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Fritz Bauer Institut: Mitschnitte Prozessprotokolle

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess
»Strafsache gegen Mulka u.a.«, 4 Ks 2/63
Landgericht Frankfurt am Main

 

112. Verhandlungstag, 16.11.1964

 

Vernehmung der Zeugin Mariana Adam

 

 

Vorsitzender Richter:

[+ Sind Sie damit einverstanden,] daß wir Ihre Aussage auf ein Tonband nehmen zum Zweck der Stützung des Gedächtnisses des Gerichts?

 

Zeugin Mariana Adam:

Bitte schön, ich bin einverstanden damit.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Adam, Sie waren auch in Auschwitz.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, ich war.

 

Vorsitzender Richter:

Wann sind Sie denn dorthin gekommen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich bin im Jahre 44, im Juni, zuerst nach Auschwitz gekommen mit meinen Eltern.

 

Vorsitzender Richter:

Den genauen Tag wissen Sie nicht mehr. Im Juni 44 sind Sie hingekommen, und zwar von wo aus sind Sie dorthin transportiert worden?

 

Zeugin Mariana Adam:

Von einer Nebenstadt von Budapest, von Rákosliget.

 

Vorsitzender Richter:

Von Rákosliget sind Sie hingekommen. Und sind Sie dann dortgeblieben, oder sind Sie erst noch mal weggekommen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich bin beinahe zehn Tage lang dortgeblieben. Natürlich dann hat man mich von den Eltern getrennt, von der Mutti, von dem Vater. So bin ich allein geblieben. Man hat mich ins Lager »Mexiko« hereingeführt. Dort bin ich ungefähr zehn Tage lang geblieben. Dann hat man mich in einen Transport getan und nach Krakau-Plaszów geliefert. Es war ein Zwangsarbeitslager.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie lang sind Sie dort geblieben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Also es konnten fünf, sechs Wochen sein.

 

Vorsitzender Richter:

Und wo sind Sie dann hingekommen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Dann hat man das Lager evakuiert. Man hat uns in Waggons reingepfercht unter unmöglichen Umständen: 130, 140 Personen in einem Viehwaggon, ohne Essen, ohne Wasser, fast ohne Luft. Wenn wir einen Fuß hoben, konnten wir ihn nicht mehr heruntertun. Manche von uns sind wahnsinnig geworden. Andere sind gestorben. Die sind aber auch neben uns gestanden. Sie konnten nicht herunterfallen. Das war ein höllischer Weg. Damals waren wir schon ohne Gepäck, wir sind aus dem Lager zurück nach Auschwitz.

 

Vorsitzender Richter:

Von Krakau nach Auschwitz.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Zum zweiten Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Und das hat wie lang gedauert?

 

Zeugin Mariana Adam:

Der Weg hat etwa drei Tage gedauert. Man hat uns nämlich immer an Nebenstrecken verschoben. Wir waren nicht wichtig für die SS, daß man uns retten soll. Sie hatten auch was Wichtigeres zu retten.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, als Sie nach Auschwitz kamen, bekamen Sie dort eine Nummer eintätowiert, eine Häftlingsnummer?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Ich habe auch eine Häftlingsnummer. A-17.169.

 

Vorsitzender Richter:

A-17.169. Und wann wurde das gemacht? Als Sie das erste Mal nach Auschwitz kamen oder als Sie das zweite Mal nach Auschwitz

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Als ich das zweite Mal nach Auschwitz kam.

 

Vorsitzender Richter:

Wenn ich Sie recht verstanden habe, war das ungefähr zwei Monate nach Ihrer erstmaligen Einlieferung.

 

Zeugin Mariana Adam:

Also ungefähr.

 

Vorsitzender Richter:

Ungefähr.

 

Zeugin Mariana Adam:

An Daten erinnere ich mich nicht mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Als Sie nun mit diesem zweiten Transport hinkamen, wo Sie sagten, es waren so unmögliche Zustände, wie viele Personen waren etwa in Ihrem Waggon eingepfercht?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich habe versucht zu zählen, aber präzis konnte ich das nicht. Etwa 130, 140 Personen waren dort eingepfercht.

 

Vorsitzender Richter:

Und als Sie nun ankamen, wer hat denn da die Waggons geöffnet?

 

Zeugin Mariana Adam:

Die SS-Männer haben die Waggons

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

SS-Männer haben sie geöffnet.

 

Zeugin Mariana Adam:

Wir waren sehr froh, daß wir endlich frische Luft atmeten.

 

Vorsitzender Richter:

Sind Sie am Tag oder in der Nacht dorthin gekommen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Am Tag. Daran erinnere ich mich ganz genau.

 

Vorsitzender Richter:

Und wissen Sie, ob Sie den Waggon links verlassen mußten oder rechts?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich erinnere mich so, daß ich den Waggon rechts verlassen mußte.

 

Vorsitzender Richter:

Rechts ausgestiegen sind. Sie hatten ja kein Gepäck mehr dabei. Sie kamen ja schon aus dem Lager. [...]

 

Zeugin Mariana Adam:

Gar kein Gepäck.

 

Vorsitzender Richter:

Was hat man nun zu Ihnen gesagt, was Sie machen sollten?

 

Zeugin Mariana Adam:

[Pause] Also man hat uns in Reihen aufgestellt, und wir haben angefangen zu marschieren, vorwärts. Dort stand ein

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Hat man Ihnen nicht gesagt, daß die Frauen auf die eine Seite gehen sollten, die Männer auf die andere Seite? Die Alten, Frauen mit Kindern auf eine Seite und...

 

Zeugin Mariana Adam:

Dort waren keine Kinder mehr.

 

Vorsitzender Richter:

Waren keine Kinder dabei. Sie kamen ja schon aus dem Lager.

 

Zeugin Mariana Adam:

Wir waren nur Arbeitsfähige, Männer und Frauen. Aber daß man uns getrennt hätte, daran erinnere ich mich nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Erinnern Sie sich nicht. Und mußten Sie in fünf Reihen sich aufstellen? Hat man so etwas zu Ihnen gesagt?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein, noch nicht.

 

Vorsitzender Richter:

Noch nicht.

 

Zeugin Mariana Adam:

Noch nicht vor der Selektion

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sie sind einfach so vorgegangen.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, wir sind vorgegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie ging es nun weiter?

 

Zeugin Mariana Adam:

Also bei der Selektion stand ein SS-Offizier, ein breitschultriger, gutgewachsener, dicker SS-Offizier mit starken...

 

Vorsitzender Richter:

Backenknochen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Gesicht, ja, der tadellos Ungarisch sprach. Das hat mich überrascht. Er war außergewöhnlich gemütlich, sozusagen liebenswürdig und jovial. Deswegen ist mir diese Szene im Gedächtnis geblieben. Er hat dort schön ungarisch erklärt, wer müde wäre, der soll auf die andere Seite gehen. Dort wäre ein Schonungslager. Wer sich nach der Krakauer Zwangsarbeit müde fühlt, der soll nicht mehr dorthin gehen, sondern auf die andere Seite. Dort möchten sie sich mit den verlorenen Familienmitgliedern treffen. Und es wird dort alles schön und gut.

Sehr viele sind freiwillig dorthin gegangen, viele Bekannte von mir. Ganze Fünferreihen, damals waren wir schon in Fünferreihen. Schauen Sie, jetzt erinnere ich mich daran.

 

Vorsitzender Richter:

Die sind dorthin gegangen. Und Sie sind nicht dorthin gegangen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich bin nicht dorthin gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und warum sind Sie nicht dorthin gegangen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Instinktiv, instinktiv.

 

Vorsitzender Richter:

Instinktiv?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Gewußt haben wir noch nichts Sicheres. Wir haben es erst später erfahren. Ich wollte bei den Freundinnen bleiben, und so bin ich auf die andere Seite gekommen.

 

Vorsitzender Richter:

Und dieser SS-Offizier, ist Ihnen der bekannt gewesen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein, ich habe ihn nie im Leben gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Sie haben ihn nie im Leben gesehen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein. Dann zum ersten Mal und auch zum letzten Mal. Nicht einmal im Lager habe ich ihn noch mal gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

In Ihrem Waggon waren, wie Sie uns vorhin sagten, etwa 130 oder 140 Leute. Wie viele Frauen sind von diesem Waggon mit Ihnen gekommen? Und wie viele Frauen mußten den anderen Weg antreten in die Gaskammern?

 

Zeugin Mariana Adam:

Etwa 50.

 

Vorsitzender Richter:

Sind mit Ihnen gegangen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Etwa 50 sind in die Baracken hereingekommen. Die anderen sind verschwunden. Wir haben Sie nie mehr wiedergesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und wie viele mögen das gewesen sein, die da verschwunden sind? [...]

 

Zeugin Mariana Adam:

Etwa 100.

 

Vorsitzender Richter:

Waren in Ihrem Waggon nur Frauen drin?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ach, da waren nur Frauen drin.

 

Zeugin Mariana Adam:

Dort waren nur Frauen.

 

Vorsitzender Richter:

Und können Sie uns noch einige Namen nennen von Frauen, die damals in den Tod gegangen sind?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Eine Judit Halász von Ungarn, von Szombathely. Sie zählte 22 Jahre und war in Erholung nach einer schweren Krankheit. Die wollte nicht mehr arbeiten. Sie hat sich...

 

Vorsitzender Richter:

Gemeldet.

 

Zeugin Mariana Adam:

Selbst gemeldet. Von Tîrgu Mures einige Personen. Eine gewisse Sarolta Lachs, die etwa 45 Jahre alt war. Die hat sich müde gefühlt. Ein junges Mädchen aus demselben Ort, von wo ich stammte, eine Jaiteles, Eva, die 16 Jahre alt war. [...]

 

Vorsitzender Richter:

Hieß die Eva Braun, dieses Mädchen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Die Eva Braun, ja.

 

Vorsitzender Richter:

Ja, mit 16 Jahren.

 

Zeugin Mariana Adam:

Mit 16 Jahren. Die war eine Siebenbürgerin, ein junges Mädchen.

 

Vorsitzender Richter:

Können Sie sich an eine Ella Köves erinnern?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, die war auch aus meinem Dorf, die Köves, Ella, geborene Forró. Die war schwanger und hat sich sehr schlecht gefühlt, im achten Monat war sie.

 

Vorsitzender Richter:

Und eine Eva Jaiteles?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, die ist auch dorthin gegangen.

 

Vorsitzender Richter:

Und eine Adam, Janetta?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, aus Tîrgu Mures. Sie war eine ältere Dame.

 

Vorsitzender Richter:

Sagen Sie uns bitte, Frau Zeugin, wissen Sie denn, wer der Offizier war, der Sie da selektiert hat und der Sie empfangen hat?

 

Zeugin Mariana Adam:

Damals wußte ich es noch nicht. Ich bin aber im Häftlingsblock zusammengekommen mit einer jungen Medizinerin namens Lilli Blum, die mir gegenüber erwähnte, daß der betreffende Offizier ein Siebenbürger wäre. Deswegen würde er die ungarische Sprache so gut beherrschen. Daß er ein Apotheker gewesen wäre, das hat die Lilli gewußt, weil ihr Vater auch ein Apotheker war. Sie hat mir zuerst den Namen des SS-Offiziers gesagt. Dann habe ich zuerst den Namen Capesius gehört, dort im Lager.

 

Vorsitzender Richter:

Von der Lilli Blum?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Haben Sie diesen Doktor Capesius dann irgendwann noch einmal gesehen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich habe ihn nie mehr gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nie mehr gesehen.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich war nämlich in dem früheren tschechischen Lager gewesen, Lager b. Dort habe ich ihn nie gesehen.

 

Vorsitzender Richter:

Nie gesehen. Also Sie haben ihn nur ein einziges Mal gesehen.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ein einziges Mal.

 

Vorsitzender Richter:

Ihnen ist aufgefallen, daß er a) Ungarisch sprach, daß er

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Und liebenswürdig und jovial

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Sehr liebenswürdig war und jovial war.

 

Zeugin Mariana Adam:

Und zivilisiert sich benommen hat.

 

Vorsitzender Richter:

Und daß er damals gesagt hat, die sich schwach fühlten, möchten sich also in diese Reihe da stellen. Dort wäre ein Erholungslager, und sie könnten dort auch ihre Angehörigen wiedersehen, die sie verloren hätten, und so weiter und so weiter.

 

Zeugin Mariana Adam:

Und sehr viele haben sich freiwillig und allein gemeldet, dorthin zu gehen.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Liebenswürdigkeit und die Freundlichkeit hat auf Sie einen großen Eindruck gemacht.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und dann haben Sie in dem Lager erfahren von der Lilli Blum, daß es sich hier

 

Zeugin Mariana Adam:

Namentlich.

 

Vorsitzender Richter:

Um einen Apotheker aus Siebenbürgen handele, und zwar um den Apotheker Capesius.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Vorsitzender Richter:

Und nun bitte ich die Angeklagten, mal sämtlich vorzutreten, und hätte dann an die Zeugin die Bitte, sich einmal umzusehen, ob Sie den Betreffenden [+ erkennt]. Haben Sie inzwischen Bilder gesehen von den Angeklagten, in irgendwelchen Zeitungen oder so?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein, in Zeitungen nicht. Aber ein einziges Bild habe ich gesehen. Ich werde es Ihnen gleich erzählen.

 

Vorsitzender Richter:

Ja. [Pause] Wollen Sie bitte mal nachsehen. Ja. [Pause] Das ist der Doktor Capesius.1 Bitte nehmen Sie wieder Platz.

Frau Zeugin, Sie wollten uns grade noch etwas erzählen von einem einzigen Bild, was Sie gesehen haben.

 

Zeugin Mariana Adam:

[Pause] Ja, bitte. Nach der Befreiung habe ich meinen Mann, der Arzt ist, am Leben gefunden. Er ist ein Siebenbürger aus Tîrgu Mures. Dann haben wir in Tîrgu Mures gewohnt. Man hat ihn aber nach Schäßburg, nach Sighisoara, versetzt, meinen Mann, in das Müller-Sanatorium. Er sollte dort arbeiten. So kam ich nach Sighisoara. Und dort sah ich die Firma von Doktor Victor Capesius, die Apotheke. Dort sprach man schon überall davon, daß der Herr Capesius also in Auschwitz...

 

Vorsitzender Richter:

Gewesen sei.

 

Zeugin Mariana Adam:

Tätig war. Und so habe ich es erfahren, daß der derselbe Mann ist.

Noch weiter. Damals hatte ich noch keine Kinder, ich war ganz jung. Und solange mein Mann gearbeitet, operiert hat, konnte ich nicht mit meinen Gedanken allein bleiben. Und so habe ich freiwillig im Büro des Sanatoriums geholfen, bei der Krankenaufnahme, bei Verrechnungen, ohne daß ich angestellt war.

Einmal fand ich in einer Schublade zwei interessante Akten, und zwar ein SS-Büchlein von dem jungen Leonhard. Es arbeitete dort ein alter Herr Doktor Leonhard. Es war die Rede über seinen Sohn, der angeblich schon gestorben sei. Neben dem SS-Büchlein stand ein rumänisches Militärbüchlein mit einer Fotografie mit Unterschrift: Doktor Victor Capesius. Ich habe sie mir da mal angeschaut und gleich meinem Mann gezeigt: »Schau, der Betreffende hat mich einmal selektiert. Den kenne ich von Auschwitz.« Diese Akten habe ich dann den staatlichen Behörden übergeben, weil ich so wußte, daß der Herr Capesius gestorben sei. Wir haben es so gehört.

 

Vorsitzender Richter:

Frau Zeugin, haben Sie damals nicht nur den Namen, sondern auch das Bild des Doktor Capesius wiedererkannt und festgestellt, daß es dieselbe Person war und daß sie identisch war mit

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Ja. Nur viel jünger war er. Er war jung auf diesem Bild. Ich habe ihn aber trotzdem erkannt.

 

Vorsitzender Richter:

Wann war denn das, als Sie dieses Bild gefunden haben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Es könnte im Jahre 46 gewesen sein.

 

Vorsitzender Richter:

46. Nun war das ja nur zwei Jahre, nachdem sie von dem Doktor Capesius selektiert worden waren.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Mit frischem Gedächtnis.

 

Vorsitzender Richter:

Das heißt also, sehr viel jünger wird er auf diesem Bild nicht gewesen sein.

 

Zeugin Mariana Adam:

Also jünger war er jedenfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Er war jünger auf dem Bild.

 

Zeugin Mariana Adam:

Jünger war er jedenfalls.

 

Vorsitzender Richter:

Aber es war für Sie kein Zweifel, daß es derselbe gewesen ist?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ohne Zweifel.

 

Vorsitzender Richter:

Und außer diesem Bild haben Sie nichts mehr gesehen von ihm?

 

Zeugin Mariana Adam:

Niemand mehr gesehen. Soviel weiß ich.

 

Vorsitzender Richter:

Und die Person, die Sie uns jetzt bezeichnet haben als Doktor Capesius...

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich erinnere mich auch heute an diese Szene.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sind nicht etwa folgender Täuschung unterlegen: daß dieser Mann identisch ist mit dem Bild, was Sie damals gesehen haben, und daß Sie ihn aufgrund des Bildes wiedererkennen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein.

 

Vorsitzender Richter:

Sondern für uns ist ja wichtig, daß Sie ihn erkennen als denjenigen, der damals auf der Rampe stand.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich erkenne ihn hundertprozentig.

 

Vorsitzender Richter:

Das erkennen Sie wieder?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Ich kann es auch beschwören.

 

Vorsitzender Richter:

Ich habe keine Fragen mehr an die Zeugin. Sind sonst noch Fragen zu stellen? Herr Staatsanwalt? Herr Rechtsanwalt Ormond?

 

Nebenklagevertreter Ormond:

Keine Frage, danke.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Rechtsanwalt Raabe? Herr Doktor Laternser.

 

Verteidiger Laternser:

Frau Zeugin, würden Sie mal bitte aus Ihrer damaligen Erinnerung denjenigen Offizier beschreiben, der Sie damals selektiert hat?

 

Vorsitzender Richter:

Ja das hat Sie doch schon getan, Herr Rechtsanwalt.

 

Verteidiger Laternser:

Nicht ausführlich genug. Ich möchte die Zeugin - es ist sehr wichtig, Herr Vorsitzender - darum bitten, es möglichst ausführlich zu tun.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hat gesagt, ein breitschultriger, gutaussehender Mann mit starkem Gesicht.

 

Verteidiger Laternser:

Nein, gutaussehender hat sie nicht gesagt. Das sagen Sie jetzt, Herr Vorsitzender.

 

Vorsitzender Richter:

Sie hat so gemacht

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Wie er sich benommen hat?

 

Verteidiger Laternser:

Nein.

 

Zeugin Mariana Adam:

Sie meinen, wie er sich benommen hat?

 

Verteidiger Laternser:

Nein, wie er ausgesehen [+ hat].

 

Zeugin Mariana Adam:

Er war munter, er hat gelacht, er war sehr gut gelaunt, jovial und gutmütig.

 

Verteidiger Laternser:

Und welche Haarfarbe zum Beispiel hat er gehabt?

 

Zeugin Mariana Adam:

An die Haarfarbe kann ich mich nicht mehr erinnern. Er hatte die SS-Offizierskappe auf.

 

Verteidiger Laternser:

Ach, deswegen konnten Sie es nicht sehen, weil er die Mütze aufgehabt hat?

 

Zeugin Mariana Adam:

Er hatte rote Backen, wahrscheinlich von der Sommerhitze.

 

Verteidiger Laternser:

Nun darf ich Ihnen doch mal Ihre Erklärung vorhalten, die Sie vor dem Notar Siculescu am 20. Februar 1963 gemacht haben. Da haben Sie die Haarfarbe beschrieben. Würden Sie sich mal versuchen zu erinnern, was Sie damals bezüglich der Haarfarbe gesagt haben? 2

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, ich habe den Eindruck gehabt, daß er blond wäre wegen der Hautfarbe. Ich habe mich aber dann später erinnert, daß er die SS-Kappe aufhatte, so daß ich die Haarfarbe nicht erkennen konnte.

 

Verteidiger Laternser:

Sie wollen jetzt sagen, Sie konnten die Haarfarbe nicht erkennen, obwohl Sie damals gesagt hatten, daß er blond gewesen ist?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, ich habe den Eindruck gehabt, daß er blond ist wegen der Hautfarbe.

 

Verteidiger Laternser:

Nun sagten Sie, daß Sie dann mit einer jungen Medizinerin namens Lilli Blum zusammengekommen seien im Häftlingsblock. Woher kannten Sie diese Lilli Blum? Kannten Sie die schon vorher?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein. Wir haben uns im Block getroffen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und wann war das etwa?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nach einigen Tagen.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und wie kam es dazu, daß diese Lilli Blum Ihnen gegenüber den Namen Capesius erwähnte?

 

Zeugin Mariana Adam:

Es war sehr interessant, und wir haben zwischen uns besprochen, wieso ein deutscher SS-Offizier so tadellos Ungarisch sprechen könne.

 

Verteidiger Laternser:

Ah so. Und daraufhin sagte sie

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Ja, sie würde ihn namentlich kennen, er wäre ein Siebenbürger Apotheker.

 

Verteidiger Laternser:

Dann nannte sie Ihnen den Namen Victor Capesius.

 

Zeugin Mariana Adam:

Victor nicht, nur Capesius.

 

Verteidiger Laternser:

Ja, nur Capesius.

 

Zeugin Mariana Adam:

Apotheker Capesius.

 

Verteidiger Laternser:

Wissen Sie, ob Doktor Capesius der einzige war, der Ungarisch gesprochen hat im Lager, von den SS-Offizieren?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich habe keine mehr dort getroffen, die Ungarisch sprachen.

 

Verteidiger Laternser:

Sie haben also bei dieser Besprechung mit der Lilli Blum zum ersten Mal geglaubt zu erfahren, daß derjenige, der Sie selektiert hat, Doktor Capesius gewesen sei?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ist beantwortet, Herr Vorsitzender.

 

Verteidiger Laternser:

Augenblick, ich bin jetzt doch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Er ist genau

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Herr Staatsanwalt, das ist doch der Beginn für eine Frage.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Rechtsanwalt, Sie haben die Zeugin gefragt, und ich habe gesagt, die Frage ist beantwortet.

 

Verteidiger Laternser:

Wenn Sie mir nur Schwierigkeiten machen wollen bei der Befragung, Herr Vorsitzender

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Also bitte die nächste Frage, Herr Rechtsanwalt. Keine direkte Unterhaltung. Fragen Sie die nächste Frage, bitte.

 

Verteidiger Laternser:

[Pause] Einen Augenblick bitte, Herr Vorsitzender. Ich muß mich jetzt in meinen Gedankengang zurückerinnern. [Pause] Haben Sie von der Lilli Blum zum ersten Mal den Namen Capesius gehört?

 

Zeugin Mariana Adam:

Jawohl.

 

Staatsanwalt Großmann:

[unverständlich]

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Jawohl, die ist schon beantwortet.

 

Vorsitzender Richter:

Die Frage ist beantwortet. [Pause] War vorher schon beantwortet.

 

Verteidiger Laternser:

Frau Zeugin, warum haben Sie davon, daß Sie aufgrund dieser Besprechung mit der Lilli Blum der Meinung geworden sind, Doktor Capesius habe Sie damals selektiert, in Ihrer Vernehmung nichts geschrieben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nach 20 Jahren ist es schwer, alles zusammenzunehmen. Es ist mir nicht mehr eingefallen.

 

Verteidiger Laternser:

Damals waren es aber nur 19 Jahre, und heute sind es 20 Jahre. Sie wissen also heute mehr.

 

Zeugin Mariana Adam:

Inzwischen habe ich nachgedacht

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sie wissen ja heute mehr.

 

Zeugin Mariana Adam:

Es sind noch einige Kleinigkeiten mir in den Sinn gekommen, was ich schriftlich nicht abgelegt habe.

 

Verteidiger Laternser:

Also jedenfalls ist Ihnen bekannt, daß Sie das damals nicht geschildert haben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Wenn ich mich richtig erinnere, ich habe die Kopie nicht mehr.

 

Verteidiger Laternser:

Dieses Lichtbild, das Sie entdeckt haben, wo haben Sie denn das entdeckt?

 

Vorsitzender Richter:

Das hat sie doch geschildert, Herr Rechtsanwalt.

 

Zeugin Mariana Adam:

Dieses Bild? In Schäßburg, in Sighisoara.

 

Verteidiger Laternser:

In welchem

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Im Sanatorium Müller.

 

Verteidiger Laternser:

Bei welchem Anlaß?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich habe im Büro gearbeitet und habe es in einer Schublade gefunden.

 

Verteidiger Laternser:

Ja. Und [Pause] wann war das?

 

Staatsanwalt Großmann:

Auch das hat die Zeugin bereits beantwortet, Herr Vorsitzender. Ich muß dieser Frage widersprechen. Die Staatsanwaltschaft sieht in diesem dauernden Wiederholen bereits beantworteter Fragen eine Taktik des Herrn Verteidigers, die sie nicht hinnehmen kann.

 

Vorsitzender Richter:

Also die Frage ist bereits beantwortet.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Sie verstehen ja überhaupt nichts von Taktik. Ich verbitte mir diese Ausführungen von Ihnen.

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Herr Rechtsanwalt Doktor Laternser, bitte keine persönlichen Unterhaltungen mit den anderen Prozeßbeteiligten. Die Frage ist beantwortet.

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Ich bitte nur, Herr Vorsitzender, gegen Äußerungen der Staatsanwaltschaft, die sie eben zum Ausdruck gebracht hat, vorzugehen zunächst.

 

Staatsanwalt Großmann:

Herr Vorsitzender

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Dann erfolgen solche Erwiderungen von meiner Seite nicht. Sie sind dann nicht erforderlich.

 

Staatsanwalt Großmann:

Gutes Benehmen vor Gericht ist zuweilen Glückssache.

 

Vorsitzender Richter:

Herr Staatsanwalt Großmann, auch Sie möchte ich bitten, sich mit dem Herrn Laternser nicht zu unterhalten.

 

Staatsanwalt Großmann:

Ich unterlasse es gern.

 

Vorsitzender Richter:

Bitte schön, ich danke Ihnen schön.

 

Verteidiger Laternser:

Und ich erinnere mich noch

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Welche Frage haben Sie noch

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Daß der Herr Staatsanwalt

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Welche Frage

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Derjenige war, der mich zunächst mal hier offen im Gerichtssaal beleidigt hatte.

 

Vorsitzender Richter:

Welche Frage haben Sie zu stellen, Herr Rechtsanwalt Laternser?

 

Verteidiger Laternser:

[Pause] Einen Augenblick, bitte. Herr Vorsitzender, jetzt spreche ich zum Gericht. Es scheint die Taktik der Staatsanwaltschaft zu sein, mich zu stören.

 

Vorsitzender Richter:

Es interessiert mich nicht, Herr Rechtsanwalt. Ich möchte Ihre Frage wissen.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Herr Rechtsanwalt Steinacker.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, Sie haben gesagt, nach Ihrer Erinnerung seien sie im Jahr 44 im Juno angekommen. Können Sie sich etwas präziser bezüglich der Zeitangaben ausdrücken? Ist das möglich, wenn Sie sich zurückerinnern?

 

Zeugin Mariana Adam:

Bezüglich der ersten Ankunft?

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Auch da habe ich schon gefragt, Herr Rechtsanwalt.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja, ich habe gesagt, im Juno.

 

Vorsitzender Richter:

Sie sagt, im Juno. Und da habe ich gesagt: »Können Sie sich genau erinnern?« Da hat sie gesagt: »Nein, das kann ich nicht.«

 

Verteidiger Steinacker:

Wo ist der Transport abgegangen?

 

Vorsitzender Richter:

Auch das hat sie gesagt.

 

Verteidiger Steinacker:

Um welche Zeit wo?

 

Zeugin Mariana Adam:

Früh.

 

Verteidiger Steinacker:

Sie hat nur gesagt, wo er abgegangen ist [unverständlich]

 

Vorsitzender Richter [unterbricht]:

Meinen Sie den ersten Transport?

 

Verteidiger Steinacker:

Den ersten Transport.

 

Zeugin Mariana Adam:

Sie meinen den ersten Transport, wo ich mit meinen Eltern angekommen bin. Es konnte frühmorgens sein.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein, ich meine...

 

Zeugin Mariana Adam:

Den Tag?

 

Verteidiger Steinacker:

Den Tag, also soweit Sie sich erinnern können.

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Das kann ich nicht mehr sagen, nein. [...]

Verteidiger Steinacker:

War das, wenn ich es Ihnen vorhalte, noch im Mai 44?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein.

 

Verteidiger Steinacker:

Schon im Juno?

 

Zeugin Mariana Adam:

Jedenfalls im Juni.

 

Verteidiger Steinacker:

Am Anfang oder Ende?

 

Zeugin Mariana Adam:

Gegen 10. Juni, das kann ich Ihnen aber genau nicht sagen.

 

Verteidiger Steinacker:

Gegen 10. Juno in Ihrer Heimat.

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Wenn Sie gesagt haben, etwa zwei Monate sind vergangen zwischen Ihrer ersten Einlieferung in Auschwitz und Ihrer zweiten Einlieferung, kann man das dann - wenn man den 10. Juni nimmt - so präzisieren, daß es Mitte August war?

 

Vorsitzender Richter:

[Pause] Auch das habe ich die Zeugin schon gefragt.

 

Verteidiger Steinacker:

Das hat sie aber nicht gesagt.

 

Vorsitzender Richter:

Die Zeugin hat gesagt, »ungefähr im August«.

 

Verteidiger Steinacker:

Nein, »zwei Monate« hat sie gesagt. »Ungefähr zwei Monate.«

 

Vorsitzender Richter:

Und daraufhin habe ich gesagt: »Und meinen Sie, es könnte im August gewesen sein?« Und da sagte sie: »Ja, ungefähr im August.«

 

Verteidiger Steinacker:

Sie kann es ja dann vielleicht noch mal sagen.

 

Vorsitzender Richter:

Stimmt das so, Frau Zeugin, daß es etwa im August gewesen ist?

 

Zeugin Mariana Adam:

Etwa im August.

 

Verteidiger Steinacker:

Frau Zeugin, Sie haben dann gesagt, in dem Transport seien nur arbeitsfähige Männer und Frauen gewesen. Ist das richtig?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Verteidiger Steinacker:

Ich halte Ihnen vor, daß Sie in Ihrer Aussage vor dem Gericht etwas anderes gesagt haben. Sie haben dort gesagt: »Er führte täglich die Auswahl, und viele Tausende unschuldige Kinder, Frauen, arbeitsfähige Männer, Kranke, Jünglinge und Alte wurden von ihm in die Gaszellen geschickt.&öaquo 3 Beziehen Sie das auf diesen Transport, oder woher wissen Sie das?

 

Zeugin Mariana Adam:

Auf andere Transporte.

 

Verteidiger Steinacker:

Ja, woher wissen Sie das?

 

Zeugin Mariana Adam:

Man hat im Lager darüber gesprochen.

 

Verteidiger Steinacker:

In der Zeit

 

Zeugin Mariana Adam [unterbricht]:

Siebenbürger Transporte haben erzählt, daß sie selektiert wurden.

 

Verteidiger Steinacker:

Das haben sie erzählt. Dann habe ich keine Fragen mehr.

 

Verteidiger Laternser:

Frau Zeugin, Sie sagten, daß Sie das Lichtbild, auf dem Sie den Doktor Capesius wiedererkannt haben wollen, den Behörden übergeben haben. Welchen Behörden haben Sie es übergeben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Den Staatssicherheitsbehörden, den rumänischen.

 

Verteidiger Laternser:

Und in welchem Ort haben Sie das Bild übergeben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Dort in Schäßburg. [...]

 

Verteidiger Laternser:

Der dortigen Polizei? Wie lautet die Behörde?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja. Securitate.

 

Verteidiger Laternser:

Sicherheitspolizei, ja.

 

Zeugin Mariana Adam:

Sicherheitspolizei.

 

Verteidiger Laternser:

Wann haben Sie es übergeben?

 

Zeugin Mariana Adam:

Also gleich, nachdem ich es gefunden habe.

 

Verteidiger Laternser:

Gefunden haben Sie es 1946?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Verteidiger Laternser:

Wann etwa im Jahre 1946?

 

Zeugin Mariana Adam:

Oh, das kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nicht an den Tag.

 

Verteidiger Laternser:

War das die erste oder die zweite Hälfte des Jahres?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nicht einmal das kann ich Ihnen präzisieren. Ich wußte es damals noch nicht, daß es so wichtig sein wird.

 

Verteidiger Laternser:

Ich habe keine weiteren Fragen.

 

Staatsanwalt Kügler:

Darf ich noch eine Frage stellen, Herr Vorsitzender? Frau Zeugin, wissen Sie, was aus der Lilli Blum geworden ist?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ich habe nie mehr von ihr gehört.

 

Staatsanwalt Kügler:

Nach dem Kriege haben Sie sie nicht mehr gesehen?

 

Zeugin Mariana Adam:

Nein, ich habe sie nicht mehr getroffen.

 

Vorsitzender Richter:

Doktor Capesius.

 

Angeklagter Capesius:

Ich möchte zuerst wegen dem Foto fragen. Es soll ein Militärbüchlein gewesen sein. Ich habe mein einziges Militärbüchlein hier [Pause] bei den Akten.

 

Zeugin Mariana Adam:

Es war ein rumänisches Militärbüchlein.

 

Angeklagter Capesius:

Ja, ich habe auch das rumänische Militärbüchlein hier.

 

Zeugin Mariana Adam:

Dann haben Sie zwei gehabt.

 

Angeklagter Capesius:

Nein, so einen Schwindel habe ich nicht gemacht. Ich habe nur eins gehabt. [Pause] Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Was stand denn auf diesem Büchlein drauf, was Sie da gefunden haben? Hat das irgendeine Aufschrift gehabt?

 

Zeugin Mariana Adam:

»Rumänisches Militärbüchlein«.

 

Vorsitzender Richter:

»Rumänisches Militärbüchlein«?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

Angeklagter Capesius:

Also »Carnet militar«?

 

Zeugin Mariana Adam:

»Carnet militar«.

 

Angeklagter Capesius:

Das ist hier bei den Akten. Das ist

 

Verteidiger Laternser [unterbricht]:

Legen Sie es doch mal vor [unverständlich]

 

Angeklagter Capesius:

Bitte?

 

Vorsitzender Richter:

Nun weiter.

 

Angeklagter Capesius:

Sie haben es ja gefunden.

 

Zeugin Mariana Adam:

Dann hatten Sie zwei. Es war kein Problem in dieser Zeit.

 

Vorsitzender Richter:

Was war kein? Was sagten Sie, Frau Zeugin?

 

Zeugin Mariana Adam:

Da mußte er zwei haben.

 

Vorsitzender Richter:

Ja.

 

Zeugin Mariana Adam:

Wie er auch wahrscheinlich das SS-Büchlein hatte, nein? Das war das dritte wahrscheinlich.

 

Vorsitzender Richter:

Hatten Sie sonst noch was zu sagen?

 

Angeklagter Capesius:

Ja. Daß ich die Dame jedenfalls auch nicht selektiert habe, weil ich nicht selektiert habe. Daß aber die Dame mit Ihrer Ankunftszeit [Pause] sich nicht festlegen will.

 

Vorsitzender Richter:

Was heißt »will«, Herr Capesius.

 

Angeklagter Capesius:

Oder sich nicht mehr erinnern kann, bitte schön.

 

Vorsitzender Richter:

Sie können derartige Behauptungen hier nicht aufstellen.

 

Angeklagter Capesius:

Sie kann jedenfalls ja nur als letzte Gruppe abgefahren sein, wenn sie von Budakalász oder von Monor [+ abgefahren ist]. Woher sind Sie abgefahren?

 

Zeugin Mariana Adam:

Von Rákosliget.

 

Angeklagter Capesius:

Ja, aber Sie sind als Zug zusammengestellt worden entweder in Budakalász oder in Monor.

 

Zeugin Mariana Adam:

Zeitlich abgefahren von Hatvan.

 

Angeklagter Capesius:

Oder von Hatvan.

 

Zeugin Mariana Adam:

Zeitlich abgefahren zusammen mit den Siebenbürgen-Transporten, nämlich der Endre, László, hat dort regiert in unserem Bezirk, der später...

 

Angeklagter Capesius:

Ja, aber das hat schon zu Budapest gehört.

 

Zeugin Mariana Adam:

Damals noch nicht. Heute gehört es zu Budapest.

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Sind Sie zwischen 30. Juni und 3. Juli etwa ghettoisiert worden?

 

Zeugin Mariana Adam:

Von zu Hause?

 

Angeklagter Capesius:

Ja.

 

Zeugin Mariana Adam:

Viel früher.

 

Angeklagter Capesius:

[Pause] Ja, also wenn die sonstigen Daten, die Zwischenräume und so weiter, stimmen, dann fällt es in eine Zeit, wo ich in Rumänien war, um meine Familie zu holen. Sonst habe ich nichts dazu zu sagen. Damit dürfte es klar sein.

 

Vorsitzender Richter:

Danke schön. Sind keine Fragen mehr zu stellen, keine Erklärungen mehr abzugeben? Frau Zeugin, sind Sie bereit, das, was Sie gesagt haben, mit gutem Gewissen zu beschwören?

 

Zeugin Mariana Adam:

Ja.

 

- Schnitt -

1. »Die Angeklagten wurden der Zeugin gegenübergestellt. Sie erkannte den Angeklagten Dr. Capesius sofort wieder.« Protokoll der Hauptverhandlung vom 16.11.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 104, Bl. 919.

2. Vgl. die Erklärung der Zeugin Adam vom 20.02.1963, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.726-15.727.

3. Vgl. die Erklärung der Zeugin Adam vom 20.02.1963, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 83, Bl. 15.727.

 

 
 
 
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