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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

120. Verhandlungstag, 10.12.1964

 

Vernehmung der Zeugin Hildegard Bergerhausen

 

Vorsitzender Richter:

Frau Bergerhausen, daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Bergerhausen, waren Sie auch in dem Konzentrationslager Auschwitz?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Aber Sie kennen den Angeklagten Schlage?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar woher kennen Sie ihn?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ich habe ihn Anfang 1943 durch meinen Vater kennengelernt, in Golleschau in Oberschlesien.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ihr Vater war damals in welcher Position?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Mein Vater war Betriebsleiter bei einer Zementfabrik in Golleschau. Der Name dieser Firma ist mir unbekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Bei einer Zementfabrik in Golleschau. Die war aber nicht innerhalb des Lagers.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Doch, mit dem Lager verbunden.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Lager verbunden.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Mit dem Nebenlager, muß ich sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Mit dem Nebenlager Golleschau verbunden. Und dort haben Sie Schlage kennengelernt.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns mal sagen, auf welche Weise und wann das gewesen ist.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Genau kann ich mich nicht erinnern. Es muß Ende Januar, Anfang Februar, es kann auch Mitte Februar gewesen sein. Durch meinen Vater wurde Herr Schlage in unsere Wohnung eingeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Jahres?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

1943.

 

Vorsitzender Richter:

Ende Januar oder Februar 1943.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja, genau kann ich mich nicht erinnern. Aber um diese Zeit ist es gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie sagten, es könnte auch Ende Februar gewesen sein.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Kann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, wie lang er dort blieb?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Das kann ich Ihnen nicht sagen. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Und als was wurde er denn eingeführt. Was hat er denn damals getan? Was war er denn damals?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Was Herr Schlage gemacht hat, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Sie wissen nicht, ob er damals irgendwie Kommandoführer dort gewesen ist in Golleschau oder ob er nur zu Besuch dort war oder ob er sich die Situation mal ansehen wollte oder so irgend etwas, das wissen Sie nicht?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Daran kann ich mich nicht erinnern, nein.

 

Vorsitzender Richter:

In welchem Dienstrang stand er denn damals?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ist er denn in Uniform zu Ihnen gekommen?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Soweit ich mich erinnern kann, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie waren damals ungefähr 20 Jahre. Sie müßten ja ungefähr noch sich entsinnen können. Wenn Sie schon wissen, daß es Schlage war, der dort bei Ihnen ins Haus gekommen ist, müßten Sie sich ja ungefähr auch entsinnen können, ob er in Zivil gekommen ist oder in Uniform gekommen ist.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Also ich möchte sagen, in Uniform.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie wissen nicht, welchen Dienstgrad er hatte. Was war eigentlich der Grund, weshalb Ihr Vater den Schlage in Ihre Familie brachte?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

[Pause] Der Grund? Herr Schlage kam zu meinem Vater, war irgendwie wahrscheinlich mit meinem Vater irgendwie etwas befreundet. So möchte ich das ausdrücken.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber, wie gesagt, Sie können sich nicht entsinnen, was er damals für eine Tätigkeit hatte.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Bürger, Sie hatten die Zeugin benannt.

 

Verteidiger Bürger:

Ja. Frau Bergerhausen, waren Sie auch tätig in Golleschau?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Verteidiger Bürger:

Wo denn?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ich war beim Amtskommissariat in Golleschau beschäftigt als Kriegsaushilfsangestellte oder wie man das derzeitig genannt hat.

 

Verteidiger Bürger:

Waren Sie auch auf der Post tätig in Golleschau?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein, Amtskommissariat, das ist ein Bürgermeisteramt.

 

Verteidiger Bürger:

Aha. Haben Sie dort vielleicht den Angeklagten Schlage gesehen, bevor Sie ihn zu Hause kennenlernten?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein.

 

Verteidiger Bürger:

Nicht. Danke schön, keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst noch Fragen? Bitte schön, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, was Sie uns eben gesagt haben, ist das Ihnen vor dieser Vernehmung von irgend jemandem und wenn ja, von wem, in Erinnerung zurückgerufen worden?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie mit niemandem vorher gesprochen?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein. Ich kenne niemanden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie kennen niemand.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ich habe auch mit niemandem Kontakt, nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Vogel:

Frau Zeugin, Sie sagten vorhin, das muß im Januar oder Februar 43 gewesen sein. Haben Sie irgendwelche Gedächtnisstützen für dieses Datum, für diese Zeitangabe?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja, ich habe mich am 24. Januar auf meinem Geburtstag verlobt. Und dieses Zusammentreffen war etwas später, als Herr Schlage zu uns in die Wohnung kam. Ich kann nur nicht genau sagen, ob das nun zehn Tage oder 14 Tage oder drei Wochen später war. Das weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wie ist es zu Ihrer Benennung als Zeugin gekommen? Haben Sie sich gemeldet, als Sie in der Zeitung davon erfahren haben, oder wie kam das?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein, ich wurde angeschrieben von Herrn Rechtsanwalt Bürger aus Frankfurt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, mit welcher Fragestellung? Ob Sie sich noch an Herrn Schlage erinnern, oder wie?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein, man

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Brief vorlegen.

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Nein, Moment, jetzt muß ich mal grade überlegen. [Pause] Herr Rechtsanwalt Bürger schrieb mir, [Pause] daß Herr Schlage Ende Januar, Anfang Februar angegeben hätte, in Golleschau gewesen zu sein, da man ihm zu dieser Zeit etwas vorgeworfen hätte, was in Auschwitz passiert sein sollte. Und daraufhin habe ich geschrieben, daß ich Herrn Schlage in den ersten Wochen des Jahres 1943 durch meinen Vater in Golleschau kennengelernt hätte. Und präzisere Angaben über diesen Fall könnte ich leider nach mehr als 20 Jahren nicht mehr machen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ist Ihnen daraufhin die Zeit wieder in Erinnerung gekommen, als Sie diesen Brief erhalten hatten?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Na ja, natürlich. Da mußte ich erst mal in dieser Kiste wieder rumwühlen, um etwas auszugraben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja. Waren Sie oder Ihre Familie mit Schlage gut befreundet, das heißt, kam der öfter zu Ihnen?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Gut ist vielleicht übertrieben. Öfter, möchte ich sagen, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und war Ihnen der Name auch ohne irgendwelche Gedächtnisstützen von dritter Seite in Erinnerung geblieben, oder ist Ihnen durch diesen Brief der Name erst wieder zum Bewußtsein gekommen?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Genau.

 

Staatsanwalt Vogel:

Durch diesen Brief jetzt wieder?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond? Herr Rechtsanwalt Strodt? Herr Rechtsanwalt Bürger hat keine Frage mehr. Die übrigen Herren Verteidiger nicht. Der Angeklagte Schlage, haben Sie noch etwas dazu zu sagen oder zu fragen?

 

Angeklagter Schlage:

Die Aussagen, die die Frau Zeugin gemacht hat, entsprechen der Wahrheit.

 

Vorsitzender Richter:

So. Sonst sind keine Erklärungen mehr abzugeben. Frau Zeugin, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeugin Hildegard Bergerhausen:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann müssen Sie den Eid leisten.

 

- Schnitt -

 

 

 
 
 
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