Logo Fritz Bauer Institut
 
Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

83. Verhandlungstag, 28.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Aron Bejlin

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind wie alt heute?

 

Zeuge Aron Bejlin:

56. [...]

 

Vorsitzender Richter:

56 Jahre alt. Sie sind Doktor med.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Verteidiger Laternser:

Der Zeuge ist noch nicht [+ 56], er ist 55 Jahre alt.

 

Vorsitzender Richter:

Moment, Herr Rechtsanwalt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Im September Geburtstag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie haben recht. [...]

 

Zeuge Aron Bejlin:

Am 9.9.

 

Vorsitzender Richter:

55 Jahre alt. Judex non calculat.

 

Verteidiger Laternser:

Doch, ich habe Sie schon oft beim Rechnen gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also 55 Jahre alt. Sie sind Arzt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar angestellt bei dem Gesundheitsministerium des Staates Israel. Sie sind verheiratet?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Mit den Angeklagten sind Sie nicht verwandt und nicht verschwägert?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, darf ich ganz kurz Ihren Lebenslauf rekapitulieren, bis Sie in das Lager Auschwitz gekommen sind. Sie haben 1934 in Wilna promoviert. Sie haben dann bei Kriegsausbruch in Bialystok gearbeitet oder wenigstens in der Nähe. Sie waren damals in zweiter Ehe verheiratet. Und Ihre Mutter befand sich zu dieser Zeit in einer ärztlichen Behandlung in Bialystok. Das ist richtig, ja?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, beherrschen Sie die deutsche Sprache so, daß wir uns deutsch verständigen können, oder muß ein Dolmetscher anwesend sein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nur bei komplizierten Äußerungen.

 

Vorsitzender Richter:

Wir wollen also dann die Dolmetscherin bitten, doch wenigstens dazusein.

 

Herr Zeuge, wann wurden Sie in B ialystok in Ihrer Freiheit beschränkt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich möchte fragen, ob das das Ghetto betrifft als Freiheitsbeschränkung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Am 1. August 1941 [...] haben sich hinter uns die Tore des Ghettos geschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in der Stadt Bialystok?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind dann wie lange in diesem Ghetto geblieben?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Bis zur ersten »Aktion«, also bis Februar 43.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Februar 43.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

In dieser Zeit haben Sie sich in diesem Ghetto als Arzt betätigt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Da ich vor dem Kriege auch Leiter der Infektiösen-Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Bi alystok war und da wir vertrieben wurden und ins Ghetto eingesperrt wurden und da wir verstanden, daß die größte Gefahr aus dieser zusammengepferchten Bevölkerung Epidemien sein werden, haben wir natürlich sofort mit der Gründung eines Infektiösen-Spitals begonnen. Und ich war Leiter dieses Spitals bis zu meiner Vertreibung, bis zu meiner Deportation nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wann haben Sie denn zunächst einmal gehört, was Auschwitz bedeutete?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Also ich muß sagen, solche Gerüchte, nicht bestätigt und in vernebelter Form, drangen schon zur Bevölkerung des Ghettos - daß irgendwas Schreckliches mit den Deportierten passiert, daß man sie umbringt. Zum ersten Mal habe ich es gelesen schwarz auf weiß in einem Flugblatt, das die polnische Untergrundbewegung irgendwie ins Ghetto geschmuggelt hat. Ich weiß noch nicht einmal, auf welche Weise das geschmuggelt wurde, weil ich war ja nicht eingeweiht. Aber im Spital hat mir ein Kollege das gezeigt.

 

Ich kann mich erinnern au f dieses Flugblatt. Das war ein vervielfältigtes - auf einem Hektographen, wie es scheint -, blaue Buchstaben. Und dort stand, daß die Leute nach Treblinka, Belzec, Sobibór - es scheint mir, es war auch Chelmno - und Auschwitz deportiert werden, wobei sie mit Kindern, Kranken und alten Leuten aus den Wagen herausgepeitscht werden und in die Gaskammer getrieben werden. Sie werden vergiftet, vergast mit Blausäurekristallen. Zum ersten Mal ist es mir klargeworden, daß, wenn das wahr ist, dafür natürlich Zyan benutzt wird - wenn das wahr ist. Im allgemeinen, als man uns ausgehoben hat, war ich persönlich sicher, daß das den Tod bedeutet. Entweder

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was verstehen Sie unter »als man uns ausgehoben hat«?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vom Ghetto aus in die Wagen gepfercht, um ins Konzentrationslager gebracht zu werden.

 

Vorsitzender Richter:

Als man Sie deportiert hat.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Da sagten Sie, das ist unser aller Tod.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da Treblinka nähe r ist zu Bialystok als Auschwitz und da das die erste »Aktion« im Bialystoker Ghetto war, waren wir aber sicher, daß wir nach Treblinka kommen, weil das kommunikationsmäßig bequemer ist.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und vor Treblinka hat natürlich jeder gewußt, daß das seine letzte Stunde ist, und wir standen in Malkinia - Malkinia ist die Hauptstation, Treblinka ist eine Nebenstation. Und als in Treblinka der Zug hielt, waren wir natürlich alle fest überzeugt, daß wir abgeleitet werden auf dieses Nebengleis nach Treblinka. Und zu unserer großen Verwunderung

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ging es weiter.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ging es weiter. Und dann [fuhren] wir an Warschau vorbei, und wir kamen in eine Station Auschwitz. Unterwegs, wie wir uns Auschwitz genähert haben, haben wir schon die ausgemergelten Figuren in den Sträflingsanzügen gesehen, haben sogar aus den Fenstern hinausgeschrien, um mit ihnen irgendwie Kontakt zu bekommen. Wir haben ja gewußt, das harrt unserer auch. Aber die Leute waren völlig apathisch und haben überhaupt nichts geantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Waren stumm.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Dann kamen Sie schließlich nach Auschwitz. Wo wurden Sie dort ausgeladen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war ein Nebengleis, das war Birkenau, wie ich später erfuhr. Meine Gruppe hat ja gewartet vor dem Stacheldraht, bis wir hineingelassen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Also zunächst mußten Sie ja mal aus den Waggons herauskommen. Wo war das?

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Die Rampe, jawohl. Da war die Rampe da.

 

Vorsitzender Richter:

Eine Rampe.

 

Zeuge Aron Bejlin:

An der Rampe, und da stand der

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Diese Rampe war, um das genau festzustellen, vor dem Lager Auschwitz I, dem sogenannten Stammlager.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das hätte ich nicht behauptet. Wir wurden nach Birkenau eingeliefert, nicht nach Auschwitz I.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war, als Sie dorthin transportiert wurden, am 6.2.43?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Es ist ja so: Das war die erste »Aktion«[...] im Bialystoker Ghetto, am 5., 6. und 7. hat sie ja gedauert.1 Und es ist ja leicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Februar?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Februar. Das war die erste »Aktion« im Ghetto überhaupt, eine Massen-»Aktion«, wo 10.000 Leute genommen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Und weggefahren wurden.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nicht auf einmal. Das waren zwei oder drei aufeinanderfolgende Tage. Aber am Sammelplatz waren alle da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und dann, partienweise, wurden sie verladen vom Umschlagplatz, zur Station getrieben - nicht zur Personenstation, das war eine Nebenstation

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Güterstation.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Eine Güterstation - und dort verladen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagten, das hat sich im Februar abgespielt. Und Sie waren bei welchem Transport, der wegkam?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Mir kam [+ es so] vor, daß mein Transport der erste Transport war. Es ist ja leicht möglich, daß vor mir noch ein anderer Transport ging. In dieser panikartigen Stimmung - das war eine Katastrophenstimmung mit [Geschrei] und Lärm und so - konnte man sich nicht zurechtfinden, ob ich gerade der erste Transport bin oder vor mir noch ein oder zwei Transporte schon weggeschickt wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sagen also, nach Ihrer Erinnerung sind Sie unmittelbar auf die Rampe in Birkenau gefahren worden?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ich frage Sie das deshalb, weil ich nicht bestimmt weiß, ob am 6. Februar 43 die Rampe schon ausgebaut war.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Was meinen Sie, Hohes Gericht, [+ mit] Rampe? Wir sind ausgestiegen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also in Birkenau. Wenn Sie mal diese Karte ansehen wollen, da sehen Sie links unten ein rotbraunes Gebäude. Das ist das Eingangstor. Und von diesem Eingangstor ab sehen Sie braune Linien hinaufgezogen. Das ist die sogenannte Rampe. Das sind Bahngleise, die sich quer oder nicht quer, aber längs durch das Lager Birkenau durchzogen, wobei links die spätere Frauenabteilung war und BII, rechts, das Männerlager und die anderen Lager. Und oben sehen Sie am Ende dieser braunen Linie links und rechts zwei braune Gebäude. Die sollen die beiden Krematorien, je nachdem, I und II oder II und III, darstellen. Das sind also zwei der Krematorien in Birkenau.

 

Nun käme es uns drauf an zu wissen, ob Sie bereits in dieses Lager hineingefahren worden sind mit Ihrem Zug oder ob der Zug noch vor diesem Tor gehalten hat und Sie vor dem Lager ausgeladen hat.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, vor.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Lager sind Sie ausgeladen worden. Wer war in diesem Transport von Ihren Angehörigen dabei?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Meine Mutter.

 

Vorsitzender Richter:

Nur Ihre Mutter?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nur meine Mutter.

 

Vorsitzender Richter:

Ihre Frau nicht?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Meine Frau wurde erst sechs Monate später nach Auschwitz gebracht, und zwar als Begleitpersonal der Kinder, die nach Theresienstadt gegangen sind, also verschleppt wurden, und die angeblich dort ausgetauscht werden sollten auf deutsche Kriegsgefangene mit dem englischen Generalstab oder so etwas. Und sie wurde zugeteilt als Apothekerin, als Begleitperson zu diesem Transport.2 In der Hoffnung, daß auch sie ausgetauscht wird. Es war natürlich eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Täuschung

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Leere Hoffnung.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Weil das Begleitpersonal wurde nach Auschwitz gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und ich habe von ihr illegal einen Brief bekommen durch einen Arzt, der das Recht hatte, das Frauenlager zu besuchen. Sie hat sich dort natürlich angesteckt mit Flecktyphus. Und am 24. Dezember 1943, das war am Heiligabend, ist meine Frau verschieden.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Im Frauenlager in Birkenau. Und die, die eigentlich bei ihrem Tod anwesend war, ist heute eine Gymnasiallehrerin in Tel Aviv. Die war in Bi alystok auch Gymnasiallehrerin, Naturwissenschaft. Und die hat es mir genau erzählt nach dem Krieg.

 

Vorsitzender Richter:

Nach dem Krieg. Nun, als Sie dort ausgeladen wurden, wie groß war ungefähr Ihr Transport? Wie viele Menschen mögen da in diesem Transport gewesen sein? Ich meine nur schätzungsweise, Sie haben sie natürlich nicht gezählt.

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Das ist wieder, Hohes Gericht, natürlich eine Schätzung, die individuell ist und relativ.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich meine, es waren mindestens 2.000 Personen da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der Gesamttransport sollte eigentlich 5.000 enthalten, und so war auch das Gerücht. Da kann ich natürlich nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich habe es nicht geteilt. Ich weiß nur, daß wir zu fünft aufgestellt wurden, in Fünferreihen. Und wir saßen in den vorderen Wagen. Wenn wir in den hinteren gesessen hätten, säße ich nicht mehr hier. Weil der Rohde mit dem Schoßhündchen - »La donna è mobile« aus Rigoletto hat er dabei gepfiffen - hat nur die ersten 30, 40 Reihen ausgewählt. Und auf das, was übriggeblieben ist, hat er [unverständlich] gemacht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat er verzichtet.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und ich stand natürlich in diesen vorderen Reihen, weil ich per Zufall in einem vorderen Wagen saß. Konnte ja mit demselben Erfolg natürlich hinten sitzen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun würde es uns interessieren, nachdem Sie also aus den Waggons hinausgetrieben worden waren - wer hat Sie denn hinausgetrieben aus den Waggons?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Die SS-Leute.

 

Vorsitzender Richter:

SS-Leute?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Die haben die Karabiner, also die Gewehre, nicht einmal so gehabt, sondern über die Schultern.

 

Vorsitzender Richter:

So quer?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Mit Stöcken.

 

Vorsitzender Richter:

Mit Stöcken in der Hand.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, die haben einen Stock gehabt. Und wir wurden hinausgepeitscht, direkt: »Raus!« »Alles hierlassen!« Und natürlich, wer etwas langsamer war - da waren Leute krank, und da waren die, die sich die Venen unterwegs geöffnet haben. Und da mußte ich ihnen [helfen]. Da haben wir Hemden gerissen und Verbände angelegt. Und die waren natürlich schwach nach einem Blutverlust. Und die hat man geschlagen. Also wer nicht schnell fertig war, wurde geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie mußten sie dann antreten? [...]

 

Zeuge Aron Bejlin:

In Fünferreihen.

 

Vorsitzender Richter:

Alles zusammen: Männer, Frauen, Kinder?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Alles zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Starke, Schwache?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Kranke, Gesunde?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Alles zusammen. In Fünferreihen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

In Fünferreihen. Das war auch später im Lager die herkömmliche Methode. »Par cinq« hat es geheißen auf Französisch, »par cinq«, nur zu Fünferreihen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wurde Ihnen auch etwas gesagt, oder wer hat Sie da antreten lassen? War das auch die SS, die Sie da erst herausgetrieben hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wo bitte antreten? In die Fünferreihen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja, das war ein Befehl. »Raus und in Fünferreihen, raus und in Fünferreihen!« Das war gleichzeitig gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und Ihr Gepäck mußten Sie zurücklassen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Alles zurücklassen.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Eisenbahnwaggon?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Alles. Wir haben ja kein großes Gepäck gehabt. Wir sind ja ausgehoben worden durch ein Einsatzkommando im Ghetto. Ich wurde in einem Bunker mit meiner Mutter gefunden, obwohl ich die Möglichkeit hatte, mich zu retten, als Leiter des Krankenhauses. Die erste Aktion hat nämlich alle betroffen außer den unmittelbar Beschäftigten in den Spitälern. Wir haben zwei Spitäler gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber die unmittelbar Beschäftigten, das heißt: weder meine Mutter noch meine Frau. Da habe ich mich nicht ins Spital begeben, sondern habe mich versteckt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind mitgegangen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

So daß ich natürlich fast nichts gehabt habe, als ich herauskam. Außer dem Laib Brot, den mir der Bialystoker Judenrat auf den Weg mit meiner Mutter mitgegeben hat.

 

Vorsitzender Richter:

Sie mußten dann vermutlich in den Fünferreihen vor gehen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer stand nun da, der entschieden hat, was mit Ihnen geschehen sollte?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Doktor Rohde.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Rohde. War er allein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, da war noch einer mit ihm da, ein hoher SS-Offizier, wahrscheinlich ein hoher. Wir kannten uns in den Rängen...

 

Vorsitzender Richter:

Nicht aus.

 

Zeuge Aron Bejlin:

In Auschwitz spielte es überhaupt keine Rolle, welchen Rang der entsprechende Mann bekleidet hat. Die Hauptsache war, er hat eine SS-Uniform getragen. Und da war er der Herr über Leben und Tod. Spielt ja gar keine Rolle, ob das Rottenführer oder Hauptsturmführer [+ waren]. Wir haben uns auch dafür nicht näher interessiert. Aber da stand ein Offizier - das habe ich gesehen, daß er Offizier war.

 

Vorsitzender Richter:

Kann es auch ein Arzt gewesen sein? Die hatten ja auch Offiziersrang.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das glaube ich nicht. Weil später, während meines späteren Aufenthaltes in Birkenau, habe ich ja die Ärzte zur Genüge kennengelernt. Auf jeden Fall, der ist mir später nicht unter die Augen gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht unter die Augen gekommen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben auch keine Vorstellung, wer es gewesen sein könnte?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und der Doktor Rohde hat aber, wie wir uns hier auszudrücken pflegen, die Selektionen durchgeführt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er bestimmt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er hat bestimmt, wer stehenbleibt und wer nach rechts geht. Wir sind nach rechts gegangen. Das war die Gruppe, die später leben blieb, das heißt ins Lager hineinkam.

 

Bei mir war das so: Im Bialystoker Ghetto wurden den Ärzten auf Anordnung de r Gestapo Binden verteilt mit einem violetten Kreuz, nicht rot - da ein jüdischer Arzt nicht würdig ist, ein Arzt zu sein, so haben sie es auch motiviert. Da haben wir violette Kreuze gehabt. Und das ist natürlich an meinen Mantel angenäht worden und auch geblieben, während man mich nach Auschwitz brachte. Da hat Rohde dieses Kreuz bemerkt und hat gefragt: »Sanitäter?« Habe ich gesagt: »Nein, Arzt.« Hat er gemacht: »Rechts!« Und meine Mutter ist stehengeblieben.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und Sie haben von ihr nichts mehr gehört?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, nur den Mantel habe ich gesehen, zufälligerweise. Konnte auch nicht sehen. Zufälligerweise habe ich den Mantel erkannt, wie die Lastwagen mit den umkippbaren Plattformen zurückgekommen sind, zurückgefahren sind innerhalb des Lagers. Wir standen vor dem Stacheldraht. Da habe ich den Lodenmantel bemerkt, ein grauer Lodenmantel meiner Mutter. So grau-grünlich war das. Habe ich natürlich gewußt, daß das das Denkmal ist. Ein anderes wird sie schon nicht bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie sagten dann, es seien also nur eine Anzahl von Reihen von Doktor Rohde selektiert worden, und dann habe er aufgehört.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Menschen ungefähr sind da ausgewählt gewesen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich meine, etwas mehr als 100. Aber wieder, Hohes Gericht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie können es nicht zählen, ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ist es eine Schätzung.

 

Vorsitzender Richter:

Sie meinen, es wären etwas mehr als 100 gewesen. Sie haben mal früher bei Ihrer Vernehmung gesagt, Sie meinten, 250 Männer und ebenso viele Frauen.3

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das kann schon möglich sein.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

So daß es ungefähr 500 gewesen seien.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich habe wahrscheinlich bei meiner Vernehmung in Acht genommen die Bialystoker, die ich am Block in Birkenau, als man uns in den Block gebracht h at, vorgefunden habe. Das können auch Leute sein, die aus einem früheren Transport gestammt haben. Aber die waren alle in Birkenau, in demselben Zugangsblock, in dem sogenannten - das ist die Lagerterminologie. Und in dem Zugangsblock waren wirklich 200, ü ber 200 Bialystoker, so schätze ich wieder.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind, nachdem Sie nun abgesondert waren, zunächst wohin gekommen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Zunächst haben wir gewartet. Unendlich lange gewartet.

 

Vorsitzender Richter:

Und die anderen, die nicht ausgesondert waren?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Die anderen sind aufgeladen worden. Es kam eine Kolonne mit Lastautos an, mit umkippbaren Plattformen. Die Plattformen wurden umgekippt. Das war ja im Februar, die Plattformen waren glatt. Und ich habe gesehen, so in einer Entfernung von 200 Metern, wie die Leute auf die Plattformen geklettert sind und ausgerutscht sind nach hinten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber trotzdem ist es ihnen natürlich gelungen, darunter auch meiner Mutter. Und später wurden die Plattformen gerade gekippt, und sie sind abgefahren. Das waren die anderen.

 

Vorsitzender Richter:

Und diese Wagen haben die anderen restlos mitgenommen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren denn so viele Wagen da?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Es waren genug Wagen da, und alle wurden aufgeladen. Natürlich in einer schrecklichen [Enge] zusammengepfercht [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, selbst wenn man das vermuten wollte, daß die Leute sehr eng zusammengepfercht worden wären, müßte es doch eine große Anzahl von Wagen gewesen sein. Denn es waren doch immerhin an die 2.000 Menschen, die da befördert werden mußten.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Es war schon eine ansehnliche Kolonne. Aber es kann schon leicht möglich sein, daß nicht alle auf einmal [+ befördert wurden], sondern die Wagen zurückgekommen sind. So genau habe ich es nicht wahrgenommen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie es in der Aufregung nicht festgestellt. Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich war viel zu verwirrt. Ich habe meine Mutter verloren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und ich wußte, im Gegensatz zu anderen vielleicht, die nicht wußten. Ich wußte. Überhaupt haben wir gewußt. Das westeuropäische Judentum hat nicht gewußt. Insoweit nicht gewußt, daß ein holländischer Arzt, der gekommen ist mit einem holländischen Transport und zugeteilt wurde ins Zigeunerlager, mich gefragt hat: »Was ist das?« Das war das rote Ziegelsteingebäude mit diesem rechteckigen Schornstein, wo die Flamme länger als der Schornstein war. Und ich in meiner Naivität, in meiner psychologischen Unerfahrenheit - für mich war das eine geläufige Angelegenheit, daß jeder, der nach Auschwitz kommt, weiß, was dieses Gebäude bedeutet - habe ihm offen gesagt: »Da werden Leute verbrannt, vergast und eingeäschert.« Sagt er: »Sie erzählen Greuelmärchen.« Der hat mir nicht geglaubt. Das wollte ich nur als Beispiel [+ anführen], daß sie nicht wußten. Aber wir wußten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und nachdem Sie also dort gewartet hatten, wo sind Sie dann hingeführt worden?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war eine kalte Dusche, also der...

 

Vorsitzender Richter:

Die sogenannte Sauna.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Der übliche Weg.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann wurden Ihnen die Haare abgeschnitten, sie wurden umgekleidet.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vor dem Bad von Pflegern.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind dann nackt zu den Bekleidungskammern getrieben worden, wo man Ihnen eben die damalige Bekleidung der Häftlinge übergab. Und wo wurden Sie dann hin übergeben? In den Quarantäneblock?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und tätowiert, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Tätowiert. Das wurde sofort gemacht?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann kamen Sie in den Quarantäneblock, wie Sie uns bereits gesagt haben.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Es war noch das alte Lager da. Dieses Lager BIIa. Das war der Quarantäneblock. Aber zu meiner Zeit war es noch nicht fertiggestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wir waren im alten Lager, wo später das Frauenlager war.

 

Vorsitzender Richter:

Also links davon? Wo das BIa steht, links?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Dort wird es gewesen sein, höchstwahrscheinlich. Auf jeden Fall nicht auf BIIa.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht auf BIIa.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Dieser Abschnitt hat erst später funktioniert.4

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie lange blieben Sie in diesem sogenannten Quarantäneblock?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vier Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Vier Wochen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vier, vielleicht fünf. Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und ist es richtig, daß damals schon erhebliche Seuchen ausgebrochen sind?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Das war das Temperaturmessen. Das war ein Vorgang, da kam der Arzt, das war ein Häftlingsoberarzt. Da kam er mit Pflegern, und man hat jeden Tag Fieber gemessen. Und später habe ich erfahren, daß es »Epidemiebekämpfung« heißt. Und jeder, der über 37,5 hatte, wurde aufgeschrieben und wurde weggeführt. Und zwar nackt, nur in eine Decke eingehüllt.

 

Für uns, auch später, auch bei der Liquidation des Zigeunerlagers, wenn ein Häftling ausgezogen wurde, das heißt wenn ihm befohlen wurde, sich auszuziehen und nur die Decke mitzunehmen, war das ein untrüglicher Beweis, daß das sein letzter Weg ist.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo mußte er da sich hinbegeben mit der Decke in dem nackten Zustand?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da kam ein Auto.

 

Vorsitzender Richter:

Da kam ein Auto.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da stand vor dem Block ein Auto. Ein Lastauto.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn damals die Behandlung für diese Häftlinge gehabt? Welcher Arzt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich möchte das Hohe Gericht richtig verstehen. Was heißt »die Behandlung«?

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, wer war verantwortlicher Arzt für diese ankommenden Häftlinge?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Sie meinen, seitens der SS?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da war der Doktor Rohde da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun ja, wir hatten verschiedene Ärzte.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich weiß.

 

Vorsitzender Richter:

Es war also auch in diesem Fall der Doktor Rohde.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der Rohde.

 

Vorsitzender Richter:

Und war dem ein polnischer Häftlingsarzt beigeordnet?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war das?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Zenon Zenkteller.

 

Vorsitzender Richter:

Zenkteller?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Diese beiden Leute haben also die Temperaturen der Häftlinge geprüft?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der SS-Arzt nicht. Der SS-Arzt hat sich auf Zenkteller verlassen. Dazu war er viel zu fein. Der hat ja Temperatur gar nicht gemessen, der hat nur die Anordnungen gegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber die Arbeit hat ausgeführt natürlich Zenkteller. Der hat geschrieben, und er hat...

 

Vorsitzender Richter:

Nun wußte ja Zenkteller auch, was das bedeutete, wenn er die Temperaturen schrieb.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wußte er auch. Der war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und war es nicht möglich

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Er war ein Kollaborateur. Leider waren auch solche da.

 

Vorsitzender Richter:

Also er hat sich nicht etwa bemüht, die Temperaturen niedriger anzugeben, als sie in Wirklichkeit waren?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Die Pfleger, die in seinem Auftrag die Temperaturen maßen. Alleine konnte er ja nicht so viel Temperatur messen. Da waren ja 800 Leute, 700, 500, je nachdem. Aber diese Pflegerkolonne, die die Temperatur maß, die bemühte sich runterzusetzen, natürlich unter Angst, daß Zenkteller sie erwischen wird oder Rohde. Kann er mal auch kontrollieren. Ist ja nie passiert. Und die haben sich bemüht. Es waren ja unsere Mithäftlinge, keine Prominenten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber der war in prominenter Stellung, den habe ich vorgefunden. Das war ein Arzt, der ein flüssiges Deutsch gesprochen hat. Und wie es scheint, hat er eine deutsche Universität absolviert. So hat es ausgesehen. Er war aus der Posener Gegend, ein älterer Mann, [+ er hat] wahrscheinlich noch in Deutschland gelebt, bevor Polen entstanden ist nach dem Ersten Weltkrieg. Und der hat seine Aufgabe ziemlich treu ausgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagten Sie, Sie waren etwa einige Wochen in dieser sogenannten Quarantäne. Und wo kamen Sie dann hin?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vorübergehend hat man mich auch aufgeladen einmal zur Arbeit in den Buna-Werken. Monowitz hat es geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

Monowitz. Dort haben Sie Kabel verlegt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Kabel verlegt, Schächte ausgehoben. Das war das Schachtarbeitskommando, hat es geheißen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber das war nur eine vorübergehende Zeit, so ein Monat oder sechs Wochen. An diese Zeit kann ich mich überhaupt wenig erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Wenig erinnern.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber die war da, und später bin ich zurückgebracht worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. In dieser Zeit, als Sie in Monowitz waren, sind Ihnen Namen von Vorgesetzten oder von Blockführern oder Kapos oder so was

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Ich kann mich erinnern an einen, der hieß Jupp, der Holländer.

 

Vorsitzender Richter:

Jupp, der Holländer.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Und ich kann mich an einen Moritz erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das besagt uns hier nichts. Sie sind dann wieder zurückgeholt worden, sagten Sie, und zwar wohin?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Zurück nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wohin kamen Sie in

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Und da kam ich in die Ambulanz vom BIId.

 

Vorsitzender Richter:

D wie Dora?

 

Zeuge Aron Bejlin:

D wie Dora.

 

Vorsitzender Richter:

Da war eine Ambulanz?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Da war eine Ambulanz in BIId.

 

Vorsitzender Richter:

War das nicht in e oder f?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, e war Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und f?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und f wurde später... und das war keine Ambulanz. In f war ein richtiger HKB.

 

Vorsitzender Richter:

Krankenbau. Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber die Ambulanz, wo die Kranken bestimmt wurden für f

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aha. Das war in d.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war in BIId. Das war eine richtige Ambulanz.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie noch, in welchem Block das war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, genau nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kamen also in diesen Männerblock IId.

 

Zeuge Aron Bejlin:

BIId, jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in die Ambulanz. Waren Sie dort der einzige Häftlingsarzt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein. Wir waren, also wieder schätzungsweise, so zehn bis 15 Ärzte. Und wir führten überhaupt die Benennung Pfleger.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da waren keine Ärzte da. Aber das waren alles natürlich diplomierte Ärzte. Unter Ihnen auch Leute mit internationalem Namen, zum Beispiel ein Arzt aus der Sorbonne. Ein richtiger oder ein ordentlicher Professor aus irgendeiner Universität. Aber alle waren natürlich Pfleger. Und wir waren an die 15 da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer war der SS-Arzt, der dieser Ambulanz vorgestanden hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da war Rohde.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nach Rohde kam Helmersen. [Pause] Wie gesagt, gerüchtweise, immer Gerüchte unter den Häftlingen. Alle Gerüchte haben von den SDGs gestammt, den Sanitätsdienstgraden. Die haben sich einen ganzen Tag in der Ambulanz oder im Krankenbau herumgetrieben. Und ihnen war langweilig, da sind sie ab und zu [...] natürlich ins Gespräch gekommen mit den Häftlingen. Und die haben uns erzählt - also nicht mir persönlich, ich habe es wieder von anderen Häftlingen gehört -, daß der Helmersen angeblich ein Sohn des Polizeipräfekten Berlins oder so etwas sei oder verwandt und so weiter. Von Helmersen hat er geheißen.

 

Und da kam er nach dem Doktor Rohde in diese Ambulanz des BIId. Es kamen natürlich auch andere Ärzte aus dem Stammlager zu Besuch. Aber der amtierende, sozusagen der, der zu befehlen hatte, der die Machtbefugnisse über diese Ambulanz hatte, das war der Doktor von Helmersen.

 

Vorsitzender Richter:

Von Helmersen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen, daß der Name Helmersen war? Nicht etwa Helldorff?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, Helmersen.

 

Vorsitzender Richter:

Helmersen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, das war der Nachfolger von Rohde. Wann ungefähr wurde Rohde abgelöst?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich bin angekommen im Februar, später bin ich zurückgekehrt. Das müßte in den Sommermonaten des Jahres 43 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

43, ja. Und wie lang blieb Helmersen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da wieder, Hohes Gericht, kann ich Ihnen nichts sagen, da ich ausgewählt wurde fürs Zigeunerlager. Und da wurde jeder Kontakt mit Helmersen...

 

Vorsitzender Richter:

Abgebrochen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Abgebrochen, weil da ins Zigeunerlager kam ja Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er hat mich im September mit noch 18 jüdischen Ärzten fürs Zigeunerlager ausgewählt, ohne natürlich zu sagen, für welches Lager und wohin und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Der Mengele?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, der Helmersen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Helmersen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Und da kam ich ins Zigeunerlager. Und im Zigeunerlager habe ich ja den Helmersen nicht gesehen. Nur den Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, wie ist man eigentlich auf Sie aufmerksam gemacht geworden? Wie kam es, daß Sie von Monowitz rübergeholt worden sind?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Mir scheint, das waren Gruppen zur Verstärkung, die hin und her fuhren. Mein Mutterlager sozusagen, das war ja Birkenau. Wir sind herübergeholt worden. Waren andere auch. Es gingen Gruppen hin und zurück. Es war ein ständiger Pendelverkehr, weil Buna in der Entstehung war. Und man mußte Arbeitskräfte nachholen und später zurückgeben und frische nehmen. Man wurde gar nicht auf mich aufmerksam.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Aber schließlich sind Sie doch als Pfleger, wie Sie sagten, verwendet

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Jawohl. Weil in meiner Kartei war Beruf Arzt

 

Vorsitzender Richter:

Weil in der Kartei ihr Beruf angegeben war.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Was ich sehr bedauert habe.

 

Vorsitzender Richter:

Was Sie bedauert haben?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Weil es war eine ungeheuerliche Jagd auf Intellektuelle und Intelligenzler. Ich muß sagen, wenn ich das gewußt hätte, hätte ich das verheimlicht, daß ich Arzt bin. Ich hätte mich lieber zu einem Dieb oder zu einem Schwarzhändler oder so etwas - so einen Titel angegeben. Da wäre ich wenigstens in erträglichen Bedingungen. Weil jede schwere Arbeit, [bei der] Gefahr drohte, wurde dem Arzt im Block aufgetragen. Die Schreie: »Wo ist unser Arzt? Wo ist der Arzt? Latrinen putzen! Essen holen!«

Dabei klingt das Wort »Essen holen« sehr unschuldig. Aber Essen zu holen war immer mit einer Lebensgefahr verbunden, weil dort stand der Rapportführer. Der hat Schillinger geheißen. Er wurde später von einer jüdischen Frau erschossen, weil sie sich in seiner Anwesenheit nicht auskleiden wollte vor dem Krematorium.5 Das hat uns der Arzt des »Sonderkommandos« erzählt. Weil der Arzt des »Sonderkommandos« hatte Bewegungsfreiheit, nicht so ein gewöhnliches Mitglied des »Sonderkommandos«. Und der hat uns erzählt, daß sie den Schillinger erschossen hat.

Aber während Schillinger noch lebte, hat er die Eßholkommandos, sozusagen, aufgestellt und mit dem schweren Mischlöffel der großen Kessel so lange geschlagen, bis er einem oder zwei Leuten den Schädel gespalten hatte. Und dann hat er erst das Zeichen gegeben zur Essensverteilung.

Diese Gefahr war damit verbunden, wenn man in ein Eßholkommando sozusagen bestimmt wurde. Und ich ging entweder Latrinen reinigen, während der Zugangszeit, oder aber Essen holen. Das war schrecklich. Deswegen bedauerte ich eine längere Zeit, daß ich in meiner Karteikarte meinen wahren Beruf angegeben habe.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, nachdem Sie nun einige Zeit in diesem d-Lager waren, kamen Sie in das Zigeunerlager, und das war das Lager?

 

Zeuge Aron Bejlin:

E.

 

Vorsitzender Richter:

E.

 

Zeuge Aron Bejlin:

BIIe.

 

Vorsitzender Richter:

Waren damals noch die Zigeuner drin?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Eigentlich kamen die Zigeuner auch früher an. Wir wurden ja genommen nur zur Herstellung des fertiggestellten Krankenbaus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

In meinen Zeiten war der Krankenbau fast leer. Das waren neue Blöcke. Früher lagen die Zigeuner wahrscheinlich in anderen Blöcken, aber das wurde noch nicht so organisiert, so straff, mit Ärzten und so weiter. Die lagen dort. Und wir wurden ausgewählt zusammen mit ungefähr über 60 polnischen Kollegen aus dem Stammlager, die sind später nachgekommen. Und unsere Aufgabe war es, den neuen Krankenbau des fertiggestellten Abschnittes BIIe fertigzustellen, das heißt vorzubereiten, ärztlich, welcher Block für Tuberkulose, welcher Block für ein Wöchnerinnenheim - bitte beachten Sie: ein Wöchnerinnenheim im Zigeunerlager.

Und wir haben das gemacht. Wir haben sogar die Fußböden gescheuert und die Strohsäcke gestopft, also alles, was damit verbunden war. Und unser erster Lagerältester war ein deutscher politischer Häftling. Ein Wiener, scheint mir, Sozialdemokrat oder aus irgendeiner anderen hitlergegnerischen Partei. Er hat Schuster geheißen. Der war unser erster Lagerältester des Krankenbaues, das heißt während meines Aufenthaltes. Er ist zu uns gestoßen und hat uns gesagt: »Kinder, wir müssen das machen.« Und er war unser Lagerältester. Der Krankenbau hat nämlich einen Lagerältesten gehabt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Für sich gehabt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Für sich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war ungefähr wann, wie Sie dahin kamen in dieses Lager?

 

Zeuge Aron Bejlin:

September 43.

 

Vorsitzender Richter:

Im September 1943. Und wie viele Zigeuner mögen in diesem Lager sich befunden haben, als es vollgefüllt war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wieder eine Schätzung, Hohes Gericht, aber ich meine 18.000 bis 20.000 Zigeuner.

 

Vorsitzender Richter:

18.000 bis 20.000. Nun, Herr Zeuge, wie war es mit der Sterblichkeit?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Sehr schlecht. Die Sterblichkeitsrate, natürlich wuchs sie im geraden Verhältnis zu der Länge des Aufenthaltes.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber Flecktyphus ist sofort ausgebrochen, weil die Zigeuner nicht durch die »Sauna« geschleust wurden. Sie sind ins

 

- Schnitt -

 

Zeuge Aron Bejlin:

Bedingungen, aber daß Hungerdurchfälle sich ereignen können, das weiß man. Daß eine Windpockenepidemie eine erwachsene Bevölkerung dezimieren kann, das weiß man nicht, das wußte man nicht. Die waren alle geimpft gegen Pocken, gegen richtige Pocken.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Schwarze Pocken, ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Schwarze Pocken, richtig. Und später ist ausgebrochen eine Varicella, das heißt lateinisch Varicella, eine Windpockenepidemie. Die hat das Lager so dezimiert. Außer natürlich der Noma. Noma war eine Krankheit meistens der Kinder, der Wasserkrebs. Das, worüber Mengele dem Epstein aufgetragen hat, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Gutachten, ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war natürlich vorwiegend eine Kinderkrankheit. Aber Varicella - das unter normalen Bedingungen auch eine Kinderkrankheit ist - hat die erwachsene Bevölkerung des Zigeunerlagers dezimiert.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, Herr Zeuge, haben Sie in diesem Lager auch den Pery Broad kennengelernt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Das war in der Politischen Abteilung des Zigeunerlagers.

 

Vorsitzender Richter:

Wo hatte der denn in dem Zigeunerlager

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Das war ein Block vor BIIe.

 

Vorsitzender Richter:

Vor BIIe?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja, vor dem Eingang.

 

Vorsitzender Richter:

Vor dem Eingang.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Um in die Politische Abteilung zu kommen, mußte man durch die Blockführerstube gehen. Und das war links, wie ich aus dem Lager komme. Rechts, wie ich ins Lager hineingehe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, klar.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war der Block.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, er hatte also dort seinen Sitz. Und was hatte er denn für Aufgaben? Wenn Sie es wissen, ich weiß es ja nicht.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er und noch einer. Ja, Politische Abteilung, das war eigentlich ein allmächtiger Apparat im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Alles, was er wollte, konnte er machen. Der SDG zum Beispiel im Krankenbau hat vor der Politischen Abteilung als SS-Mann Angst gehabt. Also um so mehr natürlich die Häftlinge.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß denn der SDG-Mann?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich kann mich nicht erinnern, weil bei uns waren verschiedene SDGs. Er war kein ständiger, die wurden ausgewechselt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

An sein Aussehen kann ich mich erinnern. Aber die haben uns nie ihren Namen mitgeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Überhaupt, Hohes Gericht, möchte ich bemerken, wenn ein Häftling einen Namen kennt, ist das ein reiner Zufall. Weil die haben sich uns mit ihren Visitenkarten nie vorgestellt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ich mir denken. Nun, Herr Zeuge, wir waren gerade bei Broad. Sie sagten, er gehörte zur Politischen Abteilung, und das war eine allmächtige Abteilung, die dort tun und lassen konnte, was sie wollte. Was hatte denn Broad so im allgemeinen in dem Lager für einen Ruf? Galt er als ein gerechter und friedlicher, gebildeter Mensch, oder hat er

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Wer? Broad? Als ein gerechter Mensch?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war das Gespenst des Lagers. Wieso gerecht?

 

Vorsitzender Richter:

Nun, ich frage, es hätte ja auch so sein können.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ein SS-Mann in Auschwitz gerecht in bezug auf vogelfreie, entmenschte und entwürdigte Leute? Wieso konnte er gerecht sein? Wenn er gerecht [+ gewesen] wäre, wäre er ja nicht in Auschwitz gewesen. Der wußte doch genau, daß die Bestimmung, der Zweck des Lagers, Vernichtung ist. Der hat doch in der Nähe des Krematoriums gehaust. Er hat doch die Gruppen gesehen, die ununterbrochen zum Krematorium [+ zogen], zum Beispiel die ungarischen Juden sind wochenlang gezogen, schwarze Kolonnen zum Krematorium. Es konnte doch kein Geheimnis sein. Da wurden doch Millionen umgebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie sagten, er sei eine gefürchtete Person gewesen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und worauf gründete sich dieser Ruf?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vor allem gründete er sich natürlich darauf, daß man wußte, daß er in der Politischen Abteilung ist und auch eine SS-Uniform trägt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war schon ein deklarierter Häscher sozusagen. Das war eins. Zweitens: Ich habe den Broad zum erstenmal gesehen im Wöchnerinnenheim im Zigeunerlager, wo man einem neugeborenen Zigeunerlein die Tatouage ansetzen mußte, auf so einem kleinen Unterarm. Das mußte tätowiert sein. Denn im Falle, wenn das stirbt, muß das aus der Karteikarte ausgetragen werden - die Nummern, Namen hatten sie noch keinen. Und da kam Broad, da kam der Kapo der politischen Aufnahmeschreiber. Das war ein Ukrainer, Bohdan, der hat sogar das Recht gehabt, Haare zu tragen. Er war ein bevorzugter Häftling, ein richtiger Kollaborateur. Das ist meine Erfahrung, daß die meisten Ukrainer sich so benahmen. Ich habe noch drei gesehen. Und denen sind irgendwie die SS-Leute an die Hand gegangen oder umgekehrt, weiß ich nicht. Da kamen Broad, Bohdan und natürlich ein Häftling minoris gradus, um das zu machen.

 

Vorsitzender Richter:

Um die Tätowierung durchzuführen. Nun sagen Sie bitte: Was haben Sie von Broad noch mehr erlebt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war zum ersten Mal, wo ich den Broad überhaupt erblickt habe. Da haben mir Leute gesagt, der ist von der Politischen Abteilung. Noch einer pflegte mit ihm ins Lager zu kommen, das war Hofmann aus Belgrad - auch gerüchtweise, bitte -, ein niedriger, untersetzter blonder Mann. Broad, der war hager und hochgewachsen. Und Hofmann war untersetzt, nicht groß. Broad ist dunkel, Hofmann war hell.

 

Und die spazierten im Lager herum. Und wenn Sie etwas erwischten... Und sie haben erwischt. Manchmal kam er, Häftlinge zu holen, deren Namen er schon vorher gewußt hatte. Kann sein, daß unter den Häftlingen im Zigeunerlager irgendwelche Denunzianten waren, die irgendwelche Äußerungen dem Broad, der Politischen Abteilung zugetragen haben. Weil woher konnte er die Namen wissen? Oder aber er kam und spazierte und hat einmal einen erwischt.

 

Zu uns ins Lager kam ein Dachdeckerkommando aus BIId. Und der Kapo des Dachdeckerkommandos hat Sepp geheißen. Der war ein Bver, mit einem grünem Winkel, ein Berufsverbrecher, hat es geheißen. Und der hat ein Verhältnis gehabt mit einer der Pflegerinnen, und zwar einer Russin. Gerüchtweise, ich war nicht dabei, hat sie Broad in flagranti erwischt. Ich war nicht dabei, das hat man gesagt. Auf jeden Fall hat er sich natürlich sehr um die Reinheit der arischen Rasse gekümmert. Dem Berufsverbrecher hat er gesagt: »Du mit einer Russin, mit diesem Mist?« Natürlich hat er ihn beschimpft; ob er ihn bestraft hat, weiß ich nicht. Der war ein Prominenter, ein Kapo. Dagegen die Russin, die hat geheißen Mania oder Sonia. Auch an sie kann ich mich erinnern, an das Aussehen. Die ist am nächsten Tag in die SK abgeschoben worden, in die Strafkompanie. Man wußte, was SK hieß.

Sepp hat später erzählt, das heißt der Kapo des Dachdeckerkommandos, daß die Sonia nicht mehr lebt. Sie ist »auf der Flucht« erschossen worden. Das war also ein technischer Ausdruck, »auf der Flucht erschossen«, wir wußten, was das ist. So, das war zum zweiten Mal, daß ich den Broad sah. Und zum dritten Mal hat er sich einen Häftling genommen, der ein Freund von mir war.

 

Vorsitzender Richter:

Dzialek?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Allerdings habe ich seinen Tod nicht gesehen. Aber seinen Zustand, wie man ihn zurückgebracht hat, habe ich ja gesehen. Über seinen Tod wurde mir mitgeteilt. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen. Er hat geröchelt, er war völlig zerschlagen, bewußtlos. [+ Er hat] nicht gesprochen und [+ war] auch nicht ansprechbar, hat mich nicht verstanden. Als er von mir Abschied nahm, hat er mir ausdrücklich gesagt: »Broad ruft mich, ich kann mich verabschieden, weil höchstwahrscheinlich komme ich nicht zurück.«

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, warum er gerufen worden ist? Hat er was gesagt? Ob es sich

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Keine Ahnung. Es ist ja so, Hohes Gericht: Er hat wahrscheinlich irgendeine Akte in der Politischen Abteilung haben müssen. Das sind natürlich spekulative Vermutungen, ich weiß das nicht. Wir Juden haben keine Akten gehabt, wir wurden massenweise vernichtet als Transporte des RSHA. Dagegen haben die Polen Akten gehabt. Ich weiß nicht, was der Mann vom Nazistandpunkt [+ aus] verbrochen hat und warum er ihn geholt hat und was er von ihm wissen wollte.

 

Vorsitzender Richter:

War er kein Jude?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, das war ein Pole.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das wissen Sie nicht. Sie wissen nur, daß er gerufen worden ist, daß er sich von Ihnen verabschiedet hat und gesagt hat: »Broad ruft mich, ich werde wohl nicht wiederkommen.« Und dann haben

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

»Leb wohl. Leb wohl.« Wir haben uns geküßt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Weil er war ein Freund von mir noch in Bialystok. Ich kannte den Mann noch aus Bialystok. Er hat bei uns im Spital in einer niedrigen Verwaltun gsstelle gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Im zivilen Leben, vordem Sie im Ghetto waren?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Er war eigentlich ein Arbeiter in der Textilindustrie in Lódz. Und nach dem Ribbentrop-Abkommen, als Polen verteilt wurde, ist er rübergelaufen vom deutsch besetzten Teil in den durch die Sowjets besetzten Teil und kam nach Bialystok. Und hat sich um eine Stellung beworben und hat sie auch bekommen im Spital, wo ich

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und von da aus kannten Sie ihn.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun wurde er wieder zurückgebracht von dieser Vernehmung. Hat man ihn dorthin geschleppt, oder konnte er selbst noch gehen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, auf einer Bahre.

 

Vorsitzender Richter:

Auf einer Bahre. Und wohin ist er gebracht worden? Ins Krankenhaus?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, in den Krankenbau. In irgendeinen der Blocks, es scheint mir, das war der chirurgische Block.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. War das im Zigeunerlager, e?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, er ist zurück ins Zigeunerlager gebracht worden. Er ist ja vom Zigeunerlager auch genommen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Und man hat ihn auf einer Bahre zurückgebracht. Sie haben ihn dort gesehen. Er war nicht ansprechbar, wie Sie sagen, völlig zerschlagen und bewußtlos. Und Sie sind dann weggegangen. Haben Sie vom ärztlichen Standpunkt damals bereits feststellen können, daß er sich in der Agonie befunden hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Ich hielt den Fall, natürlich ohne zu wissen, was für innere Verletzungen er hat...

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Dazu müßte natürlich eine genaue Untersuchung gemacht werden. Aber so wie bei uns in der Medizin gesagt wird: Per inspectionem habe ich den Fall für hoffnungslos gehalten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben ihn für hoffnungslos gehalten. Und was haben Sie nachher gehört von ihm?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich habe gehört, daß er gestorben ist. Das hat mir ein [+ Häftling] gesagt. An den Namen dieses Häftlings erinnere ich mich genau, das war Wutkowski.

 

Vorsitzender Richter:

Wutkowski.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und der Wutkowski hat auch als Pfleger gearbeitet, ein Pole. Im Zigeunerlager waren keine jüdischen Pfleger. Nichtärzte waren nicht da, waren keine da, nur Ärzte. 18 an der Zahl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und auch gewechselt, immer gewechselt, geht bis zum Ende. Zum Beispiel war [+ dort] eine Doktor Adelsberger, die ist weg, die ist früher transferiert worden. [+ Es] war [+ dort] ein Doktor Devisen, das war der Sohn des Landesrabbiners Thüringens, der leitende Arzt des Spitals in Eisenach während der Weimarer Republik. Der ist auch weg. Aber wir drei, Professor Epstein, Doktor Weisskopf und ich, sind geblieben bis zur Liquidation des Zigeunerlagers.

 

Vorsitzender Richter:

Und Wutkowski hat Ihnen

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Und Wutkowski war Pfleger, nicht Arzt. Hat sogar, scheint mir, eine Zeitlang im Magazin gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Und der hat Ihnen mitgeteilt, er sei tot, er sei gestorben?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen natürlich nicht, wer ihn so zugerichtet hat und wie man das gemacht hat, das hat Ihnen kein Mensch gesagt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Hier kann man nur Vermutungen anstellen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er wurde geschlagen, er konnte nur geschlagen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Worden sein.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich habe den Zigeuner gefragt, der ihn gebracht hat und der an seinem Bett stand, habe ich gefragt, wer sich drin befand. Aber nicht um ihn später zu belasten. Nur aus lauter Neugier. Er hat gesagt, Broad. Broad war eine bekannte Gestalt im Zigeunerlager, da kann gar keine Verwechslung vorkommen. Sie waren ja nur zwei da. Und auch im Aussehen haben sie sich so unterschieden voneinander, daß man sie nicht verwechseln konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und dann haben Sie uns noch die Sache mit der russischen Pflegerin erzählt. Die ist dann später als »auf der Flucht erschossen« gemeldet worden beziehungsweise ist das Gerücht umgegangen in dem Lager.

 

Bevor wir vielleicht weitergehen, möchten wir auch dem Herrn Zeugen doch vielleicht eine Pause gönnen. Wir möchten eine Pause einlegen bis um halb zwei. Wir bitten Sie, um halb zwei wieder pünktlich hier zu sein.

 

- Schnitt -

 

Vorsitzender Richter:

Wir hatten uns unterhalten oder Sie hatten ausgesagt über den Angeklagten Broad. Und Sie hatten uns dabei geschildert, wie er Leute, die er namentlich kannte bereits, herausgeholt hat, wie er damals dabei war, als diesem neugeborenen Kind die Nummer auftätowiert werden mußte. Sie haben uns dann geschildert, wie es Ihrem Freund Dzialek gegangen ist, und haben uns auch gesagt, daß damals Wutkowski Ihnen erklärt hat, der Mann sei gestorben. Sie haben uns auch den Fall der russischen Pflegerin erzählt.

 

Und nun wäre es für mich in diesem Zusammenhang von Interesse, von Ihnen zu erfahren: Was wissen Sie über die sogenannte Liquidierung des Zigeunerlagers, das heißt die Verbringung der Zigeuner in die Gaskammern? Waren Sie damals zugegen, und was haben Sie gesehen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, ich war zugegen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war es?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war [Pause] in der Nacht, das war abends. Und zwar werde ich gleich sagen, wie das am Abend vor sich ging, weil vorher war noch eine Selektion der Arbeitsfähigen, am Nachmittag von Mengele vorgenommen. Von Juli auf August müßte das gewesen sein. Das müßte der letzte Tag [+ im] Juli gewesen sein.6

 

Vorsitzender Richter:

Juli auf August des Jahres?

 

Zeuge Aron Bejlin:

44.

 

Vorsitzender Richter:

44.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar, meinten Sie, gegen Abend.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Gegen Abend fand die Liquidation statt. Die Vorbereitungen, das heißt die vorhergehende Selektion der sogenannten Arbeitsfähigen oder derer, die arbeitsfähig sind und sich von ihren Familien trennen wollten, die hat stattgefunden am Vormittag und am Nachmittag, fortgesetzt vom Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und die wurden auch regelrecht verladen, die, die in den Transport gehen sollten. Und zwar hat sie Mengele vor der Verladung mit einer Rede verabschiedet, wo er ihnen erzählt hat, daß sie zur Arbeit gehen. Und die Familien werden hier gut betreut werden. Und sie werden sich in Bälde mit ihren Familien sehen können, also noch einmal treffen können, nachdem sie die Arbeit dort, wohin sie geschickt werden, beendet haben.

 

Das war am Nachmittag. Und als die Sonne unterging, es war schon halb dunkel, sind Autos ins Lager gekommen. Und zwar war das erste Auto am Kinderblock, am sogenannten Waisenhaus, angelangt. Das waren die kleinen Kinder, deren Eltern im Laufe der zehn Monate oder der Existenz des Zigeunerlagers verstorben sind. Da wurden diese Kinder als Waisen konzentriert in einem Block, und junge Pflegerinnen haben die Kinder halbwegs betreut. Und dieser Block wurde als erster ausgeleert. Das war über die Lagerstraße, gegenüber dem Block, wo ich gearbeitet habe. Da wurden sie rücksichtslos von angeheiterten oder betrunkenen - das kann ich ja nicht feststellen, wieviel...

 

Vorsitzender Richter:

Wie weit der Grad war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Und sie haben die Kinder rücksichtslos in das Auto hineingeschmissen. Als der Block leer war, ist das Auto abgefahren. Wir standen in weißen Mänteln über die Lagerstraße gegenüber. Und da hat Licht gebrannt im Block, in dem leeren, vollkommen leeren Block. Da kam auf mich ein SS-Mann zu und sagt: »Mach das Licht aus!« Da habe ich das Licht ausgemacht. Und in dem Moment ist natürlich die Lagerstraße völlig dunkel gewesen, völlig dunkel. Und man hat nicht gesehen, wer und was. Das Auto stand schon weiter, ist abgefahren.

 

Da plötzlich habe ich gefühlt, daß eine Hand mir auf die Schulter gelegt wird und [+ einer] sagt: »Rauf aufs Auto!« In diesem Moment habe ich ihm gesagt: »Ich bin Jude.« Hat er gesagt: »Ach so, Jude. Da hast du noch ein paar Wochen Zeit. Marsch in den Block!« Wie es scheint, daraus ist zu entnehmen - das ist wieder meine Vermutung -, daß der Befehl erteilt wurde: Nur Zigeuner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie wissen nicht, wer von den SS-Männern sich damals daran beteiligt hat, an dieser Räumung?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Es war zu sehen, wie die vorderen... Der Kindergarten war ja einer der letzten Blocks. Also wie sich das Auto genähert hat, die Lastautos dem Eingang [+ genähert haben], da wurden sie sukzessive beleuchtet. Habe ich Mengele gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns auch Namen nennen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Mengele. Nur ihn gesehen. Andere SS-Leute habe ich nicht erkannt. Auf diese Entfernung war es schwer zu erkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob bei dieser Räumung sich Szenen abgespielt haben, das heißt ob Leute da aufsässig geworden sind, ob geschlagen worden ist, ob geschossen worden ist?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, daß die Zigeuner geschrien haben: »Mörder!« Und zwar in Deutsch, da waren ja eine Menge deutsche Zigeuner auch darunter.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie können uns hier von keinem Vorfall berichten, der sich auf eine bestimmte Person bezieht?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Aber jedenfalls, das ist für uns wichtig, damit wir das hier nun mal festgestellt haben: Es war, wie Sie sagten, etwa am 31.7.1944, und zwar vormittags die Selektion der Arbeitsfähigen und beim Untergang der Sonne die Räumung des Lagers, angefangen beim Kinderlager und weiter. Haben Sie etwas wahrgenommen, daß sich dabei Kinder versteckt hatten, die man nachher gesucht hat und die man herausgeholt hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Also selbst habe ich es nicht gesehen, aber man hat es erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Man hat es erzählt, ja. Man weiß aber nicht, wer sich daran beteiligt hat und wer derjenige ist, der diese Kinder da herausgeholt hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Zeuge, Sie waren Arzt im Zigeunerlager. Wer war denn von der SS Arzt im Zigeunerlager?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Also der Herr über Leben und Tod der Patienten war natürlich Doktor Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Mengele war der eigentliche Lagerarzt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Das habe ich ja vergessen hinzuzufügen: Während der Räumung des Lagers, am nächsten Tag, ist Mengele in Begleitung eines Offiziers gekommen. Es war natürlich leer. Und das sind seine Worte, ich zitiere sie, das habe ich selbst gehört, wie er dem Offizier gesagt hat: »Schade um die Romantik des Zigeunerlagers.«

Vorsitzender Richter:

Ja. Doktor Mengele war also der Lagerarzt. War dem Doktor Mengele noch ein anderer SS-Arzt beigegeben, der mit ihm zusammen dort die Betreuung der Patienten vornahm?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl, das war Untersturmführer Klein.

 

Vorsitzender Richter:

Klein.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie uns den Untersturmführer Klein einmal schildern, wie er aussah?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Vor allem stammt er aus Rumänien, gerüchtweise. Er war angeblich ein rumänischer Volksdeutscher. Ich weiß natürlich nicht, ob das richtig ist. Ich wiederhole nur, ich komme zurück auf die Gerüchte, die so im Lager kursierten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das war ein älterer Mann. Er war grauhaarig an den Schläfen. Und ein bißchen untersetzt, ich möchte sagen, etwas niedriger als mittlerer Wuchs. [...] Und er war Untersturmführer, daran kann ich mich auch erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Was hatte er für eine Kopfform?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er war immer in der Mütze. Ich habe nie seinen Kopf gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, konnten Sie wenigstens feststellen, ob er ein breites Gesicht oder einen schmalen Kopf hatte?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Er hat nur eine breite Nase gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Eine breite Nase.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Also eine breitliche Nase mit großen Nasenlöchern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Aber den Kopf haben wir bei SS-Leuten überhaupt nicht gesehen. Sie waren immer in der Mütze.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, dieser Doktor Klein war viel mit Mengele zusammen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja, das war ein Untergebener, wie es scheint, weil der war öfter als Mengele im Lager. Der kam auch allein. Er hat sich zum Beispiel diese Varicella angeschaut. Er hat gesehen, daß wir nur Papierverbände zur Verfügung haben. Das ist völlig unausreichend, weil so ein Papierverband wird nach zwei Minuten durchnäßt. Er hat aber natürlich nichts unternommen, um die Lage zu verbessern.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie einmal etwas davon gehört, daß Klein auch Selektionen durchgeführt hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja, gehört habe ich es schon.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie wissen aber Näheres nicht?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das hat geheißen Rampendienst oder so etwas.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ich meine jetzt nicht Rampendienst, sondern in dem Lager selbst.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Im Lager selbst unter den Zigeunern?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wurde ja gar nicht selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Sie wurden auf einmal verbrannt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie, ob er in anderen Lagern Selektionen durchgeführt hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

War ich nicht dabei, ich war die ganze Zeit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sind Sie nachher in dem Lager geblieben, als die Zigeuner weg waren?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Ich habe noch die ungarischen Juden gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und nachher wurde ich transferiert in f.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch die tschechischen Juden noch gesehen? Also uns ist geschildert worden, daß ein Teil dieses Lagers dann von ungarischen Juden und ein Teil von tschechischen Juden besetzt war.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Richtig, das war die Liquidation des Theresienstädter Lagers. Also die Theresienstädter sind gebracht worden transportweise, und gerüchtweise zu 6.000, in den Abschnitt BIIb. Die wurden auch transportweise vernichtet. Soweit ich mich erinnern kann, sind die ersten Transporte der tschechischen Juden... Das war das erste Familienlager im Lager. Das zweite war das Zigeunerlager. Es kann sein, daß es chronologisch nicht stimmt, aber es waren zwei Familienlager: die tschechischen Juden und die Zigeuner.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Da sind sie gekommen, scheint mir, im September 43, und der zweite Transport, scheint mir, im Dezember 43.7 So etwa. Ich kann mich nicht [+ genau erinnern], aber ungefähr wird es schon stimmen.

Und vernichtet wurden sie auch transportweise nach drei, vier Monaten Aufenthalt. Und zwar wurde der erste Transport auch nach einer vorhergehenden Selektion [+ vernichtet], wo ausgewählt wurde. Unter anderem ist ins Lager gekommen Doktor Sinek, Assistent der Internen Klinik der tschechischen Universität in Prag, aus dem Theresienstädter Lager nach e. Das war ein Häufchen, die ausgewählt wurden, und der Rest wurde vernichtet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun würde es mich mal interessieren: Haben Sie da irgend etwas erlebt, daß der Doktor Klein einmal da vorgegangen ist, weil irgendwelche Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, und daß er die Leute gequält hat oder mit ihnen »Sport« getrieben hat oder so irgend etwas?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Sie meinen, Hohes Gericht, die Zigeuner oder die Tschechen?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, die Nachfolger, also die Tschechen und die Ungarn.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Die Ungarn. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Da haben Sie nichts erlebt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Die Ungarn wurden selektiert regelrecht, nach dem sogenannten Goebbels-Kalender. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nach welchem Kalender?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nach dem »Goebbels-Kalender«, haben wir das genannt. Das hat der Lagerhumor, der Galgenhumor des Lagers, »Goebbels-Kalender« genannt, weil das hat regelmäßig stattgefunden an jedem Samstag und an jedem jüdischen Feiertag.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so. Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und da war das der Versöhnungstag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und da wurde

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der ist im Herbst?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Spätherbst.

 

Vorsitzender Richter:

Spätherbst.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Und da wurde ein ungarischer Junge, an den ich mich genau erinnere, genommen, natürlich mit allen anderen, die früher aufgeschrieben wurden. Und der hat dem Doktor, einem Ungarn, einem Kollegen, etwas ungarisch gesagt. Da habe ich den Kollegen gefragt: »Was sagt der Junge?« Der Junge war schon im Auto. Sagt er: »Der sagt, wenn ich es überlebe und seinen Vater treffe, soll ich ihm berichten, daß er am Versöhnungstag vergast wurde.« Sage ich: »Warum ist das so wichtig, an welchem Tag?« Sagt er: »Weil bei den religiösen Juden der Glaube verbreitet ist, daß am Versöhnungstag nur die Gerechten sterben.« Deswegen ist mir die Episode im Gedächtnis haftengeblieben.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wer diese Selektion durchgeführt hat?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Untersturmführer Klein, aber mit Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Klein mit Mengele.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Zusammen. Scheint mir so.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Mengele war sicher dabei. Aber Untersturmführer Klein war sein Assistent. Es scheint mir, die beiden haben es gemacht, und das war eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie die gesehen dabei oder...

 

Zeuge Aron Bejlin:

Den Mengele habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Mengele haben Sie gesehen. Und den Klein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Klein bin ich nicht sicher.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht gesehen. Sie sind nicht sicher, ob Sie ihn gesehen haben oder ob er es war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, ich bin nicht sicher, ob ich ihn gesehen habe, weil ich habe ihn gekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Gekannt haben Sie ihn.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind sich nicht sicher, ob Sie ihn gesehen haben. Ja. Herr Zeuge, kannten Sie auch den Doktor Lucas?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war der dort, und was hat der für eine Tätigkeit gehabt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Also das müßte Ende 43 oder Anfang 44 gewesen sein. Der Doktor Lucas kam ins Lager, ins Zigeunerlager, zweimal, soweit ich mich erinnere.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Einmal mit Mengele, einmal ohne Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Wann meinten Sie, wann es gewesen sei?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ende 43 oder Anfang 44. An den Monat kann ich mich nicht mehr [+ erinnern].

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie meinen, er wäre zweimal gekommen. Wieso kannten Sie ihn? Wieso wußten Sie, daß es sich

 

Zeuge Aron Bejlin [unterbricht]:

Ins Zigeunerlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wieso wußten Sie, daß es Doktor Lucas war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das hat uns der SDG erzählt.

 

Vorsitzender Richter:

Der SDG.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ja. Der SDG hat es wahrscheinlich gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Alle unsere Nachrichten stammen ja immer vom SDG. Der hat sich gelangweilt, hat uns erzählt hier und da. War auch hier und da von irgendeinem Häftlingsarzt behandelt worden. Die haben nicht so viel Vertrauen zu den SS-Ärzten gehabt. Haben sie sich so heimlich beraten, damit keiner weiß, daß ihn, Gott behüte, ein jüdischer Arzt behandelt. Übrigens

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also Sie sagten, Sie haben den [...] Doktor Lucas zweimal erlebt. Und zwar kam er jedesmal mit Mengele.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Einmal mit Mengele, einmal ohne Mengele.

 

Vorsitzender Richter:

Einmal mit Mengele, einmal ohne Mengele. Was hatte er für eine Aufgabe?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Das weiß ich nicht, als er zum ersten Mal ins Lager gekommen ist, ob das eine Einführung war oder Mengele ihm den Krankenbau des Lagers zeigen wollte. Wir haben eine Noma-Abteilung gehabt, das war so eine Paradeabteilung für alle Ärzte. [+ Dort] haben wir ein Zigeunermädchen gehabt, an deren Namen ich mich genau erinnere - sie hat Zdenka Roziczka geheißen -, wo wir eine Perforation zum Schließen gebracht haben. Und Mengele hat sie fotografiert. Später war sie sehr dick. Und er hat sie immer gezeigt. Das war sozusagen das Paradekind der Abteilung. Vielleicht hat er ihn deswegen eingeführt, den Doktor Lucas, und gebracht, um ihm das zu zeigen. Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Denn zum zweiten Mal hat sich Doktor Lucas eine längere Zeit mit Professor Epstein unterhalten. Eine seltene Erscheinung, daß sich ein SS-Offizier mit einem Häftlingsarzt, mit einem Juden, überhaupt unterhält, und zwar eine längere Zeit in einer Ecke. Und wir standen in einer gewissen Entfernung und beobachteten dieses Gespräch, aber hörten nichts. Und als der Doktor Lucas sich entfernt hat, ist Professor Epstein zu uns gekommen. Wir haben ja zusammen an einer Pritsche gehaust. Er lag unten als der Älteste, in der Mitte lag ein Doktor Vitek, der jetzt in der Tschechoslowakei ist, und oben lag ich als der Jüngste. Hat Professor Epstein gesagt: »Kinder, das ist ein anständiger Kerl.« Das sind seine Worte.

Wie Sie sehen, Hohes Gericht, haben wir in der unmittelbaren Nachbarschaft das Lager f gehabt und waren nur durch Stacheldraht voneinander getrennt. Und jeden Abend haben wir uns mit unseren Kollegen, die in f als Ärzte gearbeitet haben, unterhalten. Und da haben sie mir erzählt, daß Doktor Lucas in f arbeitet, in der Vertretung von Doktor Thilo. Und seit Doktor Lucas ins Lager gekommen ist, in den Krankenbau, haben vor allem die Selektionen aufgehört, also der berüchtigte »Goebbels- Kalender«. Und er operiert zusammen mit den jüdischen Ärzten, und zwar nicht, um zu experimentieren, sondern um Leute zu retten. Also regelrechte Blinddarmoperationen, Öffnung der Abszesse, verschiedene andere Rückenresektionen und so weiter.

Wie es scheint, wollte Doktor Lucas etwas auch dazulernen, weil wir haben Kapazitäten gehabt im Lager, obwohl sie nur Pfleger genannt wurden. Und er hat sogar manchmal den Ärzten Verpflegung gebracht. Das haben sie mir erzählt. Daß ein SS-Offizier einem jüdischen Häftlingsarzt oder einem Kranken Verpflegung bringt, war so etwas, das grenzt an Wunder. Das kann ich von Doktor Lucas berichten. Und das ist mir bestätigt worden von meinen Kollegen, die heute auch in Israel leben und die mit ihm zusammen operiert haben.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Das heißt also, um es noch einmal zu wiederholen: Er hat den Doktor Thilo abgelöst.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Seitdem er den Doktor Thilo abgelöst hatte, fanden keine Selektionen mehr statt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat die Kranken positiv behandelt.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Und er hat auch seiner Umgebung, insbesondere auch den jüdischen Ärzten, etwas Verpflegung zukommen lassen. Er war natürlich auch nicht allmächtig, aber immerhin im gewissen Rahmen.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein, im Gegenteil. Die Kollegen haben mir berichtet, daß er ihnen gute Verpflegung gebracht habe, also solche Dinge, die sie seit Jahren nicht gesehen hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und auch der Doktor Epstein hat gemeint, das sei ein anständiger Kerl?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Professor Epstein hat nicht mit Doktor Lucas gearbeitet.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, aber er hat sich mit ihm unterhalten.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Er hat sich mit ihm unterhalten. Und wie es scheint, hat der Doktor Lucas vor Professor Epstein irgendwelche Äußerungen getan, die den Professor sehr positiv gestimmt haben und [+ durch die] sich bei ihm eine positive Meinung herausgebildet hat, weil er hat es uns unmittelbar nach diesem Gespräch gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie etwas davon, ob Doktor Lucas an Selektionen bei der Rampe beteiligt war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Wissen Sie sonst noch etwas von Doktor [+ Lucas]? Er war ja nicht lang dort.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Im Zigeunerlager hat er überhaupt nicht gearbeitet. Infolgedessen beruhen alle meine Informationen auf den Angaben der Kollegen, die mit ihm im f-Lager gearbeitet haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Ich hätte an den Zeugen keine Fragen mehr.

 

Richter Perseke:

Ich habe noch eine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön.

 

Richter Perseke:

Sie sagten, daß Doktor Klein der Assistent von Doktor Mengele gewesen sei. Haben Sie oft diese beiden Herren zusammen gesehen, Doktor Mengele und Doktor Klein?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich kann es Ihnen natürlich nicht beantworten, wie viele Male. Aber in derselben Periode, das steht fest. Und daß Mengele und Klein oder einer von den beiden ins Lager kamen, das steht auch fest.

 

Richter Perseke:

Ja. Und einmal haben Sie ihn zusammen mit Doktor Lucas gesehen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Wen?

 

Richter Perseke:

Den Doktor Mengele.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl. Einmal mit Doktor Lucas und einmal Doktor Lucas ohne Mengele.

 

Richter Perseke:

Ja. Nun meine Frage: Haben Sie Doktor Mengele auch noch mit einem anderen SS-Offizier zusammen im Zigeunerlager gesehen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Richter Perseke:

Wissen Sie den Namen dieses Offiziers?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Richter Perseke:

Ja, bitte.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Doktor Schumann.

 

Richter Perseke:

Doktor Schumann?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Richter Perseke:

Was hat der für eine Funktion gehabt in Auschwitz?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der war Röntgenologe. Und eines gewissen Tages - ich entschuldige mich, daß ich die Terminologie Zigeuner und Weiße [+ benutze], eigentlich Zigeuner und andere Häftlinge. Weil andere Häftlinge waren nicht im Lager - im Zigeunerlager, als das Zigeunerlager völlig in Tätigkeit war. Später kamen natürlich die ungarischen Juden, und es war schon gemischt. Aber das war nach dem Aussterben, nach dem sukzessiven Aussterben der Zigeuner. Normalerweise kam kein Patient, Nichtzigeuner, ins Lager, außer einem einzigen Fall: 40 griechische Jungen wurden in den Krankenbau des Zigeunerlagers eingeliefert, und zwar alle mit verbrannter Genitaliengegend, aus dem Stammlager zur Behandlung.

Natürlich konnten wir mit den herkömmlichen Salben und mit den Papierverbänden bei Röntgenverbrennungen, die normalerweise überhaupt nicht heilen, nichts ausrichten. Und die Jungen sind natürlich heruntergekommen, bei dieser Ernährung. Da kam Schumann, und wie mir scheint, war er in einer Fliegeruniform, mit Doktor Mengele. Das war eine hellgraue Uniform, die normalerweise Flieger getragen haben. Ich kann mich gar nicht erinnern, ob das ein SS-Arzt war oder nicht. Ich habe den Mann ein- oder zweimal in Begleitung von Mengele gesehen.

 

Richter Perseke:

Haben Sie auch den Lagerapotheker von Auschwitz gekannt?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Vom Stammlager?

 

Richter Perseke:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Richter Perseke:

Können Sie nicht sagen, ob der Apotheker vielleicht mal im Zigeunerlager gewesen ist?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Richter Perseke:

Darüber wissen Sie nichts. [Pause] Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Der Name Doktor Capesius bedeutet Ihnen auch nichts?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Eine Frage nur: Welche Lagernummer hatten Sie? 100.600 oder 100.500?

 

Zeuge Aron Bejlin:

100.736.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

100.736. Und Sie sagten auch, Sie wissen nicht genau, ob das nun der erste, zweite oder dritte Transport war?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und drei Transporte, wissen Sie aber, waren es, die aus Bialystok kamen?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Ich stelle mir vor, daß drei Transporte gekommen sind. Daß die 10.000 Leute verteilt werden konnten. Aber das ist wieder sozusagen eine Vermutung.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja. Und Sie hatten, noch mal?

 

Zeuge Aron Bejlin:

100.736.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage. Ich wollte nur darauf hinweisen der Ordnung halber, daß der Zeuge als Nebenkläger zugelassen ist in diesem Verfahren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Danke schön. Herr Raabe, Strodt? Nicht. Herr Rechtsanwalt Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Ich habe ein paar kurze Fragen. Und zwar für den Angeklagten Doktor Lucas. Können Sie uns sagen, ob Sie den Herrn Doktor Lucas nach der Liquidierung des Theresienstädter Lagers gesehen haben oder ob Sie genau wissen, wann er weggekommen ist?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein. Der hat gearbeitet in f.

 

Verteidiger Aschenauer:

Haben Sie irgendwie gehört, daß der Weggang des Herrn Doktor Lucas in Zusammenhang mit einem Ältesten des Krankenbaus steht, der von einem SS-Mann am Auge schwer verletzt wurde - die Netzhaut mußte abgelöst werden -, und daß Doktor Lucas gegen die Lagerführung für die ärztliche Versorgung dieses Lagerältesten sich einsetzte?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Nein.

 

Verteidiger Aschenauer:

Welche Gerüchte sind aufgetaucht, als Doktor Lucas weggegangen ist?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Daran kann ich mich schon erinnern. Schon Professor Epstein, das habe ich ja vergessen hinzuzufügen, schon Professor Epstein hat gesagt, daß Doktor Lucas entsetzt ist über die hygienischen und sanitären Bedingungen des Lagers. Der ist darüber entrüstet sozusagen. Und später haben mir die Kollegen aus dem f-Lager gesagt, daß Doktor Lucas an die Front versetzt worden ist. Er wollte nämlich weggehen. So haben mir die Kollegen von jenseits des Drahtes berichtet.

 

Verteidiger Aschenauer:

Danke, ich habe keine weitere Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Laternser, keine Frage mehr. Sonst noch von einer Seite? Von seiten der Angeklagten? Sollen Erklärungen abgegeben werden? Bitte schön, Broad.

 

Angeklagter Broad:

Ich möchte dazu bitte nur erklären, daß ich am Tod des Häftlings Dzialek nicht schuld bin.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, können Sie uns das, was der Zeuge uns geschildert hat, vielleicht dann etwas eingehender schildern? Der Zeuge weiß nur, daß dieser Mann sich bei ihm verabschiedet hat mit den Worten: »Ich bin von Broad bestellt worden. Ich kann mich verabschieden, ich werde wohl nicht mehr zurückkommen.« Und dann kam er zurück in diesem Zustand, den uns der Zeuge hier geschildert hat. Was wissen Sie davon?

 

Angeklagter Broad:

Ich kann dazu nur sagen, daß mir von dem Tod dieses Häftlings nichts bekannt ist. Es ist möglich, daß er bei mir war, daß er auch von mir vernommen worden ist. Aber er ist auf keinen Fall von mir in der Baracke der Politischen Abteilung oder woanders erschlagen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Broad:

Etwas Näheres kenne ich nicht von dem Fall.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie überhaupt von einem Fall Dzialek?

 

Angeklagter Broad:

Nein, der Fall ist mir unbekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es ist doch offensichtlich, daß dieser Mann zusammengeschlagen, fast leblos zurücktransportiert worden ist.

 

Angeklagter Broad:

Ja, aber er ist sicherlich nicht von mir in dem Zustand abgeholt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Abgeholt nicht, sondern im Gegenteil, er ist von der Politischen Abteilung abgeholt worden

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

So meinte ich das.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber Sie müßten uns doch eigentlich, wenn das ein einmaliger Fall gewesen wäre, sagen können, wie das dann passieren konnte

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

Ich habe

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Denn Sie waren doch als Leiter der Politischen Abteilung, will ich mal sagen, über den Verhältnissen stehend. Wenn der Zeuge uns hier schildert: Sie haben ihn bestellt.

 

Angeklagter Broad:

Die Bestellungen gingen alle durch mich.

 

Vorsitzender Richter:

Alle durch Sie?

 

Angeklagter Broad:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dann ist er also bestimmt doch von der Politischen Abteilung bestellt worden.

 

Angeklagter Broad:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn ich auch nun jetzt mal im Augenblick nicht sagen soll, daß er von Ihnen persönlich bestellt worden ist, wenn Sie sagen, die Bestellungen gingen alle durch mich.

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

Die Bestellungen gingen durch mich, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also zur Politischen Abteilung bestellt worden.

 

Angeklagter Broad:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und er ist von der Politischen Abteilung zurückgebracht worden in einem fast leblosen Zustand. Sie waren doch für die Politische Abteilung in

 

Angeklagter Broad [unterbricht]:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Birkenau zuständig.

 

Angeklagter Broad:

Herr Vorsitzender, ich war zuständig für die Vorgänge, die das Zigeunerlager betrafen. Ich bearbeitete aber nicht ganz Birkenau allein, das wäre unmöglich gewesen. Sondern die anderen Sachbearbeiter der Politischen Abteilung kamen auch in die Baracke nach Birkenau, um dort Vernehmungen in anderer Sache durchzuführen. Dann habe ich zwar die Häftlinge bestellt, aber ich habe doch nicht alle Vernehmungen alleine gemacht, die überhaupt mit dem Riesenlager Birkenau etwas zu tun hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie mußten doch wissen, was in Ihrer Baracke vor sich ging.

 

Angeklagter Broad:

Ja. Aber diesen Fall habe ich nicht erlebt. Ich habe nicht erlebt, daß aus der Baracke der Politischen Abteilung ein Häftling in einem geschlagenen Zustand und sogar in einem lebensgefährlich verletzten Zustand herausgebracht worden ist.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Tja. Haben Sie sonst noch etwas zu sagen?

 

Angeklagter Broad:

Nein, Herr Vorsitzender. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ist sonst noch eine Erklärung abzugeben? Herr Doktor Lucas, bitte schön.

 

Angeklagter Lucas:

Ich möchte den Zeugen bitten, mir die Adresse von Herrn Doktor Titek anzugeben.

 

Vorsitzender Richter:

Herrn Doktor?

 

Angeklagter Lucas:

Titek. So habe ich den Namen verstanden.

 

Vorsitzender Richter:

Titek?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der Doktor Vitek. Kann ich antworten?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Der Doktor Vitek hat mir erst vor ein paar Wochen geschrieben aus der Tschechoslowakei. Er schreibt eine Monographie über Mengele und hat mich um Material gebeten. Der Doktor Vitek hat mir 20 Jahre lang nicht geschrieben. Ich habe natürlich seine Adresse, aber zu Hause. Ich bin bereit, dem Herrn Doktor Lucas die Adresse schriftlich mitzuteilen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Also wenn Sie das tun wollen, dann bitte richten Sie vielleicht den Brief hierher an das Schwurgericht, und wir werden ihn ihm dann geben. Ja?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie das tun wollen. Einverstanden?

 

Angeklagter Lucas:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, wenn keine Fragen mehr sind, müßten Sie das, was Sie gesagt haben, beschwören. Sie können das mit gutem Gewissen tun?

 

Zeuge Aron Bejlin:

Jawohl.

 

- Schnitt -

 

 

1. Am 06., 07. und 08.02.1943 trafen drei Transporte aus Bialystok in Auschwitz ein. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 405 ff.

2. Am 07.10.1943 traf aus Theresienstadt ein RSHA- Transport mit 1.260 Kindern und 53 Betreuern in Auschwitz ein. Die Kinder stammten aus dem Bialystoker Ghetto und wurden sofort nach der Ankunft vergast. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 623.

3. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 28.08.1962 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 71, Bl. 13.360.

4. Das Quarantänelager BIIa wurde erstmals im August 1943 mit Häftlingen belegt. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 560

5. Der Vorfall ereignete sich am 23.10.1943. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 637.

6. Das sogenannte Zigeunerlager BIIe wurde am 02.08.1944 liquidiert. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 838.

7. In den Monaten September und Dezember 1943 kamen jeweils circa 5.000 Juden aus Theresienstadt in Auschwitz an. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 600, 680, 684.

 

 

 
 
 
Seitenanfang
Haftungsausschluss | Impressum
 
© 2011 Fritz Bauer Institut • Frankfurt am Main • Stiftung des bürgerlichen Rechts
Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
Copyright © 2011 Fritz Bauer Institut • Grüneburgplatz 1 • 60323 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 79 83 22 40 • Telefax: 0 69 79 83 22 41 • Email: info(at)fritz-bauer-institut.de
X
Titel
Testinfo
Testinfo
Bitte aktuelle Flash Version installieren
X