wenn die Häftlinge einige Zeit bei diesem ›Sonderkommando‹ tätig gewesen seien, fielen sie selbst der Vergasung anheim. Für die Tätigkeit bei dem ›Sonderkommando‹, das die Häftlinge in den Vergasungsraum brachte und auch die Vergasung durchzuführen hatte, sei eine Zeit von vier oder sechs Wochen vorgesehen. Danach findet dann die Vergasung der ›Sonderkommando‹-Angehörigen statt. Er hat sich nicht darüber geäußert, in welcher Weise er persönlich mit den Vernichtungsaktionen zu tun hatte.« 6 Damals, Frau Zeugin, das möchte ich Ihnen eindringlich vorhalten, haben Sie dem Untersuchungsrichter gegenüber erklärt, Herr Mulka habe Ihnen das erklärt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, darf ich Ihnen dagegenhalten, daß ich das nicht gesagt habe. Die Vernehmung hat damals meines Erinnerns nach circa acht oder neun Stunden gedauert. Ich bin früh von Wiesbaden gekommen, knapp gefrühstückt, und man hatte mir nicht einmal die Möglichkeit gegeben, zu einer angemessenen Zeit eine Mahlzeit einzunehmen. Hingegen der Herr Doktor Düx hat mir gegenüber seine Brote mit großem Appetit verzehrt, hatte mir erklärt, auch er hätte nicht gegessen, was aber nicht stimmte. Und als er meine Aussage in das Protokoll diktierte, bin ich ihm ein paarmal ins Wort gefallen, weil er den Sinn meiner Aussage durch seine Formulierung veränderte. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie ein Beispiel nennen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Durch die Wortstellung hatte man gewissermaßen eine Anklage machen wollen aus dem, was ich nicht gesagt hatte und auch nicht einmal gedacht hatte. Ich weiß es sicher, daß ich zwei- oder dreimal Herrn Doktor Düx gebeten hatte, die Formulierung anders zu machen, da der Sinn so entstellt wird.

 

Staatsanwalt Kügler:

Frau Zeugin, das ist ja nun an sich ein sehr natürlicher Vorgang. Dazu ist ja auch derjenige, der vernommen wird, verpflichtet, das dem Vernehmenden zu sagen, daß er es anders formuliert haben will.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das habe ich auch getan.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er sich denn geweigert?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das hat er nicht. Nein, das hat er nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er hat es dann so formuliert, wie Sie es gewünscht haben?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, aber ich glaube doch, daß man in acht oder fast neun Stunden, die die Vernehmung dauerte, der Sache nicht mehr ganz folgen konnte. Denn ich war wirklich fertig. Ich war am Nullpunkt. Ich kam mir selbst als Angeklagte vor.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie ist es nun, haben Sie das damals dem Untersuchungsrichter erklärt, daß Herr Mulka Ihnen das gesagt habe, oder wie kommt das in das Protokoll?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, das kann ich nicht gesagt haben, weil ich das heute von Ihnen das erste Mal höre. Das kann ich nicht gesagt haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das ist Ihnen doch vorgelesen worden, Frau Zeugin, vorgelesen, genehmigt und unterschrieben.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Das Protokoll war furchtbar lang. Das war eine Niederschrift von Stunden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, da kann ich Ihnen also nur noch den einen Vorhalt machen. Glauben Sie, daß der Untersuchungsrichter das aus sich heraus da reingeschrieben hat? Entspricht das, was da drin steht, denn dem, was Sie gelesen haben?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das kann wohl sein, daß ich das gelesen habe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie ihm dergleichen erzählt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das ist möglich. Er hat sehr, sehr weit ausgeholt mit all den Dingen. Es ist möglich, daß darüber gesprochen wurde. Aber jedenfalls Herr Mulka hat mir das nicht gesagt. Daran kann ich mich erinnern. Gelesen habe ich nachher sehr viele Dinge über Auschwitz, die auch uns, die wir in Auschwitz lebten, unbekannt waren.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie denn das Protokoll damals durchgelesen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, das war nicht möglich. Es war schon fast sechs Uhr. Um 18.35 Uhr ging mein Zug zurück nach Wiesbaden.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist Ihnen das Protokoll vorgelesen worden?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das kann ich mit Sicherheit jetzt auch nicht mehr beantworten. Ich weiß nicht, ob die Zeit dazu blieb. Das weiß ich nicht mehr. Das gesamte Protokoll, das kann ich nicht sagen. Ich weiß, er hatte es mir vorgelegt zum Lesen. Das weiß ich. Aber ich glaube, ich hatte nicht mehr die Zeit, weil ich zum Zug mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es auch unterschrieben, nicht?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Mein Zug ging um 18.35 Uhr nach Wiesbaden zurück.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben das Protokoll doch unterschrieben.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das habe ich unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann ist nach Ihrer Unterschrift noch einmal eine Frage an Sie gestellt worden. Und zwar ist in diesem Protokoll Frage protokolliert und Antwort protokolliert. Es ist also nicht so, als ob da einfach drauflos geschrieben worden wäre. »Wie ist es zu erklären, daß Sie beispielsweise die Namen des Bürgermeisters und des Ortsgruppenleiters von Auschwitz nicht mehr wissen, andererseits aber den Inhalt des Gesprächs mit Mulka zum großen Teil«

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Ja, die Frage hat er mir vorgelegt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Noch wörtlich wiedergeben können. Antwort der Zeugin: Diese Unterredung lebte in mir noch jahrelang nach, denn man fand ja in der damaligen Zeit keinen Menschen, mit dem man sich in dieser Weise aussprechen konnte.« 7

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das stimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist noch nachgeholt worden, nicht?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja. Den Namen des Bürgermeisters weiß ich inzwischen, der ist mir eingefallen. Das war Heinrich Gutsche, der selbst nach Oranienburg kam für seine humane Einstellung.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hat das Gericht gefragt: »In Ihrem Brief vom 20.12. haben Sie mitgeteilt, Mulka habe furchtbare Einzelheiten bei der Unterredung im Mai 42 erwähnt. Welche furchtbaren Einzelheiten waren das? Antwort der Zeugin: Die furchtbaren Einzelheiten betrafen die Eröffnung Mulkas, daß täglich circa 250 vergast würden. Außerdem meine ich damit die Art und Weise, wie die Vergasung erfolgte. Auch das wurde mir von Mulka mitgeteilt. Es war in Auschwitz in dieser Zeit bereits bekannt, daß Häftlinge getötet wurden. Ich wußte aber damals noch nicht, bevor es mir Mulka mitgeteilt hatte, daß die Zahl der Getöteten so hoch war.« 8

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also es geht dann immer wieder: Frage und Antwort, und Sie können doch nicht heute sagen, daß Sie diese Antworten nicht gegeben hätten. Warum haben Sie dann das Protokoll unterschrieben? Dann hätten Sie doch dann sagen müssen: Es tut mir leid, was hier drinsteht, habe ich nicht gesagt. Dann hätten Sie doch

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Herr Doktor, bitte, es ist möglich, ich kann mich darauf nicht festlegen.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Wir haben sehr, sehr viel in diesen acht oder neun Stunden gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Vorsitzender, das ist heute das erste Mal, daß von einem Zeugen, bei den vielen Zeugen, die wir gehört haben, dem Untersuchungsrichter der Vorwurf gemacht wird, daß er den Sinn der Worte verändert habe. Ich glaube, man müßte, auch grade, um den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Zeugin überprüfen zu können, dem Herrn Landgerichtsrat Doktor Düx Gelegenheit geben, durch Gegenüberstellung dazu Stellung zu nehmen, und ich beantrage das hiermit. Vielleicht ist es möglich, Herrn Doktor Düx für morgen einzuschieben. Ob es heute noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er ist nicht da.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Er ist nicht da?

 

Vorsitzender Richter:

Höre ich eben.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja. Es kann ja sein, daß er morgen wieder zurückkommt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also ich glaube, das ist wichtig genug.

 

Verteidiger Müller:

Herr Direktor, wenn ich anregen darf

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Denn da sind doch manche Dinge auch hier gesagt worden – die Geschichte mit dem Apotheker und so weiter –, die ein bißchen sehr phantasievoll klingen. Ich glaube, man müßte die Gelegenheit dem Untersuchungsrichter wirklich geben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja nun, Herr Rechtsanwalt Ormond, die Gelegenheit kann ihm ja dann schließlich auch gegeben werden, wenn die Zeugin nicht mehr da ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn er nicht

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] Ich schließe mich dem Antrag an, Herr Direktor. Natürlich bleibt es Ihren Dispositionen überlassen, wann wir Herrn Landgerichtsrat Düx hören. Aber wir können nicht endgültig die Zeugin entlassen.

 

Verteidiger Müller:

Ist es nicht zweckmäßig, Herr Direktor, wenn wir das Protokoll dann der Zeugin vorlesen, damit sie uns hier sagt, was sie nun wirklich nicht gesagt haben will. Das ist ja noch unklar. Vielleicht entfällt dann die Notwendigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Herr Staatsanwalt hat es ihr doch schon vorgehalten.

 

Verteidiger Müller:

Ein einziger Punkt bisher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber das ist ein sehr gravierender Punkt.

 

Verteidiger Müller:

Ja, vielleicht kann man es ihr noch mal vorlesen, in Ruhe

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Vor allen Dingen, Herr Direktor, schon die Formulierung der Zeugin – Herr Kollege Ormond hat vollkommen recht: »Ich fühlte mich bei dieser Vernehmung wie eine Angeklagte.«

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

»Man hat mir keine Zeit gelassen. Herr Doktor Düx hat seine Brote gegessen« und all das Ähnliche ist doch eine derartige, nun, Bewertung der Voruntersuchung, die ja letzten Endes repräsentiert wird durch Herrn Landgerichtsrat Doktor Düx, daß ich nicht glaube, daß wir ohne die Durchführung des von Herrn Kollegen Ormond gestellten Antrages durchkommen.

 

Vorsitzender Richter:

Na, wir werden sehen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich schließe mich dem Antrag an, und bitte, bis dahin die Zeugin nicht zu entlassen. Man muß sie eben dann nachher noch einmal hierher holen. Ich habe noch eine Frage

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Bitte schön.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Vogel:

Zunächst eine Frage. Frau Zeugin, Sie erwähnten vorhin den Namen Gutsche.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Der war Bürgermeister von Auschwitz?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Habe ich Sie richtig verstanden: Sie sind der Auffassung, daß der in das KZ Oranienburg eingeliefert wurde?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Woher wissen Sie das?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Weil ich mit Frau Gutsche persönlich befreundet war. Und sie ist, als sie aus Auschwitz flüchten mußte, bei mir als Flüchtling im Sudetenland gewesen. Das wußte ich sicher von ihr selbst. Ich weiß es auch, daß er vor den Volksgerichtshof in Kattowitz gestellt wurde und dort eben die Verurteilung nach Oranienburg bekam.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich möchte Ihnen vorhalten, der Zeuge Gutsche ist vernommen worden im Vorverfahren, Blatt 7.820 der Akten9. Es ist richtig, daß er verurteilt worden war. Er kam aber nicht ins KZ Oranienburg, sondern er war bei den Heinkel-Werken in Oranienburg als Angestellter tätig.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ich sage das, was mir seine Frau sagte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, deshalb fragte ich Sie ja, woher Sie Ihre Kenntnis hatten.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Die Frau Gutsche hatte Ihnen erzählt, daß er

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Seine Frau war als Flüchtling für einige Tage bei mir.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das wissen Sie also nicht mehr aus Ihrer Zeit in Auschwitz, sondern erst nach dem Krieg.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das habe ich später erst von ihr selbst erfahren.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, Sie haben sich hier mehrfach als Judenfrau für die damalige Zeit oder als schwarzes Schaf bezeichnet. Können Sie mir bitte sagen: Wo war Ihr Ehemann damals?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Zu welcher Zeit? 1942 oder?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, zur Zeit des Vorfalls, den Sie uns hier berichtet haben.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Zur Zeit dieses Vorfalls war mein Mann für mich schon verschollen. Ich weiß es nicht, ob er damals noch lebte. Ich habe auch nie mehr etwas von ihm gehört. Er ist zum Arbeitseinsatz nach Leipzig gekommen. Er kam mich noch einmal in Auschwitz besuchen, das war Weihnachten 1941 auf 42, und ist in Auschwitz weggefahren am 6. Januar. Dann bekam ich noch eine Karte, die vom 8. oder 10. Januar 1942 aus Leipzig datiert war. Das war das letzte, das ich von ihm gehört habe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. War Ihr Mann »Volljude« im Sinne der damaligen Gesetze?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Mein Mann galt vor dem Gesetz als »Volljude«. Weil der Vater meines Mannes war Jude, seine Mutter war Christin, war aber zum jüdischen Glauben übergetreten. Und infolgedessen galt er vor dem Gesetz als Volljude, obwohl er evangelischer Konfession war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie in der Zwischenzeit erfahren, was mit Ihrem Mann passiert ist?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, ich habe nach dem Kriege nach verschiedenen Richtungen hin geforscht. Ich habe nichts mehr von ihm erfahren.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Haben Sie Ihren Mann mal für tot erklären lassen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, ich habe ihn nicht für tot erklären lassen, weil meine Ehe geschieden war. Es war eine Scheidung auf dem Papier.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Wann ist denn Ihre Ehe geschieden worden, Frau Zeugin?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das war damals, als die Besetzung in Österreich war, 1938, glaube ich, war das, nicht?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha, Sie haben sich 1938 von Ihrem Mann scheiden lassen. Weil er Jude war, ja?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, nicht aus diesem Grunde.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sondern?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nicht aus diesem Grunde.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Na gut, also nicht aus diesem Grunde?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das war nicht der Grund. Und es wäre auch zu keiner Scheidung gekommen. Mein Mann hat gesehen, wie schwer es damals war. Er konnte nicht mehr arbeiten. Ich hatte an der Universität Berlin studiert. Wir haben geheiratet, bevor ich mein Staatsexamen machen konnte. Und ich war jetzt vor die Frage gestellt zu arbeiten. Denn man hatte meinem Mann das Geschäft und alles weggenommen. Und meine Ansuchen bei den diversen Universitäten, die wurden alle abschlägig beschieden, weil ja der Fragebogen wahrheitsgemäß beantwortet werden mußte. Also auch ich hatte keine Arbeitsmöglichkeit. Ich bin dann nach Berlin zum Reichsärzteführer Wagner gefahren, habe ihm meine Sorgen vorgetragen, und der hatte mich an den Dentistenführer Blumenstein weitergereicht mit Empfehlungen. Und dann ist es mir möglich gemacht worden, daß ich das dentistische Staatsexamen wenigstens machen konnte. Denn das akademische war mir verschlossen durch das Ariergesetz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, waren Sie sich damals im klaren, daß Sie das Leben Ihres Mannes durch diese Scheidung gefährdeten?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, das war mir nicht klar, denn mein Mann hatte die Scheidung eingereicht, weil ich mich hartnäckig die ganzen Jahre geweigert hatte. Und ich hatte meinem Mann meine Bereitschaft immer wieder erklärt, mit ihm ins Ausland zu gehen. Mein Mann sagte: »Ich bin Deutscher. Ich bin nicht das, wozu man mich stempelt. Und wenn ich in Deutschland Steine klopfe, ich bleibe hier.« Das hat er ja wohl auch letzten Endes dann mit seinem Leben bezahlt. Und als er sah, daß wir kaum mehr leben konnten – man hatte uns die Wohnung, man hatte uns alles genommen –, da hatte mein Mann seinerseits die Scheidung gegen mich eingereicht. Und ich war damals so böse – er hatte mir nichts gesagt –, als ich das Schreiben vom Gericht bekam. Und daraufhin habe ich die Gegenklage erhoben. Und meine Klage lief weiter, die seine wurde abgelehnt.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Frau Zeugin, warum haben Sie sich dann eigentlich hier die ganze Zeit als schwarzes Schaf oder als Judenfrau bezeichnet? Sie waren doch gar kein schwarzes Schaf mehr. Im Gegenteil, in dem Augenblick, als die Deutschen kamen, hatten Sie sich doch gereinigt von dem Makel.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich lebte damals nicht in meiner Heimat. Ich war durch meine Ehe Reichsdeutsche und lebte in Oppeln, in Oberschlesien.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, ich meine, Sie galten aber doch damals nicht mehr als Judenfrau oder als schwarzes Schaf.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Doch, doch, doch, das hat mir immer angehangen. Das hat mir immer angehangen. Es hatte sich daran nichts geändert, zumal ich mit der Geheimen Staatspolizei auch in Oppeln Schwierigkeiten hatte. Weil man darauf gekommen war, daß diese Scheidung nur eine Scheinscheidung war und mein Mann mich wiederholte Male besucht hat. Ich mußte mich auch damals verantworten.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Vorsitzender, zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Aussagen dieser Zeugin beantrage ich, die Ehescheidungsakten dieser Zeugin beizuziehen, und will damit unter Beweis stellen, daß die Zeugin in ihrem Vorbringen in dem Ehescheidungsverfahren den jüdischen Glauben ihres Ehemannes als Scheidungsgrund angegeben hat. Und das habe dann auch zur Scheidung geführt. Ich bitte, diese Akten beizuziehen.

 

Vorsitzender Richter:

Aktenzeichen?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, wie ist das Aktenzeichen beziehungsweise wo ist die Scheidung durchgeführt worden?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

In Oppeln in Oberschlesien.

 

Vorsitzender Richter:

Glauben Sie, daß wir die Akten bekommen?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, ich glaube es.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ja, ich glaube es.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Wort in Gottes Ohr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

[unverständlich] keine Beziehung dazu [unverständlich] aber immerhin.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, haben Sie vielleicht noch eine Abschrift oder eine Ausfertigung des Scheidungsurteils?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, die habe ich nicht. Aber bekannt ist es einem Polizeiwachtmeister in Oppeln, der meine Sache doch einigermaßen kannte, weil er sie vielleicht auch dienstlich gekannt hat. Der hatte, als ich mich ein zweites Mal in Österreich verheiratete, sich auch bereit erklärt, eine schriftliche Aussage niederzulegen, weil ich keine Abschrift meines Urteils habe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wann ist denn Ihre Ehe geschieden worden?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich glaube, 38, als die Besetzung damals in Österreich war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Wissen Sie noch das genaue Datum?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das war genau die Zeit, als Österreich besetzt wurde. Da wurde die Scheidung rechtskräftig. Also ich weiß nicht, in welchem Monat es war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Und wann haben Sie denn das zweite Mal geheiratet?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Bitte, die Ehe hat nur sehr kurz gewährt. Ich komme jetzt mit den Jahren durcheinander. 1950 oder 51.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Verteidiger Müller:

Ich widerspreche dieser Frage, sie ist nicht sachdienlich, und sie geht in die Intimsphäre der Zeugin

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Vielen Dank, sie ist aber schon beantwortet. Ich habe keine weitere Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Ich habe noch eine Frage. Frau Zeugin, ist es denn richtig, daß in der Ehescheidungsklage, in der Widerklage, die Sie erhoben haben, die Tatsache der jüdischen Abstammung Ihres verschollenen Mannes zum Scheidungsgrund gemacht wurde?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Von meiner Seite aus ganz bestimmt nicht. Man hatte mir allerdings den Einwurf damals gemacht, warum ich die Scheidung nicht längst durchgeführt hätte. Ich habe mich damals auf die Genfer Konvention berufen, die für Oberschlesien weitaus später in Kraft trat.

 

Verteidiger Müller:

Frau Zeugin, Sie können sagen, daß die Behauptung, die eben aufgestellt worden ist, nämlich daß in der Widerklage die jüdische Abstammung Ihres Mannes von Ihnen zum Scheidungsgrund erhoben worden ist, falsch ist.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich habe nie die Konfession oder die Rasse meines Mannes als Scheidungsgrund überhaupt nur erwogen.

 

Verteidiger Müller:

Steht auch nicht in der Widerklage drin? Haben Sie den Text der Widerklage vielleicht noch gegenwärtig? Oder können Sie darüber jetzt nichts sagen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, ich habe ihn nicht. Aber ich glaube nicht, daß das überhaupt zum Gegenstand gemacht wurde, und wenn, ist es vielleicht nur erwähnt gewesen. Aber als Scheidung selbst kam es nicht in Frage, sondern es kamen Zerwürfnisse.

 

Verteidiger Müller:

Eine weitere Frage, Frau Zeugin. Der eingeschriebenen Brief, der an den Verteidiger gerichtet ist, der dann in meine Hände gekommen ist, der fängt mit den Worten an, Sie seien dienstverpflichtet gewesen. Welche Dienststelle hat Sie seinerzeit

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Kriegsnotdienstbeordert bin ich gewesen. Die Dentistenkammer in Breslau, der ich damals unterstand, die kannte meine Schwierigkeiten in Oppeln. Wir waren bekannt. Also wenn die Leute zu mir zur Behandlung kamen, da mußte man abends förmlich die Fenster zuziehen, daß es niemand gesehen hat, eben weil ich ja doch belastet war. Bitte, ich habe jetzt den Faden verloren, Herr Doktor.

 

Verteidiger Müller:

Nein, die Frage ist an sich schon beantwortet. Ich wollte wissen, von welcher Dienststelle Sie notdienstverpflichtet wurden

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Ja, und der Dentistenkammer in Breslau waren meine Schwierigkeiten bekannt. Und die wollte mir wohl damit helfen, indem sie mich nach Auschwitz schickte. Denn Auschwitz war damals ein exponierter Posten, dadurch daß das IG Farben-Werk errichtet wurde und kein Behandler unten war.

 

Verteidiger Müller:

Wissen Sie noch die Adresse, wo Sie in Oppeln gewohnt haben?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Meine Adresse? Ja, natürlich.

 

Verteidiger Müller:

Können Sie sie mir sagen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Breslauer Straße 12, glaube ich, war das, oder 25.

 

Verteidiger Müller:

Keine Fragen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Vorsitzender, eine Frage noch. Die Vernehmung gibt mir leider

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner [unterbricht]:

Herr Doktor, darf ich die Adresse korrigieren, ich muß zu Hause nachsehen. Ich habe so oft die Adressen gewechselt, daß ich jetzt wirklich alles durcheinanderbringe.

 

Verteidiger Müller:

Sie können es jetzt nicht mehr sagen?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Die letzte Wohnung war auf der Breslauer Straße, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Frau Zeugin, waren Sie Mitglied der NSDAP?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich? Nie. Ich habe keiner Organisation und nicht einmal dem Luftschutzbund angehört. Das konnte man von mir wohl auch nicht gut erwarten.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch das Aktenzeichen, oder wenigstens können Sie uns nähere Angaben über diesen Prozeß machen, weil von seiten der Nebenklage beantragt worden ist, diese Ehescheidungsakten beizuziehen. Wann ist das gewesen etwa?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Meine Scheidung?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, ich kann nur wieder sagen, es war damals, als Österreich an Deutschland angeschlossen wurde. Ich glaube, es war 38, und es traf zeitlich genau mit der Zeit der Besetzung zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wurde ausgesprochen am Landgericht in Oppeln?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

In Oppeln. Mein Anwalt war Herr Doktor Glauer. Ich weiß nicht, ob der heute noch lebt.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie hießen damals?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Scheyer. [...]

 

Verteidiger Müller:

Ich wiederhole meinen Antrag, daß der Zeugin die Aussage, die sie gemacht hat vor Herrn Landgerichtsrat Doktor Düx, vorgelesen wird, damit wir feststellen können, an welchen Stellen die Zeugin meint, daß die Aussage Ihrer heutigen Auffassung nach nicht zutreffend wiedergegeben ist. Ich denke, daß dann möglicherweise der Beweisantrag des Herrn Nebenklägers gegenstandslos ist und die Zeugin entlassen werden kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also das war zunächst die eine Passage wegen der [Pause] Öfen, nicht. Oder wegen dieser Vergasungsanstalten...

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Unterirdischen Kammern.

 

Vorsitzender Richter:

Unterirdischen Kammern und »Sonderkommando«.

 

Verteidiger Müller:

Kann die Passage mal vorgelesen werden?

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herr Staatsanwalt, Sie haben es ja wörtlich schon vorgelesen, nicht. Also, Herr Rechtsanwalt Doktor Müller, was der Zeugin vorgehalten worden ist, steht zu lesen auf Blatt 10.139 im dritten Absatz. Das ist bereits vorgelesen worden.

 

Verteidiger Müller:

Ich weiß nicht, ich habe den Eindruck, die Zeugin ist erregt. Vielleicht hat Sie es nicht mehr so gegenwärtig im Ohr. Ich bitte Sie, es Ihr noch einmal vorzuhalten, ob sie sagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, wie oft sollen wir denn das lesen?

 

Verteidiger Müller:

Es wäre das zweite Mal dann, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin hat es vorgelesen bekommen und hat gesagt: »Das habe ich nicht gesagt. Er sagte mir, man habe unterirdische Gaskammern angelegt.« Haben Sie das gesagt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Die Unterredung damals mit Herrn Doktor Düx hat so viele Stunden gedauert. Ich war vollkommen fertig. Ich kann mich heute nicht an jedes Wort erinnern, das ich gesagt habe. Ich will hier keine falschen Aussagen machen, das liegt mir fern.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

»Durch das Rohrleitungssystem ströme aber Gas ein.«

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja, das habe ich auch erwähnt.

 

Vorsitzender Richter:

Das hat er gesagt. »Für die Vernichtung in den Gaskammern sei aus den Reihen der Häftlinge ein ›Sonderkommando‹ gebildet.« 10

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das hat mir Herr Mulka nicht gesagt, möglicherweise, daß ich es später gelesen habe und daß ich es im Lauf der Erzählung erwähnt habe, aber niemals, daß mir Herr Mulka das gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

»Wenn die Häftlinge einige Zeit bei diesem ›Sonderkommando‹ tätig gewesen seien, fielen sie von selbst der Vergasung anheim.« 11

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Das ist dasselbe, wie ich eben sagte, Herr Doktor. Herr Mulka hat mir das nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

»Für die Tätigkeit bei dem ›Sonderkommando‹, das die Häftlinge in den Vergasungsraum brachte und auch die Vergasung durchzuführen hatte, sei eine Zeit von vier oder sechs Wochen vorgesehen. Danach finde dann die Vergasung dieser ›Sonderkommando‹-Angehörigen statt.« 12

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Vielleicht habe ich es Herrn Doktor Düx gesagt, so wie wir es nach dem Kriege alles erfahren haben, wie die Dinge vor sich gingen. Aber Herr Mulka hat mir das nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Tja.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ich habe das gesagt, was er mir gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

»Er sagte«, haben Sie aber eingeleitet diesen Absatz. Und dann haben Sie weiterhin gesagt: »Er hat sich nicht darüber geäußert, in welcher Weise er persönlich mit den Vernichtungsaktionen zu tun hatte.« 13 Das heißt also, bis so weit hat er sich geäußert, aber über seine eigene Tätigkeit hat er sich nicht geäußert.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein. Ich glaube, daß er überhaupt gar keinen Einfluß auf diese Dinge gehabt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, jetzt sind wir bei was ganz anderem. Es dreht sich ja darum, ob das damals der Untersuchungsrichter so aufgenommen hat, wie Sie es gesagt haben, oder ob diese Aufnahme nicht stimmt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Herr Doktor, ich kann nicht sagen, es ist etwas Unwahres protokolliert worden. Ich kann nur immer wieder sagen, daß diese Vernehmung wahnsinnig lange gedauert hat. Und ich war vollkommen durchgedreht, denn ich saß nachmittags um eins nur noch mit einem Frühstück, das ich früh um sechs eingenommen hatte, dort. Ich hatte unzählige Zigaretten geraucht, und ich konnte der Sache gar nicht mehr folgen. Ich hatte Herrn Doktor dann gebeten, daß er mir eine Pause gewährt, weil ich vollkommen fertig war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich möchte doch noch eine Frage an die Zeugin stellen. Ist es richtig, daß Sie dem jetzigen Direktor der Staatsbank in München, dem Herrn Sonntag, damals über dieses Gespräch etwas berichtet haben?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Stehen Sie mit Herrn Sonntag noch in Kontakt?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Nein, überhaupt nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie irgendeine Ahnung, ob er noch lebt und diese Stellung noch einnimmt.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Soviel ich weiß, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ihre Tochter stammt von Herrn Sonntag.

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wann ist Ihre Tochter geboren?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

1941 im November.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke.

 

Vorsitzender Richter:

So. Wenn keine Fragen mehr sind an die Zeugin, Frau Zeugin, können Sie das, was Sie uns heute gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Elise Heinisch-Utner:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

 

 

 

1. Heinrich Gutsche, Amtskommissar und Bürgermeister der Stadt Auschwitz von August 1940 bis Mitte 1942. Vgl. Steinbacher, »Musterstadt«, passim und die staatsanwaltschaftliche Vernehmung Gutsches vom 08.02.1961 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.820-7.825R.

2. Vgl. Schreiben der Zeugin Heinisch-Utner vom 20.12.1960, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 54, Bl. 9.922 f.

3. Vgl. Schreiben der Zeugin Heinisch-Utner vom 20.12.1960, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 54, Bl. 9.923.

4. Vgl. Schreiben der Zeugin Heinisch-Utner vom 20.12.1960, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 54, Bl. 9.923.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

6. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

7. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.142.

8. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.142.

9. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 08.02.1961 in Berlin, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 44, Bl. 7.820-7.825R.

10. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

11. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

12. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

13. Vgl. richterliche Vernehmung vom 28.09.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.139.

 

 
 
 
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