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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

83. Verhandlungstag, 28.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Jonas Friedrich

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden, daß ich] Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, Sie hatten sich freiwillig in das Arbeitslager gemeldet, weil Sie hofften, damit der Einweisung ins Ghetto zu entgehen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann schließlich verhaftet worden. Und zwar hat man Ihnen was vorgeworfen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Daß ich mir einen ausländischen Paß besorgen will.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hätten sich einen ausländischen Paß besorgen wollen. Sie sind dann ins Gefängnis nach Płaszów gekommen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ins Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ins Lager.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Gefängnis.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren dort bis wann?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bis Anfang 44.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Anfang 44. Ins Lager kam dann auch Ihre Familie?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und insbesondere auch Ihr damals neuneinhalbjähriger Sohn?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Der mit mir in Auschwitz war.

 

Vorsitzender Richter:

Der mit Ihnen in Auschwitz war. Hatten Sie, bevor Sie nach Auschwitz verbracht worden sind, schon irgendwelche Kenntnis von dem, was in Auschwitz vor sich ging?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein. Ich wußte auch nicht, daß diese... Ich habe mich ja freiwilli g zu einem Transport gemeldet, weil ich gewußt habe, daß die Kinder in Płaszów nicht am Leben bleiben werden. Und ich wußte nicht, daß diese...

 

Vorsitzender Richter:

Dieses Auschwitz das war, was es in Wirklichkeit gewesen ist.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Aber es ist dann so gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten sich also freiwillig gemeldet, mit einer Gruppe von Tischlern und Klempnern, obwohl Sie weder ein Tischler noch ein Klempner waren?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glaubten, daß das günstig für Sie wäre

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Um dem Jungen zu retten.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben auch bei dieser Gelegenheit Ihren Jungen mitnehmen können?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Um es vorweg festzustellen: Ihr Junge ist auch noch am Leben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat das Lager Auschwitz überlebt.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Gott sei Dank!

 

Vorsitzender Richter:

Und befindet sich heute wo?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

In Israel.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie dann Anfang 44, sagten Sie, nach Auschwitz kamen – wissen Sie ungefähr noch den Monat, wann es gewesen sein könnte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich glaube, es war im Februar.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wäre Februar gewesen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Januar oder Februar. Ende Januar, Anfang Februar muß es gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bis zum letzten Todesmarsch.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum letzten Todesmarsch. Und Sie kamen nach Auschwitz mit etwa wie vielen Personen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich glaube, es waren 70 oder 80.

 

Vorsitzender Richter:

Es waren also um die 80 herum.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wurden eingeliefert ins Lager Auschwitz I.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Direkt.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Selektion fand nicht statt bei Ihnen. Und auf diese Weise ist auch Ihr Sohn mit ins Lager gekommen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Sohn wurde eingesetzt als Läufer.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Während Sie selbst was für eine Tätigkeit hatten?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Zuerst habe ich in verschiedenen Arbeitskommandos gearbeitet. Und zuletzt, als die Polen das Lager verlassen haben, wurde ich Blockschreiber auf Block 14.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Als die Polen Auschwitz verlassen haben. Zuerst waren die Polen die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Inhaber dieser Stellen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Und dann, als die verlassen haben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das muß aber doch erst Anfang 45 gewesen sein, oder?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein, das war [...] Mitte 44.

 

Vorsitzender Richter:

Da wurden Sie dann noch?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Blockschreiber auf Block 14.

 

Vorsitzender Richter:

Auf Block 14?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, mit welchen Arbeiten sind Sie sonst beschäftigt worden, vordem sie Blockschreiber wurden?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich war eine kurze Zeit in dem Kommando, wo die Sachen von den Angekommenen [waren].

 

Vorsitzender Richter:

»Kanada«?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie drin. Kurze Zeit, sagten Sie.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Kurze Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie im übrigen getan?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bitte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Was hatten Sie sonst für eine Arbeit?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Dann war ich eine Zeitlang bei den Bauarbeiten.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Bauarbeiten beschäftigt. Ist Ihnen aus dieser Zeit der Angeklagte Kaduk in Erinnerung?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sehr in Erinnerung. Wieso haben Sie diesen Kaduk kennengelernt? Also ich möchte wissen: Von wann ab wußten Sie, daß die Person Kaduk war?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das wird kurz nach meiner Ankunft gewesen sein. Denn ich habe zufällig von Kaduk das Wort »pierunie« gehört. [...] Das ist ja ein schlesisches Wort. Dann habe ich gefragt, ob das ein Schlesier ist. Wurde mir gesagt: »Das ist der bekannte Kaduk. Der ist das Lagergespenst.«

 

Vorsitzender Richter:

Das Lagergespenst. Und haben Sie ihn selbst irgendwie gesehen bei gewaltsamen Handlungen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar was haben Sie gesehen? Wollen Sie uns das mal erzählen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Erstens mal bei einer Selektion in der Alten Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war die ungefähr?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das war kurz nach unserem Kommen. Das muß Anfang 44 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Anfang 44, meinten Sie. Und da war in der Alten Wäscherei eine Selektion. Wollen Sie uns mal bitte sagen: Wo war die Alte Wäscherei?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich glaube, Block 2 oder 20. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Fällt Ihnen das Gehen sehr schwer, oder können Sie mal an die Karte gehen und können uns das zeigen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, dann gehen Sie doch mal hin. [Pause] Das ist das Lager Auschwitz I. Sie sehen links unten einen schwarzen Pfeil, das war das Eingangstor.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Richtig. [...] Ich war ja hier auf diesem Block – da wird es hier gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

In diesem Block 2?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und da war die Alte Wäscherei?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie untergebracht?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Zuerst anderweitig, zuletzt auf dem Block 14.

 

Vorsitzender Richter:

Zuletzt auf dem Block 14?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und vorher?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Vorher war ich hier auf dem Block 3 und dann [+ in Block] 18.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, danke schön.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. Was hatten Sie für eine Häftlingsnummer?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

174.217.

 

Vorsitzender Richter:

174.216. Und Ihr Sohn?

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

217. Mein Sohn 216 und ich 217.

 

Vorsitzender Richter:

So. Sie 217 und der Sohn 216.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Weil ich ihn immer vorgeschoben habe.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, interessiert uns diese Selektion in der Alten Wäscherei. Sie hatten gesagt – wann ist das gewesen etwa?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das wird gewesen sein [Pause] April, Mai.

 

Vorsitzender Richter:

April oder Mai.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Oder sogar früher, weil es noch kalt war. Es war noch ziemlich kalt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Es war schon kalt. Noch kalt oder schon kalt?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Noch kalt.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sind Anfang 44, im Februar 44, hingekommen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich noch entsinnen, ob das unmittelbar nach Ihrer Ankunft war, also in den kalten Tagen, vielleicht noch Februar oder März, oder ob es schon im Herbst war, wenn es wieder kalt geworden ist, im Oktober oder November?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein, durchaus nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Solange nicht? [...]

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können sich nicht mehr genau erinnern.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

An die Zeit kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ich frage Sie nur deshalb, weil Sie bei Ihrer Vernehmung einmal gesagt haben, auf eine Selektion im Oktober oder November 44, die von Kaduk... Nein, da erinnern Sie sich nicht mehr drauf, das ist ein Irrtum meinerseits. Sie meinen also, Sie erinnern sich an eine Selektion Anfang 44, wollen sich aber in der Zeit nicht genau festlegen, in der Alten Wäscherei?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Zu welcher Tageszeit fand die statt, morgens, mittags

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Abends.

 

Vorsitzender Richter:

Abends. Nach dem Appell?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nach dem Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Mußten Sie nach dem Appell noch stehenbleiben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer mußte stehenbleiben? Alle?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Alle.

 

Vorsitzender Richter:

Alle? Oder hieß es: Juden – oder irgend jemand – vortreten?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Zu der Zeit waren hauptsächlich Juden [+ dort]. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es wurden also alle zurückgehalten nach dem Appell?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Es hat geheißen: »Juden raus!« Aber es waren fast alle Juden.

 

Vorsitzender Richter:

Fast alle Juden. War das nur für Ihren Block, wo Sie untergebracht waren? Oder galt das für alle Blocks, das heißt für das gesamte Lager?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Für alle.

 

Vorsitzender Richter:

Fürs gesamte Lager?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Fürs gesamte Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Auschwitz I?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem Sie nun stehengeblieben waren, was ging nun vor sich? Erzählen Sie uns bitte mal.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Dann sind wir getrieben worden zu der Alten Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind getrieben worden zur Alten Wäscherei. Das haben Sie uns eben gezeigt. Oben, ja?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Und dort waren der Kaduk und noch einer.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer das noch war?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich glaube, es war der Clausen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wäre der Clausen gewesen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Und ich habe das Empfinden gehabt, daß das eine rein Kaduksche Selektion war.

 

Vorsitzender Richter:

Und worauf stützte sich dieses Empfinden?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Na, weil gewöhnlich bei einer Selektion mehrere SS

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Personen anwesend waren?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Und da waren nur zwei. Und am Abend...

 

Vorsitzender Richter:

Es waren zwei, das sagten Sie uns eben bereits, nämlich Kaduk und noch einer, von dem Sie annehmen, es möchte Clausen gewesen sein.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und die waren dort. Mußten Sie an diesen Leuten vorbeigehen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Mußten Sie sich vorher ausziehen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ganz.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz ausziehen. Wo blieben Ihre Kleider?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sobald wir angetreten sind in der Alten Wäscherei, haben wir uns ausziehen müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo haben Sie da Ihre Kleider

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Dort, wo wir gestanden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Da, wo Sie gestanden sind?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also am Appellplatz?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein, in der Alten Wäscherei.

 

Vorsitzender Richter:

In der Alten Wäscherei. Würden Sie uns einmal die Örtlichkeit ein bißchen näher beschreiben. War das eine lange Baracke, durch die Sie durchgehen mußten, wo also diese Waschmaschinen oder Waschkessel, oder was da war, gestanden haben? Mußten Sie da durchgehen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

War es so, daß Sie auf der einen Seite in die Baracke reingehen mußten, auf der anderen Seite

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Und dann durchmarschiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Durchmarschieren müssen.

 

Vorsitzender Richter:

Durchmarschiert und auf der anderen Seite heraus. Gingen Sie da einzeln?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Einzeln.

 

Vorsitzender Richter:

In einer Reihe.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Gänsemarsch.

 

Vorsitzender Richter:

Im Gänsemarsch. Wo befand sich Kaduk zu dieser Zeit?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Dort, fast in der Mitte. Nein, mehr nach oben, bei dem Ausgang

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Mehr nach dem Ausgang zu?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und stand er da, saß er da oder...

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Er stand. Er stand mit einem Stöckchen in der Hand.

 

Vorsitzender Richter:

Mit einem Stöckchen in der Hand. Und Sie sind auch vorbeigegangen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Sohn auch?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein, mein Sohn war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht dabei. Und wie kam das? Sie sagten doch, es mußten alle [+ antreten]. Hat er sich verbergen können?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Der hat sich verbergen können.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sind Sie vorbeigegangen, vor Ihnen Leute, hinter Ihnen Leute.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat Kaduk gemacht?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Mit dem Stöckchen bloß rechts oder links gezeigt. Wenn er jemanden mit dem Stöckchen angezeigt hat, der war des Todes.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also er hat mit dem Stöckchen auf die Leute gedeutet.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Auf wen er gedeutet hat, der war verurteilt. Das war das Urteil.

 

Vorsitzender Richter:

Was geschah mit dem? Wurde der aufgeschrieben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Aufgeschrieben die Nummer und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer hat das gemacht? Wer hat aufgeschrieben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Darauf habe ich keine Aufmerksamkeit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie keine Aufmerksamkeit gehabt. Schön. Er hat also auf Leute gedeutet, und die wurden aufgeschrieben. Und dann ging aber alles, ob aufgeschrieben oder nicht aufgeschrieben, aus der Baracke wieder hinaus?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Richtig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wurden damals nicht aufgeschrieben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo gingen die Leute, die aufgeschrieben worden sind, dann hin?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

So präzise kann ich das nicht wissen, aber die sind dann »auf die Pfanne« gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Wo sind Sie hingekommen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

»Auf die Pfanne«. Das war der Lagerausdruck

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wofür?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ins Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Fürs Krematorium. Nun, Herr Zeuge, würde mich folgendes interessieren: Sie waren doch damals in einem Block untergebracht. Sie meinten, es wäre 17, glaube ich, gewesen, nicht?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

18.

 

Vorsitzender Richter:

Oder 18. Waren denn aus diesem Block auch Leute, die aufgeschrieben worden sind?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Gingen die mit Ihnen zunächst in den Block zurück?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Die gingen mit Ihnen zurück, als ob nichts geschehen wäre?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Alles ist zurückgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann wurden diese Leute denn nun zur Vergasung gebracht, wie Sie sagten?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Am nächsten Abend haben wir sie nicht mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Durften die am nächsten Morgen mit zur Arbeit ausrücken?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das entgeht meinem Wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das entzieht sich Ihrem Wissen. Jedenfalls am nächsten Abend, sagen Sie, waren sie nicht mehr da. Wo sie hingekommen waren in der Zwischenzeit, hatten Sie da irgendeine Kenntnis?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Freilich haben wir das gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Daß die ins Krematorium gegangen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Daß die ins Krematorium gebracht wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wieso haben Sie das gewußt, und was haben Sie für Anzeichen dafür gehabt, daß es so gewesen ist?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Na, da muß ich noch zurückgreifen. Es waren ja auch Fälle, wo ich den Kaduk gesehen habe im Lager. Wenn er einen »Muselmann« angetroffen hat oder jemand von den Häftlingen, dessen Nase ihm nicht gefallen hat, hat er sich die Nummer geben lassen. Und die Leute sind auch am nächsten Tag verschwunden. Und daher wußten wir, daß die ins Krematorium gekommen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Die Leute, die da in der Alten Wäscherei ausgesondert worden sind, waren das besonders schwache und elende Menschen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Größtenteils.

 

Vorsitzender Richter:

Größtenteils.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sogenannte Muselmänner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also es war nicht etwa so, daß besonders arbeitskräftige oder arbeitsfähige Leute ausgesondert worden sind?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Es waren auch solche dabei, aber wenige.

 

Vorsitzender Richter:

Es waren auch solche dabei, aber wenige. Kaduk behauptet nämlich, diese Aussonderungen hätten den Sinn gehabt, Transporte zusammenzustellen für auswärtige Läger, die mit Arbeitskräften versorgt werden sollten.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Meines Erachtens nach keine Spur.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum nicht?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Weil damals keine Transporte überhaupt mehr weggegangen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Waren denn die Leute in der überwiegenden Mehrzahl so schwach, daß man sie als Arbeitskräfte im allgemeinen gar nicht ansprechen konnte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das nicht?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Wir waren alle in sehr...

 

Vorsitzender Richter:

Geschwächtem Zustand?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Alle, alle.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie wissen doch, sie hatten doch in dem Lager den Begriff »Muselmann«. Sie haben ihn eben selbst gebraucht.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Waren auch solche dabei?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr viele sogar.

 

Vorsitzender Richter:

Sehr viele. Sie verstehen, was ich fragen will? Wenn ein Transportkommando für eine Arbeitsstelle zusammengestellt werden soll, wählt man ja im allgemeinen von den Schwachen die Kräftigsten aus.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich habe das Hohe Gericht verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich habe das Hohe Gericht verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dagegen, wenn ich jemanden – nicht ich, wenn jemand ausgewählt werden soll, der in die Gaskammern kommen soll, da wird man eben nicht im allgemeinen die Kräftigsten genommen haben, sondern man wird die Schwächsten genommen haben.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das letzte war der Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Das letzte war der Fall. Wissen Sie – ich glaube nicht, daß Sie mir die Frage beantworten können –, wie viele Personen ungefähr an diesem Abend ausgesondert worden sind? Das können Sie nicht wissen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun, Herr Zeuge, haben Sie uns eben grade gesagt, daß Sie auch im Lager den Kaduk öfter gesehen hätten, wenn er irgendeinen Menschen, der ihm aus irgendeinem Grunde nicht gefallen hat, aufgeschrieben hat, und daß dieser Mann dann verschwunden war.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Sehr häufig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagen »sehr häufig«. Können Sie uns eine Zahl nennen, von der Sie meinen, daß es in so vielen Fällen geschehen sein könnte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Also in wie vielen Fällen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich habe es nicht gezählt. Aber größtenteils, als ich Blockschreiber war, war ich doch während des Tages im Lager. Und da konnte ich beobachten, wenn der Kaduk sich ins Lager begeben hat, da ist wie ein Feuer [unverständlich] gelaufen sein Ruf. Und jeder hat sich in ein Mauseloch verstecken wollen. Aber ich als Blockschreiber konnte das nicht und habe viele Male beobachtet, wie er Leute angesprochen hat: »Du, gib mir deine Nummer!« Und jeder mußte seine Nummer sofort geben. Und am nächsten Tag waren sie nicht da. Da habe ich mich dafür interessiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch erlebt, daß er Leute geschlagen hat im Lager?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Mich selbst.

 

Vorsitzender Richter:

Womit? Mit der Hand?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Als ich Blockschreiber war, hat mir ja ein Mann gefehlt bei dem Appell. Einer hat sich verkrochen und verschlafen. Und nach einer gewissen Zeit, nach einer kurzen Zeit, hat man ihn herausgeholt. Dann ist der Kaduk auf mich zu und hat mir eine Ohrfeige gegeben und Fußtritte, daß ich fünf Purzelbäume vielleicht gemacht habe. Und das war ja nicht meine Schuld.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er auch mit einem Stock geschlagen? Oder mit einer Peitsche oder

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Zu der Zeit nicht. Nur eine Ohrfeige und Fußtritte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Was geschah denn mit dem Mann, der da verschlafen hatte und der sich verkrochen hatte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Der ist am nächsten Tag nicht dagewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht dagewesen. [Pause] Haben Sie noch mehr Selektionen miterlebt?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Ich meine jetzt Selektionen, bei denen auch Ärzte beteiligt gewesen sind.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben denn solche Selektionen stattgefunden in Ihrer Zeit?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer Vernehmung gesagt, im Jahre 1962 in Kissingen: »Während meines Aufenthalts in Auschwitz haben mehrfach Selektionen stattgefunden. Ich meine, es sei drei- oder viermal der Fall gewesen. Die Selektionen wurden von einem Arzt vorgenommen.«1

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich war aber nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

13.392: »Ich habe versucht, mich bei den Selektionen zu verbergen. Ich habe damals 60 Pfund gewogen und befürchtete, für den Gastod ausgesucht zu werden.«2

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich habe mich immer gedrückt. Ich habe mich immer verborgen. Ich war nicht dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie waren nicht dabei. Aber können Sie sich noch erinnern, daß überhaupt solche Selektionen stattgefunden haben?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Also man ist aufgerufen worden. Da habe ich angenommen, es ist Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Und bis heute bin ich sicher, daß es Selektionen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Das habe ich nicht verstanden.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Bis heute bin ich noch sicher, daß zu Selektionen aufgerufen worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, Sie haben einen Gehfehler. Stammt der auch von Auschwitz her?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie für ein Leiden?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ich habe ein schweres Herzleiden und Kreislaufstörungen in höchstem Maß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Also Sie sagten eben, Sie seien von Kaduk mit der Hand geschlagen worden?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Ihrer Vernehmung haben Sie gesagt: »Ich bin mehrmals von Kaduk persönlich mißhandelt worden. Er hat unter anderem mit einer Reitpeitsche auf mich eingeschlagen. Ich habe noch am rechten Backen Narben, die von den Peitschenhieben Kaduks herrühren.«3

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das war ja vorher.

 

Vorsitzender Richter:

Vordem Sie Blockschreiber waren?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber daran können Sie sich noch erinnern, daß er auch mit der Peitsche geschlagen hat?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sagten, Sie hätten bei einer Mißhandlung einmal am Rande der Bewußtlosigkeit gestanden.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Na, das war ja damals bei dem Appell.

 

Vorsitzender Richter:

Das war bei dem Appell, wo der eine Häftling fehlte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch mal gesehen, daß er einen Häftling aufgehängt hat?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie war das und bei welcher Gelegenheit?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Zwei Polen sind geflüchtet. Und die sind dann zurückgebracht worden ins Lager. Und der Bunker- Jakob hat die Schlingen angelegt. Die zwei Polen haben Hitler beschimpft, und der eine hat die polnische Hymne intoniert. Da ist Kaduk hingelaufen zu dem einen, hat ihm eine Ohrfeige gegeben und den Schemel...

 

Vorsitzender Richter:

Weggestoßen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Mit dem Bein, mit einem Fußtritt...

 

Vorsitzender Richter:

Weggestoßen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Weggestoßen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Hat Kaduk sich auch beteiligt an diesen Schlägen auf dem »Bock«?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Zu meiner Zeit, glaube ich, nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten ausgesagt: »Eine besondere Spezialität für Kaduk war auch, sich bei den Schlägen auf dem ›Bock‹ zu beteiligen.«4

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja, das wurde mir erzählt. Das war allerdings früher.

 

Vorsitzender Richter:

»Ich habe beobachtet, daß er selbst auf das Gesäß der Mißhandelten eingeschlagen hat.«5

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das war einmal bloß.

 

Vorsitzender Richter:

Also das haben Sie selbst gesehen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Einmal. Das war das letzte Mal, als es überhaupt im Lager vorgekommen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Mitte 44.

 

Vorsitzender Richter:

Mitte 44. Und dann wurde nicht mehr geschlagen?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Also meines Erachtens nach, ich weiß, es sei damals der »Bock« nicht mehr benutzt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr benutzt worden. Hat Kaduk bei Selektionen auch nachgeforscht, ob sich irgendwelche Leute versteckt hatten?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja, das war eine Durchsuchung bei der Selektion.

 

Vorsitzender Richter:

Bei den Selektionen.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Aber ob Kaduk selbst es gemacht hat oder die anderen?

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen. Von seiten des Gerichts nicht mehr. Von seiten der Staatsanwaltschaft? Die Herren Rechtsanwalt Ormond, Raabe, Strodt? [Pause] Herr Doktor Reiners.

 

Verteidiger Reiners:

Ich habe keine Fragen. Aber der Angeklagte Kaduk möchte eine Erklärung abgeben.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Jawohl.

 

Angeklagter Kaduk:

[Pause] Hohes Gericht, die letzte Selektion war im Stammlager Auschwitz im Jahre 1944 gewesen, am 18. Januar. Ich habe bei Selektionen über Leben und Tod persönlich nicht entschieden. Damals hat der Kommandant Liebehenschel sich eingesetzt in Berlin im Januar mit den Selektionen. Aber von Berlin wurde abgelehnt, und die wurden dann damals vergast. Und Liebehenschel war bis Mai dagewesen. Zu seiner Zeit als Kommandant wurde keiner selektiert ins Gas. Es wurden Selektionen durchgeführt durch den Arbeitsdienstführer, aber nicht durch die Blockführer oder durch Rapportführer.

Die Arbeitsdienstführer haben Transporte zusammengestellt in die Außenläger. Nach dem Appell war Lagersperre gewesen. Und da wurde befohlen entweder an der Küche, auf der Birkenallee, und wenn wir überrascht worden sind vom Regen, dann mußten alle in die Wäscherei, Block 1, gehen. Dort waren die Arbeitsdienstführer gewesen, und die haben sich die kräftigen Häftlinge ausgesucht. Anschließend waren Schreiber gewesen vom Arbeitseinsatz, die haben sie listenmäßig erfaßt. Und später, vielleicht 14 Tage oder drei Wochen, wurden die dann in die Nebenläger verlegt. Ich persönlich habe in Auschwitz über Leben und Tod nicht entschieden.

Jetzt möchte ich zurückkommen [auf] die Prügelstrafe. Die Prügelstrafe wurde nur im Block 11 ausgeführt, aber nicht da am Appellplatz. Das nehme ich dem Zeugen nicht ab. Da konnte er nicht dabeigewesen sein. Bei der Prügelstrafe war dabeigewesen, das gebe ich selber zu: der Schutzhaftlagerführer, der erste oder der zweite. Da war ein Arzt gewesen, und da war ich, der Rapportführer. Entweder war der erste, zweite oder dritte [+ da], wir haben uns immer abgelöst. Und geschlagen hat, sagen wir, der Jakob, der hat die Schläge verteilt. Bestimmt haben dann der Schutzhaftlager[+ führer] und der Arzt, nicht wahr, wie viele bekamen.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie das gesehen, daß der Kaduk auf dem »Bock« Prügelstrafen vollstreckt hätte?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Das war ja unbedingt nicht auf dem Block 1. Das war ja ungefähr dort in der Gegend, wo der Galgen stand.

 

Vorsitzender Richter:

An der Küche?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Wo der Galgen stand.

 

Vorsitzender Richter:

Stand der Galgen nicht an der Küche?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nicht an der Küche, an dem Galgen. Bei diesem sogenannten Kadukschen Bau, Kaduk-Haus oder wie, dort war so ein Turm.

 

Vorsitzender Richter:

Es war ein?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

So ein kleiner Turm, der »Kaduk-Turm« genannt wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da stand auch der »Bock«?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja, wie ich es gesehen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie es gesehen haben. Und auf diesem

 

Zeuge Jonas Friedrich [unterbricht]:

Und es ist dort passiert.

 

Vorsitzender Richter:

Und auf diesem »Bock« haben Sie gesehen, daß Prügelstrafen durchgeführt worden sind?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ja. Und die Selektion ist bestimmt nicht im Januar vorgekommen, denn im Januar war ich noch überhaupt nicht in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie noch nicht in Auschwitz.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie wissen genau an diese Selektion sich zu erinnern?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ganz bestimmt.

 

Vorsitzender Richter:

Ganz bestimmt.

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Ganz bestimmt.

 

Angeklagter Kaduk:

Herr Direktor

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja.

 

Angeklagter Kaduk:

Es waren Selektionen, wie man das nennt, das ganze Jahr. Und zwar war im Januar die Selektion, nicht wahr, ins Gas. Dann waren im Februar, im März auch Selektionen gewesen. Und dann später war es im Juni und Juli. Und Ende August sind drei Transporte gegangen nach Bremen, nach Neuengamme und Sachsenhausen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Kaduk, das haben Sie uns ja schon näher gesagt.

 

Angeklagter Kaduk:

Jawohl, das habe ich erklärt.

 

Vorsitzender Richter:

Ich will Ihnen nur folgendes vorhalten. Ich habe den Zeugen doch sofort gefragt: Welche Leute wurden denn ausgewählt, nämlich arbeitsfähige, kräftige Leute oder »Muselmänner« und schwache Leute? Da hat er gesagt, in erster Linie »Muselmänner« und schwache Leute. Die schickt man ja nicht auf ein fremdes Kommando zum Arbeiten.

 

Angeklagter Kaduk [unterbricht]:

Nein, die schickt man ins Gas, das ist ja selbstverständlich. Das habe ich aber nicht bestimmt, Herr Direktor, das waren die Ärzte gewesen damals. Der Lagerarzt hat bestimmt. Wir Unterführer haben überhaupt nicht bestimmt, wer ins Gas gegangen ist, auch an der Rampe nicht, Herr Direktor. Das nehme ich niemandem ab.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Na ja. Dann nehmen Sie wieder Platz.

 

Angeklagter Kaduk:

Danke schön, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Wenn keine Fragen mehr zu stellen sind, keine Erklärungen mehr abzugeben sind – Herr Zeuge, was Sie uns gesagt haben, können Sie mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Jonas Friedrich:

Jawohl.

 

– Schnitt –

 

 

 

 

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 31.08.1962 in Kissingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.392.

2. Vgl. richterliche Vernehmung vom 31.08.1962 in Kissingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.392.

3. Vgl. richterliche Vernehmung vom 31.08.1962 in Kissingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.391.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 31.08.1962 in Kissingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.391.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 31.08.1962 in Kissingen, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.391.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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