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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

137. Verhandlungstag, 18.2.1965

 

Aussage des Angeklagten Baretzki

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Präsident, das stimmt nicht. Der Herr Doktor Lucas war zu der Zeit Lagerarzt im b-Lager.1 Als das Lager b vergast worden ist, war der Lagerarzt. Ich kann ausrechnen, welche Lager er gehabt hat. Zu der Zeit hat er gehabt: Lager b, Zigeunerlager und Lager »Mexiko«. Das waren die drei Lager, die Doktor Lucas unterstanden. Das Lager a, das Lager d und das Lager f hatten Doktor Klein unterstanden. Und in der Zeit, wo das vergast worden ist, war Doktor Lucas Lagerarzt gewesen. Genauso war er auch Lagerarzt in »Mexiko« gewesen.

Wenn er hier sagt, daß er Leuten geholfen hat: Es mag vielleicht sein, daß er sich 45 eine Rückfahrkarte besorgt hat, aber in Auschwitz hat er das nicht gemacht. Das habe ich auch gesagt. Früher hat er 5.000 Menschen in einer halben Stunde ins Gas geschickt, heute will er sich als Retter hinstellen. Das stimmt nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Wieso wissen Sie, daß er 5.000 oder viele Tausende von Menschen ins Gas geschickt hat?

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn er auf der Rampe war, hat er sie ins Gas geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn er auf der Rampe war, hat er sie alle ins Gas geschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben doch eben auf die Befragung von Rechtsanwalt Raabe hin gesagt, Sie hätten ihn zwar auf der Rampe gesehen, aber Sie könnten nicht mit Bestimmtheit behaupten, daß er vergast beziehungsweise Leute selektiert hätte

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Ich konnte mich nicht hinstellen und zugucken, wenn er selektiert hat.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie nehmen es lediglich an?

 

Angeklagter Baretzki:

Hundertprozentig.

 

Vorsitzender Richter:

Sie nehmen es an?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Hundertprozentig. Vorhin haben Sie gesagt, hundertprozentig könnten Sie es nicht behaupten.

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Vorsitzender, Sie müssen verstehen: Es sind ein paar Offiziere auf der Rampe da, ja?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Aber nur ein Offizier oder höchstens zwei Offiziere, meiner Ansicht nach ist es nur ein Offizier, ein Arzt, und der selektiert. Die anderen Offiziere, zum Beispiel der Lagerführer, der auf der Rampe ist, der selektiert doch nicht. Oder der Arbeitseinsatzoffizier, der selektiert doch nicht. Es selektiert nur der Arzt.

Meinen Sie, mein Chef ist für den Lucas selektieren gegangen, oder der Kommandant ist für Lucas selektieren gegangen? Wenn er dem Kramer gesagt hätte: »Selektieren Sie für mich«, hätte er ihn woanders hingeschickt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Doktor Lucas, wollten Sie noch etwas dazu sagen?

 

Angeklagter Lucas:

Ich wollte nur sagen, daß ich mich hier nicht als Retter der Menschen aufgespielt habe. Sondern die ganzen Zeugen, die hier erschienen sind, die kannte ich gar nicht, die sind nicht auf meinen... die haben sich hier spontan gemeldet gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Lucas:

Zweitens [+ wollte ich] nochmals betonen, daß ich nicht mehr in Birkenau war, als das Theresienstädter Lager aufgelöst wurde, daß ich da einige Tage vorher schon abgelöst wurde. Das werden sicherlich die polnischen Ärzte auch bezeugen können.

 

Vorsitzender Richter:

So. Jetzt, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Präsident, ich benenne in diesem Zusammenhang den Herrn Kazimierz Wolf Cernicki, Präsident des polnischen Automobilclubs, zum Beweis für folgende Themen: erstens, daß der Angeklagte Doktor Lucas im Sommer 44 auf der Rampe selektiert hat und daß dieser Zeuge die Tätigkeit des Doktor Lucas vom d-Lager aus beobachtet hat, zweitens, daß dieser Zeuge nach Kriegsende den Angeklagten Boger damals im Rahmen der Vernehmungen bei seiner ersten Verhaftung verhört hat und daß der Angeklagte Boger damals weitergehende Aussagen über die Verhältnisse im Lager gemacht hat als heute.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt, wir haben jetzt immerhin Mitte Februar. Wenn jetzt noch solche Anträge kommen, dann können wir ein Ende des Prozesses überhaupt nicht absehen. Einmal müssen wir uns ja entschließen, eine Entscheidung zu treffen. Wenn immer wieder neue Beweisanträge gestellt werden, wie heute morgen wieder, und die Beweisanträge sind nachher so schwer durchzuführen, weil die Zeugen zum großen Teil einfach nicht herbeikommen, dann weiß ich nicht, wann der Prozeß einmal zu Ende gehen soll. Jetzt fangen wir wieder neu an, um wieder jemanden zu hören, der den Boger mal vernommen hat und wobei der Boger irgendwelche Aussagen gemacht haben soll. Das müßte man doch eigentlich

 

- Schnitt -

 

Angeklagter Baretzki:

Kein Bett gehabt, keine Decke gehabt, gar nichts. Auf dem reinen Boden haben sie geschlafen. Kein Wasser, keine Toilette gehabt, überhaupt nichts. Da waren einige Tausend Menschen, die kriegten am Tag ein Faß Wasser. Das sind 1.000 Liter Wasser. Und wenn Sie hinten den Hahn aufgemacht haben, da spritzte so alles raus. Wenn sie die Schüssel da hingestellt haben, ist das ganze Wasser raus, und die Leute haben überhaupt kein Wasser gehabt.

Da hat Doktor Lucas den Leuten nicht geholfen. Die Leute haben gar nichts gehabt, auf dem reinen Boden haben sie geschlafen, überhaupt keine Decke, gar nichts gehabt. Da konnten Leute helfen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn da Lagerführer?

 

Angeklagter Baretzki:

Lagerführer? Das hat zum Frauenlager gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer war das? Wer war in dem Stammlager damals Lagerführer?

 

Angeklagter Baretzki:

Das ist in Abschnitt III gewesen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ja, das weiß ich.

 

Angeklagter Baretzki:

Da waren Aufseherinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn Lagerführer, verantwortlicher Lagerführer?

 

Angeklagter Baretzki:

Da war kein Lagerführer, da waren Aufseherinnen. Das war ein Frauenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es muß aber doch irgend ein Lagerführer oder eine Lagerführerin für diesen Abschnitt des Lagers verantwortlich gewesen sein.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, das war schon, da waren Aufseherinnen.

 

Vorsitzender Richter:

Aufseherinnen?

 

Angeklagter Baretzki:

Da war eine Oberaufseherin da.

 

Vorsitzender Richter:

Oberaufseherin.

 

Angeklagter Baretzki:

Aber den Namen kann ich nicht sagen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und das Lager unterstand der Kommandantur Birkenau oder Auschwitz I?

 

Angeklagter Baretzki:

Nein, das unterstand der Kommandantur, wie das ganze. Das Lager unterstand der Kommandantur. Da war nur eine Kommandantur bei uns, Kommandantur I Auschwitz.

Man sagt heute, Kommandantur II, Kommandantur III. Ich habe nur eine Kommandantur gekannt, aber ich habe keine drei Kommandanturen gekannt. Bei uns war nur eine Kommandantur, und das war Auschwitz I.

Wenn Sie heute am Telefon sitzen und haben Dienst, und Sie geben die Stärke durch, wenn der Appell zu Ende ist, und Sie stöpseln da auf Kommandantur I. Sie haben nur drei Anschlüsse: Schutzhaftlagerführer Auschwitz und Vermittlung Birkenau und Kommandantur I, Kommandantur Auschwitz.

Sie können nur die Kommandantur Auschwitz anrufen, aber keine Kommandantur Birkenau. Wenn Sie die Kommandantur Birkenau anrufen wollen oder Kompanie, dann müssen Sie die Vermittlung anrufen, und die Vermittlung verbindet Sie mit der Kompanie. Aber die Kommandantur I ist direkt mit dem Schutzhaftlager von Birkenau verbunden. Deswegen kenne ich nur eine Kommandantur

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und wieso kannten Sie diese Zustände in »Mexiko« so genau?

 

Angeklagter Baretzki:

Das war doch über die Straße.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, haben Sie es sich angesehen, oder hatten Sie dort etwas zu tun?

 

Angeklagter Baretzki:

Da habe ich Wasser hingebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben Wasser hingebracht?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl, jeden Morgen nach dem Ausrücken ein Faß Wasser. 1.000 Liter waren darin.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum haben Sie nicht zwei Fässer Wasser hingebracht?

 

Angeklagter Baretzki:

Das kann ich Ihnen erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn ich den Befehl kriege, ein Faß Wasser zu bringen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Von wem haben Sie den Befehl bekommen?

 

Angeklagter Baretzki:

Vom Arbeitseinsatz.

 

Vorsitzender Richter:

Vom Arbeitseinsatz.

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war der maßgebliche Mann?

 

Angeklagter Baretzki:

Grauel.

 

Vorsitzender Richter:

Grauel?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl. Und der Grauel sagt: »Jeden Morgen um halb neun.« Jeden Morgen ist ein anderer Lagerdienst, der holt die Musikkapelle nach dem Ausrücken. Die Musikkapelle tut Wasser an die Kräne, einen Schlauch mit Wasser vollgemacht und damit herübergefahren. Das sind noch ein paar Schritte. Mit der Kapelle hin, Wasser holen. Ab, austeilen, aufmachen die Kräne, und jeder läuft vorbei. Da kriegen 20 Mann Wasser, das andere ist aus.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das haben Sie also selbst miterlebt?

 

Angeklagter Baretzki:

Habe ich selbst miterlebt.

Da waren Jüdinnen gewesen, Schreiberinnen, Slowakei oder Tschechoslowakei, woher sie waren. Eine hieß Zilly. Sie hat immer gesagt: »Blockführer, bringen Sie noch einmal ein Faß Wasser.« Sage ich: »kann ich nicht. Ich kann nur ein Faß Wasser bringen. Ich habe Befehl, nur ein Faß Wasser zu bringen.« »Ah ja, wenn Sie wollen, können Sie noch eines bringen.« Sage ich: »Es ist schwer. Ich kann mittags noch ein Faß Wasser bringen, wenn die fort sind, zwischen zwölf und eins, wenn die alle essen sind. Da kann ich das zweite Faß Wasser bringen. Weil ich Befehl habe, nur ein Faß Wasser zu bringen, kann ich keine zwei bringen. Das ist unmöglich. Aber über Mittag kann ich das bringen. Und wenn die Aufseherinnen nichts dagegen haben, kann ich es bringen, wenn die Aufseherinnen nein sagen, nicht.«

Da sind die Mädchen zu den Aufseherinnen gegangen, haben gesagt: »Der kann uns mittags nur Wasser bringen.« »Von uns aus«, haben die Aufseherinnen gesagt, »kann er ruhig Wasser bringen.« Aber ich habe nichts gesagt, da wurde keinem was gesagt. Da habe ich denen mittags auch manchmal Wasser mitgebracht - nicht jeden Tag, nur wenn ich Lagerdienst hatte. Dafür hat die manchmal ein paar Zigaretten gegeben. Mir nicht, ich habe Zigaretten nicht gebraucht. Aber die habe ich den Aufseherinnen gegeben, die Zigaretten. Und die haben gesagt: »Da fahren Sie, solange Sie wollen, Wasser hin.«

Da konnte ich mittags nur Wasser bringen. Aber sonst nur Befehl: ein Faß Wasser. Das zweite Faß konnte ich gar nicht bringen. Schwarz konnte ich Eimer, also ein Faß voll Wasser bringen. Das kann die Zilly sagen. Zilly lebt ja in der Tschechoslowakei oder Slowakei, die war da Schreiberin, ja, ein jüdisches Mädchen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie denn einmal gemeldet, daß das so wäre, daß nur 20 Personen Wasser bekommen könnten und die übrigen leer ausgingen?

 

Angeklagter Baretzki:

Das haben die Herren doch selber gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Herren?

 

Angeklagter Baretzki:

Der Herr Lucas hat es ja auch gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Der Herr Lucas war ja nicht Kommandant von dem Lager.

 

Angeklagter Baretzki:

Der war doch Lagerarzt, der konnte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der war Lagerarzt, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Der konnte sagen, drei, zehn Faß Wasser könnte man hinbringen. Da hat aber kein Mensch geholfen, das wollte kein Mensch sagen. Der konnte auch sagen, die Leute kriegen ein paar Decken. Da hat es keine Decken gegeben. Decken waren Tausende da.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, und der Kommandant und der Arbeitsdienstführer oder wer sonst verantwortlich war, konnten die denn nichts sagen? Da brauche ich doch kein medizinisches Studium dazu, um zu wissen, daß ein Faß Wasser nicht für soundso viel tausend Menschen ausreicht.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, was meinen Sie, was der Arbeitsdienstführer sich gekümmert hat? Der hat gesagt, er hat Befehl hier schriftlich: ein Faß Wasser

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Haben Sie denn dem Lagerführer oder dem Arbeitsdienstführer einmal gesagt

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Ich habe es dem Lagerführer gesagt. Da hat der Lagerführer gesagt: »Baretzki, lassen Sie das, Sie«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer ist denn der Lagerführer gewesen?

 

Angeklagter Baretzki:

Schwarzhuber war unser Lagerführer.

 

Vorsitzender Richter:

Schwarzhuber.

 

Angeklagter Baretzki:

»Ich habe damit nichts zu tun. Merken Sie sich ein für allemal, das handelt sich hier um Juden.« Heute kann man gut sagen, das war so und so. Das war anders.

Wenn früher ein Jude keine Schuhe gehabt hat, und Sie haben gesagt: »Hier, der Mann hat keine Schuhe«, da haben die gesagt: »Was haben Sie? Sie müssen endlich mal begreifen, daß es sich um Juden handelt.« So haben Sie Antwort gekriegt. Das ist nicht so, wie man heute hier sagt.

Ich will Ihnen ein anderes Beispiel geben: Die Leute haben keine Schuhe. Sie bringen zwanzig Paar Schuhe. Sie schmeißen zwischen zwei Blöcke zwanzig Paar Schuhe. Zehn Paar Schuhe sind neu, und zehn Paar Schuh sind alt, schlecht. Die holen die schlechten Schuhe, die neuen Schuhe lassen sie liegen. Der holt keine neuen Schuhe. Da sind zehn Paar ganz neue Schuhe, die packt keiner an.

»Sag, warum holst du nicht die neuen Schuhe?« »Nein«, sagt er, »entweder laufe ich dann nachher abends barfuß herein, oder ich bin tot.« Denn die Schuhe werden da auf Kommando abgeholt, und wenn sie sie nicht hergeben, werden sie wieder totgeschlagen. Die Schuhe werden verkauft an Zivilisten. »Die alten Schuhe«, sagt er, »holt mir keiner ab, aber die neuen Schuhe holen sie mir ab.«

Abends, wie sie einrücken, im Schnee, Herbst, Matsch, da laufen die Juden barfuß. Und wenn man was sagt, da stehen die Herren Offiziere am Tor, wenn sie einrücken, da lachen sie noch dabei. Wenn Sie was sagen, sagen sie: »Sie müssen doch endlich mal merken, daß es sich um Juden handelt.«

So ist es in Auschwitz gewesen - nicht wie man das hier sagt. Hier sagt man das ganz anders. Da konnten Sie gar nicht, haben zugeguckt und durften nicht helfen. Wenn der Mann gekommen ist, und man sagte: »Wo hast du deine Schuhe?« »Sie haben sie mir abgeholt.« »Ja, wer hat die abgeholt?« Der wollte gar nicht sagen, wer sie abgeholt hat.

Da hat der Vorarbeiter oder der Kapo die Schuhe abgeholt. Der Mann hat nichts gesagt, er mußte barfuß einrücken. Da stehen die Herren Offiziere da und gucken zu, wenn sie einrücken abends, und da lachen sie noch. So ist es in Auschwitz gewesen, aber nicht wie man das hier sagt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Baretzki, sagen Sie mal, ist das richtig, was uns einige Zeugen hier gesagt haben, daß in dem Lager »Mexiko« auch Häftlinge ohne jede Bekleidung untergebracht waren, daß die also quasi nackt dort gelebt haben?

 

Angeklagter Baretzki:

Hören Sie mal, das kann man ja gar nicht beschreiben.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist das denn richtig?

 

Angeklagter Baretzki:

Das ist ganz hundertprozentig wahr. Da hat einer den anderen abgeholt. Die Leute konnten gar nicht aufstehen. Also Auschwitz, die Lager d, b, c waren noch Gold dagegen, gegen »Mexiko«. Die Leute, die waren ja wie... Das kann man ja gar nicht beschreiben, wie die Leute ausgesehen haben. Wenn Sie vorbeigekommen sind, haben die Sie angeguckt, als wären sie schon alle [durchgedreht]. Die [bekamen] fast gar nichts zu essen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Was ist denn mit den Leuten geworden, die im Lager »Mexiko« waren?

 

Angeklagter Baretzki:

Durch den Schornstein sind sie alle gegangen, alle vergast.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und wissen Sie

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Die besten hat man herausgeholt, und nachher hat man gesagt: »Was wollen Sie mit den Leuten da? Warum stellen Sie die Leute dahin?« »Die sollen abgehärtet werden.«

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Waren das alles Juden da im Lager?

 

Angeklagter Baretzki:

Alles Juden waren das.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren das ungarische Juden? Das wissen Sie nicht genau?

 

Angeklagter Baretzki:

Ungarische Juden, es können auch andere gewesen sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wer ist denn dafür verantwortlich gewesen, daß die vergast worden sind?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, wie die anderen auch.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bitte?

 

Angeklagter Baretzki:

Wer genau dafür verantwortlich gewesen ist, das kann ich ja nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Haben Sie noch eine zeitliche Erinnerung, wann das gewesen ist? Sind die auf einmal vergast worden?

 

Angeklagter Baretzki:

Auf einmal. Das war im April.

 

Staatsanwalt Kügler:

Im April 44?

 

Angeklagter Baretzki:

Ja. So ein Elend hat es noch nirgends gegeben, wie es da hinten ein Elend gegeben hat in den neuen Baracken. Das waren schöne Baracken, mit Fenstern und allem. Aber kein Bett, keine Pritsche, gar nichts. Reiner Boden, bumm, aus, fertig. Keine Decken, gar nichts haben die Leute gehabt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ist das Lager nach dem April noch mal belegt worden?

 

Angeklagter Baretzki:

Nein, das war nur ein einziges Mal belegt. Und das war so ein schwarzes Lager, da wußte kein Mensch, was mit dem Lager ist. Das Lager wurde ja nicht von der SS bewacht.

Da ist kein Draht, gar nichts gewesen an dem Lager, kein Stacheldraht wie hier, das war normaler Stacheldraht. Da war gar nichts, kein Zaun, nichts. Nur die mittleren Baracken waren da besetzt mit zwei Reihen, also bis zur Hälfte.

Und das [+ Lager] war ja gar nicht von der SS bewacht. Die Posten, die da standen, das waren Polizeiposten. Die standen Tag und Nacht, also ohne Türme, schon am Boden. Die Leute, ach, die konnte man auch allein lassen, da wäre kein Mensch weggegangen. Da konnte ja keiner weggehen. Die alten Häftlinge, da waren ein paar Schreiberinnen, Schreiberinnenmädchen. Die konnten ja gar nichts machen. Die Leute [bekamen] ja fast gar nichts zu essen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, das wollte ich Sie gerade fragen. Wie war denn das mit dem Essen dort? Sie sagten also, ein Faß Wasser am Tag. Haben Sie beobachten können, ob und was die Leute da zu essen bekommen haben?

 

Angeklagter Baretzki:

Herr Staatsanwalt, also das Essen kommt dahin. Jetzt kommen Leute aus der Baracke heraus, um zu essen. Wer das erste Essen kriegt, der... Am meisten wird das Essen ja umgeschmissen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Weil die sich alle danach drängen, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Das kann man ja gar nicht beschreiben. Die Leute, die fliegen ja darauf, und dann fliegt alles um, und dann tun sie vom Boden - und dann knien sie, kriechen sie alle darüber. Das ist ja unmöglich, das kann man ja gar nicht beschreiben. Wenn da einer helfen wollte, da konnte einer helfen. Aber da hat keiner geholfen. Da hat man gesagt: »Laß sie durch den Schornstein gehen.« Jedes zweite Wort: »Fort! Für den Schornstein.« Und heute wollen die... Nein, das verstehe ich wirklich nicht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und das waren lauter Frauen dort?

 

Angeklagter Baretzki:

Waren lauter Frauen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Waren dort auch Kinder?

 

Angeklagter Baretzki:

Kinder waren dort keine, nur Frauen. Außer Kindern, die man nicht Kinder nennen kann. 15 Jahre vielleicht, 14 Jahre. Das kann man ja auch Kinder schon nennen. Aber die sind auch dagewesen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Danke schön.

Herr Höcker, ich möchte Sie doch nun noch mal fragen. Das war zwar im April, [+ wie Sie richtig] bemerken werden, da waren Sie noch nicht da, als dieses Lager vergast wurde, wenn es im April gewesen ist. Aber ich möchte

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

[unverständlich] Ich nehme an, das war im April. Weil wenn man heute sagt: »Was war das für ein Datum?« Ich wußte in Auschwitz nicht das Datum. Fragen Sie heute einen Häftling: »Was war das für ein Datum?« Woher soll er das wissen, hat er einen Kalender gehabt? Ich habe auch keinen Kalender gehabt. Und wenn ich gezählt habe, habe ich an den Knochen gezählt, was für ein Tag ist. Das habe ich von den Häftlingen gelernt. Ich habe keinen Kalender gehabt, ich hatte gar nichts.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Ich will Ihnen in dieser Beziehung auch gar keinen Vorhalt machen. Ich will Ihnen lediglich noch mal das vorhalten, Herr Höcker, was der Angeklagte Baretzki allgemein sagt: »Heute sagen die Herren, Sie haben von nichts gewußt.« Fühlen Sie sich da nicht auch getroffen?

 

Angeklagter Höcker:

Über die Vorgänge in Birkenau kann ich Ihnen keinerlei Angaben machen. Ich war nie da, ich habe derartige Verhältnisse nicht gehört und nicht gesehen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und Sie hatten also auch nie etwas erfahren von den Transporten, die auf der Rampe ankamen?

 

Angeklagter Höcker:

Darüber habe ich ja in meiner Einlassung meine Aussage gemacht.

 

Staatsanwalt Kügler:

Dazu wollen Sie jetzt nichts mehr sagen?

 

Angeklagter Höcker:

Weiter habe ich dazu nichts zu sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben dazu wirklich nichts mehr zu sagen?

 

Angeklagter Höcker:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Ich habe noch eine Frage an Herrn Doktor Lucas. Herr Doktor Lucas, von dem Lager »Mexiko« haben Sie uns bisher nie etwas gesagt. Wollen Sie sich bitte dazu äußern?

 

Angeklagter Lucas:

Ja. Ich bin nie im Lager »Mexiko« gewesen. Den Namen »Mexiko«, den habe ich hier zum ersten Mal gehört. Ich bin kein Lagerarzt in »Mexiko« gewesen. Das werden sicherlich auch diejenigen, die im Zigeunerlager waren, bezeugen können, das heißt im wesentlichen die polnischen Ärzte und auch jüdische Ärzte.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Keine Fragen.

- Schnitt -

 

1. BIIa.

 

 
 
 
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Letzte Änderung: 18. Juli 2013
 
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