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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

146. Verhandlungstag, 26.3.1965

 

Vernehmung des Zeugen Friedrich Dern

 

Vorsitzender Richter:

Sie heißen mit Vornamen?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Friedrich.

 

Vorsitzender Richter:

Friedrich Dern. Sind wie alt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

70 Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

70 Jahre alt. Von Beruf?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Kaufmännischer Angestellter.

 

Vorsitzender Richter:

Wohnhaft in Offenbach?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Offenbach.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie verheiratet?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und nicht verwandt und nicht verschwägert mit den Angeklagten?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Dern, waren Sie früher bei der SS?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar hatten Sie welchen Dienstgrad?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Zum Schluß Standartenführer.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren Sie auch einmal in dem SS-Führungshauptamt in Berlin?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. War Ihnen ein Untersturmführer Schreiber unterstellt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Der war in einem Bataillon in Lublin.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie etwas davon, daß dieser Untersturmführer Schreiber sich einmal geweigert hatte, Judenerschießungen vorzunehmen?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ob das Judenerschießungen waren, das kann ich nicht beurteilen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, dann erzählen Sie mal, was Sie wissen.

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ich mußte nur lediglich von meinem Bataillon aus einmal einen Zug oder eine Kompanie abstellen, soviel ich mich noch erinnern kann. Und als die Kompanie dann abends zurückkam, habe ich sofort Beschwerde eingelegt und habe mich geweigert, weitere Kommandos zu stellen. Daraufhin bin ich strafversetzt worden. Das Bataillon wurde aufgelöst.

 

Vorsitzender Richter:

Wozu sollte denn dieser Zug abgestellt werden oder diese Kompanie?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Das war mir nicht bekannt, sonst hätte ich von vornherein dieses Abstellen verweigert.

 

Vorsitzender Richter:

Und was sollte denn dieser Zug machen, oder was hat er gemacht?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Soviel mir noch in Erinnerung ist, hat er Erschießungen vorgenommen. Das war kurz nach dem Rußlandfeldzug. Da sollen zum Teil – ich kann mich jetzt nicht festlegen – auch russische Politruks dabeigewesen sein. Ob da Juden dabei waren, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte dieser Untersturmführer Schreiber diesen Zug geführt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ja. Er war von mir abgestellt als Führer des Zuges.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte dieser Schreiber sich geweigert, diesen Befehl auszuführen?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Mir gegenüber nicht. Das konnte er nicht, weil er ja nicht wußte, was er tun sollte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben dann, als der Zug zurückkam, gehört, was die Leute gemacht haben?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was haben Sie daraufhin unternommen?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Darauf habe ich mich sofort mit dem Führungshauptamt in Verbindung gesetzt, sowohl mit Fernschreiber als auch schriftlich, daß ich mich weiterhin weigere, Kommandos dazu abzustellen.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah daraufhin?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Daraufhin wurde das Bataillon aufgelöst, vier Kompanien wurden überallhin versetzt, soviel ich mich noch erinnere, eine Kompanie zur »Leibstandarte«, eine Kompanie zur »Germania«, eine Kompanie zur »Deutschland«. Und die Maschinengewehrkompanie ist nach Arolsen gekommen. Der Bataillonsstab sollte auf dem Fußmarsch nach Berlin, Kommandeur und Adjutant voraus. Das war der Befehl, den ich bekam. Und daraufhin ist das Bataillon auseinandergegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie kamen nach Berlin?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ich kam nach Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Zu wem?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ins Führungshauptamt.

 

Vorsitzender Richter:

Zu wem?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Das kann ich jetzt wirklich nicht mehr sagen, wer das damals war.

 

Vorsitzender Richter:

War es nicht Pohl?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein, das unter keinen Umständen.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Das unter keinen Umständen. Pohl hätte ich sofort erkannt, und der wäre mir bestimmt noch in Erinnerung.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie wissen also nicht, wer Sie da bestellt hatte?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde Ihnen dort gesagt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Die Unterschrift lautete nur: Führungshauptamt.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mit niemandem gesprochen dort?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Doch. Kam nachher hin, es wurden mir keinerlei Vorhaltungen gemacht. Ich habe nur sofort meinen Versetzungsbefehl bekommen und bin am selben Tag noch über Stockholm, Narvik zu General Dietl.

 

Vorsitzender Richter:

Ist es nicht richtig, daß Sie Kommandeur des 14. Galizien-Freiwilligenregiments gewesen sind?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Später, 1944.

 

Vorsitzender Richter:

Erst waren Sie beim Jägerbataillon?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Beim Gebirgsjägerbataillon. Zunächst bei einem selbständigen Bataillon oben an der Eismeerfront, und dann, im Januar 42, kam ich zum Gebirgsjägerregiment, zunächst nach Deutschland, nach Wildflecken, und anschließend rauf nach [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen zu stellen? Von seiten des Gerichts? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie kamen Sie zur Waffen-SS? Waren Sie früher Wehrmachtsoffizier gewesen im Ersten Weltkrieg?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein, ich bin Freiwilliger gewesen 1914 bis 1921, war zum Schluß noch, also von 1918 bis 1921, bei der Reichswehr, in den letzten Tagen, und bin nachher zur Waffen-SS gekommen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wann?

 

Zeuge Friedrich Dern:

1935. Zur Junkerschule Braunschweig.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und was war das für ein Bataillon, das Sie führten, was nachher aufgelöst wurde?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Das war vorher ein Regiment. Und vor dem Rußlandfeldzug wurde das Regiment aufgelöst, und mein Bataillon blieb zunächst bestehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Als was?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Es hieß damals in dem Befehl »Reichsführerbegleitbataillon«.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wo lagen Sie?

 

Zeuge Friedrich Dern:

In Lublin.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da hat sich das abgespielt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren sie Alter Kämpfer, daß man Ihnen gegenüber besondere Rücksicht nehmen mußte?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein, ich bin 1932 in die Partei beziehungsweise SS eingetreten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Na ja, doch. Und was hatten Sie 33 für einen Dienstgrad?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Unterscharführer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Ihr letzter Dienstgrad war?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Standartenführer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie wurden also planmäßig weiterbefördert?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren, als Sie das Bataillon führten, noch Sturmbannführer?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und dann Obersturmbannführer?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ja. Aber ich hatte vier Jahre Beförderungssperre, von 1941 bis 44 im Herbst.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Drei Jahre.

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ja, das war 41

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Und welche Kriegsauszeichnungen hatten Sie zwischendurch gekriegt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

EK I und II. Das EK hatte ich ja schon aus dem Ersten Weltkrieg.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und Sie bekamen dann ein Regiment, dieses galizische Freiwilligenregiment?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Innerhalb der SS-Division Galizien?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, von wem haben Sie den Befehl bekommen, an Erschießungen, angeblich von Politruks, teilzunehmen – oder abzustellen, Entschuldigung, um genau zu sein?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Das kann ich wirklich nicht sagen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Wem unterstanden Sie im Raum Lublin?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Damals dem Reichsführer SS.

 

Verteidiger Aschenauer:

Direkt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Direkt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Wer war denn der SS- und Polizeiführer von Lublin?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Die haben damals gewechselt, also ich weiß es wirklich nicht.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ist Ihnen der Name Globocnik bekannt?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ja, der Name ist mir bekannt. Aber ob er damals in Lublin gewesen ist? Also ich weiß es wirklich nicht, weil wir uns als Waffen-SS wirklich nicht um diese Dinge gekümmert haben.

 

Verteidiger Aschenauer:

Aber Ihr direkter Vorgesetzter war Himmler?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl, damals, zu diesem Zeitpunkt. Beziehungsweise das Führungshauptamt.

 

Verteidiger Aschenauer:

Und Sie können, wie Sie vorhin gesagt haben, nicht mehr sagen, von wem dieser Zug angefordert wurde?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Dann eine weitere Frage: War der Leiter des SS-Führungsamtes damals nicht der SS-Gruppenführer Heißmeyer?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ich weiß es nicht. Ich bin nie da oben gewesen und habe mich auch nie um diese Dinge gekümmert, weil wir an sich Waffen-SS waren und nur unsere Befehle ausgeführt haben beziehungsweise ausgebildet haben und uns um diese Dinge gar nicht gekümmert haben.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, Sie haben gesagt, Sie haben schriftlich und mündlich in Berlin remonstriert wegen dieses Abstellungsbefehls. Können Sie sich noch ungefähr an den Wortlaut Ihres schriftlichen Erinnerungsschreibens oder Ihrer schriftlichen Beschwerde erinnern?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Ja, ich habe damals zum Ausdruck gebracht, daß das Bataillon ein reines Kampfbataillon ist, was für den Kampf ausgebildet war und ausgebildet werden sollte und ausgebildet worden ist. Und daß das Bataillon ein Durchschnittsalter von 17,5 Jahren hatte und ich mich weigere, diese jungen Leute, ohne daß sie vorher mal eine wirkliche Kampfberührung hatten, für derartige Sachen einzusetzen.

 

Verteidiger Eggert:

Hat das Wort »weigern« in dem Schreiben dringestanden?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl.

 

Verteidiger Eggert:

So. Danke.

 

Zeuge Friedrich Dern:

Vollkommen klar.

 

Vorsitzender Richter:

Ist noch eine Frage der Angeklagten, eine Erklärung abzugeben? Wie ist es mit der Beeidigung? Werden Anträge gestellt? Dann ist der Zeuge zu beeidigen.

Herr Zeuge, können Sie das mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Friedrich Dern:

Jawohl, Herr Vorsitzender.

 

– Schnitt –

 

 

 

 
 
 
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