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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

137. Verhandlungstag, 18.2.1965

 

Vernehmung des Zeugen Georg Hanke

 

Vorsitzender Richter:

Ich muß Sie zunächst meiner Pflicht gemäß auf die Bedeutung und die Wichtigkeit des Eides aufmerksam machen und Sie vor den Strafen des Meineids verwarnen. Ihr Eid bezieht sich auch auf die Angaben über Ihre Person, also auf Ihre Personalien.

Herr Hanke, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Georg Hanke:

Georg.

 

Vorsitzender Richter:

Georg Hanke. Wie alt?

 

Zeuge Georg Hanke:

67 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

67 Jahre alt. Von Beruf?

 

Zeuge Georg Hanke:

Werkmeister.

 

Vorsitzender Richter:

Werkmeister. Wohnhaft in?

 

Zeuge Georg Hanke:

Berlin-Siemensstadt.

 

Vorsitzender Richter:

Berlin-Siemensstadt.

 

Zeuge Georg Hanke:

Riepelstraße 4.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und mit den Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Hanke, zunächst: Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wir haben von Ihnen erfahren, daß Sie seinerzeit als Werkmeister in Bobrek eingeteilt worden seien und tätig gewesen wären.

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nun interessiert uns zunächst, folgendes von Ihnen zu wissen: Wissen Sie etwas davon, daß die Gefangenen von dem Lager Auschwitz, die in Bobrek später tätig wurden, vor ihrer Überführung nach Bobrek – das heißt also für die Zeit des Aufbaus der Firma oder der Filiale oder wie ich das nennen soll – in dem Lager Auschwitz, sei es im Stammlager oder in Birkenau, gesondert untergebracht und besonders verpflegt worden sind?

 

Zeuge Georg Hanke:

Ich kann mich nur erinnern, als wir damals bei der Musterung waren – das war im November 43, und wir haben dann zirka 100, 120 Personen gemustert –, daß es hieß, die Leute sollten eine bessere Verpflegung kriegen und etwas hochgepäppelt werden, um nachher für den Einsatz eben in einer anderen Verfassung zu sein. Dessen kann ich mich entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo sie untergebracht worden sind danach?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Haben Sie, nachdem die Leute nach Bobrek überführt worden sind – die haben ja dort nachher ihre eigene Unterkunft gehabt, nicht?

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie da mit den Leuten persönlichen Kontakt gehabt? Das heißt, haben Sie sich ab und zu mal mit denen unterhalten? Ich meine, als Werkmeister, könnte ich mir vorstellen, daß Sie mit den Arbeitern da gesprochen haben.

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl, habe ich gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar nicht nur über ihre Arbeit, sondern vielleicht auch über ihr persönliches Leben, insbesondere das Leben außerhalb der Arbeitsstunden, wenn ich mal so sagen darf?

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben sich die Leute bei Ihnen einmal beklagt darüber, daß sie von irgendwelchen Blockältesten oder sonstigen Vorgesetzten besonders schlecht behandelt worden seien?

 

Zeuge Georg Hanke:

Also im einzelnen kann ich mich nicht mehr darauf entsinnen. Aber das war ja damals, wollen wir mal sagen, das Gespräch.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Selbstverständlich. Das Gespräch.

 

Zeuge Georg Hanke:

Das Gespräch war doch das, nicht wahr. Und die Leute waren zufrieden, daß sie aus dem großen Lager Auschwitz beziehungsweise Birkenau rausgekommen sind nach Bobrek.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas davon, daß diese Leute tatsächlich auch den Wünschen der Firma entsprechend vor ihrem Einsatz besser ernährt und besser bekleidet worden sind?

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja, daran kann ich mich entsinnen. Also in Auschwitz, meinen Sie, Herr Vorsitzender?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja, selbstverständlich. Es wurde damals

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auschwitz oder Birkenau.

 

Zeuge Georg Hanke:

Oder Birkenau eben. Selbstverständlich, ich kann mich entsinnen, daß sie eben wohl mit sauberer Kleidung und so weiter bei uns angerückt sind. Wie weitgehend die bessere Verpflegung in Auschwitz oder Birkenau war, entzog sich unserer Kenntnis. Das haben wir nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn den Eindruck gehabt, als ob die Gesamtverfassung der Menschen sich gebessert hatte, nachdem Sie sie damals zum erstenmal gesehen hatten?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das glaube ich nicht, aus dem einfachen Grunde: Dazu war ja die Zeit zu kurz. Die war von November, wollen wir mal sagen. Und sie kamen ja dann täglich, also nicht alle, die Bauarbeiter und dann die Hilfsarbeiter, was eben die jüdischen Häftlinge waren. Und wenn man Leute täglich sieht, dann kann man

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nicht sehen, wenn sich der Zustand verbessert.

 

Zeuge Georg Hanke [unterbricht]:

Ihnen eine bessere Verfassung schlecht ansehen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie damals in diesem Zusammenhang den Namen Bednarek gehört?

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Oder von einem Blockältesten gehört, der besonders häßlich gegen die Leute gewesen sein soll, der sie schikaniert haben soll?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie nicht sagen.

 

Zeuge Georg Hanke:

Das weiß ich nicht. Es war damals...

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen zu stellen seitens des Gerichts? Seitens der Staatsanwaltschaft? Herr Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe einige Fragen. Herr Zeuge, bitte sprechen Sie zum Gericht. Ich werde schon so laut sprechen, daß Sie mich verstehen werden.

 

Zeuge Georg Hanke:

Bitte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Diese Musterung, von der Sie sprachen, an der Sie teilnahmen im November 43, diente die der theoretischen Prüfung, oder war das schon die praktische Prüfung?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das war die praktische und theoretische Prüfung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wir haben hier von dem Vorzeugen, Herrn Bundzus, gehört, es fand zuerst eine theoretische Prüfung in einem Block oder in einer Baracke statt.

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und erst später fand eine praktische Prüfung statt.

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja, das war ja in diesem Sinne die erste Prüfung. Das war sozusagen ein Aussieben.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha.

 

Zeuge Georg Hanke:

In großen Zügen, ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Waren Sie bei dieser ersten Prüfung dabei?

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Dabei waren Sie nicht. Sondern Sie waren dann erst bei der zweiten Prüfung, also dem, was uns Herr Bundzus als praktische Prüfung bezeichnet hat?

 

Zeuge Georg Hanke:

Jawohl.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wie lange waren Sie in Auschwitz um diese Zeit?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das können ungefähr acht Tage gewesen sein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wo wohnten Sie denn da?

 

Zeuge Georg Hanke:

Wir wohnten in dem Hotel vis-à-vis vom Bahnhof.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Waren Sie da durch die Kommandantur untergebracht?

 

Zeuge Georg Hanke:

Wie bitte?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Bitte sprechen Sie zum Gericht.

 

Zeuge Georg Hanke:

Ach so.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Waren Sie da durch die Kommandantur untergebracht?

 

Zeuge Georg Hanke:

Ich weiß nicht. Die Zimmer waren vorbereitet für uns, und wir wurden da eingewiesen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wissen Sie, mit wem von den Angehörigen der SS Sie gesprochen haben und verhandelt haben?

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein. Also wir kamen da rein und wurden, als wir hinkamen, von der Wache empfangen und dann in eine Baracke geführt, wo diese Musterung stattgefunden hat.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Da sprachen Sie bei der Befragung durch den Herrn Präsidenten davon, die Häftlinge sollten in andere Verfassung gebracht werden. Wie war denn die Verfassung, in der Sie sie gesehen haben?

 

Zeuge Georg Hanke:

Die Verfassung war nicht gut, so wie die Häftlinge [+ aussahen]. Ich weiß nicht. Sie war eben nicht gut, die Verfassung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Können Sie uns das etwas näher schildern?

 

Zeuge Georg Hanke [unterbricht]:

Denn die Leute wurden ja mit groben Arbeiten da beschäftigt, und die Ernährung war ja [unverständlich]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Können Sie uns das etwas näher schildern, wie die Verfassung war?

 

Zeuge Georg Hanke:

Wie soll ich das machen, Herr Doktor?

 

Vorsitzender Richter:

Na ja, der Herr Rechtsanwalt meint, ob die Leute sich kaum noch auf den Beinen halten konnten, ob sie getaumelt sind oder ob sie

 

Zeuge Georg Hanke [unterbricht]:

Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

So schlimm war es nicht?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber sie waren abgemagert.

 

Zeuge Georg Hanke:

Ja, selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Und sie haben keinen sehr kräftigen Eindruck gemacht.

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein, keinen guten Eindruck gemacht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keinen guten Eindruck gemacht. Zeigten sie irgendwelche Spuren von Mißhandlung?

 

Zeuge Georg Hanke:

Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön.

 

Zeuge Georg Hanke:

Weiß ich auch nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön. Alle weiteren Fragen, die ich zu stellen hätte, fallen unter den bereits ergangenen Beschluß. Ich neige nicht dazu, dem Prozeß eine über Gebühr weite Ausweitung zu geben. Ich verzichte insofern auf einen erneuten Beschluß.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Stolting?

 

Verteidiger Stolting II:

Nein, ich hatte schon verzichtet auf den Zeugen. Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen auch keine Fragen stellen, nachdem er nun doch vernommen worden ist? Von seiten der Angeklagten? Angeklagter – wer war denn da? Bednarek, ja, wollen Sie noch etwas erklären?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein. Ich kenne den Herrn nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen den Herrn nicht. Werden bezüglich der Beeidigung Anträge gestellt?

Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Georg Hanke:

Das kann ich beschwören.

 

– Schnitt –

 

 

 
 
 
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