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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

91. Verhandlungstag, 18.9.1964

 

Vernehmung des Zeugen Felix Amann

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar weshalb?

 

Zeuge Felix Amann:

Wegen Landesverrats.

 

Vorsitzender Richter:

Wegen militärischen Landesverrats, Anstiftung zu gemeinsamem Diebstahl, Hehlerei, Urkundenfälschung. Stimmt es?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und Sie haben damals bekommen?

 

Zeuge Felix Amann:

Acht Jahre Zuchthaus.

 

Vorsitzender Richter:

Und die haben Sie verbüßt?

 

Zeuge Felix Amann:

In Kassel, Wehlheiden.

 

Vorsitzender Richter:

Bis zum?

 

Zeuge Felix Amann:

Bis zum 4. November 1937.

 

Vorsitzender Richter:

4. November 1937. Wurden Sie dann entlassen?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich wurde überführt nach Halle zur Gestapo, und dann kam ich im Dezember nach Buchenwald.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Buchenwald. Und blieben dort bis wann?

 

Zeuge Felix Amann:

Bis September 1942.

 

Vorsitzender Richter:

42. Und was stand auf Ihrem Schutzhaftbefehl?

 

Zeuge Felix Amann:

Wegen der Gefahr staatsfeindlicher Betätigung.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagten, im September 42 kamen Sie weg aus Buchenwald, und wohin?

 

Zeuge Felix Amann:

Nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Und blieben in Auschwitz bis wann?

 

Zeuge Felix Amann:

Bis zum 18. Januar 1945.

 

 

Vorsitzender Richter:

Also bis zu diesem Marsch nach Groß-Rosen?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Nein, nach Mauthausen.

 

Vorsitzender Richter:

Nach Mauthausen. Herr Zeuge, was für einen Winkel haben Sie getragen?

 

Zeuge Felix Amann:

Einen roten Winkel.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo waren Sie untergebracht?

 

Zeuge Felix Amann:

In Auschwitz war ich erst in Block 6a, im Zugangsblock.

 

Vorsitzender Richter:

Im Stammlager?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Dann kam ich nach Block 3 zur Desinfektion. Von dort wurde ich kommandiert nach Birkenau ins Zigeunerlager. Und da mußte ich die erste Zeit jeden [+ Tag] früh von Auschwitz nach Birkenau und abends wieder zurück, bis... Na ja, im Laufe des Jahres wurde ich dann dauernd kommandiert nach Birkenau.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war Ihr Vorgesetzter?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Mein Vorgesetzter war der Oberscharführer Klehr.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Von wann bis wann, Herr Zeuge?

 

Zeuge Felix Amann:

Na, von der Desinfektion, als ich in Auschwitz zur Desinfektion kam, bis zum Schluß.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun, da kommt es uns ziemlich drauf an. Wann kamen Sie zur Desinfektion, würden Sie mir das noch mal sagen?

 

Zeuge Felix Amann:

Das war ungefähr im Oktober 42.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, sind Sie damit einverstanden, daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeuge Felix Amann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie kamen im Oktober 42 zur Desinfektion?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Also im September kamen Sie hin nach Auschwitz, waren dort zunächst im Block...

 

 

Zeuge Felix Amann:

6a.

 

Vorsitzender Richter:

6a und kamen im Oktober 42 zur Desinfektion. Haben Sie da Ihre Unterkunft gewechselt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wohin kamen Sie?

 

Zeuge Felix Amann:

Nach Block 3.

 

Vorsitzender Richter:

Block 3. Und Klehr war Ihr Vorgesetzter?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, Herr Zeuge, ob Klehr in dieser Zeit, als Sie dort hinkamen, das heißt im Oktober 42, noch Sanitätsdienstgrad im Krankenbau war?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein, ich weiß nur, daß er Desinfektor war.

 

Vorsitzender Richter:

Sie wissen, daß er Desinfektor war?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wer war denn von SS-Leuten weiterhin noch bei der Desinfektion eingeteilt?

 

Zeuge Felix Amann:

Da waren verschiedene, das hat öfters gewechselt. Also die, die bei mir mit waren. Ich hatte einen ständigen Begleiter immer im Lager, weil ich in verschiedene Lager mußte zum Entlausen, auch in die Nebenlager.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß der ständige Begleiter?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, da war einmal ein Scharführer Stockert.

 

Vorsitzender Richter:

Stockert.

 

Zeuge Felix Amann:

Dann war Rottenführer Chaimies.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß der?

 

Zeuge Felix Amann:

Chaimies. Viktor Chaimies. Der war zum Schluß noch da. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Chaimies. Ja.

 

Zeuge Felix Amann:

Dann war einer mit Namen Hagen. [Pause] Wie der mit Vornamen hieß, weiß ich nicht mehr. Dann war ein Rumäne, der hieß Hans Graf.

 

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch einen namens Koch gekannt?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Einen namens Theuer?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht. Nun, Herr Zeuge, würde es uns mal interessieren, was Sie als Desinfektor gemacht haben.

 

Zeuge Felix Amann:

Ich habe als Desinfektor die Leute entlaust in der Desinfektionsanstalt. Also erst hatten wir die fahrbaren Desinfektionswagen mit Dampf. Und später, da wurde im Zigeunerlager eine Entlausung gebaut mit Elektrisch, also wo die Heißluftkammern elektrisch betrieben wurden. In Auschwitz im Stammlager hatten wir auch eine Desinfektion mit Heißluft. Und später wurde dann gegenüber von Block 11 die neue Waschanlage gebaut, auch mit einer Desinfektion mit Dampf.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Zeuge, nun erstreckt sich ja die Desinfektion a) auf die Kleider, b) auf die Räume und c) auf die Menschen.

 

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Wir haben Kleider entlaust, Menschen entlaust und Räume.

 

Vorsitzender Richter:

Wie ging das nun vor sich? Wurde da eine Baracke völlig geräumt, und Sie sind dann eingezogen und haben...

 

Zeuge Felix Amann:

Wenn nun ein ganzer Block entlaust wurde, da wurde die Baracke geräumt. Die Mitgefangenen, die kamen alle in die Entlausung, also in die Desinfektion. Und dann haben wir sie gruppenweise in den Block reingeholt, sie wurden entkleidet, die Körperhaare, alles, wurde entfernt. Und dann wurden sie eingerieben, und dann mußten sie eine Weile stehenbleiben. Mittlerweile kamen die Kleider in den Dampfkessel oder in die Heißluftkammer. Und das dauerte immer so anderthalb bis zwei Stunden, bei 105, 110 Grad, bis die Kleider wieder rauskamen. In der Zwischenzeit wurden die Leute gebadet und mußten dann auf der sogenannten reinen Seite warten, bis sie ihre Kleider wiederbekamen.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah inzwischen mit den Räumen?

 

Zeuge Felix Amann:

Die Räume, da wurden die Decken entweder in die Desinfektion gebracht, wurden in den Heißluftkammern desinfiziert. Oder auch, wenn es zuviel war, da wurden die Decken in den Blocks aufgehängt, und die Blocks wurden luftdicht abgeschlossen, die Türen, die Fenster verklebt, an die Türen wurde Sand noch hingeschaufelt, und dann kam Zyklon B in die Baracken.

 

Vorsitzender Richter:

Wurden Sie ausgebildet in der Behandlung mit dem Zyklon B?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob in diesem Zyklon B ein gewisser Warnstoff drin war?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie mal selbst von diesem Zyklon B irgendwie etwas eingeatmet?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie da einen starken Reizhusten hinterher?

 

Zeuge Felix Amann:

Eigentlich nicht. Ein süßlicher Geschmack auf der Zunge, und dann wurden die Glieder schwer wie Blei, und man wollte nur schlafen.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie nicht den Eindruck, daß in diesem Gas ein Stoff enthalten war, der starken Husten und Brechreiz hervorgerufen hat?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

In welchen Behältnissen war denn das Zyklon B?

 

Zeuge Felix Amann:

In Blechbüchsen. Da gab es kleine Blechbüchsen und größere Blechbüchsen.

 

Vorsitzender Richter:

Kleinere und größere.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie wurden die geöffnet?

 

Zeuge Felix Amann:

Da war eine eiserne Krone mit Zacken, die wurde draufgelegt und mit dem Hammer draufgeschlagen, und da war der Deckel durchgeschnitten.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie sah denn das Zeug aus, das da drin war?

 

Zeuge Felix Amann:

Ungefähr so grau wie hier der Tisch, die Platte.

 

 

Vorsitzender Richter:

Und in welcher Form?

 

Zeuge Felix Amann:

Das war so eine Art Kieselgur.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Felix Amann:

Da war das getränkt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Wie entwickelte sich denn der Rauch, der aus diesen Büchsen oder aus diesem Gas dann herauskam? Hatte der eine besondere Farbe?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

War der nicht braun?

 

Zeuge Felix Amann:

Das habe ich nicht gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Durchs Fenster vielleicht gesehen?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein. Auch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Auch nicht gesehen. Auf diese Weise haben Sie also Desinfektionen durchgeführt, teils von Menschen, teils von Kleidern und teils von Räumlichkeiten. Nun, wem unterstand denn nun Ihr Vorgesetzter Klehr?

 

Zeuge Felix Amann:

Der unterstand dem Lagerarzt und dem Standortarzt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und wer war denn Standortarzt, als Sie im Oktober 42 dort waren?

 

Zeuge Felix Amann:

Na, wenn es mir recht ist, da war das ein Doktor Wirths.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie auch einen Doktor Uhlenbroock kennengelernt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, aber nur dem Namen nach. Persönlich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Was war denn der?

 

Zeuge Felix Amann:

Der war auch Standortarzt.

 

Vorsitzender Richter:

War auch Standortarzt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Gleichzeitig mit Doktor Wirths oder vorher oder nachher?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Nein, der muß nachher dagewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, der Doktor Wirths, ist uns gerade gesagt worden, war bis zum Ende und bis zur Evakuierung des Lagers dort.

 

Zeuge Felix Amann:

Na ja, ich habe ja mit dem soweit nichts zu tun gehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das glaube ich. Aber weil Sie eben meinten, Doktor Uhlenbroock sei der Nachfolger des Standortarztes Doktor Wirths gewesen. Also das kann nicht stimmen.

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann schon möglich sein, daß ich mich da irre.

 

Vorsitzender Richter:

Daß Sie sich irren.

 

Zeuge Felix Amann:

Daß der vorher da war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie sind also da, wie Sie uns eben gesagt haben, durch das ganze Lager gekommen. Waren Sie auch in den Krankenbaracken?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, wenn die Krankenbaracken desinfiziert wurden, da kamen wir auch in die Krankenbaracken.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich entsinnen, daß einmal eine Krankenbaracke beziehungsweise ein Krankenblock mit Fleckfieber befallen war und daß man dann die Desinfektion so durchführte, daß man die Menschen vergaste und die Blocks ebenfalls?

 

Zeuge Felix Amann:

Also ich kann mich entsinnen, daß im Männerlager mal ein Block desinfiziert wurde, [+ in dem] Gas ausgeschüttet wurde und der 24 Stunden unter Gas stehenblieb.

 

- Schnitt -

 

Zeuge Felix Amann:

Und nachdem die Zeit um war, da wurden die Fenster und die Türen geöffnet. Wenn es mir recht ist, war es sogar an einem Sonntag. Und daß da einige Sanitäter umgefallen sind von dem Gas, die geöffnet hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was war denn mit den Menschen, die vorher in diesem Block waren?

 

Zeuge Felix Amann:

Die wurden vorher entfernt, die wurden weggefahren.

 

 

Vorsitzender Richter:

Die wurden weggefahren?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das ungefähr?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Das kann gewesen sein die erste Zeit, wo ich in Auschwitz war, im Oktober oder November 42.

 

Vorsitzender Richter:

Oktober oder November 42. Wissen Sie, ob Klehr bei dieser Vergasung auch mitgewirkt hat?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein? War der gar nicht zugegen?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein, ich kann mich nur entsinnen, daß der Lagerarzt zu mir kam und 300 Häftlingskleider verlangte. Die hatte ich aber nicht da. Und da nahm er Mäntel mit

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wie hieß der Arzt?

 

Zeuge Felix Amann:

Das weiß ich nicht mehr.

 

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr.

 

Zeuge Felix Amann:

Da nahm er Mäntel mit, und da sagt er, daß ein Krankentransport nach Birkenau ginge. Damit sie sich nicht erkälten, müßten sie andere Kleider bekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Mäntel?

 

Zeuge Felix Amann:

Die kamen dann am selben Tag abends wieder zurück von Birkenau. Und da erfuhren wir, daß die 300 Mann, daß die in die Gaskammern gegangen sind.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Haben Sie in diesem Zusammenhang auch einmal mit Doktor Mengele zu tun gehabt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat der Ihnen jeweils gesagt?

 

Zeuge Felix Amann:

Doktor Mengele, der hatte sein Büro im Zigeunerlager in der Entlausungsbaracke. [Pause]

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

 

Zeuge Felix Amann:

Und sooft er nun da war, kam er auch und sah zu, was wir machten und wie das alles vor sich ging.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind im Februar oder März 43 in das Zigeunerlager gekommen als Desinfektor?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lange sind Sie dort geblieben?

 

Zeuge Felix Amann:

Dort war ich bis zur Auflösung des Zigeunerlagers - das war am 1. August 44, da wurde das Zigeunerlager geräumt. Und später, da kamen dann ungarische Juden in das Lager. Und nachdem das Lager dann wieder von denen geräumt wurde, da kamen Frauen mit Kindern in das Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Am 1. August 44, sagten Sie?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie diese Liquidierung des Zigeunerlagers erlebt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

 

Vorsitzender Richter:

Wo waren Sie damals?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich war in der Baracke, in der Desinfektionsbaracke.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Baracke, war die im Lager oder vor dem Lager?

 

Zeuge Felix Amann:

Die war im Lager. Das war die letzte Baracke im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Die letzte? Also nach der Rampe zu?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war diese Räumung des Zigeunerlagers am Tag - morgens, mittags, abends - oder in der Nacht?

 

Zeuge Felix Amann:

Also am Tag vorher, oder schon ein paar Tage vorher, da wurden die Transporte zusammengestellt, angeblich für Arbeitskommandos nach Deutschland. In Munitionsfabriken, wie es hieß. Und nachdem der letzte Transport abends die Rampe verlassen hatte

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, die sind auch tatsächlich abtransportiert worden?

 

Zeuge Felix Amann:

Die sind abtransportiert worden. Da waren noch ungefähr 4.800 Zigeuner im Lager, die wurden abends um acht Uhr, so nach Einschluß, auf Autos verladen. Das heißt, es wurde abgesperrt bei uns an der Baracke, da standen vier SS-Leute mit Maschinengewehren, so daß wir nicht rauskonnten. Und dann wurden die Blocks leer gemacht, auf Autos verladen und weggefahren.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie uns irgendeinen Namen nennen von Leuten, die bei diesem Abtransport zugegen waren?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Waren da auch Kinder in diesem Zigeunerlager?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie etwas davon gemerkt, daß sich Kinder versteckt haben in dem Zigeunerlager bei diesem Abtransport?

 

Zeuge Felix Amann:

Also ich persönlich habe die Kinder nicht gesehen, die sich versteckt haben. Aber ich habe gehört von dem Sanitäter, der im

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Welchem Sanitäter?

 

Zeuge Felix Amann:

Der war im Krankenbau. Das war ein Volksdeutscher, der hatte so einen polnischen Namen gehabt. Und der hatte mir gesagt, daß vier oder fünf Kinder sich in dem Kamin von den Öfen - da standen solche großen, gemauerten Öfen -, daß die sich darin versteckt hätten. Und die hätten sie rausgeholt, also am Tag, und hätten sie nach dem Krematorium geschafft.

Und eine Frau hatte sich im Kanal versteckt. Die wurde auch rausgeholt. Und zwar war ein Kapo aus dem Männerlager, Tschechenjupp nannten wir den, der mit der anscheinend poussiert hatte, und der hat sie einen Tag oder zwei im Kanal gelassen. Und nun war doch das mit der Lebensmittelversorgung schlecht - daß er die mit Lebensmitteln versorgen konnte. Und da ging er dann zu Doktor Mengele und hat ihm das gesagt. Doktor Mengele hat ihm versprochen, daß die Frau ins Frauenlager überführt würde

 

- Schnitt

 

Zeuge Felix Amann:

Desinfektoren morgens kamen, manchmal hatte ich zwei, drei bei mir im Lager. Und wenn sie sich da unterhielten: daß sie nachts wieder Dienst hatten und daß der Oberscharführer Klehr mit dabei war bei den Vergasungen.

 

Vorsitzender Richter:

Das haben die erzählt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das waren aber Vergasungen, die bereits in den neuen Krematorien stattfanden?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch etwas davon gehört, daß er früher in dem Alten Krematorium noch Vergasungen durchgeführt hat?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, ob er das Zyklon B besorgt hat für diese Vergasungen?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das wurde meistens mit dem Sanitätswagen, wie ich von den SS-Leuten gehört habe, mit hingefahren. Ich selbst habe mal Zyklon B im Krematorium II geholt dafür, Blocks zu desinfizieren, Blocks zu vergasen.

 

Vorsitzender Richter:

Im Krematorium II abgeholt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie, wo das sonst normalerweise aufbewahrt wurde?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

War Ihnen das sogenannte Theatergebäude ein Begriff?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Nein. Hat auch Klehr selbst von Vergasungen gesprochen?

 

Zeuge Felix Amann:

Habe ich nie gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Ja? Sie haben bei Ihrer Vernehmung vor dem Kreisgericht in Weißenfels am 16.11.1962, Vorhalt Blatt 14.178, einmal gesagt: »Josef Klehr erzählte seine Verbrechen oftmals am andern Morgen seinen anderen Kumpanen. Diese Gespräche habe ich vielfach mit anhören müssen.«1

 

Zeuge Felix Amann:

Es kam manchmal vor, daß die sich unterhielten. Meistens waren sie doch noch betrunken, wenn sie morgens kamen - daß sie sich dann unterhielten, daß sie nachts Vergasungen durchgeführt hatten.

 

Vorsitzender Richter:

Aber Sie sagten vorhin auf meine Frage: Klehr war da nicht dabei.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, da waren doch immer so viele, daß man da manchmal heute, nach 20 Jahren, das doch nicht mehr so genau definieren kann. Aber ich kann mich entsinnen, daß es doch geschehen war, daß er, daß sie sich darüber unterhielten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nur haben Sie mir vorhin gesagt, Klehr sei dabei nicht zugegen gewesen.

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Doch, die hatten sich damals unterhalten über

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Die - einschließlich wer?

 

Zeuge Felix Amann:

Ihre Nachtarbeit.

 

Vorsitzender Richter:

Vorhin sagten Sie, Klehr wäre nicht dabeigewesen? War er doch dabei?

 

Zeuge Felix Amann:

Doch, der kam doch, na, die Woche drei-, viermal. Manchmal war er noch öfters da, fast jeden Tag.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sie haben gesagt, der Doktor Mengele, der wäre auch im Zigeunerlager gewesen. Und hat er Ihnen vorher angekündigt, wenn ein Krankenblock desinfiziert werden mußte?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was hat er Ihnen da etwa gesagt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich kann mich entsinnen auf den Krankenblock in »Mexiko«. Das war das Lager, wo die ungarischen Judenfrauen nackt drin waren, also ohne jegliche Bekleidung. Da sagt er zu mir: »Morgen früh, da wird der Krankenbau in ›Mexiko‹ desinfiziert«, weil Scharlachverdächtige drin waren. Und da mußten wir den anderen Tag früh hin und mußten den Krankenbau ausspritzen.

 

 

Vorsitzender Richter:

Womit?

 

Zeuge Felix Amann:

Mit Lysollösung oder Infregol.

 

Vorsitzender Richter:

Also nicht etwa mit einer Mischung aus diesem Zyklongas.

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Und was geschah mit den Kranken, die da drin waren?

 

Zeuge Felix Amann:

Die hatten sie abends nach dem Krematorium geschafft.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Haben Sie etwas davon gehört, daß Klehr auch mit Phenol umgegangen sein soll?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das habe ich aber bloß erzählen gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wurde Ihnen erzählt?

 

Zeuge Felix Amann:

Daß er Spritzungen gemacht hätte mit Phenol.

 

Vorsitzender Richter:

Von den Angehörigen der Polizei beziehungsweise der Politischen Abteilung, haben Sie da etwas gehört oder gesehen oder erlebt?

 

Zeuge Felix Amann:

Gesehen habe ich von denen nichts.

 

Vorsitzender Richter:

Nichts.

 

Zeuge Felix Amann:

Gehört hat man viel. Und einmal, da wurde bei mir der Elektriker abgeholt und kam in Arrest. Ich hatte zwei Elektriker bei mir, weil das alles elektrisch ging, die Entlausung. Und der eine, Horst Jonas, der wurde eines schönen Tages abgeholt und kam in Arrest.

 

Ich brauchte doch nun zwei Elektriker, weil es Tag und Nacht ging. Und da kam der Rottenführer Broad. Da frug ich den, ob der Elektriker bald wiederkäme, sonst müßte ich zusehen, daß wir andere Elektriker bekämen. »Den können Sie abschreiben«, sagt der, »der kommt nicht wieder.«

 

Vorsitzender Richter:

War Broad auch im Zigeunerlager?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat denn den Häftling, diesen Elektriker, abgeholt damals?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich nun nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wie hieß er? Jonas?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und wann war das ungefähr?

 

Zeuge Felix Amann:

Das muß so im Juni/Juli 44 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Juni/Juli 44. Ja. Sagen Sie mal, waren Sie in dieser Zeit, als Sie dort waren in Auschwitz, auch einmal eingesperrt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Im Bunker?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war das?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das weiß ich jetzt nicht mehr genau. Ob da die Zigeuner schon raus waren? Nein, die waren noch drin. [Pause] Das kann so im Juni gewesen sein, Juni oder Juli.

 

 

Vorsitzender Richter:

Welchen Jahres?

 

Zeuge Felix Amann:

44.

 

Vorsitzender Richter:

Juni oder Juli 44.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum sind Sie dorthin gekommen, in den Bunker?

 

Zeuge Felix Amann:

Da war der Hauptscharführer Page, und wie hieß denn da noch der Lagerführer? Palitzsch.

 

Vorsitzender Richter:

Palitzsch.

 

Zeuge Felix Amann:

Der hatte die

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

War der 44 im Juni noch da?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, der war damals noch da, dadurch kam ich in den Bunker. Ich nehme nun an, daß es 44 war, zu der Zeit. [Pause] [...]

 

Vorsitzender Richter:

[+ Seite] 53, ja. Also es war offensichtlich ein Jahr vorher.2

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann möglich sein. Es ist eine lange Zeit vorbei.

 

Vorsitzender Richter:

Und was war da los mit dem Palitzsch?

 

Zeuge Felix Amann:

Die Blockälteste von 30, die hieß Vera Lukans, die war von Riga. Die kam zu mir und hat mir erzählt, daß sie während des Appells im Block bleiben mußte. Der Lagerführer Palitzsch hätte ihr das befohlen. Sonst, wenn Appell war, mußte doch alles auf den Appellplatz. Und da kam auch der Lagerführer und ging in den Block hinein.

 

Und als der eine Weile drin war, bin ich rüber ins Lazarett und habe dem Sanitäter gesagt, er sollte mal in den Block gehen - die Blockälteste wäre drin, und Palitzsch hätte sie drin gelassen -, was da los ist. Und da ging der rein und hat natürlich gesehen, was los war: daß Palitzsch die Blockälteste zwingen wollte, geschlechtlich zu verkehren. Und da hat er da Meldung gemacht, und da kam

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Wer?

 

Zeuge Felix Amann:

Der Sanitäter. Der hat das gemeldet, und da kam ich in den Bunker und die Blockälteste. Ich war aber bloß einen Tag drin. Da wurde ich vernommen, wann der reingegangen ist und wann er rausgegangen ist und wie lange er drin war. Ich hatte ja keine Uhr, das konnte ich nicht feststellen. Und wieso der Sanitäter das gewußt hätte. Da sage ich: »Der hat mich gefragt, wo der Lagerführer hin ist. Und da habe ich ihm gesagt, daß er im Block 30 ist.«

 

Vorsitzender Richter:

Und wer hat Sie damals vernommen, als Sie im Bunker waren?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich nun heute nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Wissen Sie nicht mehr?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Also kein Bekannter?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich heute nicht mehr sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Sie waren zwei Tage im Bunker.

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann möglich sein.

 

Vorsitzender Richter:

Am 16.10.43 sind Sie eingeliefert worden, am 18.10. sind Sie entlassen worden. Sie sind doch am 9.6.02 geboren?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

In Altenkessel.

 

Zeuge Felix Amann:

Altenkessel, Kreis Saarbrücken.

 

Vorsitzender Richter:

Und hatten die Nummer 78.581?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, kannten Sie auch zum Beispiel den Adjutanten Mulka?

 

Zeuge Felix Amann:

Persönlich nicht. Aber ich war mal an der Rampe - wenn es mir recht ist, war das noch an der Alten Rampe. Und wenn nun neue Gestalten dort auftauchten, die man nicht kannte, da frug ich den begleitenden SS-Mann, der bei mir war: »Wer ist denn das?« Und da sagte er mir: »Das ist der Adjutant vom Kommandanten.«

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso wußten Sie, daß der Mulka heißt?

 

Zeuge Felix Amann:

Weil er es mir gesagt hat.

 

 

Vorsitzender Richter:

Er hat es Ihnen gesagt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Warum waren Sie damals auf der Rampe?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich hatte ein Kommando noch mit, die auf der Rampe die Waggons desinfizieren mußten.

 

Vorsitzender Richter:

Und war da ein Transport angekommen, als Sie dahin kamen?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Waren die Leute noch auf der Rampe?

 

Zeuge Felix Amann:

Die Leute wurden gerade selektiert.

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn das gemacht?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, die Lagerärzte standen immer da, und der stand auch mit dabei. Wer nun das

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Den Ausschlag gegeben hat

 

Zeuge Felix Amann:

Das weiß ich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Wissen Sie, welche Ärzte dabeistanden, welche Lagerärzte?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein, das weiß ich heute auch nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Das wissen Sie nicht. Ja. Kannten Sie auch den Lagerführer Hofmann?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und was wissen Sie von ihm?

 

Zeuge Felix Amann:

Da war mal im Zigeunerlager ein Lagerführer Hofmann.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und können Sie sagen, daß der irgendwelche auffälligen Anweisungen gegeben hat oder...

 

Zeuge Felix Amann:

Na, der Lagerführer, der Rapportführer und alle, die haben doch immer die Selektionen mit durchgeführt.

 

Vorsitzender Richter:

Mit durchgeführt? Welche Selektionen? Auf der Rampe? Oder meinen Sie jetzt Selektionen im Lager?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Selektionen im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Im Lager. Und wie spielten die sich ab?

 

Zeuge Felix Amann:

Alles in die Blocks, zugemacht. Und da waren der Arzt oder die betreffenden Lagerführer oder Rapportführer, was da war, SS-Leute, die gingen dann mit. Da wurde die Tür aufgemacht, dann hieß es: »Alles ausziehen!« Und dann mußten sie die Kleider auf den Arm nehmen, kamen aus dem Block rausspaziert. Und die standen nun vorne, und auf der Seite, da standen nun ein paar SS-Leute mit Knüppeln.

 

Und dann hieß es: »Rechts! Links!« Was rechts ging, die kamen dann in den Todesblock. Und die links, die kamen dann in einen Block, wo Sie noch arbeiten mußten. Und wenn nun einer mal in die falsche Richtung lief - im Lager wußte man ja meistens, was das bedeutet. Und da habe ich einmal zugesehen, [wie] eine Frau vom Todesblock noch mal in den anderen laufen wollte. Die haben sie dann gleich totgeschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Und bei diesen Selektionen war der Hofmann dabei?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und war er auch derjenige, der da bestimmt hat, rechts oder links?

 

Zeuge Felix Amann:

Das hat meistens der Arzt gemacht.

 

Vorsitzender Richter:

Meistens der Arzt. Wissen Sie, welcher Arzt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das war unterschiedlich. Da habe ich Mengele mal gesehen, und dann war einmal ein Vertreter da, als Mengele Urlaub hatte. Wenn es mir recht ist, hieß der Lucas.

 

Vorsitzender Richter:

Wie sah denn der aus?

 

Zeuge Felix Amann:

Der war groß, etwas größer als Mengele, blond, also nicht so schwarz. Mengele war ganz schwarz.

 

Vorsitzender Richter:

War das in dem Zigeunerlager?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Hatte er noch vollen Haarwuchs?

 

Zeuge Felix Amann:

Na das kann ich nun nicht sagen. Er hat die Mütze aufgehabt.

 

Vorsitzender Richter:

Und wieso wußten Sie, daß dieser Arzt Doktor Lucas war?

 

Zeuge Felix Amann:

Wenn nun ein Fremder kam, den man nicht gekannt hat, dann hat man sich doch erkundigt: Wer ist denn das?

 

Vorsitzender Richter:

War denn das der Lagerarzt im Zigeunerlager?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, als Mengele Urlaub hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Als Mengele Urlaub hatte. Wann war denn das ungefähr?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Ja, Mengele war mal weg über Winter. Denn ich kann mich entsinnen, wo er zurückkam, da sagte er noch zu mir: »Na, Sie sind gut über den Winter gekommen.«

 

Vorsitzender Richter:

Und meinen Sie, daß es da in dem Winter gewesen sei?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann möglich sein. Man hat so viele gesehen, daß man sich auf die Einzelheiten gar nicht so

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, Herr Zeuge, das gebe ich Ihnen ohne weiteres zu. Aber andererseits ist es für uns natürlich von ungeheurer Wichtigkeit, zu wissen, ob Sie sich da nicht irren können, ob es wirklich Doktor Lucas war.

 

Zeuge Felix Amann:

Also ich frug den Sanitäter, der bei mir war, wer das ist. Und da sagte er: »Doktor Lucas.«

 

Vorsitzender Richter:

Und das wäre im Winter 43 gewesen?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Ja, 43, das kann möglich sein. Genau kann ich das nun nicht sagen. Also ich will mich da nicht festlegen.

 

Vorsitzender Richter:

War es vor Weihnachten oder nach Weihnachten?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Ich will nichts Unrichtiges aussagen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Nun weiter. Haben Sie dann auf diesem Marsch nach Mauthausen erlebt, daß Menschen unterwegs totgeschossen wurden, die nicht mehr mitlaufen konnten?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

 

Vorsitzender Richter:

Wer hatte denn die Leitung für diesen Marsch?

 

Zeuge Felix Amann:

Soviel ich mich entsinne, frug ich den Desinfektor, der bei mir war, den Chaimies, wer der Kommandoführer wäre. Gesehen habe ich keinen. Und da sagt er mir: »Hofmann.«

 

Vorsitzender Richter:

Hofmann.

 

Zeuge Felix Amann:

Sturmführer Hofmann.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar war das der frühere Lagerführer?

 

Zeuge Felix Amann:

Das weiß ich nicht, ob das der Lagerführer war oder ein anderer Hofmann.

 

Vorsitzender Richter:

Was gab es denn noch für einen anderen Hofmann?

 

Zeuge Felix Amann:

Da war noch ein Sturmführer bei der Truppe.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Also das wissen Sie nicht genau?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Weil Sie nämlich bei Ihrer richterlichen Vernehmung vor dem Kreisgericht in Weißenfels, Blatt 14.179, gesagt haben: »Der ehemalige Schutzhaftlagerführer Franz Johann Hofmann war Transportleiter.«3

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann schon möglich sein, daß ich das damals ausgesagt habe. Aber gesehen habe ich ihn nicht. Und ich habe gefragt, wer der Kommandoführer, der Transportleiter ist, und da wurde mir gesagt: »Sturmführer Hofmann.«

 

Vorsitzender Richter:

»Er gab den Posten den Auftrag, diejenigen Häftlinge, die nicht mehr laufen konnten, auf der Stelle zu erschießen.«

 

Zeuge Felix Amann:

Die wurden ja auch erschossen.

 

Vorsitzender Richter:

»Die SS-Posten haben uns dieses selbst erzählt.«4

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Die Straße war ja gesäumt links und rechts mit Toten.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Nun haben Sie heute gesagt: »Es war der Hofmann. Ich weiß aber nicht, welcher Hofmann.« Und damals bei dem Richter in Weißenfels haben Sie gesagt: »Es war der Schutzhaftlagerführer Franz Johann Hofmann.« Wieso kannten Sie denn die Vornamen?

 

Zeuge Felix Amann:

Weil ich annahm, daß der Lagerführer mit uns wegging und daß Hofmann, daß der Lagerführer war.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wieso kannten Sie dessen Vornamen?

 

Zeuge Felix Amann:

Weil ich frug, wie der heißt.

 

Vorsitzender Richter:

Und da haben Ihnen die Posten die Vornamen von dem

 

Zeuge Felix Amann [unterbricht]:

Ja, die Posten nicht. Das war der Desinfektor.

 

Vorsitzender Richter:

Der Desinfektor. Der hat Ihnen die ganzen Vornamen von dem Hofmann mitgeteilt?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und die haben Sie alle im Gedächtnis behalten?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Ich habe an den Zeugen sonst keine Fragen mehr. Das Gericht nicht. Die Staatsanwaltschaft? Halt, Herr Ergänzungsrichter.

 

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Als da Klehr Ihr Chef war, wie Sie kamen, wie Sie zum Desinfektionskommando abkommandiert wurden, im Block 3 wohnten, haben Sie da Klehr jeden Tag gesehen, oder kam es auch mal vor, daß Sie ihn eine Weile nicht sahen?

 

Zeuge Felix Amann:

Den sah ich auch mal eine Weile nicht.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Er war also der Chef?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und waren da bei den Desinfektoren, die immer mit Ihnen gingen von der SS, waren das meistens Dienstgrade, also Unterscharführer oder wenigstens Rottenführer?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, da waren auch gewöhnliche dabei, SS-Leute also.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Waren auch dabei?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Aber Dienstgrade waren auch dabei?

 

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Unterscharführer, Rottenführer.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Und kam es da auch vor, daß Sie eine ganze Baracke desinfizierten, ohne daß der Klehr da mal gucken gekommen war?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kam auch vor.

 

Ergänzungsrichter Hummerich:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Herr Amann, Sie sagten, daß Sie im Oktober, etwa im Oktober 42, nach Auschwitz gekommen sind. Kann es möglich sein, daß die Eintragung beim Internationalen Suchdienst in Arolsen stimmt, daß das am 27. November 42 war? Kann es möglich sein?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann möglich sein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also etwa nicht im Oktober, sondern im

 

Zeuge Felix Amann [unterbricht]:

Das kann möglich sein. Ich war in Buchenwald in dem Versuchsblock einige Zeit. Aber Versuche wurden mit mir keine gemacht, ich kriegte keine Spritzen. Und ich bin nachts aus dem Versuchsblock rausgeschmuggelt worden in den Transport nach Auschwitz.

 

Staatsanwalt Kügler:

Also Sie meinen, es könnte möglich sein?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nun sagten Sie, daß Sie den Doktor Mengele bei den Selektionen im Zigeunerlager beobachtet haben, ja?

 

Zeuge Felix Amann:

Im Zigeunerlager und auch in den andern Lagern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Und auch in den andern Lagern, ja. Und Sie sagten dann, daß ein anderer Arzt dort gewesen sei, den Sie als Doktor Lucas bezeichnen, weil er Ihnen so bezeichnet worden ist. Hat der das auch gemacht, in derselben Weise?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Können Sie sich daran mit Sicherheit erinnern?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich mit Sicherheit daran erinnern, daß das derselbe Mann gewesen ist, der Ihnen als Doktor Lucas bezeichnet worden ist?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich mit Sicherheit nicht sagen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Mit Sicherheit nicht. Sie meinen, nur so ungefähr, aber mit Sicherheit können Sie es nicht sagen?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Wie oft haben Sie denn diesen Mann bei solchen Selektionen gesehen im Lager?

 

Zeuge Felix Amann:

Selektionen fanden in jeder Woche statt.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Haben Sie noch irgendein Erinnerungsbild heute und jetzt im Augenblick, ob das fünfmal war oder mehr als fünfmal oder weniger als fünfmal?

 

Zeuge Felix Amann:

Das war unterschiedlich. Manches Mal drei-, viermal in der Woche. Aber nicht immer im selben Lager, in verschiedenen Lagern.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ich glaube, wir verstehen uns nicht ganz. Ich meine, ob Sie den Mann, der möglicherweise Doktor Lucas hieß, vier- oder fünfmal bei solchen Selektionen gesehen haben oder 20mal.

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Staatsanwalt Kügler:

Wievielmal ungefähr?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Also etliche Mal habe ich ihn gesehen im c-Lager und im b-Lager.

 

Staatsanwalt Kügler:

Bei solchen Selektionen?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Staatsanwalt Kügler:

Ja. Können Sie sich erinnern, ob das auch im Winter war, ob da Schnee gelegen hat?

 

Zeuge Felix Amann:

Da kann ich mich nicht mehr entsinnen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Danke schön, ich habe keine Fragen mehr.

 

Staatsanwalt Wiese:

Herr Zeuge, wie oft haben Sie den Angeklagten Hofmann, den Lagerführer im Zigeunerlager, bei diesen Selektionen gesehen?

 

Zeuge Felix Amann:

Im Lager selbst, im Zigeunerlager, da war nur eine Selektion, und die war, vordem das Lager leer gemacht wurde.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Aber Sie haben vorhin gesagt: »Hofmann als Lagerführer im Zigeunerlager habe ich bei Selektionen gesehen.«

 

Zeuge Felix Amann:

Auch in anderen Lagern.

 

Staatsanwalt Wiese:

Aber wenn er nur Lagerführer im Zigeunerlager war?

 

Zeuge Felix Amann:

Das spielte keine Rolle. Die Lagerführer sowie die Ärzte, die waren immer bei den Selektionen im Lager und an der Rampe dabei.

 

Staatsanwalt Wiese:

In welchem andern Lagerabschnitt haben Sie den Angeklagten Hofmann dann also gesehen?

 

Zeuge Felix Amann:

Im c-Lager.

 

Staatsanwalt Wiese:

Und?

 

Zeuge Felix Amann:

Und dann war ich einmal im b-Lager, wo früher die Familien, die Tschechen drin waren.

 

Staatsanwalt Wiese:

Ja. Und wie oft ist das etwa gewesen?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das kann ich nun auch nicht mit Bestimmtheit mehr sagen.

 

Staatsanwalt Wiese:

Dreimal, viermal? Einmal mit Sicherheit?

 

Zeuge Felix Amann:

Bestimmt.

 

Staatsanwalt Wiese:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt [Raabe].

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Eine Frage: Herr Zeuge, was hatten Sie denn eigentlich mit dem Angeklagten Klehr sachlich persönlich zu tun? Sie haben doch bisher nur gesagt, er war Ihr Vorgesetzter.

 

Zeuge Felix Amann:

Klehr gab Anweisungen, wenn andere Lagerabschnitte, also zum Beispiel Außenlager wie [Kobiór] oder Jaworzno, Jawischowitz, wenn die entlaust werden sollten. Und dann kam er und sagte mir: Das Lager wird entlaust, morgen geht es da und da hin.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ist er jemals mit Ihnen rausgefahren?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein. Da fuhr immer der Begleiter mit, der bei mir war. Aber Klehr kam meistens hin und hat sich überzeugt, daß es auch durchgeführt wurde. Und ich kann mich noch sehr gut entsinnen, als ich in [Kobiór] war, daß Klehr kam und wir mußten plötzlich abbrechen und mußten nach Auschwitz mit den Entlausungsmaschinen zurück. Und mein Begleiter, das war damals der Chaimies, der war gar nicht da, so daß ich sogar nachher mit dem Auto allein zurückgefahren bin nach Auschwitz, weil der in Kattowitz war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Ja, und dann eine weitere Frage: Sie sagten uns vorhin, daß Ihrer Ansicht nach Klehr ab Oktober 42 nicht mehr im Krankenbau tätig war. Hatten Sie denn einen Überblick über den Krankenbau? Konnten Sie denn beobachten, wer dort tätig war?

 

Zeuge Felix Amann:

Das habe ich nicht so gesagt, daß Klehr nicht mehr im Krankenbau tätig war. Denn die Desinfektion gehörte mit zum Krankenbau. Ich kann nur nicht behaupten, ob er im Krankenbau selbst tätig war.

 

Nebenklagevertreter Raabe:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Doktor Kaul.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Amann, Sie haben auf die Frage des Herrn Vorsitzenden gesagt, Sie sind vom 4. Strafsenat des Reichsgerichts zu Landesverrat verurteilt worden.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Nicht zu Landesverrat, sondern wegen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Wegen Landesverrats zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Worin bestand denn der Landesverrat?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich hatte damals Stahlhelm-Rundschreiben von Weißenfels an einen Kameraden aus Saarbrücken geschickt. Und ein Mitbewohner von mir, also in Weißenfels, der fuhr mit mir damals, als ich heimgefahren bin nach Saarbrücken. Und ohne mein Wissen hatte der Leuna-Pläne mitgenommen und hat sich Verbindung gesucht und hat sie an die Franzosen verkauft.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gut. Sind Sie wegen der Leuna-Pläne oder sind Sie wegen der militärischen Pläne des Stahlhelm verurteilt worden?

 

Zeuge Felix Amann [unterbricht]:

Ich bin wegen dem Stahlhelm-Rundschreiben verurteilt worden, und das Gericht hat angenommen, daß ich auch von den Plänen gewußt hätte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, Moment, darf ich mal dazwischen fragen? Mir ist das nicht klar. Es war doch am 4. Juli 31, als Sie verurteilt wurden. Und da war die Tat vermutlich noch vorher gewesen, vor dem Juli. Da war der Stahlhelm doch nicht eine verbotene Organisation. Warum

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Herr Vorsitzender, Sie kennen nicht die offenbar seltsame Rechtsprechung des 4. Strafsenats des Reichsgerichts, der die an sich verbotene Militarisierung der getarnten militärischen Rechtsverbände und die Entlarvung dieser militärischen Rechtsverbände bereits als Landesverrat verurteilte.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Doktor Kaul, es wäre mir lieber gewesen, ich hätte das aus dem Mund des Zeugen gehört. Daß Sie das wissen, das kann ich mir vorstellen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich dachte, Sie wissen es nicht, sonst hätte ich sie nicht beantwortet.

 

Zeuge Felix Amann:

Herr Präsident

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ich frage nicht immer nur, wenn ich etwas nicht weiß.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich weiß. Ich danke verbindlichst.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön. Ja, bitte schön. Was war los gewesen? Zeuge Felix Amann [unterbricht]:

Darf ich dazu mal was sagen?

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeuge Felix Amann:

Mir wurde damals unterstellt, daß ich der Ansicht war, der Stahlhelm sei eine private Organisation. Und ich habe vor Gericht auch ausgesagt, ich war der Überzeugung, daß der Stahlhelm eine private Organisation ist, und habe auch dem Gericht erklärt, wenn das Gericht mich aber bestraft wegen diesem Stahlhelm-Rundschreiben, dann beweist das Gericht dem Ausland, daß der Stahlhelm keine private Organisation ist, sondern eine militärische. Und da wurde mir unterstellt, jawohl, ich war der Überzeugung, daß der Stahlhelm eine private Organisation ist, aber der, der die Rundschreiben von mir gekriegt hat, der wäre der Überzeugung gewesen, es wäre eine militärische Organisation.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Und was geschah denn mit den Rundschreiben?

 

Zeuge Felix Amann:

Die Rundschreiben hatte der - das war der Vorsitzende von der Kommunistischen Partei von Altenkessel. Und die wollten nur wissen, was der Stahlhelm für Übungen machte und was die vorhaben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, und wozu wollte er denn das wissen?

 

Zeuge Felix Amann:

Die wollten sich informieren, was gemacht wird.

 

Vorsitzender Richter:

Na.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Um den rechtsradikalen Umtrieben offenbar zu begegnen, Herr Direktor, falls Sie das nicht wissen. Aber ich dachte, sicherlich wissen Sie

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, bitte schön, fragen Sie weiter.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sagen Sie, Herr Amann, das Zyklon B - Sie sind indirekt danach gefragt worden -, konnten Sie das riechen, hatte das einen üblen Geruch?

 

Vorsitzender Richter:

Ja, er hat gesagt, »einen süßlichen Geruch«.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Nein, Entschuldigung, er hat gesagt, »einen süßlichen Geschmack«.

 

Vorsitzender Richter:

Geschmack. [...]

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich möchte gerne wissen, ob man dieses Zyklon B, das Sie zur Desinfektion benutzt haben, riechen konnte.

 

Zeuge Felix Amann:

Also wenn man einmal von dem Gift geschluckt hatte, wie es mir mal ging, dann, wenn man dahin kam in die Gegend, hat man sich umgedreht und ist weg, unwillkürlich durch den Geruch. Aber den Geruch, den konnten wir nicht so wahrnehmen.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Haben Sie denn verstanden? Der Herr Vorsitzende hat Sie nämlich danach gefragt, und ich habe das Gefühl gehabt, als ob Sie die Frage nicht recht verstanden haben. Der Herr Vorsitzende fragte nämlich nicht nach dem Geruch, sondern er fragte, ob dem Zyklon B Warnstoff beigemengt war.

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Sie verstehen die Frage, ja?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Also ich habe da nichts wahrgenommen, daß da Warnstoffe drin waren.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Auf den Büchsen war doch ein Plakat.

 

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe das Plakat in irgendeiner Akte, in einer meiner Handakten. Da steht »mit Warnstoff« drauf, »Zyklon B mit Warnstoff«. Und später, als dieses Zyklon B für die Ermordung von Menschen benutzt wurde, da stand nämlich nicht mehr »mit Warnstoff«, da stand drauf: »Achtung, ohne Warnstoff!« Können Sie uns dazu etwas sagen?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich kann mich nur entsinnen, daß auf den Plakaten, also auf den Etiketten, die auf den Büchsen waren, zwei Knochen waren mit einem Totenkopf und daß oben drüber stand: Zyklon B, Gift.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Von Warnstoff stand nichts weiter drauf?

 

Zeuge Felix Amann [unterbricht]:

Nein, nein.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Schön. Sagen Sie, der Herr Vorsitzende hat Ihnen vorgehalten, Blatt 14.179 aus den Akten, daß Sie bei der Vernehmung des Kreisgerichts Weißenfels vom 16.11.1962 die beiden Vornamen des Angeklagten Hofmann, Franz Johann, genannt haben. Sind Ihnen diese Namen etwa von dem Richter vorgehalten worden oder genannt worden, der Sie vernommen hat? Das war wohl der Direktor des Kreisgerichts, der Direktor Hauschild.

 

Zeuge Felix Amann:

Der hat die Vornamen auch erwähnt, aber ich hatte schon vorher gesagt, daß der Johann, Franz Johann

 

Nebenklagevertreter Kaul [unterbricht]:

Also das war Ihnen noch aus Auschwitz in Erinnerung?

 

Zeuge Felix Amann:

Ja, das hatte ich noch in Erinnerung.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Gut. Ich danke schön, ich habe keine weiteren Fragen.

 

Zeuge Felix Amann:

Weil ich den Lagerführer in nicht guter Erinnerung hatte.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Die Verteidigung. Herr Rechtsanwalt Göllner.

 

Verteidiger Göllner:

Herr Zeuge, Sie haben eine Reihe von Personen genannt, die mit Ihnen als Desinfektoren tätig waren. Ich habe mir notiert Chaimies und Hagen. Haben Sie noch Verbindung zu diesen?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein. Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Zu keinem mehr?

 

Zeuge Felix Amann:

Nein.

 

Verteidiger Göllner:

Haben die 45 überlebt, oder sind sie umgekommen in Auschwitz?

 

Zeuge Felix Amann:

Das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Göllner:

Ja, der Angeklagte Hofmann hat noch eine Erklärung abzugeben.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Vorsitzender, ich bitte um einige Fragen an den Zeugen.

 

Vorsitzender Richter:

Moment. Wollten Sie, Herr Doktor Eggert, noch eine Frage [stellen]?

 

Verteidiger Eggert:

Nein, ich habe keine Frage mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Keine Fragen mehr. Bitte schön, ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Zeuge, können Sie was Genaueres sagen, wann ich die Selektionen im c-Lager und im b- Lager mit den Ärzten durchgeführt habe, in welchem Jahr oder Monat?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich nicht mehr genau sagen.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja, ungefähr?

 

Zeuge Felix Amann:

Ich kam in sämtlichen Lagern rum. Und nun könnte es möglich sein, daß ich die Daten verwechsle, also ich kann mich da

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

War das im Jahr 43, Ende 43, oder war es im Jahr 44 noch? Oder war es früher, vor 43?

 

Zeuge Felix Amann:

Das kann ich auch nicht mehr sagen.

 

Angeklagter Hofmann:

Und dann die Selektion im Zigeunerlager, sagten Sie, kurz vor der Räumung des Zigeunerlagers. Das Zigeunerlager wurde geräumt, wie sie sagten, am 1. August 45.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja. Nein, 44.

 

Angeklagter Hofmann:

44, jawohl. Und da war ich kurz vor der Räumung... Ich mache Sie drauf aufmerksam, daß ich am 15. Mai 1944 Auschwitz verlassen habe. Da konnte ich nicht mehr bei der Selektion im Zigeunerlager anwesend gewesen sein. Und beim Rückmarsch war ich demnach auch nicht dabei, denn der Rückmarsch war ja am 18. Januar 45.

 

Zeuge Felix Amann:

Ja.

 

Angeklagter Hofmann:

Ja. Und 15. Mai 44, sage ich Ihnen noch einmal, habe ich Auschwitz verlassen, konnte ich auch nicht dabeigewesen sein.

 

Dann weiter zu meinen Vornamen Franz Johann: Wann haben Sie das erste Mal gehört von Franz Johann Hofmann?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Das habe ich gehört das erste Mal in Auschwitz im Zigeunerlager.

 

Angeklagter Hofmann:

Von wem?

 

Zeuge Felix Amann:

Von dem Rottenführer Chaimies.

 

Angeklagter Hofmann:

Herr Zeuge, da kann ich nur das eine sagen: Das ist eine ganz große Lüge. Ja.

 

Nebenklagevertreter Kaul:

Herr Direktor, ich bitte doch um

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja, das dürfen Sie nicht sagen, da haben Sie

 

Angeklagter Hofmann [unterbricht]:

Entschuldigung. Entschuldigung, Herr Vorsitzender, das entspricht nicht der Wahrheit. Franz Johann Hofmann, das stimmt, ja. Aber mein zweiter Name Johann ist erst bekannt seit meiner Festnahme im April 59 aufgrund meiner Geburtsurkunde von Hof. Und vorher ist mein Name nirgends genannt worden. In Auschwitz nicht und in den ganzen Lagern nicht, wo ich war. Also kann das auch nicht stimmen. Das haben Sie vielleicht irgendwo anders gehört, aus der Zeitung oder sonst irgend etwas, aber nie von Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sonst noch was?

 

Angeklagter Hofmann:

Nein, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie den Vorhalt gehört?

 

Zeuge Felix Amann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Daß der Hofmann zu dieser Zeit nicht mehr in Auschwitz gewesen sein soll und daß er deshalb a) bei den Selektionen im Zigeunerlager und b) auch an dem Rückmarsch nicht teilgenommen haben kann?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Ich kann mich ja auch irren in bezug auf das Zigeunerlager, daß er dort dabei war bei den Selektionen, denn da war der Lagerführer mit dabei und Doktor Mengele.

 

Angeklagter Hofmann:

Da war ich ja auch nicht dabei. Wann habe ich das Zigeunerlager verlassen? Vielleicht können Sie das sagen?

 

Zeuge Felix Amann:

Das behaupte ich ja auch nicht.

 

Angeklagter Hofmann:

Können Sie vielleicht sagen, wann ich das Zigeunerlager abgegeben habe?

 

Zeuge Felix Amann:

Weiß ich auch nicht mehr.

 

Angeklagter Hofmann:

Das war im September 43. Weiter habe ich keine Fragen, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Der Angeklagte Klehr.

 

Angeklagter Klehr:

Herr Zeuge, ich habe ein, zwei Fragen an Sie zu stellen. Wie Sie schon bereits gesagt haben, war ich der Desinfektor von den Entseuchungen in dem Lager. Wir sind doch nicht bloß im Stammlager gewesen, sondern wir haben im Stammlager, wir haben in Birkenau, wir haben in den Außenlagern, wir haben den Wachsturmbann, alles, desinfiziert. Ist das richtig?

 

Zeuge Felix Amann:

Jawohl.

 

Angeklagter Klehr:

Besteht nach Ihrer Meinung da eine Möglichkeit, daß ich außer der Desinfektion noch so einen andern Dienst, zum Beispiel als SDG im Stammlager, machen konnte - mit diesem Auftrag, den ich durchzuführen hatte?

 

Zeuge Felix Amann:

[Pause] Das entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Angeklagter Klehr:

Danke. Habe ich auch keine Fragen mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Sonst sind keine Fragen mehr? Werden Anträge zur Beeidigung gestellt? Nein? Herr Zeuge5

 

- Schnitt -

 

 

 

 

1. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 16.11.1962 in Weißenfels, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 75, Bl. 14.178.

2. Vgl. Bunkerbuch II, Bl. 53.

3. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 16.11.1962 in Weißenfels, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 75, Bl. 14.179.

4. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 16.11.1962 in Weißenfels, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 75, Bl. 14.179.

5. Der Zeuge Amann wurde vereidigt. Vgl. Protokoll der Hauptverhandlung vom 18.09.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 102.

 

 
 
 
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