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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

130. Verhandlungstag, 25.1.1965

 

Vernehmung des Zeugen Albert Badewitz

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie] damit einverstanden, daß wir Ihre Aufnahme auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Selbstverständlich.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Badewitz, Sie waren als Häftling dort. Und wann sind Sie denn hingekommen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ich kam von Mauthausen nach Auschwitz im Sommer.

 

Vorsitzender Richter:

Neunzehnhundert...?

 

Zeuge Albert Badewitz:

1940.

 

Vorsitzender Richter:

1940 bereits?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich dürfte wohl der letzte deutsche Auschwitzer der ersten zehntausend Nummern sein, als politischer Häftling.

 

Vorsitzender Richter:

Bereits 1940. Und wie lange sind Sie geblieben?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Bis 3. Juli 42, und dann kam ich wieder zurück nach Mauthausen-Gusen. [Pause]

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie mir bitte noch mal genau die Daten. Vom?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Von August 40 bis Anfang Juli 42, also knapp zwei Jahre.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie waren ein politischer Häftling und hatten dort einen roten Winkel.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie denn untergebracht in dieser Zeit?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Als wir zuerst nach Auschwitz kamen, wurde ich merkwürdigerweise - ich weiß auch heute noch nicht warum - am selben Tag wieder zurückgebracht ins Polizeigefängnis Beuthen. Ich war mit einem Transport gekommen mit zwei Dachauer Kameraden, wir waren aber in Zivil. Natürlich hatten wir aber keine Haare auf dem Kopf, die waren geschoren. Und die zwei Dachauer sind, wie ich dann später erfuhr, gestorben.

Und ich kam noch mal zurück ins Polizeigefängnis Beuthen und saß da ohne Vernehmung, ohne alles, und kam erst im Dezember wieder nach Auschwitz. Und dort kam ich zunächst in den Block - die Nummern haben sich ja nun leider geändert durch die Neubauten -, wenn man vor der Küche steht, auf der die neuen Meilensteine auf dem Dach zu sehen sind, links, also einen der 20er- Blöcke.

 

Vorsitzender Richter:

Könnten Sie es uns hier an der Karte zeigen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn Sie mal hingehen wollen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Hier an

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, das ist Birkenau. Dahinten ist Auschwitz.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Da. [Schritte] [Pause] Ja, ich muß erst mal sehen, wo der Eingang hier ist. Wo ist das Jourhaus?

 

Vorsitzender Richter:

Links unten, wo der schwarze Pfeil ist.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ah da, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Da war das Tor mit der Bezeichnung »Arbeit macht frei«.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja. Hier, in diesem Block, 17 hieß er früher. Die Nummern wurden ja geändert.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und der hieß zum Schluß?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das kann ich nicht mehr sagen, weil inzwischen doch die Neubauten dazukamen. Zum Beispiel hieß dieser Block am Anfang Block 9. Und das war der Block 3 hier hinten. Der ist 3 geblieben, durch die Reihe bis hinten nach 11. Und zu meiner Zeit waren aber 12 und 13 noch nicht da.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da unten dieser Block hieß damals wie?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Dieser hier?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das ist der Block 17.

 

Vorsitzender Richter:

Block 17. Ja, dann nehmen Sie bitte wieder Platz.

 

Da waren sie in Block 17. Und wie lange waren Sie dort?

 

Vorsitzender Richter:

In Block 17 war ich etwa zwei, drei Monate, und dann kamen wir auf den Block 6. Das ist der Block, der gleich hinter 9 liegt.

 

Vorsitzender Richter:

Block 6. Und dort blieben Sie wie lange?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Dort blieb ich ziemlich lange. [Pause] Ich glaube, bis in den Winter hinein.

 

Vorsitzender Richter:

Bis in den Winter 41 auf 42?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und kamen dann wohin?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Auf irgendeinen der Neubaublocks, die auf dem Appellplatz errichtet wurden. Die Nummer weiß ich heute nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Aber auch noch im Stammlager?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Im Stammlager. Ich war nie in Birkenau. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Nun, warum sind Sie eigentlich damals ins Konzentrationslager gekommen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, mein Vater war ein alter Liberaler, und ich war von derselben Richtung. Ich war auch in der Schufo des Reichsbanners gewesen. Und das erklärt sich dann. Ich hatte auch schon 35 einen Zusammenstoß mit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hatten Sie irgend mal eine Gerichtsverhandlung?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, 1935 im Februar.

 

Vorsitzender Richter:

1935, und zwar wo?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Oberlandesgericht Breslau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie kamen Sie damals nach Breslau? Waren Sie dort zu Hause?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, ich bin Görlitzer, aber das Oberlandesgericht war für mich zuständig. Damals war die Institution des Volksgerichtshofes noch nicht da. Sonst wäre ich wohl vor den Volksgerichtshof gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte man Ihnen damals vorgeworfen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, dort hat sich die Gestapo, wie man so sagt, selbst ins Bein geschnitten. Die wollten mir absolut nicht nur Vorbereitung zum Hochverrat, sondern Landesverrat anhängen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Aber das Glück war, daß die Richter am Oberlandesgericht Breslau alles andere als Nazis waren. Das Ding ging aus wie das Hornberger Schießen. Man mußte mich natürlich zu sechs Monaten wegen Fahrlässigkeit verurteilen, das war alles.

Und nach sechs Monaten glaubte ich, nun freizukommen. Aber der Tag meiner Entlassung war ein Sonntag, ich war schon in der Abgangszelle im Jugendgefängnis Kletschgau bei Breslau damals. Und dann wurde ich zu dem Regierungsrat oder was er war, also dem Leiter der Strafanstalt geführt. Und ich bekam offiziell meine Fahrkarte und mein Geld und so weiter, meine Zivilsachen. Aber im Vorzimmer wartete schon die Gestapo und brachte mich gleich - ich bin also von der Justiz formell entlassen worden - in das neu erbaute Polizeigefängnis Breslau.

Dort lag ich wieder sechs Wochen und hörte und sah nichts. Die Polizei dort war nett, es waren keine Prügler. »Was wird denn nun werden?« sagte ich. Und der Polizeibeamte, der auf meiner Etage Dienst hatte, sagte mir: »Ja, die hier liegen, kommen meistenteils nach Sachsenhausen.« Nun, ich hörte und sah nichts. Und eines Abends kam er um halb acht in meine Zelle und sagte: »Abziehen! Sachen mitnehmen!« Da sage ich: »Wo komme ich hin?« Da zuckt er die Achseln und sagte: »Aber es ist kein Gefängnistransport, der würde ja frühmorgens gehen. Es ist ein Herr in Zivil da.«

Und ich komme in das Zimmer, und da stellt sich mir der Sachverständige in meinem damaligen Prozeß vor - das war ein Major mit Namen Schniewind, er war aber in Zivil jetzt da. Er sagte: »Ich möchte Ihnen folgenden Vorschlag machen. Sie sprechen sehr gut Englisch, auch gut Französisch, und Ihr Beruf - haben Sie nicht Lust, Nachrichtenoffizier zu werden?« Was sollte ich nun tun? Ich sagte zuerst mal weder ja noch nein, ich sagte: »Ich muß mir das überlegen.« Dann sagt er: »Ist schon gut«, nimmt ebenfalls aus der Tasche heraus schon ein Billet nach meiner Heimatstadt Görlitz, also 160 Kilometer, und gab mir noch einen 50-Mark-Schein - war ja damals viel Geld - und ließ mich gehen. Sagt er: »Melden Sie sich bitte bei mir in 14 Tagen in der Karola-Kaserne 11 in Breslau.«

Gut, was sollte ich tun? Ich fuhr also erst mal auf den Bahnhof und habe mich erst mal anständig satt gegessen und setzte mich in den Zug und fuhr nach Görlitz. Aber da war die Odyssee noch nicht zu Ende. In Görlitz komme ich an, und wie ich durch die Sperre gehe, ist schon die Gestapo da und nimmt mich sofort in Empfang und steckt mich wieder ins Polizeigefängnis Görlitz. Da habe ich nun wieder sechs Wochen nichts gehört und nichts gesehen.

Auf einmal wurde ich plötzlich rausgeholt und wurde zum Gestapostellenleiter Weichert gebracht in der Augustastraße in Görlitz. Und er sagte mir: »Sie verdammtes Schwein, da haben Sie ja Glück gehabt. Sie fahren sofort nach Breslau und melden sich in der Kaserne 11.« Also hat damals die Reichswehr - es war ja noch keine Wehrmacht - über die Gestapo gesiegt gehabt. Ich bin nach Hause zu meinem Vater, der blind war, und habe gesagt: »Hör zu, Vater, entweder ich muß Offizier werden, oder ich muß ins Lager. Ich will keins von beiden.«

Und da bin ich wieder getürmt, und zwar ins Saargebiet. Und das Saargebiet war ja nun schon deutsch. Und jedenfalls habe ich mich verborgen gehalten, aber man hat mich natürlich doch erwischt. Und zwar hat man mich wieder zurücktransportiert nach Görlitz, wieder ins Polizeigefängnis. Aber ich bin nach acht Wochen entlassen worden mit der Auflage, mich beim Wehrbezirkskommando zu melden, inzwischen war die Wehrpflicht da. Und dann hat man mich vorläufig in Ruhe gelassen bis zu meiner erneuten Verhaftung im Sommer 39, als ich nach Mauthausen kam. Das ist also die Vorgeschichte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, Herr Badewitz, es ist hier behauptet worden, Sie seien im Konzentrationslager Auschwitz auch in Block 10 gewesen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, vielleicht darf ich das erklären. Ich war niemals, was man einen sogenannten Funktionshäftling nennt. Ich saß praktisch zwischen allen Stühlen. Das heißt, den ersten Tritt, den ich bekam, bekam ich vom Lagerältesten 1 Brodniewitsch, also einem »Grünen«, weil ich der erste »Rote« war, der erste mit rotem Winkel. Und zu den Polen hatte ich ja auch keinen Kontakt. Ich war also ganz heimatlos. Ich hatte keinerlei Unterstützung. Was wollte ich sagen? Ich will doch etwas Bestimmtes sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie Sie in den Block 10 gekommen wären.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ach so, ja. Zuerst war ich beim Ziegelräumkommando. Also alle Kommandos... Ich war immer am Rande eines »Muselmannes«. Ich war noch nicht direkt »Muselmann«, aber nicht mehr weit davon entfernt. Und so eines Morgens auch beim Arbeitskommando-Formieren - Es ist schwer, das hier so zu erklären, weil die Zeiten, die hier zur Sprache gekommen sind... Ab 62, da möchte ich sagen, war Auschwitz schon

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ab 42.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ab 42 war Auschwitz schon, das ist nicht zynisch gemeint, normalisiert. Das heißt, da war die Selektion, entweder sterben oder die Chance zum Überleben. Das gab es bei uns nicht. Wir hatten keinerlei Chance. Deswegen leben ja auch von den ersten Nummern nicht mehr viele.

Und eines Morgens auch beim Arbeitskommando-Formieren zum Beispiel stürzten sich die Kapos mit Knüppeln auf die Leute raus und formierten die Kommandos zusammen, die Restkommandos. Zum Beispiel wurde, wer Schuhe anhatte, rausgezogen und so weiter.

Und an diesem Morgen stand das Stehkommando - ich muß das wohl erklären. Das Stehkommando ist, abgesehen vom Holzhof-Muselmannkommando, dem ich auch angehörte, das letzte. Das heißt, die sind so schwach, die führt man schon gar nicht mehr raus, weil man weiß, man müßte sonst alle reintragen. Das ist zu umständlich. Wir brauchten für die kurze Strecke bis zum Holzhof - Sie werden es ja nun gesehen haben - fast eine dreiviertel Stunde. Das heißt, wenn wir beim Abendappell reinmarschierten, mußten wir schon eine Stunde vorher anfangen aufzustellen.

Nun marschierten wir ja in Fünferreihen, des Zählens wegen, am Tor. Immer 20 Fünferreihen ist eine Hundertschaft, damit das Zählen leichter war. Dann mußten also immer vier Häftlinge einen Toten tragen, damit das wieder eine Fünfergruppe ergab, des Zählens wegen. Aber trotzdem dauerte der Marsch so lange, weil von den vieren, die nun ihrerseits einen Toten trugen, wieder welche zusammenfielen. Da mußten also vom hinteren Ende wieder vier kommen, um den nun Umgefallenen zu tragen. Deswegen dauerte das sehr lange.

Und an diesem Morgen kam ich nicht mehr zum Holzhofkommando und verdrückte mich, wie man das im Lager ja so macht, zum Stehkommando. Und das Stehkommando stand zwischen Block 9 und Block 10. Und das Stehkommando ist also das letzte, das läßt man dann in der Dezemberkälte stehen, und da lebt eben abends nicht mehr viel beziehungsweise der Rest ist am nächsten Tag hin.

Und jetzt muß ich etwas erwähnen: Der Lagerälteste 2 war ein »Grüner«, wie üblich, Leo1. Der war aber kein Mörder, kein Totschläger. Und der kommt dort vorbei, sieht das, und in einer Anwandlung von Großzügigkeit oder Mitleid schickt er uns in den Block 10, in ein Zimmer des Blocks 10. Und die Scheiben zwischen Block 10 und 11 - also wir sagten nicht Schwarze Wand, sondern Schießstand - zum Schießstand zu waren aus Moiré- beziehungsweise Ornamentglas, sie waren also keinesfalls durchsichtig. Ich möchte das behaupten für den Zeitpunkt Ende November, Anfang Dezember 42. Wie es vorher war, weiß ich nicht.

 

Nun, ich sage immer, man muß, glaube ich, mit peinlichster Akribie an diese Dinge herangehen. Jetzt habe ich mir selbst die Frage vorgestellt, ob eventuell ein Nebenzimmer, eine andere Stube - es waren immer vier Stuben - nicht so verglast gewesen wäre. Aber das ist wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht anzunehmen. Sonst hätte sich ja diese Maßnahme in unserem Raum selbst ad absurdum geführt.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Jedenfalls in dem Zimmer, in dem Sie sich befunden haben - das war das erste Zimmer nach dem Eingang?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das kann ich gar nicht einmal sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Es war ein Zimmer, etwa in der Mitte. Unten waren schon Blenden da. Man konnte aber nichts erkennen, man konnte nur hören. Man hörte dieKleinkaliberschüsse und den Ausruf: »Die nächsten drei!« Das war zu hören. Man konnte aber nicht erkennen, wer schoß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Das war im Parterre?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja. Damals war der Block 10 ein Parterreblock. Diese Blocks sind alle erst später aufgestockt worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und da war das Fenster geschlossen oder verschraubt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja natürlich, vollkommen verschraubt, es konnte kein Mensch öffnen.

 

Vorsitzender Richter:

Konnte niemand öffnen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und es waren vor dem Fenster auch noch solche Blenden.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Unten. Später sind ja die Blenden dann ganz hochgezogen worden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, was hatten die Blenden überhaupt für einen Sinn, wenn man a) nicht durch das Fenster durchgucken konnte und b) die Blenden nur unten waren? Die haben doch nur einen Sinn, wenn sie hochgezogen sind.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Die Frage ist berechtigt. Ich glaube, man hat auch deshalb später die Blenden hochgezogen, weil ja mal eine Scheibe kaputtgehen konnte. Ist die einzige Erklärung dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie konnten aus diesem Raum nichts sehen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie bitte: In diesem Block waren damals schon die Frauen untergebracht?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, zu meiner Zeit nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das war 1942?

 

Zeuge Albert Badewitz:

41, Wende November zu Dezember.

 

Vorsitzender Richter:

November/Dezember 41. Und waren Sie da nur einmal drin oder öfter?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nur einmal. Ich habe zwar viel Leichen geräumt, aber aus dem Block 11 nur einmal.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Sie konnten also damals zwar die Schüsse hören, Sie konnten aber nichts sehen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Die Frauen kamen erst später hinein mit dem Professor Clauberg. Sie wissen ja, was da in diesem Block vorgegangen ist?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, das wird aber sicher nach meiner Zeit gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Ihrer Zeit. Wann sind Sie weggekommen, sagten Sie? Im Juli 42?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Am 3. Juli 42.

 

Vorsitzender Richter:

Am 3. Juli 42. Nun, das wäre an sich das Beweisthema. Aber ich hätte trotzdem noch verschiedene Fragen. Denn wenn Sie in dieser Zeit dort waren, scheint es mir doch wichtig zu sein, ob Sie uns das eine oder andere noch sagen können. Sagen Sie, Sie hatten niemals ein Kapoamt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ich war niemals Funktionshäftling.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren niemals Funktionshäftling. Womit wurden Sie denn beschäftigt? Also ursprünglich, sagten Sie, waren Sie bei dem Ziegelräumkommando, dann waren Sie beim Holzhofkommando, dann waren Sie bei dem Stehkommando. Und da waren Sie also schon so schwach, daß Sie, möchte ich fast sagen, an der äußersten Grenze des Lebens überhaupt standen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich war am Eingehen.

 

Vorsitzender Richter:

Wann hat sich denn das wieder geändert, wann sind Sie denn da wieder davongekommen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Durch einen Zufall. Nicht einmal ein Zufall. Der Sender in Auschwitz in der Kommandantur ging kaputt. Und ich habe praktisch mein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was war das, ein?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Der Sender, der 80-Meter-Band-Sender. Die Zentrale aller Konzentrationslager war bekanntlich Oranienburg-Sachsenhausen. Und die Lager untereinander standen im 81-Meter-Band im Verkehr.

 

Vorsitzender Richter:

Aha.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Und der Sender fiel aus. Und der Hauptscharführer Engelschall ging die Liste durch und fand mich als Deutschen. Und da hatte ich die Chance und konnte den Sender reparieren, das war natürlich wunderbar, und kam anschließend sofort in die Radiowerkstatt. Das war also praktisch eine Lebensrettung.

Und da wäre ich auch geblieben. Aber durch die Intrige des damaligen Elektrikerkapos Vogt oder Voigt - ist ein »Grüner« übrigens, der muß hier aus der Frankfurter Gegend [+ gewesen sein], er sprach Frankfurter Dialekt. Und Sie wissen, wie das ist, die Cliquenkämpfe. Die »Grünen« wollten natürlich vermeiden, daß ein »Roter« eventuell Kapo werden könnte. Und da hat man mich, wie man im Lagerjargon sagt, »verschanghait«.

Eines Morgens plötzlich wird meine Nummer aufgerufen, ich komme sofort ab in Quarantäne und gehe auf Transport. Warum? Weil die Schreibstube damals, das waren alles »Grüne«, das ließ sich leicht machen. Ich wurde also gegen irgendeinen inzwischen verstorbenen »Muselmann«. ausgetauscht und kam also wieder zurück nach Mauthausen-Gusen.

 

Vorsitzender Richter:

Und waren dort die Lebensbedingungen besser als in Auschwitz?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, genauso schlecht. Ich bin Ende Dezember weggekommen von Mauthausen-Gusen. Mir hat praktisch die Luftwaffe das Leben gerettet. Die forderten Hochfrequenzler an. Und ich stand schon zweimal auf dem Appellplatz in Gusen zum Transport, wurde aber jedesmal wieder zurückgestellt von dem Hauptsturmführer Chmilewski, weil ich ein sogenannter R.u.-Häftling war. Das heißt, auf dem Transport

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Rückkehr unerwünscht.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, sehr richtig. Ich war ein R.u.-Häftling. Aber trotzdem, die Luftwaffe forderte mich an, weil sie wenig Spezialisten hatte, und da hatte ich das Glück und kam nach Sachsenhausen-Oranienburg. Ich war selbst im Lager Sachsenhausen nur zwei Tage, die üblichen zwei Tage Quarantäne und Entlausung, und kam dann zu Heinkel.

Damit war praktisch meine Leidenszeit beendet. Aber ich hatte Löcher in den Beinen, Hundebisse, offene Beine und natürlich Wasser. Und sicher, der Hunger war groß, aber es schlug einen dort niemand mehr tot. Und dieser Tatsache habe ich überhaupt zu verdanken, daß ich heute noch hier sitze. Denn ich hätte in Mauthausen-Gusen vielleicht noch eine Woche gelebt, länger nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Nun sagen Sie mal, kennen Sie von diesen Angeklagten, die sich hier befinden, irgendwelche? Sie haben doch sicher die Namen schon in der Zeitung gelesen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich weiß es natürlich. Ich habe nur - ich weiß nicht, ob das bekannt ist inzwischen -, nicht von diesen Angeklagten hier, durch Zufall einen Massenmörder ausfindig gemacht, also einen Kumpanen. Das ist der Maximilian Pelz, genannt Tom- Mix. Im Komplex Sachsenhausen ist gegen ihn ermittelt worden, aber es ist nichts Bedeutendes zutage gekommen. Ich kenne ihn aber als Massenmörder von Auschwitz. Und ich muß ehrlich sein. Wenn ich nur den Namen Pelz allein gehört hätte, wüßte ich das heute auch nicht mehr. Aber sein Spitzname Tom-Mix, der mit durchging, der brachte ihn mir natürlich in Erinnerung.

Und es ist immer ungeheuer schwer. Sehen Sie, ein »Muselmann«. hat ja andere Sorgen, als sich um die Namen dieser Leute zu kümmern.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist klar.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das ist das Schwierige heute bei dieser Sache. Natürlich kennen wir vom Sehen die meisten. Inzwischen haben sie sich auch verändert. Sie haben einen Embonpoint oder sie haben eine Glatze. Jedenfalls haben sie sich derart verändert, daß sie ihrem Bild von früher nicht mehr gleichen.

Und es ist ja nun auch so: Wenn irgendeiner etwas tat, sagen wir, der schlug einen oder sonst etwas, dann versuchte man als »Muselmann«. so schnell wie möglich wegzukommen. Sonst lief man ja Gefahr

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Und sich nicht erst groß umzudrehen, wer das war.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das kann ich durchaus verstehen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Unsere Sorge war doch so groß. Ich weiß, auf dem Holzhof haben wir von den »Muselmännern«, die dort starben, die noch früh rausliefen, aber wir wußten, daß sie starben, ich erkläre das hier ganz offen, und die schon nicht mehr essen konnten und noch ein Stück Brot mit der Schnur um den Hals hatten, da haben wir von den Toten das Brot genommen. Das waren unsere Sorgen. Aber wir konnten nicht wissen, daß fast ein Vierteljahrhundert hinterher mal die Namen nun wichtig sind.

Und, ja, ich bin kompetent für Lagerführer [Fritzsch], Palitzsch, Arbeitsdienstführer Hössler und vor allen Dingen für den Sadisten Seidler, den ich dann später in Mauthausen-Gusen wiedergetroffen habe, Obersturmführer Seidler.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hatte der für ein Amt in Auschwitz?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Der war Lagerführer 1. Lagerführer 1 war [Fritzsch], Lagerführer 2 war Seidler.

 

Vorsitzender Richter:

Und Kaduk haben Sie dort nicht gekannt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Und Hofmann auch nicht?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das heißt, gekannt hat man sie alle, nur müssen Sie bitte meine Situation verstehen. Ich war immer mit Polen zusammen. Und die Polen haben sich unterhalten. Ich spreche nicht Polnisch, ich habe ein paar Brocken aufgeschnappt. Also weiß ich auch zum Teil nicht, wer die Namen sind. Man kannte sie nur, der Blockführer so oder der so. Aber die Namen, die konnte man nicht wissen.

 

Vorsitzender Richter:

Bednarek haben Sie auch nicht gesehen dort, Emil Bednarek?

 

Zeuge Albert Badewitz:

War nicht Bednarek der Blockälteste von Block 11?

 

Vorsitzender Richter:

Der war in Auschwitz 8a.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein. Zu welcher Zeit?

 

Vorsitzender Richter:

Moment. [Blättern] Das war ziemlich am Anfang, wie Bednarek dort war.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Da gab es aber noch kein 8a. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Von wann ab gab es denn 8a? Also Bednarek war zunächst Blockschreiber. Und dann, vom August etwa 1941 bis Anfang 42, war er Blockältester in Block 8 oder 8a. Er behauptet, in 8a.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Herr Vorsitzender, es würde die Sache vereinfachen, wenn ich seine Nummer wüßte. Dann könnte ich in etwa sagen, wann.

 

Richter Hotz:

[unverständlich] Soll er ihn auch identifizieren.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, können Sie denn sagen, wie er aussah ungefähr?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein. Aber wenn ich die Nummer wüßte, dann wüßte ich auch das Datum.

 

Vorsitzender Richter:

Ich möchte eigentlich doch, daß Sie mal sich die einzelnen Angeklagten ansehen, ob Sie doch den einen oder anderen vielleicht wiedererkennen. Ich bitte doch die Angeklagten, mal alle vorzutreten.

 

- Schnitt -

 

Zeuge Albert Badewitz:

Selbe Zeit wie ich. Wo waren Sie zuerst, in welchem Block?

 

- Schnitt -

 

Angeklagter Bednarek:

Auf Block 3, und dann war ich auf Block 7 Schreiber.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Meinen Sie den Block 3, der Block war also hinten.

 

Angeklagter Bednarek:

Ganz hinten, jawohl.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Was waren Sie dort?

 

Angeklagter Bednarek:

Nun, da war ich nur Schreiber.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Schreiber.

 

Angeklagter Bednarek:

Aber zuerst mal Stubendienst.

 

Zeuge Albert Badewitz [unterbricht]:

Aber sicher haben Sie... Sprechen Sie Polnisch?

 

Angeklagter Bednarek:

Ich spreche auch Polnisch.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, dann sind Sie für mich natürlich kein Begriff gewesen, dann fielen Sie bei mir unter [unverständlich] Da haben Sie ja Polnisch gesprochen.

 

Angeklagter Bednarek:

Block 8a war schon 41. Das war schon ein alter Block.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Wo soll der gewesen sein?

 

Angeklagter Bednarek:

8 und dann 8a. Hinter dem mittleren Bau, gegenüber der Küche, wo ein Neubau

 

Zeuge Albert Badewitz [unterbricht]:

Wenn Sie vor der Küche stehen, war der rechte Block der Block 9.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Die anderen Angeklagten bitte ich, mal wieder Platz zu nehmen.

 

Bednarek gehen Sie mal hintenhin an die Tafel und zeigen Sie mal, wo das gewesen sein soll. [Pause]

 

Angeklagter Bednarek:

Hier war Block 8, vorne Eingang, und bei Block 8a war der Eingang von der Seite.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja nun, das wurde bei uns dann aber trotzdem immer als Block 8, genau wie hier 17, bezeichnet. Sie sehen jetzt auch nicht a da, Sie meinen Flügel. Das ist nicht Block.

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, Parterre, also Stockwerk.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, das ist ein Flügel. Aber die Blocknummer war immer 8.

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, Block 8a war Parterre, Stockwerk.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das ist der Flügel. Denn auch hier der Block 17, unten und oben - das war mein Anfangsblock -, der hieß nur Block 17.

 

Angeklagter Bednarek:

Bei mir hieß es Block 8a.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Dann nehmen Sie bitte beide wieder Platz. Sie haben auf einen Angeklagten gezeigt, der heißt mit Namen Dylewski und war bei der Politischen Abteilung. Haben Sie mit dem irgendwas zu tun gehabt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, ich kann mich nur an das Gesicht erinnern. Ich war einmal bei der Politischen Abteilung zur Vernehmung, einer völlig normalen Vernehmung. Ich wurde weder gefoltert noch sonst irgendwas.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie auch einmal in dem Krankenbau?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, da haben wir einen großen Bogen drum gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie einmal in dem Bunker gesessen, im Arrestlokal?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, nein.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ich habe zwar am »Pfahl« gehangen und bin auch über den »Bock« gegangen, aber in Mauthausen, nicht in Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht in Auschwitz.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Wie gesagt, ich bin eben mehr kompetent für die Zeit von [Fritzsch] und Palitzsch, Hössler und vor allen Dingen Seidler. Also ich kann da wenig Konkretes sagen.

 

Ich sagte Ihnen ja, ich war Jahre hindurch »Muselmann«. Und die einzige Sorge war, wenn man das hier so sagen muß, das Fressen, um zu überleben. Denn ich wog niemals während meiner ganzen sechseinhalb Jahre Lager über 100 Pfund.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, ich halte das für durchaus glaubhaft, Herr Zeuge. Es steht allerdings im Widerspruch zu manchen Zeugenaussagen, die hier aus dieser Zeit sehr konkretes Wissen gehabt haben, obwohl es ihnen gar nicht besser ging als Ihnen auch.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, aber jedenfalls zum Zeitpunkt November/Dezember war von Block 10 aus niemals die Möglichkeit einer Einsicht zum Schießstand gegeben. Wir sagten Schießstand, nicht Schwarze Wand.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das war in dem Raum, wo Sie waren.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja. Aber es ist doch wohl nicht anzunehmen, daß in andern

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ob es im ersten Stock anders war, das müssen wir dahingestellt sein lassen.

 

Zeuge Albert Badewitz [unterbricht]:

Aber da würde sich doch die ganze Maßnahme als solche ad absurdum führen. Ich meine, wenn man ein Zimmer verblendet, müßte man doch die anderen auch verblenden.

 

Vorsitzender Richter:

Na ja. Sind keine Fragen mehr an den Zeugen? Von seiten des Gerichts? Bitte? Die Häftlingsnummer. Welche Häftlingsnummer hatten Sie?

 

Zeuge Albert Badewitz:

1.305.

 

Vorsitzender Richter:

1.305. Sonst noch eine Frage? Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Badewitz, aus Ihrem Lageraufenthalt ergibt sich, daß Sie während der Neubauten im Lager waren. Haben Sie eine Erinnerung noch da dran?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Neubauten auf dem Appellplatz?

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja, die meine ich.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, Erinnerung welcher Art?

 

Staatsanwalt Wiese:

An die Baugruben und ob in den Baugruben Wasser war.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich bin schon mal danach gefragt worden.

 

Staatsanwalt Wiese:

Von wem?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Von einem Anwalt. Und zwar folgendermaßen: Ich lag im August vorigen Jahres mit Beinbruch [+ im Bett] und hatte viel Zeit zu lesen. Und da las ich die Zeugenaussagen mancher Häftlinge, die einfach nicht stimmen konnten, und wandte mich daraufhin an den Anwalt und sagte: »Hören Sie, es geht mir nicht darum, etwa diese Leute zu schützen. Aber im Interesse der Objektivität möchte ich Ihnen sagen, so kann das nicht gewesen sein. Und ich tue das vor allen Dingen im Hinblick darauf, weil unsere Gegner ja nur darauf warten, wenn irgend durch Erinnerungslücken und so weiter Zeugenaussagen nicht ganz richtig sein können, um dann zu verallgemeinern und zu sagen, was die sagen, stimmt ja alles nicht.«

 

Vorsitzender Richter:

Das haben Sie also in der Zeitung gelesen. Und dann sind Sie zu einem Anwalt hingegangen und haben das gesagt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich habe mich erkundigt, wer da zuständig sei. Ich weiß auch jetzt nicht mehr, welche Aussage es war. Und dann war es eben der Anwalt Herr Doktor Erhard.

 

Und der hat mich dann am Krankenbett besucht, und da habe ich ihm das gesagt: »Das kann einfach nicht stimmen, wenn behauptet wird, daß nach meiner Zeit«... Man müßte dann höchstens die Blenden wieder weggenommen haben. Aber das ist doch unwahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Badewitz, mir ging es um die Baugruben und das Wasser da drin.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja. Natürlich war mal Wasser drin, oder auch mal nicht. In eine der Baugruben wurde ich selbst mit hineingetrieben an einem Nachmittag. Da sah ich zum ersten Mal seit Jahren eine adrett angezogene Frau im Kostüm, also eine Frau eines SS-Offiziers. Und da trieben die, was weiß ich, 100, 200 von uns in die Grube, und wir mußten schaufeln, und das wurde gefilmt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Wie tief waren denn die Baugruben?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Zwischen zweieinhalb und vier Meter etwa.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Eine andere Frage noch, Herr Badewitz. Sie haben Ihr Ankunftsdatum in Auschwitz mit Sommer 40 angegeben.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Staatsanwalt Wiese:

Nach den Unterlagen in Arolsen über Sie war das erst im Februar 41.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, das stimmt nicht. Ich bin, wie ich eingangs erklärte, noch mal ins Polizeigefängnis nach Beuthen zurückgekommen. Ich weiß heute noch nicht, warum.

 

Staatsanwalt Wiese:

Wie lange waren Sie in Beuthen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Bis Dezember.

 

Vorsitzender Richter:

Bis Dezember 40, sagten Sie.

 

Staatsanwalt Wiese:

Bis Dezember. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, aber doch noch etwas, Herr Badewitz.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, bitte.

 

Vorsitzender Richter:

Wie war das mit den Baugruben? Sie sagten, da war mal Wasser drin, war mal kein Wasser drin. War das Wasser so tief, daß da ein Mensch drin ertrinken konnte unter Umständen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Sehen Sie, es ist wieder dasselbe: Darum kümmerten wir uns doch gar nicht, das lag doch außerhalb jeglichen Interesses für uns.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mal erlebt, daß Leute da reingejagt worden sind und nicht mehr rausgekommen sind?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Auch wenn sie reingejagt worden sind, dann hätte ich mich auf dem Absatz umgedreht und wäre weg. Nichts wie weg, sonst wäre ich mit dazugekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Ich meine, daß Sie auch mal dabeigewesen sind vielleicht.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren nicht dabei.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein. Wie gesagt, und wenn ich das gesehen hätte, hätte ich mich sofort [+ verdrückt]. »Weg, weg, nichts wie weg, sonst kommen Sie mit.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das glaube ich Ihnen.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ist das gleiche Schicksal.

 

Vorsitzender Richter:

Das glaube ich Ihnen. [Pause] Herr Rechtsanwalt Raabe.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Herr Zeuge, welcher konkrete Sachverhalt wurde Ihnen bei Ihrem Verfahren in Breslau vorgeworfen vor dem Oberlandesgericht?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Landesverrat.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ich meine, welcher konkrete Sachverhalt, was wurde da gesagt? Das ist jetzt ja nur ein Rechtsbegriff. Was wurde Ihnen damals vorgeworfen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, also ich bin damals, wie gesagt, emigriert, war im Saargebiet und habe den Fehler begangen und bin mit einem Emigrantenpaß nach Frankreich, ohne mir ein Visum zu beschaffen. Und die Franzosen haben mich natürlich in Metz sofort eingesperrt und

 

Nebenklagevertreter Raabe [unterbricht]:

Wann war denn das?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das war [Pause] genau im September 34. Und die Franzosen haben mich eingesperrt und bewogen mich nun, Landesverrat gegen Deutschland zu betreiben. Ich sollte also nach Saarbrücken zurückfahren mit irgendwelchen Instruktionen und so weiter und so weiter.

Ich bin zum Schein darauf eingegangen und bin sofort nach Deutschland zurück, trotzdem ich wußte, daß ich nun wegen Hochverrats eingesperrt werden würde. Und ich habe mich sogar hier in Frankfurt am Main bei der Gestapo gemeldet, vielleicht sind diese Akten noch da. Hier bin ich verhaftet worden am 1. Oktober 1934, kam ultimo 34 auf Transport über Halle, Sagan nach dem Oberlandesgericht Breslau und bin am 14. Februar in Breslau verurteilt worden zu sechs Monaten.

Ich meine, bei den Nazis dürfte das wohl der einzige Landesverratsprozeß gewesen sein, der mit sechs Monaten geendet hat. Denn dann war doch lebenslänglich oder Todesstrafe obligatorisch.

 

Vorsitzender Richter:

Waren Sie denn wegen Landesverrats, nicht wegen Hochverrats verurteilt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Das ist so, die Heimat-Gestapo, an der liegt ja alles. Vor allen Dingen mein Vater war ihr großer Feind. Und das wollten sie an mir auslassen. Mein Vater war blind, alleinstehend.

Die Heimat-Gestapo hat gesagt, wenn wir den jetzt der Vorbereitung zum Hochverrat [+ anklagen], da kriegt er nicht viel. Er ist 21 Jahre alt, was werden sie ihm schon geben. Der war aber in Metz, hängen wir ihm Landesverrat an. Und das ist natürlich ausgegangen, wie ich schon sagte, wie das Hornberger Schießen. Ich hatte ja keinen Landesverrat begangen, im Gegenteil. Das hat ja auch der Major Schniewind hervorgehoben, daß ich mich vorbildlich verhalten habe, daß ich trotz der Gefahr, wegen Hochverrats bestraft zu werden, nach Deutschland zurückkam. Weil ich mir sagte, Landesverrat, davon will ich nichts wissen, das ist auch zu gefährlich. Hochverrat ja, Landesverrat nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann eine weitere Frage, Herr Zeuge. Sie berichteten dann von mehreren Verhaftungen, die sich nach Ihrer sechsmonatigen Gefängnishaft anschlossen. Was wurde Ihnen denn damals erzählt? Was waren denn das für Gründe?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, entschuldigen Sie bitte, die Gestapo hat es gar nicht nötig, Sie nach Gründen zu fragen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Es wurden keine Gründe mitgeteilt.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Dann eine weitere Frage: Haben Sie in Frankfurt einen festen Wohnsitz?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sind Sie Ingenieur?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Was für ein Ingenieur?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Hochfrequenz.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Hochfrequenz. Haben Sie eine feste Anstellung in Frankfurt?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, das ist so, ich wollte bereits am 20. Oktober nach den USA auswandern. Die Papiere sind alle fertig. Aber meine Lunge ist nicht in Ordnung. Jetzt habe ich zwölf Schichtaufnahmen bekommen im Dezember, und die Lunge ist noch nicht in Ordnung. Und die nächsten Aufnahmen sollen im April stattfinden.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja. Dann eine letzte Frage. Sind Sie außer wegen dieses Landesverrats sonst noch bestraft worden? Haben Sie weitere Vorstrafen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, drei Geldstrafen habe ich gehabt. Da ist das Gewerbeamt Amok gelaufen.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Sonst nichts?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Bitte. Also die Geldstrafen waren 30, 40 und 50 Mark.

 

Vorsitzender Richter:

Von seiten der Verteidigung, Herr Rechtsanwalt Erhard, keine Fragen mehr? Herr Doktor Stolting II.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, Sie sagten, wenn ich Sie recht verstanden habe, Sie hätten die Häftlingsnummer 1.305 gehabt.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie die in Auschwitz bekommen?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

Verteidiger Stolting II:

Ist die irgendwie eintätowiert?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Bitte? Nein, der Reichsdeutsche durfte überhaupt nicht tätowiert werden.

 

Verteidiger Stolting II:

Dann möchte ich Ihnen mal vorhalten, daß der Angeklagte Bednarek, der zwei Monate vor Ihnen nach Auschwitz gekommen ist, die Häftlingsnummer 1.325 hatte.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Eintätowiert?

 

Angeklagter Bednarek:

Nein, nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Nein, auch nicht eintätowiert.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, natürlich nicht.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Aber er hat 1.325.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Bitte?

 

Verteidiger Stolting II:

Er hat 1.325 nach seiner Einlassung.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja, ich kann nicht verstehen. Ist sie eintätowiert oder nicht?

 

Verteidiger Stolting II:

Nein, nein, nein.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Und was ist bitte mit der Frage?

 

Verteidiger Stolting II:

Sie sind doch im August gekommen, und er ist im Juni gekommen. Ich nehme ja nicht an, daß die Nummern rückwärts gegeben worden sind, sondern von vorne.

 

Zeuge Albert Badewitz [unterbricht]:

Ja, dann kann es auch Juli gewesen sein. Also so genau kann ich mich nicht festlegen.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Kann es auch sein, daß Sie vor Juni hingekommen sind?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nein, nein. Nein, auf keinen Fall. Wie gesagt, ich wurde dann wieder zurück

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Das genügt mir.

 

Zeuge Albert Badewitz:

Nach Beuthen gebracht.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst sind keine Fragen mehr zu stellen? Auch von den Angeklagten nicht.

Können Sie das, was Sie uns gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

 

Zeuge Albert Badewitz:

Ja.

 

- Schnitt -

 

 

1. Häftling Leo Wietschorek, H.-Nr. 30.

 

 
 
 
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