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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

121. Verhandlungstag, 11.12.1964

 

Vernehmung des Zeugen Max Friedrich

 

Vorsitzender Richter:

Einverstanden, daß ich ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Friedrich, Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Max Friedrich.

 

Vorsitzender Richter:

Wie alt sind Sie?

 

Zeuge Max Friedrich:

55.

 

Vorsitzender Richter:

55 Jahre alt. Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in?

 

Zeuge Max Friedrich:

Würzburg, Stuttgarter Straße 17.

 

Vorsitzender Richter:

In Würzburg. Welchen Beruf haben Sie?

 

Zeuge Max Friedrich:

Schausteller.

 

Vorsitzender Richter:

Schausteller. Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Herr Friedrich, Sie waren auch vor dem Krieg schon Schausteller, nicht?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann zur Wehrmacht einberufen worden. Und wann war das?

 

Zeuge Max Friedrich:

1940 in Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

In Berlin, am 7. Mai.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren dort bis wann?

 

Zeuge Max Friedrich:

Zirka sechs Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Sechs Monate etwa waren Sie dort und sind dann entlassen worden, und zwar weshalb?

 

Zeuge Max Friedrich:

Rassenpolitisch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aus rassischen Gründen sind Sie entlassen worden. Sie waren dann dienstverpflichtet, waren Arbeiter bei der Stadt Bernau

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und sind schließlich nach Auschwitz deportiert worden. Wann ist das gewesen?

 

Zeuge Max Friedrich:

43 im März.

 

Vorsitzender Richter:

Im März 1943. Wie lang blieben Sie dort?

 

Zeuge Max Friedrich:

Bis August 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum August 44. Sie sind dann noch mal in ein anderes Lager gekommen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl, nach Ravensbrück und Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nach Ravensbrück. Und Sie blieben dort bis zum März 45, kamen dann noch mal nach Sachsenhausen, wurden dann noch mal zur Wehrmacht eingezogen und sind dort auch noch mal verwundet worden, kamen schließlich in ein Lazarett nach Berlin und wurden 1945 dann schließlich entlassen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Friedrich, uns interessiert hier in erster Linie Ihre Zeit, die Sie in Auschwitz zugebracht haben. Von wo aus sind Sie nach Auschwitz gekommen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Von Berlin-Bernau.

 

Vorsitzender Richter:

Von Berlin-Bernau. Und wie groß war denn ungefähr Ihr Transport, mit dem Sie gekommen sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das waren ungefähr so über 1.000 Mann.

 

Vorsitzender Richter:

Über 1.000 Menschen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Also die sind in Berlin gesammelt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und waren das alles Leute, die aus dem gleichen Grunde wie Sie da zusammengezogen worden sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, da waren auch viele Reichsdeutsche dabei, nicht, und auch Juden, Zigeuner, Tschechen, Polen, verschiedene Nationen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren das Männer, Frauen und Kinder?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Alles zusammen. Und nun, Herr Friedrich, wo sind Sie denn ausgeladen worden, wie Sie dorthin kamen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Wir sind in Auschwitz ausgeladen geworden auf dem Güterbahnhof und sind dann nach Birkenau gekommen, nach dem Zweiglager.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Der Güterbahnhof, der war in Auschwitz selbst?

 

Zeuge Max Friedrich:

In Auschwitz. Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht etwa auf freiem Felde, sondern

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Nein, das war ein Gleis, also das hat noch zu Auschwitz alles mit dazugehört, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Im März 43. [Pause] Und wo sind Sie dann hingeführt worden?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wir sind dann erst gekommen in so ein massives Lager, so Steinblöcke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und dann sind wir nach Birkenau rüber am andern Tag. Da sind wir in solche Baracken gekommen, in so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Was hatten Sie für eine Nummer?

 

Zeuge Max Friedrich:

Einen Moment einmal. [Pause] Ja, das muß ich erst mal nachgucken, die weiß ich nicht mehr auswendig. [Pause] Ich glaube, die war 2994.

 

Vorsitzender Richter:

2894.

 

Zeuge Max Friedrich:

2894, ist schlecht zu erkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie hatten damals bei Ihrer Vernehmung – wann war das, am 11. Januar 1960 in Würzburg –, hatten Sie die Nummer angegeben mit Z-2894.11

 

Zeuge Max Friedrich:

Das ist möglich, hier kann man Sie nicht mehr genau erkennen jetzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie meinen also, es kann 28- oder 2994 gewesen sein, und ein Z war davor.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja. Z.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja. [Pause] Also nach den Auschwitz-Heften, nach einer Eintragung auf Seite 83, würde das stimmen. »Am 14.3. Häftlingstransport aus Deutschland, 966 Zigeuner, 461 Knaben und Männer bekamen die Nummer Z-2840 bis Z-3300. 500 Frauen und Mädchen bekamen die Nummer« soundso viel2. Nun, Herr Friedrich, nachdem Sie nun in das Lager gekommen waren, zunächst die Frage: Sind alle Mitglieder Ihres Transports da hingekommen, oder sind da welche ausgeschieden worden?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, was Zigeuner waren, die kamen alle ins Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Zigeunerlager.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zunächst möchte ich nur von Ihnen wissen: Ist der gesamte Transport, der am Güterbahnhof ausgeladen worden ist, insgesamt in das Lager Auschwitz geführt worden?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie da durch das Tor gegangen, wo da stand: »Arbeit macht frei«?

 

Zeuge Max Friedrich:

Wir sind in der Nacht ausgeladen worden. Ich weiß Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nacht war's, das haben Sie nicht gesehen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich weiß nicht, durch welchen Turm wir da gegangen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wie lang blieben Sie denn in Auschwitz I?

 

Zeuge Max Friedrich:

18 Monate.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, gewiß

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ach so, in den...

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Da sind wir nur eine Nacht geblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Nur eine Nacht.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und dann sind wir nach Birkenau rüber.

 

Vorsitzender Richter:

Dann sind Sie nach Birkenau. Und in welchem Lager waren Sie in Birkenau?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wir waren im Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Und das war mit welchem Buchstaben bezeichnet? Wissen Sie das noch?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Da war links der Krankenbau, rechts war das Männerlager, und ein Stückchen weiter waren die Verbrennungen, nicht, die Krematorien.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr [Pause] Zeuge, wie war denn das, eine Selektion fand da nicht statt, wie Sie gekommen sind, das heißt also, daß aus Ihrem Transport Menschen herausgenommen worden sind, die getötet worden sollten auf irgendeine Weise?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, also von den Zigeunern nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Sie sind allesamt dort in das Zigeunerlager

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Wir sind zusammen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gekommen und waren dort auch bis zum August 44.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und, sagen Sie, womit wurden Sie dann beschäftigt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Na, wir haben arbeiten müssen. Also wir haben verschiedene Arbeit gemacht, Kanalbau, Gärtner, wir haben auch Außenkommando gemacht, was halt so zu arbeiten war. Verschiedene waren in der Küche und in der Effektenkammer und in der Bekleidungskammer, wo Sie halt hingestellt wurden, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch die Nummer des Blocks, in dem Sie waren?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich war in Block 7 und Block 5.

 

Vorsitzender Richter:

Block 7, Block 5. Und wissen Sie noch, wie Ihr Blockführer hieß?

 

Zeuge Max Friedrich:

Meinen Sie die Blockältesten oder die Blockführer?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, jetzt meine ich zunächst den Blockführer. Aber wenn Sie den Blockältesten wissen, können Sie mir es auch ruhig sagen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja der hat Koch, Karl, geheißen, der eine.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Blockälteste.

 

Zeuge Max Friedrich:

Das war der Blockälteste. Dann haben wir einen gehabt, das war der Götze, das war ein Sachse gewesen. Weil wir waren auf dem Wehrmachtsblock, Block 7, von Anfang an, weil wir doch alle Wehrmachtsangehörige waren, nicht. Und da haben wir verschiedene Vergünstigungen von Anfang gehabt. Und nachher hat sich das wieder aufgelöst, und dann sind wir verteilt worden auf verschiedene Blöcke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, und wie die Blockführer hießen, das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Max Friedrich:

Also ich kenne nur den Götze, den kenne ich noch mit Namen, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wie heißt er?

 

Zeuge Max Friedrich:

Götze.

 

Vorsitzender Richter:

Götze.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, der war von Sachsen, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war ein Blockältester. Und ich meine

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Nein, das war ein Blockführer. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das war ein Blockführer

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ein SS-Mann, ja. Und dann kam hin als Lagerführer der Hofmann, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann als Lagerführer. Den kannten Sie. Wie sah denn der aus?

 

Zeuge Max Friedrich:

Na, das war ein großer Mann. Der spricht so einen pfälzischen Dialekt oder Oberbayerisch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und haben Sie mit dem Hofmann näher zu tun gehabt, und wieso wußten Sie, daß das der Lagerführer ist und daß der Hofmann heißt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, das war so: Wir haben mal anstehen müssen, die ganzen Stubendienste. Und ich war Torwächter. Und da hat der Hofmann die ganzen Stubendienste geschlagen, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und dann ging er die Blöcke durch, da mußte das Frauenkommando raus, die Blockältesten. Und ich habe grade da gestanden, und da hat er mir mit einer Krücke über den Kopf geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit was?

 

Zeuge Max Friedrich:

Mit so einem

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Knüppel.

 

Zeuge Max Friedrich:

Mit so einer Krücke, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Krücke.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja. Und dann

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat er Ihnen über den Kopf geschlagen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl. Und dann kam der Blockälteste raus, da hat er den Blockältesten verprügelt. Das war der Koch, Hans, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und ich bin dann zwischen die Frauen gelaufen und habe mich versteckt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben sich versteckt.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin sind Sie gelaufen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Zwischen das Frauenkommando.

 

Vorsitzender Richter:

Zum Frauenkommando.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War das in demselben Block drin?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, das war außerhalb des Blocks.

 

Vorsitzender Richter:

Das war außen. [dazwischen gesprochen]

 

Zeuge Max Friedrich:

Wir haben das Kommando aufstellen müssen außerhalb des Blocks.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Ja, und haben Sie auch erlebt, daß dieser Hofmann auch mit den Leuten sogenannten »Sport« gemacht hat?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, soweit ich mich besinnen kann und nach Erzählungen von Mithäftlingen, war ja der Hofmann der ausschlaggebende, der den »Sport« angeordnet hat. Er war ja damals Lagerführer in Auschwitz, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Im Zigeunerlager vielmehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie war er denn dort angesehen? War er gefürchtet, oder?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja mein Gott, ein Lagerführer war immer gefürchtet im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Immer gefürchtet. Und, wie Sie sagten, er hat auch öfter geschlagen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und auch wenn kein Grund vorhanden war?

 

Zeuge Max Friedrich:

Bei denen gab es keinen Grund nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was war denn nun mit dem »Sport«? Wissen Sie da etwas Näheres drüber?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, also da sind von meiner Frau zwei Verwandte totgegangen dabei, nicht, und verschiedene andere noch.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hießen die beiden Verwandten?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das waren zwei Brüder. Schopper.

 

Vorsitzender Richter:

Schopper. Und hießen mit Vornamen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Oskar Schopper und Max Schopper.

 

Vorsitzender Richter:

Und Max Schopper. Und was

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Oskar oder Adolf hieß der eine, und der eine hieß Max. Der hatte zwei Vornamen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Max und Adolf Oskar Schopper. Und wie war das nun? Was wissen Sie da Näheres drüber? Haben Sie das selbst gesehen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wir durften ja nicht raus, nicht. Es war ja Blocksperre.

 

Vorsitzender Richter:

War Blocksperre. Und wo waren Sie während der Blocksperre?

 

Zeuge Max Friedrich:

Im Block, ich war ja Torwächter. Und da durften wir nicht raus. Wenn Blocksperre war, wurde alles abgesperrt, und dann kamen nur die raus, die zum Beispiel antreten mußten, der Stubendienst oder was. Und das andere mußte alles im Block bleiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren Sie Torwächter im Block oder vorn an dem Tor vom Lager?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, das war so: Wir haben manchmal draußen gestanden. Ja, wenn Blocksperre war, mußte alles rein. Dann mußten wir drin bleiben, nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mußte alles rein, ja. Da sind Sie also drin geblieben. Und wer ist rausgerufen worden damals?

 

Zeuge Max Friedrich:

Die Stubendienste. Was alles im Stubendienst war, hat antreten müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und diese Verwandten, Max und Adolf Schopper, waren die auch beim Stubendienst?

 

Zeuge Max Friedrich:

Die waren auch beim Stubendienst.

 

Vorsitzender Richter:

Waren auch beim Stubendienst. Und war da irgendwas passiert mit dem Stubendienst, weil die raustreten mußten?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, die haben den »Sport« machen müssen, die durf...

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, ich meine, warum mußten sie »Sport« machen? War da irgendwas vorgekommen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Es hat sich gehandelt um die Küche, weil der Stubendienst nicht immer pünktlich war [unverständlich] bei den Aufstellungen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und da haben sie manchmal auch nicht richtig gestanden, nicht in Reih und Glied, und das war der ganze Grund.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da mußte der gesamte Stubendienst raus?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie blieben im Block drin.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich blieb im Block drin.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie nun beobachten können? Haben Sie überhaupt was beobachten können?

 

Zeuge Max Friedrich:

Beobachten konnten wir gar nicht. Wir durften ja nicht raus. Nur, was uns unsre Mithäftlinge erzählt haben, die wieder zurückkamen, die Stubendienste. Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das waren die Stubendienste.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was haben die erzählt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Na, die haben erzählt, daß sie den »Sport« haben machen müssen, und so ein »Sport«, das war noch schlimmer als beim Militär und überall, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Da mußte man robben, gleiten und krauchen. Und da sind sie auf sie draufgesprungen, und sie sind getreten worden und geschlagen worden durch Knüppel und Schippenstiele, so lange, bis sie liegenblieben. Und wer halt durchkam, der kam durch, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Da sind soundso viele gleich in den Krankenbau reingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Sie wissen bestimmt, daß Hofmann damals dabei war?

 

Zeuge Max Friedrich:

Also soweit ich mich entsinnen kann, war damals Hofmann Lagerführer gewesen. Und auch, was die andern Mithäftlinge mir erzählt haben, daß der Hofmann den Auftrag gegeben hat.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber ob er dabei war?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen, ich war ja nicht draußen gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Sie haben ihn auch nicht kommen sehen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, weil wir ja Blocksperre hatten. Da durften wir ja nicht rausgehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das war also nicht damals, wie er Ihnen mit dem Eichenstock auf den Kopf geschlagen hat?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, nein, das war später gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Das war später. Sie haben ihn weder kommen sehen

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Noch wissen Sie, ob er überhaupt dabei war. Sie haben nur gehört, daß Blocksperre angeordnet war, daß der Stubendienst rausmußte, daß die diesen sogenannten »Sport« treiben mußten

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Daß da bei diesem »Sport« verschiedene ins Revier gekommen sind und daß Ihre beiden Verwandten, oder die Verwandten Ihrer Frau, Max und Adolf Schopper, dabei gestorben sind.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das alles haben Sie erzählt bekommen, oder haben Sie die beiden selbst nachher tot gesehen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Die habe ich selbst tot gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Die haben Sie selbst tot

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Der eine ist vormittags gestorben und der andere nachmittags.

 

Vorsitzender Richter:

Nachmittags. Unmittelbar nach diesem sogenannten »Sport«.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Mithäftlinge haben Ihnen erzählt, die Anordnung sei von Hofmann gekommen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Aber ob er selbst dabei gewesen ist, haben Sie auch nicht erzählt bekommen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Da kann ich mich nicht drauf entsinnen, weil da hat man sich ja gar nicht drum gekümmert.

 

Vorsitzender Richter:

Da hat man sich nicht drum gekümmert, das glaube ich Ihnen, ja.

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Da hat man kein Interesse dran gehabt, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Kannten Sie auch einen namens Schröder?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß der mit Vornamen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Waldemar.

 

Vorsitzender Richter:

Waldemar Schröder. Ist der mit Ihnen zusammen vernommen worden?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sind Sie gleichzeitig vernommen worden, waren Sie da beide zusammen in einem Raum?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und da hat jeder die Aussage gemacht, die er beisteuern konnte, oder wie?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und hinterher, wie Sie unterschreiben mußten, haben Sie da nur das unterschrieben, was Sie selbst gesagt hatten, oder haben Sie eventuell das unterschrieben, was der Schröder gesagt hat?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ich kann doch nur meine Aussage selbst unterschrieben haben, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War denn der Schröder damals bei diesem sogenannten »Sport« dabei, wie da die beiden Schopper totgegangen sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Der war in der Küche beschäftigt, als Koch, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Der war in der Küche beschäftigt. Und der hat mehr gesehen als Sie?

 

Zeuge Max Friedrich:

Also das kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiß nur, daß er in der Küche beschäftigt war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ob die rausdurften, das wußte ich ja nicht, weil die hatten genauso dann die Blocksperre wie wir, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Denn bei dem »Sport« dabei war er nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ist der auch durch Ihre Frau mit Ihnen verwandt gewesen, der Schröder?

 

Zeuge Max Friedrich:

Wie bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Ist der Schröder auch mit Ihrer Frau verwandt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Jetzt, Moment mal, Sie sagten doch, diese beiden Brüder Schopper seien Anverwandte Ihrer Frau gewesen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Schröder hat ebenfalls gesagt, Max und Adolf Schopper seien Anverwandte seiner Frau gewesen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, von der jetzigen Frau.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Max Friedrich:

[Pause] Das ist ja meine Nichte.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ach so. Wissen Sie, ob damals der Schröder gesagt hat, daß diese beiden Brüder Max und Adolf Schopper, daß diese Anverwandte seiner Frau seien und daß die gestorben wären? Können Sie sich da noch drauf erinnern?

 

Zeuge Max Friedrich:

Auf dem Gericht?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nicht auf dem Gericht, aber wie Sie von der Polizei vernommen worden.

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Als wir von der Polizei vernommen worden sind. Das kann ich Ihnen jetzt nicht genau sagen. Ist schon möglich, daß er das vielleicht mit erläutert hat, aber so genau kann ich mich nicht mehr drauf besinnen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. [Pause] Der Schröder hat gesagt, der Hofmann sei die ganze Zeit anwesend gewesen bei diesem »Sport«.

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ja, das ist schon möglich, vielleicht daß ihn die von der Küche wohl... Die haben ja Fenster drin gehabt. Und wir waren ja in Pferdeställen, wir haben ja keine Fenster gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben keine Fenster gehabt. Sie konnten nicht durch...

 

Zeuge Max Friedrich:

Wir haben noch ein Oberlicht gehabt, und da konnten wir ja nicht extra raufklettern und raussehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber das wissen Sie ganz genau, daß die beiden Schopper infolge dieses sogenannten »Sporttreibens« gestorben sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja selbstverständlich, ich habe sie ja selber gesehen, wie sie tot waren.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie haben sie selbst gesehen. Sind noch Fragen des Gerichts? Nein. Herr Staatsanwalt.

 

Verteidiger Staiger:

Herr Vorsitzender, darf ich mir noch eine kurze Bemerkung erlauben. Der Zeuge Schröder hatte aber seine ursprüngliche Aussage, daß er die ganze Zeit dabeigewesen wäre, vollkommen berichtigt hier im Gerichtssaal.

 

Vorsitzender Richter:

Der Schröder war nicht...

 

Verteidiger Staiger:

Er hat gesagt, daß er nicht dabei war. Er hat seine Aussage vor der Polizei berichtigen müssen. Er war beim »Sport« selbst nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Verteidiger Heymann:

Ich komme nachher drauf zurück, Herr Vorsitzender.

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Er hat nichts gesehen, weil Sie grade den Vorhalt dem Zeugen machten, der Schröder habe gesagt, er hätte alles gesehen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Schröder hat das berichtigt. Ich weiß, er hat damals gesagt, offensichtlich müßte er das Protokoll unterschrieben haben, was der gesagt hätte...

 

Verteidiger Staiger:

Richtig. Ich wollte nur anführen, daß er hier in der Hauptverhandlung vollkommen abgerückt ist von dem Protokoll.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja. Herr Staatsanwalt Vogel.

 

Staatsanwalt Vogel:

Herr Friedrich, können Sie sich noch erinnern, wann etwa dieser Vorfall war mit dem »Sport« für die Stubendienste, bei dem die Gebrüder Schopper gestorben sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Da kann ich Ihnen keine Daten nicht machen. Man wußte ja nicht, wie man lebt im Lager, was für ein Tag war oder wie es war. Wir haben

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Ja sicher, das ist vollkommen klar. Sie sind im März 1943 hingekommen und bis August 44 in Auschwitz geblieben. Würden Sie sagen, das war zu Beginn Ihres Aufenthalts

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Nein, nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Oder gegen Ende oder in der Mitte etwa?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das muß ziemlich am Ende sein gewesen. Also im Jahrgang 44, nehme ich an.

 

Vorsitzender Richter:

War es denn im Winter

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

War es kalt?

 

Vorsitzender Richter:

Wenn ich mal fragen darf?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

War es denn im Winter, oder war es im Sommer?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, das muß im Frühjahr gewesen sein meines Erachtens nach.

 

Vorsitzender Richter:

Frühjahr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Könnte es auch im Herbst gewesen sein, also im Herbst 43 schon?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, das glaube ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also Sie haben keine sichere Erinnerung mehr?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Aber jedenfalls war es nicht Winter und Sommer, sondern eine Übergangsjahreszeit.

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ich nehme an, es war Frühling gewesen, also Frühjahr schon.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Können Sie sich noch an Häftlinge erinnern, an Mithäftlinge aus der damaligen Zeit, die Ihnen damals im Lager unmittelbar nach dem Vorfall nähere Einzelheiten geschildert hatten?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, die sind meist alle tot.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie kennen niemanden mehr, der da noch lebt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Als Sie im August 1944 von Auschwitz weggekommen sind, wurde damals das gesamte Zigeunerlager aufgelöst?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sind Sie vor der Vernichtung des Zigeunerlagers schon weggekommen oder

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Jawohl. Wir sind weggekommen nach Ravensbrück, also zwecks der Entlassung zur Sterilisierung, nicht wahr, und sind in Ravensbrück sterilisiert worden. Meine Geschwister und die Anverwandten sind in Auschwitz geblieben. Dann haben sie uns erzählt, wir sollen uns melden freiwillig bei der Wehrmacht wieder.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sprechen Sie bitte ins Mikrofon.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ach so. Wir sollen uns melden freiwillig bei der Wehrmacht, nicht. Da werden die Überlebenden entlassen und, soweit sie ihre Heimat haben, in die Heimat gebracht. Und da sind wir zur Wehrmacht gekommen, 45 noch einmal, und die andern haben sie vergast.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also Sie sind weggekommen, bevor das übrige Zigeunerlager vernichtet worden ist?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie sagten, im August. Könnte das auch im Juli schon gewesen sein?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Denn die Vernichtung des Zigeunerlagers soll im Juli/August, in der letzten Julinacht, durchgeführt worden sein.3

 

Zeuge Max Friedrich:

Es könnte mög...

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Oder sind Sie erst noch einmal in das Stammlager gekommen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Wir sind ins Stammlager erst gekommen noch mal, ins Hauptlager.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ach so. Gut. Und dann vom Stammlager aus erst nach Ravensbrück?

 

Zeuge Max Friedrich:

Da sind wir nach Ravensbrück verladen worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie sich noch erinnern, haben Sie jemals während Ihres Aufenthalts im Zigeunerlager den Namen eines SS-Angehörigen Broad gehört? Broad.

 

Zeuge Max Friedrich:

Broad. Nein, das ist

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Pery Broad

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Mir nicht in Erinnerung. Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie sich nicht dran erinnern.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich kenne nur Palitzsch, Plagge, Schwarzhuber

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Andere Namen haben Sie nicht mehr in Erinnerung.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und den Götze und den Hofmann. Das weiß ich, daß die da waren. Aber die andern Namen. Man kam ja gar nicht so weit zur Unterhaltung, daß man sich damit befassen konnte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja sicher. Danke, ich habe sonst keine Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Namen Doktor Lucas gehört?

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein, aber Doktor Mengele. Der war bei uns im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nur eine Frage, Herr Zeuge. Wissen Sie, wie viele von Ihrem Transport lebend zurückgekommen sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wir waren 43 zirka 20.000 Mann gewesen in Auschwitz, sind nach Birkenau gekommen. Und die sind zusammengeschrumpelt in kurzer Zeit. Da kamen noch die Zugänge dazu, was jeden Tag und jede Woche, wollen wir mal sagen, dazukam. Wie viele totgegangen sind und wie viele da überhaupt von rausgekommen sind, könnte ich Ihnen nicht sagen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen. Die Verteidigung. Herr Rechtsanwalt Heymann.

 

Verteidiger Heymann:

Herr Zeuge, Sie wohnen in Würzburg, Stuttgarter Straße 17.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Verteidiger Heymann:

Das stimmt doch. Dort wohnt auch Herr Waldemar Schröder.

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Verteidiger Heymann:

Wissen Sie, wann Herr Schröder hier am Gericht vernommen worden ist, nicht in der Vernehmung 1960, sondern hier im Laufe dieses Prozesses?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wann war das ungefähr? Im Sommer, nicht?

 

Verteidiger Heymann:

Am 10. Juli, kann es da gewesen sein?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das kann möglich sein. Ich war zur Zeit nicht zu Hause.

 

Verteidiger Heymann:

Ja, haben Sie nach dieser Vernehmung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es läßt sich aber feststellen, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Heymann:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Es läßt sich aus dem Protokoll genau feststellen.

 

Verteidiger Heymann:

Ja, ich habe es ja hier.

 

Vorsitzender Richter:

So.

 

Verteidiger Heymann:

Am 10.7.64. Herr Zeuge, haben Sie nach dieser Vernehmung mit Herrn Waldemar Schröder über seine Aussage hier gesprochen? Sie wohnen ja im gleichen Haus und behaupten ja, daß die Brüder Schopper Verwandte der beiden Frauen sind.

 

Zeuge Max Friedrich:

Selbstverständlich. Natürlich haben wir uns drüber unterhalten.

 

Verteidiger Heymann:

Hat Ihnen der Herr Schröder auch gesagt, daß er seine ganze Aussage von 1960 hier widerrufen hat im wesentlichen?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, er hat mir erzählt, daß von der Polizei aus da eine Verwechslung vorgekommen ist.

 

Verteidiger Heymann:

Richtig.

 

Zeuge Max Friedrich:

Daß meine Aussagen mit seinen Aussagen identisch wären, oder wie sie das da ausgedrückt haben.

 

Verteidiger Heymann:

Richtig.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und das hat aber nicht gestimmt. Die haben das beiderseits aufgenommen, aber meine Aussage hat genau mit dem Schröder seiner Aussage übereingestimmt. Und das hat nicht gestimmt.

 

Verteidiger Heymann:

Ich wollte Sie daher noch mal bitten, kurz zu sagen, wie die Vernehmung in Würzburg vor dem Oberkommissar oder Obermeister Sauerwein4 vor sich ging. Sie wurden gemeinsam dorthin bestellt?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl.

 

Verteidiger Heymann:

Sie saßen an einem runden Tisch?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das ist möglich.

 

Verteidiger Heymann:

Und zwar zu dritt, der Sauerwein und Sie beide. Und wie ging's nun weiter?

 

Zeuge Max Friedrich:

Na ja, wir wurden gefragt, was wir da mitgemacht haben und wie das gewesen ist und wen wir da kennen von den SS-Männern. Und da habe ich meine Aussage gemacht, daß ich Hofmann kenne und daß der Hofmann mich geschlagen hat und daß er auch den »Sport« veranlaßt hat.

 

Verteidiger Heymann:

Wer hat denn zuerst eine Aussage gemacht, Herr Friedrich, Sie oder Herr Schröder?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das weiß ich nicht mehr.

 

Verteidiger Heymann:

Oder wurde zunächst nur allgemein gesprochen und erzählt, und später, als Sie fertig waren mit der Besprechung, dann wurde etwas protokolliert von dem Obermeister Sauerwein?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wir haben uns ja schon eine ganze Weile unterhalten über den Fall, wie es war

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Gemeinsam unterhalten?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ja.

 

Verteidiger Heymann:

Nun

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Wenn wir kennen von den Häftlingen und so weiter und was da passiert ist und so weiter, wie man sich da drüber eben unterhält, nicht.

 

Verteidiger Heymann:

Richtig. Und nun ist es doch sonderbar, Herr Friedrich, daß Herr Schröder auch die Gebrüder Schopper genannt hat, die Ihnen der Herr Vorsitzende eben vorgehalten hat als Anverwandte der Frau. »Anverwandte der Frau« sagen Sie auch im Protokoll.

 

Zeuge Max Friedrich:

Das ist ja meine Nichte, die der Schröder jetzt geheiratet hat. Das stimmt ja auch.

 

Verteidiger Heymann:

Ja gut, das habe ich gehört. Aber nun ist das Komische, daß Herr Schröder gesagt hat, von dem Schicksal der Gebrüder Schopper wisse er überhaupt nichts. Das Ganze müsse ein Irrtum sein. Er habe die Namen Schopper gar nicht genannt.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, da

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Hat er hier erklärt.

 

Zeuge Max Friedrich:

Der hat ja auch erst später geheiratet, nach dem Krieg. In Auschwitz konnte er die ja gar nicht kennen, wenn er sie auch gesehen hat. Wir haben ja keine Namen geführt, wir waren ja nur Nummern.

 

Verteidiger Heymann:

Aber in seiner Aussage 1960 erzählt er von den Gebrüdern Schopper als Anverwandte der Frau, die umgekommen sein sollen, wie Sie heute auch sagen, allerdings mehrere Tage später habe er es gehört. Und hier hat er erklärt, er wisse von dem Schicksal der Gebrüder Schopper nichts. Wie

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Na, das ist schon möglich, daß der das nicht wußte. Weil wir haben ja die Aussage zusammen gemacht, und es ist möglich, daß der Kommissar vielleicht das verwechselt hat mit meiner Aussage, daß er gemeint hat, er weiß es genauso, weil wir uns zuvor drüber unterhalten haben.

 

Verteidiger Heymann:

Sie halten für möglich, daß beide Aussagen verwechselt worden sind?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das ist schon möglich, daß der Kommissar das geschrieben hat, daß er das verglichen hat mit seiner Aussage, daß er genauso geschrieben hat. Das kann ich aber nicht mit Bestimmtheit behaupten. Ich kann ja nur das sagen, was meine Aussagen sind, die ich auch beeidigen kann.

 

Verteidiger Heymann:

Und als [+ er] Hofmann gegenübergestellt wurde, hat er ihn gar nicht gekannt hier in der Sitzung. Und er hat erklärt, er wußte auch nicht, ob er der Lagerführer war und welchen Rang er überhaupt gehabt hat. Hat hier Schröder erklärt am 10.7.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das ist schon möglich. Ich meine, man kann ja nicht alles wissen, was im Lager passiert, nicht.

 

Verteidiger Heymann:

Ja, aber Sie beide gehörten doch

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Der Mann war in der Küche, der hat Nachtschicht und Tagschicht gehabt. Und wenn bei uns ein neuer Lagerführer kam, das war für uns nichts. Wir waren froh, daß wir ihn nicht gesehen haben.

 

Verteidiger Heymann:

Aber der Schröder war doch auch dort mit Ihnen zusammen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Aber Herr Rechtsanwalt, der Herr Zeuge kann doch nicht das bekunden, was der Herr Schröder hier bekunden soll.

 

Zeuge Max Friedrich:

Na eben drum.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich möchte doch bitten, Fragen an den Zeugen zu stellen.

 

Verteidiger Heymann:

Das sind ja Fragen: wie es kommt

 

Staatsanwalt Kügler:

Nein, nein.

 

Verteidiger Heymann:

Daß beide, die zusammen dort waren, ganz verschiedene Angaben über den Lagerführer machen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, entschuldigen Sie mal, wenn Sie in Auschwitz gewesen wären und Sie wären mit mehreren Häftlinge zusammengewesen

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Nicht so heftig!

 

Zeuge Max Friedrich:

Sie können doch nicht wissen, was die anderen Häftlinge gemacht haben oder was der Lagerführer mit denen gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Das scheint mir

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Können Sie das beweisen?

 

Verteidiger Heymann:

Ist ja alles richtig. Der Schröder gehörte aber doch mit Ihnen zusammen.

 

Zeuge Max Friedrich:

Das ist doch schließlich egal. Wir waren nicht in einem Block zusammen. Der war in der Küche, und ich war im Block. [...]

 

Verteidiger Heymann:

Schön.

 

Zeuge Max Friedrich:

Sie können mir doch hier nichts erzählen, was überhaupt nicht stimmt.

 

Verteidiger Heymann:

Nein, Sie brauchen nicht so heftig zu werden.

 

Zeuge Max Friedrich:

Na ja, natürlich

 

Verteidiger Heymann [unterbricht]:

Ich bin ja auch ruhig

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Sie wollen mir hier was einreden, was überhaupt gar nicht zur Debatte steht. Ich kann doch nicht jedem Häftling seine Sachen wissen.

 

Verteidiger Heymann:

Herr Zeuge, ich muß Sie das fragen, weil ich dazu verpflichtet bin

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Na ja, Sie müssen, Sie müssen. Sie müssen fragen, was passiert ist und wie es richtig war.

 

Verteidiger Heymann:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich soll wissen, was im Lager passiert ist von sämtlichen Häftlingen. Das ist doch paradox, was Sie mich fragen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Keine Fragen mehr. Hofmann?

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, der Herr Zeuge gibt an, er war in Auschwitz von März 43 bis August 44.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Auf Befragung gibt er weiterhin an, daß das, was er erklärt hat mit den beiden Brüdern Schopper, ziemlich am Ende seiner Zeit, wo er in Auschwitz war, passiert ist. Ich möchte erwähnen, daß ich von März bis September 43 im Zigeunerlager war und das Zigeunerlager im September 43 abgegeben habe und dann bis August 44 nicht mehr im Zigeunerlager war. Demnach mit dem Fall Schopper habe ich gar nichts zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie das gehört, Herr Friedrich?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also der Hofmann sagt, im November 43 ist er schon weggekommen nach Auschwitz. Also

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

September 43, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

September?

 

Angeklagter Hofmann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Früher haben Sie mal gesagt, November.

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, September.

 

Vorsitzender Richter:

43.

 

Angeklagter Hofmann:

September 43.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bestimmt früher gesagt, im November 43.

 

Zeuge Max Friedrich:

Entschuldigen Sie mal, ich habe Ihnen hier gleich vorneweg gesagt, ich kann es nicht genau sagen. Meiner Erinnerung nach kann es früher gewesen sein, es kann auch später gewesen sein. Ich weiß es nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Herr

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Er hat auch gesagt, möglicherweise im Herbst 43. Er weiß nur, es war nicht im Winter.

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, ich weiß es eben nicht bestimmt

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Nein, er hat es also ziemlich am Ende seiner Zeit [...]

 

Zeuge Max Friedrich:

Ich habe gesagt, es kann gewesen sein im Herbst oder im Frühjahr, ich weiß es nicht bestimmt.

 

Verteidiger Staiger:

Nein, das haben Sie nicht gesagt.

 

Zeuge Max Friedrich:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Im Herbst nicht.

 

Verteidiger Staiger:

Im Herbst auf keinen Fall

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aber Verzeihung

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Im Herbst nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es war doch so

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Das weiß ich doch nicht genau.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er hat zunächst gesagt: »Es war meines Erachtens im Frühjahr.« Und dann hat Herr Staatsanwalt Vogel gefragt: »Kann es nicht auch im Herbst gewesen sein?«

 

Verteidiger Staiger:

Herr Vorsitzender, auf keinen Fall im Herbst. Daraufhin hat Herr Staatsanwalt Vogel meiner Erinnerung nach gesagt: »Sie können sich also zeitlich nicht genau festlegen. Es muß eine Übergangszeit gewesen sein.«

 

Vorsitzender Richter:

Genau. Jawohl.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, aber da hat er nicht

 

Verteidiger Staiger [unterbricht]:

Das bedeutet aber nicht, daß

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, Sie haben es ja auf Band

 

Zeuge Max Friedrich [unterbricht]:

Ich habe Ihnen doch erklärt, daß ich nicht genau weiß, wann es war, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nun sagen Sie mal, wann hat Sie denn der Hofmann geschlagen? Das war ja nun eine persönliche Begegnung mit ihm. Wissen Sie noch, wann das gewesen ist?

 

Zeuge Max Friedrich:

Jawohl, das war [unverständlich] gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Max Friedrich:

Wie der Hofmann die ganzen Stubendienste an der Küche geschlagen hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Max Friedrich:

Und da haben wir das Weiberkommando zusammenstellen müssen, das Arbeitskommando. Und ich habe draußen gestanden, und da hat er mir von rückwärts über den Kopf geschlagen, mit so einer Eichenkrücke.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, wann das war, mein Gott

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie auch nicht.

 

Zeuge Max Friedrich:

Das weiß ich nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Sache mit den Gebrüdern Schopper war hinterher?

 

Zeuge Max Friedrich:

Das war hinterher.

 

Vorsitzender Richter:

Hinterher. Ob das sehr viel später war, wissen Sie das noch?

 

Zeuge Max Friedrich:

Ja, da kann ich mich nicht genau drauf besinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie auch nicht mehr. So, sonst noch was, Hofmann?

 

Angeklagter Hofmann:

Keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr. Von den Angeklagten? Keine Frage mehr, keine Erklärung mehr abzugeben. Herr Friedrich, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Max Friedrich:

Selbstverständlich.

 

– Schnitt –

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 11.01.1960 in Würzburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 22, Bl. 3.691.

2. Hefte von Auschwitz 4, 1961, S. 83 und Czech, Kalendarium, S. 441.

3. Das sogenannte Zigeunerlager wurde am 2. August 1944 »liquidiert«. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 837 f.

4. Die Vernehmung der Zeugen Friedrich und Schröder führte Kriminalobermeister Sauerwein von der Sonderkommission der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main durch.

 

 
 
 
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