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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

143. Verhandlungstag, 11.3.1965

 

Aussagen der Angeklagten Lucas, Boger und Höcker

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von seiten der Verteidigung nicht mehr. Von seiten der Angeklagten?

Herr Doktor Lucas, können Sie sich darauf entsinnen? Vielleicht kommen Sie mal ans Mikrofon, Herr Doktor Lucas, ja?

 

Angeklagter Lucas:

An diese Zeugin kann ich mich nicht entsinnen. Es sind dort damals auch Frauen entlassen worden, die ganz eindeutig noch positiv tuberkulös waren, die ich einfach auf Ehrenwort, daß sie sich sofort wieder in Behandlung begeben sollten, gesund geschrieben habe. Weil tuberkulös sein im Krankenbau ein absolutes Todesurteil war.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin erzählte eben, Herr Doktor Lucas, daß Sie sich damals geweigert hätten, an einer Selektion teilzunehmen. Sie haben uns ja bisher auch immer gesagt, daß Sie in Auschwitz auch nicht an Selektionen teilgenommen hätten.

Nun schreibt aber Ihr Anwalt1 in einer Beantwortung der Beschwerde des Rechtsanwalts Raabe2, daß Sie in Auschwitz doch drei- bis viermal etwa an einer Selektion teilgenommen hätten und daß das geschehen sei nach einer Auseinandersetzung, die Sie gehabt hätten mit dem Lagerführer Kramer. Wollen Sie uns mal erzählen, was Sie dazu wissen?

 

Angeklagter Lucas:

Ja. Als ich nach Auschwitz kam und wußte, was dort vor sich ging, habe ich das sofort alles als Verbrechen bezeichnet und legte mich gleich mit dem Standortarzt Doktor Wirths an. Es kam dann auch über kurz oder lang an mich die Frage, dort zur Rampe zu gehen. Ich habe mich dann mit Magen- und Darmkoliken und so weiter...

 

Vorsitzender Richter:

Zu drücken versucht.

 

Angeklagter Lucas:

Zu drücken versucht. Und ich habe das eine Zeitlang auch erreicht. Dann wurde ich aber, als diese Massentransporte einsetzten, doch eingesetzt. Und dann habe ich versucht, und auch mit Erfolg, daß da die Kollegen für mich sich einsetzten, diesen Dienst machten.

Aber Wirths, der wurde eines Tages hellhörig. Ich mußte dann doch zur Rampe, und ich habe mich dann an den Kramer gewandt und habe dem gesagt, ich könnte nicht, ich hätte Magen-Darmkoliken. Ich wäre auch augenkrank.

Und der Kramer fuhr mich an und sagte, er wäre bestens orientiert, ich hätte ja schon ein Verfahren wegen Häftlingsbegünstigung gehabt, wäre auch schon in der Bewährungseinheit gewesen wegen defätistischer Äußerungen. Er gäbe mir jetzt den Befehl, jetzt und sofort mich dort auf der Rampe zu beteiligen. Er würde mich auf der Stelle abführen lassen. Und was das für mich bedeutete bei der Vergangenheit, das könne ich mir dann ja wohl vorstellen.

Dieses hat sich vielleicht noch drei-, viermal ereignet. Ich bin dann hingegangen beziehungsweise war schon auf der Rampe. Der Kramer stand daneben und dahinter. Und ich sollte die arbeitsfähigen Menschen dort aussuchen. Ich habe die so ausgesucht, daß sicherlich sehr viele, die nicht körperlich arbeiten konnten, mit zu den Arbeitsfähigen gestellt wurden. Kramer fing das Toben an und stellte diese Leute wieder zurück.

Ich habe mich damals anders eingelassen, weil ich überhaupt keine Zeugen, gar keine Entlastung hatte für diese Dinge. Und ich befürchtete einfach, wenn ich das so darstellen würde, wie es gewesen ist, daß ich dann eingesperrt würde.

 

Vorsitzender Richter:

Nun nehmen Sie mal einstweilen Platz. Wenn keine Fragen mehr sind an die Zeugin, dann, Frau Zeugin, das, was Sie gesagt haben, können Sie mit gutem Gewissen beschwören?

Zeugin Johanna Dyer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

– Schnitt –

 

Angeklagter Boger:

Berlin gewesen. Das ist ungefähr das, an was ich mich erinnern kann. Diese Bestätigung erhielt ich dann ungefähr in demselben Sinne von verschiedenen anderen SS-Angehörigen, auch von einem Rapportführer – ich weiß nicht, war er damals im Zigeuner- oder im Männerlager – und einer Rapportführerin vom Frauenlager. Der Vorgang muß sich also an der Rampe, in unmittelbarer Nähe der Blockführerstube des Frauenlagers abgespielt haben. Das ist, was ich zu dieser Sache im wesentlichen sagen kann.

 

Vorsitzender Richter:

War diese

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Diese Auseinandersetzung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rapportführerin die Elise oder Luise Danz?

 

Angeklagter Boger:

Ja, die war mit mir ausgeliefert worden nach Polen, war in demselben Transport. Ich weiß nicht mehr sicher, heißt sie Luise oder Elise?

 

Vorsitzender Richter:

Also das ist so gewesen, daß eine Auseinandersetzung zwischen Kramer und

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Ja, so habe ich also vom Schwarzhuber und auch von den anderen gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Lucas stattgefunden hätte, und daß dann Kramer

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Ja, das ist eine einmalige Angelegenheit gewesen, die natürlich Aufsehen erregt hat. Und alle haben darauf gewartet, was nun geschieht. Doktor Lucas ist dann nicht mehr allzu lange in Auschwitz gewesen. Aber was mit ihm geschehen ist, konnten wir natürlich nicht erfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Aber irgendwelche Maßnahmen waren durch Sie nicht ergriffen worden?

 

Angeklagter Boger:

Nein, nein. Dafür waren wir ja nicht zuständig.

 

Vorsitzender Richter:

Das war nicht Ihre Zuständigkeit.

 

Angeklagter Boger:

Ich habe ja viele Meldungen abgeben müssen. Zum Teil wurde ich dann auch in Ermittlungen gegen SS-Angehörige eingespannt, auch leider gegen den einen oder anderen Führer. Aber in diesem Falle sind wir nicht eingeschaltet worden, oder wenigstens nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer das zu machen gehabt hätte in Auschwitz?

 

Angeklagter Boger:

Ja, zunächst einmal die Gerichtsabteilung.

 

Vorsitzender Richter:

Die Gerichtsabteilung.

 

Angeklagter Boger:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war das damals gewesen, 44?

 

Angeklagter Boger:

[Pause] Das kann ich im Augenblick nicht mit Sicherheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie im Augenblick nicht.

 

Angeklagter Boger:

Ja, ich weiß schon, die Gerichtsführer. Ich hatte ja mit allen zu tun. Aber ob der da die Zuständigkeit gehabt hat, ob der eine noch da war, der andere schon weg? Da war der Ganninger zuerst da, als ich hinkam. Vielleicht kann mir der Angeklagte Höcker helfen, wer um diese Zeit da war. Ich kann es im Augenblick mit dem besten Willen nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Aber jedenfalls Sie haben nicht gehört, ob und was daraufhin geschehen ist?

 

Angeklagter Boger:

Nein, das konnte ich [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr. Schön. Danke schön.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Eine Frage [unverständlich] beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Der Kramer kam ja erst im Mai 44 nach Auschwitz.

 

Angeklagter Boger:

Im Frühjahr kam der hin, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wann war denn das nun, als Sie drüben waren, als der Schwarzhuber Ihnen das nachher sagte?

 

Angeklagter Boger:

Also ich sage ja, das muß im Juni, vielleicht auch schon im Juli gewesen sein. Ich kann den Zeitpunkt nicht mehr genau ermitteln. Kramer war wahrscheinlich noch nicht allzu lange da.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also genau können Sie es nicht festlegen?

 

Angeklagter Boger:

Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber früher als Juni

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

Vielleicht läßt es sich noch ermitteln. Es kann unter Umständen sogar im Zusammenhang mit der Fluchtsache, in die der SS-Mann Pestek mit verwickelt war, auch gewesen sein, daß ich da bei Kramer war.3

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sagen jedenfalls

 

Angeklagter Boger [unterbricht]:

[unverständlich] da könnte dann in diesem Zusammenhang [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mindestens Juni?

 

Angeklagter Boger:

Bitte?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mindestens Juni?

 

Angeklagter Boger:

Ja, das ist [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Vielleicht auch Juli?

 

Angeklagter Boger:

Vielleicht auch Juli, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und die Luise Danz wußte auch davon?

 

Angeklagter Boger:

Die Luise Danz? Ja, von der habe ich es ja auch mitgeteilt bekommen. Ich bin dann an diesem Tag erst ziemlich spät am Nachmittag von Birkenau weggekommen. Denn ich hatte dort noch einige Ermittlungen, die ich im Zusammenhang mit dem von Kramer erhaltenen Auftrag durchzuführen hatte. Und da bin ich auch ein paarmal ins Frauenlager gekommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt Vogel.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich habe keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Eine Frage an den Angeklagten Boger. War die Politische Abteilung berechtigt, auch zu ermitteln gegen SS-Angehörige des Lagers im Führerrang?

 

Angeklagter Boger:

Ja. Das war nur dann möglich, wenn ein besonderer Auftrag [+ erteilt wurde]. Ich weiß nicht, ob ein anderer Angehöriger der Politischen Abteilung, also des Ermittlungsdienstes, solche Aufträge bekommen hat. Ich habe von Grabner, aber insbesondere zuerst von Höß, solche Aufträge bekommen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Auch gegen Führer?

 

Angeklagter Boger:

Ja natürlich, nachrichtendienstlich auf jeden Fall. Das hing ja mit den Sicherheitsaufgaben der Abteilung zusammen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Konnten Sie denn auch einen SS-Angehörigen im Führerrang selbst vernehmen?

 

Angeklagter Boger:

Nein, ich habe auch nie einen Angehörigen im Führerrang vernommen. Auch nicht in der Sache gegen den Hauptsturmführer Bodmann. Da habe ich nur Ermittlungen geführt. Da habe ich wohl Unterführer vernommen, ich habe auch Aufseherinnen vernommen. Dann habe ich Häftlinge vernommen.

Das ist eine sehr markante Angelegenheit. Dazu hätte wahrscheinlich meine Schreiberin, Frau Rosenthal, sehr genaue Angaben machen können. Denn diese Ermittlungen fielen gerade in die erste Zeit meiner Tätigkeit bei der Politischen Abteilung.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

War der Gerichtsführer – so hieß ja wohl doch die offizielle Bezeichnung – nicht der Adjutant selbst?

 

Angeklagter Boger:

Also der Ganninger war meines Wissens nie [+ Adjutant]. Und er war ja der erste, der damals da war. Und die späteren... der andere auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern, zu meiner Zeit, daß der Gerichtsoffizier auch gleichzeitig noch Adjutant war.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wollen Sie denn sagen, daß ein regelrechtes Ermittlungsverfahren wegen Häftlingsbegünstigung gegen den Doktor Lucas lief? Oder wollen Sie nur sagen, Sie haben von diesem Auftritt da gehört, von dem Sie uns eben berichtet haben?

 

Angeklagter Boger:

Nein. Also dieser Auftritt ist ja eine Erinnerungssache, die habe ich nicht miterlebt. Aber ob da nun ein offizielles Verfahren schwebte oder nicht, das kann ich mit Sicherheit natürlich nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Das wissen Sie nicht.

 

Angeklagter Boger:

Aber daß irgend etwas im Gange war, das war den Umständen nach anzunehmen. Auch aus den Äußerungen von Obersturmführer Schwarzhuber. Der hat natürlich gesagt: »Ja, der Lucas, der kann natürlich auch nicht über seinen Schatten springen.« Das war ein Bayer, nicht.

Also ich mußte da schon annehmen, daß mich der Obersturmführer Schwarzhuber dann schon einigermaßen informiert hat. Das hat er sicher nicht gegenüber jedem anderen getan.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat Hartjenstein mit der Sache irgendwas zu tun gehabt?

 

Angeklagter Boger:

Nein. Ich habe mit Hartjenstein selbst nur als Kommandeur der Wachtruppe kurze Berührung gehabt. Als er in Birkenau Kommandant war, hatte ich keine Berührung mit ihm.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Fragen. Danke.

 

Staatsanwalt Vogel:

Eine Frage an den Angeklagten Höcker. Herr Boger sagte gerade eben, dieser Vorfall habe damals allgemeines Aufsehen erregt in den Kreisen des Lagers. Ist Ihnen davon etwas bekanntgeworden? Bitte?

 

Angeklagter Höcker:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie, wer damals Gerichtsoffizier war?

 

Angeklagter Höcker:

Die haben gewechselt. Ganninger habe ich nicht mehr gekannt. Entweder Beyer oder Fernholz oder so ähnlich hat er geheißen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Fernholz?

 

Angeklagter Boger:

Es war Beyer. Ich glaube, es war Beyer zu dieser Zeit.

 

Angeklagter Höcker:

Die haben irgendwie gewechselt zeitlich oder waren zeitlich beide da. Das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und gab es nur einen Gerichtsoffizier für den gesamten Lagerbereich – Auschwitz, Birkenau und Monowitz?

 

Angeklagter Höcker:

Das kann ich nicht genau sagen. Ich kenne nur den, der auf Kommandantur I war.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also Sie kennen immer nur einen Gerichtsoffizier?

 

Angeklagter Höcker:

Einen Gerichtsoffizier. Oder sie waren vielleicht beide da zur gleichen Zeit. Zeitweilig aber ist irgendeiner weggekommen. Ich glaube, der letzte war Fernholz. Ich glaube, Fernholz hieß er.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und Sie als Adjutant hatten nichts damit zu tun mit dieser Angelegenheit?

 

Angeklagter Höcker:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und haben auch nichts davon gehört?

 

Angeklagter Höcker:

Nein. Der Vorfall ist mir völlig unbekannt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Den hören Sie heute zum ersten Mal?

 

Angeklagter Höcker:

Den höre ich heute zum ersten Mal.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke.

 

Angeklagter Höcker:

Wie Doktor Lucas weggekommen ist, auf welche Weise, weiß ich nicht, weil das ja zur Sanitätsabteilung gehörte und die Versetzungsverfügungen ja auch über das Sanitätsamt an den Standortarzt liefen. Das war ja eine eigene Personalunion im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Doktor Lucas, eine Frage noch. Wie ist es erklärlich, nachdem nun Kramer so auf Sie aufmerksam gemacht worden ist, nachdem Sie so einen schweren Zusammenstoß mit ihm hatten, er Sie gezwungen hat, wie Sie jetzt sagen, an der Rampe zu selektieren... Da hat er Sie nur drei bis viermal gezwungen? Ist das in der Tat richtig, oder waren es nicht doch mehrere Selektionen?

 

Angeklagter Lucas:

Nein, nein, das waren nicht mehrere. Dann kam meine Versetzung. Ich wurde zum Standortarzt gerufen, kriegte die Papiere und kam nach Mauthausen, wo ich dann empfangen wurde: »Mit Leuten Ihres Schlages werden wir hier schon fertig.«

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wann sind Sie denn nun versetzt worden? Boger sagte also, daß der Vorfall Juni/Juli gewesen sein könnte?

 

Angeklagter Lucas:

Ich konnte auch bei meiner richterlichen Vernehmung4 dazu überhaupt gar nichts sagen. Dann hat der Landgerichtsrat Düx gesagt, daß der Kramer – und das war dann dieses Brett, auf dem ich nun weiterkonnte –, daß der etwa am 5. Mai gekommen wäre. Also wann ich nun genau weggekommen bin, das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sind da vielleicht schon von den Bäumen die Blätter gefallen? War es schon Herbst?

 

Angeklagter Lucas:

Nein, nein. Ich bin in Mauthausen [+ gewesen], da war es also knalliger Hochsommer. Und das ist ja auch hier schon bezeugt worden.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wissen Sie, ich frage das deshalb, denn wir kommen doch jetzt ziemlich nah... Na ja, Sommer. Wir hatten hier auch einen Zeugen, der will Sie noch im Oktober in Auschwitz [gesehen haben.] Das wollen Sie sicher ausschließen?

 

Angeklagter Lucas:

Von Auschwitz bin ich nach Mauthausen gekommen, nach Stutthof und dann nach Ravensbrück. Also irgendwie muß ich ja da irgendwo mal überall gewesen sein. Also ich kann bestimmt keine genauen

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Schauen Sie, Herr Doktor Lucas, das ist alles so unbestimmt, was Sie uns seit 15 Monaten hier sagen. Sie lassen sich Stück für Stück herausbrechen aus Ihrem Gedächtnis. Wie sollen wir Ihnen denn dann glauben? Wo war es denn, als der Winter anfing, als es kalt wurde, wo waren Sie denn da?

 

Angeklagter Lucas:

In Mauthausen war ich im Hochsommer. Wann ich dort weggekommen bin, weiß ich nicht. In Stutthof, da war es auch noch warm. Nach Ravensbrück, habe ich gesagt, da weiß ich nur genau, daß ich dort Weihnachten gewesen bin. Und genaue Daten kann ich einfach nicht angeben. Das ist bestimmt kein böser Wille, wie hier jetzt unterstellt wird.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sagen sie, Herr Doktor Lucas, wie groß waren

 

Angeklagter Lucas:

Dort weggekommen bin, weiß ich nicht. In Stutthof, da war es auch noch warm. Für Ravensbrück, habe ich gesagt, weiß ich nur genau, daß ich dort Weihnachten gewesen bin. Und genaue Daten kann ich einfach nicht angeben. Das ist bestimmt kein böser Wille, wie hier jetzt unterstellt wird.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sagen Sie, Herr Doktor Lucas, wie groß waren denn diese drei bis vier Transporte, die Sie selektiert haben? Wie viele Menschen, schätzen Sie, waren darin?

 

Angeklagter Lucas:

Im Verhältnis zu den anderen Transporten waren das kleine.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Kleine.

 

Angeklagter Lucas:

Der eine war vielleicht etwas größer. Aber Zahlen kann ich da überhaupt nicht angeben.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Kamen denn um diese Zeit im Jahr 44 überhaupt noch kleine Transporte in Auschwitz an?

 

Angeklagter Lucas:

Ja

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Oder was würden Sie als klein bezeichnen?

 

Angeklagter Lucas:

Ich kann Zahlen überhaupt nicht angeben. Wenn hier gesagt wird, daß ein Transport 3.000 Menschen umfaßt hat, dann kann ich wirklich nichts dazu sagen, ob das 3.000 waren oder mehr oder weniger.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie lang waren denn Ihrer Erinnerung nach die Züge? Sie erinnern sich, daß wir zusammen in Auschwitz auf der Rampe standen, Herr Doktor Lucas.

 

Angeklagter Lucas:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und da fragte ich Sie, wie es denn in der Regel war – die Rampe ist ja ungeheuer lang –, ob die Züge in der Regel bis nach hinten zu den Krematorien geschoben wurden, wenn sie etwa – ich habe geschätzt – halb so lang wie die Rampe waren? Oder war es üblich, daß sie nur hineingeschoben wurden, bis der letzte Wagen in dem Tor drinnen war?

Ich gebe Ihnen das jetzt als Gedächtnisstütze. Wie lang, schätzen Sie, waren denn diese Züge? Waren die halb so lang wie die ganze Rampe, die Sie damals selektiert haben?

 

Angeklagter Lucas:

Ich kann das wirklich nicht sagen. Ich habe damals ja auch gesagt, ich weiß gar nicht, wie die Züge dann umgesetzt worden sind. Das konnte ja auch keiner von den polnischen Herren, die da waren, sagen. In der Hochspannung, in der ich dort war, kann ich also über Zahlen oder über die Länge von Zügen keine Angaben machen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Das hat mich damals auf der Rampe so gewundert, Herr Doktor Lucas, , daß Sie mir nicht sagen konnten, wie das üblicherweise war mit dem Einschieben der Züge. Sie haben doch täglich – ganz abgesehen davon, ob Sie nun selektiert haben oder nicht – im Zigeunerlager Dienst getan. Sie haben doch die Züge gesehen. Da mußten Sie doch wissen, wie es üblicherweise gehandhabt wurde.

Wenn ein Zug reinfuhr – unterstellen wir mal, er war etwa, nach der Länge der Rampe müßte man das wohl annehmen, halb so lang wie die ganze Rampe –, war es dann üblich, einen Zug bis oben hineinzuschieben, bis der letzte Wagen oben anstieß und dann etwa die Lokomotive in der Mitte stand? Oder war es üblich, daß ein Zug so weit hineingeschoben wurde, bis der letzte Wagen nur innerhalb des Tores war. Damals sagten Sie mir, Sie wüßten da überhaupt keine Antwort darauf. Könnte es

 

Angeklagter Lucas [unterbricht]:

Ich bin im Zigeunerlager, auch nur ungefähr gesagt, bis Mitte März gewesen, also bevor das Theresienstädter Lager aufgelöst wurde. Da wurde ich Truppenarzt in Auschwitz. Vom Zigeunerlager selbst entsinne ich mich überhaupt nicht, daß ich da mal – daß man den Transport dort wohl gesehen hat, aber daß man von dort [+ nicht] irgendwie Größe, Länge und Zahl der Menschen beurteilen konnte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sie entsinnen sich nicht, vom Zigeunerlager die Züge gesehen zu haben?

 

Angeklagter Lucas:

Nein, ich habe gesagt, gesehen wohl, daß man sie gesehen hat. Aber daß man die Länge der Züge und die Zahl der Menschen dort [+ nicht] beurteilen konnte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön. Ich habe dann noch eine Frage an den Angeklagten Baretzki.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. Schriftsatz von Verteidiger Aschenauer vom 08.03.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 93, Bl. 18.485 sowie »Erklärung« des Angeklagten Boger vom 08.03.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 93, Bl. 18.492.

2. Vgl. Schriftsatz von Nebenklagevertreter Raabe vom 02.03.1965, Nachlaß Ormond

[Das Verfahren: 143. Verhandlungstag (11.03.1965). Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozeß, S. 30467]

3. Am 05.04.1944 floh mit Hilfe des SS-Mannes Viktor Pestek der Häftling Siegfried Lederer aus dem Lager. Pestek wurde später festgenommen und am 08.10.1944 erschossen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 749 und Auschwitz 1940-1945, Bd. IV, S. 275 f.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 14.02.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 62, Bl. 11.534-11.547.

 

 
 
 
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