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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

141. Verhandlungstag, 5.3.1965

 

Vernehmung des Zeugen Erich Altmann

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden,] daß ich Ihre Aussage auf ein Tonband nehme zum Zwecke der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

Zeuge Erich Altmann:

Bitte schön. Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Altmann, Sie waren ebenfalls in Auschwitz.

 

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Wollen Sie uns bitte sagen: Wo sind Sie denn verhaftet worden?

Zeuge Erich Altmann:

Ich bin verhaftet worden im Jahre 1942 in Saint- Etienne.

 

Vorsitzender Richter:

Und zwar in welchem Monat etwa?

Zeuge Erich Altmann:

Im August. Am 28. August 1942.

 

Vorsitzender Richter:

In Saint-Etienne.

 

Zeuge Erich Altmann:

In Saint-Etienne. Und ich bin dann nach Drancy in das französische Zwischenlager gekommen, von Drancy nach Ottmuth.1 Und nach einem kurzen Aufenthalt im Lager Ottmuth bin ich ins Judenlager Trzebinia gekommen, bei Sosnowitz.

 

Vorsitzender Richter:

Bei Sosnowitz.

 

Zeuge Erich Altmann:

Dort waren wir bis zum November 1943. Dann kam ein Mann von der Gestapo und sagte: »Ihr könnt hier im Winter nicht mehr bleiben, ihr kommt jetzt in eine Schuhfabrik. Leider haben wir keine Camions mehr, um euch hinzubringen. Musik an die Spitze, und dann geht es in die Fabrik.«

Und wir waren einfältig genug, das zu glauben. Und wir hatten auch einige Musikanten bei uns. Und die Musik ging an die Spitze, und wir zogen singend dahin, bis wir nach Auschwitz kamen. Die Schuhfabrik war dann für uns Auschwitz.

Und als wir in Auschwitz ankamen, kamen wir in die Quarantäne, wurden von einem Kapo empfangen, der uns sagte: »Ja, ihr glaubt wohl, ihr seid hier in einem Pensionat oder in einem Sanatorium. Alles in die Knie!

» Und da haben wir die erste Nacht auf der Erde in der Kniebeuge verbracht. Dann war ich in der Quarantäne und habe dort schon mal die Devise von Auschwitz kennengelernt: »Hier ist nie einer zu wenig, immer nur einer weniger.« Das war wohl die Devise, die ich in meinem ganzen Aufenthalt in Auschwitz von den Blockältesten gehört habe: »Hier ist nie einer zu wenig, immer nur einer weniger.«

Und eines Tages - ich war schon in einer reichlich kritischen Situation - hieß es, das Kommando Siemens sucht Fachleute. Ich war kein ausgesprochener Fachmann, ich hatte technische Kenntnisse, und ich habe mich gemeldet. Wir wurden dann in einen Block geführt, und da war ein Herr, der eigenartigerweise zum erstenmal zu uns sagte: »Herr« Altmann. »Wie heißen Sie?«

»Altmann.« »Ja, Herr Altmann, dann kommen Sie bitte mal her und zeigen Sie mir auf dieser Zeichnung, was es bedeutet.« Das war für uns so, als ob plötzlich...

 

Vorsitzender Richter:

Die Welt auf dem Kopf stünde.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ja. Ich war 159.923, das war meine Nummer. Und plötzlich war ich »Herr Altmann« geworden. Etwas, was für uns unfaßbar war. Und dann sagte man mir: »Gut, also das haben Sie verstanden, am nächsten Morgen ist praktische Prüfung.«

Und bei der praktischen Prüfung mußten wir etwas feilen. Und ich feilte, und dann kam plötzlich jemand und sagte: »Mensch, Sie können ja gar nicht feilen.« Daraufhin sagte ich: »Hören Sie zu, Sie sehen, ich bin ohne Schuhe. Ich bin sehr nervös, ich bin sehr aufgeregt. Ich habe schon lange nicht gearbeitet.« Sagte er: »Dann kommen Sie mal mit zum Oberingenieur.« Dieser Mann war Herr Hanke von den Siemens-Werken.

Und dann führte man mich in einen Block, in ein Büro. Da saß ein Herr am Tisch, man sah hinten ein großes Fenster. Und durch das Fenster sah man das Feuer vom Krematorium hoch leuchten. Und dieser Herr sagte: »Ja, meine Herren, tun Sie mir einen Gefallen, regen Sie sich nicht auf, wärmen Sie sich erst mal richtig an. Ich bin für jeden von Ihnen zu haben.«

Und dann kam ich an die Reihe, und er sagt: »Ja, mein lieber Freund, wie heißen Sie?«

»Altmann.« »Ja«, sagt er, »aber Herr Altmann, Sie können ja gar nicht feilen.« Und dann fing ich wieder an, ihm zu erzählen, das und das ist geschehen. Und dann sagt er mir: »Ja, nun tun Sie mir einen Gefallen, wo haben Sie denn das letzte Mal gearbeitet in Ihrem Leben?

» Da sagte ich ihm: »In Jerusalem.« Da sagt er zu mir: »In Jerusalem?

Um Gottes Willen, wie kommen Sie denn hierher?

»

Da erzählte ich ihm, meine Frau ist eine geborene Luxemburgerin, und nach sechs Jahren Aufenthalt bin ich das erste Mal nach Luxemburg in Urlaub gefahren. Und der Krieg ist ausgebrochen, und ich bin überrascht worden, und die Franzosen haben mich erst mal als Deutschen verhaftet. Und da sagt dieser Herr zu mir: »Das ist ja fürchterlich, was Sie mitgemacht haben. Aber nun sagen Sie mir, Sie haben eine Frau und ein Kind. Wo sind denn die?

» Dann sage ich: »Ich glaube, vielleicht dort hinten.« Und da sagt er wieder: »Ja, wissen Sie, was Sie mitmachen, ist aber einzigartig.«

Und in diesem Augenblick kam ein SS-Mann an den Tisch und sagt: »Herr Oberingenieur, wenn der Kerl nichts taugt, schmeißen Sie ihn raus.« Und da sagt dieser Mann: »Was sagen Sie?

Der Kerl nichts taugt?

Das ist ein Fachmann, wie ich ihn unter Hunderten nicht mehr finde. Also, Herr Altmann, es bleibt dabei: Sie gehen an die große Schleifmaschine.« Und ich versichere Ihnen, ich habe in meinem Leben nie gewußt, was eine Schleifmaschine ist. So bin ich in das Kommando Siemens gekommen.

Und wie wir in den Block zurückgekommen sind, hat es eines Tages geheißen: »Kommando Siemens antreten!

» Und man brachte uns in den SK-Block und sagte: »Hier bleibt ihr, bis die Fabrik fertig ist. Wir haben dafür angeordnet, daß ihr hier zur Erholung seid, ihr seid keine SK-Leute. Ihr bleibt hier und werdet verpflegt. Ihr werdet doppelte Verpflegung kriegen, denn wir brauchen tüchtige Fachleute. Wir können das nicht dulden, daß ihr nachher verhungert dorthin kommt.«

 

Vorsitzender Richter:

Wer hat denn das gesagt?

Zeuge Erich Altmann:

Das hat der Ingenieur zu uns gesagt, in Gegenwart des Lagerführers und Emil Bednareks.

 

Vorsitzender Richter:

War dieser Ingenieur mit in die SK gegangen?

Zeuge Erich Altmann:

Der Ingenieur war mit vor der SK und hat gesagt: »Meine Herren, hier bleiben Sie und werden doppelt verpflegt und werden so lange bleiben, bis die Fabrik fertig ist.«

 

Vorsitzender Richter:

War das auch Hanke?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, das war Oberingenieur Bundzus.

 

Vorsitzender Richter:

Das war Bundzus?

Zeuge Erich Altmann:

Hanke habe ich erst wieder gesehen in Bobrek im Werk. Wir hatten in Auschwitz im Lager selbst immer nur mit Herrn Oberingenieur Bundzus zu tun.

Und dann kamen wir rein und haben nun geglaubt, wir haben die Partie gewonnen. Ich habe ein Buch über meine Erlebnisse geschrieben. Und ich möchte Ihnen besonders sagen, ich bin kein Schriftsteller. Wenn Sie es mir gestatten, will ich Ihnen nur das Vorwort vorlesen, um Ihnen zu zeigen, unter welchen Voraussetzungen ich dieses Buch geschrieben habe. Es ist sehr kurz.

»Dieses Buch ist ein Tatsachenbericht über das Leben der Deportierten Europas in den deutschen Konzentrationslagern. Es schildert kein Einzelschicksal, sondern das Schicksal aller Häftlinge. Es berichtet von Auschwitz, Buchenwald und Oranienburg. Nur die nackten Tatsachen sind in dem Buche dargestellt. Alle angegebenen Namen entsprechen der Wahrheit. Indem ich dieses Buch veröffentliche, erfülle ich ein Versprechen gegenüber meinen toten Kameraden. Sie sind im Glauben an eine bessere Zukunft gestorben, und wir, die wir das Glück hatten, lebendig dieser Hölle zu entrinnen, wir haben in diesem Glauben allein unser Leid ertragen können. Lyon, Dezember 1945.«2

Es war für mich ein Bedürfnis, dieses Buch niederzuschreiben, weil ich das meinen Kameraden versprochen habe. Das ist der einzige Sinn dieses Buches. Dieses Buch ist seinerzeit in Luxemburg in einem Verlag erschienen, der eine Gilde hatte und dieses Buch unter der Gilde verteilt hat, so daß es an und für sich im Kommerz nicht erschien. Es sind vielleicht 150 Bücher im Kommerz verkauft worden, die anderen sind direkt in diese Büchergemeinschaft geschickt worden, so daß an und für sich niemand sonst dieses Buch gelesen hat.

Und heute ist es [vergriffen], und ich habe nur noch dieses eine Exemplar, das ich meinem Sohn gewidmet habe, dem ich nach der Deportation zurückgeschrieben habe und dem ich hier reingeschrieben habe - in Französisch, ich werde es ihnen auf Deutsch übersetzen: »Alles, was ich in den langen Monaten erleiden mußte, habe ich ertragen in der Hoffnung, meine Freiheit und meine Familie wiederzusehen. Dieses erste Buch dieser Edition widme ich meinem Sohn.«

Das ist es, was ich Ihnen im voraus sagen möchte über dieses Buch. Denn ich habe gehört, daß man bereits diese Dinge erwähnt hat. Keiner meiner Kameraden hat jemals dieses Buch gehabt, mit Ausnahme von Paul Schaffer. Denn das ist der einzige, mit dem ich in Frankreich in Verbindung war. Das war damals ein Junge von 16 Jahren - ich bin 60 Jahre alt, und ich war vor allen Dingen einer der wenigen von all den Deportierten, mit denen ich zusammen war, denn ich kam ja auch aus Frankreich, der Deutsch verstand -, den ich dann ein bißchen unter meine...

 

Vorsitzender Richter:

Obhut nehmen konnte.

 

Zeuge Erich Altmann:

Obhut genommen habe, um diesen Kindern wenigstens das Schlimmste zu ersparen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Altmann, Sie sprechen so gut Deutsch. Waren Sie früher einmal in Deutschland?

Zeuge Erich Altmann:

Ich bin in Deutschland geboren. Ich bin in Stettin geboren, ich bin in Deutschland zur Schule gegangen, ich habe in Deutschland meine Prüfungen gemacht. Ich war später Direktor der Einheitspreisgeschäfte von der Ehape. Und 1933, als es hieß, daß man die jüdischen Herren entlassen würde und daß die Herren weggehen könnten, bin ich als erster weggegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Altmann, Sie sind verhaftet worden, weil Sie Jude waren?

Zeuge Erich Altmann:

Ich bin verhaftet worden, weil ich Jude war. Ich habe, als ich in Frankreich war und im Lager war, warten müssen. Ich hatte ein Rückreisevisum nach Israel, und in der Zeit, als ich in Frankreich im Lager war, ist dieses Rückreisevisum erloschen. Meine Frau ist dann zum Konsul gegangen, und der Konsul hat erklärt: »Ich kann Ihnen das nicht erneuern, Sie müssen das nach Jerusalem schicken. Das wird drei bis vier Monate werden.«

Diese Zeit ist mir zu lange geworden, und ich habe mich als Kriegsfreiwilliger für die Kriegsdauer engagiert. Die französische Regierung hat mich in die Fremdenlegion geschickt, und ich war 18 Monate in Nordafrika in der Fremdenlegion, in der Sahara. Als dann der Krieg zu Ende war für uns mit der Vichy-Regierung und die Vichy-Regierung einen Waffenstillstand geschlossen hat, mußten wir entlassen werden, denn wir waren nur für die Dauer des Krieges engagiert, so daß ich dann nach Frankreich zurückgekommen bin.

Meine Familie hatte sich inzwischen nach Südfrankreich geflüchtet. Meine Schwiegereltern waren Luxemburger. Und in Südfrankreich war ich eine Zeitlang und habe dann als Fotograf gearbeitet in Saint-Etienne. Mir wurde zwar versprochen, daß ich als französischer Soldat nie verhaftet werde. Trotzdem hat man mich eines Tages verhaftet - mich, meinen Schwiegervater und meinen Onkel, den Onkel meiner Frau, die beide nicht zurückgekommen sind.

Und ich bin dann meinen Weg gegangen, wie ich es Ihnen geschildert habe. Mein Sohn ist von der katholischen Kirche seinerzeit [aufgenommen] worden; er hat während des Krieges dreimal seinen Namen gewechselt. Und meine Frau ist auch versteckt worden, die ich dann nach dem Kriege in Lyon wiedergefunden habe.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Altmann, Sie haben uns gerade eben gesagt, der Oberingenieur Bundzus habe in Gegenwart von Ihnen, aber auch in Gegenwart von Emil Bednarek geäußert, Sie sollten besser verpflegt werden.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Das war wohl nicht im Lager der Strafkompanie selbst, sondern offensichtlich vor dem Eingang oder vor dem Tor?

Zeuge Erich Altmann:

Das war, als wir vor der Strafkompanie angetreten waren.

 

Vorsitzender Richter:

Also vor dem Tor

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Und wir hatten ja oft Gelegenheit, der Oberingenieur ist ja des öfteren in das Lager gekommen, um sich nach unserem Schicksal zu erkundigen. Und jedesmal, wenn wir uns dann beklagt haben, ist es immer etwas besser geworden.

Es ist sogar so weit gewesen... Am 1. Januar 1944 war eine Selektion, und wir sind alle in die Selektion gekommen. Und der Herr Doktor Fischer stand in einem Block, wir wurden von Emil Bednarek in diesen Block geführt, das heißt vor den Block geführt. Es waren 20 Grad Kälte. Wir mußten uns nackend ausziehen vor dem Block. Unsere Kleider lagen auf der Erde, und wir wurden dann in diesen Block hineingeführt.

Da standen einige SS-Leute. Und soweit ich das in meinem Buch [+ beschrieben habe], denn heute hätte ich mich vielleicht nicht mehr daran entsonnen, aber [+ 1945] habe ich mir diese Dinge noch sehr eingeprägt: Da war ein Doktor Fischer, der diese Selektion vorgenommen hat. Man mußte sich vor ihm präsentieren, die Zunge rausstrecken, kehrtmachen, dann sagte er »rechts« oder »links«. Und Emil Bednarek stand dabei und hat die Nummern aufgeschrieben. Und es gelang uns auch schon mal, einen Kameraden, der links stand, zu uns hinüberzuziehen. Denn wir wußten ja, was uns geschieht.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Was passiert, ja.

 

Zeuge Erich Altmann:

Aber da haben wir nicht mit Emil Bednarek gerechnet, der dabeistand und sagte: »He, du gehst mal sofort da wieder rüber! Du hast da nichts zu tun! »

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, der Herr Bundzus, den Sie eben genannt haben, der ist hier auch schon vernommen worden. Und der hat uns gesagt, ihm sei der Zutritt zu dem Straflager nicht möglich gewesen.

 

Zeuge Erich Altmann:

Nein, das muß ich leider Gottes sagen, das stimmt nicht. Denn in diesem Falle, bei dieser Selektion - vielleicht ist das Herrn Bundzus entfallen -, waren sechs meiner Kameraden in die Selektion gekommen. Man hatte uns ausdrücklich gesagt, Siemens kommt nicht in die Selektion. Und Herr Bundzus war morgens früh um sechs da, wie man meine Kameraden splitternackt auf den Camion gebracht hat, und hat zu dem Lagerführer gesagt: »Das sind meine Siemens-Leute, die kommen nicht in die Selektion.«

Man hat diese sechs Leute - vier, einen Holländer mit seinem Vater hat man nicht finden können - wieder herausgezogen, man hat ihnen wieder Kleider gegeben. Und sie sind wieder zurück auf den SK-Block gekommen. Ich muß Ihnen sagen, das war damals ein Junge von 17 Jahren, ich habe immer gemeint, der wird mal wahnsinnig werden nach der Nacht, die er in diesem Block mit den nackten Leuten verbracht hat, um am nächsten Morgen verbrannt zu werden.

Und dieser Herr Bundzus hatte die Macht und die Möglichkeit, diese Leute aus der Selektion sogar wieder herauszuziehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Altmann, Sie sind also in diesen SK-Block gekommen, und Sie nannten uns nun den Namen Emil Bednarek. Es ist an sich nicht häufig, daß uns die Zeugen, die damals Gefangene in dem Lager Auschwitz waren, die Namen ihrer Blockältesten und ihrer Blockführer nennen können. Und es fällt auf, daß gerade die Zeugen, die damals bei dem Siemens-Kommando waren, alle übereinstimmend uns den Namen Emil Bednarek, Vor- und Nachname, benennen können. Wie kam das?

Zeuge Erich Altmann:

Herr Präsident, ich war 33 Monate im KZ, und ich habe nicht nur Emil Bednarek als Blockältesten gehabt. Ich habe viele Blockälteste gehabt. Und jedesmal, wenn wir auf einen Blockältesten gestoßen sind, zum größten Teil, der einen roten Winkel hatte, das heißt, der politisch war, so waren diese Menschen sehr verständnisvoll für uns. Die haben uns geholfen, wo sie nur helfen konnten.

Ich erinnere mich da insbesondere an meinen Kameraden Marcel Paul, ein späterer französischer Minister, in Buchenwald, der das Unmögliche getan hat für uns, um uns zu helfen. Der sich exponiert hat, wie man sich nur exponieren konnte den SS-Leuten gegenüber, um uns zu helfen, um uns zu verstecken, um Kleinigkeiten zu überwinden. Wenn man Läuse gehabt hat, hat er gesagt: »Kinder, ihr könnt doch nicht mit den Läusen rumlaufen, ihr müßt etwas tun.«

Und Emil Bednarek war etwas anderes. Gestatten Sie, Herr Präsident, ich möchte Ihnen nur vorlesen, wie wir in Block 11 von Emil Bednarek empfangen wurden. Ich schreibe hier in meinem Buch: »Der Empfang im Block 11 war nicht gerade ermutigend«

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, damit bin ich aber nicht einverstanden, daß hier Teile aus diesem Buch vorgelesen werden.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Also, Herr Zeuge, nach der Strafprozeßordnung ist das nicht zulässig. Erzählen Sie uns lieber so nach Ihrer [+ Erinnerung].

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich kann es Ihnen erzählen. Emil Bednarek hat gesagt: »Ihr kommt jetzt hierher von Siemens und glaubt vielleicht, ihr habt Sonderrechte. Hier seid ihr in der SK. Ihr seid zwar nicht als Bestrafte hier«, das hat er ausdrücklich gesagt, »aber hier müßt ihr euch der Disziplin fügen, die in der [+ SK] herrscht.« Und schon hat er angefangen, uns zu schlagen. Wenn einer nur das geringste gesagt hat, dann ging er los mit seinem [+ Knüppel] - er hatte immer einen Knüppel in der Hand -, dann ging er los, und dann ging es mit dem Knüppel los.

Und dann kam die Frage der doppelten Verpflegung. Wenn wir unsere doppelte Suppe bekommen haben, dann hat uns Emil Bednarek im Hof bei 20 Grad Kälte antreten lassen. Und dann hat er uns einen von seinen Leuten geschickt. Das heißt, es gab einen genauen Unterschied: Wir waren das Kommando Siemens, wir lagen an einer Seite des Blockes. Und auf der anderen Seite lag die sogenannte Strafkompanie oder das Strafkommando. Denn wir haben immer nur vom »Siemens-Kommando«gesprochen. Wir haben nie gesagt: die »Siemens-Kompanie«. Und weil wir vom »Siemens-Kommando«gesprochen haben, haben wir auch immer vom »Strafkommando« gesprochen.

Ich habe mal gehört, es hätte vielleicht Differenzen gegeben. Man hat nicht verstanden, wieso einer »Strafkompanie« und [+ einer] »Strafkommando« sagt. Wir haben immer gesagt »Siemens-Kommando«, so daß SK für uns »Strafkommando« war. Kompanie, dieses Wort ist uns nie überhaupt jemals in den Sinn gekommen. Und diese Leute, die in der Strafkompanie waren, das waren die besten Freunde von Emil Bednarek. Mit denen stand er auf du und du, und mit denen hat er alles getan.

Ich entsinne mich, eines Tages kam Emil Bednarek abends mit einem Unterwachtmeister in den Block - es war elf Uhr abends - und schrie: »Wer hat hier geraucht?

» Wir bestimmt nicht, denn wir hatten keine Zigaretten. Das waren die SK-Leute, die alten Kapos und diese Leute. Und da sagt er: »Ich zähle bis drei, und alles ist draußen!

» Und wir lagen schon im Bett. Die Tür war 2,50 Meter breit. Dann ging es eins, zwei, drei, und wir stürmten wie die Wilden heraus. Egal, wie es war, das Stückchen Brot, das man noch in der Hand hatte, hat man sich mitgenommen, das ging verloren. Und dann waren wir alle draußen vor dem Block. Und da sagte er: »Jetzt zähle ich bis drei, und dann alles wieder rein!

» Vorher hat er aber gesagt: »Die alten Häftlinge, die Kapos, die gehen mal kontrollieren, ob sich keiner von den Saujuden da versteckt hat.«

Und die Herren, die dann geraucht haben, die Banditen, die sind dann gegangen und haben bei uns kontrolliert, ob sich auch niemand versteckt hätte, der hinausmußte. Das war unsere Doppelstrafe. Sie haben geraucht, sie haben sich köstlich amüsiert über das Theater, das wir ihnen bieten mußten. Bei eins, zwei, drei 200 Menschen vielleicht aus dem Block rausgejagt und bei eins, zwei, drei wieder in den Block zurückgejagt.

Emil Bednarek war mit diesen Menschen sehr, sehr intim. Sie haben sich untereinander geduzt. Er hat von ihnen alles... weil er hat sie bestimmt... Ich weiß zum Beispiel, ich bin oft in den Holzhof geschickt worden. Das war immer einer von den SK-Leuten, wo er sagte: »Hier, du gehst mit den Leuten in den Holzhof.« Die haben uns dorthin geführt. Das waren seine Freunde.

Und wir waren das Kommando, das gut verpflegt werden sollte. Und wenn dann die gute Verpflegung kam, das heißt, wenn wir mal hin und wieder zweimal Suppe bekommen haben, dann hatte er einen von diesen Leuten, ein baumlanger Kerl, ich sehe ihn heute noch vor mir stehen, er war vielleicht 1,90 Meter groß. Der mußte uns die Suppe austeilen. Das ging auf dem Hof vor sich, bei 20 Grad Kälte. Der Pole stand da, und bei der geringsten Kleinigkeit - Sie können sich vorstellen, Herr Präsident, wenn wir nun hörten, es gibt Suppe für Siemens, hat man sich ein bißchen gedrängt - kam der mit seiner Suppenkelle und schlug uns sofort auf den Schädel damit.

Dann sagte er: »Alles in die Kniebeuge!

» Dann mußten wir mit unseren Tellern in die Kniebeuge gehen. Dann sagte er: »Jetzt ranhüpfen an den Topf!

» Dann mußten wir ranhüpfen, vielleicht auf fünf Meter. Dann hat er uns die Suppe reingeschüttet, und dann mußten wir wieder weghüpfen mit der Suppe. Mit dem Erfolg, daß natürlich die heiße Suppe den Leuten über die Hände ging, daß sie nicht hüpfen konnten, daß sie umfielen. Dann kam der Stubendienst von Emil Bednarek und gab uns einen Fußtritt, und der Traum von der zweiten Suppe war ausgeträumt.

Und Emil Bednarek hat dabeigestanden und hat sich köstlich amüsiert. Das war für ihn sein Spezialvergnügen.

Eines Tages kommt Emil Bednarek und sagt: »Wer kann von euch Englisch?

» Als ich mich gemeldet habe, sagt er: »Gut, du kannst kommen und mir englischen Unterricht geben.« Und so kam ich dann in seine Spezialbehausung. Denn ein Blockältester hat nicht mit uns zusammen in dem Block gewohnt. Der hatte ein Sonderzimmer. Er hatte einen sogenannten Pipel - ich weiß nicht ob Sie dieses Wort schon mal gehört haben

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Ja.

 

Zeuge Erich Altmann:

Das war sein Diener. Und da hat er gesagt: »›Pipel‹, gib mal dem Altmann was Anständiges zu essen.« Dann brachte mir der »Pipel« Brot und Margarine und Kaffee, und ich konnte mich richtig satt essen. Dann haben wir etwas Englisch gelernt, und dann habe ich mir den Mut genommen und gesagt: »Hören Sie mal zu, Bednarek, ich verstehe eins nicht. Wir sind hier vom Siemens-Kommando, man hat uns gesagt: doppelte Verpflegung. Warum stiehlt man uns die Hälfte unseres Essens und gibt uns nicht unsere Suppe?

» Da sagt Emil Bednarek: »Was?

Ihr werdet bestohlen?

Das gibt es doch nicht.«

Und am Abend war Läusekontrolle. Läusekontrolle, das hieß, wir saßen alle mit unserem Hemd im Block und suchten, ob wer Läuse im Hemd hat. Und der Stubendienst von Emil Bednarek, der kontrollierte das. Und er kam direkt auf mich zu und sagte: »Altmann, dein Hemd!

» Und ich schwöre Ihnen, in meinem Hemd war keine Laus drin. Da kommt der Stubendienst und sagt: »Zwölf Läuse, zwölf über den Hintern! »

Da wurde ich vor geführt und mußte mich über den »Bock«, über den Ofen legen. Und dann kam der Stubendienst und gab mir zwölf über den Hintern, so, daß mein Hinterteil vollkommen geschwollen und blau war. Und dann kam Emil Bednarek und sagte: »So wirst du wohl morgen nicht weiter laufen können. Jetzt mal in die Kniebeuge und ein bißchen Gymnastik gemacht!

» Und da ließ er mich in die Kniebeuge gehen, und ich mußte zehn Minuten in der Kniebeuge bleiben.

Ich möchte hierbei etwas erwähnen, Herr Präsident: Es ist alles nur relativ. Wenn ich in meiner heutigen gesundheitlichen Situation gewesen wäre, könnte ich nicht mehr vor Ihnen aussagen. Denn diese Kur hätte mich sofort umgebracht. Und ich habe diese Kur bei einigen meiner Kameraden miterlebt. Ich war Gott sei Dank ein alter Sportler und konnte das ertragen. Aber ich habe das bei meinen Kameraden miterlebt.

Mein Kamerad Peter Dymhoff - vielleicht ist Ihnen der Name bekannt, er war ein berühmter Geiger, er hatte das Peter-Dymhoff-Orchester in Berlin -, er war ein kleiner Kerl, und Emil Bednarek war manchmal sehr großzügig. Er war musikliebend. Er sagte, »ich bin auch musikliebend«, und hat ihm eine Geige besorgt. Und Peter Dymhoff hatte oft Gelegenheit, bei uns im Block Geige zu spielen.

Nur eines Tages, eines Abends hat ihn irgendwas gepackt. Peter Dymhoff mußte »Gymnastik« machen. Peter Dymhoff bekam Schläge. Und am nächsten Morgen haben wir meinen Freund Peter Dymhoff hinausgebracht. Er war tot.

Ich lag in Auschwitz auf einer Pritsche zu fünft. Der erste war Heiner Schwarzbaum, der zweite war ich. Neben mir lag mein Kamerad Chaim Birnfeld, und daneben lag mein Freund Schwarzbaum, der ja gestern hier ausgesagt hat. Und eines Tages hat man bei meinem Freund Chaim Birnfeld auch Läuse gefunden.

Und Chaim Birnfeld hat dieselbe Prozedur machen müssen, wie ich sie habe machen müssen. Nur hatte er nicht so ein starkes Herz und vielleicht auch nicht so eine stabile Wirbelsäule. Er konnte überhaupt nicht mehr stehen. Wir haben ihn mit knapper Not auf die Pritsche raufgebracht. Er hat neben mir gelegen und hat die Nacht fürchterlich gejammert. Wir sind dann eingeschlafen, und als ich am nächsten Morgen aufwache, will ich zum Birnfeld etwas sagen und fasse seine Hand, und er antwortet mir nicht. Daraufhin sage ich zum Schwarzbaum - nicht der Schwarzbaum, der gestern hier war, zum Heiner Schwarzbaum: »Mensch, Schwarzbaum, der Birnfeld antwortet nicht mehr.« Und ich schüttele ihn, und mein Freund Birnfeld war tot.

Diese fürchterliche Prozedur, die dann später kam, das war etwas Grausames. Dann kam der Stubendienst und rief: »Sind Tote da oben?

» Sage ich: »Jawohl, hier ist ein Toter.« »Schmeiß ihn runter!

» Sage ich: »Ich kann das nicht.« »Du kannst das nicht?

» Dann kam der Stubendienst und schmiß die Leiche vom dritten Bett oben runter auf die Erde, daß das so richtig aufklappte, und nahm ihn an den Füßen und zog ihn aus dem Block raus. So ist mein Freund Chaim Birnfeld verschwunden.

Als dritten habe ich einen zweiten Freund... einen sehr guten, mit dem ich zusammen verhaftet worden bin, das war Bruno Schantzer. Das Leben im Block war unmöglich. Dieses Schikanieren. Wir mußten morgens früh um fünf Uhr raus. Dann wurde sozusagen der Block gereinigt. Dann standen wir draußen bei 20 Grad Kälte. Wir waren ja im November, Dezember, Januar, Februar, März bei Emil Bednarek. Und wir haben dort gestanden, uns auf die Schultern geklopft und sind rumgelaufen und haben uns zum Schluß auf die Toilette geflüchtet.

Da hatten wir natürlich nicht mit Emil Bednarek gerechnet. Dann kam er mit dem Knüppel und sagte: »Ihr Saujuden, was habt ihr hier auf der Toilette zu tun, in der stinkigen Luft?

Ihr seid doch zur Erholung hier. Ihr müßt frische Luft kriegen. Raus mit euch!

» Und da wurden wir wieder rausgejagt. Und dann standen wir wieder auf dem Hof, und dann mußten wir wieder warten. Und dann, um elf Uhr, hieß es, der Block ist saubergemacht. Und da mußten wir in den Block, aber wir durften uns nicht hinsetzen.

Vorher durften wir allerdings unsere Decken ausschütteln. Und dann mußten wir die Decke vor uns her tragen, sauber pliiert. Emil Bednarek stand mit dem Stock da und klopfte auf jede Decke. Und wenn ein bißchen Staub rauskam, klopfte er uns auch auf den Kopf - und wie. »Ich werde euch zeigen, wie man die Decken richtig ausschüttelt!«

Und wenn wir dann endlich im Block waren und hatten noch unsere Mäntel an, dann kam er und sagte: »Die Mäntel ausziehen, sauber pliieren und auf das Bett legen! » Da mußten wir die Mäntel auf das Bett legen, und keiner durfte sich hinsetzen, weder auf das Bett noch auf den Ofen. Dann mußten wir im Block stehen, und den Block hat er extra nicht früh heizen lassen. Und dann haben wir dort gestanden und gewartet, bis es Essen gegeben hat. Dann hieß es »Raus!«, wieder in die Kälte. Und dann zum Essen raus in die Kälte.

Das war unser Ablauf bei Emil Bednarek. Und weil das etwas Außergewöhnliches war, deswegen ist der Name Emil Bednarek uns allen bekannt. Dessen Namen wissen wir.

Ich habe in meinem Buch eine ganze Menge Namen von Firmen angegeben. Wir waren bei Siemens beschäftigt. Ich kann nicht sagen, daß es zur Ehre der Siemens-Werke gehört, daß sie uns Häftlinge engagiert haben, uns beschäftigt haben. Nie habe ich irgendwie der Firma Siemens ein Lob ausgesprochen. Das Lob habe ich nur den Menschen ausgesprochen, die Siemens uns geschickt hat. Denn das waren Menschen - ich habe manchmal den Eindruck gehabt, der Oberingenieur Bundzus, der hatte sich in den Kopf gesetzt, er will die 200 Menschen retten.

Denn ich habe später im Lager Bobrek die Gelegenheit gehabt - der Zufall hat es ergeben -, daß ich in die Küche gekommen bin. Der deutsche Koch ist nicht gekommen, und meine Kochkenntnisse haben es mir erlaubt, als Koch zu arbeiten. Und wenn ich zum Oberingenieur gekommen bin, habe ich gesagt: »Herr Oberingenieur, es ist unmöglich. Man gibt mir für 200 Menschen fünf Beutel Margarine, fünf Pfund Margarine. Damit kann man nicht leben.« Dann ist er gekommen und hat den SS-Mann gerufen und hat gesagt: »Fünf [+ Pfund] Margarine, das gibt es nicht. Geben Sie dem Mann mal sofort 20 Würfel Margarine!

» Wenn ich ihn gerufen habe und habe gesagt: »Herr Oberingenieur, wir haben nicht genügend Brot«, dann mußte auch Brot geholt werden.

Ich kann Ihnen sagen, daß in Auschwitz bei Emil Bednarek nach meiner vorsichtigen Schätzung in den Monaten, wir waren dort von November bis Mai, mindestens 30 von meinen Kameraden umgekommen sind, umgekommen sind durch seine Behandlung. In dem Jahr, als wir in Bobrek waren, hat es nicht einen einzigen Toten gegeben.

Es war einer meiner Kameraden, ein Junge von 16 Jahren, der lag vier Wochen im Krankenblock. Und eines Tages ist der Bundzus zu mir gekommen und hat gesagt: »Altmann, tun Sie mir einen Gefallen. Sprechen Sie mit dem Jungen, daß er wenigstens drei Tage arbeitet. Wir dürfen nicht länger als vier Wochen einen Kranken hier im Krankenhaus halten.« Und ich bin hingegangen - ich habe dem Jungen sowieso schon vorher zu essen geschickt - und habe gesagt: »Tu mir einen Gefallen und arbeite.« Es war nichts zu machen. Der Junge war nicht zu bewegen. Das ist der einzige Fall, den ich kenne, der von Bobrek nach Auschwitz gekommen ist und nicht wieder zurückgekommen ist.

Ich habe vergessen, Ihnen noch einen dritten Fall von meinem Freund Bruno Schantzer zu sagen. Mein Freund Bruno Schantzer hat es nicht mehr im Block ausgehalten. Er hat gesagt: »Ich gehe lieber arbeiten, als daß ich bei Emil Bednarek im Block bleibe.« Jeden Tag gab es ungefähr zehn Mann, die vom Siemens-Kommando in die Fabrik Bobrek fuhren, um die Fabrik aufzubauen. Mein Freund Bruno hat sich freiwillig gemeldet. Er ist mit raus und kam abends zurück mit einem Bluterguß im Knie. Und er ging zum Arzt, und der Arzt sagte: »Drei Tage Blockruhe.« Und da hat er leider nicht mit Emil Bednarek gerechnet.

Er kam in den Block und gibt Emil Bednarek den Zettel. Daraufhin sagt Emil Bednarek: »Bei mir im Block gibt es keine Kranken. Raus ins Revier!

» Da hat mein Freund gesagt: »Ich möchte nicht ins Revier, ich kann doch hierbleiben. Ich will nur nicht auf Arbeit gehen, ich kann mich doch hier ausruhen.« Da hat es den Knüppel gegeben, er hat ihn weggeschlagen, er mußte ins Revier, und ich habe meinen Freund Bruno Schantzer nie wieder gesehen.

Ich bin überzeugt - es gibt gar keinen Zweifel -, Emil Bednarek hat gewußt, was einem Kranken passiert, der ins Revier kommt. Und Emil Bednarek hat gewußt von den Selektionen, und Emil Bednarek hat gewußt, daß man uns verbrennt. Aber für ihn war das eine heilige Pflicht, die Leute dorthin zu jagen. Und wo er uns nur etwas antun konnte, hat er es getan. Aber nur uns vom Siemens-Kommando, uns Juden. Mit den anderen war er der beste Freund.

 

Vorsitzender Richter:

Nun, Herr Zeuge, seinerzeit, als der Peter Dymhoff, von dem Sie sprachen, [...] so geschlagen worden ist, hat sich Bednarek daran beteiligt, an diesem Schlagen?

Zeuge Erich Altmann:

Bednarek hat geschlagen.

 

Vorsitzender Richter:

Er hat geschlagen?

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl. Ich persönlich bin vom Stubendienst geschlagen worden. Und Bednarek hat mich nur Freiübungen machen lassen, seinen sogenannten Sport. Dieser »Sport« bestand aus Freiübungen, Kniebeugen. Und wenn wir draußen waren, dann mußten wir uns im Dreck suhlen, mußten uns drehen, mußten springen, mußten hopsen. Und wenn er dann nicht damit zufrieden war, hat er oft losgeschlagen.

Ich sehe ihn noch heute vor mir: Es war mal ein Mann bei uns, der nicht zu unserem Kommando gehörte. Der war ganz auf der rechten Seite, und der konnte nicht mehr. Und da ist Emil Bednarek auf ihn losgestürmt und hat ihn auf den Fuß getreten. Seine Spezialität war es, in die Geschlechtsteile zu treten. Und er hat ihn getreten, bis er den Stubendienst gerufen hat, man soll ihn wegschleppen. Er war nämlich fertig, er war nämlich tot.

 

Vorsitzender Richter:

Er war tot?

Zeuge Erich Altmann:

Ja, er war tot. Ich habe diesen Mann nie wieder gesehen. Unser Kommando bestand, wenigstens in der Zeit, als ich in Auschwitz war, zum großen Teil aus Franzosen. Ich war ja selbst als Franzose im Lager registriert - ich trug ein F auf meinem roten Winkel - und auch als Franzose konsideriert. Und ich war vielleicht der einzige, der gut Deutsch sprach und verstand.

Und dann kam Emil Bednarek und sagte: »Ich werde mit euch mal Sport machen. Ihr sollt mal sehen, was Sportmachen [+ ist]. Zunächst mal deutsche Soldatenlieder singen!

» Wer von den Franzosen konnte deutsche Soldatenlieder singen?

Und dann mußten wir marschieren, und die Jungens haben sich bemüht, zu singen, zu schreien. Das hat ihm aber nicht genügt. Dann kam er mit seinem Knüppel und hat draufgeschlagen: »Ich habe doch gesagt: Singen!

» Und schlug und schlug und schlug, bis es zu Ende war.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie auch einmal erlebt, daß Menschen sich unter eine kalte Dusche stellen mußten?

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl. Das war Läusekontrolle. Es gab bei ihm zwei verschiedene Läusekontrollen. Die eine war abends, wenn man einen Schlag bekam über den Allerwertesten pro Laus. Und dann kam er eines Tages und sagte: »Ich werde dir zeigen, was die beste Läusekontrolle ist.« Und er hat die Leute angezogen unter die kalte Dusche gestellt und gesagt: »So werdet ihr eure Läuse am besten los.« Dann mußten sie zu uns raus und durften nicht in den Block rein, und es waren 20 Grad Kälte.

Einige Tage später hat man diese Leute nicht mehr gesehen. Die sind ins Revier gekommen mit Lungenentzündung und sind umgekommen.

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Sie haben also bei dem »Sporttreiben« gesehen, wie ein Mann von ihm so mißhandelt worden ist, daß er tot weggetragen worden ist.

 

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl. Ich kann Ihnen leider nicht sagen, wer dieser Mann war.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dem Bruno Schantzer haben Sie erlebt, daß er ihn ins Revier geschickt hat, wovon er nicht zurückgekommen ist.

 

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl.

 

Vorsitzender Richter:

Bei dem Herrn Birnfeld

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Birnfeld, Chaim Birnfeld. Der hat neben mir auf der Pritsche gelegen. [...] Ich war der Mensch, der morgens festgestellt hat, daß er tot ist, weil ich seine Hand gefaßt habe und sagte: »Chaim«, und da hat er mir nicht mehr geantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Und von wem ist denn Birnfeld geschlagen worden?

Zeuge Erich Altmann:

Vom Stubendienst.

 

Vorsitzender Richter:

War da der Bednarek dabei?

Zeuge Erich Altmann:

Bednarek war immer dabei. Der Stubendienst hat immer geschlagen, wenn Bednarek dabei war. Und Bednarek hat den Stubendienst immer gerufen. Und der Stubendienst hat gesagt: »Bednarek, hier ist wieder einer mit Läusen.« »Rauf und schlagen! » Der Stubendienst hat nichts getan ohne Genehmigung Bednareks. Er war der Ausschlaggebende, er war der Patron, er war der Chef.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen zu stellen?

Bitte schön.

 

Richter Hotz:

Herr Altmann, Sie sagten zu Eingang Ihrer Aussage, es habe Differenzen gegeben wegen der Bezeichnungen Strafkompanie, Strafkommando.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ja.

 

Richter Hotz:

Woher wissen Sie das?

Zeuge Erich Altmann:

Das habe ich in der Zeitung gelesen.

 

Richter Hotz:

Aha.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich habe das auch gestern - ich habe ja gestern den ganzen Tag hier gesessen, und meine Kameraden haben mir davon gesprochen. Und deswegen gestatte ich mir, das zu sagen. Wir haben nur von dem Siemens-Kommando gesprochen. Und deswegen haben wir auch nur vom SK-Kommando gesprochen. Jede Gruppe, die ausmarschiert ist, war für uns ein Kommando. Das Wort »Kompanie« wurde bei uns nie gebraucht, weil wir eben selbst ja nicht Siemens-Kompanie waren, sondern Siemens-Kommando.

 

Richter Hotz:

Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Von dem Gericht sonst noch Fragen zu stellen?

Herr Staatsanwalt.

 

Staatsanwalt Vogel:

Eine Frage, Herr Altmann. Sie erwähnten, daß Sie Bednarek Englischunterricht gegeben haben

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Sollten.

 

Staatsanwalt Vogel:

Oder zumindest damit angefangen hatten. Haben Sie das dann nicht mehr fortgesetzt?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, selbstverständlich habe ich nach den zwölf, die ich übergezogen bekommen habe, und nach den Freiübungen, die ich machen mußte, darauf verzichtet, ihm Englischunterricht zu geben. Ich habe ihn sogar mal gefragt: »Bednarek, warum wollen Sie Englisch lernen?

» »Ach«, sagt er, »wissen Sie, wenn die Sache zu Ende geht, dann will ich doch türmen, möchte ich doch mal nach Amerika gehen.« Deswegen wollte er Englisch lernen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Wissen Sie, bei wem er dann anschließend Englischunterricht genommen hat?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, das ist mir unbekannt. Es ist mir auch unbekannt, daß er überhaupt später Englisch gelernt hat. Ich weiß nur, daß er bei mir Englisch lernen wollte, daß er mir gut zu essen gegeben hat. Aber sonst, muß ich Ihnen ehrlich sagen, weiß ich nicht, daß er überhaupt Englisch gelernt hat.

 

Staatsanwalt Vogel:

Es war gestern die Rede davon bei einem der Zeugen - ich glaube, bei Herrn Schwarzbaum -, daß ein gewisser Feuermann Englischunterricht gegeben hat.

 

Zeuge Erich Altmann:

Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.

 

Staatsanwalt Vogel:

Gut. Danke schön.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe. Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, habe ich Sie vorhin recht verstanden, daß die beiden Prüfungen, denen Sie zu Beginn Ihrer Lagerzeit in Auschwitz unterzogen worden sind durch den Oberingenieur Bundzus, unmittelbar hintereinander am einen Tag und dann am nächsten Tag waren?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, an zwei verschiedenen Tagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, waren die unmittelbar hintereinander?

Zeuge Erich Altmann:

Unmittelbar hintereinander. Am ersten Tage war eine theoretische Prüfung, und am zweiten Tag war eine praktische Prüfung.

 

Verteidiger Stolting II:

Hat diese beiden Prüfungen der Oberingenieur Bundzus abgenommen?

Zeuge Erich Altmann:

Ja, beidemal waren Oberingenieur Bundzus und Herr Hanke präsent.

 

Verteidiger Stolting II:

Dann muß ich Ihnen vorhalten, daß nach meiner Erinnerung der Oberingenieur Bundzus gesagt hat, die erste Prüfung habe er abgenommen, und dann sei er wieder nach Berlin zurückgefahren. Und etwa einen Monat später habe er die zweite Prüfung vorgenommen. Ich möchte

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Das muß

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ihnen das vorhalten, weil das der Zeuge hier gesagt hat.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ja, vielleicht täuscht sich der Zeuge. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Wissen Sie, nach 20 Jahren ist es ja alles etwas relativ.

 

Verteidiger Stolting II:

Aber Sie wissen es bestimmt?

Zeuge Erich Altmann:

Ich habe es in meinem Buch im Jahre 1945 niedergelegt und weiß, daß wir an zwei verschiedenen Tagen [+ geprüft wurden]. Denn ich bin einmal in meinen Block wieder zurückgekommen, und am nächsten Tag war die praktische Prüfung. Dann haben wir noch vier, fünf Tage in der Quarantäne gelegen, und dann hieß es: »Kommando Siemens antreten! »Und wir wurden weggeführt.

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Schön. Danke sehr. Meine zweite Frage: Habe ich Sie vorhin richtig verstanden, daß der Oberingenieur Bundzus diese Anordnung wegen der doppelten Verpflegung dem Lagerführer und dem Angeklagten Bednarek vor dem Block 11 gegeben hat?

Zeuge Erich Altmann:

Vor dem Block 11. Ich will Ihnen etwas sagen: Als wir in den Block 11 geführt wurden, war der Lagerführer nicht dabei, war der Herr Bundzus nicht dabei. Aber der Bundzus ist verschiedene Male ins Lager gekommen und hat uns gesagt: »Sie kriegen doppelte Verpflegung.« Ich kann Ihnen heute nicht mehr genau sagen, wann und wie ich es gewußt habe, daß wir doppelte Verpflegung haben, aber

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Verzeihen Sie, ich habe vorhin mitgeschrieben, und nach meinen Aufzeichnungen haben Sie gesagt, als Sie dorthin geführt worden seien, in den SK-Block, habe der Ingenieur Bundzus in Gegenwart des Lagerführers und in Gegenwart des Angeklagten Bednarek diese Anordnung gegeben.

 

Zeuge Erich Altmann:

Diese Anordnung gegeben. Wenn Sie gestatten, darf ich

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ist das richtig?

Zeuge Erich Altmann:

Wenn Sie gestatten, darf ich in meinem Buch nachsehen. Denn ich habe das sehr deutlich dort geschrieben. Dann besteht gar keine [Pause]

 

Verteidiger Stolting II:

Ich weiß nicht, Herr Präsident, ob Sie Wert darauf legen. Ich lege keinen Wert darauf, daß der Zeuge das aus seinem Buch vorliest.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Der Zeuge darf seine Notizen verwenden.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja sicher. Ich meine nur, ich lege keinen Wert darauf, daß er es aus dem Buch vorliest. Wenn Sie Wert darauf legen [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter:

Er sagt, er will sein Gedächtnis aufgrund seiner Notizen stützen.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich habe hier in dem Buch geschrieben: »Für das Lager brauchten wir nicht mehr zu arbeiten, eine Sondersuppenzulage sollten wir bekommen.«3

Es ist natürlich möglich, daß, als wir von Herrn Bundzus mobilisiert wurden, ausgesucht wurden, er gesagt hat, wir bleiben noch einige Tage im Block, im Lager, bis das Lager Bobrek gebaut wird. »Aber in der Zwischenzeit werde ich anordnen, daß Sie eine Sonderzulage bekommen, eine doppelte Verpflegung bekommen.«

Denn diese doppelte Verpflegung war für uns immer schon der Traum, als wir noch in der Quarantäne - als wir von dieser Ausmusterung von Siemens zurückkamen, wußten wir schon, daß wir eine Sonderzulage kriegen werden und doppelte Verpflegung für die kurze [+ Zeit], man hat damals gesprochen von 14 Tagen, die wir im SK-Block bleiben sollten. Und geblieben sind wir von November bis Mai.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, der Herr Rechtsanwalt Doktor Stolting hat sie ja nur gefragt, ob Sie sich bestimmt darauf erinnern können, daß der Oberingenieur Bundzus mit Ihnen zusammen mit eingezogen ist in die SK oder daß Sie dort zusammen mit Bundzus und mit Bednarek und mit dem Lagerführer gewesen sind.

 

Zeuge Erich Altmann:

Herr Präsident, ich kann es Ihnen wirklich nicht genau sagen. Ich weiß, daß Herr Bundzus mit dem Lagerführer mehrere Male gekommen ist und wir antreten mußten.

Mir ist noch eine Szene im Gedächtnis, daß wir vor dem Block standen. Es war sehr kalt, und Emil Bednarek hat kommandiert: »Mützen ab!«Herr Bundzus kam mit dem Lagerführer und guckt uns an und sagt auf einmal: »Ja, meine Herren, setzen Sie doch Ihre Mützen auf, es ist doch fürchterlich kalt.« Und wir wagten nicht, die Mützen aufzusetzen, denn Emil Bednarek hat kommandiert: »Mützen ab!«Sagt er: »Was zögern Sie? Setzen Sie doch Ihre Mützen auf.« Dann haben wir erst unsere Mützen aufgesetzt.

Also gar kein Zweifel, da waren der Lagerführer, ich sehe ihn noch heute, in einer Lederjacke und Emil Bednarek mit hohen Schaftstiefeln und der Herr Bundzus mit einem Pelzmantel. Und wir standen da mit unserer [gestreiften] Uniform, und: »Mützen ab! » Und da habe ich mir noch gedacht: »Herrgott, da ist plötzlich ein Mensch, der merkt, daß wir auch frieren.«

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, ich habe Ihnen ja vorgehalten, daß Sie vorhin gesagt haben, der Oberingenieur Bundzus habe vor dem Block 11 in Gegenwart des Lagerführers und des Angeklagten Bednarek die Anweisung gegeben, daß Sie doppelte Ration bekommen sollen. Soll ich Ihre jetzigen Erklärungen dahin verstehen, daß Sie diese Erklärung von vorhin nicht mehr aufrechterhalten?

Zeuge Erich Altmann:

Das stimmt. Aber ich kann Ihnen leider nicht sagen, ob es am ersten Tag war

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Das habe ich auch nicht gefragt.

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Daß er diese Erklärung abgegeben hat, oder ob es später war. Auf jeden Fall bleibe ich bei meiner Bestimmung, daß der Oberingenieur Bundzus mit dem Lagerführer zu uns gekommen ist und wir antreten mußten und sie in Gegenwart von Bednarek gesagt haben, daß wir gute Verpflegung kriegen. Und er hat sogar gesagt: »Die Leute können ja auch mal ein bißchen Gymnastik machen, damit sie sich ein bißchen beschäftigen.«

 

Verteidiger Stolting II:

Schön.

 

Zeuge Erich Altmann:

Und »Gymnastik«, das war das Stichwort für Emil Bednarek, das hieß für ihn »Sport«. Und »Sport«, das ist nicht das, was man im allgemeinen vielleicht im Duden unter Sport versteht. »Sport«, das hieß: auf, nieder, in den Dreck rollen, und wer nicht weiterkonnte, wurde getreten und mußte nachexerzieren, weil er [zu schwach] war, um die Übungen auszuführen, die Emil Bednarek wollte.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, wie oft ist der Oberingenieur Bundzus etwa nach Ihrer heutigen Erinnerung im Lager Birkenau, und zwar im Bereich der Strafkompanie, gewesen?

Zeuge Erich Altmann:

Das kann ich Ihnen leider nicht genau explizieren. Das kann zweimal, es kann dreimal gewesen sein. Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Sie wissen aber bestimmt, daß er drin war?

Zeuge Erich Altmann:

Ich weiß bestimmt, daß er im Lager war und daß er in Gegenwart von Emil Bednarek gesagt hat, wir kriegen doppelte Verpflegung und die Leute sollten nicht arbeiten, aber sie könnten sich ja mal ein bißchen bewegen, mal ein bißchen Gymnastik machen und ihre Gliedmaßen ein bißchen in Bewegung bringen. Und dieses Wort, Gymnastik, war für Emil Bednarek das Stichwort, uns noch außerdem mit diesem sogenannten »Sport« zu peinigen.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, habe ich Sie recht verstanden, daß Sie vorhin darauf hingewiesen haben, daß Ihr Buch lediglich Ihr Freund Schaffer, ich glaube, Peter Schaffer

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Paul Schaffer.

 

Verteidiger Stolting II:

Paul Schaffer gelesen hat, sonst aber niemand?

Zeuge Erich Altmann:

Paul Schaffer ist der einzige von meinen Kameraden, mit dem ich in diesen Jahren in Verbindung war. Alle anderen habe ich gestern zum ersten Mal hier getroffen, als ich vormittags hergekommen bin zum Prozeß.

 

Verteidiger Stolting II:

Verzeihen Sie, das ist keine Beantwortung meiner Frage. Ich hatte Sie gefragt, ob es richtig ist, daß Sie vorhin erklärt haben, daß außer Ihrem Freund Paul Schaffer sonst niemand Ihr Buch gelesen habe.

 

Staatsanwalt Vogel:

Ich widerspreche dieser Frage.

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Ich kann doch nicht sagen: sonst niemand. Ich habe gesagt, daß dieses Buch von einer Buchgemeinschaft in Luxemburg verteilt wurde. Es ist in 2.500 Exemplaren gedruckt worden, aber nicht im Buchhandel erschienen. Sondern ich persönlich habe 200 Exemplare ungefähr zu meiner Verfügung gehabt. Und Paul Schaffer war der einzige von meinen früheren Kameraden, mit dem ich in Verbindung war und dem ich dieses Buch geschickt habe.

 

Verteidiger Stolting II:

Das wollte ich wissen. Herr Zeuge, während Ihres Aufenthaltes in der Strafkompanie, ist da der »Pipel« immer der gleiche gewesen?

Zeuge Erich Altmann:

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie den Namen eines der »Pipel«, die der Angeklagte Bednarek hatte?

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Nein, das weiß ich nicht. Den Namen weiß ich nur: »Pipel«. Und ich weiß, daß Emil Bednarek einen Bedienten gehabt habt. Man hat gesprochen, daß dieser »Pipel« ihm zum Beispiel sein Essen kocht und daß er das Leben eines Grandseigneur geführt hat und seinen Diener gehabt hat, der ihm die Schuhe geputzt hat und der ihm alles getan hat. Aber wer der »Pipel« war, das weiß ich nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie sich für den Namen damals nicht interessiert?

Zeuge Erich Altmann:

Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Wissen Sie einen Namen der Stubendienste, die bei Ihnen in der Strafkompanie tätig waren?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, weiß ich auch nicht. Das war

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Nun haben ja die Stubendienste nach Ihrer Erklärung auch offensichtlich wüst auf andere eingedroschen

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Selbstverständlich.

 

Verteidiger Stolting II:

Haben Sie sich nie für einen Namen dieser Stubendienste interessiert?

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Nein, nein, nie. Nein.

 

Verteidiger Stolting II:

Darf ich fragen, weshalb nicht?

Zeuge Erich Altmann:

Herr Rechtsanwalt, es sind 20 Jahre her. Selbst wenn ich mich dafür interessiert hätte - mir sind einige Namen im Gedächtnis geblieben, die besonders herausgegangen sind aus dem Gewöhnlichen. Ich habe mal in Trzebinia einen Lagerführer gehabt, der hieß Bergmann, das war ein Zivilist. Dieser Mann ist mir im Gedächtnis geblieben. Mir ist Emil Bednarek im Gedächtnis geblieben, weil er ein besonderer Sadist war.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, können Sie mir sagen, von wann bis etwa wann Sie nachher in der Küche in Bobrek beschäftigt waren?

Zeuge Erich Altmann:

Wir sind im Mai in das Lager Bobrek gekommen. Um am ersten Tag ist der SS-Mann gekommen und hat gesagt: »Herr Oberingenieur, der deutsche Koch ist nicht gekommen, geben Sie mir einen Mann für drei Tage zum Kochen.« Dann habe ich mich gemeldet; ich war schon in der französischen Armee Koch gewesen. Und dann hat der Oberingenieur gesagt: »Nein, nein. Den Mann kann ich nicht geben, der kommt an die Schleifmaschine.« Dann hat der SS-Mann gesagt: »Mensch, tun Sie mir doch den Gefallen, drei Tage nur.«

Und wie ich mit dem SS-Mann weggegangen bin, hat er zu mir gesagt: »Hör mal zu, kannst du wirklich kochen?« Habe ich gesagt: »Selbstverständlich.« Sagt er: »Mensch, wenn du kochen kannst, ich will den Deutschen gar nicht sehen. Ich bin genauso hier reingekommen wie du.« Woraufhin ich ihn sehr verdutzt angesehen habe. Sagt er

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Wie lange sind Sie denn dann in der Küche geblieben, Herr Zeuge?

Zeuge Erich Altmann:

Bis zum Ende, bis Januar, bis wir aus Bobrek ausgerückt sind.

 

Verteidiger Stolting II:

Und habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie in dieser Zeit, von Mai 1943 bis später dann [...]

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Von Mai 1943 bis Januar 1945.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, daß Sie da des öfteren noch mit dem Oberingenieur Bundzus gesprochen haben?

Zeuge Erich Altmann:

Selbstverständlich.

 

Verteidiger Stolting II:

Und wie lange ist denn der Oberingenieur

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Selbstverständlich, denn Herr Bundzus war ja der Leiter des Lagers.

 

Verteidiger Stolting II:

Richtig. Und wie oft ist denn das etwa vorgekommen - jede Woche einmal oder nur jeden Monat einmal -, daß Sie mit dem Oberingenieur Bundzus gesprochen haben?

Zeuge Erich Altmann:

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

 

Verteidiger Stolting II:

Das wissen Sie nicht.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich weiß, wenn mal etwas gefehlt hat, dann bin ich zum Oberingenieur Bundzus gegangen

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ja, das sagten Sie schon. Wie lange ist denn der Oberingenieur Bundzus etwa noch dagewesen?

Die ganze Zeit?

Zeuge Erich Altmann:

Soweit ich mich entsinne, aber ich kann mich täuschen, war er die ganze Zeit da. Er ist mal ein paar Tage weg gewesen, er ist aber wieder zurückgekommen.

 

Verteidiger Stolting II:

Dann möchte ich Ihnen aber vorhalten, daß der Oberingenieur Bundzus nach meiner Erinnerung hier als Zeuge unter Eid gesagt hat, daß er im Mai 1944, in dem Augenblick, in dem die Fabrik dann dort bezogen worden sei, den Komplex Auschwitz verlassen habe und dann nicht mehr hingekommen sei.

 

Zeuge Erich Altmann:

Herr Rechtsanwalt, ich kann Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben.

 

Verteidiger Stolting II:

Aber wieso? Wenn Sie doch noch

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Ich weiß

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Wenn Sie von da ab, nachdem das

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Ich weiß, daß der Herr Bundzus des öfteren dagewesen ist. Ich

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Nach Mai 1944?

Zeuge Erich Altmann:

Nach Mai 1944 weiß ich eine prägnante Szene. Herr Bundzus ist in der Küche bei mir gewesen und hat mich gebeten, den SS-Arzt, den deutschen - den jüdischen Arzt zu rufen.

 

Verteidiger Stolting II:

Das hatten Sie vorhin schon erzählt, Herr Zeuge.

 

Zeuge Erich Altmann:

Bitte schön. Diese Szene weiß ich genau. Und Herr Bundzus ist dagewesen. Wie oft Herr Bundzus da war, das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Darüber habe ich

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Ich halte Ihnen nur vor, daß Herr Bundzus unter Eid gesagt hat, daß er also im Mai 44 mit dem Bezug dieser Fabrik, nachdem die fertiggestellt worden sei, dort weggegangen sei und nicht mehr hingekommen wäre.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich kann mir vorstellen, daß Herr Bundzus das in gutem Glauben ausgesagt hat. Jeder Mensch kann sich täuschen. Ich persönlich weiß, daß er da war, weil es eine prägnante Szene für mich war, wie der Herr Bundzus gekommen ist und dieses Mädchen gerettet hat. Vielleicht ist dem Herrn Bundzus dieser Moment entfallen, und er weiß es nicht mehr.

 

Verteidiger Stolting II:

Schön. Danke sehr.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hatten doch vorhin von einem Jungen gesprochen, den er da retten wollte und der nicht gegangen ist.

 

Zeuge Erich Altmann:

Das war wieder ein anderer Fall. Das war ein Junge, der vier Wochen im Krankenhaus lag, ein gewisser Stein.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, das sagten Sie.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich kann Ihnen allerdings sagen, vielleicht war es auch ein anderer, der mich gebeten hat. Aber soweit meine Erinnerung heute da ist - verstehen Sie, nach 20 Jahren ist es schwer, sich zu erinnern -, weiß ich nur, daß dieser Fall vorgekommen ist, daß mich jemand, ich nehme an, Herr Bundzus, gebeten hat, mit diesem Jungen zu sprechen, er soll wenigstens drei Tage arbeiten. Der Mann darf nicht länger als vier Wochen einen Menschen im Krankenbau lassen.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Zeuge, haben Sie dem Oberingenieur Bundzus gegenüber auch einmal zum Ausdruck gebracht, wie das Leben in dieser Strafkompanie ist, daß man Sie da schikaniert, daß man Ihnen diese doppelten Rationen, die er angeordnet hatte, dort nicht gegeben hat und daß der Angeklagte Bednarek da Menschen totschlug?

Zeuge Erich Altmann:

Ich persönlich, glaube ich, nicht.

 

Verteidiger Stolting II:

Nein?

Zeuge Erich Altmann:

Und ich hatte in der Zeit, als wir im Lager bei Bednarek waren, mit Herrn Bundzus keine Verbindungen. Die menschliche Verbindung, die ich mit Herrn Bundzus hatte, ist erst gekommen, als wir in Bobrek im Lager waren.

 

Verteidiger Stolting II:

Ja, und haben Sie ihm da nicht davon erzählt, was Sie da alles in den vorhergehenden Monaten durchgemacht hatten?

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Nein, nein, nein. Diese Zeit war für uns so grausig, daß wir nie gewagt haben, darüber zu sprechen, denn man ist immer Gefahr gelaufen, daß uns das falsch ausgelegt wurde.

 

Verteidiger Stolting II:

Diese Bedenken hatten Sie auch dem Oberingenieur Bundzus gegenüber?

Zeuge Erich Altmann:

Herr Rechtsanwalt, wir haben die Bedenken jedem gegenüber gehabt. Ich möchte Ihnen einen einzelnen Fall erzählen. Eines Tages ist zu mir in die Küche ein Feldwebel gekommen. Er war von oben bis unten erste Klasse, Nahkampfmedaille und so weiter. Der kam und hatte ein Brückenkommando mit russischen, mit weißrussischen Soldaten in der Nähe, am Lager. Und er kam, ob ich für ihn mitkochen wollte. Daraufhin sagte ich ihm: »Ich habe hier nichts zu bestimmen. Sie müssen mit meinem SS-Mann sprechen.« Und dann sprach er mit diesem SS- Mann, und der hat gesagt: »Ja, wenn der Altmann für dich mitkochen will, dann koche mal nur, dann laß ihn nur kochen.« Daraufhin habe ich für diesen Mann mitgekocht. Und dann kam dieser Feldwebel und sagte, ob er mit mir in der Küche essen könnte. Und da habe ich ihm gesagt: »Herr Feldwebel, darüber habe ich nicht zu bestimmen, da müssen Sie meinen SS- Mann fragen.« Dann ist er wieder weggegangen und hat den SS-Mann gefragt. Und da hat der gesagt: »Von mir aus kannst du auch in der Küche essen.«

Dann hat er da gesessen und hat eines Augenblicks zu mir gesagt: »Wissen Sie, der Hitler hat uns ja ganz schön in den Dreck reingeführt.« Daraufhin habe ich ihm gesagt: »Herr Feldwebel, ich bin ein politischer Gefangener, wollen Sie bitte solche Gespräche mit mir nicht führen.« Darauf hat er mir geantwortet: »Ja Mensch, nur mit dir kann ich doch solche Gespräche führen. Meinen Kameraden kann ich doch so was nicht sagen.«

Wir waren äußerst vorsichtig, mit irgendeinem Deutschen auch nur das geringste in dieser Hinsicht zu sprechen oder uns über Dinge zu beklagen. Denn wir wußten ja nie, selbst wenn einer uns anständig gegenüber war. Ich habe ja vorhin schon erklärt: Ich halte es nicht für ein Ruhmesblatt der Siemens-Kompanie, daß sie Deportierte als ihre Arbeiter genommen hat. Das waren anständige Menschen, aber weiter wußte ich doch von nichts. Ich konnte diesen Menschen gegenüber nie meine letzten Empfindungen oder irgendwelche Dinge [+ äußern]. Ich konnte mich bei Ihnen beklagen über Dinge, die im Lager vorgekommen sind, bei Ihnen selbst vorgekommen sind. Aber über weitere Dinge habe ich nie mit diesen Herrn gesprochen. Die hätten auch nie mit mir gesprochen, denn jeder hat sich doch gehütet, mit einem Häftling vertraulich zu sein.

Mit Herrn Bundzus war unsere Situation außerordentlich, er war der Betriebsleiter von Siemens. Wir waren doch mit diesem Mann nicht vertraulich, wir haben mit diesem Mann doch nicht in irgendeiner Form gesprochen, sondern nur »Herr Betriebsleiter, das« und »Herr Oberingenieur, das«. Daß dieser Mann mit uns menschlich umgegangen ist, ist eine zweite Sache. Aber vertraulich sind wir mit diesen Herrschaften nie gewesen. Und irgendwelche besonderen Klagen oder irgendwelche Vertraulichkeiten haben wir diesen Herren gegenüber nie bewiesen.

 

Verteidiger Stolting II:

Herr Präsident, ich habe keine Frage mehr, aber ich möchte folgendes sagen: Die Aussagen des Herrn Bundzus und die Aussagen des Herrn Altmann stehen sich in drei Punkten diametral gegenüber. Ich bin deshalb der Meinung, daß diese drei Punkte doch geklärt werden müssen, weil sie ja doch unter Umständen für die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen oder die Glaubwürdigkeit des Herrn Bundzus von entscheidender Bedeutung sein können.

Aus diesem Grunde möchte ich anregen, daß der Oberingenieur Bundzus hier noch mal geladen wird und dem Herrn Altmann gegenübergestellt wird, damit in diesen drei Punkten, die ich ja durch meine Fragestellung hier herauskristallisiert habe, diese Dinge doch geklärt werden.

 

Vorsitzender Richter:

Sind noch Fragen von seiten der Verteidigung?

Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert?

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, darf ich Sie fragen, welche Zeitung Sie heute morgen gelesen haben?

Zeuge Erich Altmann:

Ich glaube, die Frankfurter Allgemeine.

 

Verteidiger Eggert:

Nur die Frankfurter Allgemeine?

Zeuge Erich Altmann:

Ja. Ich habe gar keine Zeit gehabt, denn ich mußte um 8.30 Uhr hier sein und bin um halb acht aufgestanden.

 

Verteidiger Eggert [unterbricht]:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

So. Herr Gerhardt.

 

Verteidiger Gerhardt:

Herr Zeuge, wie sind Sie vom SK-Lager, wo Sie untergebracht waren, nach Bobrek verbracht worden?

Zeuge Erich Altmann:

Wir sind am 8. Mai

 

Verteidiger Gerhardt [unterbricht]:

Nein, nein, Sie haben mich...

 

Zeuge Erich Altmann:

Mit einem Camion. Wir sind erst rausgeführt worden vor dem Lager Bobrek und haben vor dem Lager Bobrek in einem Chausseegraben [gesessen] und haben dann die Massen der ungarischen Juden an uns vorbeiziehen sehen, die ins Krematorium gebracht wurden. Es hat fürchterlich gestunken nach den Leichenverbrennungen, denn man hatte damals die Leichen offen in den Gräben verbrannt. Und die kamen bei uns vorbei, und wir haben um Wasser gebettelt. Wir lagen untätig da, denn man hatte uns verboten, mit den Menschen auch nur ein Wort zu sprechen. Wir waren froh und glücklich, als ein Camion kam, der uns aufgenommen hat und uns nach Bobrek gebracht hat.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wissen Sie, wie der Kapo in diesem Kommando hieß?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, ich weiß weder den Namen vom Kapo noch den Namen - wir haben ja auch in Bobrek keinen Kapo gehabt, sondern einen Lagerführer. Das war ein Lagerältester, das war ein grüner Winkel. Aber wie er hieß, weiß ich nicht.

Der wurde später durch einen zweiten grünen Winkel abgewechselt, der mit uns dann den Rückmarsch gemacht hat und in der letzten Minute als SS-Mann eingekleidet wurde mit dem Gewehr und noch wilder war als alle anderen zusammen.

 

Verteidiger Gerhardt:

Ist Ihnen ein Kapo mit dem Vornamen Leo bekannt?

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl. Wir hatten einen Kapo, aber der war nicht in Bobrek, als das Lager bestanden hat, sondern als wir regelmäßig nach Bobrek rausgefahren sind, einige von unserem Kommando, zehn oder zwölf Leute. Da hat es einen Kapo Leo gegeben, der sagte, er wäre ein holländischer Offizier gewesen. Aber ich persönlich habe meine starken Zweifel. Denn er war ein sehr gemeiner Kerl und ist auch später in der SK gelandet, weil er mit einer Aufseherin ein Verhältnis gehabt hat.

 

Verteidiger Gerhardt:

Wissen Sie noch, wie der Kommandoführer hieß?

Zeuge Erich Altmann:

Nein, kann ich mich nicht entsinnen, denn wir waren ja im Block 11 kontiniert. Wir durften nicht raus aus dem Block 11, während alle anderen nach dem Appell herumlaufen konnten. Wir waren kontiniert und waren im Block und haben überhaupt kein

 

- Schnitt -

 

Zeuge Erich Altmann:

Vielleicht habe ich es auch von meinen Kameraden gehört, ich kann Ihnen das nicht mehr sagen. Ich weiß nur eins, daß ich diese Differenzierung in Strafkompanie und Strafkommando mir dadurch erkläre, daß wir ein Siemens-Kommando waren, so daß wir nie auf den Namen »Strafkompanie«[gekommen] sind. Für uns hieß es immer »Strafkommando«.

 

Vorsitzender Richter:

Sonst sind keine Fragen mehr. Herr Zeuge, aber um etwas noch klarzustellen, was von seiten der Verteidigung gerügt worden ist, möchte ich Sie noch folgendes fragen: Wissen Sie noch ungefähr, wie viele Menschen seinerzeit geprüft und ausgesucht worden sind mit Ihnen zusammen? Ungefähr.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ich war in der ersten Auswahl.

 

Vorsitzender Richter:

Aussonderung, ja.

 

Zeuge Erich Altmann:

Soweit ich mich entsinne, waren wir vielleicht 50 Menschen.

 

Vorsitzender Richter:

Etwa 50 Menschen.

 

Zeuge Erich Altmann:

Insgesamt waren später mit Frauen - das weiß ich genau, weil ich ja schließlich gekocht habe - in Bobrek 220 Menschen.

Also es kamen immer wieder Neuzugänge und Abgänge. Wie gesagt, es hieß immer: Hier ist nie einer zuwenig, immer nur einer weniger. Und wenn einer wegging, kamen immer neue dazu.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Zeuge, ist es möglich, daß der Herr Ingenieur Bundzus bei Ihnen diese Prüfungen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen vorgenommen hat und daß

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Da kann ich mich leider - also ich weiß, daß ich an zwei aufeinanderfolgenden - so ist mein Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß er vielleicht trotzdem später nach einem Monat noch einmal da war, um andere Leute zu prüfen?

Zeuge Erich Altmann:

Das ist absolut möglich. Denn mit dem Augenblick, als ich im Kommando Siemens war und im Block von Bednarek meine Zeit abgewartet habe, wußte ich nicht mehr, was außerhalb vorgeht.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. Herr Rechtsanwalt Doktor Eggert.

 

Verteidiger Eggert:

Herr Zeuge, haben Sie im Zusammenhang mit diesem Verfahren oder mit einem ähnlichen Verfahren die Namen und Adressen der Zeugen, die gestern zusammen mit Ihnen erschienen sind, einer Dienststelle der Staatsanwaltschaft oder einem Gericht mitgeteilt?

Zeuge Erich Altmann:

Herr Rechtsanwalt, ich habe diese Zeugen gestern zum ersten Male nach 20 Jahren wiedergesehen. Ich habe Ihnen vorhin schon gesagt, ich kenne nur meinen Freund Paul Schaffer, mit dem ich in den 20 Jahren in Verbindung war. Alle anderen - das war für mich eine der großen Überraschungen des gestrigen Tages, diese meine Kameraden wiederzufinden.

 

Verteidiger Eggert:

Sie haben also die Namen und Adressen - ja, die Namen schon, aber die jetzigen Adressen dieser Kameraden nicht gekannt und haben sie auch niemandem mitgeteilt?

Zeuge Erich Altmann:

Nicht gekannt, vollkommen ignoriert. Ich kenne nur und weiß nur die Adresse von Paul Schaffer.

 

Vorsitzender Richter:

Bednarek, wollen Sie zu diesen Aussagen des Zeugen noch Stellung nehmen?

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident, das ist nicht wahr, was der Zeuge gesagt hat.

 

Zeuge Erich Altmann:

Herr Präsident, würden Sie gestatten, daß Herr Bednarek mir das ins Gesicht sagt?

Daß er hier mal herkommt

 

Sprecher (nicht identifiziert) [unterbricht]:

Nein, nein, nein.

 

Zeuge Erich Altmann:

Und mir das ins Gesicht sagt, daß das alles nicht wahr ist?

Verteidiger Eggert:

Diesen unwürdigen Auftritt haben wir gestern schon erlebt. Wir widersprechen da ausdrücklich.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, also Herr Zeuge...

 

Zeuge Erich Altmann:

Sie kennen mich nicht mehr?

Angeklagter Bednarek:

Ich kenne Sie nicht.

 

Zeuge Erich Altmann:

Sie wissen nicht mehr, jetzt auf einmal können Sie nicht mehr schreien?

Sprecher (nicht identifiziert):

Na ja.

 

Zeuge Erich Altmann:

Sie kennen mich nicht mehr?

Angeklagter Bednarek:

Herr Präsident

 

Zeuge Erich Altmann [unterbricht]:

Sie haben nie bei mir Englischunterricht nehmen wollen?

Angeklagter Bednarek:

Ich habe nie Englisch gelernt.

 

Zeuge Erich Altmann:

Ja, das glaube ich, da waren Sie viel zu dumm dafür.

 

Vorsitzender Richter:

Na, jetzt möchte ich also

 

Verteidiger Stolting II [unterbricht]:

Herr Präsident, also das geht nicht

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Zeuge, wollen Sie bitte Platz nehmen. Bitte schön.

 

Ist sonst von seiten der Verteidiger noch eine Frage zu stellen?

Von seiten der Angeklagten auch nicht? Herr Zeuge, können Sie das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen beschwören?

Zeuge Erich Altmann:

Jawohl, das kann ich mit gutem Gewissen beschwören.

 

Vorsitzender Richter:

Dann haben Sie den Eid zu leisten.

 

- Schnitt -

 

 

1. Vgl. Erich Altmann: Im Angesicht des Todes. 3 Jahre in deutschen Konzentrationslagern. Auschwitz - Buchenwald - Oranienburg. 1. Aufl. Luxemburg: Verlag Luxemburgensia, 1947, S. 20.

2. Vgl. Erich Altmann: Im Angesicht des Todes. 3 Jahre in deutschen Konzentrationslagern. Auschwitz - Buchenwald - Oranienburg. 1. Aufl. Luxemburg: Verlag Luxemburgensia, 1947, S. 5.

3. Vgl. Erich Altmann: Im Angesicht des Todes. 3 Jahre in deutschen Konzentrationslagern. Auschwitz - Buchenwald - Oranienburg. 1. Aufl. Luxemburg: Verlag Luxemburgensia, 1947, S. 74.

 

 

 
 
 
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