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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

78. Verhandlungstag, 17.8.1964

 

Vernehmung des Zeugen Daniel Bard

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Bard, wollen Sie uns einmal schildern, wo Sie zunächst festgenommen worden sind?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich bin am 12. Juli 1942 in Angoulême festgenommen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Am 12. Juli festgenommen worden. Und sind wann nach Auschwitz deportiert worden?

 

Zeuge Daniel Bard:

So gegen Ende Juli.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben mal gesagt, am 23. Juli.

 

Zeuge Daniel Bard:

So was.

 

Vorsitzender Richter:

Das kann wohl stimmen, ja?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie nach Auschwitz deportiert worden. Und welche Häftlingsnummer hatten Sie dort?

 

Zeuge Daniel Bard:

51.066.

 

Vorsitzender Richter:

51.066. Wie groß ungefähr war der Transport, mit dem Sie gekommen sind?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir waren, glaube ich, so ungefähr 900.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr 900. Alle aus Frankreich?

 

Zeuge Daniel Bard:

Alle aus Frankreich.1

Vorsitzender Richter:

Ja. Waren das Männer oder Männer und Frauen und

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Wir waren das zweite, Männer und Frauen.

 

Vorsitzender Richter:

Auch Kinder?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich glaube nein. Damals waren keine Kinder dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Sie glauben nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, nein, Kinder waren nicht [+ dabei]. Wir waren in Angers. Ich bin von Angoulême nach Angers, und von Angers sind wir abtransportiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sagen Sie bitte, seit wann wohnen Sie in Angoulême?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich wohne in Angoulême seit dem Jahre 1938.

 

Vorsitzender Richter:

38. Und wo sind Sie geboren?

 

Zeuge Daniel Bard:

In Rovniatowe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und das liegt in welchem Land?

 

Zeuge Daniel Bard:

In Rußland.

 

Vorsitzender Richter:

In Rußland. In welcher Gegend?

 

Zeuge Daniel Bard:

Bei Stornow, ich weiß nicht genau, ich bin sehr klein weg.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind sehr klein dort weggekommen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, mein Vater ist gestorben. Ich bin da im Jahre 1917...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Als Sie nun nach Auschwitz kamen, wo sind Sie damals ausgeladen worden?

 

Zeuge Daniel Bard:

In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau. War damals in Birkenau schon die sogenannte Rampe, die zwischen dem Frauenlager und dem Männerlager

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Nein, damals nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Damals nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie vor dem Lager von Birkenau ausgeladen worden?

 

Zeuge Daniel Bard:

Vor dem Lager in Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang sind Sie in Auschwitz geblieben?

 

Zeuge Daniel Bard:

Bis zum Ende. In Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau, ja. Nachdem Sie ausgeladen waren, hat da irgend jemand Leute aussortiert, die ins Lager kommen sollten, und Leute, die in die Gaskammern kommen sollten?

 

Zeuge Daniel Bard:

Es hat niemand [+ aussortiert]. Wir mußten die Koffer und alles an der Rampe stehenlassen und sind direkt in so eine Badeanstalt da gekommen, das ganze Kommando zusammen.

 

Vorsitzender Richter:

Die 800 oder 900 Mann?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Dort sind Sie vermutlich also geduscht worden und

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Rasiert.

 

Vorsitzender Richter:

Rasiert worden.

 

Zeuge Daniel Bard:

Tätowiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Tätowiert worden.

 

Zeuge Daniel Bard:

Und wir bekamen auch unsere Häftlingskleider.

 

Vorsitzender Richter:

Häftlingskleider. Und was geschah dann mit Ihnen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir sind dann in einen Block [+ gekommen], das war damals noch das alte Lager2, wo diese Pferdebaracken waren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

Das neue Lager ist ja erst später gebaut worden.

 

Vorsitzender Richter:

Richtig.

 

Zeuge Daniel Bard:

Und da sind wir in dieses Lager hineingekommen und wurden in einem Block einquartiert. Ich glaube, das war der Block 21. Das war da, wo früher Pferdeställe waren. Die waren eingeteilt in dreiteilige Pritschen, in jeder Abteilung waren wir bis fünf Mann.

Es war Unruhe im Block, wie wir alle hereingekommen [+ sind]. Da war ein Blockältester, der gleich begonnen hat zu sagen: »Wenn hier nicht Ruhe ist, werde ich euch zeigen, wie ihr mit drei Schlägen zum Schlafen gebracht werdet.« Und er hat den ersten gleich bei uns herausgezogen und hat ihn sich bücken lassen, ihm einen Schlag gegeben, und dadurch hat er sich aufgerichtet, hat ihm dann noch einen Schlag auf den Kopf also [+ gegeben]. Und dann war Ruhe. Und [+ am] nächsten Tag

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War der Mann tot dadurch?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, er war bewußtlos. Aber ob er tot war? Es war eine derartige Emotion im Lager

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Aufregung, ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

Daß man das gar nicht [+ feststellen konnte]. Es war dann Stille. Um fünf Uhr sind wir dann aufgestanden zum Appell. Und es ist dann ein SS-Mann gekommen und hat gesucht nach einem Zeichner, einem technischen, gefragt, ob jemand zeichnen kann. Denn die brauchten jemand für den Krankenbau fürs Zeichnen. Und da haben sich verschiedene [+ gemeldet], habe ich mich auch gemeldet.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

Und er hat mich angesehen und hat mich mitgenommen. Und ich bin dadurch sofort in den Block 12, das war der Krankenbau, hereingekommen.

 

Vorsitzender Richter:

In Birkenau?

 

Zeuge Daniel Bard:

In Birkenau. Da mußte ich einige kleine Sachen mit zeichnen helfen. Da ist damals eine Sauna gebaut worden im Lager, und auch einige kleine Latrinenanlagen, [+ für] die ich die Grundlagen [unverständlich] gezeichnet. Und [+ ich] bin dort als Schreiber die ganze Zeit geblieben bis fast zum Ende.

 

Vorsitzender Richter:

Im Krankenbau?

 

Zeuge Daniel Bard:

Im Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie bitte, haben Sie bei dieser Gelegenheit auch einmal den Apotheker des Lagers kennengelernt?

 

Zeuge Daniel Bard:

Den Capesius, Doktor?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, wenn Sie meinen, daß das ein Apotheker

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Der Hauptapotheker von Auschwitz?

 

Vorsitzender Richter:

Von Auschwitz.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, Doktor Capesius. Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Den haben Sie kennengelernt?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei welcher Gelegenheit?

 

Zeuge Daniel Bard:

Er war manchmal im Lager. Dann habe ich ihn kennengelernt bei der Gelegenheit auch im Frauenlager. Als die ungarischen Transporte gekommen sind, hat er damals das Frauenlager organisiert. Da war ich auch drüben, habe ich ihn kennengelernt, weil wir von unserm Lager aus Medikamente in das Frauenlager herüberbringen mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Von Ihrem Lager aus?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja. Vor allem Binden, Zellstoffbinden, und solche Sachen haben wir als Hilfsapotheker oft herübergefahren, weil das Lager noch nicht komplett war. Das waren die ungarischen Transporte. Das war ja schon im Jahre 43/44.3 Wenn er eine Kontrolle machte oder Sachen bringen sollte, war er öfters bei uns im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Also es ist gar kein Zweifel, daß Sie ihn da persönlich kennengelernt haben?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja. Ich habe ihn auch einmal gesehen in der Hauptapotheke, wo ich hingehen mußte, Sachen besorgen, in Auschwitz auch, in der Zentralapotheke.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also Sie sind sich über die Person des Doktor Capesius vollkommen im klaren?

 

Zeuge Daniel Bard:

Vollkommen im klaren.

 

Vorsitzender Richter:

Daß da kein Irrtum bestehen könnte oder daß Sie ihn

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Es kann kein Irrtum bestehen.

 

Vorsitzender Richter:

Verwechselt hätten mit irgend jemand anderem?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Sie haben eben gesagt, damals kamen die ungarischen Transporte, und er war dabei auch tätig, als dieses Frauenlager eingerichtet wurde. Da haben Sie ihn auch wiederholt gesehen. Haben Sie ihn auch einmal auf der Rampe gesehen? Wissen Sie noch, wann diese Rampe da in Gang gebracht worden ist? Das ist also dieser Gleisanschluß, der auf der linken Seite dieses Planes da zu sehen ist.

 

Zeuge Daniel Bard:

Er war mit auf der Rampe.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wo waren Sie denn damals, als Sie das [+ gesehen haben]? Wollen Sie gleich mal zeigen an der Karte, ja? [Pause]

Zeuge Daniel Bard:

Das war, wenn ich mich nicht irre, hier. Das war der Krankenbau, das war hier das Zigeunerlager. Da war ich, hier, in dem Lager.

 

Vorsitzender Richter:

D?

 

Zeuge Daniel Bard:

D.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar wo, in welcher Baracke etwa?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir waren in dieser Baracke. Das war der Krankenbau, die Ambulanz, die erste hier.

 

Vorsitzender Richter:

Waren das die zwei, die gesondert stehen? Wollen Sie mal mit dem Stock ganz dran zeigen, damit wir das sehen. Noch näher dran. Da, in diesem Bau?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da waren Sie drin?

 

Zeuge Daniel Bard:

Da war ich drinnen, ja. Das war der Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wo aus haben Sie die Vorgänge auf der Rampe beobachtet?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir konnten ja an die Rampe, wir konnten immer oft hier herein. Und vor allem sind die auch oft hier vorbeigegangen, hier war ja die Straße.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wo sind die hingegangen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Die sind auf die Transporte, eventuell sind [+ sie] dann mit den Zügen hier durchgekommen, mit Lastern oder zu Fuß, und sind hier in das Krematorium gegangen, I und II. Hier war ja der Krankenbau.

 

Vorsitzender Richter:

Da oben links sind auch zwei Krematorien.

 

Zeuge Daniel Bard:

Hier?

 

Vorsitzender Richter:

Nein, links.

 

Zeuge Daniel Bard:

Hier auch, ja. Ich kann mich an und für sich an das erinnern, an die und dort. Ja, aber manchmal sind sie so oder so, ich meine, man konnte immer nicht genau sehen, wo die hingegangen sind. Bei diesen ungarischen Transporten [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und jetzt zeigen Sie uns bitte mal, wo Sie gestanden haben, als Sie den Doktor Capesius auf der Rampe gesehen haben.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich bin hier gestanden, und ich habe ihn auch gesehen

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nehmen Sie den Stock ein bißchen länger, damit Sie bis an die Karte heran zeigen können.

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir konnten von hier aus schon rübersehen bis zur Rampe, weil die oft hier gestanden sind.

 

Vorsitzender Richter:

Wer ist da gestanden?

 

Zeuge Daniel Bard:

Die ganze SS. Das waren Ärzte, Mengele manchmal. Verschiedene, die da eben Dienst hatten, sind hier gestanden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die standen da?

 

Zeuge Daniel Bard:

Die standen da, und die Leute sind ausgestiegen und so und kamen oft auch hier vorbei.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, war der Zug, aus dem die Leute ausgestiegen waren, links oder rechts? Das heißt, sind die Leute links ausgestiegen oder sind sie rechts ausgestiegen? Ich frage das deshalb, um mir ein Bild darüber machen zu können, ob der Zug, nämlich die Eisenbahnwagen, zwischen Ihnen und den Leuten stand, die da herausgestiegen sind, oder ob der Zug, nämlich die Eisenbahnwagen, an der anderen Seite stand, also auf linken Seite stand, so daß Sie zwischen den ankommenden Menschen und sich keine Eisenbahnwagen mehr hatten. Verstehen Sie, was ich wissen will?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, das kann ich jetzt nicht einmal genau sagen. Es waren um diese Zeit so viele Transporte angekommen, daß es an und für sich dann später gar nicht mal so aufgefallen wäre, daß man da [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja. Nun müssen Sie doch eins verstehen: Wenn zwischen Ihrem Standort und den Menschen, die ausgeladen wurden, die Eisenbahnwaggons gestanden hätten, dann hätten Sie natürlich nicht so deutlich sehen können, was da vor sich gegangen ist.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich habe oft gesehen, das war hier auch, daß sie hier vorne ausgestiegen sind, daß die vorne ausgestiegen sind.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Vorne ausgestiegen sind.

 

Zeuge Daniel Bard:

Es kann auch möglich sein, auf der anderen Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und als Sie den Doktor Capesius gesehen haben, wo stand denn da der Zug? Stand er auf der anderen Seite, oder stand er zwischen Ihnen und dem Doktor Capesius?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja. Capesius habe ich hier auf der Rampe gesehen. Wie der Zug jetzt stand, kann ich nicht genau sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es war kein Zug zwischen Ihnen und dem Doktor Capesius?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Das nicht? [...] War der Zug schon ausgeladen, als Sie das gesehen haben?

 

Zeuge Daniel Bard:

Der Zug war schon ausgeladen.

 

Vorsitzender Richter:

Oder war er auch schon rausgefahren, oder stand er noch da?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ob er noch dastand, weiß ich nicht, aber ausgeladen war er. Manchmal war er weggefahren, weil die ja längere Zeit dort stehen mußten. So rasch ging das ja nicht immer vor sich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie bitte wieder Platz. [Pause]

Haben Sie auch gesehen, was der Doktor Capesius dort gemacht hat auf der Rampe?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, das konnte ich nicht genau sehen.

 

Vorsitzender Richter:

Das konnten Sie nicht genau sehen. Konnten Sie insbesondere sehen, ob er dort Leute ausgesondert hatte? Sie wissen ja, daß sie ausgesondert wurden nach denen, die in die Gaskammern gehen mußten, und nach denen, die in das Lager kamen.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja. Ich persönlich konnte das unmöglich sehen. Man konnte zwar die Leute sehen. Aber die Handlungen dieser Leute, was sie gemacht haben, [+ zu sehen] war von uns aus nicht möglich, weil ja nicht nur der Doktor Capesius da war. Sondern es waren eine ganze Menge anderer Ärzte und SS [+ da], und man konnte nicht ganz genau feststellen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was der einzelne tat.

 

Zeuge Daniel Bard:

Was der einzelne gemacht hat. Das konnten wir nicht feststellen.

 

Vorsitzender Richter:

Konnten Sie nicht feststellen. Sie haben mal gesagt, Sie hätten gesehen, daß Capesius bei ankommenden Transporten auf der Rampe selektiert habe.4 Das kann wohl nicht

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Selektiert, selektiert. Daß er dabei war. Aber daß ich genau sagen konnte, daß er zu hundert Prozent da ausgesucht und selektiert [+ hat]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das können Sie nicht sagen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Kann ich nicht behaupten. Und es ist zwar von vielen damals, die wir gekannt haben, aus den Apotheken und so, gesagt worden, daß er angeblich selektiert. Aber ich kann das nicht behaupten, weil es war unmöglich festzustellen, ob es jetzt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der eine oder der andere war.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ob der eine oder der andere. Es waren viele dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagten Sie schon.

 

Zeuge Daniel Bard:

Und wahrscheinlich waren mehrere dabei, das hat nicht ein einziger getan. Und das war von uns aus, vom Lager aus, kaum feststellbar.

 

Vorsitzender Richter:

Wie weit war denn ungefähr die Entfernung zwischen Ihrem Standort und dem Standort von Doktor Capesius?

 

Zeuge Daniel Bard:

[Pause] Ja, die war, was weiß ich, hundert Meter.

 

Vorsitzender Richter:

Vielleicht hundert Meter.

 

Zeuge Daniel Bard:

Das kann man nicht...

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie sonst noch etwas beobachtet bei Doktor Capesius, insbesondere, ob er sich irgendwelche Dinge »organisiert« hat, die ihm nicht gehörten? Sie wissen, was unter dem Namen »organisiert«

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Es war ja [+ von] Capesius bekannt, daß er vor allem in seinem Kommando in Auschwitz sich »organisiert« hat und wie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das Mikrofon bitte ein bißchen hochstellen, ja? Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

Daß er sich verschiedene Sachen »organisiert« hat. Und auch hat es darunter geheißen, daß er eine Schwester hatte in Wien, der er verschiedene Pakete und Sendungen von verschiedenen Sachen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Geschickt.

 

Zeuge Daniel Bard:

Geschickt hat. Wenn Zugänge gekommen sind, ist ja alles abgenommen worden. Und vor allem sind dann die Sachen in Birkenau sortiert worden. Das heißt, Medikamente, Schönheitsmittel und Zahnpasten und alles, die sind alle in die Hauptapotheke geschickt worden und [untersucht] worden, aufgemacht worden, die Tuben, die Zahnpastatuben, Cremetuben und alles. Denn viele hatten ja gerade in diesen Sachen etwas versteckt bei diesen Transporten. Und die sind in der Hauptapotheke in Auschwitz von einem bestimmten Kommando dort, dem Apothekerkommando, durchsucht worden. Zu mir in die Apotheke sind ja immer auch dann diese Goldzähne in die Schreibstube hereingekommen. Und die sind dann in die Hauptapotheke gegangen auch, nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Was waren das für Goldzähne, wo kamen die her?

 

Zeuge Daniel Bard:

Die ausgerissen wurden dann von den Leichen, von den verbrannten. Das waren Säcke von Goldzähnen, die sind gestanden, und dann sind sie von den SDGs abgeholt worden und sind dann nach Auschwitz gebracht worden.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, wer das gemacht hat mit dem Ausreißen von Goldzähnen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Das war ein »Sonderkommando«.

 

Vorsitzender Richter:

War ein »Sonderkommando«. Und das kam zunächst zu Ihrem Block 21?

 

Zeuge Daniel Bard:

Das war noch im alten Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im alten Lager.

 

Zeuge Daniel Bard:

Im alten Lager kam es zu uns. Und da sind oft zwei, drei Säcke hier gestanden, und da sind sie dann von einem SDG abgeholt worden und sind nach

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

In die Hauptapotheke gebracht worden.

 

Zeuge Daniel Bard:

In die Hauptapotheke gebracht worden.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, wissen Sie etwas davon, daß sich Capesius an diesen Dingen bereichert hat?

 

Zeuge Daniel Bard:

Das persönlich weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das ist nur ein Gespräch gewesen, von dem Sie eben erzählt haben?

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Gespräch war es vor allem, was wir wußten, daß er oft Sachen nach Wien geschickt hatte. Angeblich nach Wien, große Pakete und so.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben allerdings bei Ihrer Vernehmung anscheinend gesagt, daß Sie »aus eigener Anschauung« 5 das wüßten, daß Capesius sich derartige Dinge unrechtmäßig angeeignet hätte. Das steht jedenfalls hier geschrieben.

 

Zeuge Daniel Bard:

Vernehmung hatte ich ja keine.

 

Vorsitzender Richter:

Nein, ist richtig. Es steht hier aber eine Aussage. Sie müssen irgendwo eine Aussage gemacht haben.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, ich habe gesagt, es war allgemein bekannt, daß Capesius ganz große Sendungen nach Österreich, nach Wien, geschickt hat, schon während der Kriegszeit. Das war Gesprächsthema, aber...

 

Vorsitzender Richter:

Ja?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich meine, es konnten ja auch wenige wissen, was er darin geschickt hat.

 

Vorsitzender Richter:

Eben.

 

Zeuge Daniel Bard:

So etwas genau zu sagen, ist fast unmöglich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also aus eigener Anschauung wissen Sie es nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun sagen Sie bitte, kannten Sie auch den SDG Scherpe?

 

Zeuge Daniel Bard:

War er in Birkenau? Das kann möglich sein. Ich habe sämtliche SDGs dort in Birkenau und Ärzte gekannt, weil ich an und für sich mit denen allen im Lager zu tun hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

Alle.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob von diesen Leuten auch welche auf der Rampe waren?

 

Zeuge Daniel Bard:

Durchschnittlich waren fast alle meistens auf der Rampe, abwechselnd, wer Dienst hatte. Sie mußten dabeisein. Sie mußten auch den Zug bei den Vergasungen begleiten. Die SDGs waren immer dabei.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie da jemand gesehen, der einen Zug begleitet hat zu den Gaskammern, den Sie uns heute noch mit Namen nennen können?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, ich kenne viele Namen, jetzt sind sie mir entfallen. Aber fast alle, die in Birkenau SDG waren, haben oft die Züge mit begleitet.

 

Vorsitzender Richter:

Kennen Sie den Angeklagten Klehr?

 

Zeuge Daniel Bard:

Klehr? War er in Birkenau?

 

Vorsitzender Richter:

Der war zunächst einmal in Auschwitz I. Kennen Sie den Angeklagten Hantl?

 

Zeuge Daniel Bard:

Hantl?

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nein.

 

Zeuge Daniel Bard:

Birkenau?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

War er in Birkenau?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Scherpe?

 

Zeuge Daniel Bard:

Scherpe? Ich glaube. Es ist schwer so zu sehen. Wenn ich Bilder hätte...

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wissen Sie etwas von dem Angeklagten Scherpe?

 

Zeuge Daniel Bard:

War er in Birkenau?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Daniel Bard:

[Pause] Dann wird er mich erkennen. Welcher ist... Darf ich ihm...

 

Vorsitzender Richter:

Ja, bitte schön, sehen Sie sich die Angeklagten an.

 

Zeuge Daniel Bard:

Wo ist er?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, da sehen Sie sich einmal die Angeklagten an. Wollen Sie vielleicht mal aufstehen, ja?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, ich kann jetzt nicht so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie können ruhig aufstehen und können hingehen und können gucken.

 

Zeuge Daniel Bard:

[Pause] Es ist mir schwer, da irgendwen nach so langer Zeit zu erkennen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das nehme ich Ihnen nicht übel. Dann bitte nehmen Sie wieder Platz, und setzen Sie sich hin.

 

Ich habe keine Frage mehr an den Zeugen. Ist sonst noch eine Frage stellen? Von seiten des Gerichts? Von seiten der Staatsanwaltschaft?

 

Staatsanwalt Kügler:

Sie haben früher angegeben, Herr Zeuge, Sie könnten sich an einen Besuch Eichmanns in Auschwitz erinnern.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, das war im Juli, gleich im Sommer 42 oder 43. Da war ein Besuch von einer Hauptabteilung von einer SS, das war ganz hohe SS, Eichmann. Ganz hohe SS-Leute sind gekommen, um sich die Gaskammern anzuschauen, und waren damals bei uns im Block 12, also das heißt, noch im alten Lager, wo wir waren. Da ist gerade um diese Zeit das neue Krematorium, das eine, fertiggestellt worden.

Die waren bei uns im Block, da erinnere ich mich noch, da ist einer von denen - damals wußte ich die Namen genauer... Da waren die Totenzettel, die ausgestellt worden sind. Und die hat er sich angesehen, und dabei mußten [+ wir] immer die Todesursache draufschreiben. Das ist Herzschwäche bei Durchfall und all die Sachen, was immer da waren. Und da hat er gesagt, ob wir keine anderen Todesursachen kennen als diese da. Er hat sich den Block angesehen, und [+ sie] sind dann alle, das waren vielleicht sechs, sieben Mann, ins

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Würden Sie ins Mikrofon bitte sprechen.

 

Zeuge Daniel Bard:

Sechs, sieben Mann, die sind dann zum Krematorium rübergegangen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Woher wissen Sie das? Ist das nur eine Annahme von Ihnen, daß Eichmann dabei war, oder woher wissen Sie das, daß Eichmann dagewesen sein soll?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, weil es damals gesagt worden war, [von den] SDGs und [den] Ärzten. Wir haben den Besuch ja schon ein paar Tage vorher, eine Woche vorher, vorbereiten müssen, indem wir den Block ganz sauber [+ machten]. Es mußte alles ganz staubfrei gemacht werden da

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Ist der Name Eichmann damals gefallen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Der Name ist damals gefallen. Persönlich

 

Staatsanwalt Kügler [unterbricht]:

Als der Name eines der Besucher?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wie?

 

Staatsanwalt Kügler:

Als der Name eines der Besucher?

 

Zeuge Daniel Bard:

Eines der Besucher. Persönlich habe ich ja nicht gewußt, wer das ist. Aber das eine habe ich mir gemerkt. Und es waren noch andere hohe SS.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Keine Fragen mehr?

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Bard, eine Frage. Sie haben eben gesagt, daß Ihres Wissens die Tuben und Behälter von Medikamenten, und auch von Zahnpasta etwa, in Auschwitz aufgerissen wurden und nach Wertsachen untersucht wurden. Wurde das erzählt, oder haben Sie das selbst gesehen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, wir hatten ja die Verbindung. Wir sind oft zusammengekommen mit der Hauptapotheke, den Lagerhäftlingen. Und die haben das gesagt: Die Aufgabe ist, all diese Tuben zu durchsuchen und aufzumachen. Da waren ein paar bestimmte Leute dort vorhanden, die nichts anderes zu tun hatten als eben diese Tuben alle aufzumachen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Der reguläre Inhalt dieser Tuben, war der später noch verwendbar, zum Beispiel in der Apotheke, in der Regel? Oder mußten die dann weggeworfen werden?

 

Zeuge Daniel Bard:

Also das weiß ich nicht. Manchmal haben sie durchsucht, je nachdem. Wir haben ja das nie bekommen. Das waren ja meistens Schönheitsmittel, Zahnpasten und so, die wahrscheinlich weggeschmissen wurden alle.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Aha. Danke.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Frage mehr? Von seiten der Verteidigung? Doktor Laternser, Steinacker nicht? Bitte schön.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Herr Zeuge, Sie sagten uns vorhin, Sie hätten die SS-Führer, die Ärzte und sonstigen aus ungefähr 100 Metern auf der Rampe gesehen. Können Sie uns sagen, warum die Entfernung so weit war? Durften Sie nicht näher ran? Denn wenn man sich die Karte betrachtet, wenn Sie direkt an den Zaun gegangen wären, wären sie ja wohl etwas näher dran gewesen. Durften Sie das nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich im Lager, wir im Lager, die geblieben sind, wir konnten schon näher. Aber die waren nicht gerade immer in dem geraden Winkel von uns entfernt.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ah so. Sie haben dann schräg rüber gucken müssen?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wir konnten schräg oder so [+ gucken], manchmal waren die auch näher. Man konnte manchmal vielleicht auch näher gewesen sein, aber

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Aber weggejagt wurden Sie da nicht? Sie konnten sich innerhalb Ihres Lagers im Stacheldraht

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Also ich war überall, innerhalb des Lagers, weil im Lager selber ja nicht mehr viele drinnen waren. Die Transporte

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Also wenn die praktisch auf Ihrer Höhe gestanden hätten, hätten Sie sie auch näher sehen können?

 

Zeuge Daniel Bard:

Hat sich auch niemand gekümmert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Hat sich niemand darum gekümmert.

 

Zeuge Daniel Bard:

Niemand, weil auf der Rampe waren ja um diese Zeit auch Häftlinge vorhanden.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aha.

 

Zeuge Daniel Bard:

Gewisse Kommandos, die die Sachen abnehmen

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

»Kanada« wahrscheinlich.

 

Zeuge Daniel Bard:

»Kanada«. Die waren ja auch vorhanden dort. Ich meine, hat sie sich, die SS, nicht darum gekümmert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich [unterbricht]:

Also wenn Sie da gucken wollten, hat sich niemand um Sie gekümmert?

 

Zeuge Daniel Bard:

Niemand darum gekümmert.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Ja, danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Angeklagten? Doktor Capesius, Sie hatten keine Frage? [Pause] Ich habe Sie etwas gefragt, Herr Doktor Capesius. Haben Sie keine Frage?

 

Angeklagter Capesius:

Nein, ich habe keine Frage.

 

Vorsitzender Richter:

So. [Pause] Baretzki, ja, gehen Sie zum Mikrofon. [Pause]

Angeklagter Baretzki:

Herr Zeuge Bard, kennen Sie mich? [Pause] Sie müssen mich doch kennen.

 

Zeuge Daniel Bard:

Wie?

 

Angeklagter Baretzki:

Sie müssen mich doch kennen. Kennen Sie mich jetzt?

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Sie müssen mich auch kennen.

 

Angeklagter Baretzki:

Ich kenne Sie.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Kennen Sie mich? Ich bin der Blockführer Baretzki vom d-Lager. Sie müssen mich doch kennen, wir haben immer Rumänisch gesprochen. Können Sie sich nicht erinnern?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, Rumänisch bestimmt nicht, weil ich nicht Rumänisch kann.

 

Angeklagter Baretzki:

Sie waren doch Sanitäter da, bei uns im Block.

 

Zeuge Daniel Bard:

Sanitäter, ja, ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Im Block 31. Kennen Sie mich nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Doch, den Namen, ich erinnere mich. Aber wissen Sie, das kommt mir jetzt so [unverständlich] ich habe ja alle gekannt.

 

Angeklagter Baretzki:

Ja, Sie müssen mich doch gekannt haben.

 

Vorsitzender Richter:

Was haben Sie für eine Frage an den

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Sie sind doch täglich aus dem Lager zum f-Lager gegangen mit Kranken.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ich bin jeden Tag aus dem f-Lager, ja

 

Angeklagter Baretzki [unterbricht]:

Jeden Tag. Mit Kranken oder Toten

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Gehen Sie doch bitte ans Mikrofon, Herr Zeuge, ja?

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Sie haben doch jeden Morgen um zehn, halb elf die Kranken und die Toten zum f-Lager

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Bei Ihnen, da waren Sie in der Blockstube.

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl. Und da haben Sie wieder zurückgebracht die Gesunden jeden Tag. Sie kennen mich doch.

 

Zeuge Daniel Bard [unterbricht]:

Zurückgebracht, stimmt, ja, ja. Ja.

 

Angeklagter Baretzki:

Haben Sie einmal gehört, daß ich da einen Menschen totgeschlagen habe?

 

Zeuge Daniel Bard:

Von Ihnen?

 

Angeklagter Baretzki:

Daß ich Leute totgeschlagen im Lager?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, ich persönlich, das habe ich nicht gehört.

 

Angeklagter Baretzki:

Haben Sie das gehört oder gesehen, daß ich Leute totgeschlagen habe?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein.

 

Angeklagter Baretzki:

Haben Sie mal gehört, daß ich Leute [habe ertränken wollen] im Bassin?

 

Zeuge Daniel Bard:

Wie?

 

Angeklagter Baretzki:

Daß ich Leute in einem Bassin ertränkt habe? Da hätte ich doch die Leute wegschaffen müssen, wenn ich das gemacht hätte.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

[unverständlich] Quarantänelager.

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Er hat nicht verstanden.

 

Sprecher (nicht identifiziert):

Er hat es wahrscheinlich nicht verstanden, die Frage.

 

Vorsitzender Richter:

Also, Herr Zeuge, ich will es Ihnen sagen. Der Angeklagte fragt Sie, ob Sie einmal davon gehört hätten, daß er, der Baretzki, Menschen in einem Bassin ertränkt habe.

 

Zeuge Daniel Bard:

[Pause] Ich weiß es nicht. Nein, ich persönlich habe das nicht so gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat nichts gehört davon.

 

Angeklagter Baretzki:

Wenn ich so Leute ertränkt hätte, müssen die Leute doch fortfahren dann in den Krankenbau.

 

Zeuge Daniel Bard:

Ja, aber folgendes ist: Wenn die Kommandos herausgegangen sind, sind die oft zurückgekommen, die Toten an der Spitze jedes Kommandos, vor allem im alten Lager noch. Ich weiß ja nicht, waren Sie auch im alten Lager?

 

Angeklagter Baretzki:

Nein, im d-Lager.

 

Zeuge Daniel Bard:

Sie waren im d-Lager. Im alten Lager und im d- Lager ja auch dasselbe. Wenn die Kommandos herausgegangen sind, zum Beispiel ein Kommando hatte Häftlinge mit 35 Mann. Die sind oft zurückgekommen: vier Tote, fünf, sechs, sieben Schwerverletzte und so. Was mit denen im Kommando einzeln [+ passiert war], was die gemacht haben

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Geschehen war.

 

Zeuge Daniel Bard:

Und so, geschehen war, und wie die erschlagen wurden oder wie die erschossen wurden oder irgendwas - im Lager selber wußten wir es nicht. Und wir hatten nur dann die Meldung bekommen: soundso viele. Die wurden bei uns registriert und wurden dann herübergeschafft, die Kranken, die ich herüberbrachte dann ins f-Lager, zusammen. Aber wie, auf welche Art die am Kommando zugrunde gegangen sind oder erschlagen worden sind oder von denen die Mützen weggeschmissen worden [+ sind] und die »auf der Flucht« sozusagen erschossen wurden oder kaputtgeschlagen einfach mit Stöcken - das konnten wir im Lager selber nicht wissen, wer oder was.

Und man muß ja auch sagen, das ist täglich gewesen. Erst in den letzten Jahren dann, das heißt Ende 44 bis 45, hat sich die Situation gebessert. Damals, 42 und 43, waren täglich mindestens 15 Tote, die aus dem Kommando zurückgekommen sind, die erschlagen wurden und so weiter.

 

Vorsitzender Richter:

Also wie sie zugrunde gegangen sind, wissen Sie nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Nein, kann man nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie noch eine Frage, Baretzki?

 

Angeklagter Baretzki:

Jawohl. Aber wenn ich welche erschlagen hätte im Lager drin, da hätten Sie doch erfahren davon, nicht?

 

Zeuge Daniel Bard:

Im Lager drin, nein, weiß ich nicht, daß Sie jemanden erschlagen haben.

 

Angeklagter Baretzki:

Aber wenn ich welche erschlagen hätte, hätten Sie es doch erfahren ohne weiteres?

 

Zeuge Daniel Bard:

Hätte ich erfahren. Die SS haben im Lager zwar geschlagen, das heißt, die haben einem Ohrfeigen gegeben oder so. Es ist schon vorgekommen, daß einer mit kaputter... aber selten. Aber geschlagen wurde nur in der Art, ein paar Fußtritte und Ohrfeigen und so. Aber direkt, daß jemand im Lager erschlagen wurde, selten. Das meiste wurde auf dem Kommando gemacht.

 

Angeklagter Baretzki:

Danke schön, ich habe keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn keine Frage mehr ist an den Zeugen, dann frage ich: Werden zur Beeidigung des Zeugen irgendwelche Anträge gestellt? Keine Anträge. Herr Zeuge, können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Daniel Bard:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

- Schnitt -

 

 

 

 

 

 

 

1. Am 23.07.1942 traf der 8. Transport aus Frankreich mit 827 Juden in Auschwitz ein. Vgl. Czech, Kalendarium, S. 255.

2. Männerlager BIb.

3. Die Deportation der Juden aus Ungarn begann im Mai 1944.

4. Vgl. die »Aussage« des Zeugen Bard vom 16.05.1962, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 67, Bl. 12.432.

5. Vgl. die «Aussage» des Zeugen Bard vom 16.05.1962, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 67, Bl. 12.432.

 

 
 
 
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