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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

126. Verhandlungstag, 11.1.1965

 

Vernehmung des Zeugen Karl Gerber

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Gerber, Sie sind benannt worden von der Verteidigung wegen Ihrer Kenntnis bezüglich der Person des Doktor Lucas. Darf ich mich zunächst erkundigen: Sie waren im KZ Ravensbrück?

 

Zeuge Karl Gerber:

Vom 11. April 1941 bis 11. Januar 1945. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und aus welchen Gründen waren Sie dort in dem Konzentrationslager?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich war schon 1933 politischer Häftling, und dann, mit Kriegsausbruch im Dezember, wurde ich wieder verhaftet.

 

Vorsitzender Richter:

Aus politischen Gründen.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Gerber, wann haben Sie denn dort in Ravensbrück den Doktor Lucas kennengelernt?

 

Zeuge Karl Gerber:

Das kann ich nun also nicht genau sagen. Ich weiß jedenfalls, daß ich am 9. November bei einer Musterung zur Dirlewanger[+ -Einheit]1 als heeresuntauglich abgelehnt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Wann? November welchen Jahres?

 

Zeuge Karl Gerber:

1944. Da war er noch nicht da.

 

Vorsitzender Richter:

Da war er noch nicht da.

 

Zeuge Karl Gerber:

Nein. Es könnte Dezember 1944 gewesen sein, vielleicht Mitte Dezember. Ich weiß es nicht genau. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso kam es, daß Sie ihn überhaupt kennengelernt haben?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich war bis März 1944 auf Außenkommando in Trögen. Da waren das Reichssicherheitshauptamt und sämtliche politische Akten und das RKPA2 untergebracht. Und da war ich mit 40 Häftlingen beschäftigt.

Und dann kam bei mir da ein perniziöser Zusammenbruch, das wußte man nicht. Ich konnte drei Schritte vorwärts gehen, dann nur noch rückwärts gehen. Da kam ich ins Lager und bekam von Polen und Tschechen und Deutschen Blutübertragungen. Und nach drei Tagen war meine Frau im Lager, das war etwas ganz Außergewöhnliches.

Und dann war ich Rekonvaleszent. Ursprünglich war ich unter Schutz von Doktor Trommer, das war ich aber dann später nicht mehr. Man hat meiner Frau die Entlassung versprochen, und das wurde dann nicht gehalten. Ich bin dann, nachdem meine Frau dort war, bei der Politischen Abteilung vorgeführt worden, und es lief dann eine Untersuchung. Ich habe dann nichts mehr darüber [+ gehört], aber ich weiß, daß eine Frau deshalb verhaftet wurde. Und das war auch der Grund, warum ich nicht entlassen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren also im Krankenbau dort in Ravensbrück?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dort haben Sie auch den Doktor Lucas kennengelernt?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich war nicht arbeitsfähig. Aber als Rekonvaleszent war ich fürs Revier so eine Art Revierpfleger und habe Kurven gezeichnet, Puls gemessen und...

 

Vorsitzender Richter:

Und dabei haben Sie den Doktor Lucas kennengelernt?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte der denn für eine Aufgabe dort? War er Lagerarzt, oder war er

 

Zeuge Karl Gerber [unterbricht]:

Er war Lagerarzt.

 

Vorsitzender Richter:

War Lagerarzt. Und standen ihm auch noch Gefangene als Ärzte zur Seite, oder war er nur allein?

 

Zeuge Karl Gerber:

Da war ein Arzt, der Häftlingsarzt Šíl [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und der Doktor Trommer, oder wie der hieß, den Sie vorhin erwähnt hatten, war der auch noch da?

 

Zeuge Karl Gerber:

Er war der Standortarzt. Das war der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Vorgesetzte von Doktor Lucas?

 

Zeuge Karl Gerber:

Das war der KZ-Arzt, der eigentliche Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der KZ-Arzt.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, er war Sturmbannführer oder irgend so etwas, oder Standartenführer. Ich kenne seinen [+ Dienstrang nicht], er war jedenfalls

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ein hoher Rangträger.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie nun mit dem Doktor Lucas erlebt dort? Wissen Sie, ob der Doktor Lucas dort auch Gefangene umgebracht hat auf irgendeine Weise?

 

Zeuge Karl Gerber:

Das ist ganz ausgeschlossen. Das gibt es gar nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz ausgeschlossen. Und dann erzählen Sie doch mal näher, warum das ausgeschlossen ist.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich muß sagen, wir waren ein Lager, das hat man in den Konzentrationslagern so als »Räuberlager« bezeichnet, das angrenzende Männerlager. Das war ein ganz schlechtes Lager. Und dort war ein »Grüner« Lagerältester. Ich war ein Jahr lang der einzige politische Blockälteste. Und bis man da natürlich Verhältnisse hereingebracht hat, die natürlich etwas... Ich wurde dann auch abgelöst, weil ich eben... Nachdem man dahinterkam.

Und dann ging ich ins Strafkommando und auf die Komturei. Ich habe dem Obergruppenführer der Waffen-SS, Oswald Pohl, seine Villa gebaut. Und dann ging es nach Trögen, und von Trögen – dann bin ich zusammengebrochen – ging es ins Lager zurück.

Und das Revier war immer im großen und ganzen in den Händen der »Roten«. Und das war natürlich eine Insel. Solange die »Grünen« im Revier waren, hatten wir jeden Tag einen Toten. Und so hatten wir am Ende noch in drei Monaten einen Toten. Das KZ-Revier unter dem Šíl – das war ein Ritter gegen Tod und Teufel –, das hat wahrscheinlich in der Geschichte der KZs seinesgleichen gesucht. Und dann kam der Doktor Lucas, und Doktor Lucas war natürlich eine Stütze. Der hat unbedingt mit zu den Häftlingen gehalten. Das kann man ruhig sagen. Er kam, und dann sagte er: »Solange ich in Ravensbrück bin, mache ich die Auschwitzer Methoden nicht mit.« Das war seine Grundhaltung.

 

Vorsitzender Richter:

Wem hat er denn das gesagt?

 

Zeuge Karl Gerber:

Zum Finkelmeier3 und zum Šíl, die wissen das. Es war so: Ich kam jeden Tag auf die Revierstube. Und in der Revierstube, da kam der Doktor Lucas natürlich zuerst zum Rapport, oder er kam herein zum Lagerschreiber oder zum Arzt, zum Šíl.

Ich wurde damals von Šíl, weil der ja Tscheche war, als Revierkapo bezeichnet. Das war ich ja nicht, aber der Šíl hat es eben auf mich abgewälzt. Als Tscheche hatte er gegenüber der deutschen Lagerkommandantur oder dem Lagerältesten ja nicht viel zu melden.

 

Vorsitzender Richter:

Da hat der Doktor Lucas gesagt: »Solange ich hier in Ravensbrück bin, mache ich diese Methoden von Auschwitz nicht mit.«

 

Zeuge Karl Gerber:

Das hat er gesagt. Ich muß sagen, ich und der Finkelmeier, wir beide waren in diesem Stübchen. Wir waren bis nachts um zehn Uhr beieinander. Ich weiß da alles. Und der Finkelmeier würde vielleicht einiges mehr sagen, der kann auch nichts anderes sagen. Er würde sagen, was ich auch sage.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob Doktor Lucas mit dem Doktor Trommer gut oder schlecht gestanden hat?

 

Zeuge Karl Gerber:

Nach meiner Meinung hat er schlecht gestanden mit dem Doktor Trommer.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum?

 

Zeuge Karl Gerber:

Also hier sind meine Kenntnisse nicht mehr ganz genau. Solange ich im Revier war als Rekonvaleszent oder als Kranker, gingen zwei Transporte. Einer ging nach Bergen-Belsen. Da waren 50 Russen, das waren Tbc-Kranke, die kamen von [unverständlich], die waren also total verhungert. Und die wurden weggebracht und auch noch andere Häftlinge. Und dann ging wieder ein Transport. Das war der Arzt, der vor Doktor Lucas da war.

Die Transporte, die müssen nach Bergen-Belsen gegangen sein. Und beim zweiten Transport, da kann ich mich entsinnen, da war ein Sohn eines französischen Generals dabei. Den habe ich noch auf der Lagerstraße getroffen, und da habe ich zu ihm gesagt: »Was machst du?« Dann sagt er: »Ich habe Tbc.« Dann sage ich: »Was macht dein Bruder?«»Der ist vor vierzehn Tagen gestorben. Und ich gehe morgen nach Bergen-Belsen.« Irgend so etwas. Das war vor Doktor Lucas.

Und dann weiß ich, daß der Doktor Lucas kam und gesagt hat: »Finkelmeier, wo ist die Liste der Revier- und Schonungskranken?« Dann hat der Finkelmeier gesagt, da war grade der Arbeitsdienstführer da – ich hätte den Namen von dem Arbeitsdienstführer früher gewußt, jetzt grad weiß ich ihn auch nicht mehr –, dann hat er gesagt: »Um Gottes Willen, holen Sie die Liste wieder und sagen Sie, ich wolle sie abschreiben.« Dann hat der Doktor Lucas diese Liste vernichtet.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat die Liste vernichtet. Und das war eine Liste von solchen Kranken, die nicht arbeitsfähig waren?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, das war dieser Transport, der dann später vernichtet wurde, nachdem der Lucas nicht mehr im Lager war. [...] Aber dann ging ich weg in diesen Tagen. Einige Tage vorher, da ging ich weg. Meiner Frau hat man meine Entlassung... Nachdem ich haftunfähig war und meine Frau dazwischenkam... Und nun die ganze Misere. Das war natürlich auch zunächst bei der Kommandantur eine Verlegenheit. Und dann gingen fünf Häftlinge zur Dirlewanger.

Und da wurde ich abends noch aufgerufen, und da hat mich der Doktor Lucas kommen lassen und hat gesagt: »Herr Gerber, wir haben Sie immer frei bekommen wollen«, bei mir war immer etwas im Gange, »aber es ist nicht gelungen, und nun gehen Sie«, was hat er gesagt, »zur Armee« oder zur »Wehrmacht«. Und dann habe ich gesagt: »Ja, Herr Obersturmführer.« Er hat zu mir gesagt: »Sind Sie nicht begeistert?« Dann habe ich gesagt: »Nein, ich bin jetzt fünfeinhalb Jahre im Lager, und ich habe keine Ursache, daß ich noch meine Haut zu Markte trage. Und außerdem bin ich ja krank, da man mich vorher als heeresuntauglich [+ eingestuft hat].« Und dann hat er gesagt: »Sehen Sie zu, daß Sie so schnell wie möglich diese Tore hinter sich bekommen.«»Diese Tore« hat er gesagt. »Ich glaube, wir verstehen uns da.« Dann habe ich zu ihm gesagt, daß der Krieg in einem Vierteljahr oder so aus ist. Es war ja da schon Januar, der 1. Januar.

 

Vorsitzender Richter:

Januar 45?

 

Zeuge Karl Gerber:

45. Und dann ging ich auf Transport nach Auschwitz. Das waren fünf »Asoziale« und »Grüne«, und da bin ich beigegeben worden.

Schade, mein Sohn hat meine Überweisung, die ich persönlich erhalten habe, die an sich kein Häftling [+ bekommt]. Das wäre ein sehr interessantes Dokument, denn ich war in Ravensbrück nicht gemeldet meine 40 Monate. Das stand da drin in dem Dokument. Mein Sohn hat es irgendwie verbrannt, man hätte Abzüge machen sollen.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind weg nach Auschwitz noch versetzt worden?

 

Zeuge Karl Gerber:

Der Doktor Lucas sagte zu mir: »Wenn Sie zum Arzt kommen nach vierzehn Tagen, sagen Sie, was Ihnen fehlt, und dann werden Sie entlassen.« Ich bin zur SS-Bewährungssturmbrigade, das war eine Genickschußbrigade, Dirlewanger, die einzige SS-Bewährungsbrigade. Und da wollte ich mich einmal zum Arzt melden. Und der andere, der hat dann exerziert mit einem Tornister, mit Backsteinen gefüllt, zwei Stunden lang. Und das konnte ich ja nicht mehr ertragen. Eine Arztmeldung gab es also nicht. [...] Aber wie das nun vor sich gegangen ist – vielleicht kann mir da der Doktor Lucas sagen, wie das ging. Wo ich nach Auschwitz kam, da war der Lagerkommandant da, der Höß4, da waren 80 solche Häftlinge da. Und die wurden aufgerufen, und dann stand ich allein da, und da war für mich kein Überweisungsschein dort.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Auschwitz?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah dann?

 

Zeuge Karl Gerber:

In Auschwitz ging ich dann am 19. Januar, das war der letzte Tag der Räumung, ging ich in der SS- Uniform...

 

Vorsitzender Richter:

In SS-Uniform?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, der eine hat eine SS-Uniform angehabt, der andere eine Wehrmachtsuniform. Ich habe eine italienische Uniform gehabt, von einem Patroullienoffizier, ohne Litzen und so. Das war eben so ein Haufen, nicht. Und dann hieß es Kampfschule, es war die Gerichtsabteilung Dirlewanger. Ich war in Guben stationiert. Und danach kamen wir an die Neiße. Das war ein Sammelpunkt zur Auffüllung dieser Brigade. Das war dann die 36. Infanterie- SS-Grenadierdivision, wie es hieß, zum Partisaneneinsatz. Und da habe ich dann wieder Häftlinge getroffen von Ravensbrück. [...] Und die haben zu mir gesagt – daher habe ich dann die weitere Kenntnis –, daß der Lucas abgelöst worden ist und daß nach Lucas der Doktor Winkelmann kam und daß 106 Häftlinge, also das ganze Revier, vergast worden wären.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem Lucas weg war?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wissen also, daß erstens einmal Lucas gesagt hat: »Ich mache die Auschwitzer Methoden nicht mit«

 

Zeuge Karl Gerber [unterbricht]:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er zweitens mit dem Doktor Trommer nicht auf gutem Fuß gestanden hat

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß er Ihnen den Rat gegeben hat, so schnell wie möglich alles in die Wege zu leiten, daß Sie aus dem Lager herauskämen, daß die Lagertore sich hinter Ihnen schlössen.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, ich war ja wohl schon bei der Liste von Bergen- Belsen irgendwie vorgesehen. Aber nachdem er Trommer erklärt hat, daß ich unter seinem Schutz stehe, dann ging es vielleicht gar nicht. Und hinterher – das weiß ich nicht, wie es war. Aber da ist irgend etwas gegangen, was ich nicht erfahren habe. Ich hätte jedenfalls in den Bunker gebracht werden sollen und wurde nicht entlassen. Mir hat man gesagt: »Sie wissen, warum.«

 

Vorsitzender Richter:

Und dann hat der Doktor Lucas eine Liste von Leuten, die vernichtet werden sollten, zerrissen.

 

Zeuge Karl Gerber:

Die hat der Finkelmeier geholt. Er hat sie erhalten, und er hat sie vernichtet.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat sie vernichtet. Und Sie haben später gehört, daß Doktor Lucas weggekommen sei. Und nach seinem Weggang seien dann 106 Menschen vergast worden.

 

Zeuge Karl Gerber:

106, das gesamte Revier. Die gesamten Revierkranken.

 

Vorsitzender Richter:

Seien die gesamten Revierkranken vergast worden.

 

Zeuge Karl Gerber:

Alle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind noch Fragen?

 

Zeuge Karl Gerber:

Und dann muß ich sagen, dort in Schenkendöbern, wo die anderen kamen, da waren ein paar Ravensbrücker, und die haben mir gesagt: »Sei nur froh, daß du da rausgekommen bist.« Da sind jeden Tag von sieben Uhr früh an 50 Leute, teils russische Kriegsgefangene und Frauen, vergast worden, also circa 3.000. Das habe ich dann erfahren unmittelbar darauf. Das hat dann in der Folge sofort eingesetzt, wo Lucas weg war.

 

Vorsitzender Richter:

Wo Doktor Lucas nicht mehr da war. Sind von seiten des Gerichts [+ Fragen]? Ja, bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Gerber, wissen Sie etwas darüber, ob Doktor Lucas in Ravensbrück Sterilisationen an Zigeunern durchgeführt hat?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich war einmal dabei. Aber ich muß sagen, daß wir mit allen Mitteln dies sabotiert haben. Zunächst einmal waren keine Reinlichkeiten da, es waren keine Betten da. Und ich weiß, daß der Doktor Trommer derjenige war, der darauf gedrängt hat, daß da Differenzen waren und daß der Lucas das nicht gewollt hat und der Šíl auch nicht. Und da war ich einmal Zeuge. Und da muß ich sagen, die Zigeuner sind alle vorgeladen worden vor Suhren

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Wer war Suhren?

 

Zeuge Karl Gerber:

Der Lagerkommandant von Ravensbrück. Also nicht der Lagerführer, sondern der Lagerkommandant.

 

Richter Hotz:

Ja. Und?

 

Zeuge Karl Gerber:

Und der hat ihnen gesagt, sie sollen das überlegen. Sie können herauskommen. Sie kommen zur Wehrmacht, wenn sie sich sterilisieren lassen. Wir haben natürlich zu den Zigeunern gesagt, und zwar vom Revier aus: »Unterschreibt nicht, ihr werdet nicht entlassen. Der Krieg geht aus. Unterschreibt nicht.« Und die Zigeuner haben gesagt: »Nein, wir unterschreiben nicht.« Dann sind sie wieder vorgeladen worden, und dann haben sie unterschrieben. Sie haben also praktisch ihre Sterilisierung dann beantragt, die Zigeuner.

Wir sind auf die Lagergasse gegangen und haben mit ihnen [+ gesprochen], wir haben alles versucht. Und wenn die Zigeuner nicht unterschrieben hätten, wären sie nach meiner Meinung nicht sterilisiert worden. Aber die Zigeuner, die haben dann schließlich auch erfahren, daß man da noch eine Drainage einsetzen kann. Und dann haben die Zigeuner natürlich – das war ja ein kinderfrohes Volk, ihre Kinder haben sie verloren –, dann haben sie an sich auch kein Interesse mehr gehabt. Die Zigeuner waren, um das zu sagen, antipolitische Elemente, die sich an sich für diese Dinge absolut nicht interessiert haben. Ich habe mit vielen Zigeunern in der Lagergasse... Wir haben zunächst einmal da erfahren von Auschwitz [unverständlich]

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Ja, das genügt mir schon, ja.

 

Zeuge Karl Gerber:

Und die Zigeuner haben da teils auch mitgeholfen, diese Beutesachen abzuräumen und so weiter. Und die haben da teils ein gutes Leben geführt. Und kurzerhand, ich muß selbst sagen, daß die Zigeuner sich teils sogar gedrängt haben. Die wollten sogar die ersten sein, als sie sterilisiert worden sind, weil sie wirklich geglaubt haben, sie kämen heraus. Sie kamen ja nicht heraus.

 

Richter Hotz [unterbricht]:

Danke schön.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ein paar sind herausgekommen, und dann war es aus.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Staatsanwaltschaft noch Fragen? Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Rechtsanwalt Raabe?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie sagten, daß Sie einmal dabei waren, wie Doktor Lucas Zigeuner sterilisierte. Wie viele Zigeuner wurden damals an diesem Tag sterilisiert?

 

Zeuge Karl Gerber:

Nach meiner Meinung sechs.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sechs. Haben Sie gehört, daß er das öfters machen mußte?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich war bloß einmal dabei. Das weiß ich nicht. Ich weiß bloß, daß er abgelehnt worden ist wegen seiner Weigerung und wegen seiner Sabotage.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann eine weitere Frage: Sie sprachen eben von Vergasung. Herr Zeuge, gab es eigentlich in Ravensbrück Vergasungsanlagen?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

War das beim Lager? Ich frage das deshalb: Wir haben das nämlich schon einmal hier von einer Zeugin gehört, aber in der Literatur ist bisher eigentlich nichts darüber berichtet. Und deswegen würde es mich interessieren.

 

Zeuge Karl Gerber:

Das war das Jugendlager. Ich habe das Jugendlager einmal besichtigt als Blockältester. Und neben dem Jugendlager – das waren also Mädchen vielleicht bis 18 Jahren, die da untergebracht hätten werden sollen –, da lagen schon Pläne auf für ein Kinderlager. [...] Ich habe diese Pläne gesehen für dieses Kinderlager.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und da waren Vergasungsanlagen?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja, da sind sie vergast worden. Also ich habe es selber nicht gesehen, weil ich ja da weg war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Karl Gerber:

Und zwar jeden Tag 50 Frauen. Frauen, russische Kriegsgefangene und...

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten des Herrn Doktor

 

Verteidiger Aschenauer [unterbricht]:

Eine Frage, Herr Zeuge: Wissen Sie, ob gegen Doktor Lucas seitens des Herrn Doktor Trommer versucht wurde, ein Verfahren beim SS-Gericht einzuleiten?

 

Zeuge Karl Gerber:

Das habe ich erfahren.

 

Verteidiger Aschenauer:

Was haben Sie hier erfahren?

 

Zeuge Karl Gerber:

Daß Doktor Lucas vor ein Ehrengericht der SS gestellt worden wäre.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke, ich habe keine weiteren Fragen.

 

Zeuge Karl Gerber:

Das kann ich natürlich nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Lucas, haben Sie eine Frage noch oder eine [+ Erklärung abzugeben]? Keine Erklärung mehr abzugeben. Wenn keine Fragen mehr sind, keine Erklärungen mehr abzugeben sind, muß der Zeuge beeidigt werden. Können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ich möchte noch etwas sagen. Ich habe 1946 erfahren – ob es richtig war, weiß ich nicht –, daß Doktor Lucas in Sachsenhausen interniert wäre. Daraufhin habe ich nach Sachsenhausen 1946 eine Entlastung – was ich Ihnen im wesentlichen gesagt habe – geschrieben. Und die habe ich hier. [...] Ich kann es Ihnen geben, aber ich möchte sie wiederhaben oder einen Abzug.5

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Gut, da geben Sie mal her.

 

Zeuge Karl Gerber:

Und einen Auszug habe ich vom Finkelmeier, aus seinem Buch, das auch noch diese Angelegenheit betrifft. Also das möchte ich wieder zurückhaben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Karl Gerber:

Ist schon seit 1946, habe mich damals für ihn verwendet. [Pause] Ob das richtig war, daß er in Sachsenhausen war, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Aschenauer, legen Sie Wert darauf?

 

Verteidiger Aschenauer:

Wenn ich mal bitte sehen kann?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön. Sonst können wir es ja fotokopieren lassen und können es dann dem Zeugen wieder zurückgeben.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Es ist doch länger. Also Sie bekommen das wieder zurückgeschickt. Wir lassen nur eine Fotokopie davon machen.

Und nun, Herr Zeuge, wollen Sie das beschwören, was Sie gesagt haben?

 

Zeuge Karl Gerber:

Ja.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

1. Einheit Dirlewanger, Frontbewährungseinheit der SS, in der neben vorbestraften SS- und Wehrmachtsangehörigen auch entlassene KZ-Häftlinge waren. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 440.

2. Reichskriminalpolizeiamt, Amt V, Reichssicherheitshauptamt.

3. Vgl. polizeiliche Vernehmung des Zeugen Conrad Finkelmeier vom 10.03.1964 in Geißelhardt, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Anlage 2 zum Protokoll vom 03.12.1964.

4. SS-Obersturmbannführer Höß war Januar 1945 nicht mehr Kommandant von Auschwitz.

5. Vgl. Schreiben des Zeugen Gerber an die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Frankfurt am Main vom 29.01.1964 und »Auszug aus meinen Lageraufzeichnungen FKL Ravensbrück, geschrieben 1946/48 nach Notizen«, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105, Anlage 2 zum Protokoll vom 03.12.1964.

 

 
 
 
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