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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

26. Verhandlungstag, 13.3.1964

 

Vernehmung des Zeugen Helmut Bartsch

 

Vorsitzender Richter:

Wir wollen Ihre Aussage gern auf Band nehmen, um auf diese Art und Weise eine Gedächtnisstütze zu haben. Es soll nicht veröffentlicht werden.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind damit einverstanden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Als ich also von meiner Beschäftigungsbehörde, dem Reichskriminalpolizeiamt in Berlin, die Aufforderung bekam, mich nach Auschwitz zu begeben, um dort bei der etwa schon drei Wochen tätigen Sonderkommission der Kriminalpolizei mitzuarbeiten... Der Generalauftrag, möchte ich sagen, der dieser Sonderkommission erteilt worden war, beinhaltete die Aufklärung eines Korruptionskomplexes, der sich auf die fortgesetzten Diebstähle, die Unterschlagung und die Veruntreuung von Häftlingseffekten bezog.

Während meiner Tätigkeit in Auschwitz, also von Beginn des [Jahres] 1943 bis Ende April 44 hat die Sonderkommission dann eben die Ermittlung in dieser Richtung geführt, und wir haben weit über 120 Ermittlungsverfahren der genannten Art eingeleitet und auch durchgeführt. Unsere Ermittlungsakten gaben wir an Herrn Doktor Morgen weiter, der im Auftrage des Hauptamtes SS-Gericht München als Gerichtsoffizier eingesetzt war. Wie uns bekanntgeworden ist, sind auch Urteile ergangen. Wir haben aufgrund des herbeigeschafften Beweismaterials 23 Unterführer der Waffen-SS festgenommen und auch zwei SS-Führer. Die Urteile, soweit sie die SS-Unterführer betrafen, lagen zwischen zwei und vier Jahren Gefängnis und [+ lauteten] zum Teil auch auf Aberkennung [+ des Dienstranges] oder Ausschluß aus der Waffen-SS.

Die Ermittlungen gegen einen SS-Führer - es war der ehemalige Hauptsturmführer Eisenreich - ergaben so dringenden Tatverdacht, daß auch er festgenommen wurde. Hauptsturmführer Eisenreich war Verwalter einer Bekleidungskammer bei der Volksdeutschen Mittelstelle11 in Kattowitz, die aber direkt dem Lager Auschwitz unterstand. In dieser Eigenschaft hat er jedenfalls eine erhebliche Menge Häftlingseffekten unterschlagen und sie an seinen Bekanntenkreis weitergegeben.

Im Laufe der Ermittlung wegen Korruptionsverdachts gegen den damaligen Untersturmführer Grabner und ehemaligen Leiter der Politischen Abteilung des Konzentrationslagers bekam ich Hinweise darauf, daß Grabner möglicherweise an der Tötung von Häftlingen beteiligt sein könnte. Ich habe diese Hinweise aufgegriffen, pflichtgemäß, und habe die Ermittlungen durchgeführt. Es ist in einer nicht bestimmten Anzahl von Fällen der Beweis auch erbracht worden. Grabner wurde in Anklagezustand versetzt, die Verhandlung vom SS- und Polizeigericht in Weimar ging bis zum Ende der Beweisaufnahme. Herr Doktor Morgen als Anklagevertreter hatte damals zehn Jahre Zuchthaus gegen Grabner beantragt. Ein Urteil wurde nicht verkündet, das Verfahren wurde zunächst vertagt. Diese Verhandlung in Weimar war etwa meiner Erinnerung nach im Juli oder August 1944. [Pause] Das war also das, was ich zu meiner Tätigkeit in Auschwitz aussagen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte folgendes: Was hat denn der Herr Grabner gemacht? Warum ist er denn in Anklagezustand versetzt worden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Also es war so: Ich hatte Hinweise bekommen, daß Herr Grabner sich möglicherweise an der Tötung von Häftlingen beteiligt haben könnte. Und, wie gesagt, ich bin diesen Hinweisen nachgegangen und habe nun gerade in Häftlingskreisen Zeugen zu ermitteln versucht - was mir auch gelang -, die die Mitwirkung Grabners an einem sogenannten Sondergericht bekundeten. Es war so: Im, ich meine, sogenannten Stammlager - es war jedenfalls das Lager hinter der Kommandantur - befand sich ein Arrestbau, den wir als Mitglieder der Sonderkommission auch hinlänglich kannten, weil wir die für uns festgenommenen SS-Unterführer ebenfalls mit Genehmigung des damaligen Lagerkommandanten Liebehenschel dort vorläufig festnahmen, bis die Haftbefehle durch das Hauptamt SS-Gericht erlassen waren. In diesem Arrestbau des Stammlagers, meine ich, mich erinnern zu können, waren Häftlinge eingeliefert worden, die sich in den Nebenlagern Disziplinwidrigkeiten oder die Ausbruchsversuche sich hatten zuschulden kommen lassen, die die Arbeit verweigert hatten. Und die wurden nun nach Auffassung der Lagerleitung und der verantwortlichen Führer in diesem Arrestbau inhaftiert. Die Zahl derer, die auf diese Weise in den Arrestbau eingeliefert wurden, stieg aber derart, daß der sogenannte Arrestbau restlos überfüllt war. Und es ist wohl dann so gewesen, daß man gelegentliche »Säuberungsaktionen« für notwendig erachtete in der Weise, daß eben das sogenannte Sondergericht, das höheren Orts durchaus nicht etwa bestätigt worden war, zusammentrat und dann Todesurteile verhängte, die auch durch Erschießen vollzogen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun ist Ihnen ja wohl als Kriminalist bekannt, daß derartige Sondergerichte ein Ding der Unmöglichkeit sind. Im übrigen: Haben Sie auch etwas erfahren über die Art dieser sogenannten Gerichte, wie man da überhaupt vorgegangen ist?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, soweit ich es feststellen konnte, ist aus der SS-Führerschaft das Sondergericht gebildet worden und hat nun autoritativ bestimmt, was zu geschehen hat. Das ist lediglich festgestellt worden, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also das Primitivste bei jedem Gerichtsverfahren ist doch erstens, daß der Angeklagte gehört wird.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Zweitens, daß irgendwelche Beweise erhoben werden, und drittens, daß der Angeklagte das letzte Wort bekommt. Diese drei Dinge müssen auf jeden Fall eingehalten werden. Sind die denn bei diesen sogenannten Sondergerichten eingehalten worden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nach unseren Feststellungen nicht, Herr Landgerichtsdirektor.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nach Ihren Feststellungen nicht. Und deshalb haben Sie auch das Verfahren gegen Grabner eingeleitet.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Sehr wohl. Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wie lautete denn die Anklage? Weshalb ist denn Grabner angeklagt worden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, wenn ich erinnere, wegen Beihilfe zum Mord.

 

Vorsitzender Richter:

Wegen Beihilfe zum Mord?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nicht wegen Mords direkt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich vermag es nicht ganz genau auszusagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, das weiß ich nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

Na, jedenfalls zehn Jahre Zuchthaus deuten ja eigentlich nicht auf Mord hin.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Vielleicht aber auf Totschlag, nicht? Nun weiter. Waren Sie selbst mal in dem Block 11?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Block 11, das ist also der Arrestblock, ja?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ganz recht.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, selbstverständlich. Ich sagte schon, daß wir dort die von uns festgenommenen SS-Unterführer inhaftiert hatten und wir als Angehörige der Sonderkommission nun ständig dorthin mußten, um die Häftlinge abzuholen für weitere Vernehmungen und schließlich für den Abtransport zum Gerichtsort.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie in diesem Arrestblock auch einmal Stehzellen gesehen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein. Habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Wissen Sie, daß in diesem Arrestblock auch eine Frau eingesperrt war?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich wer?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Eleonore Hodys.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Eleonore Hodys war ein politischer Häftling, saß im Frauenlager ein. Ich habe sie dort aufgesucht. Sie wurde mir auf der Bahre liegend vorgeführt, möchte ich sagen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herbeigebracht, ja. [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herbeigebracht, ja. Und ich wollte mit ihr in ein Gespräch kommen, das einfach nicht möglich war. Die Frau war derart verstört und wohl auch durch dies schwere Beinleiden, das sie hatte, nicht in der Lage, eine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, dann sagen Sie mir doch mal: Wo war die Frau denn, wo kam die denn her - aus dem Bunker, nicht -, wie sie Ihnen vorgeführt worden ist?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, Herr Direktor, sie befand sich zu der Zeit im Frauenlager.

 

 

Vorsitzender Richter:

Im Frauenlager in Birkenau?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ist das schon Birkenau gewesen? Ich weiß es nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und von dort aus wurde sie auf einer Bahre herbeigebracht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. In das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Es war also bisher keine Strafmaßnahme gegen sie durchgeführt worden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

In dem Augenblick wohl nicht, als sie mir zugeführt wurde. Nun, das ist mir nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Da hat uns der Herr Doktor Morgen erzählt, er hätte diese Frau im Stehbunker angetroffen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist mir unbekannt, Herr Direktor.

 

Vorsitzender Richter:

Und er hätte diese Frau dann nach München in eine Klinik bringen lassen. Und diese Frau sei in anderen Umständen gewesen und sei von dem Herrn Lagerkommandanten Höß in diesen Stehbunker eingewiesen worden, mit der ausdrücklichen Maßgabe, daß sie dort verhungern sollte.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Direktor, dazu sage ich folgendes: Es ist ja gerade das die Veranlassung gewesen, weshalb ich Frau Hodys sprechen wollte. Weil uns das bekannt war über Herrn Doktor Morgen. Und als ich nun das Frauenlager aufsuchte - ich wiederhole -, wurde mir Frau Hodys auf der Bahre liegend zugeführt. Und ich wußte eben, daß früher Frau Hodys in der Stehzelle des Stammlagers - so nenne ich es immer - eingewiesen worden war, und zwar auf Veranlassung von dem damaligen Lagerkommandanten Höß.

 

Vorsitzender Richter:

Das wußten Sie?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Und das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was haben Sie mit der Frau gemacht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich habe veranlaßt, um überhaupt möglicherweise später eine sachliche Aussage zu erhalten, daß Frau Hodys in das städtische Krankenhaus in Breslau überwiesen wurde.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben Sie später eine Aussage von der Frau bekommen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein. Das war

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und warum nicht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Bitte, das war schon April 44, und ich bin Ende 44 ja nach Berlin zurückgekehrt. Ich habe Frau Hodys persönlich nicht mehr gesehen und auch selbstverständlich nicht mehr vernommen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie bei dieser Untersuchung auch den Angeklagten Boger kennengelernt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wie?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Bei der Vernehmung, Herr Direktor? Bei der Angelegenheit?

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wie Sie in Auschwitz waren, nehme ich an. Sie waren doch von der Polizei, nicht?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kamen doch von irgendeinem Reichssicherheitshauptamt oder einer solchen Stelle, nicht? Ja? Oder Wirtschafts-Verwaltungshauptamt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, Reichskriminalpolizeiamt.

 

Vorsitzender Richter:

Reichskriminalpolizeiamt, schön. Und die Leute in der Politischen Abteilung, das waren doch zum Teil auch Polizeibeamte, zum Beispiel der Herr Boger?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das ist bekannt gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Also könnte ich mir doch vorstellen, daß Sie da irgendwie mal sich interessiert haben für den Mann.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Es ist ganz selbstverständlich, daß ich Herrn Boger begegnet bin, daß ich mit ihm bekannt wurde, ebenso wie ich ja Grabner als Leiter der Politischen Abteilung kennengelernt habe. In dieser Eigenschaft allein, und sonst, in Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren, ist mir nicht bekannt, daß Herr Boger da von uns vernommen wurde.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also, es ist Ihnen nicht bekannt, daß Sie den Boger kennengelernt haben?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, daß ich ihn vernommen habe, das meine ich. Ich kenne ihn, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und worauf hat sich denn nun Ihr Kennenlernen beschränkt? Haben Sie mit ihm zusammengearbeitet?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja. Nein, zusammengearbeitet, das ist zu weitgehend, ich habe ihn eben als Angehörigen der Politischen Abteilung kennengelernt. Als ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na ja, Herr Bartsch, mir ist da manches gar nicht klar bei Ihrer Aussage. Sie sind doch hingekommen nach Auschwitz auf Veranlassung des Herrn Doktor Morgen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Der Herr Doktor Morgen hat in Auschwitz verschiedene Unregelmäßigkeiten festgestellt. Deshalb sind Sie hingekommen, um an seiner Stelle dort die Untersuchungen durchzuführen.

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Diese Untersuchungen erstreckten sich auch auf den Bunker im Block 11 - das ist also dieser Arrestbunker. Diese Untersuchungen erstreckten sich auf die Erschießungen an der Schwarzen Wand. Bei diesen Ermittlungen haben Sie erfahren, daß insbesondere der Grabner Leute hat dort, kurz gesagt, umbringen lassen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun könnte ich mir doch vorstellen, daß Sie bei dieser Situation sich überhaupt einmal um die Vorgänge im Block 11 gekümmert hätten und sich überhaupt einmal darum gekümmert hätten, wie denn die Leute eigentlich da hineingekommen sind und was sie getan haben und wer sie dort hineingebracht hat.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich habe dazu bereits ausgesagt, daß die Häftlinge von den einzelnen Lagern aus dorthin eingewiesen wurden.

 

Vorsitzender Richter:

Von wem?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Auf wessen Veranlassung nun, um eine Person oder Personen zu nennen, das ist nicht bekannt. [Pause] Das ist nie geklärt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal gehört, daß in Auschwitz sogenannte »Verschärfte Vernehmungen« durchgeführt worden sind?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Haben Sie denn wenigstens gehört, daß dort Vergasungen vorgenommen worden sein sollen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist gesprächsweise allgemein bekannt gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Gesprächsweise. So.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sich nicht da drum gekümmert?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, das war nicht im Auftrag.

 

Vorsitzender Richter:

Es war nicht Ihr Auftrag.

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie einmal davon gehört, daß dort Leute mit Injektionen getötet worden sind, mit Injektionen ins Herz nämlich, mit Phenolinjektionen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Auch das ist gesprächsweise bekanntgeworden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja und? Was haben Sie daraus gemacht, aus diesem Gespräch? Sie sind doch Polizei gewesen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, Herr Direktor, wir hielten uns an den der Sonderkommission gegebenen Auftrag.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hielten sich im Rahmen Ihres Auftrags.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, hatten Sie denn Angst, wenn Sie etwas mehr täten, daß man Ihnen da unter Umständen einen Strick daraus drehen würde?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist nicht unwahrscheinlich gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So. Ist Ihnen auch der Name Hofmann ein Begriff?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso? Was wissen Sie

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Als Lagerleiter oder Führer des sogenannten Stammlagers.

 

Vorsitzender Richter:

Ein Lagerführer innerhalb des Stammlagers.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat denn der getan? Haben Sie bei ihm was festgestellt, was

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts festgestellt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wer hat denn nun die Leute erschossen an der Schwarzen Wand?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

[Pause] Daß sie erschossen wurden, steht fest. Wer, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, war denn das auch der Grabner?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Er hat bei diesem Sondergericht mitgewirkt. Ob er persönlich Erschießungen vorgenommen hat, ist nicht festgestellt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Also erstens einmal haben wir jetzt festgestellt, daß das kein Sondergericht war.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich meine Sondergericht in Anführungsstrichen.

 

Vorsitzender Richter:

Zweitens einmal haben Sie gesagt, die Leute sind erschossen worden, und dem Grabner hat man einen Prozeß gemacht.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, da könnte ich mir doch vorstellen, daß Sie auch mal gefragt haben: Ja, wie sind denn die Leute eigentlich zu Tode gekommen? Sie sind erschossen worden. Von wem sind sie denn erschossen worden? Sie können doch jemand nur verfolgen wegen eines Mordes oder einer Beihilfe zum Mord oder Totschlag, oder was Sie da aufgestellt haben, wenn Sie wissen, daß der Mann umgebracht worden ist. Und dann muß doch auch festgestellt werden, wie er umgebracht worden ist. Ich meine, Sie haben doch in der Polizei schon längere Zeit gearbeitet, und Sie sind doch heute noch, wenn ich nicht irre, Kriminalkommissar oder Hauptkommissar. Da wissen Sie doch genau bei einem Mord, wie eine solche Ermittlung durchgeführt wird und worauf die Ermittlung sich erstrecken muß und daß Sie wissen müssen, wer wann wo wie tötet bei einem Mord. Ich kann doch nicht ganz einfach sagen: Ich habe festgestellt, da haben sich ein paar zusammengetan und haben einen halbwegs verurteilt, oder wie Sie das nennen. Und dann ist er umgebracht, dann ist er getötet worden. Aber wer das war, das weiß ich nicht, von wem, weiß ich nicht, wie, weiß ich nicht. Näheres habe ich gar nicht... Dann habe ich die Sache abgegeben, und dann ist er angeklagt worden. Ein bißchen mehr mußte man doch schließlich in der Anklage sagen, wenn ich jemandem vorwerfe, er hat einen umgebracht und getötet und ermordet. Da muß doch auch irgendwas da sein, worauf ich mich stützen kann. Da muß ich doch irgendwelche Daten haben, am soundsovielten ist der Sowieso auf die und die Weise von dem und dem umgebracht worden. Das muß doch ein bißchen geklärt werden.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Direktor, dazu sage ich folgendes aus: Tötungen dieser Art haben sich in den Jahren 40 bis 42 ereignet. Und zwar nicht fortlaufend, sondern zu bestimmten Terminen, und wie das zusammen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In Auschwitz sind die nicht fortlaufend umgebracht worden? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Doch, ja, ja, doch.

 

Vorsitzender Richter:

Doch, doch

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Dort, dort, und zwar im Hof dieses Arrestblocks. Ja, durch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, an der sogenannten Schwarzen Wand.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Wenn man es die Schwarze Wand nennt, dann war es sie wohl, ja. Ich habe diesen Hof auch gesehen. An eine Mauer gestellt, wurden die Häftlinge mit Kleinkalibergewehr erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber irgendeiner muß doch den Finger am Abzug gehabt haben, der muß doch geschossen haben. Wer hat denn geschossen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Direktor, das war nicht zu ermitteln. [...]

 

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ja. Und dann ist Ihnen schließlich die Baracke angesteckt worden. Ist alles abgebrannt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das ist bereits Mitte Dezember 43 gewesen. Im Raum dieser Baracke waren die sichergestellten Asservate, die wieder herbeigeschafften Häftlingseffekten untergebracht. Diese Baracke brannte eines Nachts restlos ab, bis auf wenige winzige

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Können Sie uns mal sagen, wo die Baracke gestanden hat?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das war gerade über der Verwaltung. Ja, also [...] Kommandanturgebäude, Verwaltung rechts, wenn man davorsteht, und schräg da gegenüber, bei dem sogenannten alten Krematorium.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dem alten Krematorium. Wie viele Baracken standen denn da?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das weiß ich nicht mehr, genau weiß ich es nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, nach meinem Wissen sollen es drei gewesen sein.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das kann sein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie denn in einer dieser Baracken tätig?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nie. Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wo haben Sie denn Ihre Protokolle geschrieben und ihre Vernehmungen gemacht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Wir bekamen zunächst zwei oder gar drei Diensträume in der Unterkunft einer SS-Kompanie zugewiesen. Als dort ein Einbruchsversuch unternommen worden war, nach dem Brand der Baracke, wurden wir bei Liebehenschel vorstellig und baten darum, daß er uns direkt ein Dienstzimmer in der Kommandantur zuwies, weil wir glaubten, dort sicher zu sein - in Hinblick auf die Ermittlungsakten selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Also, vordem die Baracke abbrannte, müssen Sie doch irgendwo tätig gewesen sein.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich sagte ja, in diesen Dienstzimmern einer SS-Kompanie.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war denn diese SS-Kompanie untergebracht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist nicht weit vom Stammlager gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Außerhalb der Großen Postenkette?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich meine nein. Nein, nein. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Innerhalb der Großen Postenkette? War das ein massives Haus?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie untergebracht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso kam es nun, daß Sie dort arbeiteten und Ihre Effekten in dieser Baracke am alten Krematorium eingebracht hatten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Direktor, dazu vermag ich nichts zu sagen, denn ich habe bereits ausgesagt, daß ich Anfang Dezember zur Sonderkommission kam und diese bereits ja fast drei Wochen tätig war. Diese Asservate waren in der Masse ja bereits angefallen, und wer nun die Veranlassung gegeben hat, daß diese bereits sichergestellten Gegenstände dort untergebracht werden mußten, ist mir nicht bekannt. Sie waren untergebracht, als ich nach Auschwitz kam.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie Sie nachher dort ausgezogen sind bei dieser Unterkunft, wo sind Sie denn dann hingezogen? In die Kommandantur?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Direkt in die Kommandantur, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren drei Blocks, oder drei Häuser standen da hintereinander. In dem einen Haus war unten die Politische Abteilung, und oben?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Die Verwaltung, nein, die Kommandantur, nicht wahr.

 

Vorsitzender Richter:

Oben war das Revier drin.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das Revier, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann in dem zweiten Gebäude weiß ich jetzt nicht, was da drin war, im dritten war die Kommandantur drin, nicht? Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, also, so wie ich es damals kennengelernt habe: in dem einen Block unten die Politische Abteilung und oben die Kommandantur und in dem andern Gebäude die Verwaltung.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo war denn die Politische Abteilung untergebracht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Unten, unten damals.

 

Vorsitzender Richter:

In dem Haus, wo Sie arbeiteten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. [...] Und wer war denn da alles bei der Politischen Abteilung tätig?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Tja, ich meine, nur Boger.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, ich kenne nur Boger, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sie kennen Boger. Was hat denn der gemacht da unten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie niemals mit ihm gesprochen über seine Tätigkeit?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein. Nicht drüber gesprochen.

 

Vorsitzender Richter:

So, und von den »Abspritzungen« oder diesen Tötungen mit Phenol, da haben Sie gehört. Aber Sie haben sich nicht drum gekümmert, weil es nicht in Ihrem Auftrag war?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie da auch nie einen Bericht drüber gemacht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Möglicherweise hat das Herr Doktor Morgen getan, denn ihm ist es ja ebensogut bekannt gewesen wie uns. Wir haben es nach Berlin nicht berichtet, soweit mir bekannt ist.

 

Vorsitzender Richter:

Wer sollte das eigentlich nach Berlin berichten? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich meine, Doktor Morgen. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mal, was ist denn mit dem Höß damals gewesen? War der noch da?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, als ich nach Auschwitz kam, war Höß nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn als Polizeibeamter einen Bericht gemacht über diese Frau, die Sie da vorgefunden haben?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. Wie bitte, vorgefunden? Im Frauenlager aufgesucht habe, ja. [...] Ja, selbstverständlich, darüber ist ein Bericht, ein Aktenstück überhaupt angelegt worden, mit dem Ziele, Frau Hodys ja später überhaupt einmal zur Sache zu vernehmen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum hatten Sie denn Veranlassung? Ich meine, Sie haben mir bisher nur gesagt, daß die Frau Ihnen auf einer Tragbahre vorgebracht worden ist.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Die Veranlassung war ja eben die Mitteilung, daß Frau Hodys in dem Bunker, in diesem Arrestblock, von Höß öfter besucht wurde und möglicherweise also irgendwelche Intimitäten da vorgekommen sein könnten.

 

Vorsitzender Richter:

Im Arrestblock?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. So wurde mir das zugetragen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und warum war sie denn im Arrestblock?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das weiß ich nicht. Das weiß ich nicht. Warum sie dort war, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] So. Und haben Sie auch einmal den Kommandanten Baer kennengelernt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wann?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das war wiederum Dezember, aber bereits 1944 dann, als das Hauptamt SS-Gericht an das Reichskriminalpolizeiamt herantrat und darum bat, die Sonderkommission in Auschwitz noch einmal einzusetzen, weil Nachtragsermittlungen in diesem Korruptionskomplex notwendig geworden waren nach Auffassung des SS-Gerichts. Und deshalb sind wir im Dezember - das war dann etwa Mitte Dezember 44 - noch einmal nach Auschwitz gefahren. Eine systematische und ordnungsgemäße Arbeit war überhaupt nicht mehr denkbar. Es zeichneten sich bereits Maßnahmen ab, das Lager aufzulösen, und Mitte Januar - spätestens war es wohl Mitte Januar

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer war denn damals Adjutant von dem Herrn Baer?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich kenne ihn, aber der Name ist mir nicht mehr gegenwärtig.

 

Vorsitzender Richter:

Der Name ist Ihnen

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Wenn er mir genannt wird, dann werde ich es beantworten. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben einmal bei Ihrer Vernehmung am 13. Juni 1962, auf Blatt 12.688, gesagt: »Als ich Anfang 45 erneut nach Auschwitz kam, habe ich den damaligen Kommandanten Baer und dessen Adjutanten Höcker kennengelernt.«2

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja ,ja, das war es ja, Höcker, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

War der Herr Höcker Adjutant vom Herrn Baer?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. Als solcher ist er uns bekanntgeworden. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er denn als solcher gemacht, war er da auch im Stammlager tätig?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Er war beim Kommandanten tätig.

 

Vorsitzender Richter:

Beim Kommandanten im Stammlager?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

In der Kommandantur. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ob das nun das Stammlager schon war; die Kommandantur, das Gebäude, war ja außerhalb des

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, schon, Herr Zeuge, wir sind fast vor dem Ende des Krieges, nicht. Sie kommen Ende 44/Anfang 45 dorthin, Sie sagen, das Lager war bereits in Auflösung.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ob das dann schon das Stammlager war; ich möchte wissen, wann es dann das Stammlager geworden sein sollte.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Es war immer das Stammlager.

 

Vorsitzender Richter:

Es war immer das Stammlager. Aha. War da der Herr Höcker Adjutant?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein. Da bin ich mißverstanden worden, Herr Direktor. Ich habe gesagt, der Höcker war Adjutant des Lagerkommandanten.

 

Vorsitzender Richter:

Des Lagerkommandanten Baer.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Baer, ja. Und hatte seine Dienstzimmer neben dem des Kommandanten in der Kommandantur. Im Gebäude der Kommandantur.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt das, Herr Höcker?

 

Angeklagter Höcker:

Jawohl. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten mit dem Stammlager gar nichts zu tun gehabt?

 

Angeklagter Höcker:

Doch.

 

Vorsitzender Richter:

Ach so, mit Auschwitz

 

Angeklagter Höcker:

[unverständlich] Lagerkommando [unverständlich] [...] Stammlager [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, dann nehmen Sie mal Platz. Wie ist das weiter gewesen? Haben Sie auch den Kommandanten von Birkenau kennengelernt? [Pause] Oder hatte das keinen eigenen Kommandanten? Oder wissen Sie etwas von der Verwaltung und von der Verzweigung der damaligen Einteilung?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

So genau bin ich nicht informiert.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso war denn der Herr Liebehenschel nicht mehr da, wie Sie hingekommen sind? Wissen Sie da was darüber?

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, nein, nicht bekannt, nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Haben Sie den Doktor Capesius gekannt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. In seiner Eigenschaft als Apotheker des Lagers. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In seiner Eigenschaft als Apotheker. Was wissen Sie denn von ihm?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich bin mit ihm soweit in Berührung gekommen, als wir gelegentlich auch mal einige Pillen benötigten oder daß wir uns auch einer Einnahme von Pillen gegen Flecktyphus unterziehen mußten und wir dort diese Tabletten empfingen, beim Apotheker.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch bei dem Herrn Capesius irgendwelche Untersuchungen vorgenommen kriminalistischer Art?

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen irgend etwas zu Ohren gekommen, daß da irgendwelche Unredlichkeiten oder so was gewesen sind?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst wissen Sie also von dem Herrn Capesius auch nichts?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Daß er irgendwie Phenol verwaltet hat oder daß er

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie alles nichts? Ist Ihnen der Name Palitzsch ein Begriff? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

[Pause] Ja, ich meine, Herr Palitzsch war doch Sanitätsdienstgrad, wie man zu sagen pflegte damals.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, nein, man pflegte damals zu sagen, das ist ein Rapportführer.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ach so. Dann bringe ich das durcheinander.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, was wissen Sie von dem Palitzsch?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Gar nichts. - Ich habe im Rahmen meines Auftrages mit dem Palitzsch nie was zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat er irgendwas mit den Erschießungen zu tun gehabt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ist nicht bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

Nein?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Tja, den Herrn Doktor Lucas haben Sie auch gekannt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja. Als Arzt, ja. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wieso? Waren Sie selbst krank, oder?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. Ich hatte rheumatische Beschwerden und habe mich bestrahlen lassen, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und haben ihn deshalb

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ich habe ihn als Arzt aufgesucht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aufgesucht, ja. Und von seiner Tätigkeit, haben Sie da auch was gehört?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nichts, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. [Pause] Wann war denn das, wie Sie den Doktor Lucas aufgesucht haben, war das Ende 44?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, dann nicht. Es war in der ersten Zeit meiner Tätigkeit, also bis Ende April 44, nicht erst danach.

 

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie irgend etwas über die Tätigkeit des Herrn Lucas zu sagen, ich glaube, ich habe Sie schon mal gefragt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Ja. [Pause] Haben Sie sonst noch irgendwelche Leute dort näher gekannt? Zum Beispiel den Herrn Caesar?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, war es nicht Doktor Caesar? Ja, habe ich auch einmal kennengelernt.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat denn der gemacht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Der war Leiter der landwirtschaftlichen Betriebe.

 

Vorsitzender Richter:

Aber der war doch gar nicht in Auschwitz?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein, der war außerhalb von Auschwitz. Wo, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wieso haben Sie den kennengelernt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, im Lager irgendwann bei Gelegenheit. Ich darf nicht unerwähnt lassen, wir hatten Gelegenheit - die Sonderkommission -, im sogenannten Führerheim unsere Mahlzeiten einzunehmen. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß der Kontakt dort zustande gekommen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie den Namen Broad gehört? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, gehört wohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und was ist da gewesen? Wo war der gewesen? Was hat er getan? [Pause] Na.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Weiß ich so nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr, bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, wann haben Sie den Apotheker Capesius kennengelernt? Sie waren ja zweimal

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, ja, das erste Mal bis Ende April, also in der Zeit von Anfang Dezember 43 bis Ende April 44.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] oder später, es ist zweifelhaft, wann Doktor Capesius nach Auschwitz gekommen ist.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich weiß es nicht, ich kann es nicht auf den Monat genau sagen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] bereits bei einer Weihnachtsfeier 1943 kennengelernt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist sehr wahrscheinlich, wir waren vom

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

[unverständlich] Weihnachtsfeier da?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, die war im sogenannten Führerheim, Weihnachtsfeier oder Adventsfeier. Und wir, die Angehörigen der Sonderkommission, waren vom Kommandanten auch eingeladen. Sehr wahrscheinlich, daß ich Herrn Capesius

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Mit Sicherheit können Sie das nicht

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, [+ nicht] mit Sicherheit, aber sehr wahrscheinlich.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und wann sind Sie [unverständlich] Pillen gegangen, war das vielleicht in der allerersten Zeit?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein, das ist am Anfang des Jahres 44 gewesen. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Haben Sie den Apotheker, den Vorgänger des Herrn Krömer oder so ähnlich, gekannt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wußten Sie davon, daß das ein kranker Mann war, der [unverständlich] gegangen ist? [unverständlich] Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nicht bekannt. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie hatten also den Auftrag, die Korruption zu [unverständlich].

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie haben vorhin dem Herrn Vorsitzenden gesagt: »Das von Birkenau, das kenne ich nicht so genau.« Es müßte Ihnen doch eigentlich bekannt sein, daß die Hauptverwaltungszentren Anfang 44 der Häftlingswertgegenstände, Häftlingseffekten, sich gar nicht im Stammlager befanden, sondern in Birkenau.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Im sogenannten Lager Kanada. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Das wußten Sie.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Das wußte ich, ich war einige Male im Lager »Kanada«. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie kannten also Birkenau?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, wenn das Birkenau schon war, also dann bin ich dort gewesen, ja, im Lager Birkenau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, und eine weitere Frage: Beim zweiten Mal, als Sie hinkamen, da war Ihnen ja doch Auschwitz und »Kanada« schon geläufig?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da wurden Sie gefragt nach dem Kommandanten in Birkenau.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Da wäre es doch naheliegend, daß Sie sich daran erinnern können, wer damals in Birkenau regierte, wenn Sie immerhin innerhalb des Lagers Ermittlungen anstellten, die für einige Dienstgrade in dem Lager recht einschneidend sein konnten. Denn Sie haben gesagt, Sie haben 43 schon eine ganze Menge Unterführer verhaftet.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Es ist doch an sich nicht das Gegebene, daß in einem Konzentrationslager plötzlich die Unterführer der Bewacher verhaftet werden. Das [unverständlich] zumindest außerordentlich [unverständlich]. Wie ist das damit?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Welche Frage wollen Sie beantwortet wissen, Herr...

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Können Sie sich jetzt nicht mehr erinnern, wer da Kommandant war, mit wem Sie da verhandelt haben, wo da

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

In der ersten Zeit meiner Tätigkeit, im erstem Abschnitt?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Beziehungsweise in der zweiten Zeit.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Keine Erinnerung?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, keine Erinnerung mehr daran, wer damals Führer dieses Lagers war, ist mir nicht [unverständlich].

 

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Dann muß ich etwas weiteres vorhalten: Der Zeuge Doktor Morgen hat uns ziemlich klar und deutlich gesagt, mit dieser Verwahrlosung, so nannte er es, Verrohung und Korruption der SS-Bewacher ging parallel ein rücksichtsloses Umbringen von Lagerinsassen, das jeder Befehlsgebung - auch der damaligen Zeit - widersprach, was also auch innerhalb dieser SS-Hierarchie durchaus tragbar gewesen wäre. Der Herr Vorsitzende hat eben Sie gefragt, ob Sie nichts gehört hätten von Phenol- »Abspritzungen«. Ich muß Ihnen weiter vorhalten, daß Herr Doktor Morgen uns hier in diesem Saal gesagt hat: Der Grabner hatte noch so einen zweiten Weg, wie er die Leute konnte umbringen lassen, wenn das mit dem Erschießen nicht so klappte. Das war dann Sache der Sonderkommission, das weiter aufzuklären.

Der Herr Vorsitzende hat Sie weiter ausdrücklich auf die Bestimmungen des § 55 des Strafgesetzbuches hingewiesen, daß Sie die Aussage verweigern können, auch wenn Sie etwa sich damals einer Pflichtunterlassung - sei es aus Angst vor der ganzen Atmosphäre, nachdem die Baracke abgebrannt war - schuldig gemacht hätten, daß Sie also nicht alles getan hätten, was in Ihrem Auftrag stand. Wir wollen aber hier, wenn Sie aussagen, eine wahre Aussage haben, und wir können auch verlangen, daß Sie Ihr Gewissen und Ihr Wissen, Ihr Gedächtnis anstrengen. Was haben Sie uns dazu zu sagen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Rechtsanwalt, dazu habe ich folgendes zu sagen: Wir hatten gar nicht den Auftrag, so weit zu gehen, daß wir aufklären sollten, mit welchen Methoden die Häftlinge sonst noch umgebracht worden waren. Tatsächlich, ich war

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

[unverständlich] damals gewesen ist.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie sind doch Kriminalbeamter. Wenn Sie bei einem Eigentumsdelikt ein Kapitalverbrechen entdecken, da sagen Sie, das Kapitalverbrechen geht mich nichts an, ich soll ja nur einen Diebstahl aufklären, das gibt es doch gar nicht.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Rechtsanwalt, wir haben Herrn Doktor Morgen informiert, und er war informiert, und meine Ermittlungen beschränkten sich ja zunächst. Sie wollen ja bedenken, daß das nicht gleich mit Beginn meiner Tätigkeit in Auschwitz begann.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie waren ja Monate dort.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nur vier Monate, immerhin nur.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Vier Monate?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Daß ich wohl im März 44 mit den ersten Ermittlungen begann, die darauf abzielten, nachzuweisen, ob Herr Grabner beteiligt war an diesem sogenannten Sondergericht und in welcher Weise. Die Kommission ist bis September 44 in Auschwitz gewesen. Ich habe meine Ermittlungsakte nicht abgeschlossen, sondern ich bin nur von der Kommission weggetreten auf Anordnung meiner Beschäftigungsbehörde, und die gesamten Akten sind in Auschwitz verblieben bei der Sonderkommission.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Beziehungsweise verbrannt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Die Baracke ist doch abgebrannt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ermittlungsakten?

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[unverständlich] nur Effekten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Meines Wissens nur Effekten.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und welche Stellung hatten Sie nun rangmäßig innerhalb der Sonderkommission [unverständlich]

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ich war Vertreter des Leiters, soviel ich weiß.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, und welchen Rang hatten Sie?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Kriminalkommissar.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Also Hauptsturmführer?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Kriminalkommissar und Hauptsturmführer, ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hauptsturmführer.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Der Leiter war Herr Kriminalrat Zach, auch vom Reichskriminalpolizeiamt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Hat das Gericht sonst noch Fragen? Nein. Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben erwähnt, Sie hätten während Ihrer Ermittlungen in der Korruptionsangelegenheit dann gelegentlich Hinweise bekommen, daß sogenannte illegale Tötungen sich ereignet hätten. Von wem haben Sie diese Hinweise bekommen? Können Sie sich noch erinnern?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich erinnere mich, daß ich aus Gesprächen mit Häftlingen diese Hinweise bekommen habe.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also aus dem Kreis der Häftlinge?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nicht aus dem Kreis der SS.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und war das schon einige Zeit, nachdem Sie am Ermitteln waren, oder

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, also nach meinem Beitritt zur Kommission, möchte ich mal sagen. Ich sagte, etwa im März 44 kann es gewesen sein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Und da wurde Ihnen von Häftlingsseite zugetragen

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Daß sich im Arrestbau des Stammlagers diese Dinge ereignet haben.

 

Staatsanwalt Vogel:

Danke. Sind die Ermittlungen - zunächst ja nur wegen der Korruption, aber insbesondere dann die Ermittlungen wegen dieser, sagen wir mal, illegalen Erschießungen - seitens der SS erleichtert worden, oder hatten Sie insoweit besondere Schwierigkeiten bei der Aufklärung?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das hatten wir wohl.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das hatten Sie wohl.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. Es ist doch bekannt, daß Untersturmführer Grabner Kriminalobersekretär der Staatspolizeileitstelle Kattowitz war und daß der damalige Leiter dieser Dienststelle, Standartenführer Doktor Mildner, mir persönlich den Vorwurf machte, daß ich weit über meinen Auftrag hinausgegangen wäre und was ich überhaupt mit diesen Dingen zu tun hätte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Nachdem Sie erfahren hatten - und anfingen, in dieser Richtung auch zu ermitteln -, daß Grabner Häftlinge erschießen ließ oder selbst erschossen hat, ohne zu solchen Erschießungen - auch nach damaliger Auffassung - berechtigt zu sein, können Sie sich noch erinnern, wie die Reaktion der anderen Angehörigen insbesondere der Politischen Abteilung war? Zeigten die sich erleichtert über diese Entdeckung, oder hatten Sie das Gefühl: Die wußten es auch schon vorher und wollten trotzdem nichts sagen? Können Sie irgend etwas in dieser Hinsicht noch berichten heute?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein, kann ich nicht, nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie können sich also auch nicht daran erinnern, daß beispielsweise irgend jemand von der Politischen Abteilung zu Ihnen gekommen sei oder bei einer Vernehmung durch Sie gesagt hätte: Na, Gott sei Dank, endlich, daß diese Schweinerei aufhört und abgestellt wird?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist mir nicht mehr in Erinnerung, nicht mehr in Erinnerung.

 

Staatsanwalt Vogel:

Auch in dieser Hinsicht gilt der Satz, den Sie vorhin gesagt hatten, Sie hatten Schwierigkeiten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

In Zusammenhang mit Grabner und den Erschießungen erwähnten Sie vorhin das Wort »Sondergericht«.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Sondergericht, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich möchte Ihnen vorhalten, daß diese etwas wohlklingende Formulierung früher von Ihnen nicht gebraucht wurde. Sie hatten bei Ihrer Vernehmung durch den Untersuchungsrichter auf Blatt 12.685 der Akten folgendes ausgesagt: »Nach meiner Erinnerung trat jeweils eine Kommission zusammen, deren Vorsitzender Grabner war. Die Kommission ging dann in die Arrestzellen des sogenannten Bunkerblocks und bestimmte, wer zu erschießen war.«3

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, so war es tatsächlich, ja. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war also nicht auch eine nur dem Schein nach durchgeführte Gerichtsverhandlung abgewickelt worden, sondern eine Gruppe von SS-Leuten ging von Zelle zu Zelle und bestimmte in diesem Augenblick aus eigener Machtvollkommenheit heraus, wer erschossen werden sollte.

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Das hatten Sie damals festgestellt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wie wurden die Erschießungen durchgeführt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Mit Kleinkalibergewehr.

 

Staatsanwalt Vogel:

Mit Kleinkalibergewehr, durch Genickschuß.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Genickschuß.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und zwar jeweils an der Schwarzen Wand, also in dem Hof zwischen Block 10 und 11.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie haben den Block 11 auch selbst besichtigt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hatten Sie früher nicht einmal angegeben, daß Sie auch die Stehzellen zu Gesicht bekommen hätten? Können sich nicht mehr erinnern daran?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Waren dazu irgendwelche besonderen Formalitäten erforderlich, damit Sie diesen Arrestblock betreten konnten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, wir hatten eine generelle Erlaubnis, auch einen entsprechenden Ausweis des Lagerkommandanten, diesen Arrestblock, der ja nur durch den Haupteingang im Stammlager zu erreichen war, zu betreten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Also eine Sondergenehmigung von dem Lagerkommandanten.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Staatsanwalt Vogel:

Hatten Sie auch einmal die Arrestverwalter kennengelernt in dem Arrestblock? Können Sie sich da noch erinnern, daß da SS-Dienstgrade

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, ja, es waren auf jeden Fall SS-Dienstgrade als Verwalter eingesetzt. Die also Wachdienst versahen. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Können Sie sich noch an einen Namen erinnern?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein. Nein, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sagt Ihnen der Name Schlage etwas?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nicht unbekannt, aber in dem Zusammenhang weiß ich nicht.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie können keine Vorstellung mehr damit verbinden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, kann ich nicht mehr.

 

Staatsanwalt Vogel:

[Pause] Haben Sie einmal Selektionen beobachtet bei der Ankunft eines Transports?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Wo war das, auf welcher Rampe? War das innerhalb des Lagers Birkenau, oder war das beim Bahnhof Auschwitz?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, das war wohl an der sogenannten Rampe in Birkenau. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Bei ihrem Eintreffen. Im Herbst 1943 schon?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das war noch im Dezember 43.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, nun schildern Sie mal, wie Sie diese Selektion erlebt haben.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich sagte, daß der Leiter der Sonderkommission Herr Kriminalrat Zach war. Und wir beide waren der Auffassung, daß wir die Fehlerquellen, die bei der Verwaltung der Effekten entstanden waren, ja nur dann erkennen könnten, wenn wir uns auch einmal persönlich, also durch Inaugenscheinnahme von der Abwicklung eines Transports, soweit es sich um die Effekten handelt, Kenntnis verschafften. Wir erwirkten dann auch die Genehmigung bei Herrn Liebehenschel, gelegentlich eines später irgendwann einkommenden Transports an der sogenannten Rampe diesen Vorgang zu beobachten, was dann auch geschah. Und nachdem die transportierten Menschen nun die Waggons verlassen hatten, wurden die Effekten - das heißt also Koffer, Kisten und dergleichen mehr - von einem hierfür besonders eingesetzten Kommando aus den Waggons herausgeschafft und dann von dort, von der Rampe, zu dem Lager »Kanada« gebracht. Und das war ja das Ziel, oder der Zweck besser gesagt, unserer Teilnahme an einer Abwicklung eines Transports, soweit es sich eben um die Effekten handelte.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie sich nur für die Effekten interessiert oder können Sie uns auch sagen, was aus den Häftlingen geworden ist?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Wir haben dabei beobachtet, daß die Häftlinge in zwei Gruppen geteilt wurden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Von wem?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Durch einen SS-Arzt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ja, gut, weiter.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Und die eine dieser Gruppen wurde dann auch auf Lkws verladen und abtransportiert. Nun, der Begriff Selektion, wie er heute und hier in diesem Schwurgerichtssaal verstanden wird, war uns damals überhaupt nicht bekannt. Wir haben angenommen

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Es geht hier nicht um den Begriff, sondern um den Vorgang als solchen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Wir haben angenommen, daß es sich hier um die Unterscheidung von arbeitsfähigen und nicht arbeitsfähigen Häftlingen handeln wird. Wie gesagt, ein Teil dieser Häftlinge ist auf Lastwagen abtransportiert worden.

 

Staatsanwalt Vogel:

Haben Sie noch eine Vorstellung in Ihrer Erinnerung, welche Gruppe der Häftlinge die größere war, die der

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, die mit den Lastwagen abtransportierte Gruppe war zweifelsfrei die größere Gruppe. [...]

 

Staatsanwalt Vogel:

Und aus was bestand diese Gruppe?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, meinem Eindruck nach waren es in Sonderheit ältere Menschen, aber auch Frauen mit Kindern.

 

Staatsanwalt Vogel:

Frauen mit Kindern. Und die wurden mit Lkws abtransportiert. [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, sehr schnell.

 

Staatsanwalt Vogel:

Und wissen Sie noch, was aus denen wurde? [unverständlich] Den Kontakt völlig verloren. Wissen Sie noch, wie lange er dann weiter ermittelte?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Wie wir später erfuhren, ja ich sagte denen, es muß Anfang September 1944 gewesen sein

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Meine Erinnerung [unverständlich]

 

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Also noch ein gutes halbes Jahr [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, Beginn meiner Tätigkeit war Ende April. Wie wir später erfuhren, sind die nach Birkenau

Staatsanwalt Vogel [unterbricht]:

Sie nannten vorhin den Namen Doktor Lucas. Wissen Sie, ob Doktor Lucas damals als [unverständlich] Haben Sie noch damals im Lager erfahren, was für ein Schicksal... Ob er als [unverständlich] arbeitete oder als Lagerarzt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich meine, er war Truppenarzt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Sie meinen, er war Truppenarzt. [unverständlich] später auch Ermittlungen [unverständlich] Haben Sie damals etwas feststellen können über den Unterschied zwischen der Tätigkeit eines Truppenarztes und eines Lagerarztes

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, nein, nein, nein, keinen Einblick gehabt, nein.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut, danke, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ich hätte noch eine Frage: Herr Zeuge, Sie haben uns gesagt, die Leute seien mit Genickschuß getötet worden, woher wissen Sie das?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist mir durch Vernehmungen bekanntgeworden, also festgelegt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Und wen haben Sie denn zu diesem Zweck vernommen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

In Sonderheit Häftlinge, die im Arrestbau zu den fraglichen Zeiten tätig waren und soweit sie überhaupt noch erreichbar waren. Ja, mindestens aber habe ich bestimmt ein, zwei Zeugen hierzu ermittelt und auch Ihre Aussage festgelegt.

 

Vorsitzender Richter:

Also, wenn zum Beispiel Sie Häftlinge vernommen haben, dann können Sie ja eigentlich nur die vernommen haben, die im Arrestbau als Kapos tätig waren. Zum Beispiel den Jakob, ist das ein Begriff für Sie? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das ist ein Begriff, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn der Ihnen nun gesagt hatte, es sind Erschießungen vorgenommen worden, da haben Sie bei dieser Vernehmung nicht gefragt, durch wen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Herr Direktor, möglicherweise. Ich werde es sicherlich gefragt haben, aber es ist mir einfach entfallen. Die Frage drängt sich ja auf. Also ich weiß es nicht mehr heute zu sagen. Die Frage werde ich gestellt haben, aber ob der Jakob mir darauf überhaupt konkret geantwortet hat, das kann ich heute nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge ich kann mir vorstellen, daß es damals nicht leicht war, im Lager Auschwitz zu ermitteln. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, daß Sie damals Ihren Auftrag so eng wie möglich begrenzt haben. Aber sagen Sie uns doch heute nur ganz offen und ehrlich, was Sie festgestellt haben und was Sie wissen, heute ist ja keine Veranlassung mehr zu dieser Angst, die damals allgemein geherrscht hat. Wenn Sie es wissen, sagen Sie es uns doch noch.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich sage nach bestem Wissen und Gewissen aus, ich kann mich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Denn ich kann mir doch gar nicht vorstellen, Herr Zeuge, daß mir jemand sagt: Hier bei uns finden dauernd und laufend Erschießungen statt, und man kommt nicht sofort mit der nächsten Frage herausgeschossen: Ja durch wen, wer schießt denn? Wer denn?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Die Frage wird gestellt worden sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wenn der Grabner nachher verfolgt worden ist und angeklagt worden ist, hat doch bestimmt jemand auch gesagt was von dem Grabner.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das wird so sein, Herr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das wird wohl sein. Und von den anderen hat niemand was gesagt? Der hat es ja nicht allein getan, der Grabner. Der konnte das ja gar nicht allein tun, dazu waren es ja viel zu viele Leute. Nun aber weiter. Sie haben dann von der Kommission gesprochen. Der Herr Richter hat noch mit Ihnen gesprochen, wie das war mit der Kommission, daß das kein Gericht war. Wer hat denn dieser Kommission angehört außer dem Herrn Grabner?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Na, auf jeden Fall Angehörige der Lagerverwaltung, der Waffen-SS. Das ist ganz klar. Wer persönlich das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Na, Herr Zeuge, das hätte ich mir schließlich auch vorstellen können. Da brauchte ich Sie wirklich nicht zu fragen. So, ich habe keine Frage mehr. Herr Rechtsanwalt Ormond.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, ehe Sie nach Auschwitz geschickt worden sind, waren Sie im Reichskriminalpolizeiamt. Welche Dienststelle haben Sie damals geleitet?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich gehörte dem Dezernat zur Bekämpfung der Korruption und der Wirtschaftskriminalität an.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer hat Sie im Reichskriminalpolizeiamt in Ihre Aufgabe in Auschwitz eingewiesen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Da war nichts einzuweisen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wer hat Ihnen gesagt

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Wenn ich ergänzen darf, ja?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Bitte.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Die Einweisung der Kommission erfolgte ja durch Herrn Doktor Morgen, der vom ersten Tage der Tätigkeit der Kommission auch in Auschwitz war und dann später gelegentlich zu uns kam, so daß also ich persönlich weder in Berlin noch in Auschwitz durch irgend jemand eingewiesen zu werden brauchte. Ich habe mich natürlich mit meinen Kollegen, mit meinen Mitarbeitern unterhalten, was liegt hier an, wie weit ist die Sache gediehen, um aktiv mitarbeiten zu können. Einweisung im rein technischem Sinne des Wortes war ja gar nicht notwendig.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut, wenn es keine förmliche Einweisung war; man muß Ihnen doch irgend etwas gesagt haben, wie Sie auf einmal aus dem Reichskriminalpolizeiamt ganz plötzlich nach Auschwitz versetzt worden sind. Da ist Ihnen doch sicher eine Begründung gegeben worden, warum gerade Sie nun nach Auschwitz geschickt werden und was da Ihre Spezialaufgabe sein sollte.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nicht ich wurde ausgerechnet oder ausdrücklich nach Auschwitz geschickt, sondern einer von uns. Denn die Kommission mußte ergänzt werden.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gewiß. Hat man Ihnen denn dann gar nicht eine ganz bestimmt Direktive gegeben?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich wüßte nicht, welche.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also ich will Sie so fragen: Hat man Ihnen gesagt: Halten Sie sich streng daran, nur Korruptionssachen hier aufzuklären. Im übrigen sind Sie vorsichtig, heißes Eisen, lassen Sie die Finger davon, oder so etwas ähnliches?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Der Auftrag, wie ich eingangs meiner Vernehmung hier sagte, lautete generell Aufklärung eines Korruptionskomplexes und auch sonst gar nichts.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nur die Aufklärung eines Korruptionskomplexes.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, allein. Ganz allein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Bei wem haben Sie sich nun, wie Sie angekommen sind in Auschwitz, gemeldet? Beim Kommandanten, beim Adjutanten, bei Herrn Doktor Morgen, bei Herrn Kriminalrat Zach. Bei wem?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Auch, bei allen. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wie Sie auf der Kommandantur sich gemeldet haben, wer hat Sie dort empfangen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich hatte um eine Vorstellung, würde ich einmal sagen, bei Herrn Liebehenschel gebeten. Er sollte ja wohl einen Anspruch darauf haben, zu wissen, wer zur Kommission gehört und was die Kommission nun hier weiter tun wird, ja. Also, ich bin, mit Herrn Zach, zu Herrn Liebehenschel gegangen und habe mich dort also höflicherweise vorgestellt. Das war alles. Das war ein reiner Höflichkeitsakt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Herr Zeuge, Sie sind doch offensichtlich als Verstärkung angefordert worden, weil die Kommission dort nicht fertiggeworden ist mit der Aufgabe.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das war wohl so, ja. Denn bereits die ersten persönlich von Herrn Doktor Morgen geleiteten Aktionen zu der Aufklärung des Korruptionskomplexes hatten einen Wust von, na ja, Anhaltspunkten ergeben, die nun einmal in eine Reihe hineingeordnet werden mußten. Es lag eine Unzahl von Effekten herum, und es waren die Anfänge geschaffen eines Ermittlungsverfahrens, wie wir sagen. Nun mußte ja erst mal ermittelt werden, in welcher Richtung und in welchem Umfange. Deshalb hat wohl Berlin es für notwendig erachtet, die Kommission zu verstärken.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Wie Sie nun in Auschwitz festgestellt haben, daß außer den Korruptionsdelikten Tötungsdelikte in großem Umfang vorgekommen waren, haben Sie das Doktor Morgen gemeldet oder wem sonst?

 

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, Herrn Doktor Morgen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hat er Sie nun damit beauftragt, diesen Dingen weiter nachzugehen, oder ist ein anderes Mitglied der Kommission damit beauftragt worden?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Er hat gesagt, die Kommission hat diese Anhaltspunkte, Hinweise weiter zu bearbeiten und mir fortlaufend hierüber auch zu berichten, gegebenenfalls fernschriftlich. Er war ja fernschriftlich auch erreichbar.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Also auch, soweit Tötungsdelikte vorgekommen waren?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das war doch Ihre Frage?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das war ihre Frage.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie im Fall Höß zunächst einmal ermittelt wegen Verdachts der Korruption?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Höß gar nicht, Herr Rechtsanwalt.

 

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich weiß es nicht. Wissen Sie, wie der Spitzname dieses weiblichen Häftlings war, der Beziehungen zu Höß gehabt haben soll?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nicht bekannt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ist Ihnen der Ausdruck Diamanten-Nora ein Begriff?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nicht bekannt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Nicht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nicht bekannt, nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gut, dann werde ich Sie in dem Punkt nicht weiter fragen. Herr Zeuge, Sie haben doch, soweit mir bekannt ist, Ihre Frau in Auschwitz kennengelernt.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Muß ich das hier auch sagen, Herr Landgerichtsdirektor? Muß ich das hier auch

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Ich wollte lediglich Sie fragen - das andere interessiert nicht -, ob Sie nicht von der Seite aus ganz bestimmte Hinweise bekommen haben, was hier gespielt wird?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was hier vor sich geht.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nicht die geringsten. [...]

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Was haben Ihre Ermittlungen ergeben, wer für den Brand im Vernehmungsgebäude verantwortlich war?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

In den Asservaten, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ja, wo das Asservatenverzeichnis vernichtet wurde. Das war doch das Verzeichnis der beschlagnahmten Schmucksachen und sonstigen Dinge bei der SS.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ein Verzeichnis und die Asservate, das ist verbrannt. Wir hatten für diesen Zweck noch einen Brandspezialisten vom Reichskriminalpolizeiamt angefordert, und auch dessen Ermittlungen sind völlig negativ verlaufen, völlig.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie selbst haben keine Ermittlungen durchgeführt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja und nein. Wer wird nicht Ermittlungen anstellen, wenn solche Dinge sich ereignen. Also hier Vernichtung der Asservate, die ja nun Beweisstücke in den noch näher durchzuführenden Ermittlungen waren?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Hatten Sie irgendeinen Zweifel, daß das aus dem Kreise der Beschuldigten kam?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Keinen Zweifel.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Danke, keine Fragen.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Herr Zeuge

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Moment, Herr Rechtsanwalt, der Herr Rechtsanwalt Raabe hätte gerne noch eine Frage.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, Sie sagten vorhin, daß Sie wegen einer Anzahl von Morden gegen Grabner ermittelten. Können Sie näherungsweise sagen, wegen wie vieler Morde Grabner in Weimar angeklagt wurde, näherungsweise?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein, es waren nicht unzählige, ich weiß es nicht in Zahlen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wenn ich Ihnen vorhalte, daß Herr Doktor Morgen hier vor einigen Tagen gesagt hat, daß es 200 Fälle waren, könnte das richtig sein?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, das kann ich nicht bestätigen, nein, das kann ich nicht bestätigen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Glauben Sie, weniger oder mehr?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Weniger, weniger

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Weniger als 200.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Weniger, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie mir sagen, ob neben Grabner in Weimar auch noch andere SS-Männer auf der Anklagebank saßen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, das wurde nur - meiner Erinnerung nach - gegen Grabner geführt, allein gegen Grabner. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Also Grabner war der einzige Angeklagte?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Und gegen wie viele Männer haben Sie, bevor es zur Anklage kam, etwa vorher noch Ermittlungen geführt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich sagte, daß wir insgesamt in über 120

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Nein, wegen Tötungshandlungen, rechtswidriger, in

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Gegen Grabner, gegen Grabner.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

In Auschwitz. Haben Sie vielleicht noch Ermittlungen geführt, die dann aber nicht zur Anklage geführt haben?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich habe in dem Verfahren Grabner auch andere SS-Angehörige vernommen, aber wen, das ist mir nicht mehr gegenwärtig.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sind Sie in Weimar bei diesem Prozeß als Zeuge aufgetreten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Können Sie mir sagen, wie viele - und unter Umständen auch Namen -, welche Zeugen dort noch aufgetreten sind bei dem Verfahren in Weimar?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich habe Herrn Hofmann als Zeugen dort gesehen und Herrn Schwarz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Hofmann und Schwarz. Und wie viele waren es etwa sonst noch, vielleicht nur zahlenmäßig, wenn Sie keine Namen nennen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Waren es außer diesen beiden noch mehrere?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Es waren wohl noch mehrere, ja, also [unverständlich] weiß es nicht mehr.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. [...] Herr Doktor Morgen hat also die Anklage vertreten?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, ja. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eine Frage: Haben Sie mit Herrn Doktor Morgen nach dem Krieg noch persönlichen Kontakt gehabt?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein, nicht den geringsten. Ich weiß gar nicht, wo er wohnt, was er tut, nichts.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann hätte ich eine weitere Frage: Sie sagten vorhin schon, daß Sie Schwierigkeiten hatten, die Ihnen das SS-Personal in Auschwitz bei Ihren Ermittlungen machte. Sie haben bei Ihrer Vernehmung am 13. Juni 62 in diesem Zusammenhang besonders den Richard Baer genannt, den Kommandanten Baer. Sie sagten da, er habe Ihnen zumindest keine Unterstützung angedeihen lassen.4 Können Sie das bitte etwas ausführlicher schildern. Wie hat sich das dargestellt, Schwierigkeiten und

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Also Schwierigkeiten tatsächlicher Art, hier also Sachverhalte anzuführen, das ist mir nicht möglich. Aber ich hatte den Eindruck, daß schon bei meinem Bekanntwerden, meiner Vorstellung, will ich mal sagen, mit Herrn Baer - weil er ja auch wissen sollte, daß ich wieder im Lager, hier im Auftrage tätig bin - ich eine starke Passivität feststellte. Also ihm war es noch mehr ungelegen als sonst jemandem, daß wir wieder in Auschwitz tätig werden sollten. Also nicht, daß er mir nun tatsächlich irgendwie Schwierigkeiten bereitet hat. Er war völlig passiv, also, na, ja: Ich nehme gerade zur Kenntnis, daß Sie da sind. Während das bei Herrn Liebehenschel anders war, ganz anders war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Hatten Sie zum Beispiel bei Baer das Gefühl, daß er oder seine Leute vielleicht SS-Männer, gegen die Sie ermitteln wollten, gewarnt haben vorher oder daß man Unterlagen beiseite gebracht hat?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nicht bekannt. [...]

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Wie hat sich in diesem Zusammenhang der Adjutant Höcker betätigt? Hat er Ihnen auch besondere Schwierigkeiten

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Höcker nicht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Durchaus nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Es hat also nur der Kommandant Ihnen Schwierigkeiten bereitet, aber

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Wenn Sie das als Schwierigkeit bezeichnen, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich meine seine völlig passive Einstellung zu uns, nicht.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Ich möchte noch erwähnen, daß uns also Herr Liebehenschel sofort für unsere Tätigkeit innerhalb des Lagers auch einen Dienstwagen zur Verfügung stellte, was für Herrn Baer völlig indiskutabel zu sein schien, ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha, aber der Adjutant dagegen, der hat Sie unterstützt? [...]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja, unterstützt. Also, ich kann überhaupt nichts Negatives sagen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke schön, dann habe ich keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Doktor

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Herr Zeuge, Sie haben auf die Frage des Herrn Ergänzungsrichters [unverständlich]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja. Ich war Hauptsturmführer.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie gehörten der SS an, als Sie in Auschwitz [unverständlich]

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ich war Hauptsturmführer.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gehörten der SS an?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, wenn man so sagt. Ich bin Angleichungsdienstgrad gewesen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön. [...] Sie haben auf eine Frage des Herrn Vorsitzenden gesagt, als er fragte, ob festzustellen war, wer geschossen hatte: »Das war nicht zu ermitteln.« Ich möchte das geklärt haben. Sie waren nicht in der Lage, es zu ermitteln, oder das war für Sie nicht zu ermitteln? Das hatten Sie nicht zu ermitteln?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, das hatte ich wohl zu ermitteln.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie hatten es wohl zu ermitteln.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie waren nicht in der Lage, es zu ermitteln.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Richtig. Also, ich war nicht in der Lage, das zu ermitteln.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Sagen Sie, Herr Zeuge, in diesem Zusammenhang hatten Sie wohl auf eine Frage des Herrn Vorsitzenden wie auch auf eine Frage des Herrn Ergänzungsrichter mehrfach gesagt, daß Sie in dem Führerheim Ihre Mahlzeiten einnahmen, auch bei den festlichen Veranstaltungen.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Bei einer einzigen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie waren also Ermittlungsorgan dort, nicht? Sie waren als Ermittlungsorgan doch tätig?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Kriminalbeamter.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie nahmen also die Mahlzeiten genau dort ein und [+ waren] auch in gesellschaftlichem Umgang, wo die Personen saßen und sich auch bewegten, auf die sich Ihre Ermittlungen erstreckten, ja?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Warum nicht?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Erstens war es ja das sogenannte Führerheim, in dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen, und zweitens war es in einem Raum, der uns besonders zur Verfügung gestellt war, so daß wir in diesem Raum für uns allein saßen bei der Einnahme der Mahlzeiten.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Im Führerheim verkehrten doch also die Angehörigen der SS-Offiziere.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, sonst ja, sicher, ja. Sehr, ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Und also bei der Festlichkeit waren doch auch die Angehörigen der SS zusammen, oder haben Sie die Festlichkeit auch in einem separaten Raum

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, das waren Sie nicht.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Zu dieser Festlichkeit waren wir gebeten worden.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Aha. Sie haben auf eine weitere Frage erklärt und berichtet, daß Sie an einer dieser Selektionen teilgenommen haben, um sich zu überzeugen, wie das dann mit den Effekten war. Sie sagten - auf eine Frage des Herrn Vorsitzenden war es, glaube ich -, daß der Arzt auswählte, ja?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

War der Arzt der alleinige, der auswählte?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie waren doch dagewesen?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich stand ja nicht neben dem Arzt.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nun, also Sie haben doch den ganzen Vorgang

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ich habe ja den Zweck meines Dortseins - und ich war ja nicht allein da, Kriminalrat Zach und ich waren dort - da umrissen, daß ich sagte, wir wollten uns durch Inaugenscheinnahme davon überzeugen, wie die Abwicklung der Effekten erfolgte. Sie wollen dabei bedenken, daß die Rampe, wo der Transportzug hielt, zu dem Ort, wo der SS-Arzt [...] stand, das waren 50, 60 Meter entfernt etwa. Ich habe nur im groben gesehen, daß da eine Aufteilung in Gruppen stattfand.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Zeuge, - sprechen Sie immer dorthin und sehen Sie auch dorthin - Sie haben auf die Frage des Herrn Vorsitzenden ganz klar gesagt: Ich sah, wie der Arzt einteilte, einen Größeren und dann nachher einen Kleineren.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, ich sah!

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Na schön, Sahen Sie auch andere einteilen?

 

Zeuge Helmut Bartsch [unterbricht]:

Ja, konnte man ja sehen. Nein das habe ich nicht gesehen, nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wissen Sie, wer der Arzt gewesen war?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Nein, weiß ich auch nicht, nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Das wissen Sie auch nicht. Ich danke schön, ich habe keine

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Keine Frage mehr. Herr Doktor Aschenauer.

 

Verteidiger Aschenauer:

Herr Zeuge, kennen Sie den Begriff »Sonderbehandlung«?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja also aus meiner dienstlichen Tätigkeit nicht, höchstens aus Gesprächen.

 

Verteidiger Aschenauer:

Von diesem Begriff in Auschwitz haben Sie nichts gehört?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Habe ich gesprächsweise gehört, ja.

 

Verteidiger Aschenauer:

Was bedeutete er?

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ja, also...

 

Verteidiger Aschenauer:

[Pause] Was bedeutete er, und wer hat die »Sonderbehandlung« angeordnet? Ich will nur den Weg haben.

 

Zeuge Helmut Bartsch:

Ach, der Weg. Also, wer das angeordnet hat, vermag ich nicht zu sagen. [...]

 

Verteidiger Aschenauer:

Also, das wissen Sie nicht, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Laternser? Steinacker, Jugl? Nein, keine Frage mehr. Der Herr Doktor Eggert, nein, Ivens, Göllner?

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage. Knögel, nein. Heymann?

 

Verteidiger Heymann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ist es mit den Angeklagten, haben Sie noch Fragen zu stellen? Nein. Oder Erklärungen abzugeben? Auch nicht. Welche Anträge werden zur Vereidigung gestellt, Herr Staatsanwalt?

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich beantrage die Vereidigung des Zeugen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich bitte, den Zeugen nicht zu beeidigen, und zwar nach 60, Ziffer 3. Es steht für mich außer Zweifel, daß er an den Handlungen, die hier zur Abstrafung stehen, in der Form der Begünstigung teilgenommen hat, wenn wir hören, in welchen Formen er hier uns dargelegt hat, wie er diese Dinge ermittelt hat. Ich bitte dementsprechend, die Beeidigung zu unterlassen.

 

Vorsitzender Richter:

Werden sonst Anträge zur Beeidigung gestellt? Das Gericht wird beraten.

 

Verteidiger Laternser:

Ich beantrage die Vereidigung. Von den Gründen, die der Herr Kaul eben angeführt hat, kann nicht die Rede sein. Ich beantrage aus diesem Grund die Vereidigung.

 

 

Vorsitzender Richter:

Das Gericht wird beraten.5

 

- Schnitt -

 

 

 

1. Die Volksdeutsche Mittelstelle (VOMI) organisierte u. a. »den Transport sog. Rücksiedler ins Reich, ihre Unterbringung in Lagern und sortierte sie nach ihrer rassischen und politischen Eignung für die Besiedlung der eroberten Territoren im Osten«. Vgl. Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 785.

2. Vgl. richterliche Vernehmung vom 13.06.1962 in Moers/Rhein, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.688.

3. Vgl. richterliche Vernehmung vom 13.06.1962 in Moers/Rhein, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.685.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 13.06.1962 in Moers/Rhein, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 68, Bl. 12.689.

5. Der Zeuge Bartsch wurde beeidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 13.03.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 96, Bl. 210.

 

 

 
 
 
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