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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

53. Verhandlungstag, 8.6.1964

 

Vernehmung des Zeugen Imrich Gönczi

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wir müssen das ja nicht sofort entscheiden, und wir wollen jetzt zunächst einmal den Herrn Gönczi hereinbitten. [Pause] Herr Gönczi, bitte nehmen Sie Platz. Sind Sie der deutschen Sprache mächtig?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich spreche Deutsch, aber jedenfalls möchte ich gern einen Dolmetscher haben, der im Falle, daß mir irgendein Wort fehlen wird, helfen soll.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Stegmann, sind Sie bereit, hier als Dolmetscher tätig zu werden?

 

Dolmetscher Stegmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Stegmann, sind Sie bereits ein für allemal beeidigt?

 

Dolmetscher Stegmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Beim Oberlandesgericht?

 

Dolmetscher Stegmann:

Beim Oberlandesgericht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wollen Ihre Übertragung unter Bezugnahme auf diesen ein für allemal geleisteten Eid vornehmen?

 

Dolmetscher Stegmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nehmen Sie ins Protokoll auf – Ihre Personalien? Bitte nehmen Sie Platz. Ihre Personalien, Herr Stegmann?

 

Dolmetscher Stegmann:

Herr Doktor Otto Stegmann, Rechtsanwalt, Frankfurt/Main. Geburtsdatum, ja?

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt?

 

Dolmetscher Stegmann:

Mein Alter? 64.

 

Vorsitzender Richter:

Verheiratet?

 

Dolmetscher Stegmann:

Verheiratet.

 

Vorsitzender Richter:

Rechtsanwalt in Frankfurt?

 

Dolmetscher Stegmann:

Frankfurt.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht verwandt und nicht verschwägert

 

Dolmetscher Stegmann [unterbricht]:

Nicht verschwägert.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Angeklagten. »Erklärt, daß er unter Bezugnahme, auf den von ihm ein für allemal geleisteten Eid seine Übertragung vornehmen werde.«1 Zunächst, Herr Gönczi – wie sprechen Sie sich aus? [...]

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Gönczi. Das ist ein ungarischer Name.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Gönczi. Mit Vornamen?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Imrich. Emmerich, Imrich.

 

Vorsitzender Richter:

Ich muß Sie zunächst darauf hinweisen, daß Sie hier als Zeuge vernommen werden sollen, und muß Sie auffordern, Ihre Aussage unbedingt der Wahrheit gemäß zu machen.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Eid, den Sie nachher leisten müssen, bezieht sich auch auf Ihre Personalien, also auf die Angaben über Ihre Person. Und ich muß Sie meiner Pflicht gemäß auf die Bedeutung und die Wichtigkeit dieses Eides aufmerksam machen und Sie vor den Strafen des Meineids verwarnen.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Gönczi, Imrich mit Vornamen, wie alt sind Sie?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich bin 25 geboren, 19. April 1925.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und dann sind Sie jetzt?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

39.

 

Vorsitzender Richter:

39 Jahre alt. Verheiratet?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dentist von Beruf?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wohnen in?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Teplice.

 

Vorsitzender Richter:

In Teplitz.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Teplitz-Schönau.

 

Vorsitzender Richter:

Schönau. Und sind nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein. Gott sei Dank.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Gönczi, Sie sind einmal vernommen worden, und zwar von dem Senatsvorsitzenden Vevera, Karel in Teplitz am 19. August 1961, ja?2

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt das? Herr Gönczi, Sie waren ebenfalls im Konzentrationslager Auschwitz?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind hingekommen wann?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Wir sind, 400 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Lublin-Majdanek, wo wir ausgesucht wurden als Landwirte, im Juni 42 nach Auschwitz gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dort geblieben bis?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Bis zur Evakuierung, den 18. Januar 45.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie waren in dieser Zeit in welchen Haupt- und Nebenlagern?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Wie wir nach Auschwitz kamen, wurden wir überhaupt nicht zur Landwirtschaft zugeteilt, sondern wir wurden zum Kommando Buna, das war das Kommando IG Farben, zugeteilt, und dort haben wir gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und waren Sie die ganze Zeit in Buna?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, sondern?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Es war so: Wir sind damals schon zeitig in der Früh aufgeweckt worden, so um drei Uhr, denke ich, und wir sind marschiert, das Kommando. Dort haben wir solche Planierungsarbeiten, Vorbereitungen zu irgendeinem Bau, [+ gemacht]. Auf diesem Kommando habe ich mit meinem Vater gearbeitet. Eines Tages auf diesem Arbeitsplatz ist zu ihm ein SS-Mann gekommen, den ich nicht mit Namen kenne, es war ein Posten, hat die Mütze meines Vaters weggenommen und weggeschmissen. Und wie mein Vater sich die Mütze holen wollte, hat er ihn erschossen. Das war mein erster Eindruck von Auschwitz. Als ich zu diesem SS-Mann kam – ich war sehr jung noch, ich war 17, denke ich, 17 Jahre alt, ich dachte damals, daß mein Leben schon keinen Wert hat, weiter ohne meinen Vater zu leben –, sprang ich zu ihm, und er hat mich geschlagen und hat geschrien: »Dich erschieße ich nicht! Schade um die Kugel, du krepierst sowieso!« Und zur Strafe mußte ich dann abends nach der Arbeitsschicht mit meinen Kameraden meinen Vater von diesem Platz auf dem Rücken zurück ins Lager tragen. Ich mußte ihn auch aufheben von dem Platz, wo er erschossen wurde. Und noch warmes Blut habe ich an meinen Händen gespürt.

In diesem Kommando blieb ich dann so circa bis November 42, als ich einen Unfall erlitten habe, und zwar beim Zementabladen. Da habe ich mir die Finger in die Waggontüre eingequetscht, und ich wurde dann im Hauptlager Auschwitz in den Häftlingskrankenbau eingeliefert. In diesem Häftlingskrankenbau – das war so gegen Ende des Jahres, so kommt es mir vor, November – hat man mir die Finger verbunden. Ich kam durch so eine kleine Selektion, die am 28. Block war. Ich wurde als Kranker erkannt, nicht als so einer, der zu liquidieren war. Und da habe ich schon Bekanntschaft gemacht mit den Kameraden am Block 21. Und dann als Rekonvaleszent habe ich dort als sogenannter Hilfspfleger gearbeitet. Das heißt, ich war ständig im Stamm des Kommandos Buna, wurde aber als Kranker im Krankenbau weitergeführt. Und [+ dort] habe ich als Rekonvaleszent die Funktion eines sogenannten Hilfspflegers [innegehabt]. Und bei dieser Gelegenheit als Hilfspfleger habe ich da Verschiedenes erlebt. Und auch in dieser Zeit – die Finger waren schon ziemlich verheilt –, das war, ganz genau weiß ich nicht, Ende des Jahres, gegen Weihnachten oder Anfang 43, da wurde ich einmal geschickt mit ein paar kranken Häftlingen, die am Block 28 ausgewählt waren – ich sollte sie begleiten. Ich habe sie begleitet vom Block 28 durch den Hof zwischen Block 20 und 21 in den Block 20. In diesem Block 20 – wenn man von diesem Hof reingekommen ist, links – war so ein kleiner Raum, der [war vielleicht] so zwei mal zwei Meter, ein kleiner Waschraum. Und mit noch einem Mithäftling habe ich die Menschen [+ dorthin gebracht], die sind dort geblieben. Der Mithäftling ging durch den Gang links in ein kleines Laboratorium, wo er den Tag [über] Dienst hatte [+ und] wohin der SS- Mann Klehr dann gekommen ist.

In diesem kleinen Raum haben sich die Kranken ausgezogen. Wir haben ihnen mit Tintenblei auf die Brust die Häftlingsnummer [schreiben müssen,] und ich mußte diese – einen nach dem anderen, das heißt immer einen – durch den Gang nach links führen. Auf diesem Gang zwischen dem genannten Laboratorium und diesem Waschraum war so ein Vorhang aus einem dunkelroten, bordeauxroten undurchsichtigen Tuch. Und da mit diesem Tuch war er geteilt. Und ich führte diesen Kranken in den kleinen Raum, in das Laboratorium, welches ganz in der Ecke der Gebäude war. Das heißt, vor der Straße war ein Fenster, und zum Nachbarblock, Block 19, war das zweite Fenster. Also in diesem kleinen Raum waren zwei Fenster. So beim Eingang, wie ich reinkam, war ein Fenster links und ein Fenster vis-à-vis der Tür. Zwischen den zwei Fenstern war ein Tisch, und neben dem Tisch stand der SS-Mann Klehr. Dort war ein Stuhl vorbereitet, und der Mithäftling, der dort Dienst hatte, hat [+ denjenigen] hingesetzt, den ich begleitet habe. Und der SS-Mann Klehr, in weißem Mantel gekleidet als Arzt, ist zu dem gekommen – der Mithäftling hat ihn gehalten – und hat ihm direkt in das Herz eine Injektion gespritzt. Der Kranke war sofort tot, es hatte nicht lange gedauert. Nach dem Einstechen hat er nur so einen Ton, so ein Ausatmen, [+ von sich] gegeben. Dann haben wir ihn genommen und durch die Türe, durch den Gang. Vis-à-vis war ein Badezimmer, so Duschen waren dort, dort haben wir die Leiche auf den Boden gelegt. Und so mußte ich alle die Ausgewählten begleiten, und der SS-Mann Klehr hat sie alle nacheinander durch die Injektion getötet.

Abends dann haben wir vom Krematorium einen Wagen geholt, und die Leichen haben wir in diesen Wagen – das war so ein Rollwagen, der hatte ziemlich hohe Bretter, solche hohen Bretterseiten. Da haben wir so mit der Rückseite des Wagens zu den Treppen – das waren drei oder vier Treppen – an den Eingang zum Block den Wagen gestellt. Und [+ dann] haben wir die Leichen eingeladen und ins Krematorium gebracht, dort von dem Wagen heruntergeworfen. Wir haben den Betonboden, der dort war, naß gemacht, denn wir haben nicht soviel Kraft gehabt, die Leichen zu tragen, sondern wir haben den Leichen so einen Riemen, eine Schlinge um die Hand gegeben, und so haben wir sie über den nassen Betonboden in einen Raum gebracht, wo die Leichen dann aufgestapelt wurden. Das habe ich erlebt, so ein Ereignis, zwei Mal. Zweimal war ich persönlich dabei, wie der Klehr Menschen so getötet hat. Später habe ich noch gehört, daß er das weitermacht und daß andere SS-Männer in dem Range eines SDGs dasselbe tun. Persönlich habe ich das nicht gesehen. Leichen habe ich mehrmals mit dem Rollwagen ins Krematorium geschafft. Also das war die graue Zeit, die ich Ende des Jahres 42 oder Anfang des Jahres 43 erlebt habe.

Die Mithäftlinge haben mich noch weiter im Spital gelassen, im Krankenbau. Ständig wurde ich als Kranker in der Kartothek geführt. Und einmal bei einer Selektion wurden Häftlinge vom Krankenbau auch so selektiert, daß der SS-Mann sie nicht einmal sehen wollte. Er hat nur die Karteikarten genommen, und durch die Karten hat er bestimmt, wer dann zu vergasen oder zu einem anderen Tod verurteilt war. Und in dieser Zeit war meine Karte auch [dabei]. Und der Mithäftling – ich kann mich nicht genau an den Namen erinnern, er war Blockältester am Block 21, so einen italienischen Namen, de Martini, denke ich –, der hat mich damals gerettet. Und ich kam nicht dorthin, wohin die anderen kamen. Aber er hat mir gesagt: »Jetzt mußt du abhauen vom Revier, weil ich kann dich nicht weiter retten.« So kam ich zurück nach Buna.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Arbeiten, ja.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Zum Arbeiten nach Buna. Dort war ich dann circa bis Sommer 43, und von dort haben mich die Kameraden vom Krankenbau – wie sagt man es?

 

Vorsitzender Richter:

Angefordert?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Angefordert zu einem neuen Kommando, das sich gebildet hat. Und das war das Kommando Hygiene-Institut der Waffen-SS, wo der SS-Mann Doktor Weber der Chef war. Da war der Untersturmführer Doktor Münch, der, wie ich gelesen habe in der Zeitung, hier als Zeuge ausgesagt hat. Das war ein besonderer Fall, daß das erste Laboratorium in diesem Kommando im Block 10 in Auschwitz war. Block 10, das war der Versuchsblock, wo der Professor Clauberg die Versuche mit Frauen gemacht hat. Am Ende dieses Blockes, da war so ein langer Gang. Ganz am Ende rechts war ein improvisiertes Laboratorium, bis man das definitive Laboratorium in Rajsko eingerichtet hat. In diesem kleinen Laboratorium habe ich angefangen zu arbeiten als bakteriologischer Laborant. Und hier – das war besonders – waren die Fenster mit Brettern [zugenagelt], damit die Umgebung nicht in den Block reinsehen soll und die Insassen nicht heraussehen sollen. Das Laboratorium war zwischen Block 11 und Block 10. Und ich kann mich erinnern, daß ich durch die...

 

Vorsitzender Richter:

Ritzen. [...] Die Spalten, durch die Ritzen.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Durch die Spalten habe ich gesehen, wie Menschen bei der Wand am Block 11 erschossen wurden. Leider, leider kann ich mich nicht ganz genau erinnern, wer der SS-Mann war oder die SS-Männer, die das dort gemacht haben. Ich habe nur gesehen, wie nackt ausgezogene Häftlinge an die Wand gestellt wurden und von hinten erschossen. Ich kann mich auch erinnern, daß der Schuß nie geknallt hat, so wie man mit einem Gewehr schießt. Sondern es war nur so leise.

Später wurden wir von diesem Block 10 in das Kommando Hygiene in das Dorf Rajsko [verlegt]. Wir wohnten nicht dort, sondern jeden Tag sind wir in das Kommando marschiert. Hier habe ich ein kleines Laboratorium gehabt. Das hieß Nährbodenküche. Und in diese Nährbodenküche hat mir der SS-Mann Fugger jede Woche aus Krakau in einem Koffer Fleisch gebracht. Es war Rindfleisch oder Pferdefleisch. Es konnte so 15 Kilo wiegen. Ich mußte das Fleisch zu kleinen Stücken zerkleinern, und in Erlenmeyerkolben – das sind solche Glasflaschen – habe ich es gekocht. Die Brühe, die ich dann abfiltriert habe, die haben wir benutzt als Nährboden. Das hieß Bouillon. Und das Fleisch war der Abfall. Das Fleisch haben wir zwischen uns Kameraden verteilt und aufgegessen. Das war sehr gut für uns. Nur kam eines Tages der SS- Mann Zabel, und der hat mir in zwei solchen keramischen Eimern – das waren so, ich weiß nicht mehr...

 

Vorsitzender Richter:

Steinguttöpfe, ja.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Steintöpfe, die circa 15 Liter Inhalt haben, zwei voll mit Fleisch gebracht. Als ich das Fleisch in die Hand genommen habe, habe ich sofort gesehen, daß dieses Fleisch nicht von Vieh stammt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Krakau stammt, ja.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich nahm ein Stück dieses Fleisches und ging in das Laboratorium vis-à-vis, wo ein bekannter tschechischer Bakteriologe war: Professor Tomašek aus Brünn. Ich kam zu ihm und sage ihm: »Herr Professor, schauen Sie. Dieses Fleisch kann nicht von einem Rind oder von einem Pferd sein. Das sind doch kleine Stücke. Ich denke, daß es Menschenfleisch ist.« Und der Professor Tomašek sagt zu mir: »So [grausame] Mörder sind die nicht, daß die das Menschenfleisch«...

 

Vorsitzender Richter:

Menschenfleisch da herausschneiden, ja.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

»Für diese Zwecke bringen.« Aber als ich das Fleisch verarbeitet habe, wo auch zwei Stück Leber dabei waren, habe ich ein Stückchen Fleisch gefunden, wo die Haut in der Größe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Noch dran war, eines Pfennigstücks.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

So zwei mal ein Zentimeter war. Und da konnte man sofort sehen, daß das die Haut eines Menschen ist. Und seit diesem Tag haben wir gewußt – unser kleiner Kreis, denn wir haben Angst gehabt, davon zu sprechen –, daß ich in Wirklichkeit Menschenfleisch für bakteriologische Zwecke verarbeitet habe. Und ich habe circa ein halbes Jahr Menschenfleisch gekocht [anstelle der] Ration, die die SS-Männer bekommen haben, damit die selbst sich Beefsteaks und andere Sachen davon machen konnten. Also habe ich fast jede Woche diese zwei Gefäße voll mit Fleisch bekommen, worin Menschenleber war. Und das habe ich dort verarbeitet. Der Doktor Münch könnte bestimmt über diese Ereignisse dort viel Näheres sagen, denn ich weiß nicht, von wo das Fleisch stammte. Ob die Menschen wegen dieses Fleisches getötet wurden oder ob es Menschen waren, die getötet wurden, und dann das Fleisch von ihnen genutzt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Gönczi, wir wollen noch mal zurückkommen auf das, was Sie uns von Klehr erzählt haben. Sie haben uns gesagt, es war Ende 1942 oder Anfang 1943, wo Sie zweimal die Leute von Block 28 auf 20 geführt haben und dann in Block 20 dorthin geführt haben.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich da nicht irren in der Zeit? War das bestimmt Ende 42/Anfang 43?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja. Ich bin überzeugt, denn es war sehr kurze Zeit, nachdem ich nach Auschwitz kam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Und wenn ich mir es überlege, den Tod meines Vaters, die Verletzung an der Hand und die Zeit der Ausheilung, dann mußte es in dieser Zeit gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind im Juni hingekommen, 42?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Juni. Dann sind Sie zuerst bei Buna tätig gewesen. Wie lange waren Sie dort ungefähr?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Circa bis November, so gegen Ende des Jahres.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich frage Sie deshalb so genau, weil der Angeklagte Klehr uns immer und immer wieder versichert, er sei bereits im Frühsommer – Mai oder Juni – 1942 aus dem Häftlingskrankenbau entlassen worden, so daß er das gar nicht gemacht haben könne, weil er nichts mehr damit zu tun gehabt habe.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Das ist nicht richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht wahr in Ihrer Meinung. Sondern Sie wissen bestimmt, daß es Klehr war.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich weiß es bestimmt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben ihn dort zur Genüge kennengelernt. Eine Verwechslung in der Person ist nicht möglich.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wieviel Leute waren das, die damals getötet worden sind, die Sie bei diesen beiden Malen herübergeführt haben?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

So 15, denn dieser Raum war ziemlich klein. Und [es war] voll, mehrere konnten vielleicht überhaupt nicht reinkommen. So gegen 15.

 

Vorsitzender Richter:

Jeweils? Also zweimal 15, sind etwa 30.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren es bestimmt jedesmal mehr als fünf?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Nun, das war das eine. Womit Klehr damals die Leute »abgespritzt« hat, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Na, es war ein Desinfektionsmittel.

 

Vorsitzender Richter:

Roch es nach Karbol? [...]

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Phenol, Karbol [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie einmal gesagt haben: Lysol.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja das war [ein Irrtum] bei dem Diktat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Frau Kapkajew, ich glaube, wir brauchen Sie nicht mehr. Sie sehen, es geht ganz gut so. Ich danke schön. Nun, das waren also diese beiden Erlebnisse, die Sie da hatten auf dem Block 20. Und Sie haben bei Ihrer Vernehmung früher einmal gesagt: »Wieviel Personen Klehr so tötete, weiß ich nicht, aber ich kann sagen, soweit ich das selbst gesehen habe, waren es Zehner.« Was wollten Sie damit sagen?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Na, daß es mehr als

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Über 10, 20, 30, so in dieser Gruppe war

 

Zeuge Imrich Gönczi [unterbricht]:

In diesem Sinne meinte ich es.

 

Vorsitzender Richter:

Oder wollten Sie sagen: Es waren über zehn, nämlich von 11 bis 20?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein. Ich meinte in dem Sinne: 10, 20, 30.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie bitte, haben Sie dort in dem Lazarett auch erlebt, daß Selektionen stattgefunden haben?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, was ich darunter verstehe?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja, daß die Menschen ausgewählt wurden...

 

Vorsitzender Richter:

Zur Tötung.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Zur Tötung.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst einmal, wo kamen denn diese Leute her, die Sie da rübergeführt haben von 28 auf 20?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Das waren meistens Menschen, die sich als krank gemeldet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Die sogenannten Arztvorsteller?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja, die haben sich am Block 28 gemeldet entweder mit irgendeinem Schmerz und daß sie wollten geheilt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das waren also nicht solche, die schon aufgenommen waren in den Häftlingskrankenbau?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein, diese Fälle waren die, die sich dort gemeldet haben.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sondern das waren solche, die sich vorgestellt hatten, ja. Und wer hat nun diese Leute ausgewählt, daß sie nämlich da hinübergehen mußten? Sie sind ja nicht alle hinübergegangen.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein. Aber da haben verschiedene SS-Männer teilgenommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War da auch ein Arzt dabei?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Waren auch Ärzte dabei. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Immer?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein. Es sind auch SDGs gewesen, die das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ohne daß ein Arzt dabei war?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ohne daß ein Arzt dabei war.

 

Vorsitzender Richter:

Wie oft haben Sie das denn erlebt, daß die so ausgewählt worden sind?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich kann Ihnen das nicht ganz genau sagen. Aber es war einige Male. Denn ich war am Block 21 angestellt. Und uns hat man geschickt auf den Block 28 nur so gelegentlich zur Aushilfe. Aber meine Arbeitszuteilung war der 21. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, sagen Sie, haben Sie auch erlebt, daß der Angeklagte Klehr solche Auswahlen getroffen hat?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich habe es selbst nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht gesehen. Wer hat denn außerdem Selektionen durchgeführt? Oder wissen Sie etwas davon, daß außer diesen Leuten, die sich dem Arzt vorstellen wollten, auch noch andere Menschen, die im Krankenbau bereits aufgenommen waren und dort als Kranke lagen, zur Tötung ausgewählt worden sind?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja, das sind dann mehrere solche Fälle gewesen, wo SS-Männer gekommen sind und haben Selektionen gemacht. Dann mit Lastautos haben sie die Ausgewählten weggeschafft. Und so im Jahre 44, später in dem Hygiene-Institut, habe ich von Doktor Münch Injektionen bekommen, wo er irgendein Medikament probiert hat. Ich bin erkrankt und wurde vom Hygiene-Institut als krank im Block 20 hospitalisiert. Und ich kam dann nicht mehr wieder zurück zum Hygiene-Institut, sondern später, als ich schon ziemlich gesund war, da wurde ich aufgenommen als definitiver Pfleger, also nicht mehr als Hilfspfleger im Krankenstand, sondern als Beschäftigter, schon als Pfleger. Und damals, kann ich mich erinnern, war ich zugeteilt in so einem kleinen Zimmer. Das war die Typhus-Station, wo circa – eins, vier und vier, acht Betten zu drei – 25 Kranke waren. Und einmal kam der SS-Arzt Doktor Klein, und der ist dort aufgetreten in diesem Zimmer als so einer mit einer karitativen...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wohltätigen Geste.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Und er hat gesagt den Kranken, daß er sieht, daß sie sehr schlecht ausschauen, und selbstverständlich, er will ihnen helfen. Und daß er die Schwachen auswählen wird. Er wird sie ins Sanatorium schicken. Und an diesem Tag ist folgendes passiert: Einem Freund von mir – er war ein Arzt aus Holland, auch krank dort, aber schon ziemlich rekonvaleszent –, [als] er zum Klein kommen sollte, habe ich gesagt: »Du meldest dich schon gesund.« Und er war dann später [noch] böse auf mich, daß der SS-Mann ihn ins Sanatorium schicken [wollte], und ich habe ihm das verdorben. Und alle, die der Doktor Klein damals ins Sanatorium ausgewählt hat, wurden mit einem Lastauto weggeschickt, wahrscheinlich vergast.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wissen Sie auch, daß Klehr solche Auswahlen getroffen hat?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Vom Hören. Was ich bei den Mithäftlingen gehört habe, hat er auch solche Selektionen gemacht. Er hat sie gemacht am Block 28 und auch an den anderen Krankenblöcken.

 

Vorsitzender Richter:

Aber das haben Sie nur gehört, das können Sie aus eigener Wahrnehmung nicht sagen.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich habe ihn nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß denn dieser andere Häftling, der diese Leute festgehalten hat bei den Injektionen?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Einer hieß Weis. Er war beschäftigt am Block 28. Und an den kann ich mich gut erinnern, denn er – ich war nicht dabei damals – hat mir gesagt, daß er den eigenen Vater halten mußte, wie man ihm dort die Spritze gegeben hat. Und ich denke, auch damals, wie ich die Kranken geführt habe, hat er einmal dort Dienst gehabt. Mehrere unserer Mithäftlinge, die dort beschäftigt waren, haben die Kameraden dort hinführen müssen. Es war für uns schrecklich.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie noch eine Frage? Keine Fragen mehr des Gerichts? Nein? Die Staatsanwaltschaft? Der Herr Rechtsanwalt Ormond? Der Herr Rechtsanwalt Göllner?

 

Verteidiger Göllner:

Ich habe nur eine Frage: Herr Zeuge, bevor Sie diese Häftlinge vom Block 28 über den Hof nach Block 20 führten – haben Sie früher gesagt –, hatte der Lagerarzt Doktor Wirths sie in Klassen eingeteilt. Ist das richtig?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Das habe ich wirklich gesagt. Aber ich könnte nicht darauf schwören, daß das wirklich Wirths war. In meiner Erinnerung bei der Aussage ist so plötzlich der Name Wirths gekommen, der dort Chefarzt war. Und bestimmt wurden die Menschen durch einen SS-Mann dort ausgewählt. Es konnte ein anderer von den Ärzten sein, Doktor Entress oder Thilo oder irgendeiner von den SDGs.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Rechtsanwalt Göllner, er hat ausgesagt seinerzeit: »Ich erinnere mich, daß bei den Selektionen im Lager im Gefängniskrankenhaus außer Wirths und den übrigen SDGs auch einmal der SS-Mann Doktor Klein anwesend war« und so weiter. Er hat also offengelassen, wer da noch alles mitgewirkt hat, hat aber die SDGs ausdrücklich mitbenannt.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Direktor, ich meine den früheren Fall. Gleich im Eingang hat er das geschildert, wie er berichtet, daß er Pfleger im [Häftlingskrankenbau] wurde. Und dann schildert er – das habe ich also in diesem Zusammenhang erstmalig in den Akten gelesen –, daß der Doktor Wirths diese Arztvorsteller in Klassen einteilte. Dieses Wort »Klassen« habe ich da zum ersten Mal...

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Herr Rechtsanwalt, das hängt vielleicht an der Übersetzung, denn das ist ja ein übersetztes Stück, das Sie hier haben. Das Original ist ja Tschechisch. Und er wollte vielleicht zum Ausdruck bringen: Er hat selektiert. Was wir heute sagen, »selektiert«, hat der Übersetzer damals übersetzt als: »in Klassen eingeteilt«.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich kann dazu sagen, daß die Häftlinge in zwei Teile geteilt wurden, zur »Sonderbehandlung« und zur wirklichen sogenannten Behandlung. Denn die Behandlung war dort fast unmöglich, denn wir hatten dort keine Medikamente, kein Verbandmaterial und fast nicht.

 

Vorsitzender Richter:

So gut wie nichts.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Die Menschen waren – auch die zu behandeln waren –, waren auch leider zum Tode verurteilt. Nur durch Glück, durch Zufall und, ich kann nicht sagen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und eine gute Gesundheit. Nun sagen Sie bitte noch eins: Sie haben uns erzählt, daß auch zum Teil, ohne daß überhaupt die Häftlinge angeschaut wurden, die Krankenkarten oder die Karteikarten aussortiert wurden und je nachdem die Leute unter Umständen auch zu Tode gebracht wurden. War da der Angeklagte Klehr dabei?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich kann mich nicht genau erinnern. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie den Angeklagten Scherpe?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Den Namen habe ich gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber ob er sich daran beteiligt hat, wissen Sie auch nicht?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein, kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und kennen Sie einen Angeklagten Hantl?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Das war auch ein SDG.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie, ob der sich bei dieser Auswahl beteiligt hat? Haben Sie keine Vorstellung.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Wahrscheinlich haben Sie teilgenommen, aber ich kann nichts Genaues sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können es nicht sagen, denn Sie haben es nicht mehr in Erinnerung. Ja.

Nun, der Angeklagte Klehr. Jetzt haben Sie wieder einen Zeugen, der wieder bestätigt, um die Jahreswende 42/43 ist das passiert. Er hat selbst die Leute hingeführt zu Ihnen. Er war dabei, wie Sie die Injektionen vorgenommen haben. Er kann nicht früher gekommen sein, denn er ist erst im Juni 42 nach Auschwitz gekommen. War dann erst in Buna tätig, hatte dann das Erlebnis mit dem Vater, hatte dann seine eigene Verletzung an der Hand und sagt, er ist etwa im November überhaupt erst in den Häftlingskrankenbau gekommen. Also wenn er Sie überhaupt kennengelernt hat und mit Ihnen zusammen das erlebt hat, was er uns geschildert hat, müssen Sie doch noch um die Jahreswende 42/43 im Häftlingskrankenbau gewesen sein. Das ist doch nicht der einzige Zeuge, der uns das hier sagt.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, zur Zeitangabe nehme ich vom heutigen Standpunkt keine Stellung, [+ gebe ich] keine Erklärung mehr ab. Das ist zwecklos.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Herr Klehr, das ist uns aber doch außerordentlich wichtig. Sie wissen doch, was Ihnen vorgeworfen wird am Weihnachtstag 42/43, und Sie wissen doch, daß Ihre Entschuldigung dahin ging: »Das kann ich nicht gewesen sein, denn ich war überhaupt nicht mehr im Krankenbau.«

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich stütze mich genau wieder [+ darauf], was ich gesagt habe. Ich kenne den Zeugen nicht – ich weiß, der Zeuge, der die Häftlinge reingebracht hat von dem Zimmer... Darf ich dem Zeugen mal eine Frage stellen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, von wo haben Sie die Häftlinge von 28 nach 20 gebracht? In welchen Raum?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ich habe die Häftlinge in den kleinen Waschraum – der war nicht zum Waschen, aber zum Wäschewaschen, so eine [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Einen kleinen Raum auf dem Block 20.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

In der Ecke war ein Kessel zum Wäsche auskochen. Und von diesem kleinen Raum hinter dem Tuch, hinter dem Vorhang, damit nicht die Wartenden sehen sollen, daß der nicht mehr zurückkommt, habe ich es in das Laboratorium

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und das Laboratorium war dann linker Hand oder rechter Hand?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

War, wenn ich von dieser Waschküche kam, rechter Hand. [...] Und linker Hand war das Badezimmer, wo die Leichen dann...

 

Vorsitzender Richter:

Aufgeschichtet wurden. Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Dann war das Zimmer also vis-à-vis von dem Behandlungszimmer, wo Sie die Leute reingeschafft haben?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Nein, das war das Zimmer beim Eingang vom Block von der Straße, wenn man in den Block reingeht, da sind ein paar Stiegen. Und das erste Zimmer links war das Laboratorium. Das erste Zimmer rechts war das Badezimmer. Wenn ich kam durch den Hof vom Block...

 

Vorsitzender Richter:

War es umgekehrt.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

War es so, daß der Eingang war so circa in der Mitte des Hauses. Und dann links waren die Toiletten, dann war der kleine Raum, diese Wäscherei, und ganz am Ende, in der Richtung zum Ausgang in das Lager

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auf die Straße.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Auf die Straße, war es auf der rechten Seite und das Badezimmer auf der linken Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Denn Sie sind die andere Seite von dem Korridor gekommen. Ist ja ganz klar. Ja.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, solange ich die Injektionen auf Befehl des Lagerarztes durchführen mußte, da wurden die Häftlinge von Block 28 auf Block 20 in dem Pflegeraum [+ untergebracht], rechts, wenn man von dem Hof reinkommt, war ein Pflegeraum, dort waren vorläufig die Häftlinge untergebracht worden. Dann hat sie ein Häftling einzeln rangeführt bis zum Ambulanzraum, und vom Ambulanzraum wurden dann die Leichen rüber in den Waschraum [gebracht]. Anders kenne ich das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Also Klehr, das ist ja nun auch nicht so sehr das Wichtigste, sondern das Wichtigste ist, daß dieser Zeuge einer von denen ist, der nun tatsächlich auch einmal dabei war und der gesehen hat, wie Sie – er sagt, es waren 15 etwa – mehr als fünf Leute in jedem Fall getötet haben.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Direktor, ich bleibe dabei, was ich gesagt habe. [unverständlich] daß ich mich nicht genau an den Monat mehr erinnere, aber ich weiß, daß ich 42 abgelöst worden bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber alle Zeugen sagen, daß man Sie um die Jahreswende 43 noch gesehen hat und daß Sie auch im Frühjahr 43 noch dort waren.

 

Angeklagter Klehr:

Nein, Herr Direktor [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie Platz. Sind sonst noch Fragen zu stellen von seiten der Verteidigung? Von seiten der Angeklagten? Wird um Abgabe einer Erklärung gebeten? Auch nicht. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie den Eid in religiöser oder in bürgerlicher Form schwören?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Religiöser. Ich bin ein Jude.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, dürfen Sie. Sie wollen einen Hut aufsetzen?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Leider habe ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dann gehen Sie fort und holen Sie ihn. Haben Sie einen dabei?

 

Zeuge Imrich Gönczi:

Ein Taschentuch habe ich. Danke [unverständlich]

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 08.06.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 99, Bl. 413.

2. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 19.08.1961 in Teplice, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 59, Bl. 10.995-10.956R.

 

 
 
 
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