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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63

Landgericht Frankfurt am Main

 

83. Verhandlungstag, 28.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Fritz Gaar

 

Vorsitzender Richter:

in englische Gefangenschaft geraten, wurden 46 entlassen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Während Ihrer Dienstzeit in Auschwitz sind Sie befördert worden zum?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Unterscharführer.

 

Vorsitzender Richter:

Unterscharführer. Und was hatten Sie dort zum Schluß für eine Stellung?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich hatte in der Praga-Halle die Aufsicht über die Fahrer und so weiter, sozusagen als untergeordneter Spieß.

 

Vorsitzender Richter:

Als untergeordneter Spieß?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Der Spieß hatte sich ja in erster Linie nicht mit den technischen Dingen zu befassen, sondern mit den verwaltungsmäßigen, das heißt mit allem, was zum Dienst gehörte: daß die Leute richtig angetreten sind und daß sie richtig behandelt, gekleidet, entlohnt wurden und so weiter. Haben Sie das gemacht?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Aber ich hatte mit der Entlohnung und so weiter nichts zu tun. Das ging von der Stabskompanie aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wie lange dauerte Ihre Grundausbildung?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die dauerte von Oktober bis Weihnachten.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Weihnachten neunzehnhundert?

 

Zeuge Fritz Gaar:

40.

 

Vorsitzender Richter:

40. Nachdem Sie ausgebildet waren, wo wurden Sie da eingesetzt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich habe die Ausbildung nicht ganz beendet, sondern wurde gleich in der Fahrbereitschaft als Fahrer übernommen.

 

Vorsitzender Richter:

Von der Fahrbereitschaft als Fahrer übernommen. Und wann war das?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das war Januar. Also kurz nach Weihnachten, nach dem Weihnachtsurlaub, zwischen Weihnachten und Neujahr kam ich in die Fahrbereitschaft.

 

Vorsitzender Richter:

1941?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Das heißt, es kann noch 1940 [+ gewesen sein]. Zwischen Weihnachten und Neujahr ungefähr war die Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und bei dieser Fahrbereitschaft mußten Sie was fahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Anfangs habe ich Verschiedenes gefahren, zum Teil Wäsche, früher mit Herrn Breitwieser, jede Woche einmal. Und dann Brotfahren. Ich war damals noch nicht ausgelastet mit Brot, da kamen verschiedene Fuhren dazwischen. Dann, ab 41, habe ich nur mehr Brot gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ab 41 nur mehr Brot. Bis wann?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Bis 43, es kann im Januar, Februar [+ gewesen sein], die Zeit kann ich nicht genau sagen, da habe ich meinen Wagen abgegeben, und wir sind zur Praga-Halle gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Im Januar, Februar 1941?

 

Zeuge Fritz Gaar:

43.

 

Vorsitzender Richter:

43?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie Ihren Wagen abgegeben und sind?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Dann in die Praga-Halle, habe die Praga-Halle übernommen.

 

Vorsitzender Richter:

In die Praga-Halle.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, wer war denn Ihr Vorgesetzter?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Mein Vorgesetzter war Untersturmführer Wiegand.

 

Vorsitzender Richter:

Untersturmführer Wiegand.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war Ihr Disziplinarvorgesetzter? Der konnte also zum Beispiel entscheiden über Strafen und über Urlaub.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das dürfte wohl der Lagerkommandant Höß [+ gewesen] sein.

 

Vorsitzender Richter:

So hoch gleich? Hatten Sie dazwischen keinen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nun, das heißt, [+ für] Urlaub und so etwas war da der Spieß von der Stabskompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Der Spieß von der Stabskompanie.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sollten Sie eigentlich wissen, daß der Spieß zwar viel zu sagen hatte, wenn es um Urlaub ging, aber zu genehmigen hatte er ihn letztlich nicht.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Damit habe ich mich nie befaßt.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie in dem Lager auch den Adjutanten Mulka gekannt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte der denn für eine Stellung?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Darüber kann ich keine Auskünfte geben.

 

Vorsitzender Richter:

War das auch ein Vorgesetzter von Ihnen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, als Adjutant ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als Adjutant. Nun sagen Sie mal, Herr Zeuge, als Sie noch nicht in der Praga-Halle waren, hatten Sie verschiedene Fahrten gemacht. Sie sagten, Sie wären nach 41 hauptsächlich mit Brotfahren beschäftigt gewesen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie nicht auch mal nach Dessau gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das war schon ganz zeitig, 41 war das. Da bin ich einmal nach Dessau gefahren. Das stimmt. Aber das war ganz zeitig im Frühjahr.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr 41?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie in Dessau getan?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das weiß ich leider nicht. Denn ich habe wohl Kisten geladen in Dessau, aber den Inhalt und so weiter, den kannte ich nicht, denn ich habe keine Papiere in die Hand bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

War da noch jemand dabei?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war das?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Na, ich weiß nicht, Reinhold oder Reinecke1 oder wie er heißt. Genau kann ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Welchen Dienstrang hatte der Mann? War der Ihnen gleichgeordnet oder

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Nein, ich will mich nicht festlegen, ob er Oberscharführer oder Hauptscharführer war. Das kann ich heute nicht mehr genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

War das der Transportführer?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Der war Transportführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte der auch die Papiere?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Der hatte auch die Papiere.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat auch die Kisten angefordert?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das weiß ich nicht, ob er sie angefordert hat. Ich habe jedenfalls den Fahrbefehl bekommen, nach Dessau zu fahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wo haben Sie denn die Kisten abgeholt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

In einer Fabrik.

 

Vorsitzender Richter:

In einer Fabrik.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Sie hat ausgesehen wie so eine Art Zuckerfabrik, soviel ich mich entsinnen kann. Aber das kann ich leider nicht mehr genau bestimmen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat an dieser Fabrik nicht drangestanden

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Was das für ein Werk war?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die Möglichkeit kann bestehen, aber ich habe vielleicht auch nicht Obacht gegeben. Ich kann mich da nicht festlegen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben nicht Obacht gegeben. Und die Kisten, die Sie eingeladen haben, waren nicht beschriftet?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, da war nichts drauf. Jedenfalls ich habe da keinen Wert drauf gelegt, daß ich sagen kann, daß da was draufgestanden wäre.

 

Richter Perseke:

Wer hat den Fahrbefehl unterschrieben [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn den Fahrbefehl damals unterschrieben, als Sie nach Dessau gefahren sind?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das war alles Höß. Ich habe nur Fahrbefehle von Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Von Höß?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dem Kommandanten des Lagers?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Jeden Sonnabend und Sonntag hatte ich immer meine Fahrbefehle, ich bin auch jeden Sonnabend rausgefahren, immer nur von Höß. Die waren immer vom Höß unterschrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Na. [Pause] Brauchten Sie auch, wenn Sie innerhalb der Großen Postenkette gefahren sind, Fahrbefehle?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Wer hat Ihnen denn da den Auftrag gegeben, wenn Sie Fahrten innerhalb der Großen Postenkette machen mußten?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich habe jeden Tag meinen Dauerauftrag gehabt zum Brotfahren. Da war einer von der Verwaltung, der mitgefahren ist, der verantwortlich war fürs Brot. Und jede Früh um acht mußte ich vor der Fahrbereitschaft stehen. Da kam er mit dem Kommando, eingestiegen, zur Bäckerei, und so ging es den ganzen Tag bis zum Abend.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sagten, 43 wären Sie dann nach der Praga-Halle gekommen. Wann war das ungefähr?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Im Frühjahr.

 

Vorsitzender Richter:

Im Frühjahr?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von dieser Zeit ab haben Sie nicht mehr selbst gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, habe ich nicht mehr gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie denn dann den ganzen Tag getrieben da, wenn Sie nicht mehr gefahren sind?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich hatte Telefondienst, die Hauptsache war Telefondienst. Das Telefon mußte dauernd besetzt sein, und zwar wegen Fliegeralarm und Lageralarm. Es durfte nicht verlassen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Telefon besetzt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Telefon besetzt. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind bei dieser Telefonbesetzung auch Anforderungen gekommen auf Lkws, zum Beispiel zum Entladen von Häftlingen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, die konnte ich ja nicht bekommen, und zwar aus dem Prinzip: Die Wagen sind jede Früh um sieben Uhr raus. Die mußten spätestens bis um halb acht in der Hauptfahrbereitschaft stehen, und von dort wurden sie eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war die Hauptfahrbereitschaft?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Im Lager I.

 

Vorsitzender Richter:

In Lager I?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Und von dort aus gingen die an ihre Arbeit.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann kamen sie zurück?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja das war sehr verschieden. Viele sind abends in die Kantine gefahren und haben Abendbrot gemacht nach Zurückmeldung und so weiter. Und dann kamen Sie erst in die Praga-Halle gefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren die Wagen nachts?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nachts standen die in der Praga-Halle.

 

Vorsitzender Richter:

Und war nachts das Telefon auch besetzt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nachts? Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden nachts Wagen angefordert unter Umständen für die Entladung von Häftlingen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das ist mir weniger bekannt, denn da war der Fahrer vom Dienst zuständig. Ich war ja abends nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren abends nicht mehr da?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein. Um fünf Uhr war mein Dienst beendet.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie überhaupt jemals Wagen abgestellt für die Entladung von Häftlingen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Dazu war ich nie berechtigt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine, auf Anforderung natürlich.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, da konnte ich ja nicht. Ich hatte den Tag über ja keine Wagen außen. Höchstens daß einer in der Werkstatt war, dann wird ein Wagen gebraucht, dann hat es immer geheißen: »Schick mir Siebald her! Ist der Wagen bald fertig?« Das ist der Werkstattleiter, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also das sind alles Fragen, deren Beantwortung Sie verweigern können.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie müssen darauf keine Antwort geben. Aber wenn Sie Antwort geben, müssen Sie die Wahrheit sagen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich habe keine Veranlassung, die Antwort zu verweigern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie denn überhaupt, daß Lkws eingesetzt worden sind, um Häftlinge von der Rampe zum Beispiel in die Gaskammern zu fahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, nachher wußten wir es, da haben es die Spatzen von den Dächern gepfiffen. Aber wie die ganze Sache vor sich ging, da bin ich mir heute noch im unklaren.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Lkws wurden denn dort abgestellt? Immer dieselben, oder welche Sorte war denn das?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das waren immer dieselben, die im Lager II gefahren sind.

 

Vorsitzender Richter:

Die im Lager II gefahren sind?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Das Lager II unterstand an sich auch Ihrer Fahrbereitschaft?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das heißt, es unterstand nicht, sondern wir unterstanden ja der Fahrbereitschaft I.

 

Vorsitzender Richter:

I?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Fahrbereitschaft I hat auch für das Lager II die Wagen bereitgestellt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl, das mußte sie ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben also zum besonderen die Wagen nicht abgeordnet, sondern die Wagen wurden jeden Morgen zum Dienst eingeteilt.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was die dann taten, wußten Sie nicht.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben lediglich erfahren, daß die auch Häftlinge von der Rampe zu den Gaskammern gefahren haben.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wußten Sie denn überhaupt, daß Gaskammern da waren in Birkenau?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das wußte ich nicht, ich habe sie nie gesehen. Ich kannte es nur vom Hörensagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? [Pause] Wußten Sie, daß dort Menschen vergast wurden?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das heißt, später hat man es erfahren, das ist ganz klar. Das kann man ja heute... Das ist ja selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Grade weil das so selbstverständlich ist, hat es mich sehr gewundert, daß Sie bei Ihrer Vernehmung vor dem Staatsanwalt Vogel am 17.10.1961, Blatt 10.305c, gesagt haben: »Über den Transport von Häftlingen insbesondere zu den Gaskammern in Birkenau kann ich nichts sagen. Obwohl ich länger als vier Jahre in Auschwitz tätig war, habe ich in dieser ganzen Zeit nichts davon gemerkt, daß dort Häftlinge vergast wurden. Ich hatte zwar manchmal etwas Derartiges gehört, hatte aber solchen Gerüchten keinen Wert beigelegt.«2

 

Zeuge Fritz Gaar:

So ist es auch.

 

Vorsitzender Richter:

Wir haben bisher von sämtlichen Zeugen, die vernommen worden sind, und sogar von einem Teil der Angeklagten, gesagt bekommen: Der Geruch der verbrannten Menschen war so intensiv und so stark, daß jeder, der im Gelände von Auschwitz war, sofort darauf hingewiesen worden ist, daß da irgend etwas im Gange war.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, nun kommt es darauf an. In der Praga-Halle hat man nichts gemerkt. Da war der Wald davor und so weiter. Wir waren ja mindestens zwei Kilometer weg davon.

 

Vorsitzender Richter:

Nun hatten Sie doch auch Kameraden dort, und zwar solche Kameraden, die Lastwagen in die Gaskammern gefahren haben. Sollten Sie sich niemals mit den Leuten darüber unterhalten haben?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, meines Erachtens hatten die erst einmal ihrer Schweigepflicht zu genügen. Und ich war Vorgesetzter, zum Teil als Vorgesetzter, da haben Sie mir ja nichts gesagt. Denn die mußten wissen, wenn ich Meldung mache, sind sie selbst wieder dran.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie einmal einen Fahrbefehl gesehen, den Mulka unterschrieben hat?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, könnte ich mich nicht entsinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe an diesen Zeugen keine Fragen.

 

Richter Hotz:

Herr Gaar, haben Sie selbst mal mit dem Lkw eine Fahrt von der Rampe oder von einem Bahngleis zu einem der Krematorien gemacht?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl, ich habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie können die Antwort auf diese Frage verweigern.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, ich habe keinen Grund, das zu verweigern. Ich sehe nicht ein, warum. Ich kam vom Brotfahren, ich kann mich genau entsinnen. Und da war Obersturmführer oder Hauptsturmführer Schwarz, hat mich von der Straße weggenommen: »Hier, Transport fahren!« Ich sage: »Wieso? Wir müssen Brot fahren.« Mein Begleiter, der hat sich aufgeregt darüber: »Wer befiehlt hier?«»Hier, stellen Sie sich hinten an, und fahren Sie Transporte.« Ich glaube, wenn ich mich entsinnen kann, es waren Holländer, ein holländischer Transport, es stand [unverständlich] Personenwagen.

 

Richter Hotz:

Und wie ließen sich diese Transporte an? Wie sah das aus? Was haben Sie da für Fahrten gemacht?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich bin einmal gefahren.

 

Richter Hotz:

Einmal?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Einmal. Und das ging am Feldweg entlang und ging vom Wald her. Und da sind die Leute ausgestiegen, kehrt und wieder weg.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Moment, wenn ich mal dazwischen fragen darf. Das ist mir ganz und gar nicht klar: Was heißt denn »Transport fahren«? Was soll denn das heißen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, es sind halt nur Transporte.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren das für Transporte?

 

Zeuge Fritz Gaar:

»Aktion Umsiedlung« hat es geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Also da wissen Sie doch anscheinend von etwas. »Aktion Umsiedlung«?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was bedeutete denn das, »Aktion Umsiedlung«?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, was heißt »Umsiedlung«? Wir waren der Meinung, die Leute werden umgesiedelt, die Zigeuner. Ich bin ja jeden Tag ins Lager gefahren. Da waren die Zigeuner, vom kleinen Kind bis zum ältesten Greis. Die saßen da an der Baracke und haben gewartet – auf was? Das war uns so unklar wie den Leuten auch.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind täglich ins Lager gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Haben Sie da außer den Zigeunern auch andere Häftlinge gesehen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch gesehen, wie die ausgesehen haben?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, mein Gott, wie die ausgesehen haben? Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sahen die so aus, als ob sie umgesiedelt wurden?

 

Zeuge Fritz Gaar:

[Pause] Tja, da konnte man keinen Unterschied erkennen. Das Lager war doch so groß. Das ist ja doch ausgeschlossen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und Transporte sollten Sie fahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von wo nach wo?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Von dem Bahngleis. Ich mußte jeden Tag drei- oder viermal drüberfahren, über das Bahngleis. Dort angestellt, da standen schon verschiedene Wagen, und bin mit weggefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war denn das Bahngleis?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, zwischen Birkenau und dem Hauptlager.

 

Vorsitzender Richter:

Zwischen Birkenau und dem Hauptlager?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da war ein Zug angekommen vermutlich, ja?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Stand ein Zug, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da waren Leute, die wurden aufgeladen auf Ihren Wagen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die standen, die standen. Als ich hinkam, standen die schon alle.

 

Vorsitzender Richter:

Die standen schon.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wurden die auf Ihren Wagen aufgeladen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein. Der größte Teil ging ja zu Fuß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja nun, Sie hatten ja doch schließlich die Bestimmung, Menschen zu fahren.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da muß doch jemand drauf gewesen sein, oder sind Sie mit dem leeren Wagen gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nun, die Anweisung... Wir blieben im Wagen. Es waren alles Leute da, die man gar nicht gekannt hat. Es waren für mich alles fremde Leute. Und mich haben auch die Leute gar nicht interessiert, war es der Unterscharführer und sonst

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Jetzt reden Sie doch dem Teufel nicht ein Ohr ab! Ich habe Sie gefragt, ob auf Ihren Lastwagen Leute draufgeladen worden sind.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und wo haben Sie die hingefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die habe ich gefahren bis vor das Hauptlager, das heißt das Lager rechts vom Lager. Dort war noch ein Eingang vorm Wald

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment. In das Auschwitz-I-Lager oder nach Birkenau?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Birkenau.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau war unten das Tor, nicht? Das sehen Sie ja hier an der Zeichnung.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie da hinaufgefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein. Wir fuhren doch unten den Weg entlang und gingen auf die andere Seite [unverständlich] Wald

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rechts auf die andere Seite, wo die Eingangstüren für die einzelnen Lager waren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie weit sind Sie da gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Da konnte man nur hinfahren, man hat eine Baracke gesehen. So wie ich mich entsinnen kann, hat man eine Baracke gesehen, weil schon mehrere Wagen vor mir standen. Ich konnte mit meinem Wagen kaum kehrtmachen, mehr Platz war nicht da vorn. Vorm Lager abgeladen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War denn damals das Lager Birkenau schon ausgebaut? Wann war denn das

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Nein. Das war schon 42, Anfang, wollen wir sagen. Die Zeit kann ich nicht genau bestimmen. Es war 42, [Pause] Spätsommer oder Herbst.

 

Vorsitzender Richter:

Waren damals schon die vier Krematorien gebaut?3

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das weiß ich nicht, wann die gebaut worden sind. Jedenfalls damals war noch keines, soviel

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War noch keins gebaut?

 

Zeuge Fritz Gaar:

War mir nichts bekannt von einem Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts bekannt. Und wo haben Sie denn die Leute nun hingefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die sind dort alle abgestiegen. Da stand alles voll Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da zwei Bauernhäuser?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, kann ich mich nicht entsinnen. Da war kein Haus. Da war nur eine Straße hin, das war ein Feldweg. Und vorne war ein kleiner Platz, das heißt, es war sowieso nur Kiesplatz, da konnte man grade kehrtmachen mit dem Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da haben Sie die Leute abgeladen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Abgeladen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Wieder weg.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben die Leute gemacht?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja. Die sind ins Lager wahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ich denke, Sie haben Sie außerhalb des Lagers gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, außerhalb vom Lager, wahrscheinlich sind die ins Lager dann rein [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Warum werden die Leute aber erst außerhalb des Lagers gefahren, damit sie nachher wieder ins Lager hineingehen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja das sind ja doch eineinhalb Kilometer von dem Bahngleis bis dorthin, [wohin] wir [+ sie] gefahren haben. Na, ich rechne, 1.000 Meter bis 1.500 Meter werden es sein. Wer laufen will, konnte laufen, wahrscheinlich, weil viele gelaufen sind, und die anderen haben wir aufgeladen. Was nicht laufen wollte, die wurden verladen.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Ich habe keine Hoffnung, daß wir da was... Noch eine Frage?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr, keine Frage.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was fuhren Sie für einen Lkw?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Bitte?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Was fuhren Sie für einen Lkw?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Renault, großen Sechstonner, Franzosen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und welche Nummer hatte der?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die weiß ich nicht mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, die weiß ich bestimmt nicht mehr.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und als Sie nach Dessau fuhren, fuhren sie auch mit dem Renault?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Ich hatte nie einen anderen Wagen gefahren, nur den Renault.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Nie einen anderen Wagen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Das war ein schwerer Wagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatte der vielleicht die Nummer 16.277 gehabt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Kann ich mich nicht entsinnen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Können sich nicht entsinnen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, da kann ich mich nicht entsinnen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und als Sie nach Dessau fuhren, hatten Sie da außer dem Fahrbefehl noch einen weiteren Befehl für die Fahrt bei Ihren Fahrtpapieren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, nein, hatte ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie fuhren doch außerhalb des Generalkommandos. Sie fuhren doch durch halb Deutschland.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da hatten Sie nur einen ganz gewöhnlichen Fahrbefehl?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, ich habe den Fahrbefehl nicht in die Hand bekommen. Ich weiß ja nicht, wie

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Den haben Sie gar nicht in die Hand gekriegt?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, der hat die Papiere gehabt und

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie hatten doch ein Fahrtenbuch?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ein Fahrtenbuch, jawohl. Das hatte ich immer

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und nach Ihrer Dienstanweisung hatten Sie, wenn Sie außerhalb der großen Postenkette fuhren, im Fahrtenbuch zunächst einmal die Abfahrt mit dem Kilometerstand einzutragen. Stimmt das?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das stimmt, genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Da hatten Sie den Fahrbefehl daneben zu legen

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mußten von dem Begleiter sich das abzeichnen lassen: Beginn der Fahrt und Ende der Fahrt.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Sie waren ja doch nachher praktisch in der Praga-Halle Hallenmeister, so ein Mittelding zwischen Schirrmeister und Spieß.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, nun [unverständlich]

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Da mußten Sie die Bestimmungen doch kennen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

In der Praga-Halle hatte ich mit dem Abmelden und Anmelden gar nichts zu tun.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nichts zu tun?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Überhaupt nichts.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber als Sie Fahrer waren, hatten Sie damit zu tun?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Als ich Fahrer war, jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und als Sie nun nach Dessau fuhren, wenn Sie unterwegs von einer Streife angehalten worden wären, da mußten Sie doch die Papiere zeigen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, die Papiere, ich hatte ja einen Fahrbefehl. Der war in dieser Größe, ich kann mich noch genau entsinnen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Also hatten Sie einen Fahrbefehl. Sie sagten nämlich eben grade, Sie hätten ihn nicht dabei gehabt.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, an einen weiteren Fahrbefehl kann ich mich nicht entsinnen. Ich hatte nur

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Nur den Fahrbefehl? Und der war von Höß unterschrieben?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Der war von Höß unterschrieben. Von einem weiteren Fahrbefehl weiß ich nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Und was stand als Auftrag auf dem Fahrbefehl? [Pause] Was für ein Auftrag stand da drauf?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja was? Soviel ich mich entsinnen kann, Materialtransport, wie es immer draufstand. Transport von Materialien.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Transport von Material?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Begleiter war ein Oberscharführer, sagen Sie?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja. Oder Hauptscharführer, da kann ich mich nicht festlegen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Von welcher Dienststelle war der im Lager?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Von der Verwaltung.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Von der Verwaltung.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wenn Sie davon sprechen, daß auf diesem Fahrbefehl »Transport von Material« stand, wenn ich Ihnen vorhalte, stand darauf: »Transport von Material für die Judenumsiedlung«, kann das richtig sein?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, das kann nicht richtig sein. Denn damals gab es doch gar keine »Umsiedlung«, 41. Also mir war jedenfalls überhaupt nichts bekannt von einer »Umsiedlung«.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wann haben Sie sich denn das erste Mal Gedanken darüber gemacht, was möglicherweise in den Kisten war?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Da habe ich mir nie Gedanken gemacht darüber, und zwar weil ich ja nicht wußte, was drin sein konnte. Wer hat sich als Fahrer schon Gedanken gemacht, was ich pro Tag befördere? Niemand.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was meinen Sie denn heute?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, heute kann ich auch nichts entscheiden, weil ich ja nicht weiß, was in den Kisten drin war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was meinen Sie denn, wenn Sie es nicht wissen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das...

 

Staatsanwalt Kügler:

Kann es Zyklon B gewesen sein?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das kann Zyklon B gewesen sein, das kann Läusepulver gewesen sein oder sonst was. Ich weiß es nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Sie sagten, daß Sie mit Ihrem Lastkraftwagen einmal auf Befehl von dem Herrn Schurz einen Menschen aus einem Transport zu dem Lager Birkenau gefahren haben. Sie sagten, daß es sich um holländische Juden handelte. Sie sagten, das sei einmal geschehen. Ist es nicht richtig, daß Sie solche Fahrt dreimal gemacht haben?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das streite ich doch gar nicht ab.

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Warum sagen Sie es denn nicht? Sie sagen, Sie hätten es nur einmal gemacht.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, [davon] war ja gar nicht die Rede bis jetzt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie sollen doch hier auch nichts verschweigen, Herr Gaar.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das verschweige ich auch nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also Sie sind dreimal gefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Stehen Sie auf dem Standpunkt, daß Sie nach allem besonders gefragt werden müssen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Tja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Na, dann will ich Sie weiter fragen. Wie ist es denn beim zweiten Mal gewesen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Da war es dasselbe.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das am selben Tag?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, meinen Wagen konnten sie nur haben, wenn ich frei war. Wenn ich beladen war, wollen wir sagen, mit Brot und so weiter, konnten sie ihn mir nicht wegnehmen. Nur wenn ich leer war. Das war ja im Anfang so, da haben sie einem jeden Wagen weggenommen, den sie gerade auf der Strecke geschnappt haben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und war das an derselben Rampe?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das war an derselben Rampe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und was waren das für Leute?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, das war wieder Transport.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das holländische Juden?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ich glaube, daß es [unverständlich] zwei Holländer, kann schon möglich sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wo haben Sie das zweite Mal die Leute hingefahren?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Genau dasselbe wieder: unten an der Bahn entlang und dann links hoch bis vor den Wald. Und dort sind Sie ausgestiegen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist es noch ein drittes Mal passiert?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was waren das für Leute?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Dasselbe.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das französische Juden?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja, ein Waggon. Ich konnte

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sehen Sie, das ist doch nicht dasselbe!

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Ich kann das aber nicht beschreiben

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Das eine Mal sind es holländische Juden, und jetzt, das sind diesmal

 

Zeuge Fritz Gaar [unterbricht]:

Ich habe nur, was ich an dem Waggon gelesen habe. Ob die Leute auch daher waren? An dem Waggon stand es doch immer angeschrieben, da hat man es gelesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, was stand denn da?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Da stand, von Holland, holländischer Transport, nicht wahr. Und Franzosen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Stand da wörtlich: »holländischer Transport«?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein. Da stand nur – die Waggons, die sind doch bezeichnet: Paris oder Nancy

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Sie meinen die amtliche Aufschrift auf den Waggons?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Die amtliche Aufschrift dort habe ich gelesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und das dritte Mal waren das französische Waggons?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Das waren keine Waggons, sondern das waren Personenwagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und das hat sich genauso abgespielt wie die beiden ersten Male?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Und dann sagten Sie, Sie sind täglich in das Zigeunerlager gekommen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das heißt, nicht Zigeunerlager, sondern ich bin jeden Tag ins Magazin gefahren. Das ist die zweite Baracke von hier, vom Haupteingang. Und vis-á- vis war das Zigeunerlager. Ich konnte die jeden Tag beobachten. Beim Abladen hatte ich immer eine Stunde Zeit.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sehen Sie mal, Herr Gaar, hier ist dieser Eingang, wo das Bahngleis durchging. Haben Sie das mal gesehen?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Ja. Nein, das habe ich nie gesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das haben Sie nie gesehen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nie.

 

Staatsanwalt Kügler:

In welcher Zeit war denn das, wo Sie da hingefahren sind?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das war bis 42, also Ende 42.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bis 42. Keine Fragen.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Habe ich nie gesehen. Das ist mir vollständig neu, das Bahngleis.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie niemals einen Fernspruch mitbekommen, bei dem der Chef des Zentralamts genehmigt hat für einen Lkw nach Dessau zur Abholung von Material für »Sonderbehandlung«?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auf diesen Fernschreiben stand drauf: »Fahrgenehmigung ist dem Kraftfahrer mitzugeben«.

 

Zeuge Fritz Gaar:

Nein, habe ich nie von einem Fernschreiben gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und was auf Ihrem Fahrbefehl als Grund Ihrer Reise draufstand, wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Das kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Das sind jetzt 22, 23 Jahre her. Ich habe jeden Tag Fahrbefehl als Fuhrunternehmer, also da müßte ich ja... Das ist ja ausgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Fahrbefehle hat alle der Kommandant persönlich unterschrieben?

 

Zeuge Fritz Gaar:

Jawohl. Die ich hatte, die Fahrbefehle, die waren unten mit Höß unterzeichnet. Das weiß ich genau.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Raabe, Strodt? Herr Rechtsanwalt Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Keine.

 

Vorsitzender Richter:

Ich dachte, Sie hätten Wert drauf gelegt, daß dieser Zeuge vernommen würde. So ist mir jedenfalls gesagt worden.

 

Verteidiger Eggert:

Ich hatte ihn nicht benannt, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, das ist richtig.

 

Verteidiger Eggert:

Benannt worden ist der Zeuge von der Staatsanwaltschaft.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Eggert:

Und nachdem die Staatsanwaltschaft gewußt hat, was der Zeuge im Ermittlungsverfahren gesagt hatte, haben wir ja das Recht, uns diese Aussage im Ermittlungsverfahren auch noch bestätigen zu lassen.

 

Vorsitzender Richter:

Selbstverständlich, Herr Rechtsanwalt. Da diese Aussage aber nach meinem Dafürhalten nicht sehr ergiebig war, hatte ich angeregt, wir wollten auf diesen Zeugen verzichten. Und da ist mir gesagt worden, Sie würden nicht verzichten.

 

Verteidiger Eggert:

Ich hatte gar keine Gelegenheit, eine Erklärung abzugeben, weil ja auch der Herr Vertreter der Anklage nichts erklärt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was werden bezüglich der Beeidigung für Anträge gestellt?

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich beantrage, den Zeugen gemäß 60, Ziffer 3 unbeeidigt zu lassen.4

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich schließe mich an.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ebenfalls.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kein Antrag.

 

Vorsitzender Richter:

Kein Antrag. Unbeeidigt lassen, ja? Unbeeidigt lassen.

Es ergeht der Beschluß: Der Zeuge bleibt gemäß § 60, Ziffer 3 der Strafprozeßordnung unbeeidigt, da der Verdacht besteht, daß er sich an den Taten, die den Angeklagten zur Last gelegt werden, beteiligt hat.5 Gegen die Entlassung

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Otto Emil Reinicke.

2. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 17.10.1961 in Hardegsen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 55, Bl. 10.305c.

3. Die Krematorien in Birkenau wurden in der Zeit von März bis Juni 1943 »in Betrieb« genommen.

4. StPO § 60, Abs. 3: »Von der Vereidigung ist abzusehen (...) 3. bei Personen, die der Tat, welche den Gegenstand der Untersuchung bildet, oder der Beteiligung an ihr oder der Begünstigung oder Hehlerei verdächtig oder deswegen bereits verurteilt sind.«.

5. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 28.08.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 101, Bl. 645.

 

 
 
 
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