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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

126. Verhandlungstag, 11.1.1965

 

Vernehmung der Zeugin Margareta Armbruster

 

Vorsitzender Richter:

Schwester, Sie sind uns benannt worden dafür, daß Sie in dem Konzentrationslager Ravensbrück tätig waren, und zwar im Krankenbau 1. Stimmt das?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Im Revier I, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Revier I.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wann Sie dorthin gekommen sind?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, ich bin am 30. November 43 nach Ravensbrück gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

30. November 43.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich war aber nicht gleich im Revier. Ich war bei Außenarbeiten erst, drei Wochen.

 

Vorsitzender Richter:

Das letzte habe ich nicht verstanden.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich war zuerst drei Wochen in Außenarbeit.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und warum sind Sie denn dort hingekommen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich war in der ambulanten Krankenpflege in Karlsruhe tätig. Und da hatte ich zwei alte Damen, die sehr ängstlich waren. Und da haben sie mir einmal einen Bericht gezeigt aus der Zeitung, wie die Russen kämen und wie grausam sie wären. Und dann habe ich ihnen im Scherz halt gesagt: Wir brauchen keine Angst haben vor den Russen, wenn es schiefgeht, wird Baden französisch.

 

Vorsitzender Richter:

Wie? Wenn es schiefgeht, dann?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Wenn es schiefgeht, wird Baden französisch.

 

Vorsitzender Richter:

Wird Baden französisch, ja. Und daraufhin sind Sie ins Konzentrationslager gegangen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein, nicht gleich. Erst nach einem Vierteljahr wurde ich von der Gestapo verhaftet. Die Leute haben das Nachbarsleuten erzählt, die scheinbar PG waren. Und nach einem Vierteljahr wurde ich von der Gestapo abgeholt. Ich wußte erst überhaupt nicht, warum. Man hatte mir allerhand noch untergeschoben, aber zuletzt kam ich dann doch drauf, daß es wegen dieser Bemerkung war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie waren damals schon Ordensschwester?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und kamen dann, wie Sie eben sagten, im November 44, in das Lager?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, ich war erst im Gefängnis, 16 Wochen, in Karlsruhe.

 

Vorsitzender Richter:

Aha. Und kamen dann am 30.11.43

Zeugin Margareta Armbruster:

Nach Ravensbrück, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Ravensbrück und blieben dort bis zur Auflösung?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, ich habe das Ende vom Lager mitgemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben das Ende vom Lager mitgemacht.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie sind in Ravensbrück ebenfalls wieder als Häftlingsschwester eingesetzt gewesen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, nach drei Wochen wurde ich ausgesucht und kam dann ins Revier I. Erst nach Block 10 und dann Revier I.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie dorthin kamen, war da der Herr Doktor Lucas schon in dem Lager?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein, er war noch nicht da.

 

Vorsitzender Richter:

Wann ist er denn ungefähr gekommen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich glaube, Dezember 44 erst.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten bei Ihrer Vernehmung in Heidelberg einmal gemeint, es sei schon im November 44 gewesen.1

Zeugin Margareta Armbruster:

Das kann ich nicht genau sagen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann er gekommen ist, aber er war nicht lange da.

 

Vorsitzender Richter:

Er war nicht lange da.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein.

 

 

Vorsitzender Richter:

Also Sie halten es für möglich, daß er im November

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Es könnte Ende November, Anfang Dezember gewesen sein, um diese Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Und er war dort tätig als Lagerarzt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Aber nicht als leitender Arzt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein, nein, das war Doktor Treite.

 

Vorsitzender Richter:

Das war der Doktor Treite. Und dieser Doktor Treite, war das der oberste Arzt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, also im Lager war er der oberste. Aber über ihm stand scheinbar noch Doktor Trommer.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war das für ein Arzt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das weiß ich nicht genau. Der kam immer ab und zu mal, und der hat scheinbar wieder neue Angaben gemacht über die...

 

Vorsitzender Richter:

Wäre es vielleicht möglich gewesen, daß Doktor Trommer der Standortarzt war, der Doktor Treite der Lagerarzt

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Ich glaube. Ja, der war Lagerarzt, Doktor Treite.

 

Vorsitzender Richter:

Er war Lagerarzt und der Doktor Lucas Revierarzt, oder wie man das nennt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Revierarzt, ja. Also den Grad habe ich nie gewußt.

 

Vorsitzender Richter:

Der Doktor Trommer hatte seinen Sitz nicht in Ravensbrück?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein, der kam bloß ab und zu.

 

Vorsitzender Richter:

Der kam nur ab und zu. Und wie lang blieb denn Doktor Lucas ungefähr in dem Lager?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das kann ich nicht genau sagen. Ich habe es mir nicht notiert.

 

Vorsitzender Richter:

Aber über Weihnachten war es gewesen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, über Weihnachten war es. Und da hat er eine Blinddarmoperation gemacht, an Weihnachten.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie, haben Sie noch im Gedächtnis?

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Das weiß ich ganz genau.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Es kann ja da nicht mehr sehr lang gewesen sein, denn im Mai 45 war ohnehin der Krieg zu Ende, und da wurden ja die

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Am 28. war das Lager fertig. Da ging die SS weg. Da hat sie alle Insassen, also alle, die laufen konnten, aus dem Lager getrieben.

 

Vorsitzender Richter:

Am 28. welchen Monats?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

April.

 

Vorsitzender Richter:

April.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja. Da war aber Doktor Lucas nicht mehr da.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht mehr da. Sie hatten einmal gemeint, er sei im Frühjahr 45 weggekommen aus dem Lager.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo er da hingekommen ist?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das wußten wir nicht richtig. Wir haben nur gehört, er käme nach Mauthausen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie gehört. Und im Lager schon gehört damals?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Im Lager hat man das gemunkelt.

 

Vorsitzender Richter:

Hat man das gemunkelt. Aber Sie können es natürlich nicht nachprüfen.

 

Nun, Schwester, wäre es für uns von Interesse, einmal zu wissen, wie sich der Herr Doktor Lucas gegenüber den Gefangenen betragen hat und wie er seinen Pflichten als Arzt nachgekommen ist.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Doktor Lucas war der einzige Arzt, der uns als Menschen behandelt hat. Die anderen haben uns nur als Nummern behandelt.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Arzt, hat er da seine Pflicht getan?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, er kam mehr, als nötig war. Und ich erinnere mich an eine Frau, die den Arm gebrochen hatte. Und da ist er gekommen, hat den Arm eingerichtet, hat die Schiene richtig hingemacht. Und er ist ein paarmal gekommen und hat sogar nachgeschaut, was ein anderer Arzt nie getan hätte. Und er hat mir noch Tabletten gegeben, dieser Frau die Schmerzen zu lindern. Wir hatten ja nix.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und diese Tabletten zum Schmerzlindern wurden auch sonst nicht gegeben?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein, wir hatten ja nix.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten nichts.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Sulfonamide gab es ab und zu mal. Aber sonst...

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Wissen Sie auch etwas davon, daß er Medikamente beschafft hat?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das weiß ich ja nicht. Wir haben da ja nichts

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Das wissen Sie nicht. Und wissen Sie, ob er sich beteiligt hat an Selektionen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

In der Zeit waren die Sterilisationen. Aber ich weiß nicht mehr. Wir haben da keinen Zutritt gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Sterilisationen?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Sterilisationen

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Nein, ich meinte jetzt Selektionen zunächst. Das sind also Auswahlen von Menschen, die vergast werden sollen.

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Ja, da war er, glaube ich, noch nicht da. Selektionen, glaube ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das glauben Sie nicht.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das glaube ich nicht, nein. Das hat meistens Doktor Winkelmann gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Winkelmann hat das gemacht.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ist Ihnen denn bekannt, daß dort in Ravensbrück Menschen vergast worden sind?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das ist Ihnen bekannt?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war das schon in der Zeit, als Doktor Lucas noch da war, oder war das erst

 

Zeugin Margareta Armbruster [unterbricht]:

Ja, wir waren von November/Dezember 44 an Vernichtungslager. Als Auschwitz aufgelöst worden ist, dann waren wir Vernichtungslager. Da sind laufend die Häftlinge ausgesucht worden. Sie sind zum Beispiel von den Fabriken zurückgekommen, halbtot. Und dann sind sie alle gleich in die Gaskammer gekommen, alle abtransportiert worden.

 

Vorsitzender Richter:

Uns hat vorhin ein Zeuge gesagt, der Doktor Lucas hätte sich einmal geäußert: »Die Methoden von Auschwitz mache ich hier nicht mit.«

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich habe das nicht gehört. Aber wir haben gemerkt, daß es ihm nicht gepaßt hat in Ravensbrück.

 

Vorsitzender Richter:

Es hat ihm nicht gepaßt in Ravensbrück.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er sich fortgemeldet hat?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das weiß ich ja nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Wissen Sie, ob er eine Auseinandersetzung mit dem Doktor Treite oder mit dem Doktor Trommer hatte wegen seiner Einstellung?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das können wir nicht beurteilen.

 

Vorsitzender Richter:

Das können Sie nicht beurteilen.

 

Sind noch Fragen von seiten des Gerichts? Nein. Von seiten der Staatsanwaltschaft? Herr Rechtsanwalt Raabe? Herr Rechtsanwalt Aschenauer? Der Doktor Lucas?

 

Angeklagter Lucas:

[unverständlich] ob die Patientin sich an 20 polnische Ordensschwestern erinnert.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ich war als Häftling dort, ich hatte ja keine Tracht.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten keine Tracht.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie aber, ob dort in diesem Revier 20 polnische Ordensschwestern waren?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja, die waren da. Da sind sogar noch mehr gewesen, bloß nicht im Revier.

 

Vorsitzender Richter:

Bloß nicht im Revier?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Da sind einmal 80 gekommen von...

 

Vorsitzender Richter:

Von Polen.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Warschau.

 

Vorsitzender Richter:

Von Warschau.

 

Angeklagter Lucas:

Und waren die entlassen worden?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Die sind entlassen worden, ja, nach Bayern.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Schon früher.

 

Vorsitzender Richter:

War er da schon da, der Doktor Lucas?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das kann sein, ich weiß es nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht mehr.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

An die Zeit kann ich mich nicht mehr erinnern, aber die sind wieder weggekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie eine Ahnung, ob Doktor Lucas das erwirkt hat, daß die weggekommen sind?

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Das weiß ich auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Noch eine Frage? Nein.

 

Schwester, wenn Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören können, dann müssen Sie jetzt den Eid leisten.

 

Zeugin Margareta Armbruster:

Ja.

 

 

- Schnitt -

 

 

 

 

1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 28.01.1963 in Heidelberg, Anlage 2 zum Protokoll vom 03.12.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 105.

 

 

 
 
 
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