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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

101. Verhandlungstag, 16.10.1964

 

Vernehmung des Zeugen Arie Fuks und Fortsetzung der Vernehmung der Zeugin Anna Palarczyk

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß ich Ihre Aussage auf ein] Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Arie Fuks:

Bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Fuks, Sie heißen mit Vornamen Arie, haben Sie bereits gesagt, sind 39 Jahre alt. Sind Sie schon 39 geworden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. 39 Jahre alt. Von Beruf?

 

Zeuge Arie Fuks:

Kaufmann.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Arie Fuks:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohnen in Idar-Oberstein?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Fuks, Sie sind 1942 verhaftet worden, und zwar wo haben Sie damals gewohnt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Maków.

 

Vorsitzender Richter:

In Maków.

 

Zeuge Arie Fuks:

Im jetzigen Polen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kamen dann zunächst in das Ghetto in Maków und wurden wann nach Auschwitz transportiert?

 

Zeuge Arie Fuks:

1942, im Dezember.

 

Vorsitzender Richter:

Im Dezember 1942, zusammen mit Ihren Eltern.

 

Zeuge Arie Fuks:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Der Vater ist ebenfalls ins Lager eingeliefert worden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns einmal erzählen, wie Sie dort hingekommen sind? Sind Sie mit einem Eisenbahnzug dort hingekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, mit einem Güterzug. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und wo ist der Zug ausgeladen worden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Auf der Alten Rampe noch in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Noch in Auschwitz. Und wissen Sie, wer damals von SS-Angehörigen dabei war bei dieser Ausladung?

 

Zeuge Arie Fuks:

An diesem Abend kannte ich ja noch keinen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kannten noch keinen. Sie haben auch nachher nicht irgendeine Person feststellen können, die bei dieser Tätigkeit dabei war?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, weil zwei Wochen später habe ich selber auf der Rampe gearbeitet, im Aufräumungskommando.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind vermutlich – wie es uns schon wiederholt geschildert worden ist – geteilt worden in diejenigen, die ins Lager gingen, und die, die nicht ins Lager gingen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und von Ihrer Mutter haben Sie seit dieser Zeit nichts mehr gesehen

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und gehört? Sie kamen dann ins Lager und haben welche Nummer bekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

81.454.

 

Vorsitzender Richter:

81.454. Wo wurden Sie denn dann hingeführt, nachdem Sie ausgeladen waren?

 

Zeuge Arie Fuks:

In das alte Frauenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ins alte Frauenlager, im Stammlager Auschwitz?

 

Zeuge Arie Fuks:

Zur der Zeit war das das Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Zwei Hälften waren es.

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager Auschwitz I?

 

Zeuge Arie Fuks:

Jawohl. In Block 12.

 

Vorsitzender Richter:

Block 12. Und wie lange blieben Sie dort?

 

Zeuge Arie Fuks:

Eine Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Nacht. Und kamen dann wohin?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nachher in den 2. Block. Ich kann mich nicht entsinnen, wie der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auch in Auschwitz I?

 

Zeuge Arie Fuks:

Genau, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht nach Birkenau?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nicht Auschwitz I, Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, sehen Sie, sind Sie nach Birkenau gekommen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und in Birkenau, da wissen Sie nicht mehr, wo Sie da untergebracht worden sind?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war Block 13, glaube ich, genau kann ich es nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Lager?

 

Zeuge Arie Fuks:

In Birkenau.1

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Zu dieser Zeit war das große Lager noch nicht entstanden. Es stand noch eine Hälfte vom Frauenlager. Und die zweite Hälfte war Männerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

In derselben Nacht sind wir in das Männerlager gekommen, nicht nach Auschwitz I, sondern nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, von der Rampe aus?

 

Zeuge Arie Fuks:

Von der Rampe direkt, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich hatte Sie doch gerade

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Wir sind zu Fuß marschiert bis nach Birkenau im Lager I.

 

Vorsitzender Richter:

So. Also in Auschwitz im Hauptlager waren Sie gar nicht?

 

Zeuge Arie Fuks:

In Auschwitz war ich nicht. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie kamen also nach Birkenau und wurden dann eingeteilt zu welcher Beschäftigung?

 

Zeuge Arie Fuks:

Zu dieser Zeit sind wir die ganze Nacht im Block 12 gewesen, der wurde genannt der Quarantäneblock. Der Blockälteste hat geheißen Pinkus. Wir mußten damals alle Klamotten ablegen, und dann sind wir in die »Sauna« zum Waschen gegangen, nachts, und zur Ankleidung. Da haben wir damals die Streifenkleider gekriegt und ein Paar holländische Holzschuhe. Am nächsten Morgen bin ich eingeteilt worden zum Dachdeckerkommando. Der Kapo hat geheißen Olek, wie ich mich entsinnen kann. Er war ein Pole aus Warschau. Und die Arbeit war nicht so schwer die erste Zeit, aber durch andere Umstände bin ich in das Aufräumungskommando gekommen erst eine Woche später oder zwei Wochen später.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist das sogenannte »Kanada«-Kommando?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja. Und da habe ich meinen Vater zum ersten Mal gesehen. Da war er auch noch in dem alten Lager im »Sonderkommando« bei der Verbrennung. Und da hat mein Vater damals zu mir gesagt: »Von der Mutter brauchst du keine«...

 

Vorsitzender Richter:

Keine Hoffnung mehr zu haben.

 

Zeuge Arie Fuks:

»Keine Hoffnung zu haben«, sagte er, »ich habe die Stiefel von ihr gefunden.« Und dann hat er zu mir gesagt: »Junge, sieh, daß du weiterkommst mit deinen eigenen Kräfte, ich kann zu dir nicht raus.« Vater war noch jung, kräftig. Wir sind Metzger von zu Haus. Und dann habe ich gesehen, daß ich in das Aufräumungskommando komme, weil dort, hat jeder gesagt, gibt es wenigstens was zu essen. Das hat auch gestimmt. Aber die Laufschrittarbeit jeden Tag – wir durften ja nicht gehen, wir mußten ja im Laufschritt alles machen. Da haben wir in der ersten Zeit noch auf der Alten Rampe gearbeitet. Nachher ist eine neue Rampe gebaut worden. Als das d-Lager entstanden ist, sind wir alle mit dem Kommando rübergerückt in das d-Lager. Das war a, b, glaube ich, c, d und das Zigeunerlager. Nachher kamen schon die Krematorien, die »Sauna«, die Effektenkammer, so wurde das genannt. Und in dem Aufräumungskommando bin ich bis Ende 1944 geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind Sie dann 44 weggekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nach Tailfingen bei Stuttgart.

 

Vorsitzender Richter:

Und von dort aus sind Sie dann...

 

Zeuge Arie Fuks:

Nach Dautmergen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo sind Sie befreit worden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Altshausen beim Bodensee.

 

Vorsitzender Richter:

Am Bodensee. Nun, Herr Fuks, Sie sind also zum Effektenkommando gekommen, und was hatten Sie dort für eine Aufgabe?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich hatte die Aufgabe, die Transporte auszuladen, die Pakete der Häftlinge zusammenzustellen. Wir durften mit denen überhaupt nicht in Kontakt kommen und sprechen. Das heißt, in Kontakt mußten wir ja sein mit denen. Aber wir durften mit keinem von den mit den Transporten Angekommenen sprechen. Wir mußten nur sehen, daß die Leute aus den Waggons aussteigen, sie alles, was sie mitgebracht haben, liegenlassen, die ganzen Pakete. Und wenn die nach vorne gegangen sind, da sind die in zwei Kolonnen gestellt worden: eine Kolonne nach links, eine Kolonne nach rechts, Frauen extra, Männer extra. Da stand der bekannte Doktor Mengele, und der hat die Selektionen durchgeführt. Rechts mit dem Finger mußten die ins Arbeitslager gehen und links mit dem Finger, das war die Vergasung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun Herr Zeuge, wenn ein Transport ankam, wer hat denn dann zum Beispiel die Waggons geöffnet?

 

Zeuge Arie Fuks:

Mit uns waren noch viele verschiedene SS-Leute. Aber geöffnet haben wir meistens.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben meistens geöffnet. Und wer hat dann den Häftlingen befohlen auszusteigen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gesagt. Sie sollten aussteigen, und dann sind die Leute auch ausgestiegen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat dann zu den Leuten gesagt, wie sie sich aufstellen sollten?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war uns schon im voraus gesagt worden von den SS-Leuten, wie die Leute sollen gehen: einmal Frauen links, einmal Frauen rechts. Es war verschieden, weil wir am Tage gearbeitet haben und nachts gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie haben dann auch dafür gesorgt, daß die Leute sich so aufgestellt haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, nicht ganz. Wir durften nur sagen: »Bitte rausgehen«, und dann sind sie von den SS-Leuten aufgestellt worden. Und wir mußten nur die Pakete nachher zusammensammeln und aufladen auf die Wagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, können Sie sich noch an Leute entsinnen, die damals diese Entscheidung getroffen haben, wer links und wer rechts aussteigen mußte.

 

Zeuge Arie Fuks:

Dem Namen nach – die Wahrheit gesagt – nicht viele: Effinger, das war unser Kommandoführer.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch

 

Zeuge Arie Fuks:

Sawatzki.

 

Vorsitzender Richter:

Was der für einen Rang gehabt hat, der Kommandoführer?

 

Zeuge Arie Fuks:

Unterscharführer war er.

 

Vorsitzender Richter:

Unterscharführer. Effinger, Sawatzki – waren auch Ärzte dabei? Sie sagten eben: Doktor Mengele.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, das war der Chef von der Rampe bei uns.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also es kann ja schließlich nur einer bestimmt haben, wer dahin geht und wer dahin geht, oder waren das mehrere?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, nein, nein. Neben ihm standen sehr viele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Aber die Entscheidung hat er selber getroffen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun war er ja auch bestimmt nicht immer da, bei jedem Transport?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nach meiner Erinnerung beinahe bei jedem, ob Nacht, ob Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Waren keine anderen Ärzte noch da?

 

Zeuge Arie Fuks:

Vertretungen von ihm waren schon da, aber die Namen kann ich heute nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Was geschah denn nun mit den Personen, die nicht gehen konnten, oder mit Kindern oder so?

 

Zeuge Arie Fuks:

Für die Kinder und die alten Leute, die nicht gehen konnten, ist der Kipper reingefahren, die sind aufgeladen worden auf den Kipper. Und nachher, wenn er zurückgekommen ist, der Fahrer – den Namen kann ich nicht sagen –, hat er gesagt: »Die sind schnell fertig.« Weil die hat man selten ins Krematorium gebracht, da waren Fälle, daß wir selber mußten mitfahren.

Ein Beispiel: Es kam [+ ein Transport] aus Lettland 19432, das war zum Winter zu. Da sind wir an die Waggons ran, und wir wollten die Türen aufmachen. Und da ist ein Gestank rausgekommen, so als wäre die Pest da drin gewesen. Da ist Mengele herumgelaufen und hat gesagt: »Alle SS zurückziehen.« Da haben wir die Waggons aufgemacht. Da waren die unterwegs, keiner konnte ja damals von denen reden, da waren noch etliche, die noch etwas geatmet haben. Da waren die, wie man sagt, wie Leichen schon, »Muselmänner«. Und da hat er alle SS zurückziehen müssen, weil der Gestank war so groß, daß wir auch selber nicht reingehen konnten. Die sind direkt verladen worden auf die Wagen und gleich ins Krematorium gebracht worden, das heißt, in den Graben bei dem Krematorium III abgeladen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie da mitgefahren?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, da mußten wir mitfahren damals.

 

Vorsitzender Richter:

Und die sind nicht vergast worden, sondern gleich in den Graben

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Direkt in den Graben geschüttet.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren da noch Leute dabei, die gelebt haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Herr Zeuge, wer war denn im »Kanada«-Lager Ihr Vorgesetzter? Sie haben eben schon zwei Namen genannt.

 

Zeuge Arie Fuks:

Im »Kanada«-Lager?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Es war ja kein »Kanada«-Lager da, »Kanada« hat nur das Kommando geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

»Kanada«-Kommando.

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war ein Spitzname für das Kommando.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das war doch oben in der Nähe der Krematorien?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, wir waren im d-Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie geschlafen, will ich mal sagen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber diese Effekten, die Sie den Leuten abgenommen haben, die sind doch irgendwo sortiert worden.

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir haben sie nur sortiert auf der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie dann hingefahren mit den Sachen?

 

Zeuge Arie Fuks:

In die Effektenkammer.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war die Effektenkammer?

 

Zeuge Arie Fuks:

Die Effektenkammer war neben der »Sauna«, das heißt neben den Krematorien.

 

Vorsitzender Richter:

Neben den Krematorien.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie selbst in den Krematorien einmal mitgearbeitet?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie auch nicht bei den Leuten, die das Gepäck aus diesen Auskleideräumen herausgeholt haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir waren ein paarmal dort zur Sortierung. Wenn wir nichts zu tun gehabt haben auf der Rampe, es waren keine Transporte angemeldet, mußten wir in der Effektenkammer mitarbeiten bei der Sortierung der Kleidung und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie einmal in Auschwitz in den Arrestblock gekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein. Ich war nur im Bunker, aber in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. In dem Bunker. Wo war denn der Bunker in Birkenau?

 

Zeuge Arie Fuks:

Im Block 11, in der SK-Kammer.

 

Vorsitzender Richter:

In der Strafkompanie?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die hatten einen Block, das war also im Lager d?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, das war so eine Abgrenzung. Bei uns hat man das genannt: Bunker.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Da sind Sie mal reingekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nach drei Tagen bin ich rausgekommen, das war mein Glück.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dort in Auschwitz irgendwelche von diesen Angeklagten kennengelernt, die heute hier vor uns sitzen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Auf der Rampe habe ich kennengelernt den Sawatzki, daran kann ich mich entsinnen. Dem Name nach kann ich jetzt nicht genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Die Namen sind mir aus dem Kopf heraus.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie Hofmann oder Baretzki kennengelernt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Hofmann war unser Lagerführer.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Lagerführer.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie auch Baretzki kennengelernt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, zufälligerweise.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso zufällig? Wie kam das?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich hatte [+ einen Kameraden] von meiner Stadt, der hat Gromp geheißen. Und einmal wollte er flüchten, und da haben sie ihn erwischt. Da ist er damals verurteilt worden zum Tod durch Erhängen, bei der Küche. Das ist da, wenn man vom d-Lager rausging, auf der rechten Seite. Ich kann mich noch entsinnen an das Bild, wie Baretzki ihm das zweite Mal den Strick um den Hals gebunden hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ist zum ersten Mal der Strick gerissen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Baretzki hat ihm beim zweiten Mal den Strick um den Hals?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie hieß der Mann?

 

Zeuge Arie Fuks:

Gromp.

 

Vorsitzender Richter:

Gromp. Wissen Sie noch seine Häftlingsnummer?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, kann ich leider nicht sagen. Enoch Gromp.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten mal gemeint, das wäre so um die Nummer 81.400 herum.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, weil er mit unserer Transport gekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer den da verurteilt hat zum Erhängen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, das kann ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren da außer dem Baretzki noch andere Leute, die sich bei dieser Exekution beteiligt haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Es waren immer welche da, aber die Namen weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie nun, daß das gerade Baretzki war, der diesem Mann den Strick um den Hals gehängt hat?

 

Zeuge Arie Fuks:

Weil wir sind damals zur Exekution hingegangen. Wir mußten ja hingehen. Da hat noch damals einer von den SS-Leuten gesagt: »Der Baretzki macht das schon.«

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie gehört?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie vorher den Baretzki nicht gekannt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch nicht gesehen gehabt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Bis damals nein. Weil wir sind nur auf dem Block rein und raus. Wir waren ja beschäftigt Tag und Nacht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie mußten aber doch zum Appell gehen, zum Beispiel.

 

Zeuge Arie Fuks:

Zum Appell bin ich jeden Tag gegangen. Bei uns hat der Rapportführer Schillinger abgenommen den Appell. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Schillinger. Und da haben Sie den Baretzki nicht dabei gesehen bei dem Appell?

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir standen ja im letzten Block unten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Unser Kommando lag ja im 31. Block.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Baretzki auch auf der Rampe gesehen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das kann ich jetzt nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie der Baretzki damals ausgesehen hat, können Sie uns ihn mal ein bißchen näher schildern vielleicht?

 

Zeuge Arie Fuks:

Herr Vorsitzender, es ist 21 Jahre her.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie nicht machen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Durch meine Kopfverletzungen kann ich leider nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben eine Kopfverletzung?

 

Zeuge Arie Fuks:

Leider, in Auschwitz erlitten.

 

Vorsitzender Richter:

Und was ist das für eine Verletzung?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war ein Sonntag. Wir sollten Ruhetag haben. Auf einmal hat es geheißen, um sieben Uhr früh muß das ganze Lager antreten. Und da sind wir alle angetreten. Wir haben geglaubt, es ist nur ein einfacher Appell. Und da hat es geheißen: Wegen dem Dreck in dem Lager müssen wir die Planierung fertigmachen. Und weil keine Wagen da waren, mußten wir zu der Kiesgruben rennen. Wir mußten die Jacken umdrehen, an zwei Seiten festhalten und den ganzen Weg von der Kiesgrube bis zur Planierung in dem d-Lager. »Mexiko«-Lager hat das geheißen, von der linke Seite. Den ganzen Weg zwischen den zwei Lagern mußten wir die Planierung fertigmachen.

Da ist das ganze Lager damals zu dieser Zeit rausgejagt geworden. Da standen die alle da in zwei Reihen mit Knüppeln in der Hand. Wer nicht ein bißchen schneller gelaufen ist, der hat den Knüppel über den Kopf gekriegt. Zu dieser Zeit habe ich noch Glück gehabt, daß ich nur einmal oder zweimal eins abgekriegt habe. Die Verletzung ist ja noch hier hinten da. Damals haben wir verloren Häftlinge den Tag nicht viel, aber um die 800 bestimmt, die an diesem Tag gestorben sind. Weil das ganze Lager war draußen.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei dieser Gelegenheit haben Sie eine Kopfverletzung abbekommen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Eine ganz schwere.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie können uns heute keine Schilderung mehr geben von dem Baretzki, auch nicht, wie er äußerlich angezogen war, was er für eine Mütze aufgehabt hatte oder so?

 

Zeuge Arie Fuks:

Die Mützen haben ja gewechselt ab und zu.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben ab und zu gewechselt. Ja, ist noch eine Frage zu stellen? Bitte sehr.

Richter Perseke:

Wissen Sie, wann die Rampe in Birkenau fertig geworden ist?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, genau kann ich Ihnen das nicht sagen.

Richter Perseke:

Wissen Sie, wie viele Eisenbahngleise auf dieser Rampe waren?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nach meiner Erinnerung, glaube ich, zwei.

Richter Perseke:

Können es auch drei gewesen sein?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen jetzt.

Richter Perseke:

Wissen Sie noch, nach welcher Seite die Häftlinge ausgestiegen sind auf der Rampe von Birkenau?

 

Zeuge Arie Fuks:

Immer nach links runter.

Richter Perseke:

Ja, in welche Richtung? Wenn Sie sich vielleicht die Rampe mal ansehen?

 

Vorsitzender Richter:

Gehen Sie vielleicht mal hin.

Richter Perseke:

Unten ist das Lagertor, und oben sind die Krematorien.

 

Zeuge Arie Fuks:

Die ganzen Transporte kamen von hier herein. Und da sind die hier raufgefahren, ab und zu in der Mitte, ab und zu hier. Da war das ganze Männerlager, so wie ich gesagt haben, a, b, c bis Zigeunerlager. Das ist das alte Frauenlager, und das ist das Frauenlager, wo wir mal abgestiegen sind. Das war hier. Da sind die raus und zu dieser Seite sind alle abgestiegen, nach der [unverständlich]

Richter Perseke [unterbricht]:

Also nach der rechten Seite, in Richtung Krematorium gesehen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, hier zum Beispiel, es kann möglich sein, daß es war hier oder hier. Genau kann ich das jetzt nicht sagen nach der Karte. Da stand immer die ganze SS-Gruppe für die Selektion bereit. Hier an dieser Hecke standen die Posten oben, und da sind noch Posten rumgelaufen von hier, die ganze Zeit mit Hunden. Wenn die Transporte gekommen sind, da waren mindestens acht bis zehn Posten mit Hunden, die bewacht haben von beiden Seiten.

Wir durften nicht rübergehen an diese Seite. Wir mußten immer auf der Seite bleiben. Bei den meisten Nachttransporten, wenn wir abgeladen haben, da mußten die Männer rechts stehen und die Frauen links stehen. Das war nur bei den Theresienstädter Transporten, als wir von Theresienstadt abgeladen haben: Die Familien durften zusammen sein. Und die sind reingekommen, wenn ich mich entsinnen kann, in das c-Lager, mit der Familie. Das war das einzige Mal, als die Frauen durften mit den Männer und Kinder zusammenstehen.

Richter Perseke:

Ja, b-Lager wird das wohl gewesen sein. Das Theresienstädter Lager.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, b-Lager.

Richter Perseke:

B-Lager, ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, stimmt, ganz genau, weil das c-Lager war von [unverständlich]

Richter Perseke [unterbricht]:

Das war für ungarische Frauen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ungarische, ja.

Richter Perseke:

Und kam der Zug nun auf dem rechten Geleis an oder auf dem linken Geleis? Wissen Sie das noch?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen heute.

Richter Perseke:

Das wissen Sie nicht mehr. Und halten Sie es für ausgeschlossen, daß auch die Häftlinge manchmal nach links ausgestiegen sind, nach dem Frauenlager zu?

 

Zeuge Arie Fuks:

Hier?

Richter Perseke:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

An den Fall kann ich mich nicht erinnern.

Richter Perseke:

Den haben Sie nicht erlebt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein.

Richter Perseke:

Kam es vor, daß der Zug sofort wieder rausgeschoben worden ist, wenn der Transport ausgestiegen war?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, in vielen Fällen bei den ungarischen Transporten von Munkacs.

Richter Perseke:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Wenn die gekommen sind, da war angemeldet um zwölf Uhr Mitternacht einer, und dann mußten wir so schnell ausladen, weil der zweite Transport schon unterwegs stand. Manchmal haben wir auch von Frankreich sogar zwei Transporte in der Nacht gekriegt. Einen am Abend und einen gleich am frühen Morgen.

Richter Perseke:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sind sonst noch Fragen des Gerichts? Herr Staatsanwalt. Wollen Sie wieder Platz nehmen, Herr Zeuge.

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Nehmen Sie bitte wieder Platz. Sie haben vorhin erwähnt, der Angeklagte Hofmann sei ihr Lagerführer gewesen. Können Sie sich erinnern, ob Sie Hofmann auch auf der Rampe gesehen haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, viele Male sogar. Ich kann mich noch entsinnen, wie er angezogen war. Zufälligerweise war er ein großer Mann, hat einen Mantel angehabt mit immer so einem großen Pelzkragen. Den habe ich zufällig gesehen, auch wenn Höß auf der Rampe war. Da war er, glaube ich, auch dabei damals.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und welche Tätigkeit hatte Hofmann dort auf der Rampe?

 

Zeuge Arie Fuks:

Der ist gestanden, hat bei allem zugeguckt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hat er die Selektion überwacht, oder wie soll ich Sie verstehen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das heißt, wenn er dort war, hat er ja eine Tätigkeit gehabt auf der Rampe, das war ja eine Selbstverständlichkeit. Er war ja schließlich der Lagerführer.

 

Staatsanwalt Vogel:

Eben.

 

Zeuge Arie Fuks:

Aber der Hofmann hat viele Selektionen mitgemacht vom Block 7, die »Muselmänner«.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich spreche jetzt zunächst nur mal von den Selektionen auf der Rampe.

 

Zeuge Arie Fuks:

Auf der Rampe, selbstverständlich war er da.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagen, er war viele Male da.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie oft? War es regelmäßig bei jedem Transport, oder?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein. Da kann ich sagen nein. Nicht regelmäßig. Aber der Hofmann war immer da, wenn wir ausmarschiert und einmarschiert sind.

 

Staatsanwalt Vogel:

Beim Ein- und Ausmarsch aus dem Lager?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo war er da?

 

Zeuge Arie Fuks:

Im Zimmer vorne an der Schreibstube.

 

Vorsitzender Richter:

An der Blockführerstube vorne.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber der Herr Staatsanwalt wollte ja wissen, ob er auf der Rampe gewesen ist.

 

Zeuge Arie Fuks:

Auf der Rampe war er ein paarmal da, ja. Genau kann ich ja jetzt nicht sagen, wie viele Male.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Er war jedenfalls so oft da, daß Sie das heute in Erinnerung haben.

 

Zeuge Arie Fuks:

Sehr gut sogar.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie hätten ihn sehr oft da gesehen. Sie meinten eben dann noch, daß er auch Selektionen im Lager ausgeführt hat?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, das stimmt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Könnten Sie das dem Gericht mal näher beschreiben, wie das vor sich gegangen ist?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, die Selektionen im Lager waren alle paar Monate, alle zwei, drei Monate von allen Blocks. Aber jede Woche war das von Block 7. Weil die ganzen »Muselmänner«, die auf den Kommandos nicht arbeiten konnten, die mußten in Block 7. Das hat für die geheißen: Erholungsblock. Aber der wurde Totenblock genannt. Wer dort reingekommen ist – dann ist der Wagen vorgefahren, wir wußten ja nicht wann und wie, und die sind aufgeladen worden, und man hat sie ins Krematorium reingeschafft.

 

Staatsanwalt Vogel:

Konnten Sie feststellen, in welcher Art und Weise Hofmann dabei beteiligt war? Hat er Anordnungen erteilt, hat er die Auswahl selbst getroffen, oder hat er den Abtransport der Häftlinge überwacht?

 

Zeuge Arie Fuks:

Der war ja dort bei den Selektionen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Er war dabei.

 

Zeuge Arie Fuks:

Er war dabei.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wer war außer ihm noch dabei? Ein Arzt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen, sehr schwer zu sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Da können Sie nicht...

 

Zeuge Arie Fuks:

Genau den Namen kenne ich nicht, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich meine, war er der höchste SS-Mann?

 

Zeuge Arie Fuks:

Im Lager, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und auch im Block 7 bei den Selektionen der »Muselmänner«?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja. Nach seiner Verordnung ist ja alles gegangen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagen, nach seiner Verordnung. Haben Sie selbst im Block 7 einmal Derartiges feststellen können?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, ich habe nur rausgenommen drei Häftlinge vom Block 7 zu dieser Zeit. Die kamen aus meiner Stadt, die leben heute in Amerika zufälligerweise. Piekarczyk: Da ist er von Jawischowitz mit einem Transport angekommen, dann sind die zu mir reingekommen und haben gesagt: »Leo, der Piekarczyk ist angekommen.« Sein Vater war sehr reich bei uns und sehr angesehen in der Stadt. Habe ich gesagt: »Ja, aber wie kann man ihm helfen? Da muß man ihn rübernehmen auf den 2. Block.« Sagt er: »Das wird schwer gehen.«

Und bei den Beziehungen, die wir hatten – wir haben ja Essen reingeschmuggelt ins Lager und so weiter, Wurst, alles aus den Paketen, was wir eingestellt haben, reinzunehmen –, da konnten wir auch mit dem Kazik von der Schreibstube ausmachen, daß er den zweiten von dem »Muselmänner«-Block überschreibt auf den 31. Block. Da hat man ihn damals rausgenommen, sonst wäre er auch umgekommen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Bezüglich des Angeklagten Baretzki erwähnten Sie vorhin, daß er bei der Erhängung eines Häftlings aktiv beteiligt gewesen sei.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, das stimmt auch.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wie war das, Sie sagten – habe ich Sie richtig verstanden –, der Strick ist zunächst gerissen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Beim ersten Mal ist der Strick gerissen, weil der ein schwerer Junge war. Und beim zweiten Mal hat ihm der Baretzki selber den Strick noch mal umgelegt, und dann wurde er aufgehängt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hat er auch den ersten Strick dem Häftling um den Hals gelegt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das kann ich nicht sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber mit Sicherheit wissen Sie noch, daß er es beim zweiten Mal war?

 

Zeuge Arie Fuks:

Beim zweiten Mal weiß ich es ganz genau.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke schön.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Fuks, war der Sawatzki später Arbeitsdienstführer, wissen Sie da etwas?

 

Zeuge Arie Fuks:

Der Sawatzki war bei uns auf der Rampe tätig. Ich kann mich nicht entsinnen, ob er Oberrottenführer oder Rottenführer war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Der war zu der Zeit mit auf der Rampe, und nachher war Sawatzki im Zigeunerlager tätig gewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er war im Zigeunerlager.

 

Zeuge Arie Fuks:

Und dadurch bin ich mit dem Unterkapo Berliner – wenn keine Transporte da waren – eingeteilt worden, in der Effektenkammer, im Zigeunerlager zu arbeiten. Das war die erste Baracke von links. Als wir reingekommen sind, war dort die Bekleidung. Und da mußten wir jeden Tag mit drei Personen dort rübergehen. Ich kann mich noch gut entsinnen, daß der Sawatzki damals auch im Zigeunerlager tätig gewesen ist.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ich möchte jetzt nur noch mal versuchen, die Zeit festzustellen, während derer Sie bei diesem »Kanada«-Kommando waren. Das fing also wohl 1943 im Frühling an, ja?

 

Zeuge Arie Fuks:

Noch früher.

 

Staatsanwalt Kügler:

Noch früher. Sie sagten, Sie sind im Dezember 42 gekommen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Und zwei Wochen später war ich schon im Aufräumungskommando tätig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Noch im Januar 1943.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und nun sind Sie 1944 von Auschwitz weggekommen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wann – wenn Sie sich zu erinnern versuchen – haben Sie das letzte Mal in dem »Kanada«-Kommando gearbeitet?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich glaube, es war November. Genau kann ich es nicht sagen. Es kann gewesen sein genau November, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

November 1944?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben also noch die großen Ungarn-Transporte mitgemacht.

 

Zeuge Arie Fuks:

Alle mitgemacht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie aufgrund der Beobachtungen, die Sie gemacht haben, zuverlässig etwas darüber sagen, wie lange sie gedauert hat, diese Ungarn-Aktion? Wann sie angefangen hat und wann sie zu Ende war? Oder läßt sich das nicht auseinanderhalten, weil möglicherweise Transporte aus anderen Ländern dazwischen waren?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das stimmt ganz genau. Zwischen den ungarischen Transporte kamen auch aus verschiedenen Lagern Tran sporte, sogar noch aus Polen kamen Transporte, aus Łódź. Ich glaube, ein griechischer Transport ist auch noch zwischen denen gekommen, aus Athen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, mit den Juden aus Athen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Und wir hatten aus Riga, glaube ich, auch zwei Transporte dazwischen. Und aus Warschau noch einen Transport. Ja, das kann damals gewesen sein, als der Rapportführer vom d-Lager, Schillinger, getötet wurde. In dieser Nacht, als er erschossen geworden ist.3

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren Sie dabei, als der Schillinger erschossen wurde?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, er ist erschossen worden im Krematorium, in dem Vorraum, Bunker hat man das genannt. Wir haben das 20 Minuten später auf der Rampe erfahren durch den Unterscharführer Effinger.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und was hat der Ihnen erzählt?

 

Zeuge Arie Fuks:

Damals hat er erzählt, die Frau habe geheißen Plotka.

 

Staatsanwalt Kügler:

Die kam mit einem Transport an.

 

Zeuge Arie Fuks:

Mit einem Warschauer Transport. Sie war Tänzerin von Beruf oder so was. Und da hat er zu ihr gesagt: »Zieh dich aus!« Hat sie gesagt: »Ich habe mich noch nie vor einem Mann ausgezogen.« Da hat er die Pistole rausgenommen und hat ihr gedroht: »Wenn du dich nicht ausziehst, erschieße ich dich.« Sie war so schnell, sagt man, daß sie ihm die Pistole aus der Hand genommen und ihn erschossen hat. Und da war noch ein Unterscharführer, ein ganz dicker – an den Namen kann ich mich nicht entsinnen –, den hat sie auch noch verletzt, am Bein.4

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Herr Zeuge, jedenfalls die Zeit der Ungarn- Transporte, ist sie Ihnen deshalb in Erinnerung, weil es überwiegend Transporte aus Ungarn waren?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Eine zahlenmäßige Feststellung, haben Sie das machen können, oder haben Sie da eine ungefähre Vorstellung, wie viele Ungarn das insgesamt gewesen sein mögen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wie groß waren denn die Transporte, waren die unterschiedlich, von unterschiedlicher Größe?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, ja, das kann man sagen. Es waren Transporte zu 500, zu 800 Mann.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was waren denn die größten?

 

Zeuge Arie Fuks:

In einer Nacht hatten wir einen ganz großen. Aber wie groß die Zahl damals war, kann ich nicht sagen. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie eine Erinnerung daran, wie viele Transporte Sie mal innerhalb 24 Stunden abgefertigt haben, in der Zeit, als die Ungarn-Transporte kamen?

 

Zeuge Arie Fuks:

In 24 Stunden kann ich nur sagen: Inzwischen ist auch ein russischer Transport gekommen mit russischen Gefangenen, nachts. Ich glaube, wir konnten abfertigen in einer Nacht bis morgens zwei Transporte, das heißt von Mitternacht. Wenn um zwölf Uhr der Transport angekündigt worden ist, waren bis sechs, halb sieben zwei Transporte fertig.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie eine Beobachtung darüber machen können, ob auch Nicht-Juden mit Transporten kamen – Sie sprachen beispielsweise eben von russischen Kriegsgefangenen – und ob die auch in die Gaskammern gebracht wurden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, das kann ich wohl sagen. Das habe ich selber miterlebt, wie man sie von der Rampe runtergenommen hat und sie zu Fuß

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Wer war das? Von welchen Männern

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Russische Gefangene waren das.

 

Staatsanwalt Kügler:

Russische Gefangene.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja. Die Zahl kann ich jetzt nicht sagen, wieviel die waren. Aber am nächsten Morgen, als wir ins d- Lager gekommen sind, da hat einer den anderen schon gefragt: »Sind die heute nacht reingekommen? Auf welchem Block sind die?« Die sind vom Erdboden verschwunden, bis das »Sonderkommando« reinkam, und dann haben sie zugegeben, daß die russischen Gefangene vergast worden sind.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren die noch in Uniform?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, alles. Die haben so Decken gehabt. Jeder hat noch so eine Decke gehabt, die mit so einem Zipfel gebunden waren. Daran kann ich mich noch entsinnen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Wissen Sie, wann das war?

 

Zeuge Arie Fuks:

Genau kann ich es Ihnen nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

War das noch auf der Alten Rampe oder schon

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Nein, nein, das war auf der Neuen Rampe.

 

Staatsanwalt Kügler:

1944 oder 43.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich noch erinnern, von wo die Transporte kamen, als Sie Anfang 1943 auf der Rampe tätig waren?

 

Zeuge Arie Fuks:

1943 kamen die meisten Transporte noch aus Polen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aus Polen. Polnische Juden?

 

Zeuge Arie Fuks:

Polnische Juden. Und dann kamen sie aus Belgien. Und dann kamen sie aus Frankreich. Nachher kamen sie aus Griechenland, Riga, Lettland.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wo kamen denn die letzten her im Anschluß an die Ungarn-Aktion?

 

Zeuge Arie Fuks:

Die Theresienstädter.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das waren die Theresienstädter?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das waren also Juden aus Mitteleuropa?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, Theresienstadt, und wir haben uns alle gewundert, wieso die auf einmal mit den Familien ins Lager kommen dürfen. Aber wir wußten nicht, was das heißen sollte. Wir haben selber gestaunt manchmal.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke sehr.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul. Die Verteidigung: Herr Rechtsanwalt Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, Sie sprachen von der »Sauna«: Wann haben Sie erstmalig die »Sauna« durch Ihre Tätigkeit gesehen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Als ich angekommen bin im Lager.

 

Verteidiger Gerhardt:

Zeitlich, ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Im Dezember.

 

Verteidiger Gerhardt:

42?

 

Zeuge Arie Fuks:

Jawohl.

 

Verteidiger Gerhardt:

Am Krematorium oben, im »Kanada«-Lager?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, nein, das war im Lager direkt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Im d-Lager?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Nein.

 

Zeuge Arie Fuks:

Nicht im d-Lager, pardon, im alten Lager5.

 

Verteidiger Gerhardt:

Sie sprachen doch vorhin von einer »Sauna« in der Nähe des »Kanada«-Lagers.

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war eine andere »Sauna«, wenn die großen Transporte gekommen sind.

 

Verteidiger Gerhardt:

Richtig, Herr Zeuge. Und ich frage Sie, wann haben Sie diese »Sauna« erstmalig gesehen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das erste Mal vielleicht vier Monate später, als ich tätig war auf der Rampe.

 

Verteidiger Gerhardt:

Kann ich also daraus entnehmen, daß es noch 1943 war? Sie begannen doch Ihre Tätigkeit 1943 in diesem Kommando.

 

Zeuge Arie Fuks:

Genau kann ich es nicht sagen jetzt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Können Sie sich noch aufs Jahr festlegen, wenn Sie noch mal den Beginn Ihrer Tätigkeit

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Ob das war vier Monate später oder später? Ich kann nur eines sagen: daß ich dort tätig war in der Effektenkammer für die Bekleidung. Nein, das war später. Das war später als 43. Ich war 44 dort, pardon.

 

Verteidiger Gerhardt:

44?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja, ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

Welche SS-Leute kannten Sie noch, die Blockführer waren im d-Lager? Außer den hier genannten Baretzki, Sawatzki, Effinger? Ich weiß nicht, ob das Blockführer waren, ich will mal konkret wissen: Kannten Sie noch Blockführer?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich kannte sehr viele, aber die Namen kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Kannten Sie auch einen Blockführer namens Koretzki, mit K?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, kenne ich nicht.

 

Verteidiger Gerhardt:

Als dieser Häftling da aufgehängt worden ist, mußten Sie sich da aufstellen im Karree? [...]

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir sind ja gestanden, es war ja kein Platz zum Sitzen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Aus welcher Entfernung haben Sie...

 

Zeuge Arie Fuks:

25 bis 20 Meter.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist es so, Herr Zeuge, daß Sie aus dem Umstand, daß dort mehrere SS-Leute waren und einer oder mehrere SS-Leute gerufen haben: »Das macht der Baretzki!«, geschlossen haben, daß Baretzki diesen Häftling auf der von Ihnen geschilderten Weise aufgehängt hat?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich muß Ihnen eines sagen. Wenn ich den Namen genau nicht gehört hätte – Koretzki und Baretzki, das kann ich noch entscheiden.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut, ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich entsinne mich gut, weil das war ein Junge aus meiner Stadt. Das war ein Schulkamerad von meinem Bruder. Und darauf habe ich genau aufgepaßt, weil es ist mich persönlich angegangen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, diese Frage war ja schon beantwortet. Meine Frage zielte doch in eine ganz andere Richtung. Ich wollte von Ihnen wissen, und so habe ich es an sich ja aufgefaßt, ich will es nur noch mal hören: Sie sagten doch, die SS-Leute sagten: »Das macht der Baretzki!« Und meine Frage: Ob Sie daraus geschlossen haben – allein aus diesem Hinweis der SS-Leute –, das war jemand, der Baretzki hieß?

 

Zeuge Arie Fuks:

Die ganzen Häftlinge kannten ja Baretzki.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, das ist keine Antwort auf meine Frage. Sie selbst kennen ihn zum Beispiel nicht. Sie haben eindeutig hier erklärt, Sie können keine Personenbeschreibung abgeben. Meine Frage ist: Haben Sie das daraus geschlossen, daß SS-Leute gerufen haben: »Das macht der Baretzki!«, daß der das getan hat?

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Sonst hätten doch die SS-Leute

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Herr Zeuge, Sie brauchen die Frage an sich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So hat es doch der Zeuge gesagt. Ich habe den Zeugen gefragt: Haben Sie den Baretzki vorher schon gekannt? Hat er gesagt: Nein. Habe ich gesagt: »Auf welche Weise haben Sie ihn denn kennengelernt?«

 

Verteidiger Gerhardt:

Bei diesem Vorfall.

 

Vorsitzender Richter:

Da hat er gesagt: Als der Mann aufgehängt wurde, haben die SS-Leute gesagt: »Das macht schon der Baretzki.« Dadurch habe ich festgestellt, daß dieser Mann Baretzki war.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist gut. Herr Zeuge, wann sind Sie aus dem Lager, war das im November 44, als Sie vom Lager wegkamen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Was sagen Sie?

 

Verteidiger Gerhardt:

Nach Tailfingen. [...]

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war 44 im Dezember, ja.

 

Verteidiger Gerhardt:

44. Mit wie vielen Häftlingen kamen Sie damals weg?

 

Zeuge Arie Fuks:

Mit 500.

 

Verteidiger Gerhardt:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Jugl.

 

Verteidiger Jugl:

Herr Zeuge, der Häftling Gromp, der da aufgehängt wurde, wissen Sie ungefähr, wann das war?

 

Zeuge Arie Fuks:

Daten kann ich Ihnen leider nicht nennen.

 

Verteidiger Jugl:

Das Jahr, ungefähr welches Jahr?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war im Jahr 44.

 

Verteidiger Jugl:

Frühjahr, Sommer?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen die Daten und auch die Zeit. Wir haben damals in einer ganz anderen Atmosphäre gelebt und nicht ans Datum gedacht.

 

Verteidiger Jugl:

War es heiß, war es kalt noch, wie war das Wetter?

 

Zeuge Arie Fuks:

Heiß und kalt war es sowieso, aber nicht wegen des Wetters.

 

Verteidiger Jugl:

Also Sie wissen nur das Jahr 44. Wann genau wissen Sie dann nicht?

 

Zeuge Arie Fuks:

Nein, kann ich nicht sagen.

 

Verteidiger Jugl:

Kann es im Frühjahr gewesen sein?

 

Zeuge Arie Fuks:

Schwer zu sagen.

 

Verteidiger Jugl:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen von seiten der Verteidiger? Die Angeklagten: Baretzki?

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Vorsitzender, ich habe keine Menschen aufgehangen und keinem Menschen den Strick um den Hals gelegt im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie hören aber, daß das jetzt schon wiederholt behauptet worden ist.

 

Angeklagter Baretzki:

Ich habe aber keinen Menschen aufgehangen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben gehört, was Baretzki gesagt hat.

 

Angeklagter Baretzki:

[unverständlich] die Politische Abteilung selber ihren Mist machen. Ich kann doch deren Arbeit nicht tun.

 

Zeuge Arie Fuks:

Das stimmt wieder nicht: Die Politische Abteilung hat ganz andere Sachen in Birkenau gemacht. Sie sind nur gekommen und haben die Häftlinge abgeholt. In Birkenau war keine Politische Abteilung, die etwas gemacht hat. Die haben immer die Häftlinge mitgenommen, nach Bunker 2. Die sind aber nie zurückgekommen, die können das heute nicht bezeugen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, vielleicht noch mal eine Frage: Wie viele SS-Leute waren denn bei diesem Vorgang anwesend?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich glaube, fünf oder sechs.

 

Verteidiger Gerhardt:

Fünf oder sechs. Wer hat das Urteil verlesen?

 

Zeuge Arie Fuks:

Zu dieser Zeit sind zwei oder drei Worte gesagt worden vor dem Publikum. Der, der aufgehangen geworden ist, den haben sie nicht mal sprechen lassen. Er wollte noch was sagen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Gut. Wer war die Person, die das Urteil verlesen hat, welchen Dienstrang hatte diese Person?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das war ein Unterscharführer oder ein Scharführer, genau kann ich nicht sagen den Rang von ihm.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wo kam der her?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt: Wir hatten damals keinen Kopf, um zu denken, von wo er kam. Wir haben doch nur gedacht, am Leben zu bleiben. Wir haben damals nicht gedacht an andere Sachen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, ich glaube, ich kann Ihnen das sehr gut nachfühlen. Nur habe ich Ihnen diesen Vorhalt gemacht, weil Sie eben mit sehr starker Überzeugung glaubten sagen zu können, die Politische Abteilung habe sich mit der Sache nicht befaßt. Und eben sind Sie nicht in der Lage, mir genau zu sagen, welche SS-Leute im einzelnen da waren. Deswegen habe ich mir erlaubt, diesen Vorhalt zu machen.

 

Vorsitzender Richter:

Schön. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, werden Anträge zur Beeidigung gestellt? Ja. Zeigen Sie dem Zeugen bitte das Bild und fragen Sie ihn, ob er jemand auf diesem Bild erkennt.

 

Zeuge Arie Fuks:

Die stehen alle mit dem Rücken, es ist schwer, Leute zu erkennen, das ist so viele Jahre her.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, es wäre vielleicht ganz zweckmäßig. Es ist mir eben die Anregung zugegangen, ob wir nicht vielleicht die Frau Palarczyk noch mal hören wollten. Weil die Frau Palarczyk gestern uns geschildert hat, daß die Leute auf der anderen Seite ausgestiegen sind, und dieser Zeuge schildert das jetzt umgekehrt. Frau Palarczyk, würden Sie noch mal runterkommen? Sind Sie so liebenswürdig, ja? [Pause] Ja, aber rechts ist der Bahnsteig.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Rechts.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Da ist der Bahnsteig.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Das ist d-Lager. [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Eben, ja, ja, eben, eben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, darf ich fragen, ob die Bilder noch da sind oder ob die beim Sachverständigen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die Bilder sind bei dem Sachverständigen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Denn die Bilder geben es ja auch...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, eben.

 

Vorsitzender Richter:

Ob die Rampe so ausgesehen hat?

 

– Schnitt –

 

Vorsitzender Richter:

ausgestiegen, denn Ihre Schreibstube, wo Sie waren, war links von der Rampe – geben Sie es auch mal der Zeugin vielleicht –, und Sie konnten das deshalb sehen, weil die Leute links ausgestiegen sind. Also das sind jetzt hier Differenzen zwischen den beiden.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ja, ich verstehe. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie sich bitte das Bild auch einmal ansehen, um uns zu sagen, ob die Rampe so ausgesehen hat? Das ist genau das Bild, ja.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ich kenne das Bild.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Więc ja myślę, że jeżeli chodzi o same wyładowywanie transportów, przy którym ja nie byłam cały czas, być może, że świadek ma rację. To, co ja, ja mogę powiedzieć to, co ja widziałam dokładnie.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich denke, wenn es sich um das Ausladen der Menschen handelt, da könnte der Zeuge, der jetzt eben ausgesagt hat, recht haben. Ich bin ja nicht dabeigewesen, wie die Menschen ausgeladen wurden. Ich kann nur das bezeugen, was ich selbst gesehen habe.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Tych ludzi widziałam [unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Und diese Menschen habe ich mit absoluter Sicherheit vor mir

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Przed moim lagrem

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Vor meinem Lager gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

I esesmanów, którzy przeprowadzali »Sortierung« widziałam ich stojących przed drutami po mojej stronie, prawda. Ten »Sortierung« tam była.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Und diese SS-Männer, die die Selektion durchgeführt haben, die habe ich an meiner Seite neben dem Drahtzaun gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ganz genau gesehen.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Stehen gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

A pociąg stał, pociąg przyjeżdżał często w nocy, często nad ranem, wyładowywanie trwało bardzo długo.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Die Züge kamen oft nachts, oft am frühen Morgen. Und das Ausladen hat ja lange gedauert.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ja nie mogłam, nie miałam prawa stać cały czas [unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich hatte doch kein Recht, dort die ganze Zeit durch zu stehen und zu beobachten.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

No, jeżeli [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Frau Zeugin, darf ich Ihnen mal etwas vorhalten.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Und am häufigsten war es so, daß ich es beobachtet habe nach dem Ausladen, nachdem sie bereits ausgeladen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben uns gestern gesagt: Zwischen Ihrem Standpunkt und dem Güterwagen, also diesem Eisenbahnzug, da standen die Häftlinge. Und nun habe ich hier ein Bild von dieser Rampe – das Sie ja auch kennen und was Sie eben gesehen haben –, da ist zwischen dem Eisenbahngleis und der Lagerstraße ein tiefer Graben.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ja, es waren zwei tiefe Gräben. [...] Einer am Lager vor dem Draht, vor meiner Seite. Und der zweite — z drugiej strony tu.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Und der zweite Graben auf der andere Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Während rechts von den Gleisen so eine Art Bahnsteig gemacht ist.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Na prawo od szyn był taki rodzaj dworca kolejowego zrobiony.

 

Vorsitzender Richter:

So eine Art Perron.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Jak gdyby peron.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

I prawo był tak tam.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Po prawej stronie.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ja tego nie pamiętam dokładnie. [Mnie] się zdaje, że chodziło o to, żeby rzeczy wyładować na prawą stronę, a potem całe przedstawienie odbywało się [unverständlich] tak ja myślę, że rzeczy

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich glaube, es war ja so, daß vielleicht die Sachen rechts ausgeladen wurden, und diese ganze Veranstaltung spielte sich eben vor dem Lager ab.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

[unverständlich] No, nie wysiadanie, no, to całe »Sortierung« odbywał się przed lagrem.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Nicht die Ausladung, nicht wie die Menschen ausgestiegen sind, sondern die Sortierung selbst, also die Selektion, die fand direkt vor dem Lager statt.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

[unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Das ist sicher. Sonst hätte ich das nicht sehen können.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gewiß. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Zug stand weiter zurück. Die Leute wurden rechts ausgeladen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Też możliwe.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwischen Ihrem Standpunkt und dem Standpunkt dieser ausgeladenen Leute war kein Eisenbahnzug, weil der weiter zurück stand.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Więc jest jedna możliwość, że pociąg przyszedł i stał z boku. Ludzie zostali wyładowywani na prawo i między panią a tymi ludźmi nie było pociągu. Więc nic nie przeszkadzało widzieć pani tych ludzi. To jest pierwsza możliwość. — Das ist die eine Möglichkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist die eine Möglichkeit. Oder der Zug hat auf Ihrer Höhe gestanden, wie Sie uns gestern das geschildert haben. Dann hätten die Leute links aussteigen müssen, damit Sie sie überhaupt sehen konnten, damit der Eisenbahnzug nicht dazwischenstand. Und in diesem Fall liegen aber links vom Eisenbahngleis sofort der tiefe Graben und die Aufschüttung. So daß für die Leute gar keine Möglichkeit war, da anzutreten und selektiert zu werden.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Entschuldigung, Herr Direktor, das ist nicht ganz schlüssig nach dem Bild. Es liegt noch ein Stück Rampe zwischen dem Gleis, was dann nachher eine Weiche hatte.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Chwileczkę, pani wytłumaczę.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wenn der Zug also von Süden anfährt, rechts einfährt, das rechte Geleis ganz außen rechts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ach, Sie meinen das dritte Gleis?

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ganz richtig. Dann können die Leute links aussteigen, und es lag doch kein...

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Graben dazwischen

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Eisenbahnzug

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, es ist nur auf dem Bild nicht genau zu sehen, ob das dritte Gleis durchgeführt war.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Oder ob das an der Kurve aufhörte. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, der Sachverhalt läßt sich nach meiner Auffassung hundertprozentig aufklären, wenn wir die Bilder haben. Die Staatsanwaltschaft hat noch einen Satz dieser Bilder. Ich möchte anregen, daß wir die Sitzung so lange unterbrechen, bis wir das geholt haben.

Aber in diesem Heft hier sind von diesen Selektionsbildern allerdings nur zwei, die die ganze Rampe zeigen. Und da läßt sich also feststellen – wenn ich das dem Gericht vorlegen darf – bei dem einen Bild

 

Dolmetscherin Kapkajew [unterbricht]:

Pan ma na myśli pierwszą możliwość.

 

Staatsanwalt Kügler:

Geben Sie mir doch mal den Stock. Die Aufnahmen sind nach den Bildern gemacht worden

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Jak [unverständlich] przestanie, to ja im przetłumaczę.

 

Staatsanwalt Kügler:

Von einem SS-Mann, der sich etwa hier in dieser Gegend befunden haben muß. So sind auch diese 200 Bilder: Einmal sieht man diesen Turm, und zum anderen sieht man die Schornsteine der beiden Krematorien. Und wenn ich das dem Gericht hier vorlegen darf, dieses Bild, so sehen Sie hier hinten die Schornsteine der beiden Krematorien. Das ist das dritte Gleis, da steht der Zug, und die Leute sind also – wie die Zeugin Palarczyk sagt – zu ihr hin ausgestiegen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier ist ein anderes Bild.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Seite 140.

 

Staatsanwalt Kügler:

Moment.

 

Vorsitzender Richter:

140? So viele haben wir gar nicht.

 

Zeuge Arie Fuks:

Jak [unverständlich] przestanie, to ja im powiem.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Herr Vorsitzender, darf der Zeuge das noch mal erklären? Er hat zugehört und sagt, er kann das ganz genau schildern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier ist es in der anderen Richtung aufgenommen, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und da sieht man den Turm hier unten, den Turm von dem Eingang. Und hier sind die Leute zur Selektion angetreten, nach diesen Bildern. Ich weiß natürlich nicht, ob es immer so war. Das ist genau in der Mitte, wo dieser Weg rüberführt. Und das ergibt sich auch – wie wir behaupten – aus den 200 Bildern ganz klar. Es wäre also vielleicht doch zweckmäßig, ob man die nicht mal beizieht.

 

Vorsitzender Richter:

Wir können es auch so klären. Ich habe das Bild hier. Herr Zeuge, nach den Bildern, die uns jetzt hier vorgelegt worden sind, gab es drei Ausladegleise. Und wenn der Zug auf dem Gleis ganz rechts einfuhr, war die Ausladerampe links von dem Zug. Wenn der Zug aber links auf den Gleisen einfuhr, dann mußten die Leute rechts aussteigen. Nun, wenn Sie sich einmal dieses Bild hier

 

Dolmetscherin Kapkajew [unterbricht]:

Rozumie pan?

 

Vorsitzender Richter:

Ansehen wollten. Wo war das andere, Herr Staatsanwalt?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

[unverständlich] Ludzie musieli wychodzić na [unverständlich] J eżeli [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Also das war das, was Sie mir zuletzt gezeigt haben.

 

Zeuge Arie Fuks:

Jeszcze nigdy nie wjechał na lewą stronę.

 

Vorsitzender Richter:

Weiter vorn?

 

Zeuge Arie Fuks:

[unverständlich] na prawą stronę wjechał.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist weiter hinten. Nein?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Zawsze wjechał na prawo i zawsze ludzie wychodzili na prawo?

 

Zeuge Arie Fuks:

Tak.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

To jakże pani mogła widzieć?

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja zaraz to wytłumaczę, jak ona mogła to widzieć.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Arie Fuks:

Bo te wagony się rozeszły przecież przez

 

Vorsitzender Richter:

Das hier, das hier.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ja zaraz [unverständlich]

 

Zeuge Arie Fuks:

Nie, nie, tutaj na prawo [unverständlich] tylko na [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Also Seite 40 und 55. Zeigen Sie bitte die beiden Bilder mal den Zeugen und fragen Sie, ob das so

 

Dolmetscherin Kapkajew [unterbricht]:

Der Zeuge sagte, die Züge sind ja immer von der linken Seite [+ gekommen] und die Leute sind immer nach rechts ausgestiegen. Und die zweite Möglichkeit war ja gar nicht vorhanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Er will nur erklären – wenn Sie ihm gestatten –, wie das möglich war der Zeugin, obwohl die Leute nach rechts ausgestiegen sind, das Bild genau zu beobachten. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Dann soll er das mal sagen: Wie war denn das?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Proszę, niech pan opowie.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich muß an die Karte gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Lassen Sie das Buch mal ruhig da liegen, zeigen Sie es mal der Zeugin auch.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Niech pan zobaczy.

 

Zeuge Arie Fuks:

Die Züge kamen ja meistens hier rein. Da war ja der Eingang zum ganzen Lager, da nach links. Meistens sind die Züge getrennt worden in der Mitte. Hier beinahe ist der letzte Waggon gestanden und rübergeschoben worden bis hierher. Von hier bis hier meistens war ein freier Gang, so daß noch vier Waggons mindestens stehen könnten, hieß es. Aber hier war es ja immer frei.

Nein, ich meine nicht Schienen. Wenn der reingekommen ist, ist er geteilt worden, ist er abgekuppelt worden: die Hälfte nach dieser Seite und die Hälfte nach dieser Seite. Weil hier sind meistens die Selektionen durchgeführt worden, da hat man immer Platz gehabt von beiden Seiten.

Es kann schon stimmen, was die Zeugin gesagt hat, daß sie sie von der linken Seite gesehen hat, weil die sind schließlich rübergegangen. Da hat das so ausgesehen. Der Zug stand hier und hier standen die Selektionen. Herr Vorsitzender, ich war zwei Jahre da, ich habe es genau gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, wir glauben Ihnen ja schon. Nur müssen wir diesen Unterschied aufklären, weil die Zeugin links in diesem Haus war, wo da das »b« steht.

 

Zeuge Arie Fuks:

Da konnte sie wirklich meinen, daß man von links ausgestiegen ist, weil sie hat einen Graben, zwei Graben, nachher die ganze Straße, bis die Rampe gekommen ist. Weil die Rampe lag ja näher zu dieser Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz recht.

 

Zeuge Arie Fuks:

Von diesem Lager. Weil an dieser Seite hatten wir keinen Graben, wir hatten den Graben nur innen. Hier war ja eine ganz gerade Fläche. Und da drin stand immer die Feuerwehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ich muß es ja wissen, weil ich mußte dort ein paar Pakete jedesmal rüberschmeißen, wenn der Posten sich umgedreht hat. Und da sind die Waggons von hier bis hier meistens getrennt gewesen, daß es eine freie Fläche gab.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Ja, dann ist es aber trotzdem nicht verständlich, Herr Direktor.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Doch.

 

Vorsitzender Richter:

Was geschah denn nun mit den Leuten, die aus den Waggons ausstiegen, die oben nach dem Krematorium zu ausgeladen wurden? Wo gingen die denn hin?

 

Zeuge Arie Fuks:

Die mußten hier rübergehen und von hier sich einsortieren. Die haben sie hier rausgenommen, und die mußten alle auf diese Seite rübergehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind dann wieder von unten nach oben gegangen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Und nachher sind die von hinten rangegangen zu der Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, bleiben Sie dabei, was Sie uns gestern gesagt haben, daß Sie gesehen haben, daß die Leute links aus den Waggons ausgestiegen sind? So ist es nämlich auch auf diesen Bilder zu sehen. Wenn Sie mal die Bilder sich ansehen wollen.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy pani obstaje przy tym, że pani widziała, jak ludzie wychodzili na lewą stronę. Tak jest na tej fotografii?

 

Zeugin Anna Palarczyk:

No, mnie się tak wydaje, po 20 latach.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

So scheint es mir gewesen zu sein.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ja to widziałam wszystko dokładnie i

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So ist es auf dem Bild.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Wyraźnie przed sobą.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Weil ich das Ganze so ganz genau und deutlich vor mir gesehen habe.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Przecież jeżeli koleżanki, które miały tam rodziny mogły wołać do nich od drutów i te rodziny to słyszały, odległość nie mogła być duża.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Meine Kameradinnen, die mit mir zusammen gearbeitet haben, konnten ja von sich aus den Familienangehörigen zurufen und sich mit ihnen verständigen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Die haben das gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Und sie haben die Antworten gehört. Da konnte doch nicht die Entfernung sehr groß gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist kein zwingender Schluß. Denn die Leute hätten ja auch schon weiter vor gehen können, daß sie also den Zug zurückgelassen hätten, wären dann vorgegangen.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Z tego nie można wyciągnąć tego wniosku, bo jest możliwe, że jak pociąg już został odstawiony, że oni przybliżyli się.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

To jest możliwe.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ich glaube schon, daß die Darstellung der Zeugin stimmt, denn die Bilder, die wir hier vorgelegt bekommen haben, entsprechen der Darstellung der Zeugin. Und mich hat es nur gewundert, daß der Zeuge Fuks heute morgen sagt: Nicht ein einziges Mal sind die Leute links ausgestiegen.

 

Zeuge Arie Fuks:

Ausgestiegen aus den Waggons bestimmt nicht. Aber sie konnten ja vielleicht rübergehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, sehen Sie mal diese Bilder an. Da sind

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, Entschuldigung, wenn ich unterbreche, aber der Zeuge Fuks hat doch gerade erklärt, es ist vorgekommen, daß sie ausgestiegen sind und mußten dann von hinten her wieder um das Ende vom Zug rumgehen und wurden dann selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das mag sein, Herr Staatsanwalt. Jedenfalls auf diesen Bilder steht der Zug rechts, und die Leute stehen links.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, ich nehme ja an, daß man nicht sagen kann, jeder Zug wurde so ausgeladen wie der vorhergehende.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und gerade das sagt der Zeuge: »Ich war bei jedem Transport dabei, und immer ist es so gehandhabt worden.«

 

Dolmetscherin Kapkajew:

On powiedział, że »ja byłem stale przy tym, ludzie wychodzili na prawą stronę.«

 

Zeugin Anna Palarczyk:

[unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Die Zeugin meinte: Ist es nicht möglich, daß man die Sachen nach rechts herausgeworfen hat und die Menschen nach links ausgestiegen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber er sagt doch nein.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Sie hat die Sachen nicht gesehen, nur die Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Möglich ist ja alles. Aber der Zeuge sagt nein.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Rzeczy leżały na rampie po odejściu transportu.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Weil, nachdem die Transporte fortgegangen sind, lagen die Sachen auf der Rampe.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, aber dann, Herr Vorsitzender, dann darf ich auf das Bild verweisen, das bei Sehn6 fotografiert ist. Da liegt das Gepäck aber auf diesem Mittelteil, und zwar auf der rechten Seite dieses Mittelteils. Das scheint mir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Dafür zu sprechen, daß der Zug vorher rechts gestanden hat.

 

Verteidiger Steinacker:

Rechts gestanden hat und daß nach links ausgeladen wurde. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Dürfte ich eine Aufklärungsfrage stellen? Verzeihung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Entschuldigen Sie, das Bild ist nach der Befreiung aufgenommen worden.

 

Verteidiger Steinacker:

Ach so. Entschuldigung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Das kann überhaupt keinen Aufschluß geben, da liegt irgendwelches Zeug herum.

 

Vorsitzender Richter:

Dieses Bild da?

 

Staatsanwalt Kügler:

Das lange Bild in dem Sehn-Buch7, das ist nach der Befreiung aufgenommen worden. Das gibt überhaupt keinen Aufschluß über das Gepäck oder was.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Aber dieses Bild doch nicht.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Dieses Bild nicht.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Sagte die Zeugin.

 

Vorsitzender Richter:

Das Bild nicht, nein. Und das Bild zeigt für die linke Seite.

 

Zeuge Arie Fuks:

Herr Vorsitzender, es kann eine Möglichkeit sein, daß der Transport ist abgeladen worden nach der rechten Seite, die Lok hat angezogen und reingestellt den Zug nach links, um an der Rampe auszuladen die Pakete. Das kann ja sein, daß die von der linken Seite fotografiert worden sind. Aber ausgeladen geworden sind die ja an der Rampe rechts. Und da hat der Zug zur Paketausladung, wo die Wagen reinfahren mußten, die Kipper anladen müssen. Das Bild kann nur so erschienen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, warum soll aber der Zug herausgezogen und wieder hineingestoßen worden sein?

 

Zeuge Arie Fuks:

Wir haben ja ein paarmal das gemacht bei den Theresienstädter Transporten. Die waren ja belagert mit Paketen, daß man doch nicht konnte tragen jedes Paket. Der Kipper mußte an jeden Waggon speziell ranfahren, bei jedem Güterwaggon. Sie müssen ja verstehen, daß die Leute alles mitgebracht haben, was sie in Besitz hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Herr Zeuge, das verstehe ich auch. Ich verstehe nur nicht, warum man dann den Zug erst auf dem Gleis 2 – will ich mal sagen – herauszieht, um ihn nach Gleis 3 wieder hineinzuschieben.

 

Zeuge Arie Fuks:

Zum Ausladen, weil dort war ja

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Das ist schon zu verstehen, Herr Vorsitzender. Dann war leichter vom Zug aus das Gepäck auf die Lkws zu bringen. Der Lkw konnte jedenfalls nicht auf die Rampe zwischen den Gleisen fahren.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Direktor, hier sitzen 22 Angeklagte, von denen jeder für sich in Anspruch nimmt, hier ehrlich ausgesagt zu haben. Hier sitzen die Leute, und ein Teil jedenfalls von ihnen behauptet, absolut unschuldig zu sein. Und keiner hat es bis jetzt für notwendig gehalten – die Hälfte von Ihnen war ständig bei dieser Mordstelle gewesen –, weder der so ehrenwerte Herr Doktor Lucas noch irgendein anderer, uns hierbei zu helfen.

 

Verteidiger Erhard:

Ich möchte dem Herrn Doktor Kaul erwidern, Herr Vorsitzender, daß es Angeklagte gibt, die in Auschwitz nicht mehr waren, als diese Rampe überhaupt erst fertiggestellt wurde. [unverständlich] teilweise, aber nicht von 22.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe von einem Teil der Angeklagten gesprochen.

 

Verteidiger Erhard:

Von 22 haben Sie gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es sind gar keine 22 mehr.8

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Also ich möchte noch mal betonen: Vor unserer Blockführerstube fand die Selektion statt.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Etwas, etwas

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Stimmt.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Troszkę niżej.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ein klein bißchen tiefer

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Wie die Blockführerstube [unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Als die Blockführerstube.

 

Zeuge Arie Fuks:

Stimmt, stimmt, stimmt ganz genau.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Was der Zeuge Fuks sagte, das stimmt. [...]

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Sortierung war vor der Blockführerstube.

 

Zeuge Arie Fuks:

Im Passus, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr Fuks, dieses Bild, was Sie vor sich liegen haben, das spricht doch dafür, daß die Leute auf der linken Seite herausgegangen sind.

 

Zeuge Arie Fuks:

Herr Vorsitzender, es kann eine Möglichkeit bestehen. Hier unterhält man sich, warum hat man das nicht gemacht, warum hat man das nicht gemacht. Damals war kein »warum«, damals haben sie alles gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Herr Fuks

 

Zeuge Arie Fuks [unterbricht]:

Damals haben sie einen Zug rausgezogen und den Zug reingestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Uns kommt es ja auf etwas ganz anderes an. Wir müssen nachprüfen, ob die Zeugen das, was sie uns hier sagen, auch gesehen haben können. Und wir wollen wissen, ob zwischen dem Standort des Zeugen und den Menschen, die da ausgeladen worden sind, ein Zug gestanden hat, so daß sie durch den Zug nicht durchsehen konnten. Oder ob das, was sie gesehen haben, auch von ihnen gesehen worden ist, weil eben kein Hindernis dazwischenstand. Das ist für uns die Aufgabe.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

[unverständlich] stwierdzenie [unverständlich] zadanie sądu jest

 

Vorsitzender Richter:

Aber das wird sich wohl nicht ganz klären lassen.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

[unverständlich] widział to, co mówi. Czy jest możliwe, że między świadkiem, a tym, co się działo na rampie, nie było nic, żadnego pociągu i nic, co by mogło przeszkodzić w widzeniu. [...]

 

Zeuge Arie Fuks:

Przecież nie mogło przeszkodzić.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich konnte es ja anders nicht gesehen haben, und ich habe es gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

To na pewno widziałam.

 

Vorsitzender Richter:

Na, eben ist nicht richtig. Ja, Herr Rechtsanwalt Ormond, Sie wollten noch etwas dazu sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie haben vorhin gesagt, der Zug ist dann, wenn er besonders lang war, in zwei Teil geteilt worden. Ist es so gewesen, daß an der Weiche der vordere Teil des Zuges auf dem mittleren Gleis blieb und der hintere Teil auf das rechte Gleis kam und daß nach verschiedenen Seiten diese beiden Teile des Zuges ihre Insassen entladen haben?

 

Zeuge Arie Fuks:

Das konnte passieren bei uns.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

So ist es nämlich möglich, daß sowohl nach rechts wie nach links ausgestiegen wurde, von den beiden Zughälften. Und daß jeder die Seite, die ihm zunächst lag beobachtet hat.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

[unverständlich] długi oddzielany go w połowie, to była możliwość, że [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich möchte den Angeklagten Doktor Capesius fragen, ob er bereit ist, hierzu eine Erklärung abzugeben und uns zu schildern, wie das gewesen ist. Die gleiche Frage möchte ich an den Angeklagten Doktor Frank stellen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Angeklagte Doktor Capesius.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Chwileczkę, teraz oskarżeni.

 

Angeklagter Capesius:

Ich habe keine klare Vorstellung, wie diese Sachen waren. Ich weiß nur, hier vorne [Pause] war ein Telefonhäuschen. Und bei dem Telefonhäuschen wurde das Ärztegepäck abgestellt. Hierher mußten die Ärzte zu Fuß kommen und das Gepäck bringen. Und hier haben wir das Gepäck abgeholt. Ob jemand auf der Rampe war oder niemand auf der Rampe war. Wir mußten es dort abholen, und dieses Telefon war ein altes Feldtelefon, so zum Drehen, so ein Kasten. [unverständlich]

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Aber Herr Doktor Capesius, uns interessiert doch hier als Allerletztes das Feldtelefon, was auf der Rampe gestanden hat. Sie wissen doch genau, was ich meine. Wenn Sie keine Erklärung dazu abgeben wollen, dann sagen Sie das. Erzählen Sie uns aber bitte nichts vom Telefon, was da stand.

 

Angeklagter Capesius:

Ich habe nur diese klare Erinnerung daran, wo ich oft hingekommen bin.

 

Vorsitzender Richter:

Na, nehmen Sie Platz. Herr Doktor Frank, wollen Sie sich dazu äußern?

 

Angeklagter Frank:

Ja, nach meiner Erinnerung hat die Zeugin recht.

 

Vorsitzender Richter:

Daß die Leute links aus dem Zug herausgegangen sind? Ja. [Pause] Sonst sind keine Fragen mehr zu stellen?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Vorsitzender, ich habe noch eine Frage an die Zeugin, nachdem sie jetzt vorgerufen ist. Frau Zeugin, ich habe gehört, daß Sie gestern irgendwo geäußert haben, Sie hätten ganz vergessen, dem Gericht zu erzählen, daß Sie Beobachtungen gemacht hätten über den Angeklagten Boger bei der Evakuierung des Lagers. Ist das richtig? Und wollen Sie dann dem Gericht erzählen, was Sie darüber wissen, wie das Lager geräumt wurde und wo der Angeklagte Boger war und wie er sich bei den Ausmarschierenden betätigt hat, auch auf den Todesmärschen?

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Słyszałem, że pani wczoraj do kogoś się wyraziła, że zapomniała pani w swoim zeznaniu powiedzieć o tym, że pani widziała Bogera przy ewakuacji obozu. Czy pani mogłaby powiedzieć, jakie były jego zadania, co on robił w tym czasie, jak się zachowywał w stosunku do więźniów przy ewakuacji obozu?

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Więc w czasie, kiedy kolumny maszerowały, kolumny ewakuowanych więźniów, prawda, nie szliśmy wszyscy jednym ciągiem, tylko takimi dużymi kolumnami. Ci, co nie mogli iść, nie nadążali, byli rozstrzeliwani, co widziały następnie odchodzące kolumny.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Bei der Evakuierung gingen die Kolonnen von den evakuierten Häftlingen nicht in einer ununterbrochenen Reihe, sondern immer stückweise, also eine Gruppe von einer Kolonne und dann wieder die nächste. Diejenigen, die aus einer Kolonne nicht mehr gehen konnten, wurden erschossen. Und diese Erschießung konnte deswegen von der anderen herannahenden Kolonne beobachtet werden.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

W czasie, marszu między [Pszczyną] a Wodzisławiem na drodze minął nas, na małych saneczkach Boger.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Auf dem Abschnitt zwischen [Pszczyna] und Wodzisław fuhr neben der Kolonne vorbei, auf einem kleinen Schlitten, der Angeklagte Boger.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

[unverständlich] To znaczy trzymał w ręku pistolet, miał straszną minę i cała nasza kolumna na jego widok tak cofnęła się i uciekła. To go, to znaczy tak usunęła mu się [unverständlich]

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Er hatte eine Pistole in der Hand und einen schrecklichen Gesichtsausdruck, so daß unsere ganze Kolonne in Angst vor ihm sich etwas zurückgeworfen hat und etwas abseits getreten ist.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Skąd wiem, że na pewno widziałam Bogera przy ewakuacji.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Aus diesem Grunde weiß ich mit vollkommener Bestimmtheit, daß ich den Boger bei der Evakuierung gesehen habe.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Drugi raz widziałam go w Wodzisławiu przed dworcem.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Zum zweiten Mal habe ich ihn in Wodzisław vor dem Bahnh of gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

To znaczy ja byłam kawałek od dworca, a przed dworcem wkrótce potem odbyła się egzekucja więźniów, którzy nie mogli iść, rozstrzelano [+ ich]. W tamtą stronę poszedł Boger z bronią. Ja oczywiście nie przyglądałam się samej egzekucji, no bo się bałam.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich befand mich ein Stückchen weiter entfernt von dem Bahnhof, und direkt vor dem Bahnhof fand die Exekution der Häftlinge statt, die nicht mehr gehen konnten. Ich habe die Exekution selbst nicht gesehen. Ich habe gesehen, wie Boger

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Tylko strzały słyszałam. Potem słyszałam strzały.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Dorthin mit der Pistole gegangen ist. Und ich habe danach die Schüsse gehört.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ale nie s złam się patrzyć, — ich habe Angst gehabt.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ich bin aber nicht dorthin gegangen, um zuzuschauen, weil ich Angst gehabt hatte.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

No, to jest wszystko.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Das ist alles.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage, Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr sonst? Angeklagter Boger, wollen Sie noch eine Erklärung dazu abgeben?

 

Angeklagter Boger:

Ich habe keine Exekutionen durchgeführt auf dem Weg dorthin. Ich habe ab 17. noch Gepäck von meiner Familie – das ist noch zurückgeblieben – nach Pleß rübergefahren. Mein Schlitten hat eine Häftlingskolonne überholt, aber dabei hat sich nichts zugetragen, was die Zeugin hier vorträgt. Ich bin rübergefahren von Pleß aus und mit der Bahn wieder zurückgekommen nach Auschwitz. Ich war am anderen Tag wieder in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, die Zeugin schildert es doch so, daß Sie zwischen den einzelnen Kolonnen gegangen wären.

 

Angeklagter Boger:

Nein, ich bin nur an der Kolonne entlanggefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Oder gefahren wären mit dem Schlitten. Daß sie dabei Sie erkannt hätte, daß sie sogar noch Furcht gehabt hätten vor Ihnen und daß Sie dann hingegangen wären bei dieser Selektion und daß Sie dann die Schüsse gehört hätte, obwohl sie selbst bei der Exekution nicht zugegen gewesen sei.

 

Angeklagter Boger:

Nein, ich habe keine Exekutionen durchgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben nicht durchgeführt.

 

Angeklagter Boger:

Ich bin nur an der Kolonne entlanggefahren.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Tylko jechał przy kolumnie, tylko minął.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Że tylko minął, ale nie strzelał, że musiał odwozić rzeczy swojej rodziny i dlatego przejeżdżając w sankach ominął kolumnę, ale ominął i pojechał dalej. Przy egzekucji nie brał [+ ud ziału ].

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Ale ja go widziałam w Wodzisławiu drugi raz.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Aber ich habe ihn doch in Wodzisław zum zweiten Mal gesehen.

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Tak.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Frau Zeugin, wollen Sie das, was Sie uns gesagt haben, versichern unter Bezugnahme auf den gestern bereits von Ihnen geleisteten, Eid? Das würde bedeuten, daß es genau so schwer wiegt, als ob Sie noch einmal beeidigt worden wären.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Czy pani obstaje przy tym, co pa ni powiedziała i czy chce pani złożyć przyrzeczenie, że to, co pani dzisiaj powiedziała, jest prawdą i to ma to samo znaczenie jak gdyby pani jeszcze raz ponownie złożyła przysięgę? Ta przysięga, która pani złożyła wczoraj obejmuje jednocześnie pani dzisiejsze zeznanie. Jest pani świadoma tego?

 

Zeugin Anna Palarczyk:

Tak jest.

 

Dolmetscherin Kapkajew:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin versichert ihre Aussage unter Bezugnahme auf den gestern von ihr geleisteten Eid. Ich danke schön, Sie können dann wieder gehen. Bezüglich des Zeugen Fuks werden keine Anträge zur Beeidigung gestellt? Dann ist der Zeuge zu beeidigen.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

 

 

 

1. BIb.

2. Am 05.11.1943 kam ein Transport mit 1.000 Juden aus Riga an. 150 Deportierte wurden ins Lager eingewiesen. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 645.

3. Der Zeuge Fuks meint den Vorfall im Krematorium II am 23.10.1943, als eine Frau Widerstand leistete und SS-Oberscharführer Josef Schillinger erschoß. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 637.

4. Bei dem Vorfall wurde SS-Unterscharführer Wilhelm Emmerich am Bein verletzt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 637 f.

5. BIb.

6. Vgl. Foto in: Sehn, Konzentrationslager, S. 16 f.

7. Vgl. Foto in: Sehn, Konzentrationslager, S. 16 f.

8. Die Verfahren gegen die Angeklagten Bischoff und Neubert wurden am 13.03.1964 bzw. am 23.07.1964 abgetrennt.

 

 
 
 
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