Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

85. Verhandlungstag, 3.9.1964

 

Vernehmung der Zeugin Helen Goldmann

 

Vorsitzender Richter:

Wie kam es zu Ihrer Verhaftung, und wann war das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

When have you been arrested and how was it?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In 1944.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

1944.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Monat?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Which month?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In May. In early spring in May.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Im Frühjahr des Jahres.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr des Jahres 1944. Wo wohnten Sie damals?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Where did you live then?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In Dubovar, Czechoslovakia, but at that time, the Hungarians had taken over. So it was Hungary at the time already.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich lebte in der Tschechoslowakei, aber damals hatten die Ungarn bereits davon Besitz ergriffen. Mein Wohngebiet war ungarisch.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie hieß der Ort, wo Sie wohnten?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What was the name of the town where you were living?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Dubovar.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Dubovar.

 

Vorsitzender Richter:

Dubovar?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Or Dombó in Hungarian.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Dombó in Ungarn.

 

Vorsitzender Richter:

In Ungarn, ja. Wie kam es damals zu Ihrer Verhaftung?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What were the circumstances of your arrest then?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, they just came along and they said that we have to go. »Pack up and go, leave the house, lock up and go.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Man kam einfach vorbei und sagte, wir sollten gleich mitkommen. Wir hätten das Haus abzuschließen und sofort mitzukommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And why?

 

Zeugin Helen Goldmann:

They didn't tell us, they took us to a synagogue, to one place, you know, all the people from the town.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ein Grund wurde uns nicht genannt. Wir wurden alle an einem Platz gesammelt, zusammengetrieben aus der ganzen Stadt.

 

Vorsitzender Richter:

Und deshalb, weil Sie Juden waren?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And this was because you were jews?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, Sir.

 

Vorsitzender Richter:

Wo wurden Sie gesammelt?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And where did they

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In welchem Lager?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In which camp?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, from my town they took us to another town, a bigger town, to Tachova, Técsö in Hungary, in Hungarian. And they took all the people from the small towns, you know, in a ghetto, in a little ghetto. We were there for about five, six days. And from there they took us to Auschwitz.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir wurden in einer größeren Stadt gesammelt, Tachova. Und hier blieben wir ungefähr fünf bis sechs Tage. Und von dort wurden wir dann direkt nach Auschwitz transportiert.

 

Vorsitzender Richter:

Protokoll vom 12. Juni 64.

In Tachova. Und wie viele Menschen wurden damals etwa transportiert?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, I couldn't say how much exactly, but I could say approximately in my cattle car, in my waggon, how many. There were between 75 people and a hundred in one waggon.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann die genauen Zahlen nicht sagen. In dem Viehwagen, in dem ich transportiert wurde, waren es ungefähr 75 bis 80.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wann sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And when did you come to Auschwitz?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In May, just a few days, about five, six days. But a week later, some like that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ungefähr fünf bis sechs Tage beziehungsweise eine Woche später, nachdem man mich in meinem Heimatort verhaftet hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Also etwa Ende Mai 1944?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

About the end of May?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Around the middle of May.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Mitte Mai.

 

Zeugin Helen Goldmann:

We were there not to long, in Tachova. It was just a few days.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir waren nicht sehr lange in Tachova. Es wird ungefähr Mitte Mai gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo wurden Sie ausgeladen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And where did you leave the waggon in Auschwitz?

 

Zeugin Helen Goldmann:

At the train station.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Am Bahnhof.

 

Vorsitzender Richter:

War das der

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

We didn't leave. They waited for us.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Who waited for you?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, all the German officers.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Man erwartete uns bereits auf dem Bahnhof, also die Offiziere.

 

Vorsitzender Richter:

War das der normale Bahnhof der Stadt Auschwitz, oder war das ein Gleis außerhalb der Stadt und in der Nähe des Lagers?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was this the normal station of Auschwitz? Or was it a special railway, leading directly

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

It was a cattle car railway. It wasn't special.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

No, but the station itself, was it a special station?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, it didn't look special.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, es sah in keiner Weise anormal aus oder ungewöhnlich. Es war der normale Bahnhof.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And if it was, I was to scared to look. Because I was very scared.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich hatte große Angst und habe mir das auch nicht so furchtbar genau angesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wer hat Sie dort erwartet?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And who did wait for you at the station exactly?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, there were SS men, Gestapo-men and Doctor Lucas.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, SS-Leute, Gestapo-Leute und Doktor Lucas.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich bedaure, einwerfen zu müssen: Ich glaube nicht, daß bei der Schwierigkeit der Materie die Übersetzung ausreicht. Es fehlt also an den verschiedensten Dingen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

He means, the translation is not exact.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Pardon?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sehr gutes Englisch.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

They say my English is not sufficient for this very difficult translation.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also ich habe Bedenken bei der äußerst schwierigen Frage, die hier geprüft werden soll, ob der Angeklagte Doktor Lucas die Selektion vorgenommen hat oder nicht.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well, they say, my translation is not sufficient, because they [unverständlich] question whether Doctor Lucas has been there on

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Also ich habe nicht jedes Mal eingewandt, wenn etwas nicht übersetzt worden ist

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

I know he was there, because I heard them

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Einen Augenblick, bitte. Einen Augenblick.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well, they say it's my translation.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also dann würde ich empfehlen

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Es ist zum Beispiel gesagt worden, wenn ich zwei Sachen angeben darf: Die Zeugin hat gesagt, sie sei in einer Synagoge zunächst gesammelt worden. Das ist nicht übersetzt worden. Die Zeugin hat auch gesagt, daß sie Angst gehabt hat, als sie auf der Rampe angekommen ist. Das ist auch nicht

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott [unterbricht]:

Das habe ich eben gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist gesagt worden. Das ist gesagt. Also ich würde empfehlen, wenn Sie wieder derartige Beanstandungen haben, Herr Staatsanwalt, das sofort geltend zu machen, damit wir das klarstellen können. Was wollten Sie eben sagen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich bitte um Entschuldigung mit der Synagoge. Ich hatte den Namen nicht genau verstanden. Sie hatte dann gleich hinzugefügt: »Es war ein größerer Raum, wo wir alle gesammelt wurden.« Und deswegen habe ich wegen der Synagoge nicht rückgefragt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und daß sie Angst hatte, habe ich gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun weiter. [Daß] Sie also empfangen wurden, sagten Sie, von einigen SS-Männern in Uniform und von Doktor Lucas. Nun haben Sie doch den Herrn Doktor Lucas vermutlich bis zu diesem Zeitpunkt nie gesehen gehabt und kannten ihn doch auch nicht. Oder war es anders?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You want a translation?

 

Zeugin Helen Goldmann:

If I remember him, I remember he was a young man. He was very tall. And I never forgot the name, because for what he did.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er war sehr jung und war sehr groß, und ich vergesse seinen Namen deshalb nicht

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

Nicht zu groß.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Weil ich mich noch genau an das erinnere, was er tat. — Perhaps it's better if I translate first. — Vielleicht sollte ich Ihre Frage doch noch übersetzen. — You say there were SS men, at your arrival, in uniform and there was Doctor Lucas.

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No, at the station we had to go. We had to go a while, you know, a little piece.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

From the station?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yeah, everybody. Till everybody get out, then we had to stand all there. And then Doctor Lucas, he started selecting the people. That's when he was there and the SS men were there.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir stiegen zunächst alle aus dem Wagen aus. Das dauerte einige Zeit, und wir gingen ein paar Schritte. Dann sammelten wir uns, und dann, da, wo wir uns dann hinstellen mußten, da waren die SS- Leute, und da war Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wieso wußten Sie, daß es Doktor Lucas war, der da stand?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And how did you know that this was Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because at the end, first of all he picked me. I had my little sister, she was two years old, on my arms, you understand. Because somebody had said, if you have a little baby, then you would go with your mother. So my mother dressed me up a little, so I would look a little older. She gave me her little baby, we had a three year old and a two year old. And I had

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So, jetzt wollen wir erst mal übersetzen. Bitte schön.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es war so: Ich hatte ein kleines Baby auf dem Arm, das war nämlich meine kleine zweijährige Schwester. Wir hatten ein zweijähriges und ein dreijähriges Baby mit, und es wurde gesagt, daß die Mütter bei ihren Kindern bleiben könnten. Aus diesem Grunde zog mich meine Mutter so an, daß ich etwas älter aussah, und gab mir unser kleines Baby auf den Arm.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yeah, that's why. When Mister Lucas saw that, he saw through me, that I was young and healthy. And he said I would be good for work, strong for work. And he grabbed my little sister and threw her to my mother.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Als mich nämlich Doktor Lucas sah, sah er wohl, daß ich jünger war, als ich eigentlich aussah. Und er stellte fest, daß ich durchaus kräftig genug zur Arbeit sei. Er nahm mir folglich das Baby weg und warf es meiner Mutter zu.

 

Vorsitzender Richter:

Ich möchte wissen, wieso Sie wußten, daß dieser Mann, der das getan hat, Doktor Lucas war.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But how did you know that this man was Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because some officers said »Herr Doktor Lucas«.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er wurde von einigen Offizieren mit »Herr Doktor Lucas« angeredet.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Then he grabbed the baby and threw it

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und dann nahm er das Baby und warf es

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von einem Offizier. Wieso wußten Sie, daß der Mann Offizier war? Wie sah der aus? Woran erkannten Sie das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you understand the president?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, he had the SS-thing, the uniform on. He had a cap on, you know, with the SS-insignias on.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er hatte die SS-Uniform an mit dem SS-Zeichen auf dem Ärmel und auch auf der Mütze.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das bedeutet

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Verzeihung Sie, Herr Vorsitzender. Wenn Sie vielleicht die Zeugin drauf hinweisen würden, daß sie die Dolmetscherin doch wirklich zu Ende übersetzen läßt. Denn es stellt sich heraus, daß sie, die Dolmetscherin, korrekt übersetzt, aber sie versteht anscheinend doch Ihre Fragen nicht direkt, wenn sie sie nicht übersetzen läßt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Please

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Denn dadurch kommen diese Mißverständnisse.

 

Vorsitzender Richter:

Gut.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Please

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Diese Frage ist nämlich nicht richtig beantwortet worden.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You're begged to wait until I have translated the German questions.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Okay. I'm sorry, yes.

 

Vorsitzender Richter:

Also die Frage lautete: Wieso wußten Sie, daß dieser Mann Doktor Lucas war? Sie antworteten daraufhin: »Weil ein Offizier ihn mit Doktor Lucas anredete.« Meine Frage lautete: Wieso wußten Sie, daß dieser Mann Offizier war? Sie haben daraufhin gesagt, er habe die Abzeichen der SS getragen. Und nun war die letzte Frage: Woraus aber entnahmen Sie, daß dieser SS-Mann ein Offizier war?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You have told that it was Doctor Lucas who took the baby. And you knew the name of Doctor Lucas, because one of the SS officers said to him Doctor Lucas.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Doctor Lucas.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And now the other question was, how did you know that this was an officer. You said, this was the uniform he wore

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

He had a Totenkopf.

 

Vorsitzender Richter:

Na, jetzt lassen Sie doch erst mal die Frage aussprechen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

He wore the uniform of an SS officer.

 

Zeugin Helen Goldmann:

An SS-officer.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und jetzt die letzte, wenn Sie die noch mal...

 

Vorsitzender Richter:

Woraus schloß sie, daß dieser SS-Mann ein Offizier war?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And how did you know that this SS-man was an officer?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, there were a few, not just one. And they were dressed in nice suits and with the SS-insignias on. And so I knew.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

It was only one officer. Or what did you say?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh no, no, there were a few of them. But Doctor Lucas wasn't between them.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Yes, but the question was: How did you know that the man who said: »Doctor Lucas« was an SS-officer?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because I could see the insignias on his head. You know the SS.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er hatte eben auf seiner Mütze die SS-Insignien.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And here.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und hier auf den Ärmeln.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Daraus geht doch nur hervor, daß es ein SS-Mann war. Woraus erkannten Sie, daß es sich um einen SS-Offizier gehandelt hat?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You know the difference, there is a difference between an SS-man, just a simple soldier, SS-soldier, and an SS-officer.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

They all wear the same uniform.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because at the station, I've seen other SS-men and they had different uniforms, not as nice. They didn't look as nice.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich hatte am Bahnhof noch andere SS-Männer gesehen. Die trugen auch Uniformen, aber andere Uniformen, und sahen nicht so schick aus wie dieser, von dem ich jetzt rede.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. Ich frage das deshalb so genau, weil es im allgemeinen ungewöhnlich ist, daß ein Arzt – ich weiß nicht, in welchem Rang war der Doktor Lucas damals?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Obersturmführer.

 

Vorsitzender Richter:

Daß ein Obersturmführer mit »Doktor Lucas« angeredet wird. In diesen Kreisen pflegte man zu sagen: »Herr Obersturmführer«, aber nicht: »Herr Doktor Lucas«. Das konnte vielleicht ein Kollege zu ihm sagen, aber sonst kann ich mir nicht vorstellen, daß ein SS-Mann zu ihm Doktor Lucas sagt und nicht Herr Obersturmführer.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You know, it's a bit strange, that this SS-officer said »Doctor Lucas«. Doctor Lucas was a rather high

 

Zeugin Helen Goldmann:

Officer.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Officer, so, as a rule, he would have said »Herr Obersturmführer« and not »Doctor Lucas«. A colleague might have said this, but not an officer.

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No. No, he said at one time »Doctor Lucas« and then later the day, that same day, I heard the name again.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, ich muß darauf beharren, er sagte »Doktor Lucas«, und im Laufe desselben Tages hörte ich diesen Namen noch mal.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar bei welcher Gelegenheit?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And when did you hear repeat the name of Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

When I was in the shower-room, where they took us in, they took all the clothes and they shaved us, you know. And I was standing in line, you know, to wait to be shaved. And there was one man in there. And he called me out of the line. And I got out. And I was afraid, I did not know who he was. I thought maybe he was a German officer or what. But I had to get out.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Up to here.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, no.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Can I first translate perhaps? — Den Namen hörte ich wieder, als wir nachmittags in den Duschräumen waren, wo wir auch geschoren wurden. Und wir standen da in der Schlange und warteten darauf, daß wir rasiert würden. Und da rief mich ein Mann heraus, den kannte ich nicht. Ich hatte natürlich Angst, weil ich nicht wußte, wer er war.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yeah, but then I did go out. And he asked me, who hit me, who was beating me. And I was afraid, I thought he was a German officer or a soldier. So I was afraid to tell him. So I told him: »Nobody«, you know, and I didn't know how he knew that somebody hit me. See, in the cattle cars, one German soldier hit me with the rifle over my back. But I didn't know that they could see it, you see. When he asked me that, I say: »Nobody hit me.« I was afraid to tell him.

 

Vorsitzender Richter:

So, jetzt wollen wir erst mal übersetzen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Dieser Mann holte mich eben raus und fragte mich, wer mich geschlagen hätte. Ich war erstaunt, daß er wußte, daß ich geschlagen worden war. In dem Viehwagen hatte nämlich ein deutscher Soldat mir mit dem Gewehr eins über den Rücken gegeben. Und ich war so verstört und verängstigt, daß ich sagte: »Niemand hat mich geschlagen.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yeah, and then he kept up and he kept asking: »Tell me, who hit you?« And I wouldn't tell him. Till he told me. He says: »Don't worry, I'm one of you.« He says: »I'm here three years and I work at the crematorium. Right down here.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Stop please.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Okay.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er bestand aber drauf und fragte immer wieder: »Wer hat Sie geschlagen?« und sagte mir auch, ich solle nicht ängstlich sein. Er sagte mir: »Haben Sie keine Angst, ich bin einer der Ihren. Ich arbeite hier schon seit drei Jahren.«— Near the crematorium or in the

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

In the crematorium.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

»Ich arbeite im Krematorium seit drei Jahren hier, und ich bin einer der Ihren.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

And then I told him who hit me, because when he told me he was one of us, I told him who hit me. And he says, if I had any parents. So I told him, that my father, they had taken [+ him in] 1941. My mother – and children were with my mother. And I wanted to go.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeugin Helen Goldmann:

So he says, was Doctor Lucas there, he was there, you [unverständlich] live.

 

Vorsitzender Richter:

Mal langsam jetzt.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er fragte mich dann nach den näheren Umständen. Und ich hatte dann auch keine Angst mehr. Und er fragte mich nach meinen Eltern, ob ich Eltern hätte. Ich sagte, daß man meinen Vater 1941 geholt hätte, daß meine Mutter mit meinen Geschwistern auch hier sei. Und da sagte er mir, wenn der Doktor Lucas jetzt da wäre, würdest du nicht leben.

 

Vorsitzender Richter:

Wie, was hat er gesagt? Wenn der Doktor Lucas jetzt da wäre

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

If my mother... If Doctor Lucas was at the station picking them right and left, he says, then my mother and the children are not going to be living long, they're going to be killed the same day.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte, wenn Doktor Lucas am Bahnhof war, dann werden deine Geschwister und deine Mutter nicht mehr lange leben. Dann werden sie noch heute getötet. — The same day.

 

Zeugin Helen Goldmann:

They were — kleine Kinder.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es waren ganz kleine Kinder.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Na. Jetzt wollen wir zunächst noch mal zurückkommen auf den Empfang bei der Rampe. Sie haben uns erzählt, daß Sie mit den Ankommenden nach vorn gegangen sind und vorn von dem Mann, den Sie mit Doktor Lucas bezeichnet haben, ausgewählt wurden, entweder nach der einen oder nach der anderen Seite zu gehen. Stimmt das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You told us – I come back to your arrival at the station – you told us you went forward with the others, when you came out of the waggon. And there

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No, they pushed us forwards.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Man stieß uns vorwärts. — Where you were selected by a man you call Doctor Lucas. One of them to the left, the other to the right.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Is this correct?

 

Zeugin Helen Goldmann:

That's correct. I went to the right and my mother and the children to the left.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, ich wurde nach rechts eingeordnet und meine Mutter und meine Geschwister nach links.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das Kind, das Sie auf dem Arm hatten, was geschah mit diesem Kinde?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What about the little baby you had on your arm?

 

Zeugin Helen Goldmann:

He took it from me. He said that I was strong and have to work. So he took the baby and threw it to my mother. He just threw it.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte, ich sei stark genug, um arbeiten zu können, und er warf das Baby buchstäblich. Er warf es meiner Mutter zu.

 

Vorsitzender Richter:

Er warf es der Mutter in die Arme.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

He threw it in the arms of your mother.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, my mother had another little girl, three years old, by her. So she didn't fall in her arms. She fell down and my mother picked her up.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er warf es meiner Mutter deshalb nicht richtig in die Arme, weil meine Mutter ja noch das Dreijährige hatte. Und es fiel, und meine Mutter hob es dann auf.

 

Vorsitzender Richter:

Es fiel auf den Boden?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

The baby fell on the floor?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, Ma'am.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und nachdem es auf den Boden gefallen war, was geschah denn dann mit dem Kind? Hat es da keinen Schaden davongetragen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But was it not hurt, the baby?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I don't know, because they took us away. The ones they picked out to the right, they took us away to the shower-room.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann es nicht sagen, denn ich wurde ja nach rechts eingeordnet. Und wir wurden sofort zu den Duschräumen geführt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann hat Ihnen also dieser fremde Mann gesagt: »Wenn Doktor Lucas auf der Rampe war, werden die anderen nicht mehr leben.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

So the stranger told you, when Doctor Lucas was at the station, the others are sure not to live very long or not to live any longer.

 

Zeugin Helen Goldmann:

That's right. »If they went to the left, they were going to be burned that night«.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte mir: »Wenn sie links eingeordnet worden sind, dann werden sie noch heute Nacht verbrannt.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

And I don't know why. I had a young mother.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß auch nicht warum. Meine Mutter war sehr jung.

 

Zeugin Helen Goldmann:

She was strong.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und auch kräftig.

 

Vorsitzender Richter:

Was wollte denn dieser Mann von Ihnen, der Sie in dem Waschraum angesprochen hat?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But what did this man want, who just spoke to you in the shower-room?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because he saw this sign. I had a lot of scars on my back from the rifle-beating.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sah ja die Wunden auf meinem Rücken, die von den Gewehrkolbenschlägen herrührten.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And that's when he started talking to me. Cause I wouldn't say anything before.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und er sah sie, und da sprach er mich eben an, weil ich nichts gesagt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie wollten mir doch sagen, daß Sie den Doktor Lucas ein zweites Mal gesehen hätten. Wo war denn das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You spoke about having seen the Doctor Lucas a second time. When was this?

 

Zeugin Helen Goldmann:

That was a little while later, about a month or six weeks, he picked me to work in a kitchen. He said, if all my tests – there were going to take tests from me, and they [would have to] send them to Berlin –, and if everything comes back a hundred percent okay, I was going to work, because I was strong, in a kitchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich sah ihn ungefähr einen Monat oder sechs Wochen später. Da suchte er mich für den Küchendienst aus. Er hatte verschiedene Tests mit mir vorgenommen und hatte das nach Berlin eingeschickt. Und er sagte, wenn die Resultate von Berlin kämen und alles in Ordnung sei, würde ich dort eingesetzt werden.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And then he came and picked me out. He came after me. To take me to the kitchen. He said: »Everything is okay.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und dann kam er und suchte mich für den Küchendienst aus und sagte: »Es ist alles in Ordnung, Sie arbeiten jetzt in der Küche.«

 

Vorsitzender Richter:

Dann müßten Sie ihn also doch dreimal gesehen haben.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Then you have seen him three times.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, I have seen him twice.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well, first, when he said: »I have made the tests and I have send the tests to Berlin.« And then

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No, he said that at the station, that I was strong enough, if I was going... And if my tests... He was going to take the tests. That was at the station yet.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ah. Diese Geschichte mit den Tests sagte er bereits am Bahnhof. Er sagte bereits am Bahnhof: »Wenn die Tests in Ordnung sind, und Sie sind ja kräftig, dann arbeiten Sie in der Küche.«

 

Vorsitzender Richter:

Das sagte er schon am Bahnhof?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

He said this already at the station?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes. That's why he took the baby from me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Deswegen nahm er das Baby weg.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, können Sie sich da ganz genau drauf entsinnen? Überlegen Sie doch bitte einmal, es sind Hunderte oder Tausende von Menschen angekommen. Und der Betreffende, der da an der Rampe stand, der hatte doch nun die Aufgabe, die Leute auszuwählen, die ins Lager kommen sollten. Glauben Sie wirklich, daß dieser Mann in diesem Augenblick sich Gedanken machen konnte, ob Sie in der Küche beschäftigt werden sollten?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Are you sure he said this at the station? Just think of the thousands and hundreds of arriving persons

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

I'm positive.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

He possibly couldn't think of whether you would have to be occupied in the kitchen or elsewhere.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, apparently they needed help in the kitchen. Now I was tall and very strong.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Offensichtlich brauchte man Küchenpersonal. Denn ich war groß und sehr kräftig.

 

Vorsitzender Richter:

Blut und Stuhlgang.

Bitte schön, was sagten Sie eben, Frau Dolmetscherin?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Offensichtlich brauchte man Küchenpersonal. Ich war groß und sehr kräftig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Das ist die Antwort darauf.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben es bei Ihrem Rechtsanwalt Bassett

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

Bassett.

 

Vorsitzender Richter:

Oder Bassett, ja, da haben Sie das anders geschildert.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But you told different things to your lawyer.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, I told him the same thing. His secretary or someone must have made a mistake or misunderstood me. He doesn't speak English really well.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe ihm das genauso erzählt, aber vielleicht hat seine Sekretärin oder sonst irgendwer das mißverstanden. Er sprach auch nicht sehr gut Englisch.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie haben damals gesagt, so berichtet jedenfalls der Anwalt: »Am nächsten Tag«, das war also am Tag, nachdem Sie angekommen waren, nachdem Sie in dem Waschraum die Kleider abgeben mußten, nachdem Sie gewaschen worden waren und Sträflingskleider bekamen, »am nächsten Tag wurden die Gefangenen beim Namen aufgerufen. Sie wurden in eine andere Hütte geführt, wo diese Tests vorgenommen wurden. Dort war wieder Doktor Lucas anwesend. Er sagte zu meiner Mandantin: ›Du siehst‹ «

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott [unterbricht]:

Kann ich hier erst mal?

 

Vorsitzender Richter:

Ach so. Bitte? Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But you told

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

I understood.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You told it differently to your lawyer. You said: »Next day«, this is after your arrival, after the showers, after having been dressed in the camp garment and you were led to a different barrack, where they made the tests. And you said then, it was then, that you saw Doctor Lucas again.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, no, I said that I've seen him, when he came to tell me that the tests were okay and I can go to work to the kitchen, because I was strong.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich sagte, ich habe ihn erst dann wiedergesehen, als er mir sagte: »Die Tests sind in Ordnung, und Sie können in die Küche gehen. Sie sind kräftig genug, um in der Küche zu arbeiten.« sagte: »Die Tests sind in Ordnung, und Sie können in die Küche gehen. Sie sind kräftig genug, um in der Küche zu arbeiten.«

 

Vorsitzender Richter:

Also der Anwalt schreibt hier, Sie hätten ihm gesagt: »Als diese Tests gemacht wurden, war Doktor Lucas anwesend und sagte zu meiner Mandantin: ›Du siehst gesund aus, und wenn der Bericht hundertprozentig zurückkommt, wirst du in die Küche kommen.‹ «1

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But you told to Mister Bassett, that Doctor Lucas told you: »You look sound and strong and healthy.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

That's what he did.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

»And if the tests are okay [...] you will work in the kitchen.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das unterscheidet sich von Ihrer heutigen Darstellung dadurch, daß Sie heute sagen, dieser Mann, den Sie mit Doktor Lucas bezeichnen, hätte das bereits an der Bahn gesagt, beim Ausladen. Beim Selektieren hätte er gesagt: »Du siehst gesund aus, und wenn die Untersuchungen in Ordnung sind, kannst du in der Küche arbeiten.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But there is a difference between what you are saying today. Today you say Doctor Lucas said to you: »You are strong and healthy and if the tests are okay you will work in the kitchen.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

That's what he said.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

»He said this already at the station.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

»At the station.« That's what I told Mister Bassett also. He misunderstood me. »At the station.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich wiederhole noch einmal: Er sagte mir das auf dem Bahnhof, und ich habe das auch Herrn Bassett gesagt. Er muß mich da irgendwie mißverstanden haben.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann sagen Sie, ist Doktor Lucas noch einmal in die Baracke gekommen und hat Ihnen persönlich ausgerichtet, daß Sie nunmehr in der Küche arbeiten könnten.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And then you say, Doctor Lucas came again to your barrack in order to tell you that everything was alright and you could work in the kitchen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right. He said: »A hundred percent alright«. I was healthy.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte: »Hundertprozentig alles in Ordnung«.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. [...] Haben Sie dann den Doktor Lucas noch einmal gesehen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you see Doctor Lucas again after that?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, I haven't seen him but I was waiting for 20 years to find him.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen, aber ich warte seit 20 Jahren darauf, ihn wiederzusehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, in dem Lager sind Sie dann wohin gekommen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And within the camp, where did you go then or where did they bring you then, in the camp?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Before I went to the kitchen we were in a regular barrack.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ehe ich in die Küche kam, war ich in einer regulären Baracke.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And after they put us, all the girls that worked in the kitchen, in one separate barrack.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und nachher waren alle Küchenmädchen in einer besonderen Baracke untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ich möchte zunächst wissen, in welcher Küche Sie waren. In Birkenau? [...]

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In which kitchen did you work?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In Birkenau. Big kitchen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie hieß das Lager, in dem Sie waren?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And what was the name of the camp where you were?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Lager c.2 [...]

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager c waren Sie und haben dort in der Küche gearbeitet?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You worked in the kitchen of the camp c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Vorsitzender Richter:

Und welche Leute waren in dem Lager c untergebracht?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And what kind of people were in this camp c? What kind of people?

 

Zeugin Helen Goldmann:

You mean the prisoners or the officers?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

The prisoners.

 

Zeugin Helen Goldmann:

The prisoners were all strong and healthy like me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die waren alle gesund und kräftig, so wie ich.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Till I got sick.

 

Vorsitzender Richter:

Waren das Männer, waren das Frauen? Waren das Familien?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Were they men or women or families?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, just girls.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nur Mädchen.

 

Vorsitzender Richter:

Nur Mädchen? Im Lager c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In the girls' kitchen, just girls.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

No, in the camp c, not in the kitchen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I didn't see no man after that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe keinen Mann mehr gesehen danach. No man?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Vorsitzender Richter:

Und dort kochten Sie auch?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And there you did the cooking?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I did the cooking myself by one big kettle, you know, a big one.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kochte das Essen in einem Riesenkessel.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie dort in diesem c-Lager auch untergebracht? Wohnten Sie dort, schliefen Sie dort auch?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you also sleep in this camp c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, all the girls from the kitchen had one block. We were about 124 or 125 girls.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir waren ungefähr 124 bis 125 Mädchen und waren alle in einem Block untergebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war in den übrigen Blocks untergebracht?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And who lived in the other blocks of this camp?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I don't know. We were not allowed to go anywhere, we were not allowed to mix.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Das weiß ich nicht, denn wir hatten nicht die Erlaubnis, uns irgendwo anders hin zu begeben. Wir konnten auch nicht mit den anderen Insassen in Fühlung kommen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

May I say something?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Darf ich etwas sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Ich glaube, die Vernehmung wird sich doch noch einige Zeit hinziehen, und wir können ohne Mittagspause nicht auskommen. Wir wollen also jetzt eine Pause einlegen bis um halb zwei. Ich bitte die Zeugin, um halb zwei wieder sich hier einzufinden.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Would you please come again at half past one?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Okay.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Danke schön.

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie haben den Doktor Lucas wie viele Mal gesehen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

How many times did you see the Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Zweimal. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Zweimal. Nachdem Sie nun in das Lager c eingewiesen waren, haben Sie dort wie lange gearbeitet?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

After having arrived at the camp c, how long have you been working there in the camp c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I worked in the kitchen for about five or six months, but before then I got sick, I got typhoid fever.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

A typhoid fever?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes. And an SS-woman helped me. She saved my life.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich arbeitete dort fünf bis sechs Monate, aber in dieser Zeit wurde ich krank und bekam Typhus. Und da hat sich eine SS-Offizierin, eine SS-Frau um mich gekümmert. Sie hat mir das Leben gerettet.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann sind Sie aus dem Lager wieder herausgekommen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And when did you leave the camp?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right after I finished there, but after five, six months they transferred us to Landsberg in Lager VII3.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nach fünf bis sechs Monaten wurden wir in ein anderes Lager nach Landsberg transferiert. Lager sieben?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Lager sieben.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Lager Nummer 7.

 

Vorsitzender Richter:

Fünf bis sechs Monate waren Sie also nur in Auschwitz?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You were in Auschwitz only five or six months?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, five or six months. I was a year altogether. Altogether a year.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Im ganzen war es ein Jahr.

 

Vorsitzender Richter:

Im ganzen war es ein Jahr. Haben Sie in dieser Zeit den Doktor Lucas nirgends mehr gesehen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Didn't you ever meet again Doctor Lucas in this time?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, but I was looking for him after the war.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Aber nach dem Krieg habe ich mich nach ihm umgeschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dann einmal irgendwo ein Bild von ihm gesehen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Have you seen his picture or his photograph somewhere afterwards?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, just of the woman that worked with me in the kitchen. One of them. The bad one. The good one I didn't see, but the bad one I have seen in a newsreel in the cinema.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe nur die böse Frau von der Küche wiedergesehen. In einer Wochenschau habe ich sie wiedergesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Uns interessiert hier in erster Linie der Herr Doktor Lucas. Sie haben also kein Bild von ihm gesehen, auch nicht in irgendeiner Zeitung?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

We are specially interested in Doctor Lucas. You are quite sure that you never saw a picture or a photograph of Doctor Lucas? Not in a newspaper?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Since Auschwitz, no.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn heute hier schon in der Sitzung gesehen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Have you seen him today already?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I didn't look.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe mich nicht nach ihm umgeschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man Sie von irgendeiner Seite darauf aufmerksam gemacht, wer der Doktor Lucas ist?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Has anybody pointed out Doctor Lucas to you?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Wie sah denn der Doktor Lucas aus, den Sie damals gesehen haben?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What did he look like, this Doctor Lucas you met there?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, he was quite good looking at that time and quite young, not old, quite young and medium height. You know, almost tall, but medium height.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sah recht gut aus, er war damals noch jung, und er war ungefähr mittelgroß.

 

Vorsitzender Richter:

Mittelgroß. Welche Haare hatte er?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What colour was his hair?

 

Zeugin Helen Goldmann:

He had a hat on, but I think it was blond.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er hatte einen Hut auf, aber ich glaube, es war wohl blond.

 

Vorsitzender Richter:

Blonde Haare. Hatte er eine Brille auf?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did he wear spectacles, glasses?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, I don't remember that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann mich daran nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht erinnern. Hatte er ein schmales oder ein breites Gesicht?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

How was his figure like? Was it a broad or a rather slim one?

 

Zeugin Helen Goldmann:

At that time he was quite slim, at that time.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Damals war das Gesicht schmal.

 

Vorsitzender Richter:

Schmales Gesicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Entschuldigen Sie, Herr Vorsitzender, ich habe es so verstanden, als ob die Zeugin die Gestalt meint jetzt.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Yes, his face. What was his face? [...] I made a mistake. They asked you what his face was like. Was it broad or slim?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Medium.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, mittel.

 

Vorsitzender Richter:

Ein mittleres Gesicht. Hatte er eine kleine oder eine ausgeprägte Nase?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What about his nose, was it rather long or small?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Not too long, medium.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Mittel.

 

Vorsitzender Richter:

Mittlere Nase. Hatte er kleine oder große Ohren?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What about his ears, were they big ears?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I didn't look at the ears.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe mir die Ohren nicht angeschaut.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht angeschaut. Was für eine Art von Mütze hat er denn aufgehabt?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What was his cap like, he wore?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Like all the officers wore, with the SS-insignia on the side.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die übliche SS-Mütze mit den SS-Insignien auf der Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er einen Mützenschirm getragen, also eine Schildmütze mit einem Schirm?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

His cap, was the... Ich weiß leider nicht, was Mützenschirm heißt.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, it was like, you know, with the front here.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was it the thing on there?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Schirmmütze hat er getragen? Und wie alt war er ungefähr?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

How old was he approximately?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, I would say he was in his thirties.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

So in den Dreißigern.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Late thirties somehow.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Late thirtes?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, but 30, 35, something like that. But he wasn't old.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ungefähr 35. Aber er war nicht alt.

 

Vorsitzender Richter:

Etwa 35 Jahre alt?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I don't know exactly but that's my estimation.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß es natürlich nicht genau, das würde ich ungefähr schätzen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie können es natürlich nicht wissen, denn Sie haben ja keinen Geburtsschein von ihm in der Hand gehabt.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Of course you can't know it, you didn't see his identity card.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können es nur schätzen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You only can estimate.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich]

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Da hat sie sich korrigiert. [...] You said first late 30's and then you said 35.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, I said 30's, in the middle, around 35 somehow like that. He was young. I know that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Um 35. In jedem Fall war er jung.

 

Vorsitzender Richter:

Nun bitte ich die Angeklagten, mal sämtlich aufzustehen. [...]

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

The accused persons have to rise. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und treten Sie doch mal alle raus.

 

Verteidiger Eggert:

Einen Augenblick bitte.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

One moment.

 

Verteidiger Eggert:

Bevor die Gegenüberstellung erfolgt, möchte ich die Zeugin noch fragen, ob sie sich an weitere besondere Kennzeichen des Angeklagten Doktor Lucas erinnert.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you remember any special signs in the outward appearance of Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, that's all, that he was fairly good looking.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nur, daß er recht gut aussah.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And I didn't look very close because that uniform scared me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich sah mir ihn eben nicht genauer an, denn ich hatte einfach vor der Uniform schon Angst.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I just remember the name very well.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie haben ihn aber doch nachher noch einmal gesehen, als er Ihnen bestätigte, daß Sie in die Küche kommen konnten.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But you did see him once more.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I was more scared then.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Damals hatte ich noch viel mehr Angst.

 

Vorsitzender Richter:

Noch viel mehr Angst? Sie können sich also auf nähere Kennzeichen nicht besinnen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You don't remember any special remarks or characteristics of his outward appearance?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No. I know he was nasty, at the station, that's all.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß nur, daß er sich am Bahnhof eben häßlich benommen hat, unfein benommen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage zur Person? Dann bitte ich die Angeklagten... ja, Moment.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Zur Person eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Frage zur Person.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Frau Zeugin, Sie haben zu Beginn Ihrer Vernehmung heute unter anderem gesagt, Herr Doktor Lucas sei sehr groß gewesen. So habe ich es mir notiert. Und Sie haben eben gesagt, er sei mittelgroß gewesen. Was ist richtig?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In the beginning you said that Doctor Lucas was very tall and just now you said he was of medium height. What is right?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, that was my lawyer. In Miami I had told him – and his secretary had made that mistake –, I told them he was medium height. I remember that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe das meinem Rechtsanwalt erzählt, und seine Sekretärin muß da einen Fehler gemacht haben. Ich habe immer gesagt: »mittelgroß«.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Nein, Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe Ihnen vorgehalten, daß Sie heute, zu Beginn Ihrer Vernehmung, gesagt haben, Herr Doktor Lucas sei jung und sehr groß gewesen. [...] Und eben vor wenigen Minuten haben Sie gesagt, er sei

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Verzeihung, aber »sehr groß« hat sie nicht gesagt.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Ich habe es genau notiert, Herr Rechtsanwalt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] Very tall. Nicht [unverständlich] sondern hochgewachsen

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

I said fairly tall.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Very tall, fairly.

 

Zeugin Helen Goldmann:

You mean – fairly tall doesn't mean very tall.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Fairly tall.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Also so ist es jedenfalls übersetzt worden. »Sehr groß.« Und eben haben Sie gesagt

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No, fairly tall doesn't mean very »groß«.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Fairly tall.

 

Ergänzungsrichter Seiboldt:

Ja, ich habe nur das aufgeschrieben, was übersetzt worden ist. Übersetzt wurde es »sehr groß«.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß nicht mehr, ob sie »fairly tall« oder »very tall«... also da kann ich mich jetzt gar nicht mehr erinnern.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, that's a little taller

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Fairly ist ungefähr mittelgroß. Ein bißchen größer als mittelgroß ist fairly, recht groß

 

Ergänzungsrichter Seiboldt [unterbricht]:

Also Sie bleiben jedenfalls jetzt dabei, daß er mittelgroß gewesen war? Danke.

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

Oh yes, definite, I remember that very well.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben aber auch bei Ihrem Anwalt gesagt: »Er war schlank und groß.«4

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And to your lawyer you said: »He was tall and slim.«

 

Zeugin Helen Goldmann:

The same thing. I told him. Medium height, fairly height I said. And he was slim, he wasn't heavy.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, er war nicht ein schwerer Typ, sondern er war schlank, und ich sagte auch zu meinem Anwalt, er sei mittelgroß gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun bitte ich die Angeklagten mal hier vorzutreten in den Mittelraum. [Pause] So, und nun bitte ich die Frau Zeugin, sich mal herumzudrehen und an den einzelnen Angeklagten vorbeizugehen und uns zu sagen, wo Doktor Lucas nach Ihrer Meinung sich befindet.5

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Das Gericht hat keine Fragen mehr.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

No question.

 

Vorsitzender Richter:

Die Staatsanwaltschaft? Herr Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe nur eine Frage an Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

I have one question to Doctor Lucas. I translate what he is asking Doctor Lucas. You want me to translate?

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond, wir wollen zunächst die Zeugin noch fragen, nicht? Wenn Sie so lange Ihre Frage zurückstellen wollten? Herr Raabe. Herr Doktor Kaul.

 

Verteidiger Laternser:

Herr Vorsitzender, ich fühle mich verpflichtet, auf zwei Punkte aufmerksam zu machen, die mit der Frage der Übersetzung in Zusammenhang stehen. [...] Ich habe viel an deutsch-englischen Verhandlungen teilgenommen, ich bin aber kein perfekter Englischsprechender. Ich darf mal folgendes sagen: Die Zeugin sagte im Verlaufe ihrer Aussage, und so wurde dann nur teilweise übersetzt, daß an dem Bahnsteig mehrere Offiziere dort gewesen seien. [...] Und dann sagte sie dazu: »Doctor Lucas was between them.« [...] Das wurde nicht übersetzt

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

That wasn't at the station. That was when we left the station.

 

Vorsitzender Richter:

Er war unter ihnen, er war zwischen ihnen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, daß mehrere Offiziere dort gewesen seien, und: »Doctor Lucas was between them.« Das wurde nicht übersetzt. Ich habe mir das notiert, das ist der Punkt eins. Und dann – ich nehme an, daß vielleicht der Kollege Ormond, [...] der sicher besser [+ Englisch] spricht als ich, das auch gehört haben könnte. [...] Und dann ist ein zweiter Punkt: Als das Kind geworfen wurde, sagte sie nicht: »He threw it«, sondern: »He just threw it.« Und das wurde übersetzt mit: »Er warf es.«[...]

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

He took it from me and he threw it.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Nach meinem englischen Sprachgefühl heißt »He just threw it«: »Er hat es beinahe geworfen«.

 

Vorsitzender Richter:

Fast geworfen.

 

Verteidiger Laternser:

Fast geworfen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein: »Er hat es einfach geworfen.«

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Einfach. [...] Ist doch falsch.

 

Verteidiger Laternser:

So. Ja, ich habe es zur Entscheidung gestellt, ich kann es nicht entscheiden, mir fiel es nur auf.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst waren keine Fragen mehr? Bitte schön, Herr Doktor Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Frau Zeugin, Sie haben geschildert, daß Sie vor die Duschräume ein Mann herausgerufen hat. In welcher Sprache haben Sie sich mit diesem Mann unterhalten?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You spoke of a man whom you met in the showers and who made you came out of the shower room. What language did you speak with him?

 

Zeugin Helen Goldmann:

He spoke Jewish after a while. He was from Poland, he told me afterwards. First he spoke German, that's why I was afraid of him, you understand? Later, when he saw I was afraid, he told me: »Don't be afraid, I'm one of you. I'm from Poland.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And then he spoke Jewish?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Then he spoke Jewish to me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Zuerst sprach er Deutsch mit mir, und ich hatte große Angst. Und als er das merkte, sagte er mir: »Hab keine Angst, ich bin einer der Euren, und ich komme aus Polen.« Und dann haben wir Jüdisch gesprochen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Haben Sie Jüdisch gesprochen. Und welche Uniform hat dieser Mann getragen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And what uniform did this man wear?

 

Zeugin Helen Goldmann:

A Lager-uniform.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die Lageruniform.

 

Zeugin Helen Goldmann:

He told me that he worked at the gas chambers. He was in the shower room.

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Können Sie diese Lageruniform schildern?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte mir, daß er in den Gaskammern arbeitete. Can you describe this Lager-uniform?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I remember I wore the striped, grey and white striped.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

This was yours?

 

Zeugin Helen Goldmann:

That was mine. He had a plain uniform.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What is a plain uniform?

 

Zeugin Helen Goldmann:

A plain white or grey uniform.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er trug eine einfarbige weiße oder graue Uniform. Ich kann mich auch an meine gestreifte Uniform erinnern, aber dieser Mann trug eine einfarbige Uniform.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine einfarbige Uniform? Hat dieser Mann eine Mütze aufgehabt?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did he wear a cap?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine weitere Frage: Sie sagten heute, daß Ihr Test nach Berlin geschickt worden ist und dort ungefähr einen Monat blieb, bis er zurückkam. Was taten Sie in dieser Zeit, bis dieser Test zurückkam, im Lager?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You spoke about your test. Your test was sent to Berlin and there it took about one month to be sent back. What did you do between this time, during this time?

 

Zeugin Helen Goldmann:

It didn't take a month. That's where you misunderstood me. I said a few weeks and you said four weeks, you see.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well, what did you do in these few weeks?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, nothing.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es dauerte nur einige Wochen, nicht einen Monat. Und während dieser Wochen, wo ich auf die Rückkehr des Testresultats wartete, tat ich nichts.

 

Verteidiger Aschenauer:

Taten Sie nichts?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Verteidiger Aschenauer:

Was verstehen Sie unter »einige Wochen«?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well, couldn't you precise this »few weeks«? How long was it exactly, these few weeks?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Between two and three weeks the most. That's all.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Zwei oder höchstens drei Wochen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihr Anwalt geschrieben hat, daß Sie ihm gesagt hatten, es wäre eine Woche.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But your lawyer

 

– Schnitt –

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

week, where they were allowed not to work or they didn't have to work.

 

Zeugin Helen Goldmann:

We didn't work before we went into the kitchen. But as soon as we went into the kitchen to work, then we worked every day.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And before you went to the kitchen you did not work?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir arbeiteten nicht, bis wir in die Küche kamen. Aber sowie wir in der Küche waren, arbeiteten wir.

 

Verteidiger Aschenauer:

Und in der Küche waren Sie, wie Sie sagten, fünf bis sechs Monate. Waren Sie im Lager Auschwitz im Revier wegen Typhus gelegen oder woanders?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And you said you were in the kitchen for about five or six months. And when you had typhoid fever

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

In between.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In between you had typhoid fever?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And where were you then when you had this fever?

 

Zeugin Helen Goldmann:

This SS-lady , this nice lady that watched over us in the kitchen, she was hiding me for two weeks in a barrack and brought me medicine and food. And after I got a little bit better, she brought me a pair of Holland wooden shoes, so I wouldn't have to stand in the water.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die SS-Frau oder die SS-Offizierin, die mich in der Küche beaufsichtigte, war sehr freundlich. Sie hat mich zwei Wochen lang, als es mir sehr schlecht ging, verborgen in einer besonderen Baracke. Als es mir dann ein bißchen besser ging, bekam ich Schuhe von ihr, [...] so Holzschuhe von ihr, daß ich nicht mit dem Boden in Berührung komme.

 

Staatsanwalt Kügler:

Frau Dolmetscherin, ist es richtig, daß die Zeugin noch gesagt hat, daß sie das Typhusfieber in der Zwischenzeit gehabt hat?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You had the fever during this time, during the five or six months?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right, right.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja. Während dieser Zeit, wo sie in der Küche war, hatte sie dieses Fieber, und da hat sie diese SS- Frau dann versteckt.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Excuse me, I was just out two weeks.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Out of service you mean?

 

Zeugin Helen Goldmann:

That's right. After I felt a little bit better she made me go back.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nur zwei Wochen war ich wirklich arbeitsunfähig. Und dann ließ sie mich zurückkommen in die Küche.

 

Verteidiger Aschenauer:

Dann eine weitere Frage: Wann sind Sie nach Kaufering gekommen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

When did you come to Kaufering?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right after I left Auschwitz they transferred us to Kaufering, [...] Landsberg, Lager VII.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Unmittelbar nachdem ich Auschwitz verlassen habe, wurden wir zum Lager VII bei Landsberg transferiert.

 

Verteidiger Aschenauer:

In welchem Monat war das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Which month was it?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Around I think October, November, I can't remember exactly.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Oktober, November, ich kann mich da nicht ganz genau erinnern.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I remember it was cool.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß nur, daß es schon recht kühl war.

 

Verteidiger Aschenauer:

Haben Sie in dem Teil des Lagers, wo Sie gewesen sind, andere Ärzte als Doktor Lucas kennengelernt?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Have you met different doctors from Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

In the other »Lagern«– I don't remember his name, but if he would be on trial I'd come and tell everybody that he was a good man.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann leider den Namen dieses Arztes nicht erinnern. Wenn er aber hier im Prozeß wäre, so würde ich für ihn aussagen und bezeugen, daß er ein anständiger Mann war.

 

Zeugin Helen Goldmann:

He was a very young man, very nice.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er war sehr gut und sehr nett, sehr jung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Frau Dolmetscherin, hat die Zeugin gesagt, ob das in Auschwitz war oder in einem anderen Lager?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was this in Auschwitz or a different camp? The other doctor, the nice one.

 

Zeugin Helen Goldmann:

The other doctor? No, in the different one, Landsberg, in Kaufering.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Das war in Landsberg.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich habe gefragt: in Auschwitz.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But did you meet another doctor in Auschwitz?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I did, but I don't know their name. They took blood from me every four weeks for the soldiers. And they took one experiment from me and I don't know which one it was.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, ich habe andere Ärzte getroffen. Die entnahmen mir alle vier Wochen Blut für die Soldaten und machten auch ein Experiment oder entnahmen eine Probe. Aber ich weiß nicht, ich kann ihre Namen nicht erinnern.

 

Verteidiger Aschenauer:

Haben Sie den Namen Doktor Rohde einmal gehört?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you hear the name of Doctor Rohde?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, Sir.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Frau Zeugin, was war das für ein Test, der mit Ihnen gemacht worden ist, als Sie auf dem Bahnhof in Auschwitz ankamen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What kind of test was it they made with you when you arrived at the station in Auschwitz?

 

Zeugin Helen Goldmann:

They wanted to see if I was perfectly healthy to work in a kitchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Man wollte sehen, ob ich gesund genug sei, um in einer Küche zu arbeiten, ob ich vollkommen gesund sei.

 

Verteidiger Eggert:

Aber was war das für eine Art von Test?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But what kind of test?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I remember they took a stool test and they took blood.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Man untersuchte den Stuhlgang und das Blut.

 

Verteidiger Eggert:

Verzeihen Sie, Sie sagten doch, das sei auf der Rampe beziehungsweise im Bahnhof von Auschwitz gewesen?

 

Vorsitzender Richter:

Nein.

 

Zeugin Helen Goldmann:

That wasn't at the Bahnhof.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, das war nicht auf dem Bahnhof.

 

Verteidiger Eggert:

Sondern?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das haben Sie mißverstanden, Herr Doktor Eggert. Am Bahnhof soll ihr der Doktor Lucas gesagt haben: »Wenn alles in Ordnung ist und der Test in Ordnung geht, dann kannst du in der Küche arbeiten.« Der Test selbst soll dann später erhoben worden sein, also in einer besonderen Baracke. So hat sie das jedenfalls dargestellt.

 

Verteidiger Eggert:

Ah ja, da brauche ich aber dann die Einzelheiten noch davon, wie dieser Test sich abgespielt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Eggert:

Ich habe eben schon angefangen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

I would like some details concerning the test.

 

Zeugin Helen Goldmann:

You want to ask?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

No. The lawyer wants.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, he wants to know? But that's all I know. And I don't know what they said. When it came back it said it was a hundred percent okay.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich weiß nicht, was damit gemacht wurde. Ich weiß nur, daß man mir sagte, als die Testresultate durchkamen, daß ich hundertprozentig in Ordnung sei.

 

Verteidiger Eggert:

Was ist denn überhaupt getestet worden? Ist sie da ärztlich untersucht worden? Was ist ihr sonst noch abgenommen oder entnommen worden?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you pass a medical examination or what has been

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

They examined me, they took the stool [...] and they took blood. That's what they sent to Berlin.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich wurde untersucht, und man entnahm eine Blutprobe und schickte außerdem eine Stuhlprobe nach Berlin.

 

Verteidiger Eggert:

Jawohl. Dann eine ganz andere Frage: Wann, Frau Zeugin, haben Sie sich für dieses Verfahren zum ersten Mal als Zeugin gemeldet?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

When did you ask for the first time to be a witness in this trial?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, I was looking for some word about Mister Lucas. [...] I was looking in the papers all the time to find his name, or in the newspapers, or in the movies. But I couldn't find it till a few months ago, about six, seven months ago, I don't remember.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe immer aufgepaßt in den Zeitungen und in den Wochenschauen und so weiter und auf den Namen Doktor Lucas geachtet. Er ist mir nicht über den Weg gelaufen bis ungefähr vor fünf oder sechs Monaten.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Maybe a litte more.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Vielleicht auch etwas länger, das kann ich nicht genau sagen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

They had named all 22 defendants [...] from Frankfurt. And I didn't recognize nobody but Doctor Lucas.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es wurden alle Angeklagten namentlich aufgeführt von Frankfurt, und ich kannte keinen Namen außer dem des Doktor Lucas.

 

Verteidiger Eggert:

Und weshalb hatten Sie die Hoffnung, vorher von ihm in der Wochenschau, in der Illustrierten oder sonstwo zu lesen? War er denn so ein prominenter Mann?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And why did you hope to meet his name either in the newspapers or in the newsreel or elsewhere? Was he such a prominent or outstanding person?

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, because I know he was the cause of

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Entschuldigung, Entschuldigung. Die Frage ist beantwortet. Die Zeugin hat gesagt, daß sie den Namen in Auschwitz gehört hat bei der Selektion, und daß sie diesen Mann, der das Kind ihr weggenommen hat, wiedersehen will.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Mrs. Goldmann already answered the question. [...] Verteidiger Eggert [unterbricht]:

Ich möchte bloß wissen, welche konkreten Anhaltspunkte sie für die Hoffnung gehabt hat, daß ausgerechnet dieser Name in einem in Amerika erscheinenden Blatt noch mal auftauchen würde. Das ist doch wohl eine

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott [unterbricht]:

Well, but how could you hope that exactly this, just this name could appear in an american newspaper?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because people are looking for the names. And I was looking for Doctor Lucas because he killed my mother and my two sisters and little brother. He's the cause of it.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Natürlich suchen die Leute nach den Namen, die sie interessieren. Und ich suchte halt nach dem Namen von Doktor Lucas, weil er meine Mutter und meine Geschwister getötet hat.

 

Verteidiger Eggert:

Hatten Sie denn die Hoffnung, daß Sie den Namen in einer Zeitung finden würden?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But did you hope to meet his name in a newspaper?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, I looked everywhere.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, ich habe überall nach diesem Namen Ausschau gehalten.

 

Verteidiger Eggert:

Danke.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I even looked for a woman that worked with me in the kitchen in Auschwitz also. I can't find her.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich suche auch immer noch eine Frau, mit der ich in der Küche zusammenarbeitete. Ich habe sie bis jetzt aber noch nicht gefunden.

 

Verteidiger Aschenauer:

Eine einzige Frage: Sie haben gesagt, Sie suchten den Mann, der die Mutter und die Geschwister getötet hat. Wann haben Sie erfahren, daß die Mutter und die Geschwister umgekommen sind?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You said you were looking for the man who killed your mother and your little sister. [...] When did you know that they were killed?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I knew, I knew that, I knew.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

When did you hear exactly?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I knew that same late afternoon from that man in the shower room.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich habe es schon an demselben Tag von diesem bewußten Mann im Duschraum erfahren.

 

Verteidiger Aschenauer:

Da haben Sie aber vorher gesagt: »Wenn der Doktor Lucas das auf der Rampe war, dann sind sie schon tot.« Das war eine Meinung von dem Mann. Ich frage aber: Wann haben Sie mit Sicherheit erfahren, daß sie tot sind?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But this was just the opinion of this man. He said: »When Doctor Lucas was at the station, you can be sure that your mother and your brother and sister are dead.« But this was just his opinion. When did you know exactly they were dead?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, he said, by that night they took them away. They took those people away, right away, the ones that were at the left. And he said by that night they'll be killed. Because they were small children and older women. But my mother wasn't old.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er sagte, am Abend würden Sie getötet werden. Sie würden am Abend wegkommen, und zwar deshalb, weil es Kinder, kleine Kinder waren und alte Leute. Meine Mutter war aber nicht alt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Und Sie haben nachher überhaupt nichts mehr erfahren über das Schicksal Ihrer Angehörigen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And did you hear anything what they became afterwards? Did you hear anything of them?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes. The lady, that bad lady that I told you about – there was two ladies [...] that watched over me in the kitchen –, the bad lady never let me forget. Every day she told me: »You see, your mother and children went over there.« We could see the smoke, you know, from the kitchen. She says: »You see, your mother and children are there. Tomorrow is your turn.« Every day she used to tell me that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja. Daran wurde ich tagtäglich erinnert, denn diese böse SS-Frau in der Küche, von der ich schon sprach, erinnerte mich tagtäglich daran. Sie zeigte mir den Rauch, den man von der Küche aus sehen konnte, und sagte: »Da sind deine Mutter und deine Geschwister, und morgen bist du dran.«

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich darf die Zeugin darauf aufmerksam machen, daß nach der Information, die sie ihrem Anwalt in USA gegeben hat und die er am 31. Januar [1964] dem Generalstaatsanwalt in Frankfurt [...] mitteilte, es sich ergibt, daß die Zeugin gesagt hat: »Noch am selben Tag erfuhr sie von einer SS-Frau«, also an demselben Tag, wo sie eingeliefert wurde, »daß ihre Familie umgebracht worden sei.«6

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But you said to your lawyer, and your lawyer told us by the 31st January of 1964 that the very day an SS-woman , an SS-lady told you, that your mother and your brother and sister were killed. The same day.

 

Zeugin Helen Goldmann:

That was that man in the shower room that very day that told me. But the woman, that was when I've started working in the kitchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Dieser Mann, der mich aus dem Duschraum rausholte, hat mir das gesagt. Die SS-Frau, von der ich sprach, hat es mir erst später gesagt, als ich nämlich in der Küche arbeitete. Denn sie beaufsichtigte mich ja in der Küche.

 

Verteidiger Aschenauer:

Welche Nummer haben Sie in Auschwitz bekommen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What was your number in Auschwitz?

 

Zeugin Helen Goldmann:

A-12.010. At the time when Doctor Lucas was there. I think these were less numbers.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Das war zur Zeit von Doktor Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe die Nummer nicht recht verstanden.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Could you repeat the number? [...]

 

Zeugin Helen Goldmann:

A, dash, 12.010.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

12.010.

 

Vorsitzender Richter:

12.010. Stimmt das?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

This is the number?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja. I translated correctly?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Die Frau Dolmetscherin Schmidt-Ott hat aber einen Satz nicht mit übersetzt, den die Frau Zeugin gesagt hat, nachdem sie die Nummer zum ersten Mal zitiert hatte. Sie hat nämlich dazu gesagt, wenn ich es recht verstanden [+ habe]: »Das war in der Zeit, als Doktor Lucas da war.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Habe ich gesagt, ja. Habe ich eben übersetzt.

 

Verteidiger Eggert:

Gut, dann habe ich es nicht gehört. Entschuldigung. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Moment meine Herrschaften. Wie war jetzt die Nummer? Darf ich die noch mal genau wissen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

A-12.010.

 

Vorsitzender Richter:

A-12.010?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Can I say something [...] to you, and you should tell them?

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Aschenauer.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

[unverständlich] alright. Ja.

 

Zeugin Helen Goldmann:

There were two other girls there, one had the same number but eight, and one had nine, right after me. They saw the whole thing but I do not know where they live now. They got married. I tried to find them.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

They are married or you don't know whether they are married?

 

Zeugin Helen Goldmann:

They are married and I don't know where they live. I can't locate them

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was sind das für Unterhaltungen? Was sagt die Zeugin?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die Zeugin sagt, daß zwei ihrer Kameradinnen das bezeugen könnten. Und zwar haben die die Nummer 12.810 und 12.910. Aber sie hält nach ihnen Ausschau, weiß aber nicht, ob sie jetzt inzwischen geheiratet haben. Und sie hat sie bis jetzt noch nicht rausgefunden.

 

Vorsitzender Richter:

Und was sollen diese beiden Zeuginnen denn bezeugen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And what can they witness, these two girls?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, they were at the station with me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Sie waren mit mir auf dem Bahnhof. Bei der Ankunft.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And one of the girls worked with me in the kitchen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und eines der Mädchen arbeitete auch mit mir in der Küche.

 

Vorsitzender Richter:

Ich hätte jetzt noch eins festzustellen: Am ersten Tag, als Sie da in dem Waschraum waren und dieser Mann auf Sie zukam, war das auch schon in dem Lager c, wo Sie nachher drin waren?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Your first day in the shower room when you met this Sir, as you told us. Was it already in this camp c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I don't think so. I wouldn't know for sure because they transferred us when they took us to the kitchen to another place.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann das nicht mit genauer Sicherheit sagen, denn danach kamen wir ja in die Küche, und da wurden wir irgendwo anders hingetan. Und ich weiß nicht, ob dies auch schon Lager c war, bin dessen nicht sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen es nicht.

 

Zeugin Helen Goldmann:

There were lots of Lagers one by the other.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Da kam eben ein Lager neben dem anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Und habe ich Sie richtig verstanden, wenn Sie uns heute morgen gesagt haben, dieser Mann sei von dem Krematoriumskommando gewesen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And have I been right when I understood this morning that you said this man was of the Krematorium?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also wir haben bisher von allen Zeugen gehört, daß die Mitglieder des Krematoriumskommandos überhaupt nirgends hingehen durften. Sie durften noch nicht mal in dem Lager, in dem sie sich befanden, außerhalb ihres Blockes mit anderen Häftlingen zusammenkommen. Mich wundert es deshalb, daß dieser Mann sogar in ein Frauenlager gehen durfte.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But we are told that the soldiers of the Krematorium were not allowed to leave their block and not allowed to mix. And so I'm very surprised that this man was even allowed to enter a woman's shower room.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

This wasn't a soldier, this was a man, a prisoner like we were.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Es war kein Soldat, es war ein Gefangener wie wir auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, grade deshalb.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But especially because of this.

 

Zeugin Helen Goldmann:

He was there. He was the only one. And I had real big marks here. And that's the only one that was there, the only man, no other man.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Er war der einzige Mann weit und breit, und er war da, und ich hatte ja diese Striemen hinten, von denen ich schon erzählte.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Bitte schön, Herr Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Frau Zeugin, haben Sie außer der Durchsicht der Zeitung und außer dem Besuch von Wochenschauen und so weiter irgendwelche anderen Schritte eingeleitet nach dem Krieg, um den Aufenthalt und das Schicksal des Doktor Lucas zu erfahren? Haben Sie insbesondere eine Strafanzeige erstattet oder sich etwa mit dem Auschwitz-Komitee oder mit der URO oder mit früheren Mithäftlingen in Verbindung gesetzt, um zu erfahren, wo Doktor Lucas hingekommen ist?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you try by other means apart from newspapers and newsreels to make out Doctor Lucas? For instance, did you ask for his punishment in court or did you contact the Auschwitz committee? – Und was war das dritte? Die URO? [...]

 

Verteidiger Eggert:

United Restitution Organisation.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you contact the URO?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I didn't know whom to contact. That's why I was just looking in the paper if I would find... Because I always saw some names, you see, but I never recognized anybody till I saw Doctor Lucas' name.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich wußte nicht recht, an wen ich mich wenden sollte. Deswegen habe ich also in den Zeitungen nachgeschaut. Und da fand ich immer einige Namen, nur eben sehr lange nicht den Namen des Doktor Lucas.

 

Verteidiger Eggert:

In welchem Zusammenhang haben Sie die anderen Namen gefunden?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In which context did you meet the other names you cared

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

In the newspaper.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Well but in what context?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well I read the newspaper, they wrote stories about it, and that they were looking for them or they were catching them or something like that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, es waren also immer Berichte, daß man diese oder jene Leute suchte und daß man diesen oder jenen erwischt und gekriegt hätte oder so etwas.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And then in the »Jewish Floridian«, that's the entire Defamation League that fights for the... There is a Jewish newspaper where they are trying to find all these people.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und in einer jüdischen Zeitung, die sich besonders bemüht, alle diese Leute aufzustöbern.

 

Verteidiger Eggert:

Wie heißt diese Zeitung?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What is the name of this

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

»Jewish Floridian«.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

»Jewish Floridian«.

 

Verteidiger Eggert:

Darf ich das zweite Wort noch mal hören, so gut Englisch kann ich nicht.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Could you please spell the second word? »Jewish«, and then?

 

Zeugin Helen Goldmann:

»Floridian«, Florida, »Floridian«.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Oh, »Floridian«.

 

Verteidiger Eggert:

Ah ja.

 

Zeugin Helen Goldmann:

As a matter of fact that's where I found Doctor Lucas's name. There were all the names there, of 22 people.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Da waren die Namen von 22 Angeklagten, und da fand ich auch den Namen von Doktor Lucas.

 

Verteidiger Eggert:

Sehr richtig, aber das, was Sie vorhin erzählt haben, Frau Zeugin, bezog sich doch auf die Zeit, ehe die 22 Namen in der Zeitung aufgetaucht sind.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But what you told us before was before you met these 22 names.

 

Zeugin Helen Goldmann:

I was looking, yes, but I couldn't find them.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, ich habe aber auch vorher eben schon nachgeschaut, aber da konnte ich halt nichts finden.

 

Verteidiger Eggert:

Gut. Jetzt muß ich noch mal auf den einen Nachsatz zurückkommen, den ich vorhin in der Übersetzung überhört hatte. Frau Zeugin, hatten Sie einen besonderen Grund, vorhin den Satz zuzufügen: »Das war in der Zeit, als Doktor Lucas da war«?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was there any special reason you just said: »This was at the time when Doctor Lucas was there«? Did you say this for any special

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

No. As soon as I saw his name I screamed out to my husband, I said: »Honey«– you know, how you call him – I say: »This is the man that I'm looking for.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, ich kann nur sagen, sowie ich über den Namen fiel, sagte ich sofort zu meinem Mann: »Das ist der, den wir suchen.«

 

Verteidiger Eggert:

Das ist aber nicht die Antwort auf meine Frage. Ich habe gefragt, ob die Zeugin vorhin, vor wenigen Minuten, einen besonderen Grund hatte zuzufügen: »Die Nummer stammt aus der Zeit, als Doktor Lucas da war.«

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But was there any special reason – just when you showed us the number – that you said: »This was at the time when Doctor Lucas was there?« Your number on your arm.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, because I know what month they made it.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ich weiß den Monat, in dem das gemacht wurde.

 

Verteidiger Eggert:

Entschuldigung, die Nummer, der Monat und der Doktor Lucas müssen doch durch eine gemeinsame Klammer in der Erinnerung der Zeugin verbunden sein, und ich möchte diese Klammer erfahren.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But is there any connection between the number, the month it was made and Doctor Lucas?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, Doctor Lucas was there at the time when they made it, because I came at that time. I came to Auschwitz in May, around the end of May or middle May, I don't remember exactly. And that's when they made these number.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es war nur so: Als die Nummer gemacht wurde oder in meinen Arm gebrannt wurde, war eben Doktor Lucas da. Es war in der Zeit, als er da war und als ich da war. Ich bin eben Mitte oder Ende Mai, das weiß ich nicht mehr genau, gekommen, und dann wurde das gemacht.

 

Verteidiger Eggert:

Hat sie sich vor ihrer heutigen Aussage bei dritten Personen darüber vergewissert, ob die Nummer aus der Zeit stammen kann, in der Doktor Lucas im Lager war?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Have you asked other persons whether it's possible that the number was made when Doctor Lucas was in the camp?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Never. Swear to God. No.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein. Ich schwöre es, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, Sie haben vorhin gesagt, daß Sie fünf bis sechs Monate in der Küche waren

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

You said you were five or six months in the kitchen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie haben weiter gesagt, daß Sie während dieser Zeit zwei Wochen an Typhus erkrankt waren und daß eine SS-Frau Sie während dieser Zeit in einer anderen Baracke versteckt hätte.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ja.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Did you understand?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, I understood. [...] There were two, one was a bad one and one was a good one, maybe he misunderstood that.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die Zeugin vermutet, daß Sie vielleicht mißverstanden haben, daß in der Küche eben zwei waren. Eine nette SS-Frau

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Ja, richtig, richtig, die nette war das natürlich. Aber die hat sie versteckt in einer anderen Baracke?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie haben heute morgen auf die ausdrückliche Frage des Herrn Vorsitzenden gesagt, Sie könnten nicht sagen, was für Menschen sonst im Lager c gewesen seien, denn sie, das Küchenpersonal, seien völlig isoliert gewesen in einer Baracke.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

This morning you told us you didn't contact any other people and you couldn't know who else was in the camp c, because you were not allowed to go out.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, these two people were always with us in the kitchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die waren immer bei uns in der Küche, diese beiden SS-Frauen.

 

Zeugin Helen Goldmann:

They were »Wache«.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nein. Sie haben doch in einer Baracke im Lager c gewohnt? [...]

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ich habe keine Person gesehen. Sie hat mich versteckt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nein, in den fünf bis sechs Monaten. Ich meine nicht die zwei Wochen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

During the five or six months you were in the camp c, in the barrack.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, and we had one barrack for the girls that worked in the kitchen, and we were not allowed to mix with the other girls.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die Küchenmädchen waren alle in einer Baracke, und es war verboten, mit den anderen Mädchen zusammenzukommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und in den vierzehn Tagen, wo Sie versteckt waren, in welcher Baracke waren Sie da versteckt?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And in which barrack where you, when this SS- lady did hide you?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Next door. It was empty, but she took me out at night somewhere else. It was empty, that one.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Next to the kitchen or next to your

 

Zeugin Helen Goldmann [unterbricht]:

Next to my barrack.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Next barrack?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Neben ihrer Baracke war eine leere, und da wurde sie

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die war leer? [...]

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And in the night they took you out there?

 

Zeugin Helen Goldmann:

She took me out.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Und nachts wurde sie dort rausgeholt.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And she put me back with my roommate in my Lager, so they wouldn't miss me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nachts wurde sie rausgeholt und wurde wieder zu den anderen Mädchen in ihre normale Baracke gesteckt, damit man sie nicht vermißte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

In die normale Küchenbaracke?

 

Vorsitzender Richter:

Nicht Küchenbaracke, Wohnbaracke. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wohnbaracke, ja.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Because there was Zählappell.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Da war Zählappell, und da sollte sie nicht vermißt werden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Jetzt schauen Sie doch bitte mal den Plan da an.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Can you look at this map?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Können Sie uns zeigen, wo da die Küche selbst war?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Could you show us the kitchen?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I don't know anything about plans.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich verstehe mich gar nicht auf Pläne.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sehen das Lager c?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I see the crematorium.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich sehe das Krematorium.

 

Zeugin Helen Goldmann:

The Küche was right across, I could see the chimneys from the crematoriums.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Die Küche lag genau gegenüber dem Kematorium, denn ich sah die Schornsteine aus der Küche.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sehen Sie mal das c da. [...] War das die Küchenbaracke?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was this the kitchen? [...]

 

Zeugin Helen Goldmann:

Oh, I couldn't tell you.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Der lange Bau beim c.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes. I couldn't tell you exactly which barrack, if it was this side or that side. I couldn't tell you that. It's been 20 years.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es ist 20 Jahre her. Ich weiß nun wirklich nicht mehr, auf welcher Seite das war.

 

Zeugin Helen Goldmann:

But if they would look up my records they'd see that I was in the kitchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

What records? What do you mean?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, I don't know, maybe they have records, Red Cross or somebody, that I worked in the kitchen. And I worked there.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Vielleicht gibt es ja irgendwelche Unterlagen oder Papiere, woraus hervorgeht, daß

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Nein, es dreht sich darum – wir wissen es doch ungefähr: Ich will wissen, an was die Zeugin sich erinnert.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Ich kann mich nicht auf [unverständlich] [...] I know one thing: From the kitchen I could see the chimneys and the smoke and it was stinking all day long from human flesh.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Von der Küche aus konnte ich die Schornsteine sehen, das weiß ich genau. Und es rauchte und roch den ganzen Tag nach Fleisch.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wie weit waren Sie denn von der Küche entfernt nachts untergebracht?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Nicht so weit.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

It was not far away?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Not too far, no.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Wie viele Baracken waren dazwischen? War das die erste Baracke gleich?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Was this the first barrack or how many barracks were between?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I couldn't remember exactly, I don't want to lie. So I can't remember exactly.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich kann mich nicht genau erinnern, ich möchte hier auch nicht lügen. Ich weiß es nicht mehr genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und hatten Sie in Ihrer Baracke auch eine Barackenälteste, eine Gefangene, die für die Ordnung zu sorgen hatte? [...] In der Baracke, wo Sie wohnten?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

In your barrack, was there any of the girls responsible for the others? Sort of Barackenälteste?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, we were all together – no, there wasn't anybody special.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, niemand besonderes. [...]

 

Zeugin Helen Goldmann:

That woman just came in to look after me.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, diese Frau kam eben manchmal rein, um sich um mich zu bekümmern, nach mir zu schauen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nein, ich meine in der Zeit, wo Sie zusammen in einer Baracke schliefen, die ganzen Küchenmädchen.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But among the girls, was there anyone responsible for the others or any special sort of leader?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, I guess you mean like a Blockälteste?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Yes, something like that.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Something like that. There was somebody, but I don't remember who.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, da war jemand, aber an sie kann ich mich auch nicht mehr erinnern.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nicht erinnern.

 

Zeugin Helen Goldmann:

But we never had trouble.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Es gab niemals Krach und Schwierigkeiten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nun, wenn Sie auf den Plan gucken, da sehen Sie, daß zwischen den einzelnen Baracken kein Draht und nichts ist, so war es auch in Wirklichkeit.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Look at the plan. There's no wire between the barracks.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da ist es ja nun schwer verständlich, wenn Sie uns sagen, Sie haben mit Ihren andern Leidensgefährten in den anderen Baracken niemals Fühlung aufnehmen können.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And how is it possible, that you never could contact the other inhabitants of the other barracks when there was no wire between them.

 

Zeugin Helen Goldmann:

No, we weren't allowed. We were afraid of the SS-men. We weren't allowed.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Wir hatten Angst vor den SS-Leuten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Waren denn SS-Männer in dem Lager abends drin?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

But in the evening, were there SS-men, SS-soldiers?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Not men, the women.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Nein, Frauen. SS-Frauen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Eggert:

Frau Zeugin, wußte die – ich will sie mal die gute SS-Frau nennen – von ihrer Typhuserkrankung?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sie hat sie doch versteckt.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

The nice SS-lady , [...] did she know of your typhoid fever?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Die Frage ist beantwortet.

 

Zeugin Helen Goldmann:

Yes, because she knew what to bring me. She brought me the right medicine and food and everything.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja natürlich, denn sie brachte mir die richtigen Medikamente. [...]

 

Verteidiger Eggert:

Und zwar die richtigen Medikamente für eine Typhuserkrankung?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

This means the right medicaments for typhoid fever, especially for thyphoid fever?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Right, you're right. She knew exactly – she must have been a nurse before or something, because she brought exactly what I needed.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, sie brachte mir genau das, dessen ich bedurfte, und sie ist vielleicht früher Krankenschwester gewesen. Jedenfalls wußte sie genau, was ich brauchte.

 

Verteidiger Eggert:

Und sie hat Sie trotzdem in der Küche weiter arbeiten lassen?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

And in spite of all that she made you continue your work in the kitchen?

 

Zeugin Helen Goldmann:

I was out two weeks, I said.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ich war ja zwei Wochen draußen, das habe ich ja gesagt.

 

Zeugin Helen Goldmann:

And she was afraid later. So as soon as I felt just a little bit better she brought me those shoes and she made me go back. And if she was in the kitchen she tried to help me out so I wouldn't work so hard till I get back on my feet.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Sie hatte natürlich auch Angst und brachte mich eben, sowie es mir besser ging, nach zwei Wochen wieder in die Küche rein und besorgte mir da diese Holzschuhe und schonte mich auch sonst, daß ich nicht zu hart arbeiten brauchte.

 

Verteidiger Eggert:

Danke.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich noch eine Frage stellen, Herr Vorsitzender?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wissen Sie den Grund, warum Sie mit den anderen Häftlingen keinen Kontakt aufnehmen sollten?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Do you know for what reason you were not allowed to contact the other prisoners?

 

Zeugin Helen Goldmann:

Well, the rumour that we heard is, because we shouldn't catch any disease from the others, because the SS-women were watching over us. And they shouldn't catch it from us.

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Ja, wir sollten vermutlich keine ansteckende Krankheit bekommen, denn die SS-Frauen paßten ja nun ihrerseits wieder auf uns auf, und sonst hätten die es ja von uns bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Lucas, haben Sie noch eine Frage oder eine Erklärung?

 

Dolmetscherin Schmidt-Ott:

Doctor Lucas has something to say?

 

Angeklagter Lucas:

[Pause] Ja, nach meiner Ablösung aus

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.06.1964, Schreiben von Rechtsanwalt Harry L. Bassett, Miami, Fl., vom 20.02.1964, an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 99.

2. BIIc.

3. Kaufering VII, Außenlager des KZ Dachau.

4. Vgl. Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.06.1964, Schreiben von Rechtsanwalt Harry L. Bassett, Miami, Fl., vom 20.02.1964, an die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 99.

5. Die Zeugin Goldmann »erkannte aus den Reihen der Angeklagten Dr. Lucas wieder«. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 03.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102, Bl. 658.

6. Vgl. Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.06.1964, Schreiben von Rechtsanwalt Harry L. Bassett, Miami, Fl., vom 31.01.1964, an den Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 99.

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X