Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

113. Verhandlungstag, 19.11.1964

 

Vernehmung der Zeugin Gisela Böhm

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit] einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Doktor Böhm, welchen Mädchennamen haben Sie? Sie sind eine geborene?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Gisela Mendel. Aus Schäßburg. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Mendel aus Schäßburg. Frau Doktor Böhm, Sie haben vor dem Krieg in Odorhei in Siebenbürgen gelebt.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Odorhei nahe Schäßburg, nach dem Wiener Schiedsspruch zu Ungarn gehörend.

 

Vorsitzender Richter:

Wann wurden Sie denn verhaftet?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Im Jahre 1944, Anfang Mai, wurden wir aus unserer Wohnung in Odorhei zu einem Sammelplatz in ein Ghetto nach Marosvásárhely, welches die Residenz der ungarischen autonomen Region ist, transportiert. Und dort waren wir in dem Ghetto in Marosvásárhely mit sämtlichen anderen aus der Umgebung hergebrachten Juden. Drei, vier Wochen bis Ende Mai waren wir im Ghetto.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Doktor Böhm, es würde mich nun mal interessieren: Haben Sie vor dieser Verhaftung bereits Ihren Beruf als Ärztin ausgeübt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo?

 

Zeugin Gisela Böhm:

In Odorhei.

 

Vorsitzender Richter:

In Odorhei. Haben Sie bei dieser Tätigkeit auch einmal den Besuch von dem Doktor Capesius gehabt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich und mein Mann zusammen. Mein Mann eher, weil ich seine Aushilfe war zu Hause. Ich hatte als Kinderärztin in dispensa gearbeitet und in der Ordination meinem Mann geholfen. Von dort kenne ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ihr Mann war auch Arzt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Auch Arzt.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie mir nun bitte einmal sagen, worauf sich Ihre Bekanntschaft mit dem Doktor Capesius in der Zeit vor Ihrer Verhaftung bezieht?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Vor meiner Verhaftung lernte ich ihn kennen als Propagandisten der Firma Bayer in unserer Stadt. Er kam nämlich auch in die übrigen Siebenbürger Städte, so auch nach Odorhei, mit den Bayer-Präparaten, die zu propagieren. Und bei einer Gelegenheit besuchte er meinen Mann, der dort Stadtarzt in dem Städtchen war. Und es wurde sogar ein Bayer-Film bei dieser Gelegenheit in der Stadt gezeigt, über Bayer-Präparate. Außerdem hatte er in Schäßburg eine Apotheke mit seinem Bruder. Er war ein bekannter, aus der Nähe von Schäßburg stammender Apotheker, so daß ich schon von zu Hause seinen Namen kannte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren von Schäßburg?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich bin eine Schäßburgerin, geborene.

 

Vorsitzender Richter:

Dadurch kannten Sie seinen Namen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, ich kannte ihn.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war es mit seiner Persönlichkeit? Haben Sie ihn auch von Person gekannt, nicht nur dem Namen nach?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Bei dieser Gelegenheit, als er als Propagandist nach Odorhei kam.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie ihn gesehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Habe ich ihn gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch mit ihm gesprochen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich habe ihn nur begrüßt. Mein Kind war im Ordinationszimmer. Dann, später, hat es von ihm Notizblöckchen, Löschblatt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So kleine Geschenke bekommen. Ja, bei dieser Gelegenheit haben Sie ihn gesehen und begrüßt. Sonst haben Sie ihn nicht gesehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Dann habe ich ihn erst später im Lager

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Auschwitz? Nein, ich meine, vor der Verhaftung.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nur bei dieser Gelegenheit?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Weil ich eben in Odorhei gewohnt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Nachdem Sie im Mai verhaftet und ins Ghetto gebracht worden sind, wurden Sie wann nach Auschwitz transportiert?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ende Mai.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Mai 44 wurden Sie nach Auschwitz transportiert. Und wer war in diesem Transport mit Ihnen zusammen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

In diesem Transport, ein Lastzug von vielen Waggons, zusammen stehend, in einem Waggon über 80 Personen zusammengedrängt, wo wir von der ganzen Umgebung, wie ich sagte, da waren. In unserem Waggon waren einige Ärzte, Kranke, Kinder, alte Leute. Kinder haben schon ungeduldig nach dem Aussteigen gefragt, wohin wir gehen. Wohin fahren wir, wir sind hungrig, wir wollen aussteigen.«

Den Doktor Berner, der damals in Marosvásárhely - Tîrgu Mures sagt man auf Rumänisch - Arzt war, den hatten wir schon im Ghetto neben uns am kahlen Boden, wo wir diese Wochen verbrachten, mit seiner Familie. Und auch in dem Lastzug fuhren wir mit Doktor Berner, der Gattin, einem Zwillingspärchen und einem größeren Töchterchen.

 

Vorsitzender Richter:

War Ihre Tochter auch dabei?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Meine Tochter war auch in demselben Waggon.

 

Vorsitzender Richter:

Und Ihr Mann?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Mein Mann war eben als Arzt in einem in einer Synagoge provisorisch eingerichteten Spital in Marosvásárhely und kam erst am nächsten Tag mit einem Transport, wo schon sämtliche Schwerkranken, Ärzte, alle mitkamen. Wir waren [+ in dem Transport], wir zwei und die genannten Familien, von denen ich noch einige gekannt habe. Und nach zwei langen Tagen, drei Nächten Fahrt, wo wir nicht wußten, wohin wir fahren, weil wir nur die Ritzen im Waggon hatten und von dort die verschiedenen Stationen erblicken konnten, sahen wir Kattowitz, Krakau, wie wir schon so weit waren. Und wir sprachen mit meiner Tochter in unserem Leid, weil der Vater nicht mit war, daß wir uns zur selben Arbeit melden werden, denn es ginge ja nur sicher zu einer Arbeit. Wir hatten keine Ahnung, was für Zwecke da verfolgt wurden, daß das möglich sein könnte, das konnten wir nie begreifen. Also haben wir das besprochen.

Und beim Ausssteigen, als der Weg zu Ende war und am dritten Morgen unser Zug gehalten hat und wir aussteigen sollten, habe ich, aus dem Zug ausgestiegen, eine SS-Kommission erblickt: Offiziere, Unterchargen wahrscheinlich, weil die Kappen verschieden waren, unter denen ich den Doktor Capesius erkannte, der in Begleitung in dieser Kommission von Doktor Mengele und Doktor Klein war, von denen ich dann später im Lager erfuhr, daß die es gewesen sind.

Es wurde aufgerufen, man hörte Stimmen, ich könnte nicht sagen, von wem. Frauen, Männer sollen separiert in Reihen stehen. Und: »Bitte schön, die Müden, die Kinder, die sich schwach fühlen, bitte, es ist eine gute Gelegenheit, in Wagen einzusteigen, wo es leichter ist.« Und da entstand ein Streit zwischen mir und meiner Tochter, die ermüdet nach diesem Eilzugfahren sehr gebeten hat, wir sollen in einen Wagen gehen. Ich wollte nur zu Fuß weitergehen, weil ich das Zusammengedrängte dort nicht so vertragen konnte, und bat darum. Das war ein Streit.

Da trat ein SS-Offizier neben uns und fragte mich, wie alt ich sei. Ich sagte etwas weniger, weil ich hoffte, daß wir dann zu einer Arbeit eingeteilt werden, und erhielt die Antwort: »Dann kannst du laufen.« Der mir das sagte, war Doktor Mengele. Und wir wurden dadurch zum Leben geschickt. An demselben Tage, weiß ich, mußte die Familie Berner den anderen Weg gehen, und nur er blieb am Leben, der mich dann später verständigte, daß er die Familie verloren hat.

Uns ordnete man in Reihen, die nach rechts gehenden Frauen, wir wurden in ein Bad geführt, gänzlich enthaart. Wir wurden dann geschoren. Alle behaarten Hautteile wurden von Haaren entfernt, mit Rasiermaschinen und ganz glatt. Es waren sehr entstellte Figuren da, die geschorenen Frauen, und sehr unglücklich. Ich tröstete sie: »Das geht zu einer Arbeit, wir werden desinfiziert, wir werden Kleider bekommen.« Immer fühlte ich im Beruf meine Pflicht, doch etwas Beruhigung zu geben, weil ich selber nie an was anderes als an eine Arbeit dachte.

Da wurden wir nach diesem Rasieren aus dem Raum herausgeführt. Unsere abgelegten Sachen, die wir mit uns hatten, haben wir gar nicht mehr da gefunden. Nichts von unseren Kleidungsstücken. Es wurde uns ein ganz fetzenartiges Kleid gegeben, Holzschuhe. Man ordnete uns in Reihen und führte uns in die Blocks. »Nun seid ihr hier Häftlinge und habt nichts zu sagen, nur die tägliche Pflicht, das Appellstehen.« Es war die traurige erste Lager[+ einführung], in der uns das alles zur Kenntnis gegeben wurde.

Und so vergingen dann die folgenden Wochen, eine lange, schwere Zeit. Ich kann mich nie besinnen auf Monate und Tage bei den folgenden Ereignissen. Nur weiß ich ganz genau den Ankunftstermin und dann, nach der langen, nur im Vernichtungslager verbrachten Zeit, das Von-dort-weg-Dirigieren beim Liquidieren des Lagers, erst am 18. November

 

Vorsitzender Richter:

Am 18. November?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ah, Januar 1945.

 

Vorsitzender Richter:

Am 18. Januar 1945

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Wurde das Lager liquidiert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Jetzt kommt noch alles, was uns in der Zeit dazwischen zuteil wurde. Als Häftlinge des Blocks 27 mußten wir täglich morgens und abends Appell stehen. Und sogar, wenn der Appell nicht gestimmt hat, wenn jemand fehlte, mußten wir beim Appell knien. Das kam vor, wenn Häftlinge nicht zum Appell kamen, sich versteckten, verschwinden wollten, weil zum Beispiel - das war dann später - sie krank oder verletzt oder schwanger waren, weil sie schon wußten, was das bedeutet. Es war schon Hochsommer - der 1., der 2., ich weiß nicht, der wievielte August es sein konnte, aber es kann auch schon Ende Juli gewesen sein -, da kam eine Läuferin in alle Blocks und rief die anwesenden, als Häftlinge sich im Block befindenden Ärztinnen zum Antreten. »Ärztinnen antreten!« hieß es. [...] »Bitte, Ärztinnen antreten! Ärztinnen antreten von allen Blocks!«

Wir sind angetreten an der Lagerstraße, geschoren, in Fetzen, wie Vogelscheuchen. Es waren da an die 40 Ärztinnen aus allen Ländern von den übrigen Blocks, und wir waren in Erwartung. Da kam ein SS-Arzt, Doktor Mengele. In seiner Begleitung war auch Apotheker Capesius. Zweck dieses Anordnens der Ärztinnen war, daß wir von Mengele unsere Einteilung bekamen. Aber schon in den ersten Minuten bei diesem Erscheinen der zwei SS-Männer hat mich Doktor Capesius erkannt und sagte mir: »Sie sind hier, Frau Böhm, warum sind Sie nicht zu Ihrem Bruder gegangen? Aber sprechen Sie vor dem nicht.«

 

Vorsitzender Richter:

Vor Mengele nämlich.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Vor Mengele nämlich. Ich erkannte ihn: »Bitte sagen Sie, was kann mit meinem Mann sein, denn wir sind... « » Ich werde Sie dann schon benachrichtigen.« Beruhigend sagte er mir das. Da kam unsere Einteilung. Mengele gab uns strenge militärische Befehle, was die Pflicht einer Blockärztin sei. Die müsse jeden Morgen vor Appell alle Häftlinge, die 1.000 in einem Block waren, entkleidet untersuchen. Alles, was ihr als krankhaftes Symptom erschien, ein Augenkatarrh, ein Ausschlag, erhöhte Temperatur, das heißt Fieber, oder ein [unverständlich] ... »Alles muß der Blockältesten gemeldet werden. Versteht ihr? Und die wird was erleben, die das nicht«...

 

Vorsitzender Richter:

»Pünktlich tut«.

 

Zeugin Gisela Böhm:

»Pünktlich tut. Den Block werde ich in Flammen setzen.« Da bekamen wir, jede Blockärztin, je einen Block, in dem sie diese Pflicht erfüllen mußte, welche die schwerste Pflicht für eine Ärztin war. Man mußte am Brettergestell die wenigen Ruhestunden auch ohne Schlaf verbringen, weil man doch wußte, am nächsten Appell muß ich angeben: Eine, die ich weiß, die hat Fieber, die andere ist schwanger, die dritte leidet an Ohrenschmerzen, wie das alles sein wird beim Appell. Das war die Pflicht einer Blockärztin.

So verging wieder eine Spanne Zeit. Wir warteten darauf, daß etwas geschieht. Und es hat ein SS-Mann mich angesprochen. Und er hat beim Ansprechen auch erwähnt, er würde in Birkenau nächstens eine Apotheke einrichten. Das habe ich nicht erwähnt. Und er wird dort in dieser Apotheke meiner Tochter Arbeit geben. Wir warteten auf dieses großes Ereignis. Es kam lange nach dem, als er die Apotheke dort einrichtete.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war der »er«?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Er, der Capesius, der mich damals in Begleitung von Mengele beim Antreten der Ärztinnen erkannte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Gisela Böhm:

In der Apotheke hat meine Tochter einen sogenannten Stubendienst versehen, über den sie ja berichten kann, einen sehr schweren Dienst. Dann verging wieder eine Zeit. Im Herbst wurde ich bei einem Appell gesucht. Ein SS-Arzt, von dem ich dann erfuhr, es sei Doktor Klein, kam mit dem Rad auf den Appellplatz und suchte die Siebenbürger Ärztin. Wo sei die Siebenbürger Ärztin? Ich meldete mich. Und Doktor Klein gab mir zu wissen, daß er mich aufgesucht hat, um uns für die schweren Winterzeiten in einen anderen Abschnitt zu überstellen.

Dann war das schon. Es war ganz kalt schon, da wurden wir, meine Tochter, ich, noch zwei oder drei Häftlinge - nie mehr werde ich das genau wissen, wir zwei waren sicher, von einer weiß ich auch bestimmt, aber meine Tochter sagt immer, wir waren fünf an der Zahl - herüberbegleitet in einen anderen Abschnitt. Ich weiß nicht, welche Benennung dieser Ort hatte, aber dieser Ort war nahe der SS-Apotheke, die sich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Im Hauptlager?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Im Hauptlager. Wir waren in einem polnischen Block die letzten Wochen, bevor dann Auschwitz liquidiert wurde, alle Leitenden verschwunden sind und wir auf den Endmarsch mit Wächtern abmarschierten und bis Ende April diesen sogenannten Todesmarsch mitmachten, den sehr wenige überlebten.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, darf ich Sie nun nach Einzelheiten noch fragen. In erster Linie: Als Sie ankamen auf der Rampe, wer hat da die Türen geöffnet von den Waggons, und wer hat Sie aufgefordert auszusteigen? Wissen Sie das noch, oder haben Sie darauf keine Acht gehabt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Wer die Waggons geöffnet hat, könnte ich nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat Sie dann aufgefordert, sich aufzustellen, Frauen und Kinder gesondert, Männer gesondert und so weiter?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das waren solche ordnenden Chargen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren das SS-Leute oder

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

SS-Leute waren es.

 

Vorsitzender Richter:

Oder waren es Häftlinge?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Es waren SS-Leute, die die Reihen ordneten und sagten: »Stellt euch auf!« Unteroffiziere.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie dort, als Sie ausgestiegen sind aus dem Waggon, auf der Rampe den Doktor Capesius schon gesehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was tat er denn dort?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Er sagte mir nichts, er hat mich damals vielleicht auch nicht gesehen. Ich sah ihn in einer Gruppe mit den anderen zwei Offizieren, einige Unteroffiziere waren dabei. Ich habe mir das vorgestellt wie eine Kommission zum Empfang. Das war mein Eindruck.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, der eine Offizier war doch der Doktor Mengele? Das haben Sie hinterher erfahren?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, und Klein war der dritte.

 

Vorsitzender Richter:

Und der Klein war der dritte?

 

Zeugin Gisela Böhm:

War auch dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah denn der Doktor Klein aus?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Klein kannte ich später persönlich. Er war nicht so großgewachsen wie Capesius, etwas älter, ich denke, viel älter, hat ein schmaleres Gesicht gehabt und hat mir freundlich zugesprochen, daß er mich in einen anderen Abschnitt überführen wolle.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war später.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das habe ich mir da rekonstruiert, daß er das dort war, der dritte.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen also, als der Zug auf der Rampe hielt und Sie ausgestiegen sind, waren an Offizieren beziehungsweise an Führern da der Mengele

 

Zeugin Gisela Böhm:

Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Capesius und Doktor Klein.

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Capesius und Doktor Klein, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun hatten Sie uns gerade eben erzählt, der Doktor Mengele kam auf Sie zu und hat gefragt: »Kannst du laufen?«

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

»Wie alt bist du?« Und da haben Sie ein bißchen jünger gesagt, und da hat er gesagt: »Da kannst du laufen.«

 

Zeugin Gisela Böhm:

Kannst du laufen mit den [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Ja, kannst du laufen. Und was hat denn der Doktor Capesius in dieser Zeit gemacht? Haben Sie ihn überhaupt

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Ich weiß von Doktor Berner zum Beispiel, daß Berner sich bei ihm meldete - wir sind doch an demselben Tag angekommen -, um im Bad seiner Frau eine gute Einteilung zu geben. Mir schrieb er aus Israel, daß er diese Zeugenaussage hier gemacht hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie sagten, Doktor Berner ist nach Ihrer Kenntnis von Doktor Capesius damals eingeteilt worden.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja natürlich, denn

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wann hat er Ihnen denn das erzählt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Doktor Berner, den habe ich, allein, traurig, in einer Appellpause im Männerlager gesehen, wo er mir sagte, die Zwillinge, das Töchterchen, die Frau, niemand ist mehr. Das war in einer Appellpause. Er winkte mir, ich solle warten, und hat mir über den Zaun, weil er in einer Bekleidungskammer arbeitete - er war abgemagert, hat schlecht ausgesehen -, einen großen Männerschuh herübergeworfen. Und dieser Schuh, den ich von ihm damals bekam, hat mir diese großen Wege erleichtert und es mir ermöglicht, daß ich eben überleben konnte. Den Schuh habe ich von Berner bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Hat Ihnen der Doktor Berner bei dieser Gelegenheit irgend etwas davon gesagt, daß Doktor Capesius ihn ausgewählt und ausgesondert hätte? Nein, wohl kaum.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Bei dieser Gelegenheit haben wir auch nicht viel sprechen können. Er hat nur traurig gezeigt, daß er die Familie nicht mehr hat.

 

Vorsitzender Richter:

Verloren hat.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Und hat gesehen, daß ich ohne Schuhe bin.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie, in welcher Sprache hat man auf der Rampe mit Ihnen gesprochen: in deutscher Sprache oder in ungarischer Sprache?

 

Zeugin Gisela Böhm:

In deutscher Sprache. [...]

 

Vorsitzender Richter:

In deutscher Sprache.

 

Zeugin Gisela Böhm:

In deutscher Sprache, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Als Doktor Capesius Sie angesprochen hat: »Warum sind Sie hier und nicht bei ihrem Sohn«?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Bruder, nicht bei dem [+ Sohn].

 

Vorsitzender Richter:

Oder beim Bruder, Verzeihung. War das auch in deutscher Sprache oder nicht?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Oder in ungarischer?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Erst in deutscher. Die nächsten Wörter, daß ich hier nicht sprechen soll, sagte er mir sogar ungarisch.

 

Vorsitzender Richter:

Das sagte er ungarisch?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie möchten hier nicht sprechen. Und dann haben Sie später auch den Doktor Klein noch kennengelernt. Sie haben uns eben eine Beschreibung von Doktor Klein gegeben. War es denn leicht möglich, daß man diese beiden Personen verwechselte?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, absolut nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Absolut nicht.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ein ganz anderer Typ war Doktor Klein.

 

Vorsitzender Richter:

Ein ganz anderer Typ?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ich frage Sie deshalb, weil der Doktor Capesius wiederholt uns hier versichert hat, er sei ein Opfer der Verwechslung mit Doktor Klein gewesen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nur weil alle beide SS-Ärzte waren, das war das einzige. Aber das Äußere war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das Äußere war verschieden, grundverschieden?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ganz verschieden.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, [Pause] was sollte das bedeuten, die Frage: »Warum sind Sie nicht bei Ihrem Bruder« oder »zu Ihrem Bruder gegangen«? Was bedeutete das?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das bedeutete, daß er meinen Bruder aus Schäßburg kannte. Mein Bruder war Rechtsanwalt, kannte den Capesius ebenfalls. Das konnte die Bedeutung haben, daß er sich wunderte, warum wir deportiert wurden und nicht in die Nebenstadt kamen, nach Schäßburg, wo keine Deportationen waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ah, da fand keine Deportation statt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das konnte möglich sein, später wurde es mir schon klar.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Als wir nach der Befreiung in Schäßburg ankamen, erwartete uns mein Bruder. Und seine erste Frage war: »Wie hat sich Capesius euch gegenüber gezeigt?« Ich sagte ihm: »Capesius haben wir seit 18. Januar nicht mehr gesehen. Wir waren die ganze Zeit im Vernichtungslager, wurden auf keinen Arbeitstransport weggeschickt.« Und in dem Moment zeigte mir mein Bruder: »Schau, hier ist ein Brief, den habe ich ganz kurz vor eurer Ankunft gezeigt bekommen. Ich habe ihn bei mir behalten. Dieser Brief ist genug dafür, daß du einmal Zeuge sein wirst.« Und er bat mich, sofort eine Deklaration zu schreiben. Er war nämlich Leiter der Sozialdemokratischen Partei und hat die Bewegungen dort geleitet nach der Befreiung.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Bruder?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Und er wußte, daß ein Prozeß in Vorbereitung ist, der Nürnberger Prozeß. Und er sagte mir: »Da ist die Untersuchung, wir müssen dorthin über Auschwitz schreiben.« Er gab mir ein Papier, betitelt: »Vernichtungslager Auschwitz«. »Wie schwer es dir auch immer fällt«, denn es war schwer, darüber zu sprechen, ohne den Gatten nach Hause gekommen und verschreckt. Ich habe aber den Bericht geschrieben, und er hat das mit der Deklaration zusammen weitergeschickt.

In diesem Brief, den ich hier habe - adressiert an eine dort lebende Frau Schuster, Gattin eines Arztes, deren Mutter das Telegramm aufgab in Wien, mit dem Datum 15. oder 16. Januar 1945 -, da heißt es: Man solle Doktor Mendel, den Bürgermeister, fragen, ob er geneigt wäre, seine Schwester und Anhang, das bedeutete: mein Kind, gegen die Familien Capesius, Schuller, Zielinski und Schuster auszutauschen. Und Schuster fragte eben meinen Bruder: »Schau, was das sein kann.« Denn den Brief kann nicht die Schwiegermutter geschickt haben, sondern bei einer Gelegenheit war wahrscheinlich Capesius in Wien und hat seiner Familie in dieser Art helfen wollen.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns den Brief einmal geben? Bitte schön. In welcher Sprache ist der Brief geschrieben?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Deutsch.

 

Vorsitzender Richter:

In Deutsch. [Pause] Danke schön. [Pause] Dieser Brief wird verlesen. Die Zeugin überreicht einen Brief vom 14. Januar 45, der verlesen wird. Deutsches Rotes Kreuz, das ist nicht von Capesius, sondern ein Brief vom Roten Kreuz. »Deutsches Rotes Kreuz, Präsidium Auslandsdienst, Berlin SW 61, Blücherplatz 2. Antrag an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz auf Nachrichtenvermittlung. Absender: Frau Gertrud Fehse, Stolpmünde, Draheimstr. 2, bittet an Tochter, Frau Gisela Schuster, in Rumänien folgendes zu übermitteln: ›Seid ihr fünf noch in eurer Wohnung und gesund? Fragt Bürgermeister Mendel, ob er seine Schwester mit Anhang austauschen möchte gegen Familien Capesius, Schuster, Zielinski, Schuller.‹ Unterschrift: Gertrud Fehse am 14. Januar 45.«1 Der Brief wird verlesen und der Zeugin zurückgegeben. Danke schön.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Vorsitzender, eine Fotokopie dieses Briefes befindet sich auf Blatt 12.693.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie sagten, Doktor Capesius hat damals, als Sie bei dem Appell angetreten waren, zunächst in deutscher Sprache mit Ihnen gesprochen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann in ungarischer.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Einige Wörter in Ungarisch.

 

Vorsitzender Richter:

Einige Wörter in Ungarisch, insbesondere die Worte »Sprich nicht, während der da ist« oder so was Ähnliches.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben also gar keinen Zweifel daran, daß Doktor Capesius identisch ist mit dem Mann, den Sie vor dem Krieg beziehungsweise vor Ihrer Deportation in Ihrer Heimatstadt als Doktor Capesius kennengelernt haben?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Es ist gar kein Zweifel daran.

 

Vorsitzender Richter:

Ist gar kein Zweifel. Ich habe keine Fragen mehr an die Zeugin.

 

Richter Perseke:

Frau Doktor Böhm, wie oft haben Sie Doktor Capesius in Auschwitz insgesamt gesehen? Bisher haben Sie uns zwei Fälle geschildert, einmal auf der Rampe und einmal bei dem Appell, wo Doktor Mengele dabei war.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Richter Perseke:

Haben Sie ihn sonst noch gesehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

[Pause] Als er die Apotheke einrichten kam, sah ich ihn noch einmal. [...]

 

Richter Perseke:

Hat er Sie im Lager mal besucht?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, im Lager nicht.

 

Richter Perseke:

In welchem Lagerabschnitt waren Sie denn? Wissen Sie das noch?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Wir waren zuerst im c-Lager Birkenau.

 

Richter Perseke:

Also BIIc?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie noch, in welchem Block Sie waren?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Zu Beginn waren wir im 27. Block. Und später war ich im 17. Block. Der war nahe an dem Block, wo diese Häftlingsapotheke war.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie noch, wie Ihre Blockälteste hieß?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Eine Vera, kann ich mich erinnern. Vera. Aber sonst nichts. Das war die erste, dann hatten wir eine Bronka.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie noch den Zunamen der Vera?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Richter Perseke:

Kann die Schmiedel geheißen haben?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich weiß nicht. Sie konnte gut Deutsch.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie nicht. Also wir haben hier mal eine Zeugin vernommen, die heißt jetzt Alexander, und die hat auch von Ihnen berichtet. Und diese Zeugin hat gesagt, Doktor Capesius hätte Sie vier- bis fünfmal in dem Lagerabschnitt BIIc besucht.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Richter Perseke:

Das stimmt nicht?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Richter Perseke:

Oder kann es sein, daß Sie das vergessen haben?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich kann mich ganz genau erinnern.

 

Richter Perseke:

Sie können sich erinnern, daß das nicht der Fall ist?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Es war nicht so ein häufiger Fall, was Sie

 

Richter Perseke [unterbricht]:

Also die Zeugin Alexander scheint sich dann zu irren?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Höchstwahrscheinlich, denn man hat viel gesagt. Das weiß ich doch sicherer.

 

Richter Perseke:

Können Sie sich daran erinnern, daß in Ihrem Block eine Frau mal ein Kind geboren hat? Oder ist das öfter vorgekommen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich kann mich erinnern, daß bei einem Appell eine Schwangere die Wehen bekam und ich so undiszipliniert war - weil es von mir ausging, ich muß helfen - und bin herübergelaufen in die Reihe, wo sie stehen mußte, und habe da einen tüchtigen Hieb bekommen, den ich noch monatelang gespürt habe. Daran kann ich mich erinnern. Ich wußte auch nicht, wie sie heißt.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie, was aus dieser Frau und dem Kind geworden ist?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Mit dem Kind zusammen kam sie ins Krematorium, diese Frau, von der ich weiß.

 

Richter Perseke:

Denn die Frau Alexander hat den Namen Doktor Capesius im Zusammenhang mit der Geburt dieses Kindes genannt. Sie haben so etwas nicht in Erinnerung?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, ich habe so etwas nicht in Erinnerung.

 

Richter Perseke:

Danke schön.

 

Richter Hotz:

Frau Doktor Böhm, Sie sagten vorhin einmal auf eine Frage des Herrn Vorsitzenden, Sie hätten später rekonstruiert, daß Doktor Klein dieser dritte SS-Führer auf der Rampe gewesen sei. Wie sollen wir das verstehen: »rekonstruiert«?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich habe in mir selbst festgestellt: Also das war dann der dritte, er war es, der mich später, dann nach einer längeren Zeit, ansprach.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Zeugin Gisela Böhm:

So habe ich das gemeint.

 

Richter Hotz:

Noch folgende Frage: Wissen Sie, wo Sie das Pfingstfest 1944 verbracht haben? [...]

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das ist im Monat Mai.

 

Richter Hotz:

Kann auch Juni sein.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Von Weihnachten weiß ich ein Fest.

 

Richter Hotz:

Dann will ich anders fragen: Wissen Sie das genaue Ankunftsdatum in Auschwitz?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja. Es war nämlich am vorigen oder nächsten Tag mein Geburtstag. Und das kann nur der 30., 31. Mai gewesen sein.

 

Richter Hotz:

Doktor Berner meinte, es sei der 29. Mai gewesen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das kann schon sein, denn 29., 30., 31., das ist

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie hat am 30. Mai Geburtstag.

 

Richter Hotz:

Danke sehr.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das ist richtig, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Landgerichtsrat Hummerich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, welche Häftlingsnummer hatten Sie? A...

 

Zeugin Gisela Böhm:

A-25.382.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

25.382. Zu welcher Tageszeit wurde der Transport ausgeladen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das war schon frühmorgens.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wie? Es war schon hell?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, es war schon.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber frühmorgens war es?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Frühmorgens war es. Es war schon nicht mehr Nacht. Man konnte sehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hatte der Transport lange gestanden, ehe aufgemacht wurde?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, lange gestanden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren also lange vorher schon angekommen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Vorher angekommen, und endlich wurden die Türen geöffnet.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und dann? Sie wurden vorhin schon mal vom Herrn Vorsitzenden gefragt. Daß Doktor Capesius auf der Rampe irgendeine Tätigkeit ausgeübt hat, konnten Sie nicht sehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

An dem Tag konnte ich das nicht konstatieren.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das konnten Sie nicht konstatieren? Er stand da?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Er stand da, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ging er auch mal weg, oder haben Sie ihn nicht dauernd beobachtet?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Dann habe ich ihn nicht mehr beobachtet, dann haben wir unseres

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie haben ihn aus den Augen verloren.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Dann mußten [+ wir] in der Reihe stehen und haben unseren Streit gehabt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da kam ja Mengele dazu, wie Sie den Streit hatten.

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Da kam bei uns Mengele dazu.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann sagten Sie vorhin, Doktor Klein, mit dem seien Sie im Lager öfters in Berührung gekommen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, auch mit Doktor

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie sagten doch, im Lager wären Sie mit ihm ins Gespräch gekommen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Als er die Siebenbürger Ärztin suchte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ach, das war nur bei dem einen Mal?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sonst haben Sie ihn nicht gesehen im Lager?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Den Doktor Klein?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, den habe ich dann gesehen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Nur bei dem einen Mal im Lager?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und da haben Sie sich vergegenwärtigt, daß das nun der dritte gewesen sein müßte von der Rampe?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, sicher. Und jeder wußte dort, daß er das ist.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Aber gesprochen haben Sie darüber nicht mit ihm?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Darüber?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nur, was er mir verkündet hat.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, ich habe das zur Kenntnis genommen.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr? Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Frau Doktor Böhm, Sie sagten vorhin, daß, als Sie zurückgekommen waren, Ihr Bruder Sie gefragt habe: »Wie hat sich Doktor Capesius euch gegenüber verhalten?« Was haben Sie da geantwortet?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Er hat uns keine Hilfe gegeben.

 

Verteidiger Laternser:

Er hat Ihnen keine Hilfe gegeben?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Haben wir geantwortet.

 

Verteidiger Laternser:

Hat er nicht Ihre Tochter in die Häftlingsapotheke gebracht?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, das war aber keine Hilfe, denn ihre dort verbrachte Zeit war eine sehr schwere Zeit. Und wir waren lange Monate in dem Vernichtungslager, wo alle Transporte auf Arbeit abgingen, nur wir bis zum letzten Moment so fast als Geiseln dortbehalten wurden. Eben als er uns sah, konnte er sich diesen Austausch gedacht haben.

 

Verteidiger Laternser:

Darf ich mal fragen: Lebt Ihre Frau Mutter noch?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, nein.

 

Verteidiger Laternser:

Wissen Sie, daß Ihre Mutter mal den Nachbarn, und zwar der Frau Letz gegenüber gesagt hat - kennen Sie die Frau Letz?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Oh ja, aber was kann so eine alte Mutter

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Hat Ihre Mutter nicht der Frau Letz oder auch anderen Personen gesagt, daß, wenn der Doktor Capesius nicht gewesen wäre, sie keine Tochter und keinen Enkel mehr hätte?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das kann sie vielleicht gesagt haben, aber nur, weil man eine alte Frau beruhigt hat mit etwas.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, Sie haben dem Gericht vorhin berichtet, daß in dem gleichen Transport, mit dem Sie angekommen sind, Herr Doktor Berner unter anderem war. Ist das richtig?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Wir waren zusammen mit Familie Berner schon im Ghetto und auch im Lastzug.

 

Verteidiger Steinacker:

Können Sie sich an andere Personen erinnern, die ebenfalls mit Ihnen zur gleichen Zeit angekommen sind?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich kannte sehr wenige, weil wir nicht von der Stadt kamen. Ich weiß, daß eine Familie Tischler zum Beispiel dort war und ein Doktor Shimon. [...]

 

Verteidiger Steinacker:

Ist mit Ihnen im Transport eine Frau Szabo gewesen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Die Frau Szabo ist natürlich mit uns gewesen.

 

Verteidiger Steinacker:

Im gleichen Transport?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Im gleichen Transport. Aus Odorhei kommend.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie kennen die Frau Szabo?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich kenne die Frau Szabo.

 

Verteidiger Steinacker:

Schon vor Ihrer Abfahrt haben Sie sie gekannt, oder haben Sie sie erst im Lager oder erst nach dem Lager kennengelernt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich habe sie schon in Odorhei gekannt. Als Kind habe ich sie

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Schon in Odorhei gekannt, ja. Haben Sie Frau Szabo in Auschwitz dann noch mehrmals gesehen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich habe Sie zweimal noch gesehen, weil sie im Küchendienst tätig war. Einmal brachte sie mir unter großer Gefahr gekochte Kartoffeln. Auf der Lagerstraße ist sie hingelaufen bis zu unserem Block, weil sie wußte, daß wir hungern.

 

Verteidiger Steinacker:

Hat Ihnen die Frau Szabo damals etwas erzählt darüber, daß Doktor Capesius versucht habe, seine Familie herauszuholen aus Rumänien, daß es aber nicht gelungen sei, weil inzwischen der Vormarsch der Roten Armee bereits so weit vorangekommen sei? Können Sie

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Darüber haben wir mit der Szabo nicht

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Nicht gesprochen.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Wir haben Minuten uns gesehen.

 

Verteidiger Steinacker:

Hat sie Ihnen etwas davon erzählt, Doktor Capesius habe einen »Sport« mit verschiedenen Häftlingen gemacht, unter anderem auch mit ihr?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Im Lager konnte sie mir darüber nicht berichten

 

Verteidiger Steinacker:

Nicht berichten.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Aber nach dem Nachhausekommen hat sie es mir erzählt, ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Nach dem Lager. Gut, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sind von seiten der Verteidigung noch Fragen zu stellen? Von seiten der Angeklagten?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, vielleicht noch eine. Entschuldigen Sie, ist mir grade noch eingefallen. Frau Zeugin, waren Sie gestern in der Ausstellung2, die hier in Frankfurt eröffnet worden ist über das Konzentrationslager Auschwitz?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Der Angeklagte Capesius.

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Auf der Rampe in Birkenau waren der Herr Doktor Klein und der Herr Doktor Mengele, wie die Zeugin ganz richtig sagt. Der Herr Doktor Klein hat dasselbe ungarische Timbre gehabt, und dadurch hat man auf der Rampe gesagt, auf ungarisch: - Egy erdélyi szász volt az orvos. Magyarul beszélt. - Ich werde es jetzt in deutsch sagen: »Der Arzt war ein Siebenbürger Sachse, er sprach Ungarisch.« Das war das Ganze, was auch die Eva, die mit im selben Transport war, berichtet hat.

Ich habe im Lager, wo die Frau Doktor Böhm war, keinen Besuch damals gemacht. Sondern der Herr Doktor Klein hat über die Eva angebandelt, weil sie ein sehr freundlicher und mitteilungsfreudiger Typ war und sich eben bemühte, aus der Situation möglichst etwas zu machen. Sie wurde am nächsten Tag in die Apotheke schon eingeteilt und nicht fünf Wochen später. Und die erste Bestellung für diese Apotheke hat ein SDG zu uns gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie wollen also sagen, erstens waren Sie nicht auf der Rampe, und zweitens haben Sie auch nicht dieses Gespräch mit Frau Doktor Böhm gehabt bei dem Appell beziehungsweise bei dem Zusammenrufen sämtlicher Ärztinnen? Sie wollen sagen: In beiden Fällen war es nicht ich, sondern der Doktor Klein, ja?

 

Angeklagter Capesius:

Ich möchte das so ein wenig ausführen, wie ich angefangen habe.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Angeklagter Capesius:

Einen Monat später, nachdem die Apothekerin auf der Lieferung der ersten Bestellung gelesen hatte: »Doktor Victor Capesius« und dadurch wußte, wer da sitzt, hat sie selbst dann die Bestellung abgeholt, mit drei oder vier Begleitfrauen und einem Kommando. Und bei der Gelegenheit ist sie dann von mir übernommen worden, was ja auch die Tochter Böhm in ihrer Vernehmung ausgesagt hat. Durch diese Sache erfuhr ich, daß in diesem Lager weniger Medikamente sind, als die junge Apothekerin bei uns sehen konnte. Daraufhin hat die Apothekerin die Freiheit bekommen, mit Herrn Sikorski und Straub noch eine Zusatzbestellung zusammenzustellen. Mit dieser Zusatzbestellung bin ich draußen gewesen und habe sie übergeben.

Bei der Gelegenheit habe ich auch eine Bekannte dort gesehen aus Klausenburg, eine Zahnärztin. Diese Zahnärztin hat auch der Mutter, also der Frau Doktor Böhm, dort irgend etwas an den Zähnen repariert. Aber wir haben uns dort nicht getroffen. Aber jedenfalls haben die Herrschaften erfahren, daß ich dort bin, auch schon durch den Wechsel von der Eva aus dem Lager zur SS-Apotheke. Einen Monat später kamen dann abholen die Arzneimittel die Frau Doktor Böhm mit Tochter und noch vier oder fünf Begleitpersonen. Und bei dieser Gelegenheit haben wir zum ersten Mal gesprochen, und bei dieser Gelegenheit hat die Frau Doktor Böhm alle diese Aussprüche gemacht.

Und der Hinweis stimmt, daß ich gesagt habe, sie möchte nicht so laut sprechen. Denn die ganzen Apotheker waren herzugelaufen aus dem gegenüberliegenden Teil, weil sie in ihrer Erregung eben etwas laut geworden war. Das war nicht beim Appell, das war in der Apotheke und war unsere erste Begegnung.

Und die Eva hat sich nachträglich gekümmert um die beiden Damen, und ich wußte damals nicht, daß ich die Macht habe, die Frau Doktor Böhm und Tochter in einen besseren Dienst bringen zu lassen. Aber der Sikorski, der hier schon ausgesagt hat, hat gesagt: »Nicht zu uns in die Apotheke, aber wir besorgen Posten.« Und dann wurde sie am nächsten Tag schon durch Doktor Klein geholt.

Doktor Klein war dort Arzt, also ging er dort ein und aus mit Doktor Mengele. Ich habe geholfen, so gut ich konnte. Die Eva jedenfalls hat den Zeuginnen Sachen gebracht von dem, was es auf dem Boden der Apotheke gab. Und die Damen haben ihren Marsch gut überstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Meinen Sie unter »Eva « die Tochter von der Frau Doktor Böhm?

 

Angeklagter Capesius:

Nein, sondern die weibliche Apothekerin, die bei uns in der Apotheke war, die mit demselben Zug angekommen ist. Und der Rote-Kreuz-Brief, der stammt nicht von mir, auch nicht als Vater des Gedankens, sondern dieser Brief wurde von einer Gertrud Fehse als Frau gezeichnet. Sie, die Gertrud Fehse, ist nicht nur die Mutter dieser Frau Doktor Schuster, Hans, genannt Janosch, sehr gut bekannt der Frau Doktor. Sondern gleichzeitig ist ein Fehse in den Annalen der Staatsanwaltschaft auch enthalten als Auschwitzer. Und der mag die Verbindung hergestellt haben, ich nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Herr Vorsitzender, gestatten Sie mir jetzt, im Anschluß an die Erklärung von Herrn Doktor Capesius noch eine Frage an die Zeugin zu richten. Kennen Sie, Frau Zeugin, einen Häftling Eva?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

War dieser Häftling in dem gleichen Transport wie Sie?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Sie war im gleichen Transport. Aber wenn ich etwas dazu sagen darf, bitte schön?

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, bitte.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Meine erste Begegnung mit Doktor Victor Capesius, wo er mich ansprach, war bei dem »Antreten Ärztinnen!«. Das ist nicht zu bezweifeln. Geholfen hat er uns nicht. Den Endmarsch haben wir - außer dem Vernichtungslagerleben, das so schwer war - durch wunderliche Zufälle überleben können, auf 40 Kilogramm ich und 30 und etwas meine Tochter abgemagert. Eva hat eine Hilfe erhalten. Wir haben keine Hilfe erhalten. Die SS-Apotheke wurde nicht am ersten Tag, sondern nach dem Antreten der Ärztinnen noch nach einer geraumen Zeit eingerichtet.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, zu dem gleichen Thema: Waren Sie einmal in der SS-Apotheke, nicht in der Häftlingsapotheke, die später, nach Ihrer Darstellung, eingerichtet worden ist?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja, ich war einmal [+ dort].

 

Verteidiger Steinacker:

Ist das die SS-Apotheke, die - ich will es nur zur Feststellung der Örtlichkeit [+ fragen] - nicht in Birkenau war, sondern in Auschwitz I, im Stammlager? Waren Sie da?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das ist jene SS-Apotheke.

 

Verteidiger Steinacker:

Im Stammlager? Da waren Sie? [...]

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja. Ich war.

 

Verteidiger Steinacker:

Haben Sie da Herrn Doktor Capesius getroffen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Da sah ich ihn.

 

Verteidiger Steinacker:

Da sah ich ihn. Wann war das? War das, Frau Zeugin, bevor der Vorfall war mit dem Appell?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Mit den Ärztinnen antreten?

 

Verteidiger Steinacker:

Mit den Ärztinnen antreten.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das war nach dem.

 

Verteidiger Steinacker:

Das war nachher. Ist Ihnen die Anschrift der Zeugin Eva bekannt?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nicht bekannt.

 

Verteidiger Steinacker:

Ist es richtig, daß der Nachname Citron ist?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Citron. Dann zur Frage. Sie haben auf den Vorhalt des Herrn Vorsitzenden gesagt: »Doktor Klein und Doktor Capesius konnten nicht verwechselt werden.« Ich halte Ihnen vor, daß hier bereits mehrere Zeugen in der einen Richtung und auch mehrere in der anderen Richtung Bekundungen bezüglich der Verwechslungsfähigkeit oder Nichtverwechslungsfähigkeit gemacht haben. Zum Beispiel die Zeugin Doktor Lingens hat erklärt - und das halte ich Ihnen vor -, Herr Doktor Klein sei ein ähnlicher Typ wie Doktor Capesius. Doktor Klein war ein pyknischer Typ, können Sie sich daran

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Nein, pyknisch, Klein? Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Dann ein weiterer Vorhalt.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Kennt sie die Lingens?

 

Verteidiger Steinacker:

Kennen Sie Frau Doktor Lingens?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nein, ich kenne sie nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie war auch im Frauenlager Häftlingsärztin.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Kenne sie nicht.

 

Verteidiger Steinacker:

Kennen Sie nicht. Noch einen weiteren Vorhalt: Die Zeugin hat auf die Frage des Herrn Vorsitzenden bei ihrer damaligen Vernehmung gesagt, Größe und Gestalt beider Personen haben eine gewisse Ähnlichkeit, insbesondere die Kopfform. Die Gesichtszüge seien nicht ähnlich, sie könne aber die ähnliche

 

Zeugin Gisela Böhm [unterbricht]:

Das ist absolut unwahr, denn entweder der

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Entschuldigung, ich war noch nicht fertig, Frau Zeugin. Sie könne die ähnliche Statur bestätigen, die Gesichtszüge würden sich nach ihrer Meinung nicht ähneln. Was sagen Sie dazu?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Nicht die Statur und nicht die Gesichtszüge, keines ist ähnlich und zu verwechseln.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, ich halte Ihnen folgendes vor: Sie haben auf die Frage des Herrn Ergänzungsrichters, wie oft Sie Herrn Doktor Klein getroffen haben, gesagt, ein einziges Mal, und zwar als er die Siebenbürger Ärztin gerufen hat.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Aber sein Gesicht kann ich nicht vergessen.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut, aber die Frau Doktor Lingens, das halte ich Ihnen weiter vor, war Häftlingsärztin und hat den Doktor Klein sehr gut gekannt.

 

Zeugin Gisela Böhm:

Ich bin mir sehr sicher in dieser Aussage.

 

Verteidiger Steinacker:

Gut. Dann habe ich keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie haben gehört, was der Doktor Capesius eben eingewandt hat. Wollen Sie dazu noch etwas sagen?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Das stimmt nicht mit seinen Daten, die er angibt. Denn nach der Ankunft wurde noch lange keine Häftlingsapotheke eingerichtet. Das war nach dem Antreten der Ärztinnen. Und an mein vorlautes Benehmen kann ich mich überhaupt nicht erinnern, weil es nicht meine Eigenschaft ist. Ich habe nicht geschrien, ich habe nur geduldet, und jetzt muß ich die Wahrheit sagen. Ich muß dem Gericht bei der Wahrheitssuche helfen. Das ist kein Haß, das ist nur die Gerechtigkeit.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Gisela Böhm:

Mit gutem Gewissen beschwören.

 

- Schnitt -

 

 

1. Vgl. Antrag des Deutschen Roten Kreuzes an das Internationale Komitee des Roten Kreuzes auf Nachrichtenübermittlung, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.693.

2. Vgl. Cornelia Brink: »Auschwitz in der Paulskirche«. Erinnerungspolitik in Fotoausstellungen der sechziger Jahre. Marburg: Jonas Verlag, 2000.

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X