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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

73. Verhandlungstag, 3.8.1964

 

Vernehmung der Zeugin Charlotte Bartsch

 

 

Vorsitzender Richter:

Tonband aufnehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, ich habe eben gefragt: Wenn solche Transporte kamen, wurden die Ihnen angemeldet vorher durch Fernschreiben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wissen Sie ungefähr, wie viele Transporte während Ihrer Tätigkeit ungefähr auf diese Weise angemeldet worden sind?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, das wissen Sie nicht mehr. Wo kamen die Fernschreiben her, die solche Transporte anmeldeten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Also meiner Erinnerung nach aus Berlin.

 

Vorsitzender Richter:

Aus Berlin. Aber von welcher Dienststelle, wissen Sie nicht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Reichssicherheitshauptamt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht mehr. Hatten Sie direkten Schreibverkehr mit Berlin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie eine Vermittlung dort, eine Fernschreibvermittlung? Konnten Sie außer Berlin noch andere Stellen anschreiben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja. Wir konnten verschiedene Stätten anschreiben, wir hatten Verbindung mit den anderen Konzentrationslagern.

 

Vorsitzender Richter:

Direkte Verbindung?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, direkte Fernschreibverbindung.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Direkte Schreibverbindung?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie haben Sie das

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Oder es kann auch sein, daß Zwischenvermittlungen eingeschaltet wurden, aber wir konnten dann direkt mit dem Lager schreiben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun mußten Sie doch irgendwie - also ich will mal annehmen, Sie sollten nun ein Fernschreiben nach einem anderen Konzentrationslager absetzen. Wie haben Sie das gemacht? Haben Sie da erst eine Vermittlung angeschrieben oder hatten Sie

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Da haben wir wohl erst eine Vermittlung angeschrieben, aber das...

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Weiß ich nicht mehr so hundertprozentig.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wenn so eine Transportmeldung ankam, was ist denn dann erfolgt? Wo haben Sie diese Meldung hingegeben, und was ist dann erfolgt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, wir haben diese Fernschreiben wie jedes andere Fernschreiben weitergegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie noch, ob Sie das der Politischen Abteilung hingeschickt haben oder ob Sie dieses Fernschreiben der Kommandantur oder dem Adjutanten oder sonst jemand gegeben haben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das weiß ich nicht mehr so genau. Meiner Erinnerung nach sind die Fernschreiben alle oben in die Kommandantur gegangen. [...] Aber das weiß ich nicht mehr ganz genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also nach Lage der Dinge wäre das ja wohl auch das einzig Richtige gewesen. Aber wie gesagt, es sind ja da verschiedene Besonderheiten gewesen. Sie glauben jedenfalls, daß sie zur Kommandantur gegangen sind, wissen das aber mit hundertprozentiger Sicherheit nicht mehr zu sagen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wenn die dann raufgegangen sind, wissen Sie, was dann weiter erfolgt ist?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, dann hatten wir nichts mehr damit zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie nichts mehr damit zu tun. Wissen Sie, ob dann irgendwelche SS-Leute oder -Offiziere oder so zur Rampe gegangen sind?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Wissen Sie, ob ein Arzt benachrichtigt worden ist?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, haben Sie darüber keine Kenntnis erlangt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, ich möchte annehmen, daß man uns über unsere Fernschreibtätigkeit hinaus über nichts informiert hat.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, Sie haben einmal gesagt bei Ihrer Vernehmung am 10. Mai 62: »Über das Geschehen auf der Rampe habe ich folgende Kenntnis erlangt:« 12.348. »Wenn ein Transport ankam, wurde ein Arzt benachrichtigt. Dieser mußte dann auf der Rampe die Selektion vornehmen. Meines Erachtens hat der Arzt nicht allein selektiert, sondern auch beispielsweise der Arbeitseinsatzführer war dabei.«1 Wieso wissen Sie das, oder wissen Sie das heute auch noch?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das weiß ich nicht. Und da kann ich mir auch gar nicht vorstellen, daß ich das ausgesagt habe.

 

Vorsitzender Richter:

Entschuldigen Sie mal, ich habe hier Ihre Aussage, und diese Aussage ist von Ihnen auch unterschrieben. Charlotte Bartsch, geborene Schünzel. Wenn Sie wollen, können Sie sich Ihre Unterschrift selbst ansehen. [Pause] Sie haben gesagt auf die Frage des Untersuchungsrichters: »Haben Sie eine Abfertigung des Transportes auf der Rampe beobachtet?« »Ich war nicht Zeuge einer Transportankunft, wie es aber auf der Rampe zuging, habe ich von SS-Männern gehört.«2

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das war gesprächsweise im Lager bekannt.

 

Vorsitzender Richter:

»Über das Geschehen auf der Rampe habe ich folgende Kenntnis erlangt: Wenn ein Transport ankam, wurde ein Arzt benachrichtigt.«3 [Pause] Wie? Das wissen Sie heute nicht mehr?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Tja, Frau Zeugin, ich muß Sie drauf aufmerksam machen, daß Sie uns hier alles sagen müssen und nichts verschweigen dürfen.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das will ich auch.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. »Dieser mußte auf der Rampe die Selektion vornehmen.«4 Sie haben doch vorher gesagt, daß Sie von SS-Männern gehört hätten, wie es auf der Rampe zuging? Das ist auch gar nicht

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Ich weiß gar nicht, was Selektion ist.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen nicht, was eine Selektion ist? Nun, das ist die Auswahl derjenigen, die ins Lager kommen sollten beziehungsweise derjenigen, die in die Gaskammern gehen sollten. Das ist eine Selektion, eine Auswahl. Ja? Haben Sie davon nichts gehört?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daß solche Auswahl getroffen wurde, ja. Aber ob die nun von einem Arzt getroffen wurde?

 

Vorsitzender Richter:

Und daß der Arbeitsdienstführer dabei war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das weiß ich auch nicht genau.

 

Vorsitzender Richter:

»Bei den Frauen dürften auch die SS-Aufseherinnen mitgewirkt haben. Es wurde mir erzählt, daß die Frauen ihre Hände vorzeigen mußten, um erkennen zu können, ob sie als Arbeitskräfte geeignet waren.«5

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das wurde erzählt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Wurde nicht erzählt, daß auch SS-Aufseherinnen mitgewirkt haben sollen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Gesprächsweise ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Und daß ein Arzt dabeigewesen sein soll?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß der Arbeitsdienstführer dabeigewesen sein soll? [Pause] Ja? Haben Sie öfter mal Häftlinge vorbeimarschieren sehen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja. Wie soll ich das sagen? Häftlinge haben wir gesehen, aber keine von den Transporten.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, Häftlinge aus dem Lager, die an Ihrer Dienststelle vorbeimarschierten, zur Arbeit oder zur

Zeugin Charlotte Bartsch:

Zur Arbeit, ja, das habe ich gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da auch Kinder dabei?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ich kann mich eigentlich nur an ein Kind erinnern. Da ging eine einzelne Häftlingsfrau an unserem Lager vorbei. Man erzählte, es wäre eine Wissenschaftlerin oder was gewesen. Und da ging auch ein Kind hinterher.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo gingen die hin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn dann auch Vollzugsmeldungen nach Berlin durchgegeben, wenn ein Transport abgewickelt war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Vollzugsmeldungen haben wir auch durchgegeben.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sahen denn diese Vollzugsmeldungen aus?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, da stand drin: Soundso viel »Frauen, Männer und Kinder ›SB‹.«

 

Vorsitzender Richter:

»SB«?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und stand die Gesamtzahl auch drin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wie lautete das Schreiben ungefähr? Es braucht nicht jedes Wort mehr vorzukommen, aber daß wir den Inhalt und den Text ungefähr haben.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das war sehr kurz gehalten. Ich kann mich eigentlich an kaum mehr erinnern, als daß drinstand: Soundso viel »Männer, Frauen und Kinder«...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, hieß das da oben

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

»Arbeitsfähig«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Transport vom Soundsovielten, angekommen soundso viel, soundso viel Frauen, soundso viel Männer, soundso viel Kinder »SB«? Stand das so in etwa drin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich kann mich nur noch an den eigentlichen Text erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich? An welchen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Was ich eben schon sagte, mit den soundso viel »Frauen, Männer und Kinder ›SB‹ « und

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und was hieß das: »SB«?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das hieß »Sonderbehandlung«.

 

Vorsitzender Richter:

Und was heißt »Sonderbehandlung«?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Vergasung.

 

Vorsitzender Richter:

Vergasung. Sie sind dort gewesen, wie ich festgestellt habe vorhin, vom November 43 bis zum Januar 45.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie oder ist Ihnen aufgefallen, daß sehr viele Transporte in dieser Zeit angekommen sind? Am Tag mehrere?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Mehrere an einem Tage, das glaube ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Glauben Sie nicht. Wissen Sie, daß auch nachts Transporte angekommen sind?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das ist möglich, aber daran kann ich mich auch nicht mehr erinnern.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns sagen, in welchem Verhältnis die Vergasten zu den ins Lager gekommenen Leuten standen? [Pause] Nein? [Pause] Nun, wenn Transporte mit vielen alten Leuten eintrafen, waren da mehr Leute, die ins Gas geschickt wurden, oder mehr Leute, die ins Lager geschickt wurden?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das weiß ich auch nicht, aber ich nehme an, daß man besonders auf die Arbeitsfähigen Wert gelegt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, war denn eine Nachrichtenabteilung auch in Birkenau? [Pause] Beziehungsweise eine Fernschreibstelle?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das glaube ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? Und wurde denn Birkenau fernmeldemäßig auch von Ihrer Nachrichtenstelle versorgt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich möchte sagen, ja. Ich weiß nicht hundertprozentig.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie müssen doch wissen, Frau Zeugin, ob außer Ihnen noch mehr Fernschreiberinnen dort gewesen sind. Und Sie hatten doch bestimmt untereinander in einem Konnex gestanden, und da wissen Sie doch genau, ob auch Kameradinnen von Ihnen in Birkenau tätig gewesen sind.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie doch.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das halte ich für ausgeschlossen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, war denn Birkenau eine Nebenabteilung von Auschwitz I, oder war das ein ganz selbständiges Lager?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich möchte annehmen, daß Birkenau zu Auschwitz gehörte. Aber das [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie einmal Fernschreiben unmittelbar nach Birkenau befördert?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Soweit ich mich erinnern kann, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob bei diesen Transportankünften auf der Rampe auch der Kommandant dort war? Und sein Adjutant dort war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht, oder ist es nicht der Fall gewesen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Sie haben aber bei Ihrer Vernehmung gesagt: »Ich möchte jedoch mit Sicherheit annehmen, daß sie dort gewesen sind. Ich möchte auch mit Sicherheit annehmen, daß die Adjutanten bei den Transportankünften zugegen waren.« Wie kamen Sie damals zu dieser Sicherheit, mit der Sie das angenommen haben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, weil ja ein Kommandant [Pause] eigentlich der erste Mann im Lager ist.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Und der Adjutant?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] War ja sein Vertreter.

 

Vorsitzender Richter:

Eben. Und wie Sie hinkamen, war Liebehenschel Kommandant?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Zoller war sein Adjutant?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und blieb dieser Adjutant bis zum Schluß, oder kam dann ein anderer Adjutant hin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, in meiner Erinnerung wurde die ganze Lagerleitung...

 

Vorsitzender Richter:

Geändert.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Kam neu.

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich, wie?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Baer.

 

Vorsitzender Richter:

Baer kam als Adjutant hin. Beziehungsweise als Kommandant hin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Nein, als Kommandant.

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Liebehenschel wurde abgelöst?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, wie sich das vollzog, weiß ich

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Er kam jedenfalls weg.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatte Baer auch einen anderen Adjutanten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war das?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Höcker. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Und war Höcker aktiv, oder war er ein Mann, der sich um nichts gekümmert hat? War es ein energischer Mann?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, ich möchte sagen, daß er rein vom Typ her ein energischer Mann ist.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn öfter gesehen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie ihn auch außerhalb des Dienstes getroffen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das ist bestimmt einige Male der Fall gewesen. Wir sind einmal vom Lagerkommandanten zu einem Essen eingeladen gewesen, und da ist bestimmt auch Herr Höcker dabeigewesen. Ich weiß es aber nicht mehr genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ihr Gedächtnis scheint in den letzten zwei Jahren doch sehr stark nachgelassen zu haben. Denn Sie haben damals gesagt: »Außerdem kam es vor, daß man mit den Vorgenannten im Führerheim ins Gespräch kam. Allerdings bin ich mit Baer weniger ins Gespräch gekommen als mit Höcker. Ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß eine erhebliche Vermutung auch für die Anwesenheit Baers und Höckers auf der Rampe in Birkenau bei Transportankünften besteht.«6 [Pause] Wodurch hatten Sie diese Vermutung? [Pause] Oder haben Sie die Vermutung heute nicht mehr? [Pause] Ja, also Frau Zeugin, haben Sie die Vermutung heute noch, oder haben Sie die Vermutung heute nicht mehr?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nur aus dem vorerwähnten Grund des...

 

Vorsitzender Richter:

Nämlich, daß?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ein Lagerkommandant und ein Adjutant ja auch über die Vorkommnisse in einem Lager Bescheid wissen müssen. Aber nicht aus einem Wissen heraus.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, was wissen Sie denn noch von dem Fernschreibverkehr mit der Politischen Abteilung? [Pause] Was wurde denn der Politischen Abteilung in erster Linie mitgeteilt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, ich nehme an, sämtliche Häftlingsangelegenheiten, [Pause] Fluchtmeldungen.

 

Vorsitzender Richter:

Fluchtmeldungen, jawohl. Und wurden auch durch Fernschreiben Totenmeldungen durchgegeben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo gingen denn die hin?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Die gingen in die einzelnen Bezirke zur Benachrichtigung der Angehörigen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Ihnen denn diese Totenmeldungen abgegeben? Von welcher Stelle kamen die denn?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Woher sie kamen, das weiß ich nicht mehr. Die lagen bei uns in einem Regal eingeordnet, und da mußten wir die Totenmeldungen durchgeben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, nun sind die ja nicht ins Regal von selbst gekommen, sondern es muß sie ja jemand hingebracht haben. Wer hat sie denn dort in das Regal gebracht? [Pause] Wer hat sie denn unterzeichnet?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Wer sie unterzeichnet hat, das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, beim Durchgeben einer Fernschreibmeldung müssen Sie doch auch schreiben, wer die aufgebende Stelle war.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, das ist eine reine Vermutung, daß das die Politische Abteilung gewesen ist.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie viele Totenmeldungen durchgegeben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Zeitweise waren es weniger, zeitweise waren es aber auch [Pause] für meine Begriffe viel.

 

Vorsitzender Richter:

Und was verstehen Sie unter wenig und viel? Wollen Sie uns da irgendwelche Anhaltspunkte geben? Zehn bis 15 oder mehr?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, würde ich als viel bezeichnen.

 

Vorsitzender Richter:

Das würden Sie als viel bezeichnen. Für einen Tag? Oder für mehrere Tage oder in welchem Zeitraum?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, für einen Tag, es war ja nicht jeden Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht jeden Tag? Waren es nicht an manchen Tagen viel mehr?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Viel mehr?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Über 100?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein. Da dran kann ich mich nicht erinnern, daß es jemals soviel waren.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie nur Totenmeldungen nach Deutschland durchgegeben oder auch ins Ausland, nach Polen etwa?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, nach Krakau.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Krakau? Kannten Sie in dem Lager den Doktor Capesius?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn der Doktor Capesius?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Lagerapotheker.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mit ihm nähere Beziehungen gehabt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob Doktor Capesius sich auch auf der Rampe irgendwie betätigt hat bei ankommenden Transporten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Doktor Lucas gekannt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Dem Namen und dem Ansehen nach.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatten Sie eine Freundin, die mit ihm befreundet war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Die Gisela Drews, ja?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Befreundet weiß ich nicht, jedenfalls bekannt. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Sie war bekannt mit ihm, richtig. Mehr wollte ich auch nicht sagen. Und wissen Sie, wie der Doktor Lucas sich damals geäußert hat bezüglich seiner Tätigkeit in Auschwitz?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das kann ich nur noch sinngemäß sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Meine Kollegin sagte mir damals, also Herr Doktor Lucas würde sich - ich muß jetzt ganz andere Worte wählen - noch mal um Kopf und Kragen bringen. Also er schimpft auf Adolf Hitler, und seine Kinder - ich weiß nicht mal, er muß ja welche haben, diesen Worten nach - kämen niemals in die Hitlerjugend. Und früher wären sie mit dem Auto gefahren und...

 

Vorsitzender Richter:

Wer wäre früher mit dem Auto gefahren?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Also, er und...

 

Vorsitzender Richter:

Sie wären mit dem Auto gefahren, ja?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja. Und die Herren dort im Lager mit dem Fahrrad, und jetzt wäre es umgekehrt. Das sind so die Äußerungen, die mir bekannt sind.

 

Vorsitzender Richter:

Also, er hätte sich, wie Ihre Freundin erzählte, negativ geäußert, will ich mal sagen, ja?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, sehr negativ.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hat gesagt, er würde sich eines Tages noch um Kopf und Kragen bringen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das sind nicht die genauen Worte, sondern nur sinngemäß.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie auch, wie Sie bereits sagten, den Angeklagten Höcker gekannt. Wissen Sie von seiner Tätigkeit etwas? [Pause] Wissen Sie zum Beispiel, ob er öfter im Lager war, im Stammlager?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht. [...] Denn darüber wurden wir ja nicht informiert.

 

Vorsitzender Richter:

Nun ja, also Sie brauchen nicht informiert worden zu sein offiziell, aber es ergibt sich doch aus dem Gespräch zum Beispiel, das Sie öfters mit dem Adjutanten Höcker gehabt haben, daß er Ihnen vielleicht erzählt hat, was er so treibt und was er gesehen hat und was er nicht gesehen hat und so weiter. Man unterhält sich doch.

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Nein, so bekannt waren wir nicht, daß er mir so etwas erzählt hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wie lange Höcker im Lager blieb?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Auch bis zur Auflösung.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zur Auflösung. Sind Sie mit ihm zusammen aus dem Lager herausgekommen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein. Ich weiß nur, daß Herr Höcker dafür gesorgt hat, daß wir noch rauskamen aus dem Lager. Wo er selbst dann geblieben ist, weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben bei Ihrer Vernehmung ausgesagt: »In unserem Fahrzeug befand sich auch der Adjutant von Baer, Höcker. Wir sind praktisch als letzte aus Auschwitz herausgefahren.«77

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das ist möglich, daß er noch bis zur nächsten Station uns gebracht hat. [Pause] Aber dann wurden wir ja selbständig [Pause] losgeschickt, praktisch.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, wer hat denn diese Fernschreiben unterzeichnet, die Sie weitergegeben haben? Wissen Sie das noch?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Na, wie viele Fernschreiben haben Sie denn durchgegeben, ungefähr, am Tag?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, es gab ruhige Zeiten, da waren es nur wenige, sehr oft waren die Fernschreibverbindungen abgebrochen durch Bombenangriffe. Man mußte...

 

Vorsitzender Richter:

Wie viele Fernschreiberinnen waren Sie gleichzeitig?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Vier.

 

Vorsitzender Richter:

Und im Nachtdienst?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ach, gleichzeitig immer nur zwei.

 

Vorsitzender Richter:

Gleichzeitig zwei.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja. Und im Nachtdienst am Anfang wohl auch zwei, und später waren wir allein.

 

Vorsitzender Richter:

Und später waren Sie allein. Und welche Diensteinteilung hatten Sie?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, wir hatten Schichtdienst. Wenn man Nachtdienst gehabt hatte, dann hatte man circa zwei Tage frei. Dann kam wieder soundso oft Tagesdienst.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie zu viert waren, und Sie hatten zwei Tage frei, wer mußte denn in diesen zwei Tagen den Dienst machen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, nach dem zweiten Tag wurde man ja wieder zum Nachtdienst dann eingeteilt.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, Sie hatten zwei Tage frei mit Nachtdienst, oder wie?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, wir machten Tagesdienst.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, von bis wann? [Pause] Von morgens sechs, sieben, acht? Oder wann fingen Sie an?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Sieben oder acht, das weiß ich nicht mehr so genau, wie es anfing.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wissen Sie nicht mehr genau. Und arbeiteten bis?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, jetzt weiß ich nicht, ob mittags Wechsel war und dann wieder von Mittag bis Abend? Die Einteilung weiß ich nicht mehr so genau.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren vier Fernschreiberinnen insgesamt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben sich gegenseitig abgelöst und waren am Tag über zu zweit da?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie zu zweit da waren, müssen doch mehr Fernschreiben angefallen sein, als eine Person allein erledigen konnte. Sonst hätten Sie ja nicht zu zweit da sitzen brauchen.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, es kamen ja auch Fernschreiben an. Wir hatten zwei Fernschreiber nebeneinander.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Und es war ja nicht nur Aufgabe, sondern es kamen ja auch gleichzeitig Fernschreiben an. Und infolgedessen mußte immer eine dasein, die Fernschreiben annehmen konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich darf mal ein Glas Wasser bekommen? Ich kann kaum noch sprechen, ich habe solch einen trockenen Mund.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ein Glas Wasser? Ja, selbstverständlich, können Sie haben. Tja, ich hätte an die Zeugin keine Fragen mehr. Haben Sie noch Fragen? Vom Gericht keine Fragen mehr? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Frau Zeugin, Sie haben Ihren Ehemann in Auschwitz kennengelernt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Er ist heute Leiter der Kriminalpolizei in Krefeld?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sagen Sie, wie ist denn der Vorname von dem Scharführer Riedel, dem die Fernschreibstelle unterstand?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, ich würde sagen, Alfred ist mir in Erinnerung.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wissen Sie noch, wo er her war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Ich kann mich da schrecklich irren, aber ich möchte fast sagen, Sudetengau. Aber das kann natürlich auch ein furchtbarer Irrtum sein, das weiß ich nicht mehr so genau.

 

Staatsanwalt Kügler:

[Pause] Wie war es denn, als Sie in Auschwitz ankamen? Von wem wurden Sie denn da in Ihre Arbeit eingewiesen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, vor uns waren ja schon Nachrichtenhelferinnen da, die haben uns auch in unsere Arbeit eingewiesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wurden Sie dem Kommandanten vorgestellt, als Sie ankamen? Oder dem Adjutanten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ob sofort, das weiß ich nicht. Aber vorgestellt wurden wir ihm.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie wollen sagen, daß also die dort schon tätig gewesenen Nachrichtenhelferinnen Sie in Ihre Arbeit eingewiesen haben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist das nicht so gewesen, wenn Sie sich zu erinnern versuchen, daß das irgendein SS-Mann gewesen ist, beispielsweise der Herr Riedel?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, das möchte ich annehmen, also, daß er uns allgemeine Richtlinien gegeben hat. Aber in die eigentliche Arbeit wurden wir dann von den anderen Fernschreiberinnen eingewiesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, in den rein technischen Kram.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

In den rein technischen, ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun würde es mich doch mal sehr interessieren, wie waren denn die allgemeinen Richtlinien? - Ich meine, Sie wissen ja, was Auschwitz war. Ist bei dieser Besprechung, bei dieser Einweisung, ist Ihnen da reiner Wein eingeschenkt worden, so und so ist das hier?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hier kommen Judentransporte an, die werden vergast.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, ich möchte annehmen, daß doch gar nicht von Anfang an die Transporte kamen. Denn ich kann mich noch erinnern, daß eigentlich so die ersten Sachen, mit denen man in Berührung kam, die Effektendiebstähle waren. Und da sagte man uns, man hätte nichts zu fragen, sondern nur zu schreiben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, wie sind Sie denn da überhaupt darauf gekommen, daß »SB« »Sonderbehandlung« heißt? Das haben Sie doch wohl damals schon gewußt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Das hat man später gesprächsweise gehört. [...]

 

Staatsanwalt Kügler:

Sehen Sie mal, Sie haben doch Ihren Ehemann dort in Auschwitz kennengelernt, der war bei dieser Untersuchungskommission, ja?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Hat er Ihnen denn damals nicht schon gesagt, was da los war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ich unterstand der Schweigepflicht, und mein Mann mußte bestimmt auch einen Diensteid leisten. Und wir haben uns auch nicht gleich kennengelernt. Und dann haben wir uns über dienstliche Angelegenheiten überhaupt nicht unterhalten.

 

Staatsanwalt Kügler:

[Pause] Ich habe keine Fragen mehr, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, wem unterstanden Sie denn dienstlich in Auschwitz?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, wie ist das zu verstehen? Der Lagerführung, möchte ich annehmen. Daß das damals unsere direkten Vorgesetzten waren. [Pause] An und für sich waren wir ja nur zum Lager abkommandiert. Unsere eigentliche vorgesetzte Dienststelle war nach wie vor die Nachrichtenschule Oberehnheim.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Na, doch nur während der Zugehörigkeit zur Schule. Doch nicht, nachdem Sie ausgebildet und entlassen waren?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, doch, wir mußten später - ich kann mich erinnern, daß wir noch einmal, nun weiß ich nicht, ob von Auschwitz aus oder von Berlin aus - Winterzeug uns in Oberehnheim abholen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Ormond, da muß man trennen zwischen der dienstlichen Beschäftigung und der personellen Betreuung. Die personelle Betreuung erfolgte nach wie vor von der Schule aus. Während der dienstliche Einsatz eben von der taktischen Stelle aus erfolgt ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gewiß. War Ihr dienstlicher Vorgesetzter nicht der Adjutant?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Mein direkter Vorgesetzter war mein Dienststellenleiter in der Fernschreibstelle. [...] An den mußte ich mich ja auch in erster Linie immer wenden, und der hat alles dann weitergeleitet.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, wer hat Sie denn darauf aufmerksam gemacht, daß durch Ihre Hände sehr wichtige Nachrichten gehen, über die Geheimhaltungsstufen, und daß Sie da alle möglichen streng vertraulichen Dinge zu hören bekommen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich möchte annehmen, daß das auch Herr Riedel gewesen ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Kein SS-Führer?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Daran kann ich mich nicht mehr so genau erinnern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, Sie waren doch schließlich 14 Monate dort. Hat die Tätigkeit dort, in dieser ganzen Atmosphäre, unter den Verhältnissen, gar keinen Eindruck auf Sie gemacht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Doch, einen sehr großen. Ich habe auch ein sehr zurückgezogenes Leben geführt. Ich habe meinen Dienst gemacht und bin dann fast immer zu Hause gewesen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, Sie müssen doch dienstlich sehr stark in Anspruch genommen gewesen sein. Richtig?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ja, wie ich vorhin schon sagte, wie unsere Diensteinteilung war. Wir hatten auch unsere entsprechende Freizeit.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Waren Sie nur diese vier Fernschreiberinnen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, es gab noch Funkerinnen, und es gab noch Fernsprecherinnen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

In Ihre Zeit ist doch die »Ungarn-Aktion« gefallen, Frau Zeugin. Da müssen Sie doch eigentlich Tag und Nacht eingespannt gewesen sein.

 

Verteidiger Stolting II:

Verzeihung, Herr Direktor, langsam muß ich aber widersprechen. Herr Kollege Ormond sagt bei jeder Frage »Doch«. Das ist

 

Nebenklagevertreter Ormond [unterbricht]:

Gut, ich lasse das »Doch« weg.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Zumindest dem Verdacht nach eine Suggestivfrage.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich frage Sie: Ist es nicht richtig, daß Sie während der »Ungarn-Aktion« sehr stark in Anspruch genommen waren, und zwar sowohl beim Tagdienst wie auch beim Nachtdienst?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Wir hatten immer unseren geregelten Dienst.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Sie haben vorhin erklärt, Frau Zeugin, nachts seien keine Transporte angekommen.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich habe gesagt, ich kann mich nicht erinnern.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, ich sage Ihnen, und ich möchte hierauf Ihre Antwort haben, daß während der »Ungarn-Aktion« Nacht für Nacht Transporte angekommen sind.

 

Verteidiger Laternser:

[Pause] Ist das denn erwiesen? Das ist doch nicht das gewesen, was Herr Ormond gesagt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Also, die Frage geht dahin, ob Sie nachts Fernschreiben bekommen haben über die Ankündigung von Transporten. Die Fernschreiben können ja schon am Tag vorher gekommen sein.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Gewiß, aber während der Nachtzeit mußten ja auch abgehende Fernschreiben abgesandt werden, nicht wahr? [Pause] Ist es nicht richtig, Frau Zeugin, daß der ganze Verkehr mit dem Reichssicherheitshauptamt durch Fernschreiben erfolgte?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht, denn über die Funkstelle bin ich nicht informiert und auch nicht über die Fernsprechstelle.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn das für eine Funkstelle? Haben die auch mit Fernschreibern gearbeitet oder mit Hellschreibern oder haben die mit Tasten, oder wie haben die

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Mit Tasten, ja. Die wurden richtig im Funken ausgebildet. Da kamen Funksprüche, die später dann entschlüsselt werden mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wo sind die denn aufgelaufen, diese Funksprüche? Sind die auf Hellschreibern aufgelaufen oder auf Fernschreibern oder wo?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Da kenne ich mich nicht aus.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen sich nicht aus.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, Sie haben früher erklärt: »Über die Behandlung der Kinder kann ich folgendes sagen: Ich habe Kinder im Lager gesehen. Man konnte von hier aus des öfteren beobachten, wenn Häftlinge vorbeimarschierten. Ich habe auch weibliche Häftlinge gesehen, die in Begleitung von Kindern waren.« Sie haben das heute abgeschwächt. Was ist richtig, die heutige Darstellung oder die damalige?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Ich weiß nicht, wie weit mein Erinnerungsvermögen vor zwei Jahren gewesen ist.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[Pause] Frau Zeugin, Sie haben doch Fernschreiben aufgegeben, in denen drinstand, daß soundso viele Kinder »gesondert untergebracht« oder »Sonderbehandelt« wurden. Ist das nicht richtig?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Von »untergebracht« weiß ich nichts, aber »Sonderbehandelt«, ja.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

[Pause] Hat Sie das gar nicht beeindruckt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das hat mich sehr beeindruckt. Ich habe ja auch gar nicht dahin wollen, nach Auschwitz. Man ist ja direkt überfahren worden. Es wurde uns in Oberehnheim gesagt, wir kämen zu einer Dienststelle nach Berlin, und dort hieß es dann ganz kurz und bündig: »Nach Auschwitz in Marsch setzen!« Ich wollte bestimmt dort nicht hin, denn das war für uns das Ende der Welt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, von wem waren die Fernschreiben unterschrieben, die in Auschwitz auf der Fernschreibstelle ankamen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das weiß ich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage habe ich schon wiederholt gestellt, Herr Rechtsanwalt.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Haben Sie nicht früher gesagt, die seien von Müller unterschrieben gewesen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich habe dem Richter damals gesagt, mir ist in Erinnerung, als wenn einige Fernschreiben aus Berlin mit dem Namen Müller unterzeichnet sind.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, Sie sind vorhin gefragt worden, von wem die Fernschreiben, die ausgegangen sind, unterzeichnet waren. Wollen Sie daran festhalten, daß Sie das nicht wissen?

 

Verteidiger Stolting II:

Ich widerspreche dieser Frage, die Frage ist ja vorhin schon beantwortet worden. Man kann nicht auf diese Weise jede Frage wiederholen.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Frau Zeugin, wenn Sie 14 Monate dort Dienst gemacht haben, dann ist die Frage doch berechtigt: Wer hat denn die Fernschreiben, die Sie Tag für Tag bekommen haben, wenn Sie Dienst hatten, unterzeichnet?

 

Vorsitzender Richter:

Diese Frage habe ich

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ich widerspreche auch dieser

 

Verteidiger Steinacker [unterbricht]:

Die Frage ist beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage habe ich schon gestellt, Herr Rechtsanwalt Ormond. Und sie hat gesagt, sie weiß es nicht.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Es sind ja 20 Jahre vergangen inzwischen. Ich hätte die Fragen vor 20 Jahren genauer beantworten können oder einige Jahre danach.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Ich habe keine Frage mehr, danke.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Frau Zeugin, eine Frage aufgrund einer Antwort, die Sie eben Rechtsanwalt Ormond gegeben haben. Sie sagten: »Nach Auschwitz wollte ich nicht hin, das war für uns das Ende der Welt.« Was wußten Sie denn in Berlin von Auschwitz?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Gar nichts. Eben deshalb.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und warum war das das Ende der Welt? Krakau war doch nicht weit, die Front war doch viel weiter weg. Wenn Sie Nachrichtenhelferin werden wollten, dann konnten Sie doch schließlich auch in viel frontnähere Gebiete kommen. Warum wollten Sie nicht nach Auschwitz?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, weil man uns sagte, das ist ein Konzentrationslager.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, Sie haben sich ja doch zur SS gemeldet. Sie wollten ja nicht zur Luftwaffe oder zum Heer. Da mußten Sie doch mit solchen Dingen von vornherein rechnen, oder welche Vorstellung hatten Sie vorher?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daß wir [Pause] in irgendeine

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Soviel hohe Stäbe der SS gab es ja doch damals noch gar nicht, 1942/43. Welche Vorstellung hatten Sie denn, als Sie sich dahin meldeten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daß wir an irgendeine Dienststelle innerhalb des Reichsgebietes kamen.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Innerhalb des Reichsgebietes, ja. Und Ihre Ausbildung, die hatten Sie genossen in einer Schule?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren Ihnen die Unterschiede zwischen normalen Fernschreiben, Geheimfernschreiben, gKdos bekannt? Waren Sie darüber ausgebildet worden?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Damals wohl noch nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

In der Schule nicht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht mehr genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wußten Sie, wer berechtigt war, ein SSD-Fernschreiben aufzugeben? Haben Sie das in Auschwitz später gelernt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, später kamen Fernschreiben unter Geheimer Reichssache.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wurden auch Fernschreiben chiffriert, hatten Sie eine Schlüsselmaschine?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Fernschreiben nicht, das ging dann über Funk.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Geheime Reichssachen gingen über Funk?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das will ich nicht sagen, aber

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Eine Geheime Reichssache konnte doch auch auf der Fernschreiblinie nicht offen gehen.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, verschlüsselte Fernschreiben haben wir nicht durchgegeben.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Sie haben keine verschlüsselten Fernschreiben durchgegeben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daran kann ich mich nicht erinnern.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Sie hatten auch keine automatische Schlüsselmaschine in Ihrer Fernschreibstelle?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Wir hatten einen Lochschreiber, wo man Fernschreiben vorschreiben konnte.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Vorschreiben konnte, wenn Sie eine Leitungsstörung hatten, daß die nachher schneller rausgingen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, oder

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Das ist ja keine Verschlüsselung. Sie hatten also keine

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Meiner Erinnerung nach hatte nur die Funkstelle einen Schlüssel. Also

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Die Funkstelle hatte nach Ihrer Erinnerung nach nur den Schlüssel?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, und verschlüsselte Sachen gingen nur über Funk. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und erinnern Sie sich, ob bei Ihnen überhaupt eine Geheime Reichssache durchging?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Angekommen ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Angekommen auf Fernschreiber?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Offen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Im Klartext?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und abgegangen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Also, ich möchte annehmen, daß die Ankündigung der Transporte alle über Geheime Reichssache gingen. Es ist aber nur eine

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Waren Sie denn berechtigt, eine Geheime Reichssache entgegenzunehmen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das müssen wir doch wohl demnach gewesen sein.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

[Pause] Das leuchtet mir nicht ganz ein. Und Geheime Reichssachen sind bei Ihnen über Funk abgegangen? Oder haben Sie auch Geheime Reichssachen geschrieben, die rausgingen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht mehr genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Wissen Sie nicht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein, das weiß ich nicht mehr genau.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Wo haben Sie denn gewohnt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Wir hatten ein Haus für uns.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Mit den Wärterinnen zusammen oder nur die

 

Zeugin Charlotte Bartsch [unterbricht]:

Nein, mit den Aufseherinnen hatten wir gar nichts zu tun. [...]

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, war denn »SB«, das heißt »Sonderbehandlung«, keine Geheime Reichssache? Nicht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Doch, darum sagte ich ja, daß wir

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und die haben Sie im Klartext durchgegeben?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung. Rechtsanwalt Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Frau Bartsch, kannten Sie den Sturmbannführer Kramer?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Kramer ist mir dem Namen nach bekannt.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie, was der für eine Funktion hatte?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Kramer. [Pause] Da kann ich mich nicht mehr dran erinnern. [...] Der Name ist mir bekannt, Kramer.

 

Verteidiger Stolting II:

Dann muß ich Sie anders fragen: War die Verteilung, die Verwaltung der Lager im Jahre 1943 nach Ihrer Erinnerung die gleiche wie im Jahre 1944 bis zum Schluß? Oder ist da irgendwann einmal zu Ihrer Zeit eine Änderung eingetreten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das weiß ich nicht, außer dem Wechsel zwischen den zwei Kommandanten und Adjutanten.

 

Verteidiger Stolting II:

Gab es außer dem Kommandanten Liebehenschel, zum Beispiel, oder außer dem Kommandanten Baer noch weitere Kommandanten?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Bei uns im Lager?

 

Verteidiger Stolting II:

Im Gesamtkomplex Auschwitz, einschließlich Birkenau.

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das ist mir nicht bekannt.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie nicht, ob Birkenau einen eigenen Kommandanten hatte?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Das wissen Sie nicht, oder sagen Sie, es hatte keinen eigenen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Daß ich mich nicht erinnern kann, wie es gewesen ist.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie wissen es nicht. Frau Zeugin, vorhin sagten Sie auf die Frage des Herrn Vorsitzenden, daß Sie über die Tätigkeit des Adjutanten an sich nichts sagen könnten. Auf der anderen Seite haben Sie gesagt, der Adjutant sei der Vertreter des Kommandanten gewesen. Ich frage Sie deshalb: Aus welchen Tatsachen schließen Sie, daß der Adjutant der Vertreter des Kommandanten gewesen ist?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Das ist für mich eigentlich logisch, daß ein Adjutant immer der Vertreter - wie bei der Wehrmacht - des Kommandeurs ist.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie, daß der Adjutant bei der Wehrmacht der Vertreter des Kommandeurs ist? [Pause] Ist nicht der Vertreter immer der Ia-Offizier?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, so genau bin ich nicht orientiert.

 

Verteidiger Stolting II:

Sehen Sie. Und ist es in Auschwitz

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Beim Bataillon nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Ist es möglich, daß in Auschwitz der Vertreter des Kommandanten der Schutzhaftlagerführer war?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Das wissen Sie nicht. Können Sie dann jetzt noch behaupten, nach diesen Vorhalten, daß der Adjutant der Vertreter des Kommandanten gewesen ist? [Pause] Ja oder nein?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja, behaupten will ich das nicht, wenn

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Danke sehr. [Pause] Wenn Sie den Angeklagten Höcker gesehen haben, haben Sie den auch mal mit einem Fahrzeug gesehen?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Daran kann ich mich wirklich nicht erinnern.

 

Verteidiger Stolting II:

Nicht?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Mit dem Fahrrad sicher mal. [...] Wir haben alle Fahrräder gehabt.

 

 

Verteidiger Stolting II:

Ja. Danke sehr. [Pause] Danke sehr, keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Müller:

Frau Zeugin, kann es sein, daß die Fernschreiben direkt an die Politische Abteilung gegangen sind?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

[Pause] Also, daß die Politische Abteilung einen eigenen Fernschreiber hatte?

 

Verteidiger Müller:

Daß die bei Ihnen einkommenden Fernschreiben, die von Ihrem Dienststellenleiter abgezeichnet worden sind, direkt und unmittelbar an die Politische Abteilung gegangen sind. Kann das sein?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Das halte ich für möglich.

 

Verteidiger Müller:

Das halten Sie für möglich. Zweite Frage: Wer hat Sie zur Geheimhaltungspflicht belehrt?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ich nehme an, daß das unser Dienststellenleiter gewesen ist.

 

Verteidiger Müller:

Das heißt, Herr Riedel?

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Ja.

 

Verteidiger Müller:

Danke, keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wird von seiten der Verteidigung noch eine Frage gewünscht? Wie ist es mit den Angeklagten? Werden Erklärungen gewünscht oder Fragen gestellt?

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Vorsitzender, ich würde bitten, vielleicht kann die Zeugin uns auf der Karte zeigen, wo ihre Dienststelle untergebracht war?

 

Vorsitzender Richter:

Bitte sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Würden Sie mal nach hinten gehen an die Karte und würden uns zeigen, wo Sie gearbeitet haben?

 

 

- Schnitt -

 

Zeugin Charlotte Bartsch:

Eben soweit ich mich nach den langen Jahren erinnern konnte.

 

Vorsitzender Richter:

Dann müssen Sie das, was Sie gesagt haben, beschwören.

 

 

- Schnitt -

 

 

1. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.348.

2. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.348.

3. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.348.

4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.348.

5. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.348.

6. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.349 f.

7. Vgl. richterliche Vernehmung vom 10.05.1962 in Moers, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 66, Bl. 12.351.

 

 
 
 
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